Anterhaltungsb! Nr. 215. Donnerswg. (Nachdruck verboten.) 23) Noman von Georges Eekhoud. In uitmittelbarer Nähe des Rubens-Dcirfmcrts haben Chor und Orchester auf der stufenweise aufsteigenden halb- kreisförmigen Tribüne Aufstellung genommen, in dereit Mitte der ftomponist thront. Die durch Taue abgeschlossenen Gartenanlagen des Platzes sind für die Honoratioren reservirt, während außerhalb dieser Demarkationslinie die Menge Straßen und Plätze überschwemmt, die Volksmenge, die sich ruhiger und gebildeter beträgt, als die bevorzugten Zuschauer und die auf- gebotene Macht der Polizisten und berittenen Gendarmen. Seit langen Stunden schon treten Arbeiter und kleine Leute mit philosophischem Gleichmuthe das Pflaster, ohne ihre gute Laune einen Augenblick zu verlieren. In dieses majestätische Schweigen eNvartrrngsvoller Feierstinimung, über das wogende Menschenheer, das die herabsteigenden Schatten der Nacht liebkosend umfingen, fielen plötzlich die Fanfaren der Trom- petcn, die die auf der obersten Gallerie des Thunnes dem Auge unsichtbaren Waffenhcrolde bliesen. Und die hellen Stimmen der Schwester-städte Gent und Brügge antworteten dem Anruf und begrüßten zu wieder- holten Malen die mächtige Metropole. Ihren immer leiden- schaftlicheren und gellenden Hochrufen folgte in gleichförmigem Wechsel der rauhe Ton der Trompetenfanfare aus der Höhe. Nach diesem Zwiegesang setzte das Geläut der Glocken ein, erst langsam und gedämpft, wie ein Vogel, der beim dämmernden Morgen im thaugetränkten Unterholz erlvacht. dann immer lauter und Heller die jnbilirende Stimme er- hebend. Und jetzt stinunten auch Chor und Orchester die Fest- Hymne an. Der Dichter pries die große Handelszentrale in voll- tönenden Strophen und bilderreichen, schwungvollen Gemein- Plätzen, denen die ganze Szenerie, die Begeisterung der Menge und Vyveloy's Musik erst die rechte Eindrucksmacht gab. Die fünf Welttheile waren herbeigeeilt, Antwerpen ihren Gmß zu entbieten, alle Völker der Erde zahlten ihm unterthänig ihren Tribut, und nicht genug an Neuzeit und Mittelalter, auch das Alterthum hatte sich zur Huldigung eingefunden. Das Universum und die Zeit, Geographie und Geschichte, Unendlichkeit und Einigkeit, alles mußte mithelfen, zum Ruhme der Nubensstadt sein Theil beizutragen. Der ganze Panegyrikus athmete im gründe echten und rechten Antwerpener Geist, denn von dem Maler und seiner Kunst war weniger die Rede als von seiner Herkunst und seinen Glücksumständen. Wenn der Dichter dabei auch des kriegerischen, heldenhaften Flanderns gedachte, so geschah es nur, um es zu Füßen der Stadt Antwerpen figurircn zu lassen, und auch Gent und Brügge, die glorreichen, gesinnungstreuen älteren Schwestern, im Triumphzuge des protzigen, übermüthigen Emporkömmlings mit aufzuführen. Brügge und Gent! Die kraftvollen Gemein- Wesen, die ihre Freiheit so trotzig vertheidigten und die wohl an ihrem Glanz verloren, aber an ihrer Ehre auch nicht einen Deut eingebüßt hatten, schmeichelten ihrer verschlagenen, liebedienerischen Rivalin. Rom beugte die Knie vor Karthago... Und die üppige, den Sinnen schmeichelnde Musik, die in ihrem stolzen Bau und farbenglänzenden Kolorit an die kaiserlichen Buhlcrinnen gemahnte, ließ diese Plünderung und diese Entstellung fast als legitimen Akt erscheinen. Delila's lasterhafter Glanz machte Simson's Elend vergessen! Als der letzte Ton verklungen war, als die Musik noch einmal das Hauptthema der Kantate anstimmte, uni beim Schein der Fackeln den Rückmarsch anzutreten, war Laurent so erregt und von der allgemeinen Begeisterung angesteckt, daß er ganz unbewußt mit den Musikern Schritt hielt und wie die anderen mitmarschirte. Für den Allgenblick war jeder Standesunterschied im Ueberschwang des Begeistcrungs- rummels vergessen: Arbeiter und Bourgeois zogen Arm in Arm dahin und briillten mit vereinter Lungenkraft die Jubel- Hymne mit. Laurent blieb unermüdlich und begleitete den Zug bis anS Ziel. Bei jeder Straßenkreuzung erneuerte sich die Menschenwoge, neue traten hinzu, andere blieben zurück, nur Laurent hielt aus. Vyveloy's Musik hätte ihn bis ans lt des Iorwäris 3. November. 