MnterhalllmgsMatt des vorwärts Nr. 212. Sonntag, den 30. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) 20] Neu" Roman von G e o r g e.s E e k h o u d. Der Wechsel von schweigender Ruhe und lärmender Ve- triebsamkeit ließ an einen Titanen denken, dessen schwer ar- bettenden Brust sich von Zeit zu Zeit ein qualvoller Seufzer entrang. In dem Wirrwarr durcheinander schwirrender Ge- rausche unterschied Laurent deutlich die dumpfen oder schrillen Rufe, die klar wie die melancholischen Signale aus der Kaserne und traurig wie ein Klagelied der stöhnenden Kraft klangen. Und jedem Refrain des Menschenchores antwortete das Ge- töse der leblosen Masse, mit der die Arbeitenden hantirten: Kisten und Ballen polterten in den Kielraum hinunter, eiserne Träger schlugen mit Hellem Klingklang auf das Pflaster der Quaimauer. Wieder ließ sich das Glockenspiel vernehmen. Die Möven schwirrten in schrägem Zickzackfluge kreuz und quer. Sie näherten sich, entfernten sich, kamen wieder zurück und führten ordent- liche choreographische Hebungen aus. So brachten sie dem Wasser, der Erde und dem Himmel gleichzeitig ihre Huldigungen dar bis zu dem Augenblick, der die drei Beherrschet des Raumes zu einer feuchten, von grauem Zwielicht übergossenen Dunst- masse ineinander fließen ließ. Die bange Zwielichtstimmung des dämmernden Abends übte auch auf Laurent ihren Einfluß, er fuhr jäh zusammen, als ob sich ein Abgrund vor ihm öffnete, und er zu stürzen fürchtete. Seine Blicke wandten sich wieder der Arbeitskolonne am Flusse zu. In der Nähe hielt ein schwerer Lastkarren, vor dem ein vierschrötiges Frachtpferd gespannt war;derKutscherstand lässig zur Seite und wartete auf die Ladung. Und zwischen den Wagen und dem Schiff gingen und kamen in gleich- mäßigem Schritt die plastischen Gestalten der Ladeleute, den Hals unter der schweren Last leicht vornüber gebeugt. Das blanke Bordertheil des Schiffes spiegelte die kräftigen Formen der Riesen wieder, die den nervigen Fuß fest auf den Boden setzten. Die eine Hand hielt die Last auf der Schulter fest, die andere ruhte zur Faust geballt auf der Hüfte. Ein Berg von Ballen häufte sich auf dem Ladequai. Un- aufhörlich bohrte sich der gierig geöffnete Rachen des Hydrauli- schen Krahns in die Flanken des Ueberseedampfers und riß stückweise die Ladung heraus. Und wie mau hier den Bauch des Schiffes zu leeren beschäftigt war, war man dort wieder dabei, ihn ohne Unterlaß vollzustopfen. Kohlen fielen polternd in die Bunker, und Säcke und Kisten verschwanden in dem unersättlichen Schlund der Kielräume Die Arbeiter mühten sich im Schweiße ihres Angesichts, den. Heißhunger des Ungeheuers zu befriedigen. Die Kraftleistung dieser Prachtmenschen verkörperte dem Beobachter die Größe und Allmacht seiner Vaterstadt, brachte ihm gleichzeitig aber auch seine eigene Schwäche zu schreck- haftem Bewußtsein. In diesem Augenblick, wo er in seiner hoffnungsfreudigen Begeisterung'elbst von den Steinen liebreiches Enrgegenkommen und aufu.unterndc Thcilnahme erbat, wirkte das bewegte Hafenbild mit seiner überwältigenden Eindrucksnracht kalt und ernüchternd auf ihn. „Soll ich wieder keine Gnade finden und als Ausgcstoßener bei seite stehen?" murmelte er beklommen. Erschien ihm doch Antwerpen in dem Glanz seiner Schönheit nicht minder Hof- färtig und übermüthig wie seine Kousine. Er mußte plötzlich daran denken, wie er eines Abends, als Gina in großer Toilette ins Theater fuhr, unter dem Ein- drucke ihrer bezaubernden Schönheit dem Sturme seiner Ge- fühle fast erlegen war. Das junge Mädchen hatte seine stür- mische Huldigung damals rundweg abgelehnt. Sie hatte sich vornehm zurückgelehnt und den aufrichtigen Schwärmer mit lästiger Handbewegung wie ein häßliches Insekt abgeschüttelt, während sie in ihrem gewohnten, zum Verzweifeln gleich- müthigen Tone, aus dem auch nicht die Spur jener Besriedi- gung, die jedwede Huldigung, und käme sie auch von dem Geringsten, bei einem weiblichen Wesen stets hervorbringt, herausklang, maulte:„Aber, so laß doch, Einfaltspinsel, Du wirst mir noch meine Toilette in Unordnung bringen I" Ja, wahrhaftig, die Stadt da war viel zu schön und viel zu reich, das empfand Laurent an diesem Spätnachmittag mit schmerzlichster Deutlichkeit. „Ob sie mich auch wie einen lästigen Eindringling zurück- weisen wird?" fragte er sich schweren Herzens. Aber die Stadt war doch wohl nicht so grausam und hartherzig wie die andere und schien dem Entinuthigteu Trost und Hoffnung zusprechen zu wollen, denn just in dem Augen- blick warf die Sonne ihr mild gedämpftes Licht noch einmal über die Landschaft, und das Wasser, das eben noch blutroth aufgeleuchtet hatte, nahm sein gewöhnliches Aussehen wieder an. Die grellen Farben dämpften sich zu zarten Tönen ab, die Luft wurde wieder klar, und ein ruhiger Wasserspiegel breitete sich in sammetgleicher Glätte unter dem Hinimel. Der