Wnlerhaltungsblatt des Horwärls Nr. 218. Dienstag, den 8. Novenlber. 1893 (Nachdruck verboten.) 26] Meu�MttvthAgo. Roman von Georges Eekhoud. XVl. Nachdem die erste Bestürzung über den unerwarteten Ausfall der Wahlen vorüber war, bemächtigte sich der in ihren Hoffnungen betrogenen Anttverpener eine unbändige Wuth. Freilich, die Reichen hatten gesiegt, aber sie verdankten diesen Sieg nur der 5korruption und der Dummheit, ihren unschätzbaren Bundesgenoffen. Das Bauernvolk hatte gegen die Willens- Meinung der Stadt sein Veto eingelegt. Die Sieger konnten sich darüber gar keiner Täuschung hingeben, daß ihr Triumph ein Scheinerfolg war, und sie hätten es daher füglich unterlassen sollen, sich durch überlaute Freudensäußening über ihre im Grunde recht gedrückte Stimmung hinweg- zutäuschen. Dieser aufdringliche Jubel konnte nur dazu beitragen, die Menge zu reizen und den seit dem Morgen aufgespeicherten Zündstoff zur Explosion zu bringen. Gleichwohl wagten die übermüthigen Sieger nicht, der ironischen Ausforderung der Untenstehenden Folge zu leisten und auf den Balkon herauszutreten, unter dem ein Heer erregter Menschen mit wuthverzerrten Gesichtern und geballten Fäusten Posto gefaßt hatte. Fünf Uhr l Der Abend ist angebrochen. Die vornehmen Herren stehlen sich heimlich aus dem Klnblokal fort und drängen sich mit verlegener Scheu durch die dichte Volks- nieuge. um ihre in der Neustadt gelegenen Paläste aufzu- suchen. Die Leute unten auf dem Platze wanken und weichen nicht. Sie stehen im Banne eiues dumpfen Angstgefühls. Keiner weiß recht, was man eigentlich beginnen soll, aber alle sind sich klar darüber, daß„etwas geschehen muß", nur über das Was und Wie herrscht allgemeine Rathlosigkcit. Der Bürgermeister hat in Erwartung drohender Unruhen die Bürgergarde einberufen, die Wachen sind verdoppelt, die Gendarmerie hält sich zum Ausrücken bereit. Bergmaus ist beim Ueberschreiten des Platzes erkannt worden und wird im Triumph auf die Schultern gehoben. Mit Mühe kann er sich der Ovationen erwehren Seit dein Morgen schon wird er nicht müde, zur Ruhe zu mahnen: „Wir werden das nächste Mal schon siegen." Die blaue Fahne, die auf dem Balkon der„Assoziation" flattert, reizt und erregt seine Anhänger. Die Nieder- geschlagcnheit, die sich nach Bekanntwerden der Schlappe der Besiegten bemächtigte, haben die Neichen benutzt, ihre Flagge zu hissen. Plötzlich kommt Vclvegung in die Massen. Paridael und seine Kameraden von der„Jungen Geusengarde" haben sich mit Hilfe ihrer Ellbogen einen Weg durch die Menge gebahnt und sind bis zum Klnblokal vorgedrungen. Auf den Schultern Jan Ningerhout's stehend klettert Laurent mit affenartiger Behendigkeit an den« Mauerwerk in die Höhe, schivingt sich mit einem kecken Satz auf das Geländer des Balkons, macht sich daran, die Fahne herunterzureißen und hängt sich, als er damit nicht rasch genug zum Ziele kommt, mit der ganzen Schwere seines Körpers an das Fahnentuch; man hört ein kurzes Krachen, der Schaft ist abgebrochen. Die erwartungsvoll harrende Menscheumenge stößt einen Schrei des Schreckens ans. Die Fahne ist erobert, aber der wagmuthigc Held stürzt mit seiner Bellte in die Tiefe. Er hätte sich unweigerlich auf dem Pflaster den Hals gebrochen, wenn der mifnierksame Bingerhout die Gefahr nicht mit Blitzesschnelle erkannt hätte. So fängt der Herkules seinen Freund wie einen Getrcidcsack in den Armen auf. ohne auch nur einen Augenblick zu wanken, lind legt ihn fein säuberlich mit einem kräftigen, die That belobigenden Fluch ans den Erdboden. Ein stürmisches Beifallsgeschrei, das gar nicht enden will, dnrchzittert die Luft. Die Polizisten macheu den Versuch, Laurent beim.Kragen zu packen, aber hundert Hände, darunter Vingerhont's Riesenfäuste befreie, l den Gefangenen und drängen die Polizisten zurück, die den, Ansturm gegen- über machtlos sind. Die jungen Leute treten an die Spitze eines unüberseh- baren Zuges, der sich unter Absingnng der von Vyveloy komponirten„Geilsenhymne" in Bewegung setzt, nachdem man sich mit drei schrillen Pfiffen von dem seines Flaggcnschmuckes beraubten Balkon verabschiedet hat. Da plötzlich ertönen von fern her die verhaßten Klänge des Parteiliedes der Reichen. Von welcher Seite kommt die unverschämte Herausforderung? Wie ein elektrischer«schlag geht es durch die Kette der Marschirenden. Das soll der kecken Bande schlecht bekommen? Und im Laufschritt geht es über die Place de Meir. An der Ecke stoßen die Heran» stürmenden auf einen bei Fackelschein unter Vorantritt einer Musikkapelle niarschirenden Trupp junger, mit den blauen Kokarden gezierten Leute. Mit tollem Geschrei fallen sie über die Demonstranten her. JmNusind die Fackeln denHnndenderTräger entrissen, ein niedersausender Knüppel durchlöchert die große Pauke, die Bande wird überrannt und auseinandergetrieben, obue daß auch nur einer der Angegriffenen den geringsten Widerstand geleistet hätte. Mittlerweile hatten die„Geusen" in