Anlerhaltungsblatl des vorwärts Nr. 21:. Freitag, den 28. Oktober. 1898 (Nachdruck»erbaten.) 19] Nru�Vsvklzsgo. Roman von Georges Eekhoud. Eines Tages saß er der Kranken zur Seite im Winter- garten inmitten der einen betäubenden Wohlgeruch aus- strömenden Blumen, mit denen sich Gina zu umgeben liebte. Seit ihrer Krankheit hatte sie sich an Laurent's Gegenwart gewöhnt und ließ sich feine sorgende Aufmerksamkeit wie die eines Krankenpflegers gefallen. Gewöhnlich Pflegte er ihr vorzulesen, und es trug zur Unterhaltung der Kranken nicht wenig bei, ihre herrische Laune an dem Vorleser auszulassen. Heute Morgen besonders leistete er sich ein übriges an Un- deutlichkcit und Stotterei.„Was machen Sie denn nur heute, Laurent," nmrrte sie,„ich verstehe keine Silbe von dem, was Sie lesen I" Er ließ das Buch auf den Tisch sinken und ergriff die ab- gemagerten Hände des Mädchens.„Regina", stammelte er, „ich muß Ihnen etwas Ernstes, etwas sehr Ernstes mit- theilen---" Er hielt Plötzlich inne, sah ihr starr in die Augen und wurde über und über roth. Der Name Door Bergmans lag ihm auf der Zunge, ohne daß es ihm gelingen wollte, einen Ton herauszubringen. K? Banne eines unwiderstehlichen Dranges, der ihm die ruhige Ueberlegung verlieren ließ, sank er auf die Knie und bedeckte Gina's Hände mit glühenden Küssen und heißen Zähren. Die zu Tode Erschrockene wehrte die Liebkosungen des Zudringlichen mit aller Entschiedenheit ab und mühte sich, ihre Hände frei- zubekommen. Aber dieser Widerstand und die Abneigung, die er bezeugte, ließ ihn nur noch stünnischer werden. Er um- faßte die Taille des Mädchens und suchte es mit Gewalt an sich zu ziehen. In ihrer Bedräugniß stieß Gina einen mark- erschütternden Schrei aus, auf den die die Vorsehung reprä- sentirende Felicitas ungesäumt herbeieilte. „Das wird ja immer schöner I" kreischte das Faktotum und rang verzweifelnd die Hände. Laurent lief mit geballten Fäusten eilig davon. Der un- tadelige Hanssklave verfehlte nicht, der Herrschaft unverzüglich treuen Bericht über den Vorfall zu erstatten, was zur Folge hatte, daß Laurent auf der Stelle sein Ränzel schnüren und in das Institut zurückkehren mußte. Von dort aus schrieb der Sünder, der jetzt wieder ganz kleinmüthig geworden war und seine ungestüme Heftigkeit arg bereute, in der Unruhe wegen der Folgen, die die Auf- regung für Gina's Gesundheit haben konnte, einen Brief nach dem anderen mit der Bitte, ihm umgehend Nachricht zu geben. Die Briefe blieben indessen sammt und sonders un- beantwortet. Er bekam einen ordentlichen Ekel vor sich selbst. Mit Gina stand es gewiß nicht gut, und daran war nur er allein schuld. Nielleicht lag sie auf den Tod darnieder, am Ende war sie gar schon todt I Da er die peinigende Ungewiß- heit nicht länger ertragen konnte, verließ er eines schönen Tages heimlich die Anstalt und kam wie eine Bonibe ins Haus geplatzt. Der Telegraph hatte indessen Herrn Dobouziez bereits von der Flucht seincs'Mündels verständigt und die erste Person, der der Ankommende in der Fabrik begegnete, war der schreck- liche Saint-Fardier. „Da haben wir ja den Taugenichts!" schrie der Pascha und bezeigte nicht übel Lust den Ausreißer an den Ohren zu ziehen. „Ich beschwöre Sie, Herr Saint-Fardier, sagen Sie mir um Gotteswillen, wie es meiner Kousine Regina gchtl" stotterte Laflrcnt heraus. „Frau Bejard geht es um so besser, als sie fernerhin mit Lümmeln Ihrer Art nichts mehr zu thun haben wird., Frau Bsjard I Laurent hörte nichts weiter als diese beiden Worte und war so fassungslos, daß er sich nicht einmal vertheidigte, als ihm Saint-Fardier am Kragen packte. Gerade in dem Augenblick war auch Dobouziez herangetreten.