Kleinniüthige athmete erleichtert auf. Und jetzt er- schien ihm auch das rüstige Schaffen der Ladeleute nicht mehr in dem Lichte übermenschlicher Größe. Jetzt kurz vor Feier- abend gönnten sich auch die Arbeiter eine müßige Viertelstunde; die Arme schlaff am Körper herabhängen lassend oder sie auf der Brust kreuzend, standen sie in Gruppen bei einander und wischten sich mit dem Jackenärmel den Schweiß von der Stirne. Die Aussicht, bald daheim der behaglichen Ruhe zu pflegen, vcrrieth sich in dem ruhigen Schmunzeln, mit dem die vom Zwange Befreiten ihre arbeitsmüden Glieder dehnten, froh, sich endlich einnial nach Herzenslust gehen lassen zu dürfen. Laurent war aus dem Reich der Träume in die Wirk- lichkeit zurückgekehrt. Xll. Die Suche nach Tilbak's Wohnung hatte Laurent nach dem Quartier der„Bootsbauer" geführt. Die Straßenlaternen wurden eben angezündet, und der helle Schein der einen fiel grell auf einen kleinen Laden, dessen Schild die Aufschrift „Zur Kokusnuß" zierte. In der Auslage sah man eine bunt- scheckige Sammlung der mannigfaltigsten Gegenstände: Krim- stecher, Kompasse, Matrosenkoffer, getheerte Südwester, Woll- mützen lagen friedlich neben den gelben Palleten englischer und amerckanischer Rauchtabake, Kautabakrollen, Federmessern, Bleistiften, Parfumslaschen und wohlriechenden Seifen. Laurent sagte eine stille Ahnung, daß hier seine liebe Siska Hausen müsse. Seine Ahnung wurde zur Gewißheit, als er die Frau, die gerade dabei war, unter den herum- liegenden Sachen im Laden aufzuräumen, näher ins Auge faßte. Sie wandte ihm den Rücken zu; obwohl im Laden noch kein Licht brannte, und er die Gestalt nur in unklaren Umrissen zu sehen vermochte, hatte er Siska doch sofort er- kannt. Und nun konnte er auch ihr Gesicht sehen, als sie sich anschickte, die große Hängelampe im Laden an- zuzünden. Ja, das war noch das ehrliche Gesicht, das in seiner Erinnerung lebte; sie trug das Haar, das die Hände des Kindes oft genug unbarmherzig zerzaust hatten, noch so stisirt wie ehemals, nur war es inzwischen ergraut. Laurent hatte vor dem Schaufenster Posto gesaßt und musterte die Auslage wie ein Käufer, der seine Wahl zu treffen sucht, und da die Straße dunkler als der Laden war, brauchte er nicht zu fürchten, von Siska erkannt zu werden. Sie hantirte geschäftig im Laden herum und warf ab und zu einen der- stohlenen Seitenblick auf den Draußenstehenden. Ob sich der Mann wohl überhaupt zum Eintreten entschließen würde? Was mochte er nur für Wünsche haben? Arme Frau l Laurent fragte sich, ob sie wohl viel von dem Plunder da verkaufen mochte. Siska glaubte auf den Kunden nicht mehr rechnen zu dürfen und ging in das hinter dem Laden gelegene Zimmer. Der helle Klang der Glocke, die Laurent beim Oeffnen der Thür in Bewegung setzte, ließ sie eilig zurückkommen. Mit der geschäftigen Zuvorkommenheit und dem honigsüßen Lächeln, mit dem der geschäftstüchtige Handelsmann die Kundschaft zu enipfangen Pflegt, erkundigte sie sich nach Laurent's Begehr. Mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt gab dieser dem Wunsche Ausdruck, eine Mütze zu kaufen. Der prüfende Blick, mit dem die Verkäuferin den elegant gekleideten jungen Mann musterte, bestimmte sie, ihm das Beste und Theuerste vorzulegen, was von dem Artikel auf Lager war: moderne Marinemützen, wie sie von den Sportsleuten getragen werden. Das war indessen nicht nach Laurent's Geschmack, der ge- wöhnliche Mützen, die Bauern, Fuhr- und Schauerlcuten als Kopfbedeckung dienen, zu sehen wünschte und der den Vorrath ungeheuerlicher baumwollener, mit Schild und Stutz der- unzierter Ungcthüme mit besonderem Wohlgefallen zu betrachten schien. Siska kam dies alles wenig vertrauenerweckend vor. Ein sonderbarer Kauz schien's in jedem Fall zu sein, vielleicht aber hatte er auch seine guten Gründe, sich unkenntlich zu machen. Recht geheuer war es mit dem Mann sicher nicht! Laurent chatte eine diebische Freude an der Verlegenheit der mißtrauiffäen Frau, die sich noch steigerte, als er bemerkte, wie sie 5 ise und vorsichtig das auf dem Ladentisch liegende Schlüsselbund an sich nahm und einsteckte. Er stülpte schließ- lich eine der verwegensten Mützen, die das Glück eines echten und rechten Hafenstrolchs ausgemacht hätte, auf den Kopf und fragte nach dem Preise. Tie Verkäuferin gab ihm so verwirrt und mit solch drolliger Miene Bescheid, daß er sich zusammen- nehmen mußte, um nicht loszuplatzen. Aber er bezwang seine Heiterkeit und begann sich mit aller Gemächlichkeit im Spiegel von allen Seiten zu betrachten, während Siska sich beeilte, das Wechselgeld auf den Zwanzigfrankschein auf- zuzählen, um den verdächtigen Kunden so schnell wie möglich loszuwerden. Aber da pflanzte er sich plötzlich so vor sie hin und sah ihr mit lustigen Augen starr ins Gesicht. Und nun wußte auch die Frau, wer da vor ihr stand, sie verfärbte- sich und schloß den