Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 214. Mittwoch, den 2. November. 1898 (Nachdruck verboten.) 22] Meu�Mslvklzetgo. Noman von Georges Eekhoud. Eine wahre GotteSgeißel ist das Lumpenpack für uns Seeleute!" polterte er.„Die Banditen haben mich oft genug was Rechtschaffenes zusammenfluchen lassen! Wenn die erst einmal wie eine Heerde schtvimmender Fische das Deck über- schwemmten, dann wußte man sich vor ihren zudringlichen Verführungskünsten kaum zu retten. Nun, ich war damals zu sehr in Siska verschossen, um auf ihre Teufelskniffe herein- zufallen. Ich ließ mir wohl ihre Preislisten und Muster auf- schwatzen, aber das war auch alles. Ich hätte mich schön ge- hütet. Lohn und Gesundheit ihren schmutzigen Händen anzuvertrauen. Aber trotzdem war ich immer heilsfroh, wenn ich auf ihre Köder nicht angebissen hatte und erst glücklich wieder auf dem Lande war. Ich sage Ihnen, Herr Laurent, diese„Runners" sind rechte Helfershelfer des Teufels!" Vincent Tilbak hätte nun freilich bemerken können, daß Laurent, weit entfernt seine Abneigung zu theilen, die jungen „Runners" mit gar nicht unfreundlichen Blicken betrachtete. Ja eines Tages vergaß er sich sogar so weit, seinem Führer zu eröffnen, daß er bei sich eine gewisse Seelenverwandtschaft mit diesen anrüchigen Gesellen entdeckt hätte. Der recht- schaffene Tilbak hatte bei diesem überraschenden Ge- ständniß indessen ein solch verdutztes Gesicht ge- macht, daß Laurent, der sofort erkannte, daß er einen rechten Schnitzer geniacht hatte, die Sache als Scherz hin- zustellen suchte. Die Neigung für alles Unregelmäßige und der Ordnung Widerstrebende herrschte nun einmal bei ihm vor. Aus dieser Neigung entsprangen auch, ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben wußte, seine unklaren Triebe, die herzbeklemmende Angst, und die Mitleidsregimgen, die angesichts der„Steinernen Mühle", der Zufluchtsstätte aller, die ini Leben Schiffbruch gelitten hatten, aus ihn einstürmten.-- Das an Arbeit und heilsamer Ablenkung reiche Leben, das er in Gemeinschaft braver Burschen vom Schlage der Jan Vingerhout führte, die Freundschaft mit Vincent und Siska, vor allem aber der gesunde Einfluß, den der Verkehr mit Henriette auf ihn ausübte, hinderten die Krankheitskeime, die in ihm schlummerten, sich kräftiger zu eutwickeln. Laurent war jetzt bei den Tilbaks ein ständiger Gast. Zivischen ihm und Henriette knüpfte sich bald das Band geschwisterlicher Vertraulichkeit. Nie hatte er einem weiblichen Wesen gegenüber ein solches Gefühl des Wohlseins und freier Unge- zwungenheit empfunden. Ihm war es oft, als ivären sie schon seit Jahren bekannt, als wären sie miteinander auf- gcivachscn. Am Abend half Laurent Gierket und Luise bei den Schularbeiten. Die ältere Schwester hantirte geschäftig in der Wirthschaft und bewunderte die wissenschaftlichen Kenntnisse des jungen Mannes. Nach dem Abendessen las er der Familie vor oder behandelte in anziehendem Plauder- ton irgend eine interessante Frage. Henriette hörte mit glühender Inbrunst zu, ohne sich indeffen eines gewissen Un- behagens erwehren zu können. Wenn er auf die Zustände der modernen Gesellschaft und die Roth der Menschheit zu sprechen kam, klang dem jungen Mädchen vor allem der bittere Ton seiner Worte ins Ohr, der sie mehr erregte, als der eigentliche Inhalt seiner Reden. Mit dem vorahnen'dcn Instinkt des liebenden Weibes erkannte Henriette den tief wurzelnden Leidenszustand und den inneren Zwiespalt dieser komplizirten Natur, und je heftiger sich Laurent's Mitleid mit den Armen und Elenden äußerte, desto herzlicher kam sie ihm entgegen in der Erkenntniß, daß unter allen Unglücklichen dieser da der werkthätigsten Nächstenliebe am dringendsten bedürste. In ihrer Nähe verloren seine Anschauungen übrigens nach und nach ihre ätzende Schärfe. Unter der fürsorglichen Mildherzigkeit, die aus diesen großen blauen Augen leuchtete, kam ihm nur noch die wohlige Behaglichkeit der Gegenwart, die liebe Umgebung und die heitere Seite des Lebens zum Bewußtsein. XIV. Door Bergmans wollte seinen Augen nicht trauen, als er eines Tages beim Passiren der Quaistraßen den jungen Rechnungsführer zu Gesicht bekam.„Ach, Unsinn, das ist ja nicht möglich," dachte er und setzte seinen Weg fort. Aber die Neugierde ließ ihn bald wieder umkehren. Nein, ein Jrrthum war ganz ausgeschlossen! Door zweifelte nicht länger, Laurent Paridael vor sich zu haben und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Laurent, der gerade mit einer Ladung Ncisballen, deren Ver- frachtung die„Amerika" übernommen hatte, beschäftigt war, hatte diese unverhoffte Begegnung anfangs außerFassung gebracht, daß er nahe daran war, sich zu drücken, aber durch Door's herzliches Entgegenkommen gewonnen, fand auch er bald wieder den alten Ton gemüthlicher Vertraulichkeit. Laurent hatte seine Arbeit einen Augenblick im Stich gelassen und ging mit seinem Freunde plaudernd auf und