Erfahrung gebracht, daß in der Neustadt, am Boulevard Leopold, die Reichen zur Feier des Sieges geflaggt und illuminirt haben. „Zu Bejardl" brüllen die Manifestanten. Die Reihen der Arbeiter, Schaucrlcute und Kleinbürger haben sich stark gelichtet, an ihre Stelle hat sich allerlei licht- scheues Gesindel gedrängt, das die entstandenen Lücken schnell ausfüllt; die Kerle singen auch die„Geusenhymne" nicht mehr, sondern gröhlen ihre obskönen Gassenhauer. Unterwegs, in der Avenue des Arts, hat ein„Ruuner" einen Pflasterstein durch das Portal des Saint Fardier'schcn Palais, in eines der mit brennenden Lampions geschmückten Fenster geschleudert, dessen Scheibe klirrend in Stücke fliegt. Ein seidener Fenstcrvorhang. den der Wind gegen daS Licht der Laiichions treibt, flammt hell aus. Ein wildes Freudcngeheul begrüßt das Feuer, den unverhofften Mit- Helfer. „So ist's recht! Wir wollen ihnen den rothcn Hahn aufS Dach setzen!" Aber eine Abtheilung Gendarmerie, Polizei und eine Konipagnie Bürgergarde sind zur Stelle und verhindern die Ausführung des Anschlags. Während ein Theil des Zuges Posto faßt und mit den Gendarmen handgemein wird, benutzen andere den entstandenen Wirrwarr, um auf Seitenstraßen nach dem Boulevard Leopold zum Hotel Böjard zu gelangeu. „Nieder mit Bejard l Nieder mit dem Seeleuverkäufer l Nieder mit dem Sklavenhändler!" Ein wüstes Geheul umtost das Palais des Gewaltigen. Bejard mußte wohl geahnt haben, was da kommen würde, denn der Erwählte des Bauernvolks hat es klugerweise nnler- lassen, zu tllumüiiren. Die Fensterläden des Parterregeschosses sind geschlossen. Auch drinnen scheint alles dunkel zu sein. Aber diese zur Schau getragene Zurückhaltung entivaffnct die Wnth seiner Feinde keineswegs. Sie stürzen sich wie Wahnsinnige auf daS verfluchte Hau?. Die Fensterläden sind im Handunidrehen zertrümmert und hernntergerrsjcn. die Scheiben splittern in tausend Stücke. „Schlagt den Kerl todt!" henlen die Wüthenden. Paridael hat seine Fahne dem treuen Bingerhout anvertraut, er tritt zivischeu die Tobsüchtigen und will ihnen den Eintritt ins Haus wehren, denn sein ganzes Sein und Denken gilt im Augenblick einzig und allein der Frau des rn, beliebten Rheders, seiner Äousine Gina. Mag man Bejard in Stücke reißen oder an den nächsten Laternenpfahl hängen, ihn kümmert es blutwenig, und wenn sie sein Haus dem Erd» bodeu gleichiuache», wird er mit deu Zerstörern gcru gemeinschaftliche Sache machen, aber er würde auch seinen letzten Blutstropfen hingeben, um Frau Bejard Aufregung und Verdruß zu ersparen. Er ruft Bingerhout zur Hilfe herbei, aber auch der ver- mag gegcu die Rasenden nichts auszurichten. Hier bleibt nichts weiter übrig, als den Gewaltthätigcu zu folgen oder vielmehr vor ihnen in das Haus zu gelangen, um der jungen Fran Hilfe zu bringen. Laurent springt durch das Fenster in das Zimmer. Hier ist schon ein Haufe rührig bei der Zerstörungsarbeit: nian zertriwunert Möbel und Nippes, reißt die Bilder von den Wänden, zerschlügt die Rahmen und — 8 reißt die Gemälde in Stücke, man zerfetzt Teppiche und Decken. kurz, die Leute Hausen wie die Vandalen, schlagen alles, was ihnen in die Hände kommt, kurz und klein und werfen die Trünrmer durch das Fenster. Laurent ist rasch in das anstoßende Zimmer geeilt. Es ist dunkel und leer. Auch in Stnem dritten Zimmer ist so wenig ein menschliches Wesen zu finden wie im Speisesaal, dem Wintergarten und dem Treibhaus. Die andern sind ihm indessen nachgegangen. Die Zer- störungsarbeit niacht ihnen keinen rechten Spaß mehr, sie möchten jetzt gern auch an Bejard ihr Müthchen kühlen. Laurent eilt auf den Flur und stürzt Hals über Kopf die in die erste Etage führende Treppe hinauf. Die Schlafzimmer und das Ankleidezimmer sind leer. Er ruft:„Gina l Gina I" Keine Antwort! Mit fieberhafter Hast fegt er durch die Räume, er sieht in alle Winkel, öffnet die Schränke und knecht unter die Bettstellen. Alles vergebens l Auch auf den Bodenkammern ist von der Kousine nichts zu entdecken. Ver- stört und von bangen.Ahnungen geängstigt, eilt er wieder die Treppe herab, auf der er mit den auf der Suche befindlichen Plünderern zusammentrifft. Von allen Seiten wird er nach Bejard gefragt, und es fehlt gar nicht viel, daß man Paridael beschuldigt, seinen Feind zur Flucht vcrholfen zu haben. Glücklicherweise kommt Vingcrhout zu rechter Zeit, um ihn aus der peinlichen Lage zu befreien. Von der Straße herauf tönt innner lauter das Gejohle der tobende» Menge. Laurent irrt rufend im Park umher und durchsucht die Stallungen, ohne die Gesuchte zu finden. So muß er sich wohl oder übel zum Verlassen des menschenleeren Hauses entschließen. Auf der Straße, auf der hunderte von Maulaffen sich den Wüthenden beigesellt haben, um mit vergnüglichem Behagen der Plünderung dieses luxuriösen Protzenhcims zuzuschauen, hört er von Bejard's Bediensteten, daß die Herrschaften bei Frau Athanase Saint- Fardier das Diner