„Lassen Sie ihn los," sagte er zu seinem Sozius,„ich werde mit dem Schlingel bald fertig sein I" Und zu Laurent gewendet fügte er ein herrisches„Kommen Sie mit ins Komptoir" hinzu. Laurent folgte mechanisch dem Voranschreitenden. „Hier sind hundert Frank!" begann der Vormund, als er vor dem Schreibtisch Platz genommen hatte.„Jeden ersten des Monats werden Sie die gleiche Summe erhalten. Sie reprä- sentirt den Zinsbetrag aus dem Vermögen, das Ihnen Ihr Vater als Erbschaft hinterlassen hat. Sehen Sie zu, wie Sie durchkommen.... Viel Glück auf den Weg!... Und nun noch eins! Sie werden fortan mit keinem Mitgliede meiner Familie mehr irgendwelche Beziehungen haben... Unser Hans bleibt Ihnen in Zukunft verschlossen... Adieu!... Sie können gehen l" „Nicht wahr, Kousine Gina ist doch nicht Frau Bejard geworden?" wagte Laureut zu fragen, der den großen Bann, der eben über ihn ausgesprochen war, gar nicht weiter be- achtete. „Fran Bejard ist Ihre Kousine nicht mehr! Und nun nehmen Sie Ihr Geld und sorgen Sie dafür, daß ich nie wieder etwas von Ihnen höre!" Laurent war auf der Schwelle stehen geblieben. Herr Dobouziez hatte schon wieder vor seinem Arbeitstisch Platz genommen und nahm seine Arbeit so gleichmüthig wieder auf, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen, als hätte es sich einfach darum gehandelt, einen jungen Mann zu vcr- abschieden. Diese theilnahmslose Gleichgiltigkeit war ganz dazu an- gethan, Laurent zu verletzen und ihm die Lage in ihrer ganzen Klarheit zum Bewußtsein zu bringen. Seit einigen Sekunden glaubte er den Boden unter den Füßen zu verlieren und in einen Abgrund zu versinken, jetzt stieg er mit einem Mal wieder zum Licht und Leben empor. „Sei's darum", dachte er,„wenn denn einmal geschieden sein soll, kann's auch so geschehen." Er trat durch das Thor ins Freie. Als Gegenströmung der eben erhaltenen Eindrücke überkam ihn auf der Straße plötzlich eine nervöse Heiterkeit, die ihn alles im rosigsten Lichte sehen ließ. War er fortan denn nicht frei und sein eigener Herr? Keine Schule, keine Beaufsichtigung und lästige Bevormundung mehr! Und vor allem hatte es jetzt mit allen Gewissensbedenken, der Eifer- süchtelei und dem ganzen Liebeszauber ein Ende! Frau Bejard befreite ihn, wie er wenigstens im Augenblick glaubte, auf immer von Gina I „Und zu denken, daß diese Dobouziez mir allen Ernstes eine Strafe aufzuerlegen glauben, wenn sie ihre Hand von mir ziehen I" murmelte er im Ueberschwang jugendlicher Er- regung.„Und der rohe Patron, dieser Saint Fardier! Wenn mich die Nachricht nicht so niedergeschmettert hätte, ich hätte den Kerl erdrosseln mögen..." Er schritt längs des FabrikgrabcnS dahin:„Mit Dir bin ich nun auch fertig I Was auf dem Grund Deiner schlammigen Fluth fault, ist meine Vergangenheit... Eine Leiche, eine tobte Puppenhülle ist alles, was Du von mir zurückhältst. Deine Göttin heißt jetzt Frau Bejard. Es ist schließlich überall derselbe Morast, aber wenn ich die Sache recht bedenke, scheint mir Dein Schmutzwasser noch lange nicht so widerlich und ekelerregend wie gewisse Heirathen l" XI. Laurent fühlte sich als freier Mann und schlenderte mit stolz emporgerichtetem Kopf und selbstbewußter Haltung durch die Straßen seiner Vaterstadt. Zunächst drängte es