Untcrhaltuilgsblatt des vorwärts Nr. 219. Mittwoch, den 9. November. 1898 (Nachdruck verboteu.) 27z Aeu�Msrkhsgo. Roman von Georges Eekhoud. Dre Reiter mit den bleichen aufgeregten Gesichtern und den funkelnden Augen lassen ihre Gäule tanzen. Angesichts der Unthätigkeit der Truppe haben mich die Plünderer ihren Muth wiedergefunden, und die Bürgergardisten müssen es sich gefallen lassen, mit allerlei höhnenden Zurufen wie„Blei- soldaten",„Hanswürste",„Sonutagsreiter" bedacht zu werden. Laurent hat Achanase und Gafton Saint-Fardier wieder- erkannt und hört, wie der erftere van Frans zuruft:„Werden wir denn nicht bald das Gesindel zu Paaren treiben. Herr Rittmeister?" Die beiden Briider haben beim Durchreiten der „Avenue des Arts" gesehen, wie wenig schonend man das Haus ihres Herrn Papa behandelt hat, und brennen vor Ungeduld, den Schinchf zu rächen. Bis hierher war der Dienst dieser Ehreneskadron im Grunde nur ein» Erholung, ein sportliches Vergnügen und ein willkomniener Vorwand für gemeinschaftliche Ausflüge ge- Wesen. Es war wahrhaftig nicht ihre Schuld, wenn sie diese Pöbelrotte zwang, Ernst zu machen. „Faßt das Gewehr an!" kommandirt van Frans mit vor Erregung leicht bebender Stimme. Die jungfräulichen Klingen fahren mit metallischem Klingklang aus den Scheiden und züngeln als blasse Flamme in der behandschuhten Rechten jeden Reiters. Das ist mehr als genug, um den Plünderern einen panischen Schrecken einzujagen. Der Menschenstrom wälzt sich nach vorn und wirft sich nach rechts und links in die Seiten- strahen. Die �kühnsten flüchten ans die gegenüberliegende Trottoirseite oder suchen hinter den Bäumen der Avenue einen Zufluchtsort. Dann erst erschallt van Frans' Kommandoruf„Zur Attacke!. Marsch, marsch!" Die Eskadron jagt mit verhängten Zügeln durch die Straße, Steigbügel und Säbelscheiden schlagen klirrend zu- sammen, das Pflaster gleicht einem funkensprühenden Schmiede- Amboß. Nachdem sie an den Haufen, die sich scheu zur Seite drücken, vorbeigefegt sind und den Anschein erweckt haben, als ob sie die Flüchtigen verfolgen wollten, pariren die Reiter ihre Pferde, machen Kehrt und wiederholen die Attacke nach der entgegengesetzten Richtung. Die Polizei zerstreut dann die letzten Ansammlungen, die sich hier und da noch bilden, und nimmt zahlreiche Verhaf- tungen vor. Beim Umbiegen um eine Straßenecke wäre Laurent um ein Haar mit Regina zusammengerannt. Die Bejard's waren, als sie gerade bei Tisch saßen, von der Nachricht der Exzesse überrascht worden. Während ihr Gatte zum Rathhaufe eilte, uni sich mit seinen Freunden über die zu ergreifenden Maß- regeln zu verständigen, wollte Gina allen Bitten zum Trotz nicht bleiben, sondern war allein weggegangen, begierig, sich einmal mit eigenen Augen von der Unbeliebtheit des neu- gebackenen Volksvertreters zu überzeugen. Laurent bot ihr den Arm.„Kommen Sie, Regina I Nach Hause können Sie nicht gehen! Ihr Hotel ist eine Ruine und die Straße selbst ist nicht mehr passirbar für Sie... Es ist am besten, Sie kehren ins Hails Ihres Vaters zurück!" Sie sah, daß er an der Mütze die Farben der Parteigänger Bergnrans' trug. „So, so I Sie machen also mit den Leuten gemeinsame Sache I tDa haben Sie wohl auch an dem liebenswürdigen Besuch, den man uns abgestattet hat, theilgenommen? Das fehlte Ihnen wahrhaftig gerade noch. Laurent! Allerliebst, wirklich ganz allerliebst!" „Es ist jetzt wohl kaum