ab. Bergmans machte sich tveid- lich über den sonderbaren Einfall, bei einer„Nation" als Buchhalter einzutreten, lustig und stellte seinen! jungen Freunde unveriveilt das Anerbieten, ihm in seinen Bureaus eine Stelle zu geben, dje seineu Kenntnissen und seiner Erziehung würdiger wäre. Zur nicht geringen Ueberraschung Bergmans lehnte Laurent das Anerbieten indeffen rundweg ab. Er erging sich des weiteren in so aufrichtigen Lob- preisungen seines derzeitigen Berufs und machte so viel Rühmens über seine neuen Genossen, daß Bergmans gar nicht weiter in ihn drang. Gina's geschah in ihrer Unter- Haltung keine Erwähnung, und Laurent verabschiedete sich von Bergmans mit dem Versprechen, öfter mit ihm, Marbol und Vhveloy zusammenzukommen. Der Maler Marbol, ein hageres, nervöses Kerlchen, ver- barg hinter der blutlosen Physiognomie kränklicher Hinfälligkeit eine ungetvöhnliche Willenskraft und zähe Beharrlichkeit. Seit etwa zwei Jahren hatte er sich durch seine Bilder, in denen er das wirkliche Leben in seiner ganzen ungeschminkten Natur- Wahrheit zur Darstellung brachte, ein gewisses An- sehen erworben. In der blühenden Kunststadt von ehedem, die heute nur Sudler und Atelierkoloristen be- herbergt, war er der einzige, der das Pleinair, die Straße, die Lokalfarbe und den Lokalton seinen Zwecken dienstbar zu machen begann. Sein Aussehen erregender, just einen Tag vor der Preisvertheilung erfolgter Austritt aus der von Tcniers und den urgesunden Naturalisten des 17. Jahr- Hunderts begründeten Malerakadenüe, die unter der Leitung manierirter Mätzchenmacher, Leuten, die als Maler ebenso zaghaft wie als Lehrer unduldsam sind, zu Grunde ge- richtet wurde, hatte ihm die Feindschaft der ofsizicllen Kunst- klique, der Händler, der Käufer, der Kritiker und all der Mächtigen zugezogen, deren Wohlwollen der Künstler sein Brot und seine Berühmtheit verdankt. Antwerpen malen, sein eigenes Leben, seinen Hafen, seinen Fluß, seine pausbackigen drallen Kinder, die einst Rubens für Werth und würdig hielt seinen Götterhimmcl zu bevölkern, all' dieses prächtige Mcnfchenvolk in seinem Milieu mit der ge- wissenhaftcn Sorge eines für jede charakteristische Einzelheit helläugigen Beobachters auf die Leinwand zu bannen, das war ein Programm, das eine überreiche Fülle von malerischen Vorwürfen bot. Die Händler und die Käufer, die sich einzig für Puppen und angezogene Marionetten zu erwärmen vermochten, sahen in solch thörichtcm Beginnen freilich nur die That eines Narren und überspannten Drauf- gängcrs. Ein Marboli'sches Bild, das für eine aus- ländische Gemälde- Ausstellung bestimmt, vor der Ver- sendung dem kritischen Urtheil der heimischen Kunstkenner unterbreitet wurde, erregte bei diesen nur unbändige Heiter- keit, ironische Beileidsbezeugungen oder verächtliches Schweigen. DaS Bild nannte sich„Hafenarbeiter bei der Mittagsruhe". Auf einen: abgespannten Rollwagen hielten drei Arbeiter ihr Mittagsschläfchen. Der eine lag auf dem Rücken, die Beine waren leicht nach außen gestreckt, der müde Kopf warzwischen den hinter dem Nacken vereinigten Händen gebettet; das sonnverbrannte Gesicht zeigte den starren Ausdruck schlaf- tnipkencr Lethargie, und zwischen den halbgeschlossenen Augen- lidern wurden die schwarzen, verschleierten Pupillen sichtbar. Die beiden anderen streckten sich platt auf dem Bauche aus. Die schnnerigen, prallsitzenden Arbeits- Hosen ließen die mächtigen Schenkel in ihrer ganzen Fülle hervortreten und zeichneten die Körperlinien scharf ab. Der Beschauer sfah von den Kerlen, die ihm den Nucken zukehrten, nnr den haarigen Hinterkopf, der in den aufgestützten Händen ruhte, die abstehenden Ohren und den Stiernacken der Niesen, die trannwerloren nach dem Wasserspiegel des Hafens blickten, der durch den Mastenlvald hindurchschimmerte. Das in Entlvurf und Slnssnhrnng kühne Bild machte in Paris gewaltiges Aufsehen und führte einen Atclierkrieg her- bei, wie man ihn gleich heftig seit Jahren nicht erlebt hatte. Marbol erwarb sich ebenso Niel Bewunderer wie Widersacher, was immer ein gutes Zeichen ist. Einer der größten Bilderhändler der Chanssse d'Antin hatte das Gemälde an- gekauft, was in Antwerpen nicht geringes Staunen und Miß- Vergnügen erregte. Ein sonderbarer Einfall, sich die Porträts von drei schmierigen, zerlumpten, schlecht rasirten und durch unanständige Körperfülle den Geschmack beleidigenden Arbeitern auf den Hals zu laden! Als Ausdruck des ganzen Maßes seiner Entrüstung hatte Herr Dupoissh geschrieben, daß von dem Bilde der Duft von Schweiß, sauren Heringen und Zwiebeln, kurz alle übelriechenden Dünste des Pöbel aus- gingen. An der neuen Pariser Ausstellung bctheiligte sich Marbol mit einem nicht weniger kühnen Bilde, wofür ihm das Preis- gericht zur großen Bestürzung des Trosses der Steider und Leisetreter die große goldene Medaille zuerkannte. Wenn auch die Bonzen der Malerei dem jungen Neuerer gegenüber in ihrer nbellvollcnden