Anterhattuilgsblatt des vorwärts Nr. 217. Sonnt, ig, den 6. November. 1898 (Nachdruck verboten.) zu] Veu�Vttvkszslgo. Noman von Georges Eekhoud. Der Tag der Wahl war endlich hcrangekoninren. Ein grauer Oktobcrmorgen. Seit dem Frühmorgen schon rufen die Trommeln der Bürgergarde die Wähler an die Urne. Die Stadt zeigte heute eine ganz ungewohnte Lebendigkeit, die sich von dem geschäftigen Alltagstreiben, dem rührigen Hin und Her eifriger Kaufleute und Konunis merklich unter- schied. Wähler im Sonntagsstaat verliehen ihr HanS, unter den Augströhren erblickte nian die ernsten, etwas gezwungen dreinschauenden Gesichter von Bürgern, die sich ihrer Würde und Verantwortung bewußt sind. Sie wanderten eiligen Schrittes, den Wahlzettel in der Hand, den Wahllokalen zu, als welche Schulhäuser, Theaterfoyers und andere öffentliche Gebäude dienten. Junge Zierbengel, hoffnungsvolle Sprößlinge der reichen Patrizier, das Knopfloch mit der blauen, dieParteifarbe repräsen- tirende Kokarde geziert, belegten sämmtliche Droschken m it Beschlag, die zum Heranholen der kranken oder säumigen Wähler be- stimmt waren. Sic stolzirten mit gar gewichtiger Miene ein- her, zogen hin und wieder ihre Listen zu Rathe, unterhielten sich im geheimnihvolleN Flüsterton und kauten an dem Blei- stift herum, der später bei der Stimmabgabe zum Ankreuzen der Nichterschienenen Verwendung finden sollte. Frühzeitig schon waren die Omnibusse auf die vor der Stadt liegenden Dörfer hinausgefahren, um die Wähler des Landbezirks ab- zuholen. Sie kamen eben mit ihrer Menschenfracht beladen herangerollt. Verdicht und roth wie die Krebse standen die Bauern gemeiudeweisc in Gruppen beieinander, zwischen den blauen Fuhrmannskitteln sah man zerstreut die schwarzen Soutanen der Pfarrer, die von einem zum andern gingen, Anweisungen gaben und die Stimmzettel ihrer Schutz- befohlenen priisten. Vor den Thüren der Wahllokale bildeten sich kleine Ansammlungen. Man las die noch feuchten Anschläge, in denen ein oder der andere der Kandidaten auf ein„in letzter Stunde versuchtes Wahlmanöver" der Gegner aufmerksam machte, um dann noch einmal die Hauptpunkte in knappen, pomphasten Worten zusammen zu fassen. Fast alle diese Manifeste begannen mit dem traditio- nellen„Wählerl Man sucht Euch irre zu führen!" Händler brüllten eben erschienene Extrablätter aus. An jeder Seite der Thür stand ein Mann, ein Schild in der Hand haltend, das in Riesenlettern die Mahnung an die Eintretenden lichtete, für die eine oder die andere Liste zu stimmen. Die Leute mit der blauen Kokarde wechselten mit denen, die die orangefarbige Rosette als Erkennungszeichen trugen, heraus- fordernde Blicke, die friedlichsten Spießbürger gefielen sich in heldenhafter Pose und uurklammerten init zornbebender Hand den Griff ihrer Spazierstöcke. Man sprach viel und erregt, aber im leisen Flüsterton heimlicher Verschwörer. Inzwischen hatten sich die verschiedenen Bureaus konstituirt. Die Vorsitzenden nahmen mit ihren beiden Beisitzern Platz, und die Wahlhandlmig begann. Auf den in alphabetischer Reihe erfolgenden Namensaufruf bahnten sich die Betreffenden einen Weg durch das Gedränge, um hinter dem Verschlage, hinter dem die drei Herren mit der steifen, würdigen Amts- miene versammelt waren, zu verschwinden. Auf dem Tische, über dem sich die übliche grüne Decke breitete, paradirte der häßliche, würfelformige Kasten, den man Urne zu nennen pflegt. Der Wähler hielt seinen vierfach gefalteten, mit dem Stadtwappen gezierten Wahlzettel dem Vorsitzenden, der ihn über den Kneifer hinweg argwöhnisch musterte, einen Augenblick unter die Nase und steckte ihn dann bedächtig in den langöhrigen Schlitz, der der Urne das Aussehen eines Briefkastens oder einer Spar- büchse gab. Auf manche der braven Leute schien der einfache Akt über die Maßen Eindruck zu machen, sie verloren mit der Fassung zugleich ihren Spazierstock, erschöpften sich in verlegenen Verbeugimgen und gaben sich erdenklichste Mühe, ihren Zettel in das Tintenfaß des Beisitzers zu praktiziren. Die nach dem Wartezimmer gewandte Seite des Ver- schlages war mit den Wählerlisten beklebt. Kurzsichtige qrückten ihre Nase auf dem Papier platt, und schmutzige Finger fuhren darauf herum wie auf den Fahrplänen in den Bahnhofshallen. Es roch nach Feicchtigkeit und ausgelöschten Zigarrenstummeln in dem ungelüfteten Schulzinnner, das noch der Duft von Butterstullen durchzog. An Drückebergern, die sich der Abstimmung enthielten, fehlte es nicht. Die jungen Leute von jeder der beiden Parteien, die vor der Thür auf Wache standen, kannten indessen ihre Pappenheimer und schickten ihre Sendboten nach der Wohnung der Saumseligen. Drinnen wickelten sich Namensaufruf und der Vorbeizug der Wähler in jammervoller Gleichförmigkeit ab. Nur ab und zit unterbrach ein ergötzlicher Zwischenfall das langweilige Einerlei: einer, der versehentlich auf der Liste nicht aufgeführt war, nahm die Sache krumm, Leute mit gleichlautendem Namen führten eine Komödie der Irrungen auf, hier rief man einen Todten zur Ausübung seines Wahl- rechts auf, während man dort wieder einem Lebendigen aus- einander zu setzen suchte, daß er von Rechts ivegen auf dieser Erde nichts mehr zu suchen hätte. Die Stimmabgabe, Prüfung und Gegenprüfung dauerte bis Mittag, dann begann man mit dem Zählen der ab- gegebenen Stimmen. Noch ließ sich das Ergebniß nicht übersehen, man war vorerst nur auf Schätzungen angewiesen. Die Zahl der Wahlenthalümgen war nicht sonderlich groß. Die Leute mit den orangefarbigen Rosetten beklagten sich über den Massenandrang der bürgerlichen Blnsenmänner und gleichzeitig auch über die Herren mit Glacehandschuhen und Dreimastern, dafür ärgerten sich die„Blauen" wieder über das Aufgebot der„Baes" der Nationen, der kleinen Handels- treibenden und Subalternbeamten. Kein Mensch ging nach Hause. Man aß mehr schlecht als recht in den von Gästen überfüllten Kneipen, Aufregung und ertvartungsvolle Spannung ließen die Kehlen trocken werden, die Durstigen berauschten sich an Bier und hoch- tönenden Worten. Nach dem Essen zog ein Theil nach der Grand Place vor das Lokal der„Association", dem 5tlub Bcjard's und seiner Sippe, an dessen acht Fenstern des ersten Stockes die Wahl- resnltate der sechsnndzwanzig Bezirke zum Aushang kommen sollten, andere marschirten nach dem Hafenqnartier vor die Wirthschaft zum„Weißen Kreuz", wo sich die„Nationalisten", Bergmans Parteigänger, zu versammeln pflegten. Der feine Sprühregen, der auf die wartende Menge niederrieseltc, verhinderte nicht, daß sich immer mehr Neu- gierige einfanden, die dem schlechten Wetter mit stoischem Gleichmnth trotzten. Die Straßenhändler fuhren fort, die zug- kräftigen Artikel des Tages, die blauen und orangefarbigen Kokarden, mit lauter Stimnie anzupreisen. Es lag etlvas wie Gewittcrstimmung in der Luft, und das Schweigen der nervös erregten Menge wirkte wie die Stille vor dem Sturm. Es hatten sich jetzt auch viele Ar- beiter, Studenten und andere eingefunden, denen der ZensuS kein Wahlrecht gab. Unwillig, ihre Stimme nicht für Door den Berg abgeben zu können, hegten sie den sehnlichsten Wunsch, ihrer Gesinnung auf andere Weise offenkundigen Ausdruck zu geben. Die orangefarbigen Rosetten herrschten deshalb auch in der Menge vor. Die Arbeiter hatten sie an der Wolljacke befestigt. In der Nähe des Wahlbureaus, wo die Landlcute wählten, war es im Laufe des Vormittags bereits zu Zu- sammenstößen gekommen. Die Leute niit den blauen Mteln zogen es daher vor, den haßerfüllten Blicken, die ihnen die Hafenarbeiter zuwarfen, auszuweichen, und nachdem sie ihre Stimme nach dem Wunsche ihrer Pfarrherren abgegeben hatten, schleunigst das Verdeck der Omnibusse zu erklettern. die sie aus der ungastlichen Stadt hinaus nach ihren Feldern und Wiesen zurücktransportirten. Der Heerbann der Standesgcnossen war in den Klub- räumen der„Association" um die Führer der Partei ver- sammelt, die der Verkündigung der endgiltigen Wahlresultate harrten. Ans dem Stimmengewirr klang Böjard's näselndes Organ scharf heraus, Dnpoissy orakelte mit salbungsvoller Weitschweifigkeit. Der kampfesnmthige, brutale Saint-Fardier sprach davon, diesen Berginans und seine schmutzige Gefolg- schaft einfach niederzuknallen, der frühzeitig gealterte Dobouziez lehnte mürrisch und wortkarg in der Ecke, er hatte für die Politik nur geringes Interesse und schimpfte innerlich weidlich über die kostspielige Eikelkcitsnarrechei seines Schwiegersohnes; die beiden jungen Saint- Fardier's endlich gähnten ans die Gefahr hin, sich die Kiefern zu verrenken, tronnnelten auf den Fensterscheiben und sahen gelangweilt auf das„Gesindel", das sich da unten zusammenrottete. Im„Weißen Kreuz" sah sich Door einer so vielköpfigen Schaar seiner Anhänger gegenüber, daß er gar nicht wußte, wem er zunächst die Hände schütteln sollte. Laurent, die Tilbak's, Jan Ningcrhout, Marbol und Vyveloy litt es nicht in der Wirthsstube des„Weißen Kreuzes", sie horchten draußen herum und gingen nach dem Zentralbureau, wo die allgemeine Stimmcnzählung erfolgte. Die ersten Resultate, die bald für Bergmans, bald für Bejard günstig lauteten, wurden in der„Assoziation" mit Pfeifen, im„Weißen Kreuz" mit Hnrrahgcschrei, oder um- gekehrt, aufgenommen. Aber die Kundgebungen im Versamm- lungslokal der Reichen führten jedesmal zu lebhaften Gegen- kundgebungen der Volksmenge auf dem Platz. So oft der Aushang an den Fenstern der„Assoziation" eine Stimmen- Mehrheit für Bejard meldete, erschallten unten vereinzelte, schüchterne Beifallsrufe, die aber sofort durch schrille Pfiffe und Geschrei erstickt wurden; das gerade Gegentheil war der Fall, wenn das Glück„unserem Door" hold war. Einige Zeit hielten sich die Stimmen das Gleichgewicht. Die Mehrheit der Zensuswähler der Stadt hatte sich für Bergmans erklärt. Die Menge auf den Straßen glaubte schon die Schlacht gewonnen, nian schüttelte einander freudig die Hände und beglückwünschte Bergmans zu dem erfochtenen Sieg, ja Paridael war selbst dafür, die Geusen- sahne— orange, weiß und blau mit den dem Antwerpcner Stadtwappen entlehnten briiderlich verschlungenen Händen im Mittelfelde— zu hissen. Bergnians, der die Dinge in gar nicht so rosigem Lichte sah, hatte Mühe, seine Freunde an einem verfrühten Triumphe zu hindern. Er hatte guten Grund, nicht so vertrauensselig zu sein. Die Heißsporne hatten bei ihrer Berechnung auf die Landbevölkerung nicht genug Rücksicht genommen. Die ländlichen Wahlbezirke glichen nicht nur den Abstand zwischen beiden Listen aus, nein, die Sttmmen- zahl schwoll immer gcwalttger an und begrub schließlich wie eine sinnlos waltende Naturkrast die berechtigten Hoffnungen der Mehrheit der Stadtbevölkerung. lFortsetzung folgt.) Sonntttgsplttndevei. Sonuige, späte Herbsttage sind uns beschecrt. Es steigen nicht die dicken, bösen Novcmbcncebel auf; und in den kostbaren hellen Mittagsstunden möchte man nicht glauben, daß uns der Winter so nahe sei. Wie rasch dies freundliche Geschenk zunichte sein wird? Im unruhigen, nervös überreizten Tempo gehen die öffentlichen Dinge weiter. Sticht Lust, nicht Kraft steckt in ihnen, lieberall trübes, rcakttonäres Gelüste. Selbst in der Schweiz fängt man an, kranlhast erregt zu werden, wenn man einen Mann wie Oskar Panizza ausweist. Dieser Schriftsteller hat sich politisch kaum bethätigt. Wodurch ist er denn in der freien Schweiz lästig gefallen?" Im vergangenen Jahrhundert der Aufklnrimg hätte man ihn den Freigeistern'zugerechnet. Es gab königliche Heiden, die damals über ltirchendognien ebenso ungenitt sprachen. In unseren Tagen hat die Freigeisierei in der Art, wie sie ein Panizza vorträgt, nur etwas Rcnommistisches. Und wegen seiner renonnnistischcn Manier muß Panizza das Schweizer Asyl verlassen? Ist man in der Schweiz so ängstlich und empfindsam geworden, daß man die Worte eines jungen Kraftmeiers so sorgsam abwägt, wie man in Deutschland nach heimlichen Majestätsbcleidigungen jagt? Das Buch, um dcsscntwillen Oskar Panizza seinerzeit venirtheilt wurde, war geiviß nicht dazu an- gethan, innerste Empfindungen zu verletzen. Es war zu wenig fein und zu absichtlich in seiner Ironie, um den wahrhaft Gläubigen zu erbittern; und künstlerische Geschmacklosigkeiten, die in der Re- nomniisterei mit unterliefen, werden docb sonst bei uns in Deutsch- land nicht gestraft. Man fände ja kein Ende, wollte man hier an- fangen. Hat Panizza vielleicht durch seine Schriften die Sittlichkeit der Bürgerschaft gcärgett? Darin versteht man auch in der freien Schiveiz mitunter keinen Spaß; und man ist manchmal so eitft listet, als lebte man inmitten einer deutschen Kleinstadt mit ihren beengten oder auch erheuchelten Begriffen. Wo man alle Sachen so verdammt ernsthaft nimmt, da ist es kein Wunder, daß man auch dem Schalk an den Leib rückt. Es gab trübselige Zeiten in Teutschland, man ließ wenigstens das Witzblatt einigermaßen gewähren. Es war die lustige Person. Sie durfte eine Keckheit wagen. Wan war nicht so sensibel dem befreienden Gclächcker gegeirüber. Aber heute? WaS ist zur Zeit au? unseren Witzblättern geworden? Wie soll die frische, gesunde Lustigkeit entstehen, wenn die Redakteure selbst ängstlich Wache halteit«»'issen, daß ja kein Witz sich allzusehr erdreiste. Jeder vorlaute Einfall wird doppelt und dreifach gewogen, bis das Beste an ihm richttg sich verflüchtigt hat; und doch greift nian nach den.zuchtlosen Männern" unserer Witzblätterl Und mit welcher Gewichttgkeit. Im Musterland Sachsen, zu Leipzig, soll nun gar der satirische Zeichner Thomas Heine verhaftet worden sein. Es sind jetzt mehrere Jahre verfloffen, da hat in einer Berliner großen Ausstellung derselbe Th, Th. Heine zuerst von sich reden gemacht. Es war ein Bild von ihm zu sehen, über das sich so viele Leute die Köpfe zerbrachen, weil sie nun einmal gewöhnt sind, alles mit weihevollem Ernst zu bettachten. Aber es sprach ein Spötter aus dem Bilde, der sich insgeheim freuen mochte, wie man hin und her rieth, was das Gemälde eigentlich vorstelle. Später konnte man dem Illustrator in den.�liegenden Blättern" begegnen. Die find nicht staatsgefährlich, wie jedermann weiß. In den gar zu platten Harmlofigkeiten der.Fliegenden Blätter", in denen an.Haus und Familie""nicht gerührt werden darf, konnte fich das eigenthinnliche satirische Talent Heines nicht entfalten. In dem neuen Witzblatt .Simplicissimus" erst fand der Karrikaturen- Bildner Heine seinen Boden. Wenn seine Karikatur soziale Gebiete streifte, so hat sie allerdings den bitter-kaustischcn Beigeschmack, der in unseren sozialen Zuständen eben selber liegt. Im übrigen ergab er sich oft sorglosem Ulk, selbst da. wo er dem Philiftcrium, seinen An- schmlungen und seinen Lebensgewohnheiten eins versetzen wollte. Und darum soll der Mann jetzt wie ein anner Sünder büßen? Man behandelt ihn, der sicherlich eher frei künstlerisch als politisch zivcckbewnßt dentt, wie nian einen staatsgefährlichen Umstürzler be- handelt. Dabei muß man bedenken, wie in der Regel die Karikaturen unserer Witzblätter entstehen. Dem Kankaturenzcichner wird die Idee gewissermaßen suggerirt. Den Gedanken, auf den ihm ein Redakteur, ein Schriftsteller erst leitet, setzt er in künstle- tische That um. Freilich macht solcher tückische Bösewicht sich der staatsgefährlichcn Zynismen so mitschuldig. Ein Zeichen selbstbewußter Kraft ist eS nicht, wenn man in nervöser Aufgeregtheit jedes Witzwott, jeden bildlichen Ulk so grausam tragisch nimmt. Das Lachen ivird darum doch nicht verschwinde«, selbst wenn man es auS allen deutschen Witzblättern getilgt haben wird. In dem Systeni, wie es heute geübt ivird, liegt nichr eiimial ein starler pathetischer Wille. Grämliche Bcrdrvsieuheit ist es, die sich über offenes Gelächter ärgert. Mit dem starten, kraftvollen Vertrauen ist eS rundum mißlich bestellt. Man denke nur an unser Berlin und seine Stadt- Verwaltung. Es gab eine Zeit, da hatten die liberalen Blätter eine ständige Rubrik zur Verherrlichung der findigen Post und eine andere zur Jubelreklnme für die geistvolle und energische Stadtverwalttmg. Manchmal nahm die Selbstgefällig- leit geradezu komische Formen an. Wenn irgendwo aus der Welt, aus Sofia oder aus Debreczin, ein Mann nach Berlin kam, um hier die Einrichtung der Markthallen z. B. zu stndiren, so konnte man ganz gewiß lesen: Wiederum ist aus der Ferne ein angeschener Bürger der Stadt Debrcezin. Herr Stadtrath£., nach Berlin gereist, um'unsere Mnsterinftitnttoiien kennen zu lernen. Daran knüpfte sich ein Hinweis ans die stolze Grüße der Stadtverwaltung. Es wirkte Überdies»och die Empfindung nach, die man bei jungen, einvor- gekommenen Leuten häufig findet. Man achtet noch zu sehr auf jede Nachrede, man spitzt die Ohren und horcht ausmerksam, was wohl die Außenwelt zu der noch migewobnten Größe, zum neuen Glanz sage. Nun hat man das Wnrdcbcwußtsein, die Reichshauptstadt zu fem, über ein Vietteljahrhuiidett lang getragen. Die kleinen Eitelkeiten junger Kraft treten nicht mehr so augenfällig vor. Mit der Energie jedoch, die ein machtvolles Gemeinwesen beseelen sollte, will es nicht vorwärts gehen. So lange hat man die öffentliche Verwaltung Berlins über den grünen Klee gepriesen, da sollte von Klcimnuth nicht die geringste Rede sein. Uclierhitzig hat man die Vorstellung genährt, daß mail in Berlin Hindernisse wie im Sturmschritt nähme. Setzte die Kritik einmal wo ein und betonte, hier und dort sei noch Fehlerhaftes zu bemerken, so ereiferte nian sich nicht gegen die Kritik, die man gelten ließ. Man betonte vielmehr: Ja, die Kritik sei im Recht. Aber was thäte das? Das Berlin, das noch vor wenigen Jahrzehnten die jämmerlichen Rinnsale auf den Hauptstraßen kannte und dann seine geivalttgc tlanali- sation durchführte, ivcvde mit den kleineren Fehlern bald aufgeräumt haben.»Uns kann keiner!" lautete das Sprichlvort. Und es lag wirtlicher GruudweNh auch in diesem Selbstvettraucn. Gegenwärtig scheint es zerstoben zu sein. Wie wäre sonst daS Verhalten der Stadt zu erklären, als es sich um die llebcrnahiuc der Elektrizilätslvcrke in städtische Regie handelte? Mir komme noch einer mit dem Scheltwort vom großmäuligen Berlin! Nicht wahr ist eS! Klcinmüthig ist man bei uns geworden und serzagt. Man wird außerhalb den gegenwärtigen Bürger Berlins nicht verstehen. Was ist nur ans dem edel-drcistcn Spruch geworden „uns kann keiner"? Da seufzt man und schleicht herum, wie die Katze um den heißen Brei. Wir möchten ivohl übernehmen, aber wir getrauen uns nicht. Die Privatgeiellschaft kann sich besser ein- richten, kann rascher allen Renennigen folgen, und fähige Männer besser honorircn. Man erfährt von diesem Armuthszeugniß, und die Bürgerichaft Berlins nimmt es mit ruhiger Geduld entgegen. Hier ist die Gelassenheit wirklich eine gefährliche Unlugend. Ist denn das schneidig-libcrale Biirgerlhnm stumm geworden? Hat es die Empfindung dafür verloren, daß eine starke moralische Nieder- läge im öffentliche« Leben weitere Energie lähmt? Wemi man derart an fich zu zweifeln angefangen hat, wie die Stadtverwaltung in der Frage der Elektrizitätswerke es gethan hat, dann steht alles Selbstvertrauen auf sehr schlvanken Fügen, Dann wird der Kleinmuth weiter uin sich greifen. Dann wird man furderhin bei schwierigen Angelegenheiten nicht erst einen Weg suchen, weil der Wille bereits gebrochen ist. Dann wird man immer umnuthiger zurückweichen, wenn man vor einer ungewohnten Aufgabe steht. Ein Geständnitz: wir können nicht neuzeitlichen Er- stbemungen mit der nöthigen Umsicht folgen und wir können sähige oder gar geniale Männer nicht an uns fesseln, ist allein durch sein moralisches Gewicht von gefährlicher Bedeutung.— _ Alpha, Dleines — Der Kiwa-Trank. Die nomadischen Indianer in einigen Provinzen Argentiniens zeigen eine große Vorliebe für ein sehr alkoholrciches Getränk, den Kilva-Trank, de» sie ans den Früchten des Algaroba- oder Schwarzholz- Baumes bereiten. Nicht sowohl das Getränk— denn alkoholische Getränke giebt es überall— als die GewinnungSwcise ist für ein halbzivilisirtcs Land mitzerordcnt- lich seltsam: denn während sonst die Herstellung von Sueue und Trank dem Wirthe und nicht seinen Gasten zufällt, kehrt sich die Sitte im Süden des Gran Chaco um: hier sind es die Gäste, welche den Kiwa- Trank bereiten, und es hieße dem gastfreien Indianer eine schwere Unbill zufügen, wenn der Gast sich dieser Pflicht entziehen wollte. Henry Chastrey, der den Trank zuerst IMS bei dem Kazikcn lHänvtlmg) Jose Petizo(der kleine Joseph), einem gcfürchteten Räuber, kenne» lernte, dem.er einst das Leben gerettet hatte und den er in seinem Zcltdorf besuchte, er- zählt darüber folgendes:„Nachdem jeder Volt uns einige Kilogranm, gebratene Hühner, zu sich genommen und wir unser« Zigaretten am Feuer entzündet hatten, machte der uiwernicidliche Mate-Trank die Runde, dann kcgte ein altes Weib vor jeden Gast eine starke Hand- voll Algaroba-Früchte und ein kleines Holzgesäß. Sofort beeilte sich jeder Gast, die Mimosa-Fnichte zu kauen nnd den dabei ausgepreßten Saft in das vor ihn gestellte Gefäß zu speien, welches die alte Magd nach seiner Füllung iii eine große irdene Schüffel entleerte. Von diesem seltsamen Gebrauch höchlichst überrascht, beeilte ich mich, meinen Vaqncano(de» Führer und Dolmetscher), der nur eben den Mars(st» heißt hier das Zubereitungsgefäß und der Thee-Anfgrrß ans Ilox paragu.ayensis) reichte, um Erklärung zu bitten, die dieser mir mit dem Ersuchen gab, mich denr Gebrauche zu fügen und nntzukauen, da die Zurückhalning als schlvcrc Un- Höflichkeit ausgelegt werden würde. Ratirrliich verbrachte ich nun eine bis zwei Stunden im Geplauder mit meinem Wsilhe, unter fleißigem Mais-Trinken und Algaroba-�anen, zur großen Ve- fricdigung aller Gaflgenoffen. Alsdann erst bot Joss Petizo mir einen schlvärzlichen Trank, den ich sehr gut fand; es war Kiwa. Ein Lichtblitz durchschoß meineil Kopf, ich wußte mm, daß dieser Trank anS den Früchten des Schwarzholz-BanmeS bereitet wurde nnd daß ich soeben bei der Herstellung dieses den Velvohner» des Gran Chaco so wertheit TranleS mitgewirkt hatte." Der Trank wird in der That erhalten, indem man die gekauten Massen der Früchte in irdenen Gefäffen der Gährnng überläßt, worauf die Flüssigkeit von den alten Frauen durch ähnliche Mittel, wie man sie benn Weine anwendet, geklärt wird. Der Kiwa-Trank ist trotz seiner abstoßenden BereitungSweise sehr schmackhäst, stark berauschend und seine Blume erinnert an Vanille. Bekanntlich werden die berauschenden Tränke der ineisten Naturvölker in ähn- sicher Weise durch vorheriges Kauen eines oder mehrere» Bestand- theile in eine schnelle, starke Getränke liefernde Gährnng versetzt, so der Chica-Tran! der etwas nördlicher wohnenden Indianer aus von den Weibern gekautem Mais, der Awa- oder Kalvn-Trank der Süd- see-Beivohner aus gekautem Raiisäipseffer nnd selbst der Reisbranntwein der Formosancr. Doch laffen schon die Südsce- Bewohner das Kauen der Wurzel des Ranschpfeffers durch Kinder besorgen. Die nordische Klvasir-Sage deutet darauf hin, daß bei uns in der Vorzeit ein ähnliches Verfahren bestand, um den Gnn.dbestandtheil des nordischen MelHes und Bieres in schnelle Gährnng zu versetzen. („Prometheus".) Mnsik. Konzerte. Sonntag den 30. Oktober mittags gab eS im Konzertsaal des Schauspielhauses mannigfache Unbill. Felix M o t t e l' s neues Streichquartett"Fis-moU wurde von dein Quartett H a l i r und Genossen ohne Erfolg aufgeführt. Anscheinend dünkte sich das Publikum viel zu vonichin, um cm Werk willkommen zu heißen, das sich erkühnt, Erfindungskraft zu entfalten, uns eine Fülle schöner, allerdings nieist»veicher, etwas schmachtender Lyrik aus- breitet, das heiter und zuwcileu schalkhast gestrmint ist(besonders- im 2. Satz!, und�das in denr tanz-rythnnschcn, fragende Anklänge an die früheren Sätze bringenden Finale volksthümlich wird. Der lebhafte Beifall, den die nächste Darbietung fand, sollte wohl demonstriren, daß man die Aussühreilde» nicht für den Kompoiiisteii der ersten leiden lassen»vollte. Allein obwohl auch hier von den mehrerwähnteii„kleinen Partitur-Ansgabcn" zu bäbeu war, erkannte das Publitum doch nicht, was die Herren diesen: Ea-drir-Quariett des alten Dittersdorf nuthatcn. Wer je diese einfache große Schöpfung enliprechend gehört, dem wird beispielsweise das Förtlssinio des Finales(in jener Ausgabe S. 1b) unvergeßlich sein,- und den konnte der Mangel an Gesühk für diese Stelle bei den Vorragenden verletzen. Wenn ein Werk so schlicht ist wie dieses:»miß es darum so kühl, stellenweise sogar so imseiii gestielt werben, wie eS hier z. B, im 7. Takt das„Alternativs" uiid an einer Pianisfimo-Stelle de§ Finales lS. 14 unten) geschah? Eine Unbilligkeit wäre es aber ebenfalls, daö Darüberwischei» der Herren über die Koniposition als persönliche Schuld aiiszulegen; die Schuld trifft vielmehr unsere Konzertwirthschaft, in der die Ausführenden neben hundert anderen Tagespflichten auch noch dies und das„machen" solle»».— Sinding's wirkungsvolles Klaviergnintett lZ-mc>I1 beschloß, nrit Herrn D. Mück am Klavier, in ersteulicher Weise diese Matinee. Im dritten Symphonie- Abend der tgl. Kapelle führte Herr Weingartner eine neue Konzertszeire mit Orchester aus:„See- jnngfräulein" von d' Albert. Der Text von Grun»nag durch seine Schönheit allein schon an dem Gelingen der werthvolle» Komposition mitgewirkt haben;»vir besitzen weder viele so eigenartige Texte noch auch viele derartige Gesänge nrit Orchester, wie sie unserem Repertoire sehr zu wünschen Ivären. Frau Herzog bot dilrch den Vortrag der Szene eine meisterhafte Leistung: es war besonders bcachtenswerth, wie diese Künstlerin mit ihrer qualität- reichen Vokalisalion sich auch gewaltige Tonstärken erlauben konnte. Unser Urtheil ist der öffentlichen Hmiptprobe enmommen: sie»nachte im ganzen den Eindruck, als sei lediglich der Llinistleirschast aller Be» theiligteu ein Zurechtkoinmen, mit nur einem einzigen kleinen Abklopfen, zu daiikeii gewesen. Den Herren bleibt anscheinend bei ihrer Ueber- lassiing(siehe oben) nicht Zeit noch Kraft zu einer solchen Sicherheit, wie sie die„Mciningcr" besitzen, die sich ga»rz in ihre Eine Berufsarbeit versenken können. Dem sollte radikal abgeholfen»Verden. Dazu kam diesmal noch ein gar zn harmloses„Zwiegespräch" von Schilling s': es siel durch nnd lunrde abends durch anderes ersetzt. Auch Beethovests„Fünfte" kam zum theil matter und nuancenloser heraus, als sie unter Wein« gartner's heroischem Pathos, das freilich auch der Mode huldigt, um Gotteswillcn nicht zu„tifteln", sonst herauskoulyien könnte. Tags darauf verabschiedeten sich die Meininger, unter anderem mit W. Berg er' s Sinfonie B-dur op. 71. Den» großen Erfolg dieser Erstaufführung entspricht ihr Werth nicht ganz/ Ihre Stärke dürste in den vielen packenden Klairgspielereien liegen, die von der Piccoloflöte bis hinab zu der(snmmt den Posaunen in» Finale ein- tretenden) Tuba alle Bläsersiinste der Meininger entfalten lassen. Halb pastoral, halb volksfestartig bringt diese Musik viel Melodiöses und scheut auch nicht vor Dissonanzen zurück, die ein Aneinander- gcrathen verschiedener Mächte anzuzeigen scheinen, ohne daß sie doch zn einer rechten»notivischen Bedcutcndheit gelangt. Ein Streichkoirzerr von Bach(das 3. für 3 Violinen u. s. iv.) und eine vo» Herrn D. Ffrangcon Davies vorgetragene Arie aus Häudells„Samson" lwarum dieses Herausreißen? I), ungerechnet 3 von uns nicht mehr angehörte weitere Stücke, trugen zum erfolg- reichen Abschied glücklich bei. Möchte doch die Kapelle recht bald wstderkomiiici»! Am selben Abend spielte in der Singakademie der Klavierspieler Frederic Lamond 3 große Klavierkonzerte. Die Forderung einheitlicher Konzertprograinme wird leider nicht durch Eintönigkeit erfüllt. Des dicsinasigcn Guten war wohl zu viel. Trotzdem konnte der Konzcrlgebcr im Verein mit dem Philharmöuischen Orchester daS nllmälig sehr zahlreich gewordene Publikum durch seine Künstler» schaft(für die uiiS ein theilweises Anhören genügen mußte) er- frcnlich befriedigen— daS stechende Fortissimo ausgenonuiien. Immer enger wird die Auswahl der Konzerte,' die»vir anS der steigenden Fluth herausgreifen können. Möge dies nicht den Erfolg der vier„historischen" Klavier- Orchester- Abende von Ferrucci« B u s o n i beeinträchtigen, die günstig bcgonuen haben sollen uild an» 12. und 19. d. M. zu Ende geführt werden. Auch zivei„Vortrags- Abende" fielen unserem Referat zu. Am 1. d. M. bewährte sich im..Architektenhaus" Margarethe Pix als eine tüchtige und durch die damalige rohe Bummelei mit der Saalthiire nicht aus der Fassung gebrachte Beherrscherin der Dekla- niationS-»nid zum theil auch der mimischen Kunst. Noch etwas nlchr Deutlichkeit gegen das Ende der Satztheile hin und noch mehr Verzicht ans die Wahl von Esiektstückei»»väre immerhin wiinschcns- werth. Der Vortrags-Abend einer sozusagen neu entdeckten Dichterin, Frau Thekla Li n gen, mn 4. d. M., entging Ulis.— sz. Kultiit geschichtliches. glr. Die magische Heilkunde der alten Egyptek, über die Kicscwettcr in seinen» neuen Buch über den Occiilsismus des AlterthmnS reiches Material beibringt, entstamnit einer ver- hältnißmäßig späten Zeit,»venu auch uralte Tempelgeheimnisse des Thot in ihr einhalten sein mögen. Sie geht im»vesentlichen aus cincil Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts n. Chr., Bsrins» Trismegigtos, zurück. Die ganze Welt erschien den Egyptcr» als e i n großes Lebewesen, in dem alles in wechselseitiger Ver- biudung steht, daS von einer beständigen Sympathie durchströmt »md durch eine Kraft zu einem Leben vereinigt wird. Diese wechselseitigen Beziehungen suchten sie an den Dingen zn er- forschen und für die Behandlung der Krankheiten nutzbai: zu machen. Aus der Aehnlichkeit irgend eines Theils einer Pflanze, eines Tlncrcs oder Minerals nrit irgend einem Glied des mensch- sichcu Körpers schloß mau, daß erstcrer Heilkräfte gegen die Krank» heilen des letzteren besitzen müsse. So galt gegen Hanptsi'ankherten und Epilepsie als besonders wirksam die' Päonieukiiospe, ferner der ivcohn, die Wallmih, MuSkntnus;, Meerziviebel Rrid andere ähnlich geformte Pflanzeiifriichte. Gegen Angenkrankheiten wurden Augen- irost, Habichtskraut, Skabiosen u. f. w. angewendet: gegen Zahn- leiden die Zahnwurz, Granatapfclkerne, Zirbelnüsse n. s. lv., gegen Ohrenleiden die Blätter von der Haselwurz, dem Löffelkraut und der Wassermünze, die auch gegen Nasen- leiden gut sein sollten, weil zwischen Ohr und Nase eine be- sondere, ivahrschcinlich aus der Beobachiung der Katarrhe gc- fchlossene Verwandtschast bestünde. Für die Kehle galt als beilsam das Wintergrün, der Hirfchschwamm und der Zimmt. Für die Lunge ivar das Lungenkraut bestimmt, für das Herz die Zitrone, der Pfirsich, die Brachnutz: für die Leber Aepfel, eine Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und Leberkraut; für die Milz das Scolo- Pendrium, die Hirschzunge, Mauerraute, das Milzkraut; für den Magen die Blätter des Alpenveilchens, Ingwer, Galgant: und so geht es fort durch alle Theile des Körpers. Auch die Farben gaben ein biel beachtetes Moment der Aehnlichkeit. Gegen die sogenannte rothe Galle wurden Pflanzenstoffe von rothem Aussehen angewendet, wie rothes Sandelholz, Roihkohl, Alkannawurzel u. s.>v. Der Grundsatz„similia similibus" durchzog die ganze Arzneilehre. Gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlöcherte Kräuter wie das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Skorpione wurden zubereitet, um als Gegen- gist zu dienen. Das Fleisch gefrätziger Thicre. wie des Wolfes oder des ftarpfeils, genotz man zur Hebung des Appetits, während der Genutz des Fleisches kluger Thiere Intelligenz, das träger Trägheit hervorrufen sollte. Durch hervorragende Leistungen ausgezeichnete Körpertheile gewisser Thiere wurden gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Körpertheile, z. B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht, angeivendet. Es lätzt sich nicht leugnen, datz dem ganzen, so sonderbar es auch durchgeftihrt ist, der Gedanke zu gründe liegt, der der Vater der Homöopathie geworden ist.— Physiologisches. — Mit der Bergkrankheit beschäftigt sich in der Genfer Wochenschrift„Lvmams litteraire" Emil Dung. Ihre Symptome können am besten auf dem Montblanc beobachtet lverden, auf dem viele Reisende, die sonst auf andern Bergen verschont bliebe», der Krankheit zum Opfer fallen. Bei heftigem Auftreten ist die Berg- krankheit ein schreckliches Leiden, das dem Betroffenen alle Möglichkeit theilnehmender Betrachtung der Außenwelt ver- schlietzt und ihn völlig auf die Sorge für seinen Körper verweist. Sie beginnt mit einem unbestimniten Gefühle der Ermattung, unerklärlicher Unruhe und Athembeschwerden. Die Beine haben alle ihre Kraft bewahrt, aber die Brust heischt häufige Aufenthalte. Alle fünf Minuten mutz der Bcsteiger kurz pansiren, um Athem zu schöpfen, und je weiter er in die Höhe kommt, desto häufiger wird dieses Bedürfnitz. Das Unwohlsein wirft dcnjBetroffenen auf das Eis oder den Firnschnee nieder. Dann richtet er sich niit äußerster Willensanstrengung wieder auf und steigt weiter die endlosen, schimmernden Schneehänge hinauf. Allein einige hundert Bieter darauf fällt der Körper wieder in sich zusammen, und der Kranke legt fich platt auf den Schnee, indem er einem unwiderstehlichen Triebe olgt, eine horizontale Lage, die ihm Linderung seiner Roth ver- spricht, zu finden. Und alles, was er wünscht, wäre, liegen bleiben zu können, regungslos I Selbst wenn ein Obdach mit Bett und warmen Decken erreicht wird, setzt sich die Bergkrankheit fort. Die Ruhe thut freilich wohl, aber sie bringt noch nicht die Heilung mit sich, wenigstens nicht sofort. Es ist eine der Besonderheiten dieses Unwohlsems, daß es oft während mehrerer Tage anhält, selbst dann, wenn das Thal wieder erreicht ist. Diese Thatsache lätzt an eine Vergiftung der Nervenzentren durch Muskel« gift denken. Der Verdünnung der Luft in jenen hohen Regionen ist der Hauptantheil an der Entstehung der Berg- krankheit zuzuschreiben. Das Leiden tritt auch. bei Lust- schiffern auf, die mehr als 4000 Meter hoch steigen. Paul Bert hat in Paris eine Art Bergkrankheit bei Personen hervorgerufen, denen durch die Lustpumpe die Lust in dem Ramne, in dem sie sich be- fanden, verdünnt wurde. Die Bergkrankheit steht in direkter Be- ziehung mit dem Oxygengehalte des Blutes. Dabei ist freilich zu bedenken, daß in gewisser Höhe das Leiden bei jedermann eintreten müßte, wenn diese Beziehung ständig wäre, während thatsächlich die Symptome bei manchen Hochgebirgs-Touristen gar nicht anftreten. Jedenfalls liegen der Bergkrankheit noch weitere, bisher unklar ge- bliebene Ursachen zu gründe, die im Temperament des Kranken selbst, in der Neigung seines Organismus, vergiftende Substanzen zu er- zeugen, beruhen.— Aus dem Thierleben. t. Ein französischer Gelehrter, Jules Gal, der sich seit längerer Zeit mit der Untersuchung der Seidenraupe beschäftigt, hat' der uawrforschenden Gesellschaft von Nimes eine Mittheilung über den Einfluß von farbigem Licht auf die Ent« Wickelung der Seidenraupen zugehen lasien. Unter den Züchtern dieser werthvollen Insekten herrscht ziemlich allgemein der Glaube, daß dieselben die Dunkelheit lieben, ohne datz dafür ein eigentlicher Beweis vorläge. Sie gedeihen jedenfalls im Freien auch unter vollem Lichte sehr gut und ebenso m Seidenzucht-Häusern mit großen Fenstern. Nach den Beobachtungen von Gal erscheint diese Annähme ganz unbegnindet. Dieser Forscher wollte den Einfluß der verschiedenen Farben prüfen und stellte sich zu diesem Zwecke farbige Gläser her, die er zunächst mit Kollodium bestrich und dann mit farbigen Pulvern be- streute, darunter Parinabi olett, Lyoneserblau, Methylengrün, Martinsgelb, Fuchsinroth. Die Gläser dienten als Deckel für 6 Kästen, neben die zum Vergleich ein siebenter Kasten gesetzt wurde, tvelcher mit einer farblosen Glasplatte bedeckt war. In jeden Behälter wurden 15 Raupen von gleichem Alter und gleicher Abstammung gelegt und dann die Kästen dem Tageslicht ausgesetzt. Nach einem gcivissen Zeitraum wurden die Raupen jedes Kastens, die natürlich sämmtlich das gleiche Futter erhalten hatten, gewogen, und es stellte fich zunächst heraus, daß die unter dem grünen Glase das geringste, die unter dem violetten das größte Gewicht besaßen, unter dem weißen Lichte war die EntWickelung scheinbar günstiger als unter blauem, rothem und gelbem. Die Raupen wurden nun wieder in ihre Kästen gebracht und begannen ihre Kokons zu spinnen, auch diese wurden nach ihrer Vollendung gewogen, und wieder mit einem ähnlichen Er« gebnisse, indem die unter violettem Lichte das größte Gewicht, die unter grünem das geringste zeigten. Schließlich wurde die Fort- pflmizuiigsfähigkeit der Raupen in den einzelnen Kästen beobachtet. Die Weibchen unter violettem Lichte legten 456 Eier, die unter weißem Lichte 429, die unter grünein Lichte 410 und anr ivenigsten die unter rothem, nämlich 307. Die Versuche ivurden inimerhin in kleinem Maßstabe gemacht, so daß die Schlüsse lvohl noch nicht als ganz feststehend betrachtet tverde» können. Dennoch scheint so viel festzustehen, daß die Elitwickelung der Raupe, das Gewicht der Kokons salso der Ertrag an Seide) und die Fortpflanzung unter v i o l e t t e in Lichte die glinstigsten Ergebnisse erzielen.— Humoristisches. — Der Pedant. R e g i st r a t o r(zu einem Bureallschreiber, dem er ein von jenem ausgefiihrtes Schriftstück znrückgiebt):„Herr Schmidt, hier fehlt'n J-Pünktche. Machen Sie's'mal sälwer driewer, daß nich z w e e r l e e Schrift wärd!"— — Landplage. A:„Glücklich wieder zurück vom Land'? Schön gewesen?" B:„Ach, lassen S' mich ans mit dem Landaufenthalt, wenn man immer in der Sonn' rumlaufcil mutz!" A:„Warum nur in der Sonne? Man findet doch überall auch Schatte» I" B:„Ja, Schatten g'rad g'nug: aber in jedem Schatten steh'» Radler und pumpen an ihren Pneuinatiken!"— — Abweisung.„... Gut, ich will Se bei mir anstellen mit'm Monatsgehalt von 60 Mark!" „60 Mark? Damit kann ich leine großen Sprünge inachen!" „Wie heißt große Sprünge machen? Sind Se a Geis- bock?"-(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Der Gemeinde-Kirchenrath in Anger in ü n d e macht bekannt. der alte Gebrauch sei noch nicht allfgehoben, datz nur Jungfrauen mit K ranz u n d Schleier zur kirchlichen Trauung am Altar erscheinen dürfen, und daß kein Geistlicher berechtigt sei, Ausnahmen von diesem Gebranch zu ge- statten.— y. Die Hochsee-Fischerei ruft in G e e st e m ii n d e und Nordenhani verschiedene neue Rebengewerbe ins Leben. Man hat z. B. Versuche gemacht, die in grotzen Blassen vorhandenen F i s ch a b f ä l l e zur S ck w e i n e m ä st u n g zu vcrlvenden. In Nordenham hat eine Hochsee-Fischerei-Gesellschaft bereits einen Bestand von ca. 400 Stück. Die Thiere fressen das Futter gern und ge- deihen gut.— Das Fleischgeschmäckle wird wohl etwas anders sein als gut.— — Beim Schmuggeln von Wollttwaren wurde ein österreichischer Staatsbürger von ruffffchen Grenzsoldaten an der preußischen Grenze bei M Y s l o>v i tz erschösse n.— — In K o l o nr e a(Galizien) ivollte nach einer Meldung der „N. Fr. Pr." ein junger Offizier, der in keinem Hotel Unter- kunft finden konnte, da alle überfüllt waren, in einem mit Gewalt in ein Zimmer eindringen. Als der Sohn des Besitzers Einspruch erhob, zog der Lieutenant seinen Säbel und drang auf ihn ein. Er verfolgte den Fliehenden auf die Straße und versetzte ihm auf offenem Marktplatz von rücklvärts einen Hieb über den Kopf. Der Mann stürzte zusammen, er hatte eine tiefe Wunde in der Schädeldecke erhalten.— — In P o l a(Jstrien) feuerte ein 70jähriger Greis aus Eifersucht gegen seine LOjährige Gattin zlvei Revolverschüsse ab und durchschnitt sich dann die Kehle. Beide sind lebensgefährlich verletzt.— c. e. Um den Alkoholismus zn bekämpfen, hat die belgische Regierung folgenden Wettbeiverb aus- geschrieben: Es soll ein den belgischen Sitten angepaßtes„Ge- mälde" eingereicht lverden, welches einerseits einzelne Organe von Alkoholikern und Trunksuchtsszenen, andererseits dieselben Organe bei gesunden, nüchtenien Menschen und Szenen aus dem Familienleben von Temperenzlern darstellen soll! Die Darstellung der Alkoholiker soll Abscheu erregen und Furcht vor den Folgen der Trunksucht er« lvecken. Der Preis bettägt 1000 Franks.— Verantwortlicher Redakteur: August Jaeobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing m Berlin.