jungen Mann mit einem lauten Aufschrei in die Arme. «Ja, freilich bin ich'S. Ich, Laurent Paridael, in eigener Gestalt Ihr Lorki 1" „Lorki! Herr Laurent I Ist's denn möglich?" rief die Frau in der Freude ihres Herzens. Sie ließ ihn los und trat ein paar Schritte zurück, um ihn noch einmal ordentlich zu betrachten, dann herzte sie ihn aufs neue und schrie, vor Freude und Aufregung puterroth, ein um das andere Mal:„Nein, so ein Junge! Spielt mir da eine solche Komödie vor!" Der Lärm hatte auch Vincent herbeigelockt, der nicht weniger angenehm überrascht war, wie seine Ehehälfte. Sie packten beide Laurent an der Schulter und schoben und drängten ihn in die anstoßende Hinterstube, die einer Kabine zum Verwechseln ähnlich sah. Durch die enge Fensterluke fiel ein so trübes, fahles Dämmerlicht, daß man den Eindruck hatte, als befände man sich wirklich unterhalb der Wasserlinie. Die weiseste Raumausnutzung hatte es möglich gemacht, in dem engen Loch eine unglaubliche Zahl von Menschen und Dingen unterzubringen. Nicht ein Zoll breit blieb unbenutzt. Das Stübchen hatte einen braunen, mahagoniähnlichen Anstrich, und seine Wände schmückten eine Anzahl Bilder, die landschaftliche Szenerien zur Darstellung brachten. Auf dem Kaminsims stand das von Tilbak gefertigte Miniaturmodell eines in vollem Segelschniuck paradirenden Dreimasters, umgeben von einigen jener großen Muscheln, die man nur ans Ohr zu halten braucht, um das Gebrüll des Ozeans zu hören. Laurent sah sich einer ganzen Orgelreihe von Kadern aller Altersstufen gegenüber. Zunächst wurde ihm Henriette vorgestellt, ein nettes Hausmütterchen, das zwei Jahre jünger als er selbst war. Ein hübsches, gefällig gerundetes Gesichtchen, blaue erstaunlich sanft blickende Augen, krauses Blondhaar, eine kluge vertrauenerweckende Physiognomie. Das ganze Persön- chen machte den Eindruck unverderbter Ursprünglichkeit und quellfrischer Natürlichkeit. Die Existenz dieser jugendlichen Erbprinzessin gab Laurent Anlaß zu kopfzerbrecherischer Rechenarbeit. Das Exempel wollte indessen nicht stimmen, so lange konnten die Eheleute nach seiner Schätzung ja noch gar nicht verheirathct sein. Vincent mochte wohl ahnen, was Laurent so nachdenklich gemacht hatte, denn er benutzte den Augenblick, als das Mädel einmal den Rücken wandte, um seincnt jungen Freunde mit dem vertraulichen Rippenstoß und dem vergnüglichen Schniunzeln, mit dem das Volk seine zweideutigen Geschichten erzählt, zuzuraunen:„Sehen Sie, Herr Laurent, wenn sie Siska zu Bette gebracht hatte, mußten wir uns doch die Zeit ver- treiben... Das Piippchen that nur in Ihrer Anwesenheit so zimperlich und spröde, sonst war sie gar nicht so.. Ja richtig, jetzt erinnerte sich auch Laurent jener ge- heimnißvollen Krankheit, die eine vierwöchentliche Luft- Veränderung nöthig gemacht hatte l Nach Henriette kam Felix, ein schwarzlockiger vierzehn- jähriger Schlingel, der dem Vater wie aus dem Gesicht ge- schnitten war, dann folgten ein zwölfjähriger Bube, Gierket mit Namen, und Luise, ein Fräuleinchen, das seine sechs Jahre zählen mochte.(Fortsetzung folgt.) Sonnkttgsplattverei. Einträchtig und ganz bescheiden zogen sie mit einander auS, der Fürst von Hohenlohe und seine Hausmannen. Sie zogen nicht in die Schlacht, aber zum Wahlkampf. Ein patriarchalischer Anblick: der Herr inmitten seiner Diener und Hausgenossen. Und er, der mächtige Kanzler, wählt mit ihnen, in ihren Reihen, ganz ohne Ueber- Hebung, wie es sich für einen Wähler der dritten Körperschaft ge- ziemt. Nicht auf der einsamen Höhe mochte er thronen, wo die Finanz- rößeil wandeln und die gewichtigsten Steuerzahler. Nein, väterlich arrte er bei den Seinen aus und milde lächelte er etwa seinem Lakaien zu, denn es gab Keinen Unterschied zwischen ihnen; sie vereinigten sich harmonisch zur Zeit der Landtagswahl. Ist das nicht ein friedllch-demokratischer Zug unserer Zeit, und wer Ivird noch über Stände» und Klassenunterschiede murren wollen, wenn er es erlebt hat, wie der Schloßherr aus der Wilhelmstraße im friedlichen Verein mit den subaltemen Schlotzinsassen auf einer Linie seiner Bürgerpflicht genügte? Es sind über die merkwürdigen Schicksalsfügungen, wie sie die mammonistischen Loose in Berlin besonders entschieden haben, diesmal genug Bettachtungen angestellt worden. Man kann ein Cäsar sein am Rande des Weichbildes von Berlin und muß doch im Alltagsleben sehr bescheiden dahcrttotten; und man kann als Hocharistokrat und gefürstete Persönlichkeit im Herzen der Stadt mit seinem Leibjäger gemeinsam seine Stimme für irgend einen kleinen, aber wohlgefilmten Mann abgeben. Run also? fragten die Blätter der strengen Autorität. Nun also? Was wollt ihr mehr, ihr ewig Unzufriedenen, ihr Gleichheitslümmel? Ist das demokratische Ideal nicht schon erreicht? Sonst waren sie freilich nicht aufregend, die Tage der Kämpfe, und in der Tagcsgeschichte Berlins