Anterhaltungsblatt des Vorivärts Nr. 213. Dienstag, den I. November. 1898 (Nachdruck verboten.) 21] Roman von Georges Eekhoud. Und nun ging es an das Erzählen der beiderseitigen Schicksale. Laurent berichtete über die Vorgänge seit Vmzent's Abgang, vermied aber wohlweislich, �Gina's Er- Wähnung zu thun. Vincent hatte schweren Herzens darauf verzichtet, wieder auf See zu gehen, aber er that immer noch nebenbei Schiffer- dünste auf dem Fluß und im Hasen. Zu seinen Obliegen- heilen gehörte es auch, die„Handelsreisenden der Marine" flußabwärts zu transportiren, die im Auftrage schacher- treibender Hausirgeschäfte den beim Lootsenamte fignalisirten Seedampfern entgegenfuhren. „Und was wollen Sie mm beginnen?" fragte Vincent mit der hannlosen Offenheit, die den Verdacht zudriirglicher Indiskretion nicht aufkommen läßt. Der junge Mann war sich darüber im Unklaren. Von feinen Verwandten hatte er nichts mehr zu erwarten, und wenn selbst seine hundert Franks Monatsrente für den Lebensunterhalt ausgereicht hätten, so war ihm der Gedanke doch unerträglich, in seinen Jahren müßig auf der Bärenhaut zu liegen. „Wenn ich Sie vorhin recht verstanden habe, würden Sie der Beschäftigung, die Sie zu sitzender Lebensweise zwingt, eine Thätigkeit vorziehen, die Ihnen Ausenthalt und Bewegung in der frischen Luft gestattet." begann Vincent aufs neue. „Ich denke da gerade an etivas, das Ihren Wünschen viel- leicht entspricht. Der„Baes" einer„Nation"*), ein guter Freimd von mtr, sucht einen jungen Mann, der ihm bei den Rechnungsarbeiten und bei der Beaufsichtigung der Arbeiten im Speicher und am Hasen zur Hand geht. Soll ich einmal mit ihm sprechen?" Laurent sagte freudigen Herzeirs Ja und Amen und der- sprach, am nächsten Tage'> wiederzukommen, um sich den Be- scheid zu holen. XIII. Meister Jan Vingerhout engagirte den jungen Mann auf die Empfehlung seines Freundes Vincent Tilbak hin ohne weiteres. Jan war ein vierschrötiger, lustiger Kumpan, der als jüngerer Sohn von Bauersleuten aus den Poldern der Laudwirthschaft den Rücken gekehrt und mit dem Erlös feines Erbtheils einen Antheil in einer„Nation" erworben hatte. Die„Rationen" sind nach dem Muster der altvlämischen Gilden gebildete Geiverbsgenosscnschaften, die das Beladen, Löschen, Stauen, Abrollen und Speichern von Schiffsgütcrn übernehmen. Sie bilden inmitten des modernen Verkehrslebens der Stadt eine Macht, mit der selbst die mächtigen Fürsten des Handels rechnen müssen, denn der Verband der Arbeiterschaft verfügt über eine gut orgmüsirte Armee zuweilen recht ungemüthlicher Genossen, die Wohl im stände sind, eine allgemeine Lähmung dcS Geschäftes herbeizuführen und die städtffchen Behörden in Schach zu halten. Hier ließ man's sich angelegen sein, die Rechte der Landeskinder wahrzunehmen; es war dem Zugewanderten ganz und gar unmöglich, als Genosse in dem Verbände Aufnahme zu finden, geschweige denn zur Würde eines„Baes". das heißt eines Meisters, zu gelangen. Die„Amerika", die älteste und reichste dieser„Nationen", in deren Dienst Laurent eben getreten tvar, schöpfte im ge- schäftlichen Wettbewerb überall das Fett ab, sie verfügte über die schönsten Pferde, hatte mustergiltige Einrichtungen und war mit einem bis ins kleinste hinein vervollkommneten Apparat ausgerüstet. Wagen, Geschirre, Decken, Krahne, Winden und Waagen hatten ihres gleichen nicht bei den konkurrirenden Korporationen. Von Hoboken bis nach Aus- trundcel und Meixem begegnete.man überall den schmucken Gespannen der„Amerika". Ihre Wiegemeister und Vermesser luden das eingeführte Getreide von dem Ueberscedampfer auf die Lichterschiffe um. deren Faffungsgehalt genau bestimmt war, ihre Lastträger hoben die Säcke und Ballen auf die Schultern, um sie auf dem Quai in Reih' und Glied auf- *) Vlämische Berufsgcnossenschaft der Schauerleute. zustellen oder auf die Rolüvagen zu transportiren, chre Holz- auslader stapelten Bretter, Balken und Stämme am Ufer auf. Da sie alle daran gewöhnt waren, die Rechenarbeit mit Hilfe ihrer zehn Finger zu erledigen statt sich mit Bleistift und Feder herumzuschlagen,>var Laurent auf Vorschlag ihres Kameraden Vingerhout. der im Ausschuß der„Baes" den Vorsitz führte, damit betraut worden, ihre schriftlichen Arbeiten zu erledigen, auch lag ihm die Sorge ob, bei Uebernahme und Uebergabe von Gütern im Packhof darüber zu wachen, daß die von den Wiegemeistern anderer„Rationen" angegebenen Geivichtsziffern stimmten. Hat beispielsweise ein Kaffee-Jmporteur, der zum Kunden- kreis der„Amerika" gehört, von einem Geschäftsfreunde eine Partie Waare gekauft, so übernimmt Laurent die Ladung aus den Händen der konkurrirenden„Station", nüt der der Verkäufer arbeitet. Oftgenug muß ereinen ganzenTag lang in der glühenden Sonnenhitze oder bei Schnee und Regen inmitten des geschäftigen Treibens am Quai bei der Waage stehen. Aber er läßt sich die Sache nicht verdrießen. Hunderte von Ballen, fem