18V3 Ende der Welt geführt. Die Menge und Zusammensetzung der Zugbegleuang änderte sich übrigens von Stadttheil zu Stadttheil. Längs des Hafens lind der Bassins ging Laurent mit Matrosen nild Schauerleuten, in der inneren Stadt schritten ihm Verkäufer und Ladeuinädchen zur Seite, auf den vornehineu Boulevards waren es Herrchen aus der Gesellschaft und Angestellte der großen Firmen, die seinen Weg krelizte'n, und in dem Straßenlabyrinth Saint- Andre, dein Schlupftvinkel der armen Schlucker und Hungerleider, schoben barhäuptige Burschen ihren Arm unter den seineu, und johlende Gassenjungen zogen und zerrten an ihm herum. Er aber dachte nur an Antwerpen und Rubens und hörte nichts als die Kantate, deren jubelilde Nythmen sein ganzes Sein erfüllten. „Eine stolze Stadt bist Du, das ist wahr, aber Du bist auch die Stadt der ausgesprochenen Selbstsucht, die Stadt. die in ihren Mauern ein Rudel Wölfe beherbergt, die in ihrer unstillbaren Freßgier einander zerfleischen, wenn sie mit den Schafen anfgeränmt haben. Mit Deiner Entartung und Scheinheiligkeit, Deiner Zügellosigkeit, Deiner schreienden Prunksucht, Deinen lüsternen Trieben, Deinem Haß gegen die wirthschaftlich Schwachen und Deiner Furcht vor der bcwaff- netcn Söldnermacht, gemahnst Du mich an Karthago. Und wer steht denn an der Spitze unserer Stadtvcrwal- tllng? Ein Haufen eitler, bornirter und aufgeblasener Bureau- kraten, die mit dem Uebennuth frecher Sufseteu') schalten und walten. Kennst Du den letzten Streich der Herren. Bergmans? Als sie eines Tages nichts mehr zu demoliren und zu bauen hatten, eine Thätigkeit. der sich rechtschaffene Kommlinalbehörden stets mit besonderer Vorliebe widnien, beschließen die Braven, den „Blauen Thurm", eins der letzten Denkmäler der Kriegs- architektur des vierzehnten Jahrhunderts, die wir noch in Europa besitzen, niederzulegen. Alles>vas die Stadt an Künstlern und Kunstkennern in ihren Mauern beherbergt, geräth darob natürlich in Aufregung und sendet der Regent- schaft Petitionen über Petitionen. Und was thun unsere Auguren angesichts dieses Proteststurmes'( Sie geruhen, den bei solchen Dingen unvermeidlichen Viollet-Le Duc als Sach- veiständigen zu befrage», und da auch dieser Archäologe den Muth hat, anderer Meinung als die allwissenden Handel- treibenden Stadwäter zu fem und, wie die ganze Künstler- schaft. der Erhaltung des alten, ehrwürdigen Bauwerks das Wort zu reden, so geht die hohe Obrigkeit über sein Gutachten zur Tagesordnung über und beeilt sich, den Thurm nieder- reißen zu lasson... Und gleichwohl ist unser Antwerpen eine herrliche Stadt. Du hast mit gutem Grunde seinen unbeschreiblichen An- ziehungSreiz gerühmt. Rombaut, einen Reiz, der selbst seine ärgsten Widersacher verstummen läßt. Wir können der Stadt im Emst nicht böse sein, daß sie diesem Geschmeiß von Protzen zu Willen ist. Wir lieben sie wie ein Weib, das uns mit seiner Sinnlichkeit bethört. Selbst die Elendesten unter ihren Bewohnern bringen es nicht fertig, ihr zu fluchen..." Es war Laurent Paridael, der seinem Herzen in eben- vermeldeter Weise Luft machte, als er eines Tages im Wirths- Hause zum„Weißen Kreuz" mit Bergmans, Rombaut und Marbol zusannucnsaß. „Alle Wetter, unser junger„Naticgast" geht ja da hübsch ins Zeug I" sagte Vyvcloy.„Und das alles, weil er findet, daß ich in meiner Kantate den Lokal- Patriotismus auf Kosten von Brügge und Gent zu sehr hervorkehre I" Antwerpen wird sich schon wieder erheben I" warf Berg- mans ein.„Die Stadt wird schon das Joch abwerfen, das man ihr aufgezwungen hat. Nicht lange mehr und sie wird ihren wahren Kindern wiedergegeben sein. Du sollst sehen, Paridael, das Unabhängigkeitsgefühl macht sich bei der Maffe immer stärker bemerkbar. Du wirst bald Neues hören, das versprach' ich Dir! Es weht ein frischer Lustzug, der unsere Jugend belebt und kräftigt. Hier handelt's sich nicht nur um die schöne und stolze Stadt, wir haben auch ein nicht ninder interessantes Volk, welches es herzlich satt hat, sich von seinen erwählten Vertretern am Gängelhande führen und verhöhnen zu lassen!".., •) Magistratspersonen von Karthago. Lergmcms' Prophezeiung sollte sich bald erfüllen. Seit lange schon lag ein Gewitter in der Luft und Vyvcloy's zündende Kantate trug nicht den geringsten Theil dazu bei. es zur Entladung zu bringen. Die Protzen hatten, als sie die Veranstaltung des Rubens-Jubilämns in die Hand nahmen. sicher nicht daran gedacht, dieses Ergebnis; herbeizuführen. Die Erinnerungsfeier ließ auch das Gedächtniß an die Volksführer des XVI. Jahrhunderts, an die Marnix de Sainte- Aldcgonde, die Gm Raumes le Taciturne, wieder aufleben. Man grub aus dem Schutt der Vorzeit das Schinipfwort wieder aus, das den Patrioten in den Tagen Karls V. und Philipps II. beigelegt wurde, und nahm als ehrenden Schmuck den Namen„Geusen"**) an, den Namen,? den die tapferen Vorfahren zu Rang und Würde eines Ehrentitels erhoben hatten. Die Aristokratie, die allem theilnahms- los gegenüberstand und die mehr und mehr in das ultraniontane Fahrivasser gerathen war, sah zwar mit hämischem Vergnügen die Ungelegenhciten, die die wachsende Volksbewegung den geldmächtigen Emporkömmlingen bereitete, wagte indessen nicht, sich offen zu gunsten einer Partei aus- zusprechen, die sich unter der Fahne und dem Losungswort der siegreichen Gegner des katholischen Spanien sannnelte. Zumal unter den Hafenarbeitern nahm die Aufregung einen immer bedrohlicheren Charakter an. Zwischen Bejard und den„Nationen" war es schon zu vereinzelten Reibereien gekommen. Die Sache begann mit Streitigkeiten