Haltung verharrten, so gaben seine Erfolge, die sich bald darauf in München, Wien und London erneuerten, den Sammlern und Bilderliebhabcrn der großen Gesellschaft zu denken. Das Todtschwcigen hall nicht über die Erkenntniß hiwveg, daß Marbol im besten Zuge war, ein berühmter Mann zu werden. Wenn er als Beweismittel seiner Bedeutung nur die ideellen Zeichen des Ruhmes, die Zeitungsartikel und den Beifall der Hungerleider und Schwarmgeister, deren Meinung nicht zählt, gehabt hätte, hätte das die praktischen Leute ge- wiß nicht abgehalten, auch fernerhin die Achseln zu zucken und den unbequemen Störenfried mit einein gcriicgschätzigen Wort abzuthun; aber von dem Augenblick an, wo er, wie sie selbst mit Goldstücken zu klimpern begann, bekam seine Angelegen- heit ein ganz anderes Gesicht. »Ja, ja, der Bursche versteht sein Handwerk, das ninß ihni der Neid lassen I Man kann zwar seine Bilder nicht gut ini Hause haben, wenigstens nicht in einein Salon, der auch den Damen zugänglich ist, aber ein geschickter Kerl ist er ein- mal und ein Schlauberger obendrein.... Der Plan war gar nicht so übel ausgedacht.... Daß er Sachen verbricht, die man kaum mit der Feuerzange aufzuheben wagt, thut nicht eben viel zur Sache. Wir empfangen ja auch in unseren Salons den braven Vanderzeepen, da jeder weiß, daß sich der Biedermann durch die Kleckserei an die zweihundert Häuser, sein Palais an der Place de Meir, sein Schloß in Borsbeek und Gott weiß was sonst noch verdient hat. Wie Vanderzeepen ist es auch Marbol gelungen, den Stein der Weisen zu finden und das Geheimniß zu entdecken, aus Dreck Gold zu machen l" Das Vorurtheil gegen Marbol schwand immer mehr. Die Fürsten der Finanzwelt begannen den Geächteten und Aussätzigen von ehedem der Ehre des Grußes zu würdigen, ja sie wagten selbst seinen Namen vor den keuschen Ohren ihrer Gemahlinnen auszusprechen, was wenige Monate früher als Zeichen grober Unschicklichkeit gegolten hätte. Und da man seine„Revolutionsmalerei" nicht gut loben konnte, rühmte man dafür nm so beredter die Geschicklichkeit und die kaufmännischen Fähigkeiten dieses Marbol, der es fertig be- kommen hatte, Pariser Kunstprotzen, zerstreuuugslüsterncn Nankecs und spleenigen Engländern, die bekanntermaßen auf solche Ungeheuerlichkeiten versessen sind, seine widerwärtigen Pinseleien anzuhängen. Der Musiker Rombaut de Vhvcloy, Door Bergman's anderer Freund, erinnerte mit seiner hohen Figur, seinem Sedrungcnen Körperbau, seiner Löwenmähne und vollblütigen rt an die Gestalt des Göttervaters in Jordaens'„Jupiter und Merkur bei Philenion und Baucis". Wenn auch gerade kein Heide, so war dieser Brabantcr doch mindestens ein echter und rechter Renaissancemann, der das christliche Ora- torium des alten Bach im pantheistischen Geiste umgestaltet hatte. Die feurig-leidenschaftlichc und von Grund aus plastische Kunst Vhveloy's mutzte auf Laurent Paridael tieferen Ein- druck machen als Marbol's Malerei, die wohl kühn in der Tendenz, aber in der Ausführung etwas unbestimmt und kühl und, wie er später immer mehr erkannte, nicht genug schwungvoll war. Die festlichen Veranstaltungen, durch dieAntwerpen in diesem Jahre den dreihundertjährigen Geburtstag Rubens feierte, eröffnete eine Kantate von Rombaut de Lyveloy, die heute Abend auf der Place Berte im Freien aufgeführt wurde. Laurent verfehlte nicht, sich zu dem feierlichen Akt rechtzeitig einzustellen.(Fortsetzung fol&t.) Neue Monmne. „Die Wirklichkeit ist doch manchmal die reine Birch- Pfeiffer!* läßt Wilhelm H e g e I e r den Helden seines„fröhlichen" Romans „Nclly's Millionen"(Verlag F. Fontane u. Co., Berlin 1839) ausrufen. Das ist eine Art Selbstkritik, in derselben lachenden, im- bekümmerten Weise vorgetragen, wie die ganze Erzählung. Alle gehen und kommen, wie man fte gerade braucht; die Wirklichkeit übt ja in der That manchmal solch' gefälligen Witz. Es wird keinem Leser einfallen, mit dem Verfasser darüber zu streiten, ob diese Wirklichkeit jedesmal auch die Wahrscheinlichkeit für sich hat; es ist in jedem Falle viel vergnüglicher, die Dinge so zu nehmen, wie sie dargestellt werden. Auf die Darstellung der Einzelheiten hat Hegeler, ein vorzüglicher Beobachter, viel Fleiß vertvandt; ivas fehlt, fit der Blick für das Ganze, der über den Theilcn nicht das Gestimmte vergißt. Jede Person ivird in verschiedenen Vcrhältniffen, verschiedenen Stinunungcn vorgeführt: aber niemals entwickelt sich die Person zur Persönlichkeit. Es sind Charakterstudien, mit flüchtiger, wenn auch treffsicherer Hand hingeworfen; das Bild, in das die einzelnen Studien eingehen sollten, bleibt man uns schuldig. Noch fühlharcr ivird der Mangel an bewußter Einheitlichkeit bei der Handlung des Romans. Nicht nur die Personen, auch die Ereignisse stehen im Dienste einer„birch-pfcisferischen" Wirklichkeit. Wären die gewalt- samen, herbeigezogenen Elemente kimstvoll mit einander verbunden, so wäre ja der Fehler zum