einnehmen. Laurent athmet erleichtert auf und will gerade dem Schauplatz der wüsten Orgie den Rücken kehren, als plötzlich von fern her Pfcrdegetrappel an sein Ohr schlägt. „Die Vürgcrgarbc! Rette sich wer kann!" Die Plünderer unterbrechen erschrocken ihre Arbeit. Eine Halbeskadron kommt im Galopp die Straße heran- gesprengt. Etwa hundert Meter von der Volksmenge ent- fernt läßt der führende Offizier, Herr van Frans, ein der Familie Dobouziez befreundeter Bankier, Halt machen. Die Paradereiter sind sammt und sonders reiche Erb- söhnchen, die stolz von ihren edelen Rassepferden herabsehen und die sich nicht wenig auf ihre blitzende Uniform— dunkel- grüner, mit silbernen Knöpfen und schwarzen Husarenschnüren besetzter Waffenrock, mit amaranthfarbigen Streifen geschmückte Hose, krimmerbesetzter Kalpak mit rothein Lappen und silbernen Troddeln— einbilden. Die Schabracken der Pferde entsprechen der Farbe der Uniform und tragen auf den Ecken silbcrgestickte Zinken._(Fortsetzung folgt.) Fuhrmann Henpchek. (Schauspiel in fünf Mte» von G e r h a r t Hauptmann. Erstaufführung im Deutschen Theater Sonnabend, S. November.) Ist Selbstbescheidenheit eine künstlerische Tugend? Trotzige Geister mochten diese Frage verneinen, beschaulicher Schaffende werden leichter genügsam. Hebbel rückt der Frage in einem geistvollen poetischen Gleichniß an den Leib. Zum Meister Michel Aiigelo kommt der Schüler. Der hat ein Bildwerk geschaffen, nicht groß in seiner Weise und nicht erhaben. Es ist ihm aber nicht übel gelungen, und er freut sich seiner Arbeit. Da wird der Meister zornig, er greift zum Hammer und zertrümmert das Bildwerk des Schülers, weil der es in Selbst- beschcidenheit geschaffen und nicht in den mächtigen Absichten des Lehrers gelebt hat. Gerhart Hauptmann ist mit der Dorftragödie vom Fuhrmann Henschel in feine Hcimath zurückgekehrt; auch im tünstlcrischen Sinne hat er diese Heimath wiedergefunden. Cr hat damit etwas erreicht, was er vielleicht selbst nicht erwartete. Das Bürgerthuni, das einst verdrossen war über ihn, ist bekehrt. Selbst in den Spalten des philiströsen„Lokal-AnzcigerS" ertönen die Fanfaren für ihn. Und doch: d i e Leute alle lieben das Bescheidene. Einem Drama, wie dem»Fuhrmann Henschel", sehen auch sie auf den Grund. An die naturalistische Studie haben sie inzwischen sich gewöhnt. Nur auf den Höhen der Dichtung, da wo Tragik mit Macht durchbricht, wie im vierten Akt, fühlt man den leidenschaftlichen Athem Person- lichen Temperaments. Zeitideen klingen nicht mit. Das Einzel- fchicksal wird mit feinem Spürsinn und ganz ausdauenidem Kunstflkiß in allen Winkeln durchsucht; nur handelt es sich in ihm nicht um Frage» von umfassender hoher Bedeutung. Worüber soll man nun erbost sein? 0— Otto Ludwig hat iin.Erbförster" auf engstem Gebiet einen tragischen Konflikt gesunde«. Herreuwille und das Berantwortlichkeits- gefühl des Beamten stotzeu aufeinander. Um ein Stückchen Wald dreht sich der ganze Streit. Aber dieser an sich kleinliche Streit ist zum großen sozialen Sinnbild geworden. Einen ähnlichen Fall behandelt Philippi in seinem neuesten Schauspiel; und trotzdem er in,»Erbe" deutlich genug auf Bismarcks Berabschieduiig anspielt, also ein historisches Ereiguitz in den Kreis seiner Betrachtung zieht, findet man in semem Wert keine Spur von poetisch- sinnbildlicher Bedeutung. Das Unscheinbarste kann also ein tiefes Gleichniß der Erdendinge werden, und man muß nicht gleich an Shakespcare'sche Historien und Märchentragödien von übergroßem Wurf denken, wenn nian von der Dichtung Bedeutsamkeit verlangt. Ich glaube nicht, daß Gerhart Hauptmann auf dem Boden der bescheidenen Genre- und Charakterstudie des novellistischen Einzelfalls verharren wird. Er hat ihn in Fuhrmann Henschel betreten. Was ans dem Stoff in realistisch-trcucr Beobachtung zu holen war, hat er aus ihm geschöpft. Aber, ist man auf einem Boden reif und fertig ge- worden, so wird man sich sehnend nach neuem Land umthun. Das liegt in der Natur der Dinge. Forschen und Können würde sonst erstarren. Wenn iin Fnhnnann Henschel Hauptmann in Wahrheit seine reiffte und abgeklärteste Arbeit gegeben hat, so erreichte er das durch die strengste Selbstbeschränkung. Dabei kann er nicht bleiben wollen. Ich schließe es aus seinen eigenen Arbeiten der Vergailgenheit. Denn selbst in den Genreszcnen seiner ersten Schauspiele find die kleinen Lebcnsvorgänge mit Zeitstimmuna gesättigt. Es ist gleichgiltig, ob man hierbei an die mammonistische Eiltartung der Bauern im Waldenbnrger Kohlenbecken oder an die arg zerklüftete Bürgerfamilie im„Friedciissest" denkt. Anders steht eS damit: Die»aturalistische Kunstweise hat den Blick für das Kleine, für die verfeinerten Seelenregungen geschärft. Nun wollen die Dichter cinpor, weiter empor, menschliche Er- scheinungen gleichsam von Bergesgipfeln beobachten. Das eine war wohl eine nolhwendige Uebung, um überhaupt wieder in der Natur schauen zu lernen. Werden