säuberlich mit Firmenzeichen und Nummer signirt, ziehen an seinen Augen vorüber. Er addirt die Zahlenreihen, während er einen raschen Seiteirblick auf das Zünglein der Waage wirft. Denn ein Jrrthum darf nicht vorkommen. Wenn der Käufer zu schaden käme, würde er unweigerlich die„Amerika" für den Verlust haftbar machen, falls Laurent der Nachweis nicht gelänge, daß der Verkäufer und seine Arbeiter dafür verantwortlich zu machen wären. Zu wiederholten Malen schon hat er die Spedition von Sendungen der Fabrik Dobouziez besorgt, und es überkam ihm stets ein ganz eigenes Gefühl, wenn er die weißen Kisten� denen das D. B. Z. in schwarzer Farbe ausgepinselt ist, erblickte. Aberleid geworden ist ihm sein Stellungswechsel darum wohl nicht einen Augenblick, ganz im Gegentheil. Es macht ihm wirk- lich Freude, diesen jeden Hochmuths baren Chefs, diesen„Baes" zu dienen, statt in irgend einer unfreundlichen Schreibstube die Geschäfte eines Bsjard oder eines anderen protzigen Emporkömmlings zu besorgen. Angesichts des Hafens und der von zahlreichen Schiffen bevölkerten Bassins, dieser un- unterbrochenen Bewegung von Ein- und Ausgehenden, dieses Hin und Her zwischen den schwimmenden Speichern und den Lagerhäusern am Ufer erschien ihm der Handel nicht mehr als ein unklarer Begriff, sondern als greifbarer, gewaltiger Organismus. Oft nahm Laurent auch an den Versammlungen der Baes in einer Brauerei am Hafen theil. Die Rollwagen sind unter den Schuppen gefahren, die Krippen vollgeschüttet und die Streu gemacht. Die Gäule lassen sich ihren Hafer schmecken, der Ziechnungsführer hat sein Lagerbuch zugeklappt, die aus- gedehnten Baulichkeiten beherbergen kernen anderen Gcnoffen mehr als die Stalltvache. Dann versammelt sich in der Stammherberge eine aufgeräumte, zechfröhliche Kumpanei, die kein Blatt vor den Muno nimmt und manch' kräftig Wörtlem redet. Wenn Laurent mit benommenem Kopf und vom TabakS- qualm halb betäubt aus diesen Abendsitzungen kam, begriff er. daß sich die Maler der altvlämischen Schule bei der Dar» stellung ihrer Volksszenen wahrhaftig keiner Uebertreibung schuldig gemacht hatten. Drängte die Arbeit sehr und langte der Bestand an Arbeits- kräften zur Bewältigung nicht aus, dann geschah es zuweilen auch, daß Laurent seinen Meister Jan Vingerhout nach dem „Bummlermarkt" begleitete, wie man den in der Nähe des Hansahauses belegenen Platz getaust hatte, den ständige« Sammelpunkt aller an Arbeitslosigkeit leidenden Existenzen. Noch sonderbarere Gesellen lernte Laurent in der Folge kennen, wenn er Vincent Tilbak begleitete, der mit irgend einem„Handelsreisenden der Marine" flußabwärts den heim- kehrenden Seeschiffen entgegenfuhr. Nachdem das Seil gelöst war, mußte Tilbak zunächst mit aller Vorsicht und Geschick- lichkeit manödriren, um sich durch das dichte Gewirr des afeus durchzuwinden, ohne mit den vor Anker liegenden chiffen zu kollidiren. Die Jolle glitt zwischen zwei Dampfern dahin, die wie schläfrige Walfische zu ruhen schienen und deren Signallichter wie müde Augen durch die Nacht blinzelten. Dann kam man ins freie Wasser, und Tilbak konnte sich fest — Si in die Rier.ien legen. Laurent lauschte traumverloren auf das Geräusch der in den Pflöcken knirschenden Ruder, auf das Gurgeln der von den Nuderschaufeln zcrtheiltcn Wellen und das Plätschern des Kielwassers. Ab und zu klang von einem Zollschiffe, das auf der Suche nach Schmugglern kreuzte, ein lautes„Wer da!" durch die Stille, aber Tilbak's Namen und Stimme übten ans den immer regen Argwohn der Zollspione ihren beschwichtigenden Einfluß. Bei Doel ging man ans Land und verbrachte die Nacht je nach Jahreszeit und Witterung in dem gemeinsamen Schlafsaal der primitiven Herberge oder unter freien: Himmel am Strande. Man traf hier eine bunte Mustersammlung betriebsamer Geschöpfe, die Laurent in aller Ruhe beobachten konnte: nomadisirende Ladendiener, Hausirer, Unterhändler für allerlei fragwürdige Machenschaften, und eine Sprosse tiefer auf der sozialen Stufenleiter, unbotmäßige Seeleute, ent- lassene Kellner aus den Schifferkneipen, Quaistrolche und der Troß von allerlei Zuchthauskandidatcn und Galgen- Vögeln. „Sie brauchen keine Furcht zu haben, Herr Laurent" beruhigte Tilbak, der Laurent's verblüffte Verwunderung als Ausdruck der Angst vor dieser zwanglosen Gesellschaft deutete. In Wahrheit verbarg sich hinter der neugierigen Theil- nähme allerdings ein gut Theil peinlichen Zwanges. Die zweideutigen Gestalten brachten die Zeit damit hin, Tabak zu kauen oder zu schmauchen, die Schnapsflasche kreisen zu lassen, mit schmierigen Karten zu spielen und redeten einen mit dem Rothwälsch ihrer Zunftsprache verbrämten vlämischen Dialekt. Gewinnsucht, Verschmitztheit, Jähzorn und Laster aller Art hatten ihre untrüglichen Zeichen den hübschen Gesichtern aufgedrückt, die aus dem Schatten der breitschirnngcn Ballonmützen hervor- lugten, und das rembrandtschc Halbdunkel, das bleiche Licht des untergehenden Mondes, das sich mit der Morgendämme- rung mischte, trug noch dazu bei, der malerischen Szenerie einen romantischeren Zug zu geben. Tilbak, dem alle eine solche Hochachtung bezeugten, daß sie selbst seinen Gefährten den Vortritt ließen, bewahrte der Gesellschaft von seiner Matrosenzeit her das schlechteste An- denken. (Fortsetzung folgt.) (Nachdnlck verboten.)