Nr. 216. fyreitag, den (Nachdruck verboten.) 24} Mru �VÄvklzago. Roman von Georges Eekhoud. „Was haben sie nur vor?" fragen sich die Polizisten, denen die unheimliche Ruhe der Leute nicht geringere Sorge bereitet als die entschlossene Haltung und das ironische Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielt. Die hohen Bogenfenster im linken Flügel des zweiten Stockwerks des alten Rathhauses sind hell erleuchtet. Die Sitzung scheint noch nicht zu Ende zu sein. Man ist gerade im Begriff, zur Abstimmung zu schreiten, über deren Ergebmsi kein Zweifel herrscht, denn alle diese Herren verständigen sich wie feilschende Händler auf dem Markt. Neun Uhr. Beim letzten Glockenschlag läßt Vingerhout einen kurzen Pfiff ertönen, das verabredete Signal für die Kameraden, die sich alle wie ein Mann zur Erde neigen und sich gleichmüthig anschicken, die Pflastersteine heraus zu reisien. Die Sache ist im Handumdrehen erledigt, und die Arbeit wird so fix ausgeführt, dasi die amtseifrigen Schergen ganz unlsonst ihre Lungenkrast daran setzten, das stevlerische Beginnen zu verhindern. Zum Zeichen, wie er sich die weitere EntWickelung der Dmge denkt, wirft Jan Vingerhout jetzt einen Pflasterstein in eins der Fenster des Sitzungssaales. Die anderen heben die Arme gleichzeitig, den Stein in der wurfbereiten Faust. Aber auf ein Zeichen Vingerhout's lassen sie die Arme wieder sinken. „Sachte, sachte. Freunde, vielleicht ist's an der einfachen Benachrichtigung schon genug l" Er scheint Recht zu haben, denn eben kommt ein Ämtsdiener athemlos aus dem Rath- Haus gestürzt, mn Vingerhout zu melden, dasi die Herren des Stadtraths die Entscheidung hinausgeschoben haben. „Was treiben sie denn noch da oben?" fragte Vingcr- hout misitrauisch und zeigt nach den erleuchteten Fenstern. Der schreckenerregende Vingerhout ist wohl ein Mann, mit dem nicht zu spasicn ist, aber so schlimm, wie er sich den Anschein giebt, ist er nicht. Er kennt die Herren Stadtväter genau und wusite auch, dasi der Stein, den er geworfen, keinen Menschen treffen konnte, was er allerdings nur Laurent gesteht. Die Lichter oben im Saal sind verlöscht. Biirgermeister, Schöffen, Stadträthe treten verlegen und kleinlaut aus dem Rathhausportal, umgeben von einem Heer beivaffuetcr Tra- bauten. Man hat die Gendarmerie und die Bürgergarde auf- geboten, die Truppen sind in den Kasernen konsignirt und Bejard war sogar dafür, aus Brüssel Militär telegraphisch zu verlangen. Aber die„Stationen" sind mit dem Ergebnisi ihrer kleinen Manifestasion ganz zufrieden, sie werfen ihre Pflaster- steine zur Erde, gehen wie gutmüthige Riesen, die sich ihrer Kraft bewusit sind, langsam auseiimnder und lassen sich daran genug sein, die Herren Stadträthe auszupfeifen. Besonders starkes Pfeifen begrüsit das Erschemen Bejards, der allen Ernstes für sein thenres Leben fürchtet. Der eingeschüchterte Stadstath beschließt klugerweise, die brennende Frage bis nach der Erledigung der Kammerwahlen zu vertagen... Bergmans hat sich mit aller Entschiedenheit der Sache der Schauerleute angenommen, und da er bei der Wahl Freddy Bejard's Gegenkandidat ist, treten die„Baes" der Schauergenossenschaften lvarm für ihn ein. Laurent ist Mit- glied eines Vereins gleichaltriger Heißsporne geworden, die sich die junge„Garde der Geusen" nennt und unter den Be- rufsgenossen und dem einheimischen Kleinbürgerthum starken Anhang hat. Je näher der Tag der Wahl heranrückt, desto heftiger entbrennt der Kampf der Parteien. Die Reichen, die über die Presse verfügen, leisten sich ein übriges an grellfarbigen, ins Auge fallenden Plakaten, Aufrufen, Pamphleten und Druckschristen aller Art. Die Mehrzahl der nach dem Zensussystem Stimm- berechtigten steht allerdings auf der Seite der geldmächtigen Protzen, die aus Besorgniß, Böjard's Unbeliebtheit könnte auch den anderen Kandidaten ihrer Liste verhängnißvoll werden, nichts unversucht lassen, den Rheder zu bewegen, auf seine Kandidawr flt des Vorwärts 4. November. 1898 zu verzichten. Dieses Verlangen wurde von Bejard ganz entschieden zurückgewiesen. Er wartete schon gar zu lange, und man schuldete ihm diesen Kamniersitz gut und gern für die langjährigen Dienste, die er der Oligarchie geleistet hatte. Dagegen ließ sich freilich nichts Rechtes einwenden. Uebrigens hatte er seine Standesgenossen auch gar zu gut in der Hand. Er wusite gar zu viele kompromittirende Geheimnisse, und zwischen ihm und jenen standen eine Unzahl drohender Ge- spenster. Die krummen Diebskrallen des ehemaligen Sklaven» Händlers hielten Ehre und Vermögen der lieben Freunde. Und dann besaß der Teufelsbursche auch ein Organisations- talcut, das seine Mitarbeit unentbehrlich machte. Keiner wusite wie er den Wahlfeldzug zu leiten, die fliegende Kolonne der Gastwirthe seinen Zwecken dienstbar zu machen und im entscheidenden Augenblick wirkungs- voll eingreifen zn lassen. Ohne seine thätige Mithilfe war die Niederlage der Partei im Vorhinein besiegelt. Seine Helfershelfer, die in der Wahl der Mittel nicht eben