ihm, sich so schnell als möglich eine Wohnung zu suchen. Das Handels- quartier im Zentrum der inneren Stadt gefiel ihm vor allen anderen. Er miethete schließlich ein Zimmer im zweiten Stock eines dieser malerischen Holzhäuser mit den spitz zulaufenden spanischen Giebeln am„Milchmarkt", einer engen Durchgangs- straße, die von früh bis abends von Fuhrwerken aller Art nicht leer wurde. Von Laurent's Fenstern sah man über die gegenüber liegenden Häuschen hinweg auf den Garten des Dom- Dechanten. Das mächtige gothische Schiff der Kirche wuchs über die Baumkrone empor. Einige Dohlen flogen krächzend um die Thurmspitze der Kathedrale. Hier im Dom war Laurent getauft worden, und gerade in dem Augenblick ließ das altbekannte, liebe Glockenspiel, die melodische Seele des Thurms, dessen Klängen er in seinen Kinderjahren oft genug gelauscht hatte, wenn er mit den Jungen der Nachbarschaft vor der Thüre spielte, eine alt- ... ,i,■ flämische Bcillade, die Ciska ehemals mit Vorliebe zu singen pflegte, ertönen: „Am Ufer bcS hurlig plüischcmdni BnKcs Satz klagend ei» bleiches Jungfräulein." Ach richtig, Siska! Laurent beschloß, sie ans der Stelle aufzusuchen. Er schritt ruhig zum Hafcnplatz hinunter, wo neue Ein- drücke auf ihn einstürmten, und bog auf den Burgplatz ein, urn dann dem Quai entlang, der sich hier erweitert und in einer scharfen Spitze iu das Hafenbasfin ausläuft, bis zum äußersten Endpunkt des Dammes zu gehen, von dem aus man eine herrliche Aussicht genießt. Fluß auf- und abwärts wälzte die Scheide mit majestäti- scher Ruhe ihre stolzen Wassermasscn dahin. Gegen Nord- Westen zu machte sie eine Krümmung, bog wieder in die alte Richtung zurück, um dann in vielfachen Schlangentvindungen ihren Weg fortzusetzen, als wenn sie zurückkehren und die Metropole, die Perle, unter den Städten, denen sie auf ihrem Lauf begegnete, noch einmal grüßen wollte, che sie sich schweren Herzens zum Abschiednehmen entschloß. Am Horizont flohen weißschimmernde Segel dem Meere zu; die Schornsteine der Dampfer wickelten ihre langen krausen Rauchbändcr in den milchfarbigen flockigen Wolkenhimmel hinaus wie Auswanderer, die nrit ihren Taschentüchern einen letzten Scheidcgruß winken, so lange das geliebte hcimathlichc Gestade noch in Sicht ist. Seemöven streiften mit weißen, schwebenden Flügeln die blaßgrüne Wasscrsläche, deren ab- getönte Farbennuancen kein Marinemaler wiederzugeben vermag. Die Sonne stieg langsam am Hiiunicl herab. Auch sie konnte sich zum Scheiden sehr schwer entschließen. Ihr brand- rothes, von breiten Goldbändern dnrchwirktes Licht ließ auf den Wellenkämmcn leuchtende Blutstropfens erglänzen. So tvcit man sehen konnte längs der bauniumsäumten Quais und der dahinter liegenden üppigen Deichwiescn der Polder ein flimmerndes Funkeln farbcnsprühender Edelsteine. Heimkehrende Fischerboote fuhren langsam dem Boots- Platz zu. Schwerfällige Barken trieben so lässig und langsam stromabwärts, daß sie still zu liegen schienen wie ein- gelullt durch die Liebkosungen des golddurchleuchteten Wassers, das wie das Fell einer Wildkatze phosphorescirtc. Die weißen Segel bekamen einen blaßrosa Farbenton. In scharfen Linien zeichneten sich die Umrisse der Schiffe, Bug und Run, Pf in der klaren Luft ab. Und hier und da erschienen auf der Segelleinwand der Schaluppen die ins Ueberlebensgroße verzerrten schwarzen Schatten der Matrosen, die an der Ankertvinde oder an den Rahe« beschäftigt waren. Nach rechts hin zogen sich tief