wegen einer Schuldforderung, die die„Amerika" gegen Bejard geltend machte. Der Rheder wollte die aufgestellte Rechnung nicht anerkennen und lehnte die Vczahlnug rundweg ab. Inzwischen war ein Schiff mit einer für ihn bestimmten Gctreideladung in den Hafen eingelaufen. Bejard wandte sich wegen Löschung der Ladung an eine mit seiner Gläubigerin konkurrirende „Nation", da aber in dergleichen Fällen die Korporationen gemeinsame Sache zu machen pflegten, so wurde ihm der Bescheid, daß die Erledigung seines Auftrages erst erfolgen könnte, nachdem er seinen Verpflichtungen gegen die Konkurrenz- gesellschaft nachgekommen wäre. Eine dritte und vierte Nation, an die er sich wandte, machte die Arbeitsübernahnle von derselben Bedingung abhängig. Wüthend über die Erfolglosigkeit seiner Schritte und von dem Wunsche beseelt, seinen Willen durchzusetzen, verschrieb er sich Werftarbeiter und Schaucrlcute von Vlissingen, dem nächst- gelegenen Seehafen. Der Empfang, den die Holländer seitens ihrer flämischen Kameraden fanden, war der denkbar unfrcund- lichste, man warf einige von ihnen in die Bassins, zog die Halbertränktcn aus dem Wasser, um sie aufs neue cinzu- tauchen, und setzte das Geschäft so eindringlich fort, daß die Holländer heilfroh waren, als sie erst wieder im Zuge saßen, der sie nach der Heimath zurückbcfördertc, und den feierlichen Schwur ablegten, fürderhin nie wieder diese entschlossenen Antwerpcner in ihren Ausstandsuntcrnehmungen zu stören. Bejard schäumte vor Wuth, als ihm gemeldet wurde, daß die Holländer nach erfolgter Abkühlung seine Sache feige im Stich gelassen hatten, und schwor hoch und heilig, an Vingerhout und diesen unverschämten Nationen früher oder später furchtbare Rache zu nehmen. Da aber sein Getreide unterdessen Gefahr lief, im Kielraum des Schiffes zu ver- faulen, sah er sich vorerst wohl oder übel genöthigt, die Forderungen der heimischen Schauerlcutc zu bewilligen. Nicht lange daraus bot sich ihm ein neuer Anlaß, die Feindseligkeiten gegen den gar zu aufsässigen Pöbel wieder zu eröffnen. In den Vereinigten Staaten von Amerika waren gerade zu der Zeit die„Elevatoren" erfunden worden, mechanische Apparate, die die Dienste von Krahn, Leichterschiff und Zählwaage gleichzeitig verrichteten. Die Verwendung dieser Elevatoren beini Löschen der Getreideschiffe machte einen großen Theil menschlicher Arbeitskraft entbehrlich und konnte gegebenenfalls zahlreiche Mitglieder der„Nationen" in ihrer Existenz bedrohen. Der Arbeiter hatte sich deshalb auch keine geringe Erregung bemächtigt, als es bekannt wurde, daß Bejard bei der„Regentschaft" die Einführung und den Ge- brauch dieser Elevatoren befürwortet hatte. An dem Abend, an dem der Rath der Stadt Sitzung hielt, um über Bejard's Antrag Beschluß zu fassen, niarschirten die von Vingerhout einberufenen„Baes", Aeltcsten und Mit- glieder in geschlossenem Zuge auf die Grand Place und nahmen vor dem Rathhause Aufstellung. Im Arbeitsanzüge und aufgekrempelten Acrmeln warteten die Leute in ent- Eigentlich Bettler; Name, den sich die gegen die spanische Herrschaft kämpfenden Niederländer beilegten. schlossener Haltung, die Arme trotzig in die Seite gestemmt, den Stopf stolz aufgerichtet und mit stinkelnden Augen nach den erleuchteten Fenstern des Sitzungssaales schauend. Mit vergnügtem Schmunzeln, die Pfeife zwischen den Zähnen eilt Vingerhout ausgelassen als ginge es zum Tanze von Gruppe zu Gruppe und giebt seinen Leuten die letzten Weisungen. Obgleich er heute Abend kaum einen Schriftführer braucht, hat er den jungen Paridael mitgenommen, der sich nicht wenig über das Gewitter fteut, das sich da über dem Haupte des verhaßten Bejard zusammenzieht. „Heute giebt's was zu lachen,„Kerel"". ruft Vingerhout und reibt sich die Hände, als ob er sich die Knochen zer- brechen wollte. Die Polizisten haben wohl den schüchternen Versuch ge- macht, die Ansammlung zu zerstreuen, aber angesichts der ver- teufelt ausdrucksvollen Mienen, mit der die ungemüthlichen Manifestanten ihre Aufforderung zum Auseinandergehen un- berücksichtigt lassen, ziehen sie vor, nicht weiter auf Ge- horsamsersüllung zu dringen. Der„Zuckerkanal", der von der Grand Place zur Scheide führt, ist zwar eine ziemlich lange Straße, indessen den strammen Burschen hier dürfte es am Ende nicht schwer fallen, die windigen Hüter der Ordnung die zweihundert Meter bis zum Wasser zu tragen. (Fortsetzung folgt.) Im Der Himalatza, die große Gebirgskette, in welcher sich die höchsten Erhebungen auf unserer Erde finden, grenzt in seinem oft- lichcn Thcile das britische Indien von den» großen Reich der Mitte ab, wofern man das ausgedehnte Hochland Tibet, in dem der chinesische Einfluß in raschem Sinken begriffen ist, noch zu China rechnen will. In großem, nach Norden geöffneten Bogen zieht sich die riesige Gebirgskette vom Indus an in nordöstlicher