wählerisch waren, ließen in den Kneipen Getränke auf- fahren und suchten die Wühler■ zum Zlvecke der Bearbeitung in ihrer Behausung auf. Äuch brachte es ihr Amt mit sich, in Zahlungsschwierigkeiten befindliche Gastwirthe aufzufinden, um sie durch das Versprechen von Darlehen und Kunden- Zuführung zu ködern. Besonders Mißtrauische erhielten wohl auch die Hälfte einer Banknote und die Zusicherung, die zu- gehörige Hälfte nach erfolgter Stimmabgabe ausgeliefert zu bekommen, vorausgesetzt, daß der Direktor des„Südkreuzes" als Sieger aus der Wahlschlacht hervorgehen sollte. Anderen Beamten seines umfangreichen Wahlbureaus, das so komplizirt und vielgestaltet wie ein Ministerium war, lag es ob, die für die unsicheren Kantonisten bestimniten Wahl- zettel durch gewisse Zeichen äußerlich kenntlich zu machen, andere wieder beschäftigten sich mit Schätzungen und Wahr- scheinlichkeitsberechnungen und Eintheilung der Wählerschaft in gute, schlechte und unzuverlässige Subjekte. Nach dem Voranschlage mußte Bejard mit wenigstens tausend Stimmen Majorität siegen. Er unterließ es gleichwohl nicht, wo er konnte, welche dazu zu kaufen und vertheilte zu dem Zwecke mit vollen Händen das Geld aus der Gesellschaftskasse, ja er griff sogar in seine eigene Tasche. Im Interesse seiner Sache wäre es ihm gar nicht darauf angekommen, sich zu ruiniren. Seine Wahlagenten bearbeiteten die Bauern im Land- kreise und erzählten den braven Landleuten, die so orthodox wie die Aristokratie und obendrein noch über die Maßen aber- gläubisch sind, die gruseligsten Geschichten. In seiner geschicht- lichcn Unbildung nahm das Vauernvolk den Namen„Geusen" im Sinne des Wortes. Der kleinste Stellen besitzer erinnerte sich schaudernd der tollsten Spinnstubenmärchen und sah sich schon geplündert, mißhandelt und sein Haus in Brand gesteckt wie zur Zeit der Kosakenplage. Das fehlte gerade, daß er solche Strauchdiebe und Mordbrenner wählte! Im Dorf- kretscham verbreiteten Bejard's Agenten selbstverständlich die ungeheuerlichsten Gerüchte über Bergmans und leisteten sich Verleunidungcu abenteuerlichster Art, die in der Stadt schwer an den Mann zu bringen waren, die hier an den beschränkten Tölpeln aber eine gläubige Gemeinde fanden. Door den Berg hatte gegen diese Treibereien nur seinen Charakter, sein Talent, seine persönlichen Eigenschaften, seine Ucberzeügungstreue, seine Rednergabe und sein gewinnendes Acußere in die Waagschale zu werfen; da konnte es nicht fehlen, daß er in der Preßfehde, die mit Zeitungsartikeln und Broschüren ausgcfochten wurde, den Kürzeren zog; dafür war ihm fteilich auch in den öffentlichen Versammlungen, den „Meetings", in denen die Kandidaten ihr Programm cnt- wickelten, der Sieg beschieden. Man mußte im übrigen der Vejard'schcn Kligue schon mit Haut und Haar ergeben sein, um die Prosa ihres Helden noch ernsthaft zu nehmen, oder richtiger gesagt, die Prosa Dupoissy's, des Bejard'schen Vertrauensmannes, der Reden und Zeitungsartikel für seine» Herrn zu fabriziren hatte. Nichts Widerlicheres wie diese von verlogener Humanität, triefende» Bettelsuppen, die einen Mischmasch von den bösesten Provinzialblättern entlehnten Gemeinplätzen, schwulstigen Kliches, schimmeligen Aphorismen und hohlklingenden Ver- legenheitsphrasen darstellten. Eine Rhetorik, die auf so niederer Stufe stand und von solch falschem Pathos erfüllt war,, daß sich selbst die Worte zu schämcrt schienen, all diese Lügen und all den Schmutz verdecken zu müssen. Am Vorabend der Wahl fand in den„Varietes", einem gerüunngcn Tanzlokal, in dem die politischen Schaustellungen mit den Fastnachtsmaskeraden wechselten, ein großes„Mee- ting" statt. Und da geschah Ehren-Besard etwas, was ihm all die Jahre hindurch, seit er der ans Schwachköpfen und feilen Kreaturen zusanimengesetzten Gemeinde seine ge- schraubten Vorträge, die er stets und immer mit der gleich eintönigen, näselnden Stimme herunterschnarrte, auftischte, noch nie begegnet war: er wurde in aller Forni ausgepfiffen, ja er konnte seine Rede nicht einmal zu Ende bringen. Die sturmgepeitschte Menschenwelle, die eben erst eine zündende Philippika Bergmans in der Tiefe auf- gewühlt hatte, brandete wie eine verderbenbringende Sturm- flnth gegen den Vorstandstisch. Das Podium wurde im Sturm genommen. der Tisch über den Haufen gerannt, die grüne Tischdecke herumgeschleift und in Stücke gerissen, das für die Redner zur Labung bestimmte Wasser näßte den Boden, die Präsidentcnglocke flog in die Ecke, und um ein Haar wäre es den Veranstaltern des Meettngs an den Kragen gegangen, wenn sich die klugen Leute beim Nahen des Wirbel- sturuis nicht bei Zeiten in Sicherheit gebracht und dem Volke das Feld gcrännit hätten. (Fortsetzung folgt.) Für LZimsllLttzcr. (Schluß.) Ms der englische Reisende Landor beschlossen hatte, trotz des Verbotes der tibetanischen Behörden in Tibet einzudringen, wollte er zunächst versuchen, seine Leute, 30 Mann, die er zum Tragen der Lasten angeworben hatte, über den hohen Mangschang-Berg in das verbotene