gut Thcil ausgeglichen; sie sind aber nur lose aneinander gefügt. Freilich, das Bindeglied entschädigt für manches: der gute Hunior, der in dem Buche steckt, hilft nicht nur den Dichter weiter, wenn er keinen folgerichtigen Weg mehr weiß, er nimmt auch de» Leser mit, Ivcnn der auch etwas weniger sorglos als der Verfasser sich dem Führer anvertraut. Viel Geist und Witz ist eigentlich nicht zu finden; dafür aber genug behagliche Komik. Wie ein junges Mädchen, ihren Reichthum nicht ahnend, plötzlich über Millionen vcr- fügt und dadurch den geliebten Mann verliert, um ihn zum Schlüsse doch zu kriegen, das ist so gemüthlich und lustig erzählt, daß man am Ende doch ganz froh ist, wenn die Geschichte eine» guten Aus- gang nimmt: ein bischen mehr psychologische Vertiefung, und der fröhliche Roman würde zu einem tieftrauigen. Ende' gut, alles gut I Das gilt in jedem Sinne für den neuesten Roman Hcgcler's. Nicht so ganz will sich mit der hausbackenen Wirklichkeit Klaus Rittling in seinem Roman„Sanitätsraths T ü r k i n" (im selben Verlag erschienen) zufrieden geben. Er möchte noch gern etivas Phantastisches, Fremdartiges hineintrage»; darum läßt er einen klein- städtischen Sanitätsrath seine in Konstantinopel geborene und erzogene Nichte in seineu mecklenburgischen Hcimathsorl nehmen; aus der Gegen- übcrstellung des Alltäglichen und des Besonderen sollen hier die ftoiifliktc geschöpft werden, um dann in einer Liebcsheirath ihre Ver- söhnung zu finden. Leider ist es mit der Phantasie eine eigene Sache: man muß sie haben, nicht erst ausklügeln. Daran scheitert auch der gut ansgednchte Plan des Verfassers. Wenn jemand laut Taufschein in Konstautinopel geboren ist, kann er noch innner dem deutschen Spießbürgerthum ebenso gut angehören, wie- irgend ei» Bewohner eines beliebigen Provinznestcs. Es sind also nicht einmal die Vorbedingungen des Konflikts gegeben; dazu kommt noch die äußerst mangelhafte psychologische Kunst dcS Verfassers, der nicht die Kraft und den Mnth hat, seine, wenn auch nur vorgetäuschten Konflikte streng durchzuführen. Auch seine Schilderuiigen sind matt und farblos. Es fehlt ihm die Liebe zu den dargestellten Vcrhälluissen und der Hunior, der ihn darüber hinaushebt. Im ganzen ein Roman, sehr geeignet für ein provinzlerisches„Jllnstrirtes Journal"; es braucht wahrlich nicht zu fürchten, seine Leser damit aus ihrer beschaulichen Ruhe aufzuschrecken. Ganz modern giebt sich der im gleichen Verlage erschienene Roman„Henuy Hurra hl" von Ernst Clausen. Das glänzende Elend der Offiziersfamilien soll hier geschildert werden. Den Müttern werden einige Rathschlägc für die Erziehung ihrer Kinder gegeben, sie doch etwas lernen zu lassen, waS, wie der Vcr- fasser versichert, nicht ganz„standesgemäß" ist, und schließlich ver- beugen sich alle hochachtuugsvollst vor einem bürgerlichen Demo- kratcn, der rücksichtslos Arbeiterinteressc» vertritt:„in natio- ualer Hinsicht hin ich kein Demokrat", sagt dieser sonderbare Schwärmer. Da er außerdem viel Geld hat, begreift sich sehr ivohl die Achtung, die ihm abgetakelte Soldatensamilien entgegenbringen. Im Ernste gesprochen, dieses Liebäugeln mit sozialistischen— man verzeihe den harten Ausdruck— Ideen ist cinsach unauSslehlich; der Roman, deni so ziemlich alle guten Eigenschaften der alten und neuen Romantechnik abgehen, wird dadurch nur noch abgeschmackter. Um nur eines hervorzuheben: tvcnn die kaserneumiiden Offiziere nicht mehr Witz und Verstand aufbringen, als die gcscheidtesten Personen in diesem Nomon dovon besitzen, sieht es mit ihrer Ver- wendbarkeit in einem bürgerlichen Berufe windig aus; sogar zum Bücherschreibcn reicht es offenbar nicht hin.— xirü. Vleines Fvurllekon. — Ein altes kommunistisches Recht im Kanton Gran- biinden. Als eines der schönsten Alpenthäler der Schweiz, schreibt der„Set, Gall. Stadt-Anz.", ist das bündncrische Vorderrheinthal bekannt; es ist reich an Eigenthümlichkeitcn der Natur, und auch seine Institutionen sind besonderer, charakteristischer Art. Dazu ge- hört das Recht des Weidgangs, wie es im Vordcrrheinthal und auch in anderen Biindner Thälern noch existirt. Es besteht darin, daß der Unbemittelte im Frühling und im Herbst sein Schmalvieh auf die Weide des begüterten Nachbars treiben darf, daß in den Frühlings- und Herbstmonaten das PrivateigentHnni an Weiden und Wiesen quasi aufgehoben wird, die Zäune eingerissen werden müssen, welche das Gut des wohlhabenden Bauen, von demjenigen des mittellosen trennen. Wiesen und Felder werden wieder zur Almend, ans welcher das Vieh des Reichen neben demjenigen des Armen weidet. Das Volk hält an den, angc- stammten Recht fest mit der Zähigkeit des Bergbewohners. Die Versuche, welche seitens des Großgnmdbcsitzes zur Abschaffung desselben unternommen wurde», sind sämmtlich mißglückt. Ans dieser Seite behauptete man: infolge der Freiheit, Ivelche den Kleinbauern ge- statte, seine Schweine auf allen Gütern