Richtung in einer Länge von etwa 2'/s tausend Kilometer, also mal so lang als die Alpen, deren Höhe im allgemeinen auch um mehr als das Doppelte vom Himalaya übcrtrosfen ivird. Der westliche Theil dieses größten Hochgebirges der Erde ist geographisch und geologisch ziemlich gut durchforscht. Bis zur Karakorumkcttc hinauf, von der der Himalaya durch den Oberlauf des Indus getrennt ist, ist daS Bergland in britischem Besitz, und seiner Erforschung stehen deshalb nur die durch die Natur gebotenen Schwierigkeiten entgegen. Weiter nach Osten aber, in Tibet, konimen die Hindernisse hinzu, die von den tibetanischen Behörden jeder Expedition, die von Europäern oder Amerikanern unternommen wird, in den Weg gelegt werden. Es herrscht ein strenges Verbot, durch das jedem Europäer und Amerikaner das Betreten des tibetanischen Bodens von der indischen Grenze aus untersagt ist; nur die Nngcborenen der unter englischer Hoheit stehenden Grcnzvölker dürfen Handel in Tibet treiben und Karawanen nach der Hauptstadt des Landes, der heiligen Stadt Lhassa. führen. Auf britischem Boden, in der Provinz Kmnaon, nahe beim Städtchen Askot, von wo man ins Hochgebirge aufsteigt, lebt weit- abgeschieden in Wäldern ein seltsames Völkchen in idyllischer Be- dürfnißlosigkeit, die Raots oder Rajis, oder luie sie von den um- wohnenden Völlen» genannt iverden, die Waldmenschcn. Flußfische, Fleisch von»vilde» Thicrcn und Wurzeln bilden ihre hauptsächlichste Nahrung; ihre ganze Kleidung besteht aus einem einfachen Schurze. Seit einige» Jahren haben sie allerdings auch andere Kleidungsstücke angenommen und sind auch zun» Ackerbau über- gegangen, den sie mit sehr primitiven Werkzeugen betreiben. Aber durch die Berührung mit zivilisirten Stämmen haben sie a»ich den Schnaps kennen gelernt, nach dein sie, wie alle Wilden, sehr gierig sind. Daher ist es kaum zweifelhaft, daß ihre Tage gezählt sind; zwar Iverden bei ihnen genügend Kinder geboren, aber bei dem entsetzlichen Schmutz, der in ihren Hütten herrscht, wird die ohnehin große Sterblichkeit der Kinder durch den Alkoholgemiß und seine Folgen noch vermehrt, und so ist die Zahl der Raots in rascher Ab- nähme begriffen. Bis zur Grenze hin wird das immer höher ansteigende Land von den friedlichen Shoka's bewohnt, die den geringen Handel nach Tibet vermitteln. Wie die eigentlichen Tibetaner, die, wie sie, zur mongolischen Rasse gehören, sind auch sie Anhänger der Religion des Buddha. Der Kern dieser tiessinnigei» Erlüsungsreligioi» ist im Lalife der Jahrhunderte durch allerhand Aberglauben in schlimmster Weise überwuchert. DaS Gebet z. B. hatte ursprünglich den Zweck, Buddha, den menschgewordencn Gott, zu preisen»ind im Betenden den Wunsch lebhast zu machen, daß er sich zu einer gleichen Voll- kommenhcit durcharbeiten möge, ivie Buddha sie habe, uiid ihn somit energisch zu einem fronimcn Leben zu führen. Heute schreibt»»an dem Gebet dagegen eine»nagische Kraft über die Gottheiten selbst zu und glaubt,»»ai» könne sich die guten Gottheiten durch Gebet günstig stnnnien und den böse»» ihre Gewalt nehmen. Deswegen wird das Beten geradezu fabrikmäßig mit Hilfe von sog. Gebctmaschinen besorgt. Die Shoka's benntzen� hierzu in eigenthumlichcr Weise den Wiiid. Sic befestigen einige Stofflappc»», nieist von weißer, zuweilen auch von rother und blauer Farbe, mit dem einen Ende an einer Schnur, die sie quer über einen Weq, etwa einen Gebirgspaß oder Fußpfad, spannen. So lange sich dann ein solcher Lappen bewegt, ist dies ein Gebet. Solche fliegende Gebete ver- fertigen sie bei den verschiedensten Gelegenheiten; sie binden die Lappen an Stöcke, Pfähle oder Baumäste, und zwar sehr fest, damit diese Gebete möglichst lange vorhalten. Gewisse Sträucher und Bäume an unheimiichen, romantischen Orten in den Bergen sind mit diesen religiösen Zeichen ganz bedeckt; eine große Zahl ähnlicher kleiner Flaggen sieht man auf den Dächern fast aller Wohnungen der Shöka's, neben den Gräbern und an den Außenthoren der Dörfer. Die Shoka's besitzen eine allgemein benutzte Einrichtung, durch die den jungen Leuten beiderlei Geschlechts Gelegenheit gegeben wird, einander näher kennen zu lernen. Es ist das der sogenannte Rambang, ein Versammlungsort oder Klub, wo junge Mädchen und junge Manner nachts zusammenkommen und um ein großes Feuer Wolle spinnend und lustig bei einander sitzen. Wenn ein Paar sich hier zum Bunde fürs Leben zusammengefunden hat, geht der junge Manu mit geringen Geschenken zu den Eltern seiner Erwählten, die ihn, falls ihnen die Ehe genehm ist, freundlich empfangen. Er zahlt ihnen dann noch ein sog.