an der Zeit,- mir Moral zu predigen und unangenehme Dinge zu sagen!" erwiderte Paridael mit einer überlegenen Bestimmtheit, die er ihr gegenüber noch nie an den Tag gelegt hatte.»Und nun kommen Sie, bitte I" Verblüfft über die ungewohnte Art, mit ihr zu verkehren. nahm sie folgsam den Arm und ließ sich fortführen. Laurent hielt die erste Droschke, die sie trafen, an, schob Regina hinein, gab dem Kutscher Herrn Dobonziez' Adresse und nahm der Kouline gegenüber Platz, ohne daß diese eine Bemerkung ge- macht hätte. „Verzeihen Sie," sagte er,„aber ich werde Sie nicht eher verlassen, bis ich Sie in Sicherheit weiß."' Sie gab keine Antwort. Nicht ein Wort wurde während der Fahrt zwischen den beiden mehr gewechselt. Laurcnt's Knie berührten die der jungen Frau, ihre Füße begegneten sich, aber Regina zoi sie mit einem er- schreckten Aufzucken wieder zurück und verkroch sich in die tiesste Ecke des Wagens oder sah mit geheucheltem Interesse zum Fenster hinaus. Peridael hielt den Athem an, um den ihrigen besser hören zu können, er hätte gewünscht, daß die Fahrt gar kein Ende nähme. Alle beide gedachten ihres letzten Zusammen- treffens, und während Gina sich der aufsteigenden Furcht immer weniger erwehren konnte, fühlte Laurent die Liebes- leidenfchaft von ehedem wieder lebendig werden. Bei jeder Laterne tauchte das Gesicht der jungen Frau vor Laurcnt's Auge wie eine Vision aus dem Dunkel auf. Es schmerzte ihn tief, sehen zu müffeu, welchen Widerwillen er feiner Konsine einflößte. Als der Wagen vor dem Fabrik- thor hielt, stieg Laurent zuerst aus und wollte seiner Be- gleiterin beim Aussteigen behilflich sein. Gina sprang indessen, ohne die dargebotene Hand zu bermtzm, schnell zur Erde und fragte im Tone kühler Höflichkeit:„Kommen Sie nicht mit herein?" „Sie wissen ja. daß Ihr Vater geschworen hat, mich uicht mehr zu empfangen!" „Richtig, das ist ja wahr! Daran Hab' ich gar nicht ge- dacht... Nebrigens, ich muß Ihnen ja noch verbindlichen Dank sagen, was? Herr Bejard kann sich schmeicheln, ritterliche Feinde zu besitzen.. „Thun Sie mir. den. einzigen Gefallen und lasten Sie die Witzelei, Konsine!... Wenn Sie wüßten, wie bitter un- gerecht Ihre Höhnerci ist... Sie dürfen sich wirklich meiner unwandelbaren Anhänglichkett und des Gefühls unbegrenzter Bewunderung, die ich für sie hege, versichert halten!" „Das klingt ja wie ein Brieffchluß!" spöttelte sie, in den alten übermüthigen Ton fallend; aber dieser Ton klang gar nicht mehr echt und aufrichtig.„Nun, das thut ja nichts zur Sache.... Nochmals besten Dank!" Und sie verschand im Herr Frcddy Bejard. der neugewählte Deputirte, giebt seinen politischen Freunden das große Diner, das durch die Plünderung seines Hotels und die Unruhen bis heute auf- geschoben werden mußte. Die Revolution war nicht von langer Daner. Schon am nächsten Morgen wählten die braven Philister, denen der nacht- liche Aufruhr eure schlaslose Nacht und Aufregung gebracht hatte, als Ziel ihres Morgenspazierganges die hervorragendsten Gebäude, die der Volkswuth zum Opfer gefallen ivarem Da die Reichen nicht verfehlten, Bergmans ungeachtet seiner energischen Proteste für die Ausschreitungen verantwortlich zu machen, erfreute sich Ehren-Böjard der entrüsteten Thellnahme aller in geordneten Verhältnisten lebender Leute, die sich leicht in Bockshorn jagen lasten. Die Zeitungen, denen Dupoisty meuchlings seine journa- listischen