die Versuche, ein höheres Gesichtsfeld zu gewinnen, gelingen? Soll die Aussaat der unzweifelhaft vorhandenen Talente nutzlos gewesen sein? An den Zeitumständen wird es liegen. Sind sie widrig, zersplittern sie die Kräfte zur Kleinlichkeit, wer wird die gefesselten Arbeiter daruin schelten wollen? Aber bereit sein mich inan;«ud die Bereitschaft erreicht man nicht auf dem Weg des Selbstgenügens. Das Werthvollste an der neuen Dichtung Haupftnann's ist nach meiner Empfindung die Charafterstudie des Fuhrmanns Heuscbel selber. Einmal wieder ein Mann aus dem Bollen. Er lebt wie ein auftechter, brcitästiger Baum. Seit dem»Kollegen Crampton" hat Hanptmanii nicht mehr eine Portrntstudie in so saftigen, satten Farben entworfen. In einem schlcsischcn Gcbirgsdorf lebt dieser Fuhrmann. Seit das Dorf als Kurort zur Bedeutung kam, ging es mit dem Geschäft Henschel'S vorwärts. Er gelangte zu Wohlstand. Seine scchsund- dreißigjährige Frau wird leidend und sterbenskrank. Eine dralle. junge Maijd ist im Hause, die Hanne; und ihr mag eS manchmal durchs Hirn schießen: Wie, wenn du hier Hei-rin werden könntest? Frau Henschel auf ihrem einsamen Sterbelager wird manchmal auch von dem Gedanken gepeinigt: Du lebst dieser Magd und deinem Gatten zu lauge. Ein glänzendes Beispiel für die verfeinerte Bcobachtuugslveise, für den intimen Blick, findet man hier im ersten Akt. Henschel hat die junge Magd ein wenig auf- gezogen. Er wollte ihr ans der Stadt eine Schürze mitbringen und stellt sich so, als hätte er nicht daran gedacht. Nach einer Weile sagt er schäkernd: Komm, Hanne, draußen ist die Schürze. DaS Getändel regt die Empfindsamkeit der kraulen Fran auf und sie stöhnt: Er hat ihr die Schürze doch mitgebracht! Das ai» sich triviale Wort wird ein scharfes CharakterisinnigSmittel. Man empfindet, wie tief ängstlich die sterbende Frau jede Kleinigkeit verfolgt, wie verzagt ihre Seele ist; und in dieser Verzagtheit nimmt sie dem Gatten, der sie in seiner offenen, derben Weise beruhigen will, das Gclöbniß ab, die Magd Hanne nicht zur zweiten Frau zu nehmen. Nach dem Tode der ersten Frau Henschel gewinnt das Leben sein Recht; das Gclöbniß verblaßt. Henschel, der Mannjir den vierziger Jahren, läßt sich von der Magd Hanne einsangen. Sie hat wohl ein uneheliches Kind. Henschel in seiner naiven Gutmüthigkcit und ge- wöhnt, die Dinge zu betrachten, wie man sie aus dem Laude de- trachtet, sieht' darüber hinweg. Ja, in seiner Herzlichkeit führt er seinen» jungen Weib selbst das Kind zu. Er will es halten, wie sein eigenes. Mit Schrecken sieht er da zuerst, welchen Lebens» irrthun, er'begangen. Hanne in ihrer rücksichtslosen Selbstsucht, die bis zur Bestialität gehen kann, enipfängt die»Frucht der Schande" bitterböse. Sie könnte ihr Kind»nit den Blicken vergiften. Und Henschel'S Gattenehrc muß das Schlimmste erfahren. Die junge Frau, der der schwerfällige Vierziger lästig ist, ergötzt sich heunlich mit einem leichtfüßigen Kellnerjüngling. Dies und noch manche? düstere, wie es die Volksphantaste zusammenzutragen pflegt, erfährt Henschel in der großen, tragisch starken Wirthsh'ausszcne. Das Gemurmel der Leute schwillt zur fürchterlichen Anklage an; Hanne kann sich nicht recht vertheidigen; und der Mann, unter dessen Schlägen sonst»kein Gras wäckst", bricht zusammen. Der kraftvolle Baum ist vom Blitz zerschellt. Fuhnnann Henschel spintisirt, Gewissensinahnungen bestürnien ihn: Vertrauen und die Wurzeln seiner Kraft hat er verloren. Der sonst so Tüchtige wird irre und zum verzweifelten Selbstmörder. Im Vorbericht schon war betont. datz vom Deutschen Theater diesmal so recht eine Muster- Aufführung naturalistischen Stils zu stände gebracht wurde. Da heißt es, im Ensemble äußerste Disziplin einhalten und fich den leisen Absichten des Dichters und Regisseurs streng unterzuordnen. Das thatcn denn auch treffliche Schauspieler vom Range Reicher's oder Sauer's; und auf den Schultern des Dichters' wuchsen Frau Lehmann, eine vollkräftige Hanne, und vor allem Herr Rittner lHenschcl). Ihm, den man so oft nervöse Jünglinge spielen sah, hätte man diese geradlinige aufstrebende Charakterstudie, die bei aller Einfachheit doch zu tragischem Pathos wächst, weniger zugetraut.