„Milchgeld", je nach dem Stande der Brautleute fünf bis hundert Rupin, und damit sind die noth- wendigen Formalitäten erledigt. Auch die Hochzeitszeremonie ist äußerst einfach. Es wird ein Kuchen gebacken, von dem die Freunde beider Familien sowie auch Braut und Bräutigam essen. Häufig unterlassen sie selbst diese einfache Handlung, und begeben sich ohne weiteres in die eheliche Gemeinschaft; jedenfalls findet nie eine besondere Form von Gottesdienst zur Heiligung des Ehebundes statt. Dabei lhalten sie die Ehe selbst sehr heilig und bestrafen den Ehebruch, der nur sehr selten vorkommt, mit Konfiskation des Vermögens, die oft nicht nur den Missethäter, sondern auch seine Verwandten trifft. Die englische Herrschast gewährt diesem friedfertigen Volke nur wenig Schutz; nach dem Berichte des englischen Reisenden Landor, der im vorigen Jahre von Cumaon aus nach Tibet eindrang, ist die britische Oberherrlichkeit an der tibetanischen Grenze nur eine scheinbare, die wirklichen Herren des Landes sind die Tibetaner, die sich fast täglich ungestraft Grenzverletzungen und Uebergriffe gegen die Scholas zu schulden kommen lassen. Sie erheben Grund- steiler von ihnen und zwingen sie. für ihre Streitigkeiten vor tibetanischen Behörden auf tibetanischem Grund und Boden Recht zu nehmen, wie sie sich auch eine Strafgewalt über sie anmaßen, ohne daß die indiscbe Regierung einen nachdrücklichen Einspruch erhebt. Nach Landows Bericht ist denn auch das Ansehen der Engländer, von denen sie nie einen Schutz genießen, unter diesen gutmüthigen Gebirgsbewohnern nur ein geringes. Der schon genannte Reisende Landor hatte für daS vorige Jahr den Plan der näheren Erforschung Tibets gefaßt. Weil er wußte, daß der Zugang von Britisch-Jndien aus untersagt und deshalb mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist, wollte er durch das russische Turkestan, durch Buchara und das chinesische Turkestan gehen, um Tibet von Norden aus zu betreten. Da aber der Dampfer, der seine Ausrüstung trug, Schiffbruch litt, und es zweifelhaft schien, ob er beim Festhalten der russischen Route die Reise nicht um ein Jahr aufschieben müßte, entschloß er sich trotz der damit verbundenen Gefahren, von Indien ans in den tibetanischen Theil des Himalaya einzudringen. Es gelang ihm auch, mehrere Monate in Tibet zu verweilen und neben manchen geographischen FeststeNungen interessante Be- obachtungen über Land und Leute anzustellen, die er in seinem soeben erschienenen Reisebericht*) in anziehender Weise dargestellt hat. Das Ziel seiner Sehnsucht, die heilige Stadt Lhassa, wo der Dalai Lama, der oberste Priester, residirt, erreichte er allerdings nicht. Die tibetanischen Behörden, die von seinem Vorhaben Keniitniß bekommen hatten, ließen ihn durch eine beträchtliche Truppemnacht verfolgen, der er mehrmals durch kühnen Wagemuth entging. Schließlich ließ er sich aber täuschen und ging in der Meinung, ein Zeltlager friedlicher Nomaden vor sich zu haben, von denen er, wie schon öfter, Lebensmittel und Reitthiere einhandeln könne, unbewaffnet dorthin. Es war dies jedoch eine ihin gelegte Falle; er wurde überwältigt und nebst seinen zwei Gefährten als Gefangener abgeftihrt. Ursprünglich waren sie zum Tode verurtheilt, und sie wurden nach tibetanischer Art vor der Vollstreckung des Unheils vielen grausamen Torturen ausgesetzt. Doch traf schließlich noch vor ihrer Enthauptung ein Befehl ein, sie wieder an die indische Grenze zurückzuschaffen. So legten sie den Rückweg ans ge- zwungener Route unter tibetanischer Eskorte zurück. Doch gelang es dem Reisenden auch unter diesen Umständen noch, Aufzeichnungen über die Reise zu machen und eine Karte seines Weges anzu- fertigen. In einer Tasche befand sich noch etwas Papier, das die Tibetaner beim Durchsuchen seiner Sachen entweder übersehen oder nicht beachtet hatten; als Schreibstift benutzte er ein kleines Stück- cheit Knochen, das er am Wege aufgehoben hatte, und als Tinte diente ihm das Blut, das ihm aus seinen von der Tortur herrührenden offenen Wunden reichlich zur Verfügung stand. Dabei befanden sich seine Hände in Handschellen, und er mußte es vor seiner mißtrauischen und abergläubischen Wache ver- bergen, daß er die rechte Hand daraus befteien und zeichnen und schreiben konnte. *) Henry S. Landor. Ans verbotenen Wegen. Reisen und Abenteuer in Tibet. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1893. Trotz dieser mißlichen Umstände brachte ihm die Rückreise eine nicht unwichtige geographische Eutdeckimg. Schon auf der Hinreise hatte er in einer Höhe von mehr als 6009 Metern(mehr als 1000 Mir. über dem Montblanc) östlich von dem heiligen See Mansarowar den nördlichen Quellfluß des gewaltigen Brahmaputra entdeckt, eines der größten Ströme der Erde, der im Norden des Hinialäya entlang fließend sich im Osten der Bergketten nach Süden umbiegt und nach einer Gesammtlänge von etwa 3000.Kilometern mit dem Ganges vereinigt ins Meer fließt. Der Rückweg wurde etwas südlicher unternommen, als die Hinreise, und führte ihn zu der zweiten Quelle der Brahmaputra, so daß der Reisende trotz des verunglückten Plaues zwei geographisch wichtige Stellen näher auf- nehmen konnte, die vorher zu betreten noch keinem Europäer ge- glückt war.