der Gemeinde weiden zu lassen, werde der Graswuchs zerstört und die ungehindert herum- laufenden Ziegen vernichteten die Wälder. Die Bauern gäben sich nicht mehr die' Mühe, ihre Wiesen und Felder gehörig zu besorge»; sie lungerten in den elenden Dörfern müssig herum. Da dem Klein- vich vor dem Großvieh der Vortritt gelassen sei, fresse jenes diesem alles weg. Im Frühling vcrivüsten Schafe und Ziegen den jungen GraswnchS, so daß die' Frucht der Wiese und des Feldes nie recht aufzukommen vermöge. DaS war vor Jahren. Aber nichts von alledem ist eingetroffen. Wer das Vorderrheinthal hinaufzieht, wird vergebens nach den Ver- »vüstnngen ausschauen, welche der Rest von Kommunismus ans dem Mittelalter verursachen soll. Der Wahrheit gemäß bezeugt Professor Dr. Platter, daß ans den Wiesen das herrlichste, feinste Gras wächst, und die Accker bis nach Chiainutt hinauf, dem höchsten Dorfe der Schweiz, mit prachtvollen, schweren Achrcn bestanden sind. Das Volk wohnt in einfachen, aber sauberen Hütten: rothe»nid tveiße Nelken blühen vor den Fenstern. Müßten die Vorderrheinthalcr ihr Vieh das ganze Jahr in den Dorfställen halten, so wäre der Heu- ertrag allerdings vielleicht ettvas ergiebiger, ob besser ist eine zweite Frage; die Leute aber könnten ihr Bich nicht mehr halten, die Alpen würden blos noch von den Munnelthieren und die Maicnsäße von den Hasen bevölkert. Graubündcns Wälder gehören zu den schönsten im Schweizcrlandc, und der Schade», welcher ihnen f. Z. durch die Geldgier der Eigenthiimer zugefügt wurde, steht in keine», Vergleich zu den unbedeutenden Schädigungen, welche infolge des Weidgangs der Ziegen entstehe». Volkswirthschaftlich ist das Recht des Wcidgangs für' die Kleinbauern gleichbedeutend mit der Er- Haltung ihrer Selbständigkeit. Würde dasselbe aufgehoben, so müßte ivohl der größte Thcil' der Bauern des Vorderrhcinthals ans die selbständige Existenz Verzicht leisten und sich als Knecht an die paar Großgrundbesitzer verdingen. Das kleine Stück Boden allein könnte die paar Ziegen oder Schafe des kleinen Mannes nicht allein er- nähre»; hebt man den freien Weidgaug auf, so tritt eine aus- gedehnte Proletarifirung der ländlichen Bcvöllerung ein.— Literarisches. — L i t e r a r i s ch e s a n s I a p a n. Seit dreißig Jahren lese» die Japaner ungeheuer viel, und die Lektüre hat ihre ganze geistige Bildung umgestaltet. Berühmte ansläiwische Werke der schönen Literatiir sind übertragen worden, und ztvar die allerlängstcn und schlvicrigstcn: die„Miserables" von Viktor Hugo,„Wilhelm Meister", „Pcudennis" von Tackeray und Hauptwerke von Dickens. Die ver- brcitetsten modernen Autoren Enropa'S sind jedoch in Japan noch gänzlich unbekannt, z. B. Zola, Tolstoi u. s. w. Die einheimischen Schriftsteller, die sehr wenig verdienen, etiva 60 M. für einen Rvinan von 300 Seilen, werden nur von, Volke gelesen. Diese Schriftsteller spclnlircn nur ans die niederen Neigungen, er- zählen die banalen Licbcsgcschichtcn der„Geisha's", Mord und Todtschläge und die abscheulichsten Grcuelthaten werden so dargestellt, als ob sie in Japan das Alltäglichste, Amüsanteste wären. Nie ver- steht ein Autor, Scelcnstinnnnnge» zu schildern oder seine Helden poetisch zu gestalte». Der gebildete Japaner hält das Roinauelcsen für ein Zeichen von geistiger Inferiorität. Dafür findet er reichliche Entschädigung an wissenschaftlichen Werken, Essays u. dgl., die er am »leisten bevorzugt. Spencer, Schopenhauer, Kant, Hegel, Nietzsche sind in guten Uebersetznngen vorhanden. Die Werke Pasteur's, Bill- rolh's u. a. m. sind weit verbreitet. Unter den wissenschaftlichen Revuen nehmen„Taiyo"(Soimc),„Tailoka Bangoka" snationalc Literatur),„Nipponiia", Japaner) die erste Stelle ein und behandeln alle interessanten Themata des wissenschaftlichen und literarischen Gebiets. Im Jahre 1800 Irmrden nach einer Mittheilung der Zeit- schrift„Ans frenideu Zungen" in Japan 20 905 Bände veröffentlicht; davon machten die Romane nur 402 Bände aus, während die schönen Künste 2000 Bände umfaßte».— Kunst. •U. Im Westen Berlins, in der Viktoriastraße, ist wieder ein neuer Kunstsalon eröffnet ivorden. Die Besitzer, Bruno und Paul C a s s i r e r, haben zugleich einen Kunstverlag eingerichtet, der als erstes Werk eine ausgezeichnet gelungene Mappe mit kleinen Radirungen Lieber mäuu's herausgebracht hat. Die eigentlichen Ausstellungsräume sind einfach gehalten. Nur ein Lesezinnner ist von van de Velde eingerichtet; auch dieses ist sehr einfach, aber durch die gediegene, harmonisch durchgeführte Dekoration das beste moderne Zimmer, das wir bisher in Berlin gesehen haben. Eine in schönem Roth gewachste Holzbekleidnng bedeckt die Wände bis zu etiva Manneshöhe, die übrige Wand ist in dazu passendem Grün gehalten, und zu der glatten weißen Decke leitet ein mit Stnckornamenten verzierter Fries über. Ein»nächtiger Tisch. Stühle, ein offener Bücherschrank, die Beschläge dazu, alles in den