_ Die Nn�ievmühlen zu bouene. Vor einigen fünfzig Jahren gründete ein gewisser Edward Lloyd in London eine Zeitung, die„Lloyd's Ncwspapcr". welche heute eine Auflage von 600 000 Exemplaren hat. Die Papiermenge, welche diese Zeitung erforderte, wurde mit der Zeit so umfangreich, daß Lloyd im Jahre 1861 in Bow am Lea-Fluß eine Mühle erbaute, um sein Papier selbst zu fabriziren und auch sonst die Presse nach Möglich- keit zu versorgen. Dann erwarb Lloyd im Jahre 1877 die..Clcclen- well News", ein Lokalblatt, das zweinial wöchentlich erschien und verwandelte es in eine große Tageszeitung, den„Daily Chronicle", bekanntlich eine der einflußreichsten Zeitungen Englands, mit ciuer täglichen Auflage von 150000 Exemplaren. Dieser Erfolg der beiden Zeitungen und die Nachfrage anderer Journale nach Lloyd's Papier machte die Erwerbung eines größeren und besser gc- legenen Terrains für die Mühlen nothwendig. Man fand es in dem Orte Sittingbourne am Swale, einem Neben- flusse des Mcdway und zwar unweit der Mündung des- selben in die Themse. Hier entstanden nun die berühmten Mühlen Lloyd's, vielleicht die bedeutendsten der Welt. Sie werden von zwciundvierzig klaren Quellen gespeist, welckie hier aus den Kalkselscn hervorsprudeln, und denen das Papier seine Reinheit und Sauberkeit schulden soll. Wir wissen, billiges Zeitungspapier wird hente nicht mehr aus alten Lumpen und Makulatur, sondern einem weit billigeren Material, dem Holzstoff, hergestellt. Diesen Stoff bezieht die Fabrik aus Nor- wegen. Sie hat ihre eigene» Mühlen in Hänefvs. nicht weit von den Häfen von Christiania und Drammen. In der Nähe von Hänefos liegen große Tannentvälder, ivelche der Fabrik jährlich an 200 000 Stämme liefern. Sie werden den Wauerfällen überlassen und schwimmen unbegleitet zu den Mühlen hinab, wo sie in Holzstoff verwandelt werden. Erzielt werden jährlich 30 000 Tonnen Holzstoff, welche jedoch bei ihrem großen Wassergehalt ein Gewicht von 60000 Tonnen aufweisen. Aber das genügt keineswegs, um den ungeheueren Bedarf der Papicrnnihlen zu decken, vielmehr muß noch Material aus kanadischen und deutschen Wäldern hinznerworben Werden. Von Norwegen wird der Holzstoff bis Sheerneß in Dampfern gebracht und dann von Sheerneß in Booten nach den Papiermühlen uberführt zwei Wochen später haben sich die stattlichen Bäume des norwegischen Waldes in eine Zeitung verwandelt. In Amerika ist man aber noch fixer. Dort wird das Holz deS Uhenfcen Baumes üuierhalb vier Stunden in das bedruckte Zeitungs- .0— blatt verwandelt. Um das zu erreichen, müssen natürlich die Drucker- presse und die Mühle im Herzen des Waldes gelegen sein. Es gicbt ztvei Arten Holzstoff, den auf mechanischem Wege ge« wonnenen Holzschliff und die Holzcellulose, ein chemisches Produkt, das vorzüglich durch das sogenannte Sulfitverfahren, d. h. durch Behandlung des Holzes mit schwefliger Säure gewoimen wird; seltener gebräuchlich ist das Natronverfahren. Beide Arten Holzstoff finden in der Papierfabrikation gemeinsame Verwendung. Die Pro- Portionen wechseln mit der Qualität des Papiers; je größer die Menge der Cellulose ist, um so besser ist die Qualität. Beide Produkte sind aber erforderlich. Der Holzschliff giebt dem Papier Gestalt und Umfang, während der andere Stoff demselben Stärke und Dauerhaftigkeit verleiht. Der Holzstoff der Sittingbourner Mühlen ist in fünf Schuppen von etwa 100 Fuß Länge, 50 Fuß Breite und 50 Fuß Höhe auf- geschichtet, ivelche insgesammt 4500 Tonnen fassen können. Ein an der Flußscite gelegenes Gebäude enthält aber»och 1500 Tonnen, welche zur Reserve dienen, falls die Holzfascrschuppen etwa einmal in Brand gerathen. Mit dieser Möglichkeit muß man allerdings rechnen, und deshalb sind die Mühlen stets mit einer mindestens vierzehn Tage vorhaltende« Materialmenge versorgt. Die Mühlen bestehen aus zwei Abtheilungen, einem alten und einem neuen Gebäudekoniplex. Letzterer wurde im Jahre 1801 errichtet. Man gelangt durch den Heizraum der alten Mühlen, wo die Trieb- kraft derselben durch acht ungeheure Galloway-Kcsscl erzeugt wird, zur neuen Baugruppe, wo gegenwärtig acht Galloway-Kcssel in Thätigkekt sind. Wir nehmen nun unsern Weg durch die den Zimmerleutcn und Monteuren bestimmten Räume, wo wir alle erforderlichen Ersatz- theile für beide Mühlen vorräthig finden; in solch einem Etablissement müssen alle Schäden schleunigst beseitigt werden, soll nicht der ge- sammte Betrieb darunter leiden. In einem dieser Räume sehen wir eine Maschine