—(Schluß folgr.) TNoittrs Fenillckott. — Ei» neuer„Kaspar Hanser". In Neßlau im Toggen- bürg(Kauton St. Gallen) ist ein etwa sechzigjäbriger Mann gestorben, über dessen Herkunft und Jugend eiisiräthselljaftes Dunkel liegt. Er war seit 1853 Insasse der Armenanstalt in Neßlau und unter dem Namen„Seluner" im ganzen Toggenburg als geheimniß- volles Wesen bekannt. Er wurde im Anfang der fünfziger Jahre als etwa löjähriger taubstummer und halb verwilderter Bursche auf dem Seluu im Obertoggenburg aufgefangen und dami als Heimathloser der Gemeinde Neßlau zugeschrieben. Alte Männer, die noch von seiner Auffindung wissen, erzählen, daß dieselbe eine eigentliche Hetzjagd gelvesen sei. Da er stumm und taub war, konnte man nichts über seine Herkunft erfahren; man gab ihm den Namen Jo- Hannes Seluner, und im Volksmund galt es allgemein als sicher, daß der Unglückliche ausgesetzt worden und das Opfer eines Ver- Drechens sei. Ueber sein Verhalten in der Armenanstalt Neßlau bringt der„Toggenburger Anzeiger" interessante Mittheilungen. In seinem ganzen Wesen glich er einem halb verthierten Menschen, und man hatte Mühe, aus der affenähulichen Physiognomie menschliche Züge herauszufinden. Nur die Augen seien prächtig und lebhaft gewesen. Bis ins vor- gerückte Alter war es nie möglich, Seluner in Kleidung und Nahrung menschenähnliche Gewohnheiten beizubringen. Er besaß eine geradezu herkulische Kraft, die er oft an den Bäumen und an den Wuhren an der Thür erprobte. Im Toggenburg wird erzählt, daß vor etwa zwanzig Jahren ein„vornehmer Herr" ins Thal gekommen sei und alle Armenhäuser abgesucht habe. Als er auch m Neßlau eintraf, sei Seluner, freudige und unartikulirte Töne ausstoßend, ans den Fremden losgestürzt, und habe mit thierischen Zeichen freudiger Ueberraschuna des Besuchers Knie umfaßt. Der„vornehme Fremde" aber habe sofort mit der Post das Toggenburg wieder ver- lassen und habe sich seither nie niehr sehen lassen.— Theater. — In der„Wiener Rundschau" schreibt Adele Sandrock über die B u r g s ch a u s p i e l e r: Bei jedem Auftreten, selbst bei Wiederholungen des nämlichen Stückes hatte ich die Empfindung, als ob nie eine Probe vorhergegangen wäre. Ein sreundnachbar- liches Zusammenleben ans der Szene eyistirt da nicht mehr. Fast jeder spielt, als ob er allein auf der Bretterwelt wäre. Nur der Dichter könnte hier noch großen Erfolg erzielen, der ein Stück schriebe, in welchem jede einzelne Person die andere in den Grund zu bohren trachtet und niemand einen Funken Menschengefühl in der Brust hegt. Ich begegnete stets fragenden Mienen:„Wer bist Du? Wie heißt Du'{ Wir sind in jedem Stück ein und dieselben. nur Du bist in jeder Rolle eine andere; darum kennen wir Dich nicht."— Völkerkunde. — lieber das Färben mit dem Safte der P n r p u r m n s ch e l im alten Amerika sprach in der Oktober-Sitzung der Anthro- pologischen Gesellschaft Professor von Martens. In Zentral-Amerika, an der Westküste von Costarica scheint die Purpursärberei schon vor alter Zeit geübt worden zu sein. Uloha, der 1744 dort mit Ver- Messungen beschäftigt war, berichtet, daß die Indianer den Saft einer Schnecke zum Färben von Baumwollfädeu benutzen, die sie dann auf die Kleider aufnähen. Dieser Saft sei zunächst weiß, werde aber an der Lust grün und dann roth. Es kann sich offenbar nur um den Saft der Purpura patula handeln, denn es ist für Amerika keine andere Schnecke bekannt, die einen Saft von datier- Haft rother Farbe liefert. Fraglich kaitn nur sein, ob die Purpur- färberei nicht vielleicht erst aus Spanien in Amerika eingeführt ist. Vortragender ist nicht dieser Ansicht, schließt vielmehr aus mancherlei Berichten und Thatsachen. daß es sich um eine schon vor Columbus in Amerika geübte Fertigkeit handelt. Er verbreitete sich auch über die Art und Weise, wie man den Purpursaft in der Schnecke entdeckt haben mag. Es sei das vermuthltch durch Zufälligkeiten erfolgt, wie sie eintreten können, Ivettn man die Schnecken zum Verspeisen zubereitet oder wenn man sie aus dem Gehäuse entfernt, um dies als Blasinstrument oder zu noch anderen Zwecken znrecktt zu machen. Flecke, die der dabei ausgeträufelte Saft auf Kleidern u. dergl. er- zeugt habe, werden die Leute bald auf dessen Färbekraft aufmerksam gemacht habe». Medizinisches. t. P i k r i n- S a n r e in der Heilkunde. Es hat fnr die als Pikrin-Sänre bezeichnete chemische Verbindung eine Zeit gegeben. Ivo sie das allgemeine Interesse erregte; es war dies zur Zeit, als die ersten Anwendungen dieses Stoffes zur Herstellung der Melinit- Bomben gemacht wurden. Seit einem Jahrzehnt ist es davon recht still geworden und man hat nur selten überhaupt etwas von der Pikri»- Säure gehört. Jetzt tritt in einer Mittheilung