machten sie sich kaum bemerkbar. Man haftete nicht, man drängte nicht. DaS gut-bllrgerliche Phlegma wird nicht erschüttert. Gemessen und bedachtsam, das ist das Merk- zeichen jener Wahlhandlung, in der aus dem Urbrei der erlesene Wahlmann in seiner Glorie ersteht. Wenn nun dann die erneuerte Auslese getroffen wird und der Kammerdepulitte fettig ist, so werden dann bald die neuen Männer ein neues Heim beziehen. Dieser neue Palast steht an einer Stelle, auf der durch lange, lange Jahre sich eine Tragikomödie abgespielt hat. Wo an der Wilhclinsttaße die Zimmerstraße sich fottse'ut. da hat es viele Kämpfe gegeben, bis der Durchbruch nach der König» grätzerstraße geschab. Es ist in gewissem Sinne eine denkwürdige Stätte. Modernes Verkchrsinteresse, das gclvalttge Recken und Ringen einer Großstadt auf der einen Seite, und auf der anderen der starre Fiskus und beengtes Altpreußenlhum. Jahrzehnte lang ivogte der Klcin-Ktteg zwischen diesen Elementen, und die Sackgasse blieb bestehen. Am Gartenbesitz des Kricgsministettums sollte nichts geschmälctt werden. Die Kauplet- dichter zehrten von diesen Tingen, zu einer Hochfluth schwollen in der Berliner Posse die komischen Bemerkungen an; ja selbst die schämige Tante Voß wurde zynisch und witzig, wenn sie, wöchentlich zweimal, auf die„verstopfte Straße" zu sprechen kam. Reu-Bcrliu mußte immer hätter, als andere jungaufftrcbe>ide Städte, mit mili- taristtsch-fiskalischem Gegncrthnm streiten. Aber endlich sank vor mehreren Jahren die Sperrmauer doch. Dott steht nun der Land- tagspalast in seinem Aeußcrn fettig da. So hat nun Jnng-Berlin, die Hauptstadt des Reiches, wie die Mettopole Preußens, die beiden großen Heimstätten für unsere Parlamente. Ueber den Landtagspaläsr wird sicherlich weniger gesttttten und weniger Tinte vergossen werden, als über Wallot's Bau am Königsplatz im Thiergarten. Hier ist ein Versuch gewagt lvorden, für eine wesentlich moderne Institution, wie das heutige Parlamentswesen ist, etwas Neues zu schaffen, einen ve- sonderen architettoinschen Rahmen zu gewinnen. Für und wider konnte angeregt werden. Wie der Landtagspalast ficki darstellt, tvird um seinetwillen niemand heftig und schroff werden. Da sollte nichts ttskirt werden; weder alterthümelnde hitzige Liebhabereien sollte» sich austoben, noch sollte cxpettmentttt werden: wie schafft man ein künstlettsches Symbol des jungen Parlaments- Wesens.(Eine Kasse, einseittge Ständevettretung, wie die gegen- wattige, nähme sich unter solchem Symbol allerdings wunderlich genug aus.) Es ist also ein Respcktsbau entstanden von akademischer Würde und Ruhe. Bewährte, respettable Formen sind verivandt. Von der unrespettabelsten Seite enthüllten sich im Laufe der jüngsten Tage gewisse Vorgänge im Berliner Dasein. Es handelt sich um die zerstörenden, großen Knppelwefen und um die Verderb- lichen Fäden, die sie spinnen. Da sitzt solch' unholdes Weib, wie Frau Hattert, in ihrem bordcll- duftenden Salon. In diesem „Salon" sammelt sich die Welt, in der man sich„amüsirt". Bei aufgedonnetter Eleganz trostlos öder mid einförmiger Gimpel- fang. Immer weiter spannt das Kuppelweib seine Netze; mtt einer der besten Witteningen für alles, was„angegangen" ist, was faulend zu ttechen beginnt, ist es zudem begabt. Zu solchem Salon drängten sich nun Vertreter der uniformitten wie nicht uniformirten Lebeivclt. Eine seltsame Mischung..Kreuz-Zeiwngs"-Leute könnten höhnisch ausrufen: Was wollt Ihr weiter? Das ist auch eine demokratische Erscheinung. Schnitten sie sich nur nicht selber ins eigene Fleisch. Bei düiiiiem Firniß von Anständigkeit und bürger- lichem Gehaben ist eine tüchtige Dosis lumpenproletarischer, ab- gestumpfter Gesinnung bei der Frauenwelt des Salons vor- Händen. Wo sie noch nicht erblüht ist, wird von der würdigen Macherin d«S Ganzen gern Gelegenheit zum Studium geschaffen. Ter Widerstand wird in der Regel nicht allzuschwer besiegt..Feine Ge- sellschast; lustige Herren, Offiziere vor allem!" Selbst manches gutbürgerliche Mädch en wird solchen Lockmitteln nachjagen; und erst eine Schaar von Frauen, die sich ohnedies auf aleitender Ebene be- finden I Und die Herren lassen sich so gern rupfen, wenn sie neben dem Genug noch ihren besonderen Triuinph selbstgefälliger Eitelkeit haben. Sie schmeicheln sich, einen ausnehmend leckeren Bissen er- wischt zu haben. Die blanke Käuflichkeit wird drapirt, und mancher Gimpel will hierbei das gröfite Ungeschick nicht merken. Welche wüste Komödie auf allen Seiten. Betriigerisches Arrangement von Liebcs- händlerinncn und lächerliche Illusionen eitler Liebeskäuferl Wir haben also doch wohl noch manches auf unseren Gassen rein zu fegen, ehe wir das tolle Sündenbabel Paris völlig seiner .unausbleiblichen Zersetzung und seiner völligen Entartung" preis- «eben. Es ist wirklich kein Spast, was gegenwärtig m Paris Verandelt wird. Der sorgsam gehegte