zum Abschleifen der Cylinderrollen, welche zum Glätten des Papiers dienen und nach Erfordern in die mannigfachen„Kalander" eingeschaltet werden. Diese Schleifmaschine ist so empfindlich, daß selbst die Sonnenstrahlen sie aus dem Geleise zu bringen vermögen und um dies zu vermeiden, müssen die Fenster im Sommer vcr- dunkelt werden. Es leuchtet ein, daß die Kalanderrollen mit pein- lichster Sorgfalt geschliffen sein müssen, denn nur wenn sie das Papier völlig gleichmäßig bedecken, ist ein gutes Resultat zu er« zielen. In einem großen MaschinenhauS bemerken wir riesige Behälter, die mit beiden Sorten Holzstoff gefüllt sind. Große kreis- förmige, mit Schaufeln besetzte Walzen rotircn in diesen Behältern und lösen die Fasern des Holzstoffes, Ivährcnd dieser hin- und her- geschleudert wird. Er gleicht jetzt einem Brei von Hafermehl. Nach geraumer Zeit wird der breiigen Mischung Anilinblau hinzugefügt, um dem Papier einen angenehmen Ton zu verleihen. Es gilt hier den gleichen Effekt zu erzielen, den die Wäscherin durch Blauen der Wasche und der Zuckersiedcr durch den Zusatz von Ultramarin beim Raffiniren seines Fabrikates zu erreichen strebt. Der Holzstoff ist jetzt fertig, um in die Holzstoffbehälter gefüllt zu werden. Aus diesen wird er mittels Pumpen nach den ent- sprechenden Papiernrühlen in: Untergeschoß desselben Hauses befördert. Auf den: Wege zu den Maschinen geht der Holzstoff durch Seiher oder Saugkvrbe, um alle fremden Bcstandtheile, die auf dem vorhergehenden Fabrikationswcge aufgenommen ivorden sind. zu entfernen. Und nun kommt der interessanteste Theil des ganzen Vcr- fahrens. Der Holzstoff fließt als breiter, seichter Strom auf ein über zahlreiche Rollen geführtes Drahtnetz„ohne Ende" von so außerordentlich feiner Beschaffenheit, daß 400 Löcher auf einen Quadratzoll kommen. Dieses rotircnde Gewebe bildet über den Rollen eine ebene, tischartige Fläche, und während sich auf dieser die mit forigcnssene Papiermasse ausbreitet, extrahiren mächtige Sanger die Feuchtigkeit aus derselben. Die Masse ist jetzt von faseriger Beschaffenheit, und in diesem Zustand geht sie durch das erste Rollensystcm, die sogenannten Lagcrrollcn, dann durch ein zweites, in dem sie gepreßt wird, und Ivieder durch ein anderes und so fort. Das Papier ist endlich konsistent genug, um die Trockcnwalzen, zun: theil geheizte Hohlzylinder, passiren zu können. Es geht durch zwanzig solche Zylinder, mit der Gc- schwindigkeit von 00 Meten: in der Minute und verläßt dieselbe als sertiges Rollcnpapier. Wir komme» zu den Kalandern, auf denen das Papier geglättet wird. Es sind dies aus rotircnden Papier- und Hartgußwalzen, in wechselnder Anordnung, bestehende Maschinen. Die Papierwalzen bezwecken, dem Papier eine elastische Unterlage zu geben. Ist das Material kalandert, so wird es troinmelartig aufgerollt. Natürlich geschieht dies Ivieder durch Maschinen,— ein Uhrwerk schlägt an. wenn die verlangte Meterzahl erreicht ist. Im Ganzen sind acht Maschinen für die verschiedenen Papier« breiten vorhanden. Eine davan, eine amerikanische Riesin, ist ein außergewöhnlich seines Konstrnktionswerk und soll allein 300000 M. gekostet haben. Aber selbst diese acht Maschinen reichen nicht mehr ans, um der beständig anwachsenden Nachfrage zu genügen. Die Firma liefert nicht nur für eine große Zahl Londoner Zeitungen und Provincialblätter das Papier, sondern versorgt auch zwei Drittel aller australischen Zeitungen. Die Papierrollen werde» in Scgeltuchhüllcn mit hölzernen Kopfplatten gepackt und je nach ihrem Bestimmungsort mit dem Zeichen„Sidney, Adelaide"— ver- sehen. Jeder Ballen enthält geaei: 7600 Meter oder über 4000 Bogen Papier. Tag und Nacht, von Montag früh 8 Uhr morgens bis Sonn- abend 10 Uhr abends, sind die Maschinen ohne Unterlatz in gang. Einige darunter gehen während dieser Zeit, ohne sich auch nur eine Stunde lang aufzuhalten. Verbraucht werden 700 Tonnen Kohlen wöchentlich und die Wassermengc. welche durch eine der Mühlen geht, belänft sich auf nicht weniger als 14 500 Liter pro Tag. Geradezu imposant ist aber der jährliche Papierabsntz in eng- Uschen Meilen berechnet. Die Lloyd'schen Mühlen versenden jährlich 600 000 Meilen Papier von etwa einem Meter Breite. Das ist ein Papierstreifen, welcher hinreichen würde, unseren Planeten vierund- zwanzig Mal zu umwickeln. Und doch reicht es nur gerade aus, einen ganz kleinen Theil dieses Planeten mit Zeitungen zu versorgen. Fred Hood. Mlrittes FenMekon — n.— Die neue Wohnung. Vier Wochen waren min erst seit dem letzten Umzüge vergangen. Das war Anfang Oktober gewesen, als die Witterung noch leidlich ivarm tvar und die Tage eine verhältnitzmähige Länge besatzen. Damals gefiel ihnen die Wohnung ganz gut, wenn auch die Wände etwas rissig und die Dielen stark auscinandergequollen waren. An die schräge Decke — es war eine Mansardenwohnung im dritten Hinterhaus!