des Pariser „Bulletin Medieal" die ehemals zu einem Sprengstoff verwandte Säure als ein Heilmittel ans, um sich nunmehr auchaufsriedlichem Gebiete zu be- thätigen, hoffentlich hier mit mehr Erfolg. Es ist das sogen. Ekzem oder die nässende Flechte, ein gelegentlich recht bösartiger Haut- ausschlag, der mit diesem Mittel behandelt werden soll. Eine Lösung von i Theil Pikrinsäure auf 36 Theile reinen Wassers soll, ans die ertränkte Hantfläche aufgepinselt, das schmerzliche Jucken sofort stillen, es bildet sich über der wunden Stelle eine Art von schützender Hülle, unter der die Heilung und Vcniarbung sich rasch vollzieht. Die Pikrinsäure hat nach dem genannten Fachblatte keinerlei giftige Eigenschaften und kann ohne Gefahr auf weite Hautflächen angewandt werden, auch im Gesicht und auch bei Kinder», die besonders von dieser Art vou Krankheit heimgesucht werden.— Aus dein Thierrciche. — Ein N o g g e n s ch ä d l i n g. Gelegentlich der Ausstellung der Lokalabtheilnng Gummersbach in Bcrgncustadt, so wird der „Zeitschrift des landwirthichaftlichen Vereins in Rheinpreuffen" ge- schrieben, wurde ich mehrfach auf einen Schaden im Roggen auf- merksam, welcher manche» Landwirth interessiren dürfte. In allen ausgestellten Proben gedroschenen Roggens konnte man vereinzelte Körner finden, welche zum Theile vollständig ausgehöhlt oder mehr oder weniger angebohrt waren. Diese Beobachtung veranlasite mich, den eingebrächten Roggen bei verschiedenen Landwirthcn meines Schulbezirks genau zu untersuchen, was zum Resultat führte, das; auch an den Roggenähren Fraszstellen mit angebohrten Körnern häufig zu finden waren. Diese Beschädigungen der Roggenähren sind das Zerstörungswerk von Raupe» der Oueckenculc(Uadena basiliena). Die Raupen werden zuletzt bis 2'/z Zentimeter lang, haben bleichgrau- braune Farbe mit Heller Mittellinie und rothbraunem Kopf und Nackenschild. Die Entstehung ist nicht uninteressant: Ein ca. 2 Zentimeter langer Schmetterling mit lederbraunen Borderflügeln und glänzend gelbbraunen Hinterflügeln, legt für gewöhnlich seine Eier an Gräser auf Wiesen und bernsten Plätzen, bei starkem Auftreten auch an das Getreide, wo die anfangs kleinen Räupchen»ach etwa 12 Tagen auskommen und ihren Frag beginnen. Sie kommen mit der Ernte in die Scheunen, wo sie sich dann auf dem Boden und an den Wänden zeigen, die Könicr weiter verzehren und sich im Frühjahr verpuppen,' während diejenigen, welche auf Wiesen leben, im Freien überwintern. Im Mai und Jnni erscheint der Schmetter- ling. Möglichst rasches Ausdreschen des Roggens ist das einzige Bekämpfungsmittel, da man den Raupen auf dem Felde nicht bei- kommen kann.— Meteorologisches. — In der letzten Sitzung der Meteorologischen Gesellschaft hielt ?rofessor Dr. Hallmann einen Vortrag über den Zusammen- ang von Gewittern und Gezeiten. Aufmerksam gc- macht durch den bei den Bewohnern der Nordseeküste weitverbreiteten Glauben, dafi die Gewitter mit der Fluth aufkämen, hat der Vor- tragende die Gewitter, die in den letzten zehn Jahren auf der sehr zuverlässigen meteorologischen Station in Wyk auf Föhr beobachtet worden sind, auf die zur Zeit ihres Ausbruchs(erster Donner) herrschenden Fluthverhältnisse hin untersucht und dabei festgestellt, daß von den 209 Einzelgewittern dieses Zeitraums 103 bei steigen- dem und 106 bei fallendem Wasser begonnen haben, so daß sich die Annahme der Küstenbewohner als ein Aberglaube erweist. Theoretisch läßt sich auch nicht erklären, warum beim Eintreten der Fluth die Gewitter häufiger werden sollten. Man könnte zwar annehmen, daß etlva bei fallendem Wasser durch die im Wattenmeer eintretende Vergrösicrung der Landfläche das Spiel der auf- und absteigenden Luflströme vergrößert wird und daß die Gewittererscheinimgen dann eintreten, wenn diese Wirkung eine zeitlang vor sich gegangen ist; dem widerspricht aber der Unistand, daß ein großer Theil der Gewitter aus Nachtgewittern besteht. Mechanische Wirkungen der Art, daß das zufluthcnde Wasser die Luft mit fortbewege, hält der Vortragende für gänzlich ausge- schlössen. Er bemerkt noch über die Vertheilung der Gewitter, daß an der Westküste von Schleswig- Holstein das Maximum der Ge- witter in den August falle, doch seien auch der September und Oktober sehr gewitterreich, und die Wintergewitter spielten eine lveit bedeutendere Rolle als bei uns. Diese Wintcrgewitter träten vor- nchrnlich in der Nacht ein. Für das ganze Jahr falle allerdings das Maximum der Gewittcrhäufigkeit auf die Stunden von 2—4 Uhr nachmittags, doch sei noch ein starkes zweites Maximum für die Nachtstunden von 10—12 Uhr vorhanden.