und überfütterte Militarismus Frankreichs gehorcht seinem eigenen Gewalt- und Expansivgesetz. Er beschwört folgereiche Konflikte herauf, und sicherlich mutz man den Verlauf der Dinge mit ernster Theilnahme betrachten. Aber die heulenden Klageweiber mit ihren Schlagioonen von endgiliiger Zersetzung und dem Weltuntergang sind zu komisch; trotz alledem und alledem. Sie find so komisch fast, wie die sehr staatliche Frau Suttucr, wenn sie im frisch gewaschenen weihen Friedenskleidchen zum schlauen russischen Fuchs Murawiew hüpft. Diese Klageweiber prophezeien uns allen, aus dem Kaffeesatz sowohl, wie aus einem Stratzenaufzug des Herrn Deroulöde, wenn der eine Schaar von Leuten vor sich defiliren lätzt. die sich in ihrer Weise brüllend amüsiren. Neulich Ivurde sogar ein todler Künstler angerufen, um den grohen Krach in Paris.deuten zu können. Es starb dieser Tage Herr PuviS de Ehavaimes, ein vielgenanmer Maler in Paris. Flugs aväncirte er zum grötzten malerischen Genie Frankreichs und man durfte dreimal.Wehe" ausrufen..Ter Tod Puvis de Chavannes(der übrigens mit 74 Jahren den Höhepunkt seines Köimcns überschritten hatte) stürzte Paris nicht in gewaltige Aufregung. So also ehrt Paris seine Meister! Nur dem Radau ist es zugewandt. Was ist aus der alten Kulturstätte geworden? Wie hätte Athen, wie hätte Florenz in seiner Bliithezeit sich benoinmen!" Das klingt ja alles sehr wehmüthig und fast tragisch. Nur schade, datz es mit dem gepriesenen Städte-Jdyll von Florenz und Athen nicht recht stimmt. Auch dort hatte man nicht immer Weile, im Feierzuge vor dem Künstler einherzuschreiten. Auch dort gab's eine helonsch geschundene Gesellschaft, und es kam zu vulkanischen Ausbrüchen. Auch dort lebten die Freien und die Signori nicht wie die Seligen in ungetrübter Harmonie. Auch dort rumorten Macht- fragen von autzen her und im Innern, und im Waffenlärm ver- stummten die Musen. Was soll dann die unwahre Schulweisheit, die vom glorreich heiteren Athen. vom ewig lustgeschwellten Florenz phairtasirt und kunstciiihusiastisch schwärmt? Nur vereinzelte Proben vom Können Puvis de Chavannes sind in Berlin bekannt geworden. Er ist ein feiner Stilist, mit lebhafter Empfindung für edel-dekorative Wirkung. Er hat auf seinem Gebiet als ehrlich idealistischer Mann den Kunstgcschniack bceinflutzt und gefördert: aber das überragende, originale Genie war er doch nicht. Und wenn nun ganz Paris sich nicht die Haare zerrauft und Thränen- ströme vergictzt, so ist es verkommen, verludert und derout.— So das pessimistische Gewinscl jener Leute, die über das unselige Paris jammernd die Hände ringen.— Alpha. Nleines �euillvkon •Id. Die Kinder. ES war auf der Hintertreppe. Die Treppe sah aus, wie alle solche Hintertreppen: nüchtern, grau und un- freundlich. Auf den Stufen lag kein schalldämpfender Läufer. Die Farbe war in der Mitte gänzlich abgetreten, und das Holz von den vielen Tritten ausgehöhlt. Das eindringende Licht konnte durch die nacklcn, blasigen Scheiben voll hereinströmen und in alle Winkel leuchten, so das; die schlecht geschriebenen Namen auf den Zetteln und Porzellanschilderv an den Thören der Hinterlvohnungcn genau zu erkennen waren. An den Thüren der Herrschaftsküchen war nichts zu lesen. Wenn ein Bote die Treppe heraufkam, klopfte er, wenn er hier unbekannt war, einfach an die Thüren der Hinter- Wohnungen.'Da die kleinen Leute auf diese unfteilvillige Weise den Porrier spielten, war es ja überflüssig, datz an den Herrschafts- küchen Namcnfchilder angebracht wurden. Also unterschied sich diese Hintertreppe von keiner anderen, höchstens, datz sie nicht ganz so viel abgestotzene und schmierige Stellen an den Wänden aufweisen konnte. Bei schönem Wetter öffnete sich jeden Morgen um zehn und jeden Nachmittag um zwei Uhr die Thür der Hcrrschaftsküche im dritten Stock. Eine bunt, prahlerisch auSstaffirte Amme schob daim einen blinkenden Kinderwagen heraus und schleppte ihn, unterstützt von der Köchin, die drei Treppen hinunter. Zugleich kam anS der gegenüberliegenden Thür ein Mädchen. Es mochte etwa zwölf Jahr fern. Trotzdem war es so schmächtig, datz es jünger geschätzt werden mutzte, hätte es nicht den be- drückten Blick und den leidend herabgezogenen Mund mancher Arbeiterkinder gehabt. Doch wenn es an den Kindertvagcn heran- trat und das kleine, von Wolle, Spitzen und Bändern umgebene dralle Gesichtchen des Wagen-Fnsassens sah, verschwanden die Linien der zu frühen Lebenserfahrungen. Die grotzen Augen lachten. Das ganze schmale Gesicht rundete sich in jener mütterlichen Empfindung, die alle Mädchen schon beim Spiel mit der Puppe zeige». Das kleine dralle Ding im Wagen harte bald Freundschaft mit dem Mädchen geschlossen. Und als es zu schwer geworden war, um noch im Wagen die Treppen hinabtrausportirt werden zu können. lietz es sich gern von ihm hinuntertragen. Es schmiegte sich dabei zärtlich an, und das Mädchen war über diese Innigkeit so glücklich, datz es schon vorher crröthcte. Eines Tages, als der Zug wieder die Treppe hinabging, kam die Mutter des Kindchens ihm entgegen. Sie wollte die Köchin ein- mal bei der Arbeit überraschen. Die Vornehmheit der hohen, üppigen Gestalt im Pelzumhang mit federgeschmücktcm Sammethut trat auf der Hintertreppe recht grell hervor. Die Frau freute sich, datz ihr Kind so geliebt wurde. Als sie aber nach ihm die Hände ausstreckte und es sich noch fester an das Mädchen anschmiegte und den Muttcrarmen auswich, ging sie erschüttert, ärgerlich, stumm hinauf. Jetzt erst siel ihr auf, wie elend die Hintertreppe aussah, und wie dürftig das Mädchen gekleidet war. Ja— und dann... diese Kinder ivissen nicht mal, was sich schickt! Und an» nächsten Tage befahl sie:.Das Kindchen tragen Sie von jetzt au auf der Bordertreppe hinunter. Der Wagen wird natürlich hinten hiuabgcschafft. Sonst ruiuirt er zu sehr die Läufer."-- Theater. -r. L u i s e n-TH eate r.„D ie S chul d d er S ch u I d l o se n�. Schauspiel in 5 Akten von Adolf Stoltze. An de» Theatern ziveiten und dritten Ranges ist zur Zeit die Sensationsmache in Flor. Sie tvird nicht viel appetitlicher, wenn sie, wie in dem Stück des Herrn Stoltze. mit forscher Tendenz angerührt ist. Der Berfafser will in seinen« Drama der Welt offenbaren, datz das Schicksal der-natürlichen Kinder in der heutigen Gesellschaft selbst dann noch viel zu wünschen übrig lätzt, wenn diese Armen wahre Engel an Gestalt und Wesen sind. Diese dem Soziologen ja nicht ganz unbekannte Weisheit tritt zu Tage an der Leidens- geschichte der tugendhaften Schauspielerin Hedwig Hosinauu, die nach mancherlei sonstigen Anfechtungen den Mann, der ihr die Ehre rauben will, mit den« Revolver niederschieht und dann vor Gericht dem heimtückischen Staatsanwalt offenbart, datz er ihr leibhaftiger Vater ist. Nicht genug mit diesem Unglück, wäre die tugendhaftige Hedwig bald den« Schicksal der Wagner'schen Sieglinde verfallen gewesen. Der Sohn des Staats« anwalts, ihr Bruder also, liebt sie. Aber zum Glück klärt sich auch dies Verhängnitz noch rechtzeitig auf, und da sich ebenfalls noch zur rechten Zeit in der Gestalt eines Aftikareisenden ei» ehrlicher Freicrsmauu findet, ist die gute Hedlvig schlietzlich doch aller bösen Anfechtungen überhoben. Das Schauspiel wurde mit einem Feuer gegeben, an welchem der anwesende Dichter seine Freude hätte haben müssen. Das Publikum nahm innigen Anthcil an dem Geschick der Heldin.— Musik. Konzerte. Die musikalischen Beherrscher dieser Tage sind die.Merning er", d.h. die Hofkapelle aus Meiningen unter Gcneralmusikdftektor Fritz Steinbach. Unter Bülow hatten sie ihren Ruhm erworben und auf Konzertreisen erweitert i sie hatte» gezeigt,>vas mit einem alle Nuancen aufs Exakteste hervorhebenden, contraslreichen, künstlerisch durchgereisten Vorttag und zwar auf grund des allerfleitzigften Probens zu erreichen ist. Soweit wir unserer Erinnerung trauen können, bleibt ihre jetzige Führung und Leistung dem alten Ruhm treu: Bülow Uetz sie wohl sozusagen anatomisch genauer spielen, Steinbach leitet sie mehr zu Totalbildern und zu einer Prägnanz und Wuchtigkeit, die aber nianchmal(ivic am Anfang von Beethoven's 8. Symphonie) zur Unklarheit führt, wenigstens wenn man nahe dem Orchester sitzt; den Versuch des Platzwechsels mützten wir noch systematischer durchführen, um darüber und über die anscheinend manchmal zu laute Begleilung der Soli sicher urtheilen zu können. Anch eine Reihe von Aeutzcrlich- leiten ist geblieben, wie das Stehen der meisten Spieler, die lange (wenngleich nicht ermüdende) Dauer der Konzerte, das dankende. Vorführen einzelner Jnstrumeutalistcn, das oft mehr als lebhaste Gebahren des Dirigenten. Das erste, nicht sehr besuchte Konzert, am 27., brachte neben zwei Ouvertüren das erste Klarinett-Konzert Weber's, vorgettagen von dem betreffende» Herrn des Orchesters, R. M ü h l f e l d; ferner einen Brahms op. 83, vorgetragen von dem Klaviervirtuosen L. B o r w i ck, der weit mehr leistete, als das Werk trotz einzelner Schönheiten Werth sein dürfte; endlich Tschai- kowsky's seit einiger Zeit in Berlin mcht mehr gehörte„Fraueeska da Rimini", wohl die eindruckvollste Programmmusik, die in jüngster Zeit zu hören war. Am 28. kamen neben zwei Ouvertüren und wieder einem Brahm's zwei Duo-Konzerte von Mozart und von Bach. In beiden spielte unter riesigem Jubel des nun schon zahlreicheren Publikums Meister Joachim, erst mit E. W i r t h, dann mit dem Meininger Primarius B r a m« Eldering. Die beste Kritik der bisherigen Gesanuntleistung ist wohl die Hoffnung, datz die zwei noch übrigen Konzerte(31. Oktober, 3. November) den grotzen Saal der Philharmonie gänzlich voll finden werde». Joachim schmückte diese Musikwoche auch noch durch sein und seiner Genossen 2. Quartett und erfreute das in gedrängtester