— stietzcn sie sich garnicht: sie hatten dafür eine weite, freie Aussicht über die Dächer der Nachbarhäuser hin, deren rothe Ziegel oder schwarze Schieferbedachung mir den vielen Schornsteinen und Gesims- Verzierungen eine überreiche Abwcckslung boten! Mir der zunehincndcn Kürze der Tage waren aber auch. die feuchten Nebel und die Nachtfröste mit den pfeifenden Herbststürmen gekommen. Immer breiter schienen nun von Tag zu Tag die Fugen zwischen den einzelneu Dielen aufzuquellen, und aus den Rissen der Wand begann eine scharfe, salpetrige Feuchtigkeit herauszudringen, die sich schwammnrtig und grün über die bunt zusammcugcftickte Tapete legte und die ganze Behausung mit einem feuchten Moder- geruch anfüllte. Bald begann auch der bisherige Widerstand der Decke zu schtvinden. Erst zeigte sich an der weihgetünchten Fläche ein etwa tellergrotzcr, graubrauner Fleck, der von Tag zu Tag wuchs, bis der Kalk sich loszulösen anfing und in kleinen Stückchen auf die Erde bröckelte. Dann kamen die ersten Wasscrtropfen, die mit eintöniger Rcgelmähigkcit auf den Futzboden tickten. Zuerst wurden die Kinder krank. Es war keine Krankheit, die die Kleinen an das Bett fesselte; sie wurden nur ganz eigcnthüm- lich still, eine dauernde Müdigkeit überkam sie, mit leichtem Fieber, mit Glicdcrzichcn und Appetitlosigkeit. Von Tag zu Tag wurden sie bläffer, und ihre Gesichtchen schienen zusehends die matt- grüne Schimmelfarbe der Wände anzunehnien. Dann bekam die Fra» das Reitzen. Erst war eS nur ein leichter Schmerz in der Schläfengcgcnd. Dann wurden die Zähne in Mitleidenschaft ge- zogen, bis sich über den ganzen Körper eine schmerzhafte Lähmung zog. Sie mutzte ihre Waichstellen aufgeben, da sie sich unmöglich aus dem Hause rühren konnte. Ihr Mitverdienst hatte bisher stark zu der Bestreitung der Haushaltungskosten mitgezählt. Nun blieb er fort. Der Hauswirth zuckte zu allem die Achseln:«Sie könnten ja ziehen, wenn sie wollten. Für die billige Miethe bekäme er alle Tage zehn neue Miether T Und sie zogen. Diesmal ging eS nicht hinauf bis in den fünften Stock; die neue Wohnung lag im Keller. Für die Wohnungen in den Etagen wollte der Geldbeutel durchaus nicht langen, denn man mutzte doch auch an die Feuerung denken, da der Winter eigcnt- lich erst kommen sollte. Dunkler als in der früheren Wohnung sah es hier im Keller freilich aus, aber im Winter ist es ja überall nicht besonders hell, und— vielleicht dürfte diese Wohnung in gesundheitlicher Hin- ficht doch vielleicht besser sein, als die vorige I Vielleicht aber ziehen sie bereits im nächsten Monat schon wieder. Tie im Vorderhaus schütteln natürlich verftändnitzvoll den Kopf über das anspruchsvolle Pack, dem keine Wohnung gut genug ist I Sic wissen es ja besser, ivas eigentlich hinter diesem von Haus zu Haus-Ziehen steckt. Es ist die bekannte Unzufriedenheit, zu welcher die breiten Massen von den berufsmätzigcn Agitatoren aufgehetzt werden; denn früher lebte mau auch und' ivutzte nichts, von Wohnungshygienc und ähnlichen Dingen I-- Theater. — Im Lessing-Thcater gab es am Sonnabend während der Premiere von Max Haldems„Eroberer" einen an- dauernden heftigen Theaterskandal. Man ironisirte, man lachte, man lärmte; bis auf die Bühne selber setzte sich das„Verulken" fort; und doch war das Publikum nicht durch genialische Extravaganzen verärgert worden, noch konnte es darüber erbittert sein, datz nian es über allzuschwcre Probleme nachzusinnen zwang. Auf eine neue Bahn allerdings wollte der Dichter der.�Jugend" und der„Mutter Erde" sich begeben. Widerstrebendes vielleicht wollte er verbinden. Dabei gab er sich Blösien, die im Ungeschick der Aufführung, in nützlicher Besetzung noch deutlicher wurden, und nun fielen die Premiören-Tigcr in ihrer berüchtigt rohen, nur in Berlin derart heimischen Weise über einen geistigen Arbeiter her, der trotz allem und allem auch in seiner jüngsten Tragödie ein ehrlich ringender Poet bleibt. Es ist ein Jammer, wenn Börsen- Hyänen und ähnliches Volk über geistige Dinge richten. Aber es ist nun einmal so. Protz, der Souverän, spielt Trumpf aus. In einein allzu enthusiastischen Buch über das Werden des neuen Dranias, das Edgar Steiger im Gcfängnitz zu Zwickau versaht hat, ist zum Schlutz der Betrachtungen der sehnsüchtige Wunsch auSge- sprachen:„Latzt uns Männer schaffen!" Dieser Ruf ist manchmal schon von der Kritik erhoben worden, wenn die Dichter über eine Art von Mitleid mit sich selber, mit der Familien-Euge, nicht hinaus- kamen, wenn sie ewig in Jünglingsmclancholien stecken blieben. In seinem Drama„Lcbenswcnde" hat Max Halbe selber die Empfindung niedergelegt: Hinaus ins männliche Leben! Wir haben intim beobachten gelernt; auf- und nieder wogende feine Stimmungen, die man vordem nicht festzuhalten verstand. lagen unseren Dichtungen zu gründe. Es waren aber eigentlich kleine Entwürfe, Vorstudien und sorgsame Skizzen. Es war Vcrheitznng, nicht