Land zu führen. Auf diese Weise konnte er hoffen. den feindlichen Wachen zu entgehen und einen großen Vorsprung bei dem Marsch ins Innere zu gewinnen. Er befand sich bereits in der Region des ewigen Schnees, als er den britischen Boden verließ. Zwar stst im Himalaha bei seiner viel südlicheren Lage die Schnee- grenze bedeutend höher als in den Alpen, wo sie bei etwa 2800 Metern liegt; aber die Expedition bewegte sich bereits in Höhen von etwa 4000 Metern, wo an den Südabhängen des Himalaha der Schnee nicht mehr zum Schmelzen kommt. Der Mangschang erreicht die Höhe von 6700 Metern, lim die Möglichkeit des llebersteigens zu prüfen, machte sich Landor mit sieben Begleiterin von dem Lager- platze, der sich bereits 4920 Meter über dem Meeresspiegel befand, .also 110 Meter höher als der Mont Alane, der höchste Gipfel in Europa, auf den Weg. Er mußte sich bald überzeugen, daß ein liebersteigen mit schweren Lasten völlig unmöglich>var; schon bevor 6000 Meter erreicht waren, blieb' ein Begleiter, von der Bergkrankheit ergriffen, zurück. In 6250 Meter Höhe folgte ei» zweiter und bei 6400 Meter Höhe brach ein dritter zusammen. Trotzdem versuchte Landor, dein Gipfel zu erklinimen, um von dort aus die Schnee- Verhältnisse an der Nordseite des Gebirges übersehen zu können; auch mag der Sporteifer des Bergsteigers sein Theil dazu bei- getragen haben. Mit krampfhast arbeitender Lunge, mit rasend klopfendem Herzen, vollständig erschöpft und von einer fast univider- stehlichen Schlafsucht ergriffen, erreichte er mit dem letzten Begleiter schließlich den Gipfel, wo der Begleiter sofort niederfiel und einschlief. Landor vermochte seine Veobachlüiigen noch einzutragen und die Gegend zn überblicken, wurde dann aber auch bewußtlos; durch ein Alpdrücken aufgeschreckt, gelang es ihm, seinen Begleiter zu wecken und durch Reiben und Schütteln bewegungsfähig zu machen, worauf der Abstieg in einer halben Stunde vor sich ging, dem neunten Theile der Zeit, die der Aufstieg erfordett hatte. Man mußte alio den Weg' über den niedrigeren Lumpiha-Paß nehmen, der jedoch auch die Höhe von 5500 Metern überragt, so daß sein Passiren seitens der Träger mit ihren schweren Lasten als eine Leistung ersten Ranges bezeichnet werden muß. Den Einmarsch ins Innere verwehrte jedoch eine starke tibetanische Truppen- abtheilung. Landor wollte ans begreiflichen Gründen Blutvergießen von Eingeborenen vernieiden, obwohl dieselben nach seinen Schilderungen so feige find, daß sie einen: ernstlichen Angriffe jedenfalls nicht stand gehalten hätten. Er schickte deshalb den Haupttheil der Expedition zurück und drang, von nur nenn Mann begleitet, im Dunkel der Nacht in Tibet ein; bei Nacht marschirend und sich bei Tage ver- bergend, gelang es ihm, aus dem Bereiche der feindlichen Soldaten zu kommen. Was die Feigheit der Tibetaner anlangt, so ist sie, wenn man den Berichten des englischen Reisenden Glanben schenken darf, ein ganz hervor- stechender Charakterzug in ihrem Wesen. Bmial gegen Schwächere, großsprecherisch und prahlerisch, wenn sie sich einem schwachen Gegner gegenüber glauben, werden sie sofort äußerst demiithig und geradezu kriechend, sowie sie bei ihrem Gegner einen festen Willen bemerken. Auch später, als Landor nur noch mit zwei Begleitern marschitte— die übrigen hatte er nach Erreichung des Mansarowar- Sees thcils entlassen,' theils waren sie entlaufen— genügte bei feinen öfteren Zusammenstößen mit tibetanischen Soldaten in Trupps von 30, 50 und selbst mehreren Hundetten das bloße Anlegen des Gewehres, um den ganzen Haufen zu schleuniger Flucht zu ver- anlassen oder zu bewirken, daß sie ihre Flinten auf die Erde legten und die Zunge herausstteckten, was in Tibet ein Zeichen der Achtung und Ehrerbietung, sowie der freundschaftlichen Begrüßung ist. Und nicht nur die Soldaten, auch die Räuberbanden, von denen das Land wimmelt, zeigten sich von gleicher Feigheit. Infolge dessen konnte Landor mit den vielen Räuberbanden, denen er auf der Landstraße vom Mansarowar nach der heiligen Stadt Lhassa be- gegnete, stets sehr rasch Frieden schließen und mehrfach Lebensmittel von ihnen kaufen. Anfangs ivaren sie allerdings imiuer sehr furchtsam und mißtrauisch; sobald sie aber blankes Silbergeld sahen, wurden sie von einer unüberwindlichen Habsucht erfaßt. Ueberhaupt ist ihre Habgier wohl nur mit ihrer Feigheit zu vergleichen; selbst hochstehende Beamte gehen für einige Silberrupien auf die demüthigendsten und entwürdigendsten Bedingungen ein. Unter anderm kaufte Landor auch von den Räubern zwei Uaks, das ist eine auf den Hochebenen Mittel-Asiens vorkommende Rinderart, die in Tibet als Last- und Reitthiere viel bemitzt Ivird; auch ihr Fleisch und ihre Milch>v erden dort sehr geschätzt. Durch die Erwerbung dieser beiden Thiers wurde es Landor möglich, seine nur ängstlich und widerwillig mitgehenden Shoka-Begleiter zu entlasten. Was übrigens die Feigheit der Tibetaner anlangt, so ist doch zn bedenken, daß sie sich hier einem Europäer gegenüber sahen; daß dessen