— (.Vossische Zeitung.") Technisches. gr. Eine historisch interessante W a sse r v er- s orgnngS-Anlage besitzt die Stadt Celle. Während die Stadt durch Bnuiiien mit Wasser versorgt wird, hat die frühere Altstadt und das Schloß eine alte fiskalische Wasserleitting. Auf einer kleinen Insel neben der Rathsmühle steht der Thurm der fiskalischen Waffer- tunst. die nach dem„Journal für Wasserversorgung- 166s angelegt ist, hauptsächlich, um den braubcrechtigten Häusern in der Stadt Wasser zuzuführen; später ttaten auch öffentliche Brunnen und sogenannte Nothbrunnen hinzu, die bei Feuersgefahr, bei Reinigung der Straßengossen u. s. w. benutzt wurden. Noch gegenwärtig sind 73 Häuser— früher Altstadt und das Schloß— an die Kunst angeschlossen. Die Regierung schien in letzter Zeit den Empsöngcni das Recht auf den Wasserbezug streitig machen zu wollen, hat aber jetzt wohl davon Abstand genommen, es ist mit dem Pächter der Rathsmühle Vereinbarl, daß er in die neu zu erbauende Mühle eine Anlage zur Hebung des Wassers ein« baut, wogegen der alte Wasserthurm zum Abbruch gelaugt. An dem Gebäude der Pumpstation bei der Mühle ist ein auf die Errichtung der Leitung bezüglicher Denkstein angebracht, auf dem folgende Worte zu lesen sind:„Von Gottes Gnaden Friedrich Herzog von Braun- schweig und Lüneburg, postulirter Coadjunktor des Stifts Ratzeburg, erivählter Dompropsi des Erzstists Bremen, hat diese Wasser« kmist verfettigen lassen. Anno MDCXXXIX." Ein zweiter Denkstein an demselben Hause besagt:„Anno 1668 ist die ganze Wasser« kunst sowohl in- als außerhalb Wassers, das bloße Gebäude aus- genommen, von Grund aus neu gemacht worden." Das Haus macht noch jetzt wie das ganze Werk einen sehr soliden Eindruck. Durch vier Druckpumpen wird das Wasser in ein Reservoir, das sich oben unter dem Dache befindet, gehoben. Die beiden messingenen Schlvaiicnköpfe, die das Wasser in den Behälter speien, sind von sehr schöner Arbeit. Von hier aus geht es durch drei Hauptröhren in die Stadt. 72 laufende Pfosten und 22 Nothbrunnen hat die Wasser- kunst zur Zeit zu versorgen.— Humoristisches. — Etwas schwerhörig. Während eines Instrumental- Konzertes bricht plötzlich ein schlimmes Geivitter los, und ein heftiger Donnerschlag läßt das Publikum bis ins Innerste erbeben. Da beugt sich ein älterer, etwas schwerhöriger Herr zu seiner Nachbattn und bemerkt, indem er begeistert in die Hände klatscht:„Es ist doch erstaunlich, was dieses O r ch e st e r für ein feines Piano herausarbeitet!"— —„Das ewig Männliche". Miß Shocking(aufs höchste entrüstet zum Hotelbesitzer):„Nie können Sie anbieten mir zu schlafen in eine Zimmer, darin ist eine Stiefelknecht?!"— — D i e Glückliche. Zofe:„Gnädige Frau, Sie müssen doch eigentlich recht glücklich sein!" Madame:„Gewiß, aber wie kommen Sie darauf?" Zofe:„Na, der gnädige Herr ist so reizend, und wenn er einem'neu Kuß giebt, das geht einem durch und durch I"— („Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. z'. In Kirchseelte(Lüneburg) kam ein ISjährigeS Mädchen beim Häckselschneide» der Transmissionswelle zu nahe,>0 daß ihre Kleider erfaßt wurden. Sie wurde von der Welle mit herum- geschleudert und fiel so hatt auf die Diele, daß sie sofott todt ivar. — Während eines Streites gab ein Reserve- Unteroffizier in S a ch w i tz bei einem Tanzvergnügen dem Musikdirigenten eine der- art wuchtige Ohrfeige, daß dieser sofott todt zu Boden stürzte.— — In Heidelberg ließen zwei Professoren eine Doppelvilla bauen, in der sie mit ihre» Familien zusammen wohnen wollten. Sie hatten aber vergessen, sich darüber zu verständigen, welche Hälfte jeder erhalten sollte. Als sie einziehen wollten, stellte es sich heraus, daß sie beide auf dieselbe Hälfte gerechnet hatten. Sic konnten sich nicht einigen, und da sie ihre alten Wohnungen verlassen mußten, blieb ihnen nichts übrig, als bis zum Austrag der Sache— in ein Hotel zu ziehen; die schöne Villa aber steht heute leer.— — In dem schlcsischen Ott Dombrowa leben die polnische'» und czcchi scheu Einwohner in bitterer Feindschaft. Als am vorigen Sonntag ein neuer Pfarrer die Messe las, stimmten die Polen die Gesänge in ihrer Muttersprache an, die Ezechen sangen czcchisch und bemühten sich, die Polen im Schreien zu übettreffen. Es fehlte nicht viel, und es wäre in der Kirche zu einer großen Prügelei gekommen.— — In 28 a i tz e n(Ungarn) hat ein junger Mann, der seit längerer Zeit an religiösem Wahnsinn litt, einen Schneider und dessen Tochter mit einem Jagdgewehr erschossen.— — Ein 61jähriger Hauptmann a. D. ermordete in Florenz seine Logiswirthin durch zahlreiche Dolchstiche, raubte alle Werth- fachen und entfloh.— — Ein Postbeamter ist in H i n d u p u r, an der Grenze von Madras und Mysore, währender seine Pflicht ausübte, ge- steinigt worden.— — S r i n a g a r, die Hauptstadt Kaschmir?, ivurde von einer furchtbaren F e u'e r S b r u n st betroffen, welche die Stadt fast ganz zerstörte.— — Bei Santiago de Kuba ist der in Grund gebohtte spanische Kreuzer„M aria Teres a" gehoben worden.- Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.