-»—ff. Vleines Fenilleko». II. Ans dem Studenteuleben des 15. Jahrhunderts. Die Universität von Aix war, wie die„Revue bleue" nach den jüngst wieder ans Licht gezogenen Akten anschaulich schildert, im 1ö. Jahr- hundert ein wahres Eldorado für Studenten. Man that damals alles, was nur möglich war, um nur Studenten heranzuziehen man gewährte ihnen die denkbar größten Freiheiten und Privilegien. Ludwig II., der König von Sizilien und Graf der Provence, der die Universität gegründet hatte, richtete einen feierlichen Appell on alle Geistlichcii�i» seinen Staaten und schilderte ihnen die Vor- theile des Aufenthalts in Aix in glühenden Farben. Er betonte zwar auch, daß die ruhige Umgebung den Studien sehr günstig sein würde. Vor allem aber sollte die Versassring der Universität Studenten anlocken. Der Rektor wurde nämlich von den Studenten selbst aus ihren eigenen Reihen gewählt. Seine Wahl wird mit großem Pomp allen bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt angekündigt. Der Tag seiner Einsetzung ist ein öffentliches Fest und wird von imposanten Zeremonien und einem Antrittsschnraus begleitet, zu dcnr von dem neuen Rektor zahlreiche Personen eingeladen iverdcn. Der Rektor genießt die große Auszeichnung, bei allen Zeremonien und Univer- fitäts-Feierlichkeiten uiimitlelbar hinter dcnr Erzbischof seinen Platz einzunehmen. Eine andere Bevorzugung der Studenten von Aix, die in den Annalcn der Universitäten einzig dasteht, besteht darin, daß sie der gewöhnlichen Rechtsprechung entzogen sind. Alle Pro- zefse, in die sie venvickelt werden, kommen vor ein besonderes Gericht fconeervstoirv). Lärm machen dürfen sie, soviel sie wollen. Die Statuten der Universität gestatten nicht nur die Katzenmusik und die Kommerse, die bei der Aufnahme der Füchse stattfinden, sondern regnliren sie auch noch selbst. Dinge, die an anderen Universitäten odiolnt verboten find, werden hier offiziell anerkannt. Jedes Jahr wird der„Promotor" der Füchse ernannt, eine Art .Fuchsmaior", der die Pflicht hat, die Füchse in die Korporation der Studenten einzuführen. Die Füchse werden natürlich bei dieser Gc- legenheit sehr viel Geld los. Sie sind nach den Statuten verpflichtet, dein Rektor und den Kommilitonen einen FuchsschmauS auszurichten, bei dem der Wein nicht gespart wird. Das Unangenehinstc an diesen Anfnohmcfcierlichkeitcn sind aber die Proben, die den Füchsen von den bemoosten Häuptern auferlegt werden. So müssen sie eine bestimmte Anzahl von Schlägen mit der Pritsche hinnehmen, oder sie müssen sich waschen, um sich zu säubern, und das ist nicht figürlich gemeint: denn die Füchse gelten für infizirt und schmutzig. Ein statritcnmähigcs Recht der Stndirenden ist es auch, wenn ein Mitglied sich verhcirathct, eine bestimmte Summe, je nach dem Vermögen seiner zukünftigen Frau, zu verlangen. Will er nicht zahlen, so ziehen die Studenten, niit allen möglichen l udarl-Jnstrnmenten bewaffnet, vor sein Haus und bringen ihm eine fürchterliche Katzenmusik. Ost bringt man auch Iveniger milde Mittel in Anwendung. Beim Examen waltet die größte Nachsicht. Die PrüfungS-Prosefforen scheinen darin ein unbegrenztes Wohlwollen bewiesen zu haben. Für die Ertverbung der Licenz— des einzigen GradeS, für den ein Examen überhaupt nöthig war— verlangten z. B. die Statuten ein fünfjähriges, regelrechtes Studium. Tie Profefforen bc- gnügtcn sich aber jschon niit der einfachen Erklärrmg, daß der Be- treffende„einige Zeit" das Zivilrecht studirt habe. Die Hauptsache find die glänzenden Veranstaltungen, die mit dem Examen verbunden sind. Bei seinen Besuchen wird der Kandidat in feierlichem Zuge von seine» Mitschülern begleitet, Glockengeläut kündigt schon am Abend vorher den Tag des Examens an, und nach bestandenem Examen wird er in seine Wohnung mit Musik zurückgeführt.— Literarisches. — Gerhart Hau Pirna inr'S neues Drama.Fuhrmann He nsch cl" ist soeben in der Buchausgabe im Verlage von S. Fischer. Berlin, erschienen.— Theater. — hl. In der erstell Abthcilung der„Freien Volks- b ü h n e" wurden am Sonntag im Friedrich-Wilhelmftädtischen Theater zwei Stücke aufgeführt:.Liebelei" von Arthur S ch n i tz l e r und„Lunipenbagasch" von P a n l Er« st. Schnitzler's Stück ging, entgegen der ersten Ankündigung, voran. Ueber das Schauspiel selbst braucht an dieser Stelle nichts mehr gesagt zu werden. Die Aufführung war diesmal besser als sonst ,n diesem Theater. Freilich hatte sie einen sehr bösen Feind, das Wienerische: je mehr sich die Darsteller be- mühten, diesen Ton z« treffen, um so ärger ivnrde es. Fräulein Eisenhut als Christine und Fräulein v. Olizar als Mizi boten besonders tüchtige Leistungen. Die ersten beiden Akte vermochte» das Publikum jedoch nicht stärker zu bc- ivegen, die leichte Lebensauffassung, die in ihneii zum Ausdruck konimt, die Tändeleien, blieben ihm völlig fremd. Einen tiefen Eindruck machte dagegen der dritte Akt, das tragische Geschick der Christine.