Gewehr bedeutend besser und weittragender war, als ihre eigenen, veralteten Luntenflinten, mußten sie wohl recht gut wissen, so daß es durchaus verständlich ist, daß sie keine große Lust nach einer näheren Bekanntschaft mit dieser Waffe hatten. Bei den Soldaten, die ihn als den ins Land eingedrungenen Engländer er- kannt hatten, de» sie ihrem Anfttage gemäß am weiteren Vor- dringen hindern nnd lebendig oder todt über die Grenze schaffen sollten, kam noch Aberglaube in der verschiedensten Fonn hinzu,»in ihre Furcht zu vermehren. Es wurde von ihm erzählt, daß er die Macht habe, auf dem Wasser zu gehen und über Berge zu fliegen; auch wurde behauptet, daß man ihn an verschiedenen Orten in Tibet zu gleicher Zeit gesehen habe, daß er außerdem aber die Fähigkeit besitze, sich unsichtbar zu inachen, sobald er das wegen der Nähe tibetanischer Soldaten für erwünscht halte. Daß sie mit einem Wesen von so geheimnißvollen Zauberkräften nicht in unmittelbare Berührung zu kommen ivünschten, wird man den armen Teufeln nicht allzu stark verübeln dürfen. Freilich zeigte sich ihre Feigheit auch bei anderen Gelegenheiten, wo sie gegen einander zu streiten hatten. Das ganze Land ist in Distrikte getheilt, die an einzelne höhere Beamte verpachtet sind. Diese haben sich aber im Lause der Zeit gewisser- maßen zu kleinen Lehenskönigen entwickelt, die zum theil mit einander in bitterer Feindschaft leben. Als nun Landor auf seinem Rücktransport nahe bei Taklakot an der Grenze angekommen war, traf von dem Jong Pen(Herr der Festung) der Befehl ein, ihn auf dem großen Umwege über den Lumpiha-Paß zu führen, und zwar sollte die Begleitung ihn nur bis zum Paß bringen, und ihn dort mit seinen zlvei Gefährten sich selbst überlassen. Da das in jener Jahreszeit der sichere Tod gewesen wäre, so widersetzte sich Landor und fand hierbei unerwartete Unterstützung von etwa 150 Soldaten, die der Tarjum(Lehnskönig) von Barka mit dem strengen Befehle gesandt hatte, zu verhindern, daß Landor seine Piovinz bei der Rückreise berühre. Die Soldaten des Jong Pen, die in der Minderzahl waren. zogen sich zurück und die andern führten Landor Iveiter, Ivobei sie prahlerische Reden über den Jong Pen und seine Leute führten und ver- sicherten, daß sie sie niedermetzeln würden, falls sie ihnen Wider- stand zu leisten wagten. Doch alle diese Reden verstummten plötzlich, alS die Mannschaften des Jong Pen wieder in Sicht kanien, und Landor wurde Zeuge des seltsamen Schauspiels von zwei ein- ander gegenüberstehenden Armeen. von denen jede vor der andern Todesangst hatte. Beide Parteien legten mit ängstlichem Eifer ihre Flinte» und Schivetter ans die Erde, um ihre friedlichen Absichten zn zeigen. Die dann folgende Berathung fand ihr Ende durch einen Boten, der die Erlaubniß zum Weiterzuge nach Taklakot brachte.— Der übergroße Aberglaube jeder Art, in welchem die Tibetaner befangen sind, kann nicht besonders Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß in dem Lande eine Priesterherrschast der allerärgsten Art besteht. Die Religion der Tibetaner ist der Buddhismus, die tief- sinnige Lehre Buddha's, der um 50O v. Eh. in den Ebenen des Ganges bis zu den Abhängen des Himalaha wirkte. Speziell in Tibet hat der Buddhismus eine Form angenommen, in der er große Verbreitung gewann. Die Seele jedes Menschen wandert, bevor sie zur vollen Glückseligkeit, zur vollkommenen Ver- nichtung jeder Existenz im Nirwana konunt, zur Läuterung durch die verfchiedeusteu Verkörperungen. Am vollkommensten und heiligsten sind die Priester oder Lama's. Der oberste Priester ist der Dalai Lama, der in der heiligen Stadt Lhassa seinen Sitz hat. Er stellt aber be- deutend mehr vor, wie etiva der Papst in der katholischen Chttsten- heit; denn er ist nicht nur der Stellvertreter Gottes oder Buddha's, iondeni er ist selbst ein Buddha. Beständig»innnt Buddha wieder menschliche Gestalt an; er ist nicht nur einmal, wie Chttstus, als Erlöser und Heiland in die Welt gekonimen, sondern kommt immer von neuem, um fiir die Lehre und den Glauben zn wirken. So stellt der Dalai Lama in geivissem Sinne Gott selbst vor. was ihm natürlich in den glugen des Volkes eine ganz besonders hervorragende Stellung verschaffen muff Das Volk lebt, von wenigen größeren Städten vielleicht ab- gesehen und mit Ausnahme der Räuber und der Lamas, in äußerster Ännutfj. Die Lamas dagegen und die Lamasereien(Lama-Klöster), sowie alles dazu gehörige Land und sonstige Eigcnthum, sind von allen Steuern und Abgaben frei und in jede Lamascrei wird noch für jedes Mitglied eine bestimmte Menge von Abgaben geliefert, So sehen die Lamas denn auch durchweg trotz der Fasttage, die sie halten, rund und wohlgenährt aus. Diesen Zustand zu ändern, tragen sie kein Verlangen, sondern erhalten das Volk in der äußersten Unwissenheit und in jedem Aberglauben, wodurch sie unentbehrlich werden. Außer ihnen kann Wohl in ganz Tibet kaum ein Mensch lesen und schreiben, so daß alle Geschäfte der Verwaltung durch ihre Hände gehen müssen. Dazu kommt, daß