in das Innere ungeheure Wasservierecke, die Bassins, aus denen das dichte Gezweig von taufenden von Rahen und Takelungen durchquerter Mastbäume herausragte. Und in diesem Mastenwald bildeten die zwischen den Bassins liegenden Häuser, Brücken, Sanimclteiche, Schleusen und Trockendocks Lichtungen und Ausblicke, die sich auf den Horizont öffneten. An nianchen Punkten der Bassins häufte sich das Durcheinander zu solch wirrem Knäuel, daß Masten und Taue, von ferne gesehen, sich zu einem dichten Netz zu verstricken schienen, dessen enge Maschen den Ausblick nach dem opalblauen, hier und da mit einem schlvach blitzenden Stern geschmückten HitnmclSdoin versperrten. Das emsige Bienenvolk der Handelsstadt verdoppelte jetzt vor dem Feierabend seine hastende Thätigkeit, um sein Tage- werk aufzuarbeiten, Dem Wiederausbruch lärmender Thätig- keit folgten unvermittelte Ruhepausen. Die Kalfaterer, die mit dem Ausbessern des Schiffsruinpfes beschäftigt waren, ließen ihr Handwerksgeräth ruhen, die Ketten der Winden und Krahne unterbrachen ihr schrilles Getöse; der Dampfer, der eben noch geächzt und gestöhnt hatte. verstummte, und die austnunternden Zurufe und der taktmäßige Gesang der aus Matrosen und Ladeleutcn zusammengesetzten Arbeiter- kolonne brachen jäh ab. (Fortsetzung folgt.) Vio Astvonoinio«nd drv Mttlendev. (Nach einem von Prof. Förster in der Urania gehaltenen Vortrage.) Das Wort Kalender haben wir aus dem Lateinischen über- nommcn, wo der erste jedes Monats als dies calenda, zu deutsch als auszurufender Tag bezeichnet wurde. ES deutet dicS auf einen Gebrauch hin, der noch heute bei den mohamedanischen Völkern üblich ist; der junge Mond nämlich wird bei seinem erste» .Wiedererscheinen nach dein Aeinnond begriitzt und sein Sichtbar- werden, das Nenlicht, wird dem Volle durch Ausruf bekannt geniacht. Bei den Griechen war eine etwas vollkommenere Form der Verkündigung von Kalenderangabcn in Gebrauch. Hier befand sich auf dem Markte eine Art Anschlagsäulen, auf denen die Kalenderangabcn eingegraben wurden. Beide Arten der Kalendcrverkündigung haben dann offenbar sehr lange neben einander bestanden, bis der Kalender überhaupt etwas vollkoimnener wurde. Die Vervollkommnung des Kalenders stand in innigstem Zu- sammenhange mit der Entwicklung der Astronomie, die ja die Mutter und die ständige Verlvalterin der Kalendcreinrichtungcn ist. Datz man zunächst den Mond und den regelmätzigcn Wechsel seiner Lichtgcstalt benutzte, um mehrere Tage zu größeren Gruppen zusammenzufasse», ivar durchaus natürlich. Man hätte freilickj aus den Tagen auch durch einfaches Zählen Gruppen bilden können; aber ein am Himmel eintretendes Ereignitz, das in gleicher Weise auch an Orten, die ziemlich weit von einander entfernt lagen, sichtbar ivar, bot so unverkennbare Vorzüge, datz die Zählung nach dem Monde überall üvlich wurde. Andererseits ist die Beschäftigung im Laufe jedes Jahres durch- ans an den jährlichen Lauf der Sonne gebunden. Wenn durch ihr Höberstcigen am Himmel Tag und Nacht gleich gemacht werden, mutz mn» das Feld bestellen: ibr Stand im Somnicr regelt die Thätigkeit in den cinzclnen Abschnitten desselben, und unser ganzes Leben ist mit seiner Thätigkeit ganz unmittelbar an sie und ihren rcgelmätzigen Umlauf an der Hiinmelskugcl gebunden. lleberäll mutzte sich dabcr das Jahr nach der Sonne richten; höchstens in tropischen Gegenden war es möglich, einen reinen Mondkalender anzunehmen und beizubehalten. Da aber