Vollendung. Latzt uns also statt des zart intimen das stark bewegte grotze Drama schaffen. Am Wollen also lag es nicht. Man sucht nach Männern rundum in der Weltgeschichte. Man taucht in die verschiedensten Epochen, ja in legendäre Zeiten unter, um zn schürfen. Dabei handelt es sich nicht so sehr um den einzelnen Heldenmann, als vielmehr um die Geistesverfassung einer stark bewegte» Periode. Auch der Eroberer bei Halbe, ein Mann aus der Frührcnaissancc. ist kein sogenannter historischer Held. Er ist frei erfunden. Ein Repräsen- tant der Empfindungen, die der Renaissance ihren stürmischen Lebens- odem geben, lltomantischc Sehnsucht unserer Dichter klingt hier un- zweifelhaft mit. An der Gegenwart erhitzen sie sich nicht. Sie ist ihnen zu verworren. Unfertiges drängt nach Gestaltung; das Ge- wordene, das Biirgcrlich-Soziale scheint ihnen zu verrinnen. Also tummeln sie ihre Phantasie in Epochen, Ivo sie der starken, grotzen Energie zu begegnen glauben. So dachte Halbe in dem Renaissnncc-Menschen den Mann gefunden zu haben. Als Lorenzo noch jung war, hat cr gelvih, wie der Hellene bei Grillparzcr gebetet:„Oh ihr Götter, ihr hohen Götter, gebt mir Kraft und wölbt nieinc Brust I Auf datz ich den Männern im Kampfe obsiege und den zierlichen Frauen auch!" Lorenzo ist gereist, in der Tragödie ein grotzcr Eroberer und Condottierc geworden. Er hat eben die Piraten gezüchtigt; sein nimmer rastender Wille will der mächtigen Frcistadt niit ihrer schachernden Grotzbourgcoisie zu Leibe. Von einem Reich der Kraft und Schönheit' schwärmt er. Der Weg mag blutig sein. wenn nur der Sieg zur Pracht gedeiht. Während er ausgeht, das Reich zu erobern, fällt ihm ein verliebtes Kind, ein schönes, sinnenfrisches Kind zu. Das Mädchen heitzt Ninon. Hier setzen die Schwächen der Dichtung ein. Grotzzügig geplant, wird sie hier wieder zum Stimmungs- bildchen. Da tragisches Pathos, dort wortreiches Idyll, ja das gefährliche Bemühen,«Kunst für Künstler" zu schaffen. Ninon kann sich in ihrer Jnbnnist nicht genug thun, Waghalsigieit und Stammeln der Leidenschaft äutzern sich in ihr. Ihre Sprache ist wortarm, immer wiederholt sie, was in ihrem überquellenden Gefühl sich zu- sammendrängt. Manchmal erinnert es an Maeterliuck's Stimmungs- malcrci; das ist aber Kunst für Künstler, und ermüdet ein ge- reiztes Publikum leicht. Pathetisch Aufgetragenes, wie das Idyll verrinnt nicht zu einer Einheit; und wirklich stürzt der Held nicht von der Höhe, er stolpert über das„Weiblcin", das ihm doch sonst nichts ist. als etwa ein Röslein am Wege. Ninon selbst wird von der eifersüchtig tobenden Gattin Lorenzo's vergiftet. Lorenzo selber fällt durch den Bräutigam Ninoiös. Herr Bonn sollte den Lorenzo spielen. Er wurde krank. Herr W i e ck e vom Dresdener Hoftheater übernahm die Rolle. Er legte sie zu jünglingshaft an. So wurde der Mitzgriff des Autors noch stärker betont, das zärtliche Verweilen beim Liebesidyll und die Vernachlässigung dcS Hauptsächlichen. Später verlor der Schau- spieler, der vielleicht zum ersten Mal solchen Aufruhr im Parkett er- lebte, alle feste Ueberlcgenheit. Es ist nicht sein Verschulden. Ganz unglücklich war die Besetzung der Ninon durch Frl. G r o tz. Das heitzblütige Nenaissanccmädch'en ist in naiver Sinnlichkeit zu fassen, nicht wie ei» koketter, absichtlicher Backfisch, der zum überlegenen Herrn aufschaut und von ihm sich angeln lassen möchte. Frau B c r t e n s(Lorenzo's Gattin) hielt wacker aus bis zum Schlutz. Herr Jarno war es, der den Dichter im Stich lictz und zum Schlutz mit dem Publikum gemeinsame Sache machte. Das war Herrn Halbe gegenüber nicht edel. Ihm versankt Herr Jarno eine seiner wirksamsten Rollen, den polnischen Kaplan in der„Jugend". —S. Erziehung und Unterricht. £. lieber die Sprach st örungen bei S ch nlkin d ern veröffentlicht E. Attinger im.Korrespondenzblatt für die Gelehrten- und Realschulen Württembergs" bemerkenswerthe. auf persönlichen Erfahrungen beruhende Beobachtungen. Datz manche Schüler auch beim lauten Sprechen nicht leicht verständlich sind, ist eine all- gemeine Erfahrung. Anderen macht das Sprechen in getrennten Sätzen Mühe, sie' können sich nicht schnell genug ausdrücken. Bei jungen Schülern ist dies nicht auffallend, wohl aber bei Schülem der höheren Klaffen. Die UnVollkommenheit, mit der oft gute Schüler das Richtige, was sie wissen, ausdrücken, hat sehr oft in Sprachstörungen seinen Grund. Es sind entweder mehr äutzerliche, mechanische oder auch tiefergehende nervöse Störungen. Zu ersteren gehört das Swmmelu und die Tonsilbenhypertrophie lMandelanschwel'lung). Die leichteren Formen des Stammeln» sind Fehler der Artikulation, die besonders Ijmipfl im jugendlichen Mtcr dorkomnien. Die Vokale werden nicht rein ausgesprochen, manchmal genäselt; Konsonanten werden verwechselt; jp B. wird von Kinder« oft und lange b als w, g als d, k als t gesprochen. Diese Art der Störungen lägt