sie in großcni Umfange geheime ffünste ausüben, daß sie Krankheiten durch Be- schwörungen und Zauberei zu heilen behaupten, und viele andere Wunder verrichten zu können vorgeben und vor dem leichtgläubigen Volke auch wirklich verrichten. Bei ihrem Eintritt in die Lamascrei legen sie das Gelübde der Ehelosigkeit ab, aber natürlich halten sie diesen Eid nicht sehr streng. Bisweilen befinden sich auch Nonnenklöster, die allerdings selten sind, in der Nähe der Lamasereien, Zu den meisten derselben haben die Lamas freien Zutritt. Auch sonst haben die Lamas bei einem Ehe- bruch nicht viel zu siirchten; sind doch ihre Genossen und Freunde ihre Richter. Anders ist es natürlich, wenn es sich um größere Leute handelt, besonders, wenn die Frau eines höheren Beamten mit einem Manne niederen Ranges Ehebruch treibt. Dann wird sie zur Strafe gepeitscht und der Ehebrecher aus der Stadt oder dem Lagerplätze gelrieben. In der Ehe selbst ist eine cigcnthümliche Form von Vielmännerei und Vielweiberei gesetzlich anerkannt. Durch eine Hcirath zwischen zwei jungen Leuten gewinnen nämlich alle Brüder des Bräutigams gleichfalls Gattcnrcch'tc an der jungen Frau und an ihren jüngeren Schlvcstcrn, die sämmtlich in der Familie des Mannes als gemein- same Frauen gelten. Eine etwa vorhandene ältere Schwester bleibt jedoch ün elterlichen Hause. Heirathct diese später, so werden ihre jüngeren Schwestern nicht davon betroffen. Wird die jüngere Schivcster aber Wittwe, und hat ihr Mann keine Brüder, so geht sie in das Eigcnthum des Mannes ihrer später vcrheirathetcn älteren Schwester über. Trotz dieser ctwaS schwierigen Verhältnisse sind die Ehen bei den Tibetancni i>n allgemeinen ganz glücklich, wenn es auch gelegentlich vorkommt, daß ein Mann seine Frau oder seine Frauen heimlich verläßt und in eine entfernte Provinz geht. Wenn die Tibetaner auch die Pricstcrherrschaft geduldig ertragen, so doch hauptsächlich nur, weil sie in ihrem allgemeinen Stumpfsinn keine Mögliclikeit zur Abschüttelnng sehen. In seiner Gefangenschaft machte Lnndor die Bekanntschaft eines höheren Offiziers, der mit un- säglichcr Verachtung von den Lamas sprach; auch vorher, als er noch als vorgeblicher Pilger auf dem Wege»ach Lhassa war, hörte er vielfach von den unterdrückten und ausgebeuteten Eingeborenen wilden Haß gegen die Lamas und ihre Herrschaft äußern. Das Volk empfindet' es recht gut, daß das Räubcrunwcscn, unter dem es unsagbar leidet, in engstem Zusammenhang mit der Pfaffenherrschaft und ihre» Mißbrauchen steht. Aber auch hier kann das Heil nicht von außen kommen! zivar wird durch Fremde, wenn China und in weitere». Verlaufe Tibet, der modernen Industrie erschlossen ivird, manche srnchtbare Anregung gebracht werden. Aber die durchgreifende und cndgiltige Befreiung von ihrer eingeboreneu Pfaffen- wirthschaft ivird und kann nur das Werk der Tibetaner selbst sein.— ZUvine*» Jsonillekon — Wohlgemeinter Rath für Auswanderer. Die Köln. Wochen- fchrift„Das neue Jahrhundert" veröffentlicht folgende Rcminiscenz: Im Jahre 1861 verbreiteten die Vorsteher der Deutschen Gesellschaft in Nciv-Dork einen„Wohlgemeinten Rath an Deutsche, die nach den Bereinigten Staaten nüszuwandcni beabsichtigten". Darin kommen folgende interessante Sätze vor: Man versorge sich nicht, auf eine gute llcbcrfahrt rechnend, nur auf 30 Tage sunt Proviant, denn wenn die Ilebcrfahrt, Ivie oft. 00 Tage und noch länger dauert, muß man Proviant an Bord kaufen und thcucr bezahlen. Bc- gütcrte Landlcute sollten gleich vom Schiffe ivcg ins Innere des Landes ziehen, cntivedcr über Ncubrannschwcig nach Pcnsylvanicn und bou da weiter oder über Buffalo nach Ohio, bis sie eine Gegend finden, Ivo sie sich billig ankaufen können. Jede Fannlie muß mit dein Kapitän einen schriftlichen Kontrakt abschließen, in dem sie sich Feuerzeug und Wasser zun, Kochen ihrer Speisen und eine Gallon sjißcs Trinkwasser für die Person und jeden Tag ansbcdingt, wie auch die Höhe dcS Passagcgcldes und die in Ncw-Dork zu zahlenden Hospitalgcldcr und sonstige Stadtabgaben schriftlich festznsetzeii sind, Die Reisekosten werden so berechnet: in Deutschland„zu Fuß oder Frachtivagcn", die Verpackung eingerechnet, für Erwachsene einen halben' Thaler preußisch Kourant die Meile, ftir ein Kind einen sechstel Thalcr, Ueberfahrt von Havrc aus für Erivachsene ohne Beköstignng 80—150 Fr, die Person, Kinder unter 10 Jahren die Hälfte, Lebensmittel für jede Person 4.0 Fr., Kinder sowohl wie Erivachsene, Ueberfahrt bw�Bremen oder Hamburg ans, Proviant eingeschlossen, 30—40 spanffche Thaler(ein spanischer Thaler— 4 M.). Empfohlen wird den„Emigranten", sich auf deutschen Fahrzeugen einzuschiffen und sich Matrosenkost auszümachen. Mitzunehmen sind: Wollkleider für ein Jahr, Lcincnzeug, Wäsche, Frauenkleider, aber nur ftir die Reise und einige Monate Land- aufenthalt, da„die hiesige Kleidungsiveise von der dortigen ganz verschieden ist", Schuhe, Stiesel, Bettzeug und' Kissen. Unterwegs mutz man„das Alte und Schlechte tragen, jedoch möglichst