soliden Koustnlktions- formen van de Vclde's, und ein prachtvoller Ofen»nit grünen Kacheln ergeben durch den einheitlichen Charakter ihrer dekorativen Linien ein gut gestimmtes Ensemble. Es ist z. B. äußerst interessant zu beobachten, ivie die oruamcntalcn Linien der Paneele i>l den Motiven des StnckfrieseS tvieder aufgcnonnnen und abgewandelt Iverden. Die Ausstellung selbst vereinigt drei Künstler, die zu den besten unserer Zeit gehören, Degas, Licbcrmann, Meunicr. Von den letzteren beiden ist an dieser Stelle schon oft gesprochen ivorden. Von L i e b e r n> a n n sind ein paar Werke ansgestellt, die zeigen, daß dieser ernst ringende Künstler noch immer fortschreitet: die„badenden Jungen" und der„Schweincmarkt". Ein in seiner lichten Farben- gelrnng hervorragendes Werk ist das erste: Eine Strandszene. Hinten ziehen sich schivcrc graue Wolken herauf, vorn ttisft die Sonne n»it fast stechendem Glanz die Jungen, die lustig im Meere herumplätscherir, tvährcnd andere sich schon am Strande wieder ankleiden. Das Bild ist von einer hohen Schönheit des ToncS. vor allem in dem schillernden Grün dcS Mecrwajscrs. Von' besonderem Reiz sind die zahl- reichen Handzeichnnngcn und die Radierungen, die in der Umnittel- barkeit und Lebendigkeit ihrer Wirkung über den ausgeführten Bildern Liebennann's stehen, llntcr den von Meunier aus- gestellten Werke»?, die fast alle hier noch nicht zu sehen waren und alle Zeugnisse seiner großen Knust sind, fallen die Rciterbilder auf, ein„Krabbenfischcr", der bergni», ein Arbeiter, der bergab reitet, und eine„Walkyre" in kühnster Bewegung. Es ist eine Leistung der jungen Unternehmung, daß sie eine ganze Anzahl von charakteristi- scheu Werken von Degas, dein Künstler, von dein so viel geredet wird und sonst so wenig in deutschen Ausstellungen zu sehen ist. zu- sannnengehracht hat. Aus den verschiedenen Perioden seines Schaffens sind Proben da, so daß nia» ein Bild seines Entlvicklnngsganges erhält. Es ist„I/art ponr l'art", die Degas kultivirt, von einem ungeheuer gesteigerten Rasfineinent der Farbe und einer sprühenden Lebendigkeit in der Wiedergabe der momentanen Beivcgung. Sein Stoffgebiet ist sehr eng und eindeutig.„Szene vom Ballet" und „Badende" oder„Bei der Toilette" sind die sich stetig»viedcrholenden Titel. Eins ist besonders hervorzuheben: Niemand vor Degas hat die Pastelltcchnik niit solcher Meisterschaft geübt wie er. Von Bildern, in denen er diese Farben ganz in» herköininlichen Sinne ineinander verrieb und einen köstlich-duftigen Glanz erzielte, ist er später zu einer Technik übergegangen, in der er nur noch>vie»nit Kreide in großen Strichen arbeitete; und je skizzenhafter er wurde, un» so lebendiger, unmittelbarer tvirkte seine Darstellung der oft außerordentlich koinplizirten BeivegungSmotivc, um so mehr steigerte sich der prickelnde Reiz seiner Farben.— Volkskunde. — In der Oktobersitzung des Vereins für Volksknirde sprach Dr. Max Bartels über„Z>vei merkivürdige Kreaturen". Ge- »ncint sind der M a u l»v n r f und die Fledermaus, deren absonderliches Leben, bei dem einen»mter der Erde, bei den» andern nächtens ii» der Luft, der Phantasie des Volkes mancherlei Nahrung gegeben hat. Viele llebereinstinnnrnigcn zeigt der Aberglaube, der sich an die beiden Thiere knüpft. Beide gelten als TodcSbotci», aber auch als Vcrkünder bevorstehenden Glücks. Zu diesem Rufe ist der Maulwurf Ivohl gekonune», weil er den» Volke als ein erfolgreicher Schatzgräber erscheint, während es sich bei der Fledermaus um uralte, und aus China überkommene Uebcrliefernngen handeln dürfte. Dort heißt die Fleder- »»ans Fee,»velches Wort gleichzeitig„Glück" bedeutet und so ist dort das Bild der Fledermaus zu den» Symbole des Glückes geworden. In der Volksmedizin haben beide Thiere Ivette Bedeutung gewonnen. Es werden sowohl die gai»zen Thiere als auch einzelne Thcile von ihnen als Heilmittel gebraucht, und zwar soivohl in Forin von Medikamenten wie auch als Anlulete. Man will sowohl Krank- heilen mit ihnen bekämpfen als auch den» gläubigen Träger allerhand Vortheile zmvende». Als Licbeszqnber und Liebesorakel dient der Maulivurf nicht, umsomehr aber die Fledermaus. In hohen» An- slchen stehe»» beide Thiere als zuverlässige Wetterpropheten. Ans die exotischen Fledermäuse, an die sick» der Vainpyrglaube knüpft, ging Redner nicht näher � ein. Der zufälligen Begegnung mit den beiden Schiere»» wird natürlich im Volke auch große Be« dcutnng beigelegt, und sogar daS Träumen von ihnen hat prophetische»» Werth. Nach den» Glauben der Zigeuner ist die Fledcrnraus aus einen» Kusse des Teufels entstanden. Voin Maul- »vurfe werden auch die aufgeworfenen Hügel zu allerhand Zauberei verwendet. Endlich gedachte Redner noch des Aberglaubens, daß die Fledermaus den» in die Haare fliegt, der sich abends unbedeckten Hauptes tm Freien aufhält. Auch als Bau-Opfer muß das Thier dienen, und weit verbreitet ist der Brauch, sie an die Thore der Ställe zu nageln. Hier dient sie wahrscheinlich als ein Mittel zur Verscheuchung von Dämonen. Die Sizilianer halten sie selbst für einen Dämon. Sie fangen sie unter besonderem Gesänge, um sie dann zu kreuzigen und zu verbrennen.