Ueppigkeit lauschende Publikum besonders durch das D-mott-Qimrtett des in unserem Musikleben etwas zurückgesetzten Cherubim. Gegen- über dem nächsten Quartcttprogramm sHahdn, Beethoven, Schubert) dürfen wir doch wohl sagen: entweder mögen die Herren ein ganz „klassisches" Rcpertoir einhalten und es dann nicht durch Brahms stören, oder es aber, wenn dieser schon mit soll, durch andere Neuere erweitern. Ilm spezifisch„Moderne" gar nicht zu erwähnen: wo bleibt u. a. Volkmaun, wo I. Zellner? Wenn wir uns vor Vergleichen hüten, so können wir zwei jüngere Geiger rühmen: Rosa Hochmann(Saal Bechstein am 27.) und M. d e S i c a r d sSingakadcnüe am 28.); von jener hörten wir ein Stückchen Bruch D-moll, von diesem den gauzeusBruch G-moll. Die Klavierspielerin Marie Panthes, von der wir Schumaun's „Davidsbündlertäuze" hörten, besitzt jedenfalls ein beträchtliches Können, möge sich aber die Wariningen zurufen lasse»: Ge- räuschvoll ist nicht ausdnicksvoll, und Köpergymnastik ist nicht Seele! lieber die Kunst, populäre Konzerte zu geben, wäre ein sehr Breites zu sagen. Innerhalb des niedrigen Standes, den diese Kunst heute einnimmt, läfit sich der„Bcethoven-Simphonie- y k l u s" unter Karl Zimmer im„Deutschen Hof" san ienstagen), nach dem ersten Konzert vom 25. Oktober zu urtheilen, umso ehrenvoller erwähnen, als die Herren anscheinend mit besonderen Schivicrigkeiten zu kämpfen haben. Eine Verstärkung der Streicher sjetzt nur drei Bratschen u. f. w.) dürfte, namentlich für die 5. Symphonie, unentbehrlich werden. Dem traurigen Umstand, daß die Buntheit unserer Kouzertprogramme um so ärger wird, je populärer ein Konzert sein will, während es gerade umgekehrt fein sollte, könnte Herr Zimmer doch schon entgegenzutreten versuchen.— 82. Geographisches. Einer dem„Daily Chron." zugegangenen Nachricht zufolge hat der englische Reisende Martin Conway den vulkanischen Berg Sorata in Bolivia fast erklommen. Conway berichtet von La Paz unter dem Datum des 20. Oktober:«Zuerst wurden Lebens- Nüttel, Feuerung, Instrumente u. s. w. auf einem Schlitten auf unser letztes auf einem Gletscher 20 000 Fuß über dem Meeresspiegel befindliche Lager gezogen. Als wir 21 000 Fuß hoch waren, trieb uns ein Schneesturm zurück. Wir mußten das Lager im Stich lassen. Ain 9. Oktober kehrten wir dahin zurück, und zwar auf demselben Wege. Es war um 2 Uhr morgens. Drei Stunden lang hatten wir bei dem Scheine unserer Laternen unseren Weg vorwärts zu suchen, bis wir den Gletscher am Fuße des Berges erreicht hatten. Daun hatten wir zwei Stunden lang einen höchst schwierigen Aufstieg. Es ging steil hinauf. Wir waren kurz vor dem Gipfel des Berges angelangt, als eine Schlucht den weiteren Fortschritt hemmte. Der höchste Punkt, den wir erreichten, war 23 000 Fuß über der Oberfläche des Meeres, vielleicht waren es 24 000 Fuß. Ein weiterer Versuch, die Spitze des Berges zu erreichen, war auch nicht von Erfolg gekrönt.— Ans dem Thierrciche. — Herkulische Insekten. Bei einem Nachtfeste fing der englische Ornithologe James Weir einen Hirschkäfer von 6,5 Zenti- meiern Länge und 16 Millimetern Breite, der 1,86 Gramm wog, und spannte ihn vor einen kleinen Zinuwagen von 56 Gramm Gewicht, den der Käfer mit Leichtigkeit zog. Er schleppte also das Dreißig- fache seines Körpergewichts ohne Anstrengung hinter sich her. Nach- dem 14 Gramm Blcistückchen in den Wagen geschüttet worden waren, zog ihn der Käfer ohne große Schwierigkeit weiter, und er bewegte auck die um weitere 14 Gramm vermehrte, also auf 84 Gramm ge- stiegene Last noch 3 Zentimeter weit. DieS schien die Grenze zu sein i er konnte also das fünfundvierzigfache seines Gewichtes ziehen. Bei weiteren Versuchen über die Kräfte dieses Käfers, wobei dessen Beine mit Ausnahme eines einzigen, an einem empfindlichen Dynamometer befestigten, gefesselt lvurden, übte das Thier eine Zugkraft von 15 Gramm auf das Dynamometer, ungefähr so viel, als wenn ein Mensch von 100 Kilogramm Schwere mit einer Hand das Gewicht einer Tonne heben würde. Durch diese Ergebnisse angeregt, versuchte eS Weir, die Kräfte eines wirklichen Herkuleskäfers svzmastss Tityrus) zu bestimmen. Dieser Käffcr zog bei 6,5 Gramm Eigengewicht 115 Gramm 6 Zentimeter weMund konnte einen Ziegelstein im Gewichte von 2,5 Kilo- gramm, den man vorsichtig auf seinen Rücken gelegt hatte, in Schwankungen versetzen. Ein Mensch, dem man ein verhältniß- mäßig ähnliches Gewicht auf den Rücken legte, würde davon wohl zerguetscht werden. Aehnliche Rechnungen, welche eine der unsrigen weit überlegene Muskelkraft der Insekten beweisen, sind schon ftühcr mit den Flohen angestellt worden, deren Sprünge schon die Alten mit den menschlichen in Parallele gestellt haben, wobei man fand, daß ein Mensch mit proportionalen ib/äften über Häuser und Thürme würde hüpfen können.