reinlich in. Waschen der Wäsche sein, weil das zur Gesundheit beiträgt". Nicht mitbringen soll man Bett- stellen, Möbel, Wagen, Ackcrgcräthschaftcn und Werkzeuge, da der Transport kostspielig ist und die Reise beschwerlich macht, auch drüben dies alles ebenso gut und dem Lande und Gewerbe besser anpassend angeschafft werden kann. Der„Wohlgemeinte Rath" schließt mit einer„Liste einzulegender Lebensmittel",: nämlich: 80 Pfund ge- salzencs Ochscnfleisch, 100 Pfund hartes Brot oder Schiffszivieback, 2 Scheffel Kartoffeln, 26 Pfund Reis, 26 Pfund Mehl, 1 Scheffel Erbsen oder Bohnen, 20 Pfund Zucker, 1 Pfund Thce und 3 bis 4 Pfund Kaffee, für die ersten Tage auch etivas frisches Fleisch und Gemüse. Bei einer Familie von acht Köpfen richte man sich auf sechs Nationen ein, idcim Kindcrf essen zuweilen an Bord mehr!— Theater. — r, Schiller-Theater, Wolzogen's Tragikomödie „ D a s L u m p e n g e s i n d e l" ist immerhin eine harte Nuß für eine Bühne von nicht allererstem Rang. Viel sorgfältige Detail- malcrei wird da verlangt und vollkommene Fähigkeit, die grellen Farben einer Anzahl unruhiger Einzelbilder harmonisch aneinander zu fügen. Nicht völlig zivar ist diese Aufgabe dem Schiller-Theater gelungen, aber doch so, daß mit gutem Gewissen von einem Achtungserfolg gesprochen werden kann. Eine kleine literarische Gruppe, die sich mächtig für den anwesenden Dichter cngagirt hatte, zog allerdings in Sicgesstimmung von dannen, als Herr Wolzogen so gefällig gewesen war, über ihre Jubelrufe vor der Rampe' zu qnittiren. Minder enthusiastisch gab sich das gute, treue Stammpublikum. Es empfand die erwähnten Kundgebungen als einen Ansatz zum HanSfriedcnSbruch; die lieben Leute amüsirten sich zwar auf ihre Weise über die vielen spaßigen Vorgänge im Stück, wurden aber von seiner bitteren Grundstimmung nicht sonder- lich ergriffen und murrte» daher in sich über den gehörten Lärm. Solcher Zwiespältigkeit gegenüber thnn die Künstler Ivohl am besten, ihre Befriedigung in der eigenen Hingabe zu suchen. Durch lebhaftes und erfolgreiches Bemühen ragte vor allem Frl. Wiecks in der schwierigen Rolle der Frau Else hervor. Das schriftstellenide Brüdcrpaar wurde von den Herren P a t r tz und G r e g o r i recht glücklich dargestellt. Vortrefflich gelang den Mitwirkende» die Wieder- gäbe der lustigen Schmausszene im zweiten Akte.— Kunstgewerbe. •hl. Im Lichthofe des Kunst g e w e rb e- M u s e um s ist eine Sonderausstellung„Die Kunst im Buchdruck" eröffnet, die durch die Reichhaltigkeit ihres Materials und die Sorgfalt der Ausivahl Beachtung verdient. Die Ausstellung ist auch gut geordnet, und ein kleiner„Führer durch die Sonderausstellung sc.", der von dem Direktor der Bibliothek des Knnstgcwerbe-Muscums, P, Jessen, verfaßt ist, giebt einen guten Ucbcr'blick über die Geschichte deS künstlerischen Buchdrucks,(Preis 20 Pf.) Von dem geschriebenen Buch des späteren Mittelalters bis zu den Erzengnissen der Kslmvcott Pre�s und des modernen deutschen Buch- drucks sind alle Perioden in Beispielen vertreten. und es gewährt einen eigenen Genuß, diese Entwickelnng zu verfolgen, Be- fondcrcs Interesse»verde» die ältesten Drucke mit ihren kräftigen Buchstaben und schönen gemalten Initialen erwecken. Die moderne Abthcilnng zeigt, daß man jetzt wieder eifrig daran geht, das Buch als Ganze s zu einem Kunstwerk zu machen. Gelegentlich der Jllustratorcn-Ansstrllnng war von diesen Anfängen an dieser Stelle bereits die Rede, Es handelt sich hier aber nicht nur um die durch künstlerische Darstellungen reich verzierten Werke, wie die der Kelrnscott Press, die in Anlehnung an den alten Stil entworfen sind, sondern ebensowohl um die einfachere, aber gewerblich wichtigere Tendenz, ein Buch rein durch die Wahl eines guten Papiers und schöner klarer Drucktypen, durch die Anordnung der Schrift zu einem geschlossenen Textbild, durch einen technisch guten Einband und meist auch durch einen gut gezeichneten und passenden Umschlag gcschmack- voll auszustatten, eine Tendenz, die in den Bnchaüsstattnngen moderner Lyriker am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Der„Pan" und die„Jugend" haben auf diesem Gebiet in Deutschland bahn- brechend gewirkt; es ist daher gerechtfertigt, daß ihren Leistungen ein so großer Rauni zugestanden wurde.— Erziehung und Unterricht. KI. Ucber die Entwickelnng der Freien Vöries nngS- k u r s e(Free Lectures) für das Volk" in N e>v- U ö r l bringt„The Cosmopolitan" einen interessanten Bericht. Im Jahre 1888 wurde der Erziehnngsrath bevollmächtigt, freie Vorlcsungskurse für Arbeiter und Arbeiterinnen einzurichten: 16 000 Dollars wurden ihm zur Ausführung bewilligt. Es wurden zunächst Vortragszyklen über Physiologie, Hygiene, Physik, Geschichte und Staatswisscnschaft ein- gerichtet. Von Januar bis April 1889 wurden in sechs Schnlhäujern in den dichtest bevölkerten Tbeilen der Stadt 186 Borlesiingen ge- halten', 22149 Personen nahmen insgesammt daran theil, so daß aus lehe Norlesniig 119 Personen kommen. Das nächste Jahr brachie indessen eine Enttäuschung. Bei 329 Vorlesungen, die von Oktober bis April gehalten wurden, kam auf je eine Vorlesung nur eine Zuhörerschaft von 81 Personen. Durch die nunmehr betriebene energischere Agitation, durch genauere An- kundigungen und durch Einführung von Vorlesungen mit Expcri- mentcn gelang es dann aber, einen außerordentlichen Aufschwung herbeizuführen. Die Zuhörerschaft nahm schon im folgenden Jahre um 69000 Personen zu, obgleich 144 Vorlesungen weniger gehalten wurden; und nun vergrößerte sich die Zahl' der Vorlesungen wie der Zuhörer von Jahr zu Jahr. Im lebten Winter wurden nicht weniger als 1866 Vorlesungen vor 698 200 Personen gehalten. Die Dozenten erhielten 10 Dollars für jede Vorlesung. Auch in Chicago geht man jetzt daran, das New-Dorker System zu übernehmen; die Universität ist bereits mit dem Erziehungsrath in Verhandlung getreten.— Völkerkunde. g. lieber die wenig bekannten Völkerschaften im Nordosten Sibiriens, namentlich über die T s ch u k t s ch i s. hielt N. L. Gonodatti, der in den letzten drei Jahren in jenen Gegenden als Kreisvorstcher ftingirte, am 24. Oktober im Historischen Museum zu Moskau einen Vortrag. Die erste Bekanntschaft der Russen mit den Tschuktschis datirt vom Jahre 1644, als einige Kosakeir in das weit entlegene nordöstliche Gebiet Sibiriens vordrangen und dort einige Festungen errichteten. Seitdem hatten die russischen Eroberer viel mit den kriegerischen Tschuktschis zu schaffen. Oft genug wurden die Eindringlinge von den äußerst tapferen Noinaden überfallen und wieder aus diesen Gebieten vertrieben. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts aber wurde die Russisch- Amerikanische Gesell- schaff für den Walfischfang'gegründet, welche die zerstörte Festung in Anadio wieder aufbaute' und Handelsbeziehungen mit den Tschuktschis anknüpfte. Vis zu den sechziger Jahren unseres Jahr- Hunderts war hier ein zicnilich weit ausgedehnter Tauschhandel iin Gange. Mit der Abtretung der russisch- amerikanischen Besitzungen an die Vereinigten Staaten ist dieser Tauschhandel aber zurück- gegangen, seitdem wurde jenes Gebiet von den Handelsexpeditionen 'wenig berücksichtigt. Darauf ist auch die mangelhafte Kenntniß des kulturelle» Lebens der dort wohnenden nomadisirenden Völkerschaften zurückzufuhren. Man findet bei ihnen noch Ueberbleibsel der vor- historischen Kultur; die meisten Werkzeuge sind primitivster Art: aus Stein und Knochen. Einen Feueranzünder stellt ein Holzblock dar, der die Form einer Menschenfigur hat; mit einem Knochenstabe wird er so lange gerieben, bis er Funken giebt. Die Tschuktschis wohnen in kleinen Erdhütten fJurten). Sie glauben, daß die Ahnen- seelen in der Nachkommenschaft wieder aufleben. Vor der Entbindung wird jede Frau zum Schaman(Priester) geführt: er soll feststellen, ob ein Knabe oder Mädchen geboren wird. Sicht der Schaman im Traum einen Mann(den wieder auflebenden Ahnen), so trägt der Neugeborene einen männlichen Namen, selbst wenn es ein Mädchen ist. Bei jeder Krankheit werden die Namen gewechselt, um die bösen Geister zu täuschen. Als Resultat dieses Glaubens ist ein großer Wirrwar der männlichen und weiblichen Namen cnt- standen, der jede Volkszählung beträchtlich erschivcrt. Die Tschuktschis besitzen eine ziemlich komplizirte Mythologie: eine Reihe guter Götter sowie eine Reihe böser Geister. Letzteren werden Opfer gebracht, Stückchen Speise zugeworfen u. s. w. Früher waren auch Menschenopfer im Gange, und noch jetzt wird es zuweilen für noth- wendig gehalten, als Opfer einige Tropfen Blut vor dem Geiste zu vergießen. Die Gestorbenen werden aus der Jurte durch einen bc- sonderen Ausgang hinansgctragen und an einen einsamen Ort gebracht. Dort werden die Leichen gewöhnlich aufgeschnitten, um die Todesursache festzustellen, wozu besondere Handschuhe mit vier Fingern angezogen werden. Wenn der Verstorbene schnell von Füchsen. Hunden oder Vögeln verzehrt wird, so gilt es als gutes Zeichen; wenn nicht, so müssen Versöhnungsopfer gebracht werden. Epidemien wüthen sehr oft unter den Tschuktschis, namentlich Pocken. Ein originelles Werkzeug zum Selbstmord wurde von dem Vortragenden vorgezeigt. Es ist eine Wurfschlinge aus Rennthiersehnen. Die Tschuttschis glauben, daß wer eines gewalt- samen Todes stirbt, ein besseres Schicksal im Jenseits erfahren wird. Daher ist es Sitte, Greise(mit ihrem Einverständuiß) zu tödten. Die Kinder iverden bald nach ihrer Geburt in Eiswasser oder Schnee getaucht, damit sie sich an das kalte Klima gewöhnen. Ebenso werden sie gegen den Rauch in der Jurte uncinpfiud- Itch gemacht, indem inan sie in Hirschfell wickelt und über einen rauchenden Scheiterhaufen hält, bis sie zu weinen aufhören. Unter den Tschuktschis herrscht die Polygamie. Jiitereffant ist die Art der Frauenwahl. Ein Tschuktfchi kommt in die Jurte, in der das von ihm gewählte Mädchen Ivohut, und ohne mit jemandem ei» Wort zu reden, tritt er in die Wirthschaft ein, nach einein oder zwei Jahren theilt er dem Mädchen seine Absicht mit; wenn das Mädchen seine Werbung nicht erhört, reist er sofort ab und wird Gegenstand des Gelächters in der ganzen Umgegend.