anderer- scits die meisten Verabredungen betreffs nächtlicher Versammlungen und Wanderungen zu Festen an helle Rächte und sonnt an den Voll- niond gebunden waren, von dem ja auch nnser Osterfest noch ab- hängt, so kam überall, wo sich nomadisches Leben entwickelte, ein von' Sonne und Mond abhängiger Kalender auf. Damit häuste» sich naturgemätz die�Schwierigkeilen für die Astronomen, wenn es sich sich darum handelte, eine bestimmte Zahl von Mondinonalcn in eine bestimmte Zahl von Jahren uitterzubringen. Schon sehr früh niachte man die Bemerkung, datz 23? solcher Monate mit 19 Jahren zusammenfallen, und die alt-chinesische Zeitrechnnug war ans dieser 19-jährigen sog. goldenen Periode bereits in rationeller Weise entwickelt. Um 432 vor Chr. scheint sie über Babylon nach Griechenland gekommen zn sein. Dort hatte um 700—800 v. Chr. die Delphische Priesterschaft einen reinen Mondkalender geschaffen, der allerdings bald in Verfall gcriclh. weil er auf unvollkommener astronomischer Basis beruhte. Das nn- geheure Machtmittel, das die Priester in der 5talenderbestimm»ng in Verbindung mit der Sterndentung besatzen, gab die griechische Priester- schaft auf, weil ihr in dem sich entwickelnden Oratclwesen ein»»- gleich bequemeres Machtirnttel zufiel. Es begann daher in Griechen- land bereits um 500 v. Chr. die ungehinderte Thätigkeit der Laien- astronomen. In ganz besonderen Verfall gericth mit der Zeit der römische Kalender. Dort wurde das Mondjahr durch Einschaltnngc» voller Monate in Ilebercinstimmung mit dem Sonnenjahr gebracht. Natür- lich lag die Bestimmung dieser Einschaltungen der Pricsterschaft ob. und somit hatte sie alljährlich über die Länge eines jeden Jahres zu entscheiden. Damit waren aber gewaltige wirlbschnfttiche Interessen verbunden. Ein Prokonsul z. B., der eine reiche Provinz verwaltete, lietz es sich gern etwas kosten, wenn er einen Monat länger bleiben durfte.") Einem anderen wiederum lag daran, aus einer armen Provinz schnell nach der Hauptstadt zurückzukehren, und so entwickelte sich für die Einschaltung von Monaten ein gewisser Preis; je nachdem die eine oder die andere Seite mehr zahlte, wurde das Jahr länger oder kürzer. Datz hiermit eine grotze Unsicherheit aller bürgerlichen Ver- Hältnisse verbunden war, liegt ans der Hand. Hier schaffte Julius Cäsar Ordnung, indem er nach dein Bei- spiele der alten Egyptcr die Berücksichngung des Mondes völlig bc- seitigte und ledigliä) ein Jahr von 305 Tagen, das alle 4 Jahre um eine» Schalttag vermehrt wird, annahm. Im übrigen behielt er die Namen der Monate bei, die eine abwechselnde Länge erhielten, und mit ihren durchschnittlichen 30 Tagen dem wirklichen iviondumlanf immerhin noch näher kommen, als etwa die vorgeschlagene Monatsdauer von 4X7 28 Tagen. Dieser julianische Kalender hat unbestritten Geltung bis zum Jahre 1582 gehabt, wodurch die. vatikanischen Astronomen unter Gregor Xlll. eine etwas komplizirtere Schaltung festgesetzt wurde. Da die Zeit, in welcher die Sonne am Himmel voni Frühiingspnnkt bis wiederum zum Frühlingspunkt wandert, das sogenannte tropische Jähr, nicht ganz 305'/« Tag beträgt, so wurden im julianischen Kalender in jede»» Schaltjahr einige Minuten zu viel eingeschaltet, und dieser Fehler beträgt im Laufe von 400 Jahren drei volle Tage. Das FrühlingSaequiuoetium") war vom Konzil zu Nicaea(324 n. Chr.) bis zu Gregors Zeiten um volle 10 Tage im Datum gerückt. Die Kirche wollte, wie der Vatikan sagte, wieder eine Ilebercinstimmung mit der Festsetzung jenes Konzils erreichen; in Wahrheit handelte es sich jedoch um eine Beseitigung der autzer- ") Ein Prokonsnl. verwaltete'eine Provinz stets nur ein Iahst, und während dieses Jahres bereicherte er sich aus den Steuern in oft unglaublicher Weise. *•) Frühlmgs-Tag- und Nachtgleiche. ordentlich großen Ilnzuträglichkeiien, die durch das Wandern deS Osterfestes, das ja mit dem Aegninoctium verknüpft ist, vcrliunden waren. Die große agrarische Bedeutung, die das Osterfest elicn wegen seiner Verbindung mit dem Aequinocticum hat, dem Zeit- Punkt, der überall dringende Arbeit erfordert, war den Menschen deutlich zum Bewußtsein gekommen. Deswegen mußte das Acauinoctium ein unveränderliches Datum in jedem Jahre haben. Die vatikanischen Gelehrten lösten die Frage bekanntlich so, daß sie zehn Tage übersprangen und die Schaltregel dahin ab- änderten, daß in 400 Jahren 3 Schalttage ausfallen, indem nur die durch 4 theilbarcn Hunderte Schaltjahre sind, die übrigen nicht. Nachdem also das Jahr 1600 ein Schaltjahr war. fiel in den Jahren 1700 und 1800 der Schalttag aus, und dasselbe wird in dem Jahre 1900 der Fall sein. Die katholischen Länder nahmen den gregorianischen Kalender natürlich sofort an, und die protestantischen benutzten das Jahr 1700, um die Differenz gegen den verbesserten Kalender nicht weiter wachsen zu lassen. Nur bei de» Völker» des gricchisch-russischen Glaubens blieb man bei der julianischen Zählung und hat dadurch jetzt bereits einen Unterschied von 12 Tagen gegen unser Datum erreicht. Im Jahre 1900 wird dieser Unterschied abermals um einen Tag wachsen. Es ist daher dringend zu wünsche», daß diese Gelegenheit von den russisch- griechischen Kulturvölkern benutzt wird, um die Kalender in Ordnung und in Ucbereinslinimung mit dem gregorianischen zu bringen. Wenn einige Gelehrte jener Länder verlangen, daß vorher auch der gregorianische Kalender nachgeprüft und verbessert werden solle, damit nicht in späteren Zeiten von neuem Aenderuugen nothwendig werden, so muß man das zurückweisen! denn das gregorianische Jahr schließt sich dem Ivahren tropischen Jahr so genau an, daß erst in einigen tausend Jahren ein Fehler bemerkbar wird. Ucbrigcns ist auch das tropische Jahr nicht ganz unveränderlich, und in den nächsten 1000 Jahren konnnt sein wesentlich bestimmender Faktor, das sog. Acquinoctialjahr der nördlichen Halbkugel, dein gregorianischen Jahr immer näher. Aber in einer anderen Beziehung kann man und sollte man jenen Völkern entgegenkommen, daS ist in der Bestimmung des Osterfestes. Die gregorianische Schaltregel können sie viel leichter annehmen, als das gregorianische Osterfest. Und auch für uns hat das Schwanke» des Osterfestes um 35 Tage sehr erhebliche Uebclstände. Das Schuljahr z. B. ändert seine Länge um mehrere Wochen, und dieser und andere Mängel können garnicht bc- scitigt werden, sofern man nicht bei der Festsetzung der Ferien das Osterfest ganz außer acht lassen will. Schon 1582 hat sich der Vatikan mit der Frage des Osterfestes beschäftigt, und die Er- klärung abgegeben, daß religiöse Bedenken seiner anderweitigen Regelung nicht im Wege stehen. Damals siegte doch»och der Wunsch, es an die mondhellen Nächte zu binden. Heute bei unserem entwickelteren Verkehrswesen ist dieser Umstand von bcdcntcud geringerer Wichtigkeit, wem« es auch Gegenden gicbt, die unter einer anderen Festsetzung leiden werde». Aber das kann gegenüber den sonstigen Vvrtheilcn nicht in betracht kommen. Der Bnrikan wird hierin wahrscheinlich nachgeben und als Ostersomrtag ohne Rücksicht ans den Mond den dritten Sonntag nach dem Frühlingsaequinoetium bestininrcn; derselbe fällt dann stets in die Zeit vom 4. bis 11. April. t. ZUeinrs Fenillekott. — Nordscekrabbcu. Die Tariskommission der deutschen Eisen- bahnen hat sich in ihrer jüngsten Sitzung auch mit den Garneelen lNordscekrabben) beschäftigt, jenen kleinen, seitlich zu- samincngedrückten, dünnschaligen Krcbschen von röthlich-gelber Farbe, die in den Watten der Nordsccküsie von der Küstcnbcvölkcrung in großen Mengen gefangen werden. Cinen wie bedeutenden Umfang das Gctverbc der Garneclenffscherei angenonnnen hat, wurde bei der Berathung, ob Garneelen und Miesmuscheln in den Spczialtarif für bestimmte Eilgüter zu versetzen seien, auch zifferrnäßig klargestellt. Die kleinen Garncclen ivcrden zu Düngezlvecken verivandt und losten »ach einem Bericht der«Köln. Ztg." ctiva 1 Pf. das Liter; die größeren werden sofort nach dein Fange in Salzivasser abgekocht und versandt. Die Hauptfangzcit liegt in den Monaten Mai bis November; der Preis schwankt je nach der Zeit und nach der Ergiebigkeit der Fänge und beträgt in der guten Zeit 15 Pf. für das Kilogramm. An der Jade wurden im Jahre 1839 300 000 Liter, 1896 schon 800 000 Lit�r etzbare Garueclen versandt. Der Fang an der oft- friesischen Küste wird nach Angabc der Handelskammer für Oft- sriesland auf 280 000 Liter geschätzt. Von den Stationen Norden- ham, Varel und Carolincninscl sind 1396 mit der Bahn inr ganzen 383 539 Kilogramm versandt worden. Die Beförderung auf der Eisenbahn geschieht in Körben. Eine schnelle Beförderung ist gc- böten, weil die Garneclen, deren Hauptversandtzeit in den Sommer fällt, leicht verderben. Infolge der hohen Eilgutfracht ist der Ver- sandt mit der Bahn auf ivcitere Strecken nicht gut thunlich. Eine Ermäßigung der Fracht wird das Absatzgebiet erweitern. Ans diesem Grunde hat denn auch die Tarifkominission beschlossen,„Muschel- und Schalthiere aus der See �ausgenommen Austern, Hummern, Langusten und Schildkröten), frisch oder blos abgekocht", in den Spezialtarif für bestimmte Eilgüter aufzunehmen.— Theater. Im Schauspielhaus gab es am Mittwoch eine veritable neue Tragödie. Man führte mit starkem Erfolg F u l d a' s „ H c r o st r a t" auf. Fulda hat uns mit einem tvitzigen Märchen, dem„Talisman" beschenkt. Diesmal bringt er eine witzige Tragödie. An ihr hat der findige Kopf mehr Antheil, als das erfinderische Genie; sie ist im theatralischen Sinn an guten Anschlägen nicht arm, aber sie weicht mitunter ivie wehleidig der herben Tragik aus. Sie ergeht sich eher spielerisch in ihr, als daß sie sie ausschöpfte. Alles in allem, sie lebt eher von der Klugheit, die in ihrer Weise sich ein Problem zurechtlegt, lcs sich eventuell auch anders zurechtlegen könnte), als von der Empfindung, die in ein Problem bis zu seinen Tiefen untertaucht. Auf der wirklichen Herostratischen Legende baut sich Fulda's Tragödie auf. Man sollte meinen, diese Legende könnte nur schwere. grübelnde Dichtergeister beschäftigen. Am Ende ist aber den geheinmißschiversten Vorgängen nnt rationalistischer Forsche beizu- kommen. Geschwindigkeit ist keine Zauberei; man erklärt, man er- läutert und, wenn man seinen Witz einigermaßen anstrengt, ist das dunkele Räthscl gelöst. Nichts ist ungeheuerlich, will man es menschlich begreifen. Vielleicht hat diese ethische Idee dem Autor vorgeschwebt, und da er selber sich müht, künstlerisch zu gestalten, so mußte es ihm nahe- liege», die herostratische That aufs künstlerische Gebiet zu verlegen. Man wird aus verlorener Ehre Verbrecher, aus verralhener Liebe Menschenfeind: und so kann das verstiegene, unbefriedigte Kunst- streben in einem ficberdurchglühten Hirn zum Kunstfrcvel umschlagen. Mit der grausigen Einfachheit der Legende ist es dann freilich vorbei. Hier ist die Ehrbegier an sich in krankhaften Wahnsinn ver- wandelt; eine seelische Machterscheinung, die auch manches dunkle Verbrechen unserer Tage begleitet. Bei Fulda spielen sentimentale Liebesnwtive hinein. Manchmal bekommt sie so ein nnhellenisches Gesicht, und wenn man will, ei» modisches Gesichtchcn. Das unhellenische soll uns hier nicht kümmern. Es ist gutes Dichterrecht, eine Legende neu zu prägen; und ein moderner Mann kann nicht anders, als sie mit modernem Geist erfüllen. So wurzelt Goethe's„Iphigenie" in Humanitären Begriffen aus dem 18. Jahrhundert. Allein zur Neuprägung reichte Fulda's poetische Muskelkraft nicht. Sein gewandter Sinn münzt Verse, die nach Poesie klingen. Sie fließen leicht beschwingt, nicht selten in reizvoller An- muth dahin; aber keins ihrer glatten Worte bohrt sich in die Seele. ES sind fertige Begrine, mit denen Fulda hantirt. Diese Art sagt der durchschnittlichen Empfänglichkeit eines Publikums gerne zu, besonders wenn sie von bühnenkundiger Hand eingeleitet wird, wie die Ludwig Fulda's unzweifelhaft ist. Erst wenn der- artige Dramen verklingen, merkt der Dnrchschnittshörer zum Schluß, daß er nicht durch feurige, sondern durch mittlere Tempcrattir ge- gangen sei. Es giebt Künstler, denen das Kunstwerk leicht aufgeht, wie es die Rafnel und Mozarte geivesen sein sollen. Das rst eine An- nähme, deren Popularität durch andere Phänomene schwer ringender Künstlcrschast nicht beeinträchtigt wurde. An sie schließt sich Fulda an. Man könnte dem Autor da freilich gleich vorweg entgegen- halten: und noch viel mehr giebt es Leute und Leutchen, denen auf Anhieb wenig mißlingt, weil sie so gar wenig sich vorgenommen hatten. Ein rafaelischer Künstler indessen ist der lebensfreudige. glänzende Athener Praxiteles, den der Rath von Ephesos nach Jonien lädt, um für den wunderbaren Tempel der Attemis ein neues Götterbildniß zu formen. Sein Mitbewerber ist der verschlossene, trotzige, von Ehrsucht verzehrte Hcrostrat. Ihm ist Artemis, die allmütterliche, noch das überhohe, unheimliche Wesen; dem verfeinerten Praxiteles erscheint sie, ivie die süße Frauenfchönheit selber, wie das Vorbild der jungen Ephescrin Klytia. die Herosttat liebt. Beides, Schönheit und Liebcsglück, sind dem Nebenbuhler des Herosttat zugefallen. Bei Praxiteles entdeckt Klytia ihr Herz, und Herostrat zertrümmert seinen eigenen Entwurf, als er des Praxiteles herrliches Bildwerk erschaut hat. Er erkennt den Abstand zwischen seinem Wollen und seinem Können und wie ein Barbar, der seinen Fetisch züchtigt, rächt er sich an der Göttin, die ihm nicht zu Willen>var, die er durch heißestes Flehen nicht zu zwingen vermochte. Er zündet ihren heiligen, großen Tempel an und gewinnt die Unsterblichkeit der Infamie. Im Theatralischen ist der Vorzug des Werkes zu suchen; also enthält es auch dankbare Rollen; das heißt Gestalten, in denen man sich nicht vergreifen kann, weil ihre täppische Absichtlichkeit so deutlich zu erkennen ist. Da haben wir also den selbstgefälligen Rathsherrn und Philosophen