—(„Prometheus".) Aus dem Pfl�uzenleben. ie. D i e durchbohrende Kraft eines Pflanzen« k e i m e s kann gelegentlich ihre Stärke in ganz außerordentlicher Art beweisen, wie ein Beispiel zeigt, das von dem amerikanischen Botaniker Besieh in der Zeitschrist..Kant'World"(Pflanzenwelt) mitgetheilt wird. Ein Freund übergab dem genannten Ge- lehrten eines Tages im vergangenen Frühjahr ein Exemplar der sogenannten Frühlingslilie oder des violetten Hundszahns (Erythroniurn albiduin). Dasselbe bestand aus der kleinen Zwiebel mit deren zarten Wurzelfäserchen und daran ein langer Stiel mit einem Blatt. Dieser Stiel nun war mitten durch einen Zweig von etwa einem halben Zenümeter Dicke hindurchgewachsen und hatte denselben wie eine Nadel durchbohrt, so daß die ftische Pflanze und der trockene Zweig fest mit einander verbunden waren. Die Entstehung dieser merkwürdigen Vereinigung war nicht schwer zu errathen. Der Zweig lag, noch ganz gut erhalten und nur an der Rinde etwas zerschlissen, wenige Zentimeter unterhalb der Oberfläche des Bodens. Gerade unter ihn war der Samen der genannten Pflanze zu liegen gekommen und hatte mit dem beginnenden Frühjahre seinen Keim in die Höhe getrieben, bis er genau auf den trockenen Zweig traf. Nun mußte sich an dieser Stelle ein Kampf zwischen Tod und Leben unter der Erde abspielen: Der frische Keim drückte von unten her mit seiner schwellenden Kraft gegen das Hinderniß, konnte es aber wegen des Druckes der darüber liegenden Erde nicht bei Seite schieben. Wenn sich nun kein Ausweg gefunden hätte, so hätte der Keim eben zu gründe gehen müssen, denn das Licht mußte er unter allen Umständen erreichen, wenn die Pflanze sich entwickeln sollte. So gelang es denn schließlich den Anstrengungen des jungen Gewächses, den abgestorbenen Zweig mit seiner nadeischarfen Spitze vollkommen aufzuspießen und schließlich hindurch zu wachsen. Wenn mau das Keimblatt dieser Pflanze unter dem Vergrößerungs- glase beschaut, so nimmt man eine Anzahl von härteren Zellen wahr, die sich an der Spitze des Blattes zusammendrängen, um die darunter liegenden weicheren Gewebe zu schützen, etwa wie an einem Stocke das weniger dauerhafte Material durch eine eiserne Spitze vor der Abnutzung geschützt wird. Diese härteren Zellen gaben dem Keimblatte zweifellos die Möglichkeit, sich durch das Holz des hinderlichen Zweiges hindurch zu arbeiten. Die ganze Pflanze hatte keineswegs unter dieser Anstrengung gelitten und war vollkommen gesund entwickelt.— Humoristisches. — Merkwürdig. A.(in der Kneipe zu B.):„Wo steckt denn nur eigentlich der Müller?! Seitdem der angefangen hat. das P o s a u n e n b l a s e n zulernen, hört mjgn gar nichts mehr von ihm!"— — Das Kollegium. Nach dem Tode eines reichen Bankiers diskutiren die ans Krankenlager berufenen drei Aerzte noch im Nebenzimmer über den Verlauf ihrer Diagnosen und Prog- nosen. Diener(der an der Thür gehorcht):„Jetzt will's wieder keiner gewesen sein!"— — Schlechte Aufführung.„Herr Direktor, ich bin vom gesammtcn Personal beauftragt, Sie zu bitten, daß der Meier keine Rolle mehr erhält, in der er auf der Bühne stirbt I" „Aber warum denn?" „Er frißt uns immer als Leiche sämmtliche Aepfel weg!— („Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Bei den letzten Stürmen in der Nordsee ist der Bremer Dampfer„ E st h l a n d" verloren gegangen. Die 16 Mann starke Mannschaft wurde von einem englischen Fischdampfer geborgen und dem Dampfer„Esperanza" übergeben, der sie in C u x h a v e» landete.— — In H o f(Bayern) spielte eine Sängerin die O r t r u d in Wagner's„Loheugrin" in einem modernen hocheleganten schwarzen Seidenkleid!— — Eine erst seit sieben Wochen verheirathete 20jährige Schneider- meistersftau in F a h l e n b a ch(Bayern) wurde todt aus dem Schöpfbrunnen bei ihrer Behausung herausgezogen. Sie war an dem Brunnen mit Waschen beschäftigt, scheint ausgeglitten und in die Tiefe gestürzt zu sein.— — Beim Gemeinde- Schützenfest in Attinghaus en(Kanton Uri) errang den e r st e n P r e i s die 14jährige Tochter eines Wirthes, der mit sieben Söhnen und drei Töchtern am Schießstand erschienen>var. Die Schützen-Familie hat nenn Preise errungen. Von 184 Schützen in der Gemeinde waren 43 weibliche.—_ c. 6. Der Handel mit Salami-Wurst ist in Italien so stark zurückgegangen, daß die italienischen Wursthäudler für den 31. Oktober einen nationalen Kongreß nach Bologna ein- berufen haben, um über die Bcsierung ihrer Lage zu berathen.— — Der englische„Nationale Katzen-Klub" hält zur Zeit im Londoner Krystallpalast eine Ausstellung ab. 700 Thiers von allen Arten sind ausgestellt.— — Seit 19 Jahren wird an dem gedruckten Katalog der Bücher und Schriften des britischen MuseumS gearbeitet. Vor Ende 1900 dürste die Riesenarbeit vollendet sein. Der Katalog wird dann aus 600 QuartSanbe» bestehen, wovon jeder ungefähr 250 Spalten enthalten wird.—_ PMNtwortlichcr MMpr: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.