— � Aus dem Thierreiche. �— B® i e Thierwelt der Sinaiwüste. In der Jahres- versamntlung der deutschen ornithologischen Gesellschaft hielt Prof. König Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe») in Bei einen Vortrag über die wiffenschaftlichen Ergebniffe seiner Reise nach dem Sinai. Die„Vossische Ztg." berichtet darüber: Mit 25 Arabern brach der Reisende von Suez auf. Die kleine Karawane, tvelche 20 Kmncele mit sich führte, durchzog zunächst drei Tage lang eijj entsetzliches, einförmiges Wüstcngclände, wo keine Pflanze, kein Thier vorhanden war. Höchstens sah man einmal den Jsabcll-Steinschmätzer und eine Wüsteneidechse. Näher am Sinai trat hier und da der Wüstenrabe auf, in den tiefen Wadis, welche mit Tamarisken be-> wachsen waren, ließ sich die braunbiirzlige Fclsentaube sehen, Dattelpalmen und Feigen wuchsen um die Oase des Wadi Firan, wo 3500 Beduinen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Hier lauschte König den»nclodischen zweisilbige» Rufen der schwarzen, weiß-- sckmlterigen Wüstenstcindrossel, welche sich in den Akazicnhainen auf- hält. Lämmergeier umflogen in vielen Exemplaren die Felskuppen und waren dort häufiger als die Mönchs- und Aasgeier. Wüsten- lerchen, Mönchs-Steinschmätzer, Grasmücken, belebten die Thäler, und am Gebet Zcrbal wurde der Sinaigimpel auf rothfarbigem Granit in 1500 Metern Höhe festgestellt. Neben dem Wüsten- rabcn tritt hier die Wüslcuttähe auf, tvelche im Hochgebirge des Sinaistockes bis 2500 Meter Höhe sich findet. Hat man das Gebirge nach Norden überschritten, so gelangt man in ein Wüsten« land, dessen Durchquerung der Reisenden ganze Energie in An- spruch»ahn». 40 Tage wanderte die Karawane, arg belästigt am Tage durch das Wehen des Samum bei 55 Grad Celsius Wärme und in der Nacht durch außerordentlich starkes Fallen der Temperatur. Nördlich von der Thi-Kettc ändert sich das Aussehen des Geländes erheblich und mit ihm die Zusammensetzung der Thicrivelt. Während der Sinai und die Südspitze der Halbinsel in ihrer Fauna zu Arabien und Mittel-Egypten gehören und eine gauze Reihe von hier lebenden Tlficrformen aufwiesen, ist der nördliche Tbeil der Halb- iiiscl von Thiercn bewohnt, welche denen der südöstlichen Mittel- meerländcr ähnlick sind. Weihen. Lerchen, Ammern treten auf, Buntspechte und Turteltauben erscheinen. Im ganzen sammette König 109 Vogclarteu.— Hmnoristisches. — Ein Schwergeprüfter. Tante:„Hier, Neffe, trinke einen Schnaps zum Trost I" Reffe(iiachdenl er getrunken):„Tante, ich brauche noch»nehr Trost!"— — Aus einer modernen Lokalchronik.... Nach- dem die Frau ihr Ansichtspostkarten-Album aus dem brennenden Hause gerettet, brachte sie auch ihre Kinder in Sicherheit.— — Druckfehler.„O thenere Lucie", sagte er.„wenn ich Dich in meinen Armen halte, fühle ich eine Haminelsscligkcit."— („Mcggcnd. hnm. ffll.") Vermischtes vom Tage. — Im Monat September d. I. sind 121 Schiffe, und zwar 100 Segelschiffe mit 42 726 und 21 Dampfer mit 15 988 Registertons, verloren gegangen. Unter diesen be- fanden sich 4 deutsche Schiffe, 3 Segler und 1 Dampfer.— • y. Ein seltsames Naturspiel, eine Kuh init fünf Beinen, wurde in Husum zum Verkauf gebracht.— — In der Krcissynode, die in der vergangenen Woche in E i s l e b e n tagte, ließ sich ein Diakonus ungefähr so vcr- nehmen: Es sei an der Zeit, die alten K i r ch e n st r a f e n wieder einzuführen. Der Sünder solle nicht nichr unter den Frommen und Gottesfürchtige» sitzen, der gehöre auf die Sünderbank. In seiner früheren Stellung(allerdings einem Dorfe an der äußersten Grenze Pofens) sei das so ge- handhabt worden, und er erinnere sich noch sehr wohl, wie der O b e r f ö r st e r längere Zeit auf der Arme sünderbank habe sitzen müssen.— — Der Schnellzug Köln-Basel entgleiste mif der Statton R o h r b a ch. Vier Personen wurden verwundet.— — Bei der Station Szepesszombat(Ungarn) e n t g l e i ste infolge Achsenbruches ein Personenzug. Der Stteckenauffcher wurde gctödtct, der Lokomotivführer und der Heizer wurden schwer verletzt; ein Paffagier wurde leicht verwundet.— — In Frankreich wurden im Jahre 1897 am Totali- sator 214 Millionen vertu ettet. Der Staat bezog 4 276 756 FrkS. als Autheil.— — In London wird demnächst eine A n st a l t vollendet, die dazu dienen soll, alle nur denkbaren Materialien, insbesondere aber Baumaterial, auf die Brennbarkeit zu prüfen, und da- durch feststehende Werthe in dieser Beziehung zu schaffen.— — Ein sechzehnjähriges Mädchen hat u n e r k a n n t als Schiffsjunge eine ganze und eine halbe Seereise zwischen England und Amerika mitgemacht.— — Für zwei Millionen Dollars ließ ein Amerikaner sein Leben bei einer New-Iorker Gesellschaft versichern. Die Prämie beträgt 100 000, der Agent bekommt 75 000 Dollars.— Die nächste Sttnnincr des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 6. November�_ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.