—(«Voss. Ztg.") Aus der Pflanzenwelt. siv. D i e Schoten des Johannisbrotbaumes sind überall eine Delikatesse für die Kinder; aber in den südeuropäischen Ländern besitzen sie auch nicht unerheblichen wirthschaftlichen Werth, da sie nicht nur der ärmeren Bevölkerung als Nahrungsmittel dienen, sondern auch ein ausgezeichnetes Futter fiir Hansthi'ere, Schweine, Kühe und Pferde bilden. Ueber Trieft allein werden davon jährlich für ca. 2 Millionen Mark ausgeführt. Ein Bericht von Reville-Nolfe über die Kultur des Bauines, der etwa die Größe eines kräftigen Apfel- baumes hat, enthält viel interessantes Material. Hiernach gedeiht der Baum im Mittelmcergebiet an vielen Orten.wo nichts anderes wächst. In Neapel sät mau die Samen im Februar-März aus und im November setzt man die stärkeren Sämlinge in Töpfe; die fünfjährigen Bäumchen sind zum Auspflanzen ins Freie geeignet. In die Zwischenräume bringt man zuerst noch Gartengewächse. Ist das Bäumchen erstarkt, so wird es durch Pfropfen oder Okulircn ver- edelt; die beiden beste» Arten heißen„Honigbeutel", die eine giebt lange, schmale, die andere kurze, breite Schoten. Die veredelten Bäume bringen in der Regel nur tueibliche Blüthen hervor, die nicht veredelten meist männliche. Allerdings kommen auch sinnier einzelne Blüthen mit beiden Geschlechtern vor. Wo aber die männlichen Blüthen vorwiegen, da kann natürlich von einer lohnenden Ernte keine Siede sein. Der Hauptdistrikt der Johaunisbrotfruchtkultnr in Italien ist die Gegend um Bari am Adriatischen Meere. Dort sieht man den Baum in jedem Garten, häufig auch auf den Bergen. Nahe den Ruinen von Paeftnm giebt es eine Allee von Johannis brotbäumeu, die wohl einzig dasteht. Der größte der Bäume hat einen Stamnmmfang von 82 Zentimetern, ist 18 Jahr alt, besitzt eine Krone von S bis 7 Metern Durchmesser und ist 4 bis 5 Meter hoch. Jeder der dicht- belaubten, immergrünen Bäume giebt jährlich etiva 50 Kilogramm Schoten. Die ausgedehntesten Pflanzungen finden sich bei Licosa und Tresina, wo z'usanmien ca. 85 Bäume in Kultur sind. Diese Kultur breitet sich über die unfruchtbaren Hügel Italiens immer mehr aus.— Nstronomisches. — ss.— Eine Weltenzählung in Sternhaufen. Die Zahl der Weltkörper in den sogenannten Sternhaufen ist zuweilen, zum Beispiel in dem berühmten Sternhaufen des südlichen Stern- bildes deS Centauren, so groß, daß der Mensch eine Zählung vorläufig vollkommen aufgeben mutz, dagegen sind Stcrnzählungcn an mehren Stellen des Himmels mit einiger- maßen übereinstimmendem Erfolge vorgenommen worden. Der bekannteste aller Sternhaufen find die Plejaden, in dem das bloße Auge 6 bis 6 Sterne unterscheidet, während das Fernrohr viel mehr helle Punkte zur Beobachtung bringt. Man sollte nach dem Ruhm, den dieser Sternhaufen genießt, glauben, daß er auch bezüglich der Sternenzahl einer der bedeutendsten wäre, es ist aber durchaus nicht der Fall, wie einige Stcrnzählungen in dem Himmelsgebiet der Plejaden ergeben haben. Neuerdings hat der amerikanische Astrononi Professor Bailey mit dem großen Photo- graphischen Fernrohre der Harvard- Sternwarte in Cambridge lVereinigte Staaten) das Siebengestirn in einer sechs- stündigen Aufnahme photographirt und die erhaltene Photographie nachher noch vergrößert. Er stellte die erhaltene Platte, in deren Mittelpunkt der bekannte Stern Alcyone, der Weltinittelpunkt des alten Astronomen Mädler stand, in 144 Quadrate von je zwei Bogenminuten Seite. Nach dieser Anordnung war es keine so große Mühe, die auf der Platte erhaltenen Sterne zu zählen. Bailey fand auf derselben 3372 Gestirne, so daß auf jedes der kleinen Quadrate im Mittel 28 entfielen. In denjenigen Quadraten jedoch, in denen die hellsten Sterne des Sternbildes enthalten waren, war die Sternzahl noch etwas geringer. Die genannte Zahl von fast 4000 Sternen auf einer Fläche von zwei Quadratgraden des Himmels mag ja nun dem Laien gewaltig genug erscheinen, ist aber im Verhältnitz zu dem, was der Astronym von einem Steinhaufen erwarten sollte, geringfügig zu nennen. Nicht nur die Milchstraße übertrifft an Menge der sichtbaren Sterne die Gegend des Sieben- gestirns um das vielfache, sondern auch andere Himmelsgegenden in der Nachbarschaft des letzteren sind weit sternreicher, so daß man schließlich zu der Anficht gelangen wird, die Plejaden seien trotz ihres glanzvollen Aussehens ein verhältnißmäßig sternariner Himmelstheil. Als Beweis dafür mag eine andere Zählung dienen, die an derselben Sternwarte in einem Theile des südlichen Stern- bildes des„Schiff Argo" vorgenommen wurde. Hier wnrde die Umgebung des Sternes„Dia Oarinaa" in vierstündiger Aufnahme photographirt und die Zählung gab auf einer Fläche von 5 