—„Lumpenbagasch" von Paul Ernst hat vor der am Sonntag überhaupt erst eine Aufführung erlebt, im vorigen Winter in der Dramatischen Gesellschaft. Das Publikum nahm da- mals die Späße und Zoten in dem Stück mit behag- lichem meist ziemlich lautem Lachen auf; die satirische Ab- ficht des Verfassers verschwand völlig hinter diesem Eindruck. Die ganze peinliche Szene hätte der Freien Volksbühne erspart bleiben sollen. Wahrscheinlich haben diejenigen, die diese Wahl vor- nahmen, das Stück nicht vorher in der Anfführung selber gesehen. Bei der Lektüre mag die satirische Absicht des Stückes stärker durch- leuchten, in der Aufführung tritt das andere Element, die Zote, so stark hervor, daß es für den Gesamniteindruck bestimmend ist. Es ist ein unreiner Geist, der in dem Stücke waltet. Es war unnöthig, bei dieser Arbeit das Recht des Dichters zu zitiren, alles Menschliche darzustellen. Dieses Recht ist ihm un- bestritten, aber er wird sich gefallen lassen müssen, daß man ihn auf die Gesinnung prüft, in der er es gethan, nicht im Sinne einer Parteimeiiuiiig, sondern nach jenem tieferen Empfiiiden, dem nichts Menschliches fremd ist, das aber auch alles mit seinem Gefühl zu durchdringen und mitzuerleben und menschlich ergreifend darzustellen vermag. Esjhandelt sich hier um Wcrthe, über die schwer zu diskutiren ist. Selbst wenn die Szene so, wie sie sich vor unfern Augen abspielt, durchaus naturwahr wäre, wenn alle die Einzelzüge direkt der Natur abgelauscht wären— ich halte das Ganze für eine grob verzerrende, bodenlos triviale Karikatur— das Bild, das sich ans den Einzel- heiten zusaimncnsctzt, zeugt nicht von dem Gefühl, n»it den» wir an die dargestellten' Dinge herantreten und herantreten müssen. Es darf einem Dichter nicht begegnen, daß ihm aus einem so düsteren Stoff eine burleske Szene heraus- springt, die auf ein»aiveS Publikum rein komisch wirken muß. Nnd es ist in einer Satire, die Anspruch auf künstlerischen Werth erhebt, nicht angängig, daß so wenig der Stil gehalten wird, daß auf lange Strecken die Satire völlig zurücktritt, und die Späße mit den beiden Annenhäuslern allein das Stück ausfüllen, bis dann wieder die Satire, z. B. in der wiederholten Anspielung auf die .christliche Ehe", unvennittelt und plump auftritt. Die Äiiffühning vergröberte noch. Das Publikum, das dem Stück oft mit großer Heiterkeit folgte, gab zum Schluß reichlichen Beifall.— Mufik. Richard Strauß trat mn b. November seine neue Stellung an der königl. Over an, indem er eine Aufführung von W a g n e r' S .Tristan und Isolde" dirigirte. In, Beivußtscin des Ge- Winnes, den uiisere Oper von diesem ernsten Künstler erlangen kann, heißen wir ihn willkommen nnd wünschen ihm einerseits einen festen Rücken»nd guten Magen für all' das, was ihm hier begegnen kann, andererseits Vorsicht, daß er auch selber das Seine beitrage zu einer richtigen Leitung der auf der Bühne wirkenden Kräfte. Diesmal dürfte das lebhafte Tenrpcran,ent, mit dem er sein Orchester führte, den Sängern manches Zuviel an Stärke nnd Schnelligkeit gebracht haben. Die Anfführung ging ohne — absichtliche Striche vor sich. Zwei Gäste erhöhten das Interesse, das diesen, durch erhöhte Preise ausgezeichneten Abend von einem zahlreichen Publikum entgegengebracht wurde. Frau S e n g e r» B c tta q n e aus München, eine Künstlerin, die sich in beachtenS- werther Weise von der Soubrette heraufgearbeitet hat, war in Stimme und Darstellung eine treffliche, insbesondere durch eine groß- zügige Auffassung wirkende Isolde. Herr G r ü n i n g gab den Tristan würdig; die tieferen Töne hatten einige Unklarheiten. Die z» den größten Bühncnaufgaben gehörenden Nebenrollen der Brangäne nnd des Kurwenal lvnrden von Frau Götze und Herrn Hoff» n: a n n sehr gut dargestellt. Wenn wir schließlich die Gesamml- lcistung loben, so vergesse man nicht, daß dabei der Maßstab des thaffächlich lieblichen gemeint ist; was beim Anlegen eines höheren Maßstabes ldesse», was sein könnte) zu sagen wäre, zeigt das dieser Vorstellung folgende Repertoire: Sonnlag:.Der Prophet", Montag:.Tannhänser" u. s. w.' sz. Erziehung und Unterricht» Kg. Eine moderne Schule in England. In der „Kciencs sociale" entwickelt Demolins einen neuen Schulplan, nnd um seine Ausführungen zu illnstriren, thcilt er einen sehr interessanten Bericht ans der englischen Schule von Bcdales mit, der zum großen Theil von den Schülern selbst verfaßt ist. Was an diesem Bericht zunächst auffällt, ist die große Mannigfaltigkeit der Arbeitsgebiete. In dieser Schule wird praktisch eben soviel gelernt wie aus den Bückieni. Die Vielseitigkeit der Arbeit steigert die Arbeiiskraft der Schüler, weil sie vor Ermüdung schützt; sie steigert auch die Freude an der Arbeit und die Fähigkeit jedes einzelnen, über seinen künftigen Lebenslauf zu entscheiden. Da wird mit gleichen, Eifer Hand- nnd Kopfarbeit getrieben: Ackerbau und Garten- bau wie Tischlerei und Buchbinderei, Fußball und Cricket, Schwimm- Übungen wie Rawrwissenschaften. klassische Studien. Musik. Zeichnen und Bildhauerei. Aller Unterricht ist praftisch. Botanik lernen die Schüler, indem sie Pflanzen selbst sammeln und unter Leitung d«S Lehrers trocknen und klasfifiziren. Den Entomologen wurde eine Wiese in der Nähe von BedaleS zur Verfügung gestellt, auf der sie nach Sännckterliugcn jag?» Tonnten, Wöchentlich wurde ihncn ein Abend frei� flefleben, um Schmetterlinge zu fangen. Als einige Schüler den Wunsch äußerten, Vögel ausstopfen zu lenie», erhielten sie auch hierin Unterricht. Einigen Knaben liegt die Aufsicht über de» Bienenkorb ob. und sie lernen so das Leben der Bienen kennen. Ein Theil des Nachmittags ist der Handarbeit