sich durch sorgfältige Lese- und Sprechübungen in der Schule meist noch beseitigen'. Schwieriger ist die Behandlung der Störungen, die durch Mandelanschivellnng oder durch Wucherungen in der Nase verursacht siud. Die Schüler können dann nicht durch die Nase athincn, sondern nur durch den Mund; ihr Gesicht bekommt oft einen trägen Ausdruck, Schwerhörigkeit. Schwerfälligkeit im Ausdruck, m'iih- same Aussprache sind die iveiteren Folgen. Zu den tiefer gehenden Sprachstörungen gehört das Stottern. Cigeniliche Stotterer sind in den höheren Schulen selten. Oester tritt es dagegen bei Schulkiiidcrn in der Form auf. daß die Kinder beim Anfang eines Satzes drei bis viermal ansetzen müssen oder beim Lesen über gewisse Silbe» stolpern. Sie schreiben auch häufig manche Worte beim Diktat regelmäßig falsch(Schreibstottern). Dabei zeigen sich gewisse Bcgleitbcwegnngen, wie Augenblinzeln, Sändebewegungen u. s. w. Der beim Denken vorhandene ehirnreiz lost dann auch noch andere Muskelbelvegungen als die beim Sprechen nöihigen ans. Auch hier vermögen Uebungen zu helfen. Größere Schwierigkeiten macht das vcr- deckte Stötten:. Die Kinder können in diesem Fall überhaupt nicht sprechen, wenn sie nicht vorher gewisse Bewegungen machen, z. B. an den Fingern nagen. Ein Schüler inachte vor dem Sprechen mit der rechten Hand Kreise auf die Bank, ein anderer Schluckbewegungen. Haben sie so erst einmal angefangen zu sprechen, so geht es fließend, aber langsam. Sie sind im Denken schwerfällig, dabei jedoch oft die besten Kopstechner. In der sogenannten Spiegelschrift besitzt man em Mittel, diese Schüler auf den Grad ihrer Intelligenz zu prüfen. Man läßt sie ein Wort mit der linken Hand schreiben. Schreiben sie von rechts nach liiils, so ist dies ein Zeichen, daß sie Vicht die richtige Vorstellung des Schriftbildes haben.— Gesundheitspflege. t. Das Ende der Dicken. Noch vor wenigen Jahren kannte die Heilkunde kein Mittel, die Fettleibigkeit durch einfache Arzneibehandlung zu bekämpfen. Das ist in neuester Zeit anders geworden. Es ist wohl jedem Gebildeten bekannt, daß neuer« dings der Inhalt der Schilddrüse, jene? vor den: Kehlkopf ge- legenen Organs, das in seiner krankhasten Entartung den Kropf erzeugt, in der Heilkunde verschiedene Anwendung gefunden hat. Eine der merkwürdigsten Wirkungen des Schilddrüsenstoffes ergab sich nach den ersten Versuchen von Leichtensten: in der That« fache, daß dieser Stoff neben anderen Wirkungen die OxydationS- oder Verbrennungsvorgänge im Körper derart befördert, daß es zu einer beträchtlichen Zersetzung von Fett und demzufolge zu einer Ab- nähme des Körpergewichts kommt. Die ersten Proben wnrdcn von Leichtenstern und Wendelstadt mit rohen Schilddriisen-Prä- paraten vom Schaf an 25 fettleibigen Personen vorgenon:men und erzielten einen wesentlichen Erfolg bei 22 derselben. Es wurde beobachtet, daß in: allgemeinen der Grad und die Schnelligkeit der Gewichtsabnahme um so bedeutender war, je größer der Fettüberfluß gewesen. Damals wurde behauptet, daß bei einer vorsichtigen An- Wendung des Mittels nachtheilige Nebenwirkungen vermieden werden könnten. Das Verfahre«: erhielt eine erhebliche Fördermig durch die Herstellung der bekannten Schilddrüsen-Tafeln und eine noch höhere Verbesserung durch die Entdeckung des Thyrojodin durch Banmann, welcher Stoff als die eigentliche wirksame Substanz in der Schilddrüse erkannt wurde. Das Mittels wurde infolgedeffen mehr und mehr versucht, jedoch haben sich«ncht alle Aerzte, obgleich sie den außerordentlichen Einfluß auf die Auslösung des Fettes anerkannten, durchweg günstig über die Wirkung ans- gesprochen, sondern die Schilddrüse::-Präparate für unangenehme Nebenerscheinungen in der Thättgkeit dcS Herzens, der Nieren, des Nervensystems und im Allgemeinbefinden vermttwortlich gemacht. Besonderer Werth muß aber bei der Behandlung der Fettleibigkeit darauf gelegt werden, daß die meistens bereits angegriffene Herz- thättgkett mcht etwa weiter geschwächt und daß der EiweiSbestand des Körpers geschädigt werde. Nu:m:chr veröffentlicht Dr. Weiß in Wien in der dortigen„Medizinischen Presse" einen ausführlichen Bericht über seine Erfahrungen in der Behandlung der Fettleibigkeit mit Thyrojodin und spricht' die Ueberzeugung aus, daß dieses nerre Mittel nicht mir auf eine Zersetzung dcS Fettes im Körper unfehlbar hinwirkt, sondern daß bei einer dauernden Beaufsichtigung der Herzthättgkeit ein nachtheiliger Einfluß auf diese solvie auf den Eiweißverbraüch unter allen Uinständen vermieden werden kann; auszunehmen von der Behandlung würden nur Personen von vor- gerücktem Alter sein oder solche, die an einem Herzklappenfehler, an Berkalluirg der Arterien oder an Zuckerkrankheit leiden.— Medizinisches» — Plastische Chirurgie. Fälle von Rhinoplastik:md Ehiloplastik, so schreibt die»Franks. Ztg.", find in der modernen Chirurgie keine Seltenheit mehr; dem Nebenmenschen auS der Haut fernes Vorderarmes eine neu« Nase zu drehen oder ihm mit einem Stück aus seinem Oberschenkel die zerrissene Lippe zu flicken, ist dem Operateur unserer Zeit eine Sp:elerei. Auch einen verloren ge- gangenen Damnen vermag die AutoPlastik, wenn auch nothdürfttg, wieder herzustellen. Man läßt dem Pattenten ein Stück der Bauch- haut an die an den Leib gebundene Hand wachsen, schneidet den Lappen in der erforderlichen Größe heraus und wickelt ihn um ein Thierknöchelchen von entsprechender Form. Natürlich bleibt dieser künstliche Damnen unbetveglich und ein kümmerlicher Nothbehclf beim Greifen. Ein neues Kunststück hat kürzlich der Vorstand der Grazer chirurgischen Klinik, Prof. Karl Ricoladoni. zustande gebracht, indem er einem sechsjährigen Knabe«:, der an einer Schneidemaschine seinen rechten Daumen verloren hatte, diese» durch einen belveglichen Finger ersetzte. Er band die rechte Hand des Knaben an dessen Fuß und überpflanzte an die Stelle des DaiuneuS die zweite Zehe. Der Versuch gelang so vollständig, daß auch die Sehnen aneinanderwuchsen und der neue Daumen in ähn- licher Weise sich beivcgt, Ivie sei«: Vorgänger. In der letzten Sitzung des Grazer Aerztevereins«vurde der Pattent vorgestellt und erregte mit seiner Zehe an der Hai:d nicht geringes Erstaune«:.— Meteorologisches. — Eine seltene atmosphärische Erscheinung «vurde ain 18. Oktober um l/tQ Uhr abends in Kursk beobachtet. Währeild eines Schneefalles zuckte von: Südosten her der Blitz, auf «velche«: starker Donner und gleich darauf ein prasselnd hernieder- strönleirder Regen folgte. Dabei hagelte es; die Hagelkörner «varen ziemlich groß. Diese eigenartige Erschein«:� währte etwa eine Viertelstunde. Ain»ächstfolgcude«: Morgen herrschte in Kursk ein starker Frost.— Hnmsristisches. — Verschnappt. Er drückte ihr zarte? rosiges Köpfchen fest an sich und küßte sie mnig auf Mund und Wangen. Plötzlich e»ttzog sie sich seinen Liebkosungen und fragte:»George, rasierst Du Dich selber?"—„Ja." war die Aittlvort.—„Das dacht' ich mir gleich", sagte sie,»Dein Geficht ist das rauhestc, das ich je"--" Sie hielt inne, aber es war zu spät, und schiver getroffen ging er von daimen.— — Ein Logiker. Der kleine Karl:»Mania. darf mich der Lehrer strafen für das. was ich nicht thue?" Mutter:»Nein, mein Kiud." Karl:»Dann brauche ich mich meine Rcche»:aufgabe«ficht zu mache«:."— — Kann stimmen. Vater:»Ohl:e Geld kau«: nian nicht» machen in der Welt, mein Junge." Georges:»O doch, Papa; etwa? schon I" B a t e r:„Was denn?" Georges:. Schulde»:."— (.g»«geid>'.> Bcrmischtes vom Tage. — Ein gutes Fahrrad setzt sich auS 852 Theilen zu- sammen. Und dabei sind die Theile, aus«velche«: die Hai»dgriffe. die kleine Kette an der Venttlstaubkapscl, die Schmiergefäße«c. znsamme»- gesetzt sind, noch nicht mitgezählt.— y. Im.Plöner Wochenblatt" findet sich folgende originelle Be- kannttnachung:„10 M. Belohnung zahle ich deinjenigen, der mir de«: oder die Esel«ciiiit, welche die Fabrikation anonymer schmutziger Postkarten an meine Adresse betreibe«:. Gerichtliche Verfolgung der Wichte ist ausgeschlossen! Die heute eingettoffene Karte N. N. zeugt selbst für ihre Urheber. Ihne«: zur Nachricht, daß mir der angebotrne voraussichtlich ehrliche HauSknechtsrock lieber ist. als ettva der feine, mit blanke«: Knöpfen besetzte Rock eines Mannes, der sich nur mtt fre:nden und uiwerdiente«: Federn schmückt."—_ — Das vor sechs Wochen von Nordmali ng nach Wismar abgegangene Schiff„Ida" ist noch nicht angekouunew Es gilt mtt der Besatzung für verloren.— — Bei der Station Greven(:n:weit Osnabrück) wurde die Leiche eines Holzschuhmachers, vom Zilge überfahre«:, aufgefunden. Die nähere Untersuchung zeigte, daß es sich um ein Verbrechen handelt. Die Leiche des ManneS, der auf der Rückkehr von einer Hochzeit getödtet wurde, ist nach der That auf die Schiene» gelegt worden.— — In Müllheim(Baden) trank die junge Frau eines Gold- arbeiters ein Glas neuen Wein und fiel bald darauf todt zu Boden. Die Oesfmmg der Leiche ergab Vergiftung mit Cyankali. Wer das Gist in den Wein geschüttet hat, ist noch nicht aufgeklärt. Die Frau befand sich in der Gesellschaft ihres EhemnnircS, der in seinein Geschäft Cyankali zu techinschen Zwecken verwendet.— — In Kogenbach(Baden) erschoß ein 17 jähriger Lehrling einen 11jährigen Knaben.— — Bei einem Znsannnenstoß zwischen einem Wilderer und einem Jagdhüter in der Nähe von M ü l h a u s e n im Oberelsatz schoß der Wilderer und verletzte den Jagdhüter schwer, woraus dieser seinen Gegner erschoß.— — In New-Dork ist ein Todesfall an gelbem Fieber vorgekommen. Der Ingenieur Warina, welcher nach Havaim ge- schickt worden war, uin' die Koste«: einer sanitären Reform abzu- schätze», ist am gelben Fieber erkrankt, nach New-gork zurückgekehrt und dort gestorben. �____ Verantwortlicher Redakteur: August Jacob ey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.