Quadratgraden insgcsammt etwa 250(XXI. Run sind freilich noch zwei Umstände zu beachten, die den alten Ruf der Plejaden einigermaßen zu vertheidigen geeignet sind und die ziemlich bestimmte Benmithung erwecken, daß i dieser Sternhaufen weit mehr Sterne enthält, als nicht nur das ,. �Zerantwortlicher Nedakteur: August Jacobey in Bei menschliche Auge, sondern auch die photographische Platte wahr- nehmen kann. Einmal nämlich sind, wie jeder Himmelskundige weiß, im Siebengestirn besonders viele hellere Sterne zusammen- gedrängt, und der Lichthof, der diese umgiebt, mag zahlreiche kleine Sterne in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft verdecken. Außerdem hat man dort droben zahlreiche Nebelflecke ent- deckt, und man könnte auf die Annahme kommen, daß dieselben manche Sterne verdecken, falls sie der Erde näher stehen und nicht ganz durchsichtig sind. Aber auch wenn die Nebelflecke im Siebengestirne nicht in dieser Weise fertige Welt- körper dem menschlichen Blick entziehen, so sind sie doch ge- wissermaßen ein Wechsel auf die künftige Erscheinung solcher, denn die Nebelflecke sind für den Astronomen unfertige Welten, die sich allmälig zu dem verdichten, was wir als Sterne bezeichnen. Endlich sei noch erwähnt, daß auch der russische Astronom Stratonoff vor einiger Zeit in den„Astronomischen Nachrichten" eine Mittheilung über Photographien der Plejaden veröffentlicht hat, und daß er be- züglich der Sternzahl dieser Himmelsgegend zu einem ganz ähn- lichen Ergcbniß gelangt ist wie neuerdings der amerikanische Astronom.— Technisches. b. Glas, das die Wärme nicht durchläßt, kann man wie die„Glasindustrie" angiebt, erhalten, wenn man 70 Theile Sand mit 25 Theilen Kaolin und 35 Theilen Soda zusammenschmilzt. Eine aus so zubereitetem Glase verfertigte Platte von 7>/, Milli- meiern Dicke ließ nur 11 bis 12 pCt. der Wärme hindurch, die eine Gasflamme ausstrahlte. Dieses Glas würde sich daher sehr gut zur Herstellung von Zylindern, besonders für Tisch- und ArbcitSIampen. eignen. � Humoristisches. — G e m ü t h l i ch. Lehrer:„Aber Pepi. was fällt Dir dem: ein? Die Schule geht um acht Uhr an, es ist schon neun Uhr und Du kommst jetzt e r st I" Schüler:„Gelt, da schaugst I"— — Vorsichtig. Kellnerin:„Jetzt sollten's doch heim- geh'n, Herr Wurstler, d' Frau wird schon lang warten l" Herr Wurstler:„Na wart i halt do lieber no so lang, bis daß's nimmer warft."— — Ein Geschäftsmann.„Die Fabrikation Ihres„Nähr- Kakaos" für s ch w ä ch l ich e Ki n d e r haben Sie wohl ganz ein- gestellt, nachdem sich derselbe so schlecht bewährt hat?" Erfinder:„I bewahre, aber ich empfehle ihn jetzt für Fettleibigel"— Vermischtes vom Tage. — In dem Jnscratcntheil der in H a g e n erscheinenden Zeitungen findet sich folgende von einer Frau ausgehende Ehrenerklärung: „Die über Herrn W. H. verbreiteten Verleumdungen nehme ich hier- mit zurück, da ich dieselben vollständig aus der Luft gegriffen habe. Im Anschluß hieran erkläre ich, daß ich, ein verlogenes Subjekt, nicht Werth bin, daß mich die Sonne bescheint."— — Zwei Knaben legten zlvischen Osnabrück und Evershaide auf das Bahngeleise schivere Steine, um den Zug zur Entgleisung zu bringen.— — Auf dem Bahnhos Blankenburg erschoß ein Arbeit er die Frau eines Schachtmeisters.— — In Leipzig-VolkmarSdorf drohte ein Kaufmann im Scherz, einen Arbeiter mit einem langen spitzen Messer, das er beim Abendbrot benutzte, zu stechen. Er holte aus, und in dem» selben Augenblick fuhr der Bedrohte infolge einer unglücklichen Wendung in das Messer. Die Spitze drang ihm ins Herz. Er starb nach wenigen Minuten.— — Beim Heckenscheeren bückte sich ein 13jähriger Knabe in Gevelsberg so tief, daß er mit der Nase in die Heckenscheere gericth und sich die Nasenspitze abschnitt. — Seinen Vater hat inWickenrode bei Kassel ein Arbeiter mit der Holzaxt ermordet.— — In Bozen wurde ein Z i r k u s d i r e k t o r in der Manege von einem ausschlagenden Schulpferde so unglücklich in der Magen- gegend getroffen, daß er nur noch einige Schritte machte und dann t o d t zilsammenstürzte.— — In S a I ern o versuchte eine junge Lehrerin die Frau und die drei Kinder eines Setzers, in den sie verliebt war, mit Atropin zu vergiften. Sie steht außerdem im Verdacht, den Tod ihrer Mutter, die diese Liebschaft mißbilligte, herbeigeführt zu haben. Die Mutter starb vor vierzehn Tagen unter Vergiftungs« symptomen.— y. Der Dampfer„City of Bristol", der am 26. September von S w a n s e a jEngland) nach Rotterdam abgegangen ist, hat seinen Bestimmungsort bisher nicht erreicht und gilt mit seiner 24 Mann starkes Besatzung als v e r s ch o l l c n. In F r e s h w a t er- W e st b a y ist ein Boot mit dem Namen dieses Schiffes an Land gettieben.— — Der ans Sierra Leone heimkehrende Dampfer„C a l a» bar" ist bei G r e a t B a s s a(Liberia) gestrandet. Verlust an Menschenleben ist nicht zn beklagen.—_ [in. Druck und Verlag von Bkax Babing in Berlin.