gewidmet, durch die die Schüler Geschicklichkeit. Ausdauer und praktische Kenntnisse erwerben sollen. In den Schul- berichten heißt es zum Beispiel über die Arbeiten im Garten: .Im Winter sind alle abgestorbenen Pflanzen entfernt worden, die Einzäunungen der Beete erneut. Der Wein wurde mit Dünger bedeckt, um ihn vor Frost zu schützen. Die Chrysanthemen sind seit Beginn des Frostes unter Dach gebracht worden." Aehnliche Berichte liegen vor über Gemüsegärten und Meierei. Die Knaben, die sich mit Buchbinderei beschäftigen, erzählen, daß sie eine berühmte Buchbinderei in London besichtigt und viel dabei gelernt haben, lieber die Tischlerei heißt es:.Es sind viele Gegenstände für die Schule angefertigt worden. Die erste Klasse ballte einen Handkarren. Zwei Knaben haben Schränke verfertigt, der eine einen für Werkzeuge, der andere einen für eine Münzeiisanimlnng. Potter hat einen Apparat zur Gewinnung des KäseS aus' Milch gebaut." Zur Illustration theoretischer Lehren wurden AnSflüge unternommen, lieber eine archäologische Exkursion wird berichtet:.Etil Vortrag über Archäologie erweckte bei vielen von uuS den Wunsch, diese Wissen- schaft näher kennen zn lernen. Daraufhin wurde bestimmt, daß diejenigen, die cS wollten, ihre Zeit am Sonntag Nach- mittag dazu anwenden konnten, alte Kirchen in der Nachbarschaft unter Führnng eines Lehrers zu besuchen." Auch mehrtägige AnS- flüge in die llmgegend wurden unternommen. Die Abende der kurzen Tage wnrden ebenso nützlich ausgefüllt:„Im Winter und Frühling wechselten literarische Abende mit mnfikalischen Soireen. Das Komitee, bestehend ans einem Lehrer und vier Schülern. wurde mit der Wahl der Vorträge betraut. Orchester und Chor sind bereits gut anSgebildZt. Die Vorträge der Professoren behandelten die verschiedensten Gegenstände, lieber olympische Spiele, über die Nonnandie, über das griechische Theater u. s. w. Ein Professor hielt an mehreren Abenden Vorträge unter dem zusammenfassenden Titel:„Ereignisse unserer Zeit". Er be- handelte darin solvohl politische Ereignisse, wie die KrisiS zwischen Venezuela mit den Vereinigten Staaten, als auch lvisienschastliche, wie die Entdeckung der Röntgenstrahlen. Auch Shakespeare-Abende, an denen die Schüler mit vertheilten Rollen lasen, fanden statt.— A>«s dem Pflanzeuleben. Geschlechts lvechsel bei Pflanzen. In der Französischeil Biologischen Gesellschaft hat E. Bordage eine Mittheilnug über einen Wechsel des Geschlechts beim gemeinen Melonenbaiim nach Verletzungen gemacht. Der„Prometheus" ent- nimmt darüber einem Berichte der»liovu« soiemitigue" folgendes: Die Meloncnbäume sind eingeschlechtlich, die männlichen Pflanzen tragen niemals Früchte, diese hängen an den weiblichen Pflanzen, sind groß nnd gelb und ähneln an Geschmack den Aprikosen. Gelegentlich ist nun bemerkt worden, daß auch männliche Pflanzen Früchte tragen, die sich zwar durch Form und Geschmack von den nor- malen Früchten unterscheide». aber doch unzweifelhaft Melonen- banmsrüchte sind. Bordage zeigt mm, daß dieser Wechsel des Ge- schlechls durch ein Experimcut erzeugt werden kann. Eine Beobachtung hatte ihn zu den Versuchen veranlaßt. Der Stamm eines jungen inmmlichen Meloncnbanmcs war kurz vor der Blüthe an der Spitze abgebrochen. Ans den der Bruchstelle nächsten Blattstielwinkeln sproßten zwei Triebknospen, die sich zu Zweigen mit weiblichen Blülhen und Früchten entlmckelten. Bordage wiederholte solche Verletzungen absichtlich an anderen Pflanzen mit dem gleiche» Erfolge. Am sichersten trat der GeschlechtSwechscl ein, wenn die Pflanze vor dem Erscheinen der ersten Blüthen- zeichen verletzt wurde. Später>var der Erfolg weniger sicher. Ebenso glückte der Versuch am besten mit Standen ans einem Stand- orte, Ivo sie früh zum Blühen kommen. In der Diskussion über diese Erscheinung bemerkte Girard, daß sich dieser Geichlechtswechsel keineswegs nur auf den Melonen banm beschränke. Die männlichen Pflanzen der Speckmelde bringen nicht selten— anscheinend besonders auf fettem Boden— einige weibliche Mythen hervor. Ter weiße Ahorn besitzt nach Meehan hänsig Zweige mit inännlichcn Blüthe», während der übrige Banm weiblich ist, doch sind umgekehrt Zweige mit weiblichen Blüthen an männlichen Bäumen nicht bekannt. Der rothe Ahorn zeigt diesen Wechsel niemals. Bei verschiedenen Coniseren hat man, ebenfalls nach Meehan, beobachtet, daß Zweige, die bisher Frückile trugen, unter schädigenden Einflüssen einer starken Be- schaltnng durch neue Zweige männliche Blüthen hervorbrachten. Ferner sah man eine Hopfenpflanze, die vier Jahre männliche Blülhen getragen hatte, im fünften Jahre weibliche Blüthen treiben. Der gleiche völlige Geschlechtswechsel wurde endlich infolge rincr Um- Pflanzung bei einer Tliladianta dubia bemerkt. Beobachtungen über die Dauer des Gcschlechtswechsels lagen nicht vor.— Meteorologisches. — DaS S ü d l i ch t. Wie ans der nördlichen Erdhälfte von Zeit zu Zeit Nordlichter wahrgenommen iverden. so ans der siid- lichen ganz ähnliche Erscheinungen, die folgerichtig als Südlichter bezeichnet werden. Indessen sind Beobachtungen über diese Süd- '2— lichter weit spärlicher als solche über da? Nordlicht, weil die südliche Halbkugel vorzugsweise vom Ozean bedeckt wird und überhaupt die Zahl ivissenschaftlichcr Beobachter dort mir gering sein kann. Systematische Beobachtungen über Südlichter beginnen' eigentlich erst Ende der fünfziger Jahre mit den Aufzeichnungen Reumayer's zu Melbourne. Dr. W. Boller hat in den letzten Jahren alles über Südlichtcr vorhandene Material gesammelt und untersucht. Am häufigsten zeigt sich die Erscheinung im südlichen Eismeer, in der Nähe des Kap Horn. Em Hauptverkehrsweg des Welthandels führt seit 100 Jahren an der Ostküste Amenka's vorbei, aber keine Be- merkung liegt vor, daß dort jemals ein Südlicht gesehen worden sei. Auch der östliche Theil des südamerikanischen Kontinents'scheint von Südlichtern frei zu sei». In Süd-Georgien wurde während des Aufenthalts der deutschen Forscher US82— 83) die Aurora nicht wahrgenommen, während sie im schönsten Glänze in Australien auf- trat und sich durch Störungen der'magnetischen Instrumente bemerkbar machte. Der magnetische Südpol liegt in der Nähe von 74 Gr. füdl. Breite und 14» Gr. östl. Länge von Greenwich. Um diese Gegend herum ist das Auftreten der Südlichter nach allen Seiten hin gleichmäßig vertheilt und daher müssen dieselben im Südosten häufiger erscheinen, als an der anderen Seite des Südpols, also in Südwest-Australien weit zahlreicher als im südlichen Atlantischen Ozean. Die meisten Südlichter erscheinen i» den Monaten März mil» Oktober, die wenigsten im Jimi und November. Nach Dr. Boller kommt das Südlicht ebenso häufig vor als auf unserer Hemisphäre das Nordlicht, und Ivahrscheinlich zeigt eS ninfi gleich diesem eine elfjährige Periode der Häufigkeit parallel der Sonnenflecken-Periode. Die Höhe des SüdlichteS in der Atmosphäre wurde von Dr. Boller in zwei Fällen zn 80 und 130 Kilometer berechnet, was mit den von Paulsen berechneten Höhen deS Nordlichtes übereinstimmt. Die Frage, ob Nord- nnd Südlichter gleichzeitig auflenchten, ist noch nicht völlig entschieden, dagegen ist es Thatsache. daß häufig große Nord- lichter mit Südlichtem zugleich auftreten. Südlichter sind bisweilen bis an den Wendekreis»nd über denselben hinaus gesehen worden und ebenso Nordlichter, sodaß um die Zeit sehr starker Entwäckelung des Polarlichtes der größte Theil der Erdatmosphäre von leuchtenden Strahlen erfüllt ist.—(„Köln. Ztg.") Humoristisches. — Ein moderner Geschäftsmann. A.:„Was be« kommst Dll denn an Gehalt als vortragender Rath?" B.: lO 000 Mark." A.; �Das ist nicht viel." B.:„Nein: aber bedenk'mal: nachher die werthvollen In- diskretioncn!"— — Boshaft.„Die neue Posse hat Dir nicht gefallen?" „Rein, meiner Schwiegennntter dagegen ausgezeichnet; die hat sich halb todt gelacht." „Hm, vielleicht schickst Du sie nochmals hinein?"— — Schlau. Mutter:„Sie einmal nach. Johnny, was für Wetter ist." Johnny:„Ich kann es nicht sehen: der Regen schlägt mir ins Gesicht."—(„Jugend".) Vermischtes vom Tage. t Für f a st 4 Millionen Mark R o h e i s hat Deutschland im ersten Halbjahr 1898 ans dem Auslände bezogen.— y. Als verloren gelten, wie aus Hamburg gemeldet wird. der Stahldampfcr. Charles Steels", der mit 20 Mann Besatzung am 10. Ottober von Leith nach Hamburg abgegangen ist. und die hölzerne Schoonerbrigg„Elisabeth", die Anfang vorigen Monats»ach Rortvegen in die See ging. Beide sind nicht an ihrem Bestimmungsort eingetroffen.— — Iii W e i ß st e i n(Schlesien) fuhr ein Motorwagen der elektrischen Straßenbahn ans den vollbesetzte» Hinter- Perron eines Sonimer-AnhängelvagenS. Zwölf Personen wurden verletzt, zum theil schwer.— — In einem Hotel erschossen sich in B o d e n b a ch a» der sächsisch-böhmischen Grenze ei» Kaufmann, der in Zahlungsschwierig- leiten gerathcn war, und seine Geliebte.— — Ein Wagen mit vier Insassen stürzte in O st e n d e bei dichtem Nebel ins Meer. Drei Personen sind ertrunken.— — Durch anhaltende» Regen wurde in Sardinien in den letzte» Tage» großer Schaden angerichtet. In S a s s a r i wurde» viele Hänser von den Finthen theits fortgerissen, theils nn« bewohnbar gemacht.— — Ans dem D nj e p r. geriethen in der Nähe von Jekateri- n o s l a w zwei mit Petroleum bcladeue Fahrzeuge in Brand. Zwei Personen sind in den Flammen umgekommen, drei habe» schwere Brandwunden erlitten.— — Im K a p i t o l zu Washington brach am Sonntag Abend Feuer ans. das fast den ganzen mittleren und östlichen Theil desselben zerstörte. Der Inhalt der Akten- und Urkunden« zimmer ist fast gänzlicki vernichtet. Der durch die Vernichtung der Urkunden nnd der Bibliothek verursachte Schaden wird ans über eine Million Dollars geschätzt. Der Gebäudeschaden beträgt 200 000 Dollars.— Verantwortlicher Nedaklenr: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.