Elaborate zu versetzen Pflegt, bringen wochenlang schonungsvolle Entrüstungsarttkel über„die Hydra des Bürger- krieges" und das„aufsteigende Gespenst des Anarchismus", und die große Zahl der Äntwerpener, die Bejard und seine Auslandsklique verabscheuen und die für Bergmans gestimmt haben, sehen sich zum Schweigen verurcheilt, weil ein offenes Eintreten für ihren gewesenen Kandidaten am Ende neue Tumulte heraufbeschwören könnte. Da die Stadt die Opfer der Aufständischen für die er- littenen Verluste entschädigen mußte, hat Herr Bejard auch in materieller Hinsicht nichts verloren, ja er hat sogar die gute Gelegenheit benutzt, bei der Schadenrechmmg eine« Seinen Profit zu machen. So sieht sich Herr Bejard in der angenehmen Lage, sein« lieben Getteuen. Parlaments- und Standesgen offen in einem. neu ausgestatteten und möblirten Palast bewirthen zu können.' Sie haben alle seiner Einladung entsprochen. Dobonziez,! Vanderling, der alte Saint-Fardier, die beiden jungvermählte» Ehepaare Scnnt-Fardier, bau Frans und andere VanS, die Peeters, Willems, Jcmsseus, den unvermeidlichen Dupoissy nicht zu vergessen. Die schöne Frau Bejard nimmt den Ehrenplatz an der Tafel ein. Man überschüttet sie mit Komplimenten und Glück- wünschen, und Dupoissy kann sein Glas nicht zum Munde führen,"hne sich galant nach der Seite der Gemahlin des Deputirten zu verneigen. In Wahrheit ist Frau Bejard tief unglücklich. Sie hat ihren Gatten nie geliebt, aber heute empfindet sie nur noch Ekel und Abscheu vor ihm. Seit lange schon ist ihre Ehe eine Hölle, aber aus Stolz thut sie sich vor der Welt Zwang an und bringt es fertig, so untadelig zu „reprasentiren", daß auch die Argwöhnischen sich hinter das Licht führen lassen. Sie weiß, daß ihr sauberer Gemahl eine eng- lische Ballctcuse aushält, ein großes, gemeines und triviales Frauenzimmer, das wie ein Unteroffizier flucht, Zigaretten qualmt und literweise Ingwer trinkt. Und die zynische Intimität dieses Mannes hat Gina, die offenherzige stolze Natur, der alles Unsaubere verhaßt ist, ertragen müssen. Sein Ehrgeiz ruhte nicht, bis er seine Frau über alle die Niederträchtigkeiten, die seinesgleichen im Privat- leben und in der Oeffentlichkeit begehen, von Grund aus auf- geklärt hatte. Diese Bekenntnisse einer schönen Mannesseele haben Gina die Gesellschaft, die nach außen hin in solch ver- sührerischer Gestalt erscheint, in ihrem wahren Lichte gezeigt. Seither hat sie Bergmans UnVersöhnlichkeit begriffen, sie hat ihn darum nur noch mehr geliebt, und die stolze Gina ist dabei so weit gekommen, die Sache dieses Revolutionärs, dieses Proletaricrkönigs, wie ihn der Tcputirte Bejard nennt, zu ihrer eigenen machen. Und wenn sie während der Unruhen Laurent Paridael so spöttisch und von oben herab behandelt hat, so bedeutete das einmal einen Rückfall in den altbeliebten Ton und zum andern drückte sich darin eine Art falsches Schamgefühl aus, das sie verhinderte einzugestehen, daß sie sich mittlerweile zu eben den Ansichten bekehrt, die sie bei ihm verachtet und ge- tadelt hatte, In Wirklichkeit hatte sie bei der Wahl für Bergmans gebetet und den Erfolg ihres Mannes verwünscht. Sie gehört jetzt Bergmans, sich ist die Seine im Fühlen und Denken. Aber da sie nie sein Weib werden kann, will sie ihre Gedanken Zeit ihres Lebens im tiefsten Grunde ihres Herzens verbergen. Sie lebt nur noch ftir ihren Sohn, der jetzt ein Jahr alt und ihr wie aus den Augen geschnitten ist, und für ihren alten Vater, den einzigen, den sie unter all diesen Protzen noch liebt und achtet. Cora und Angela, die kleinen Versuchcrinnen, setzen ihre fruchtlosen Versuche fort, die Freundin zu ihrer besonderen Lebensphilosophie zu bekehren. Das Leben als eine andauernde Vcrgnügungspartie nehmen, keine Ideale haben, mit den andern nur so weit in Berührung treten, daß man sich jederzeit mühelos wieder frei niachen kann, die Jugendzeit und die gute Gelegenheit bis ans den Grund auskosten, vor unerquicklichen und traurigen Dingen die Augen schließen, das waren so die Grundzüge dieser Philosophie, zu der sich alle die tiefdckollctirten Damen bekannten, die sich hier an der reichbesctzten Tafel wie üppige Zierpflanzen unter dem werbenden Licbesgeflüster des brünstigen Somnierwindes neigen, kichern und über den Tisch hin Blicke des Einverständnisses austauschen. Es ist wirklich kindisch von der guten Gina, beständig Grillen zu fangen und ihren trübseligen Gedanken nachzuhängem (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verVoten.) Sine wieduvevjfnndene vömif-che Stndk. Die Gegend an den nördlichen Abhängen des Gebirges Aures, deS höchsten in Algerien, ist heute fast völlig verödet. Nur hie und da unterbricht ein vereinzeltes Gehöft die Monotonie der Land- schaft. llnd dennoch ist der Boden fruchtbar, das Klima gesund; es fällt reichlich Regen, und gegen den glühenden Hauch der Wüste ist das Land durch das' Gebirge geschützt. Es braucht daher nicht zu Vertvundem. daß diese Gegend im starken Kontrast zu dem heutigen Zustande in der römischen Epoche dicht bevölkert war. Von' Batna aus ging eine große Straße nach Tebessa, an der viele römische Städte lagen. Noch heute zeugen zahl- reiche Reste von Bauwerken von der ehemaligen Bedeutung jener Kolonien. Eine dieser antiken Städte ist jetzt von französischen Archäologen ausgegraben worden. Nach nunmehr fünfzehnjähriger Arbeit ist der wichtigste Theil ihrer Nuiucn aus Licht gefördert. In den letzten Nummern der„Gazette des Beaux-Arts* giebt N. Cagnat ein an- schaulichcS Bild von dein Aussehen der Stadt und dem Treiben, das sich in ihr entfaltete, solveit sich dies aus den erhaltenen Resten noch erschließen läßt. Die Stadt heißt T i m g a d, in der Berbersprache Thamngadi, und war vom Kaiser Trajan ums Jahr 100 nach Christi gegründet. Da ihre ersten Bürger sofort das römische Bürgerrecht erhielten, wurde die Stadt zum Zentrum des Barbarcnlandcs und kam sehr bald zu großem Wohl- stand. Alle die großen Baulverke, die man heute wieder ausgegraben hat, stammen schon aus dem ersten Jahrhundert ihres Bestehens. Während der Kaiserzeit blieb die Stadt iir hoher Blüthe. Auch den Einbruch der Bandalen hat sie überlebt. Zur Zeit der Ankunft der Byzantiner aber griffen Gebirgsstämme die Stadt an. Sie verjagten die Einwohner und zerstörten die Stadt mit Feuer und Schwert. Unter dem Schutze der byzantinischen Waffe» lebte die Stadt noch einmal auf und hielt sich in elendester Vcrfaffung bis zu der Zeit, wo die Araber Herren von Afrika wurden. Timgad ist ein typisches Beispiel für die Städte, die von Rom ans auf afrikanischem Boden geschaffen wurden. In seinen Ruinen enthüllt sich ein Stück der zivilisatorischen Arbeit der Römer. Die Ausgrabungen haben gerade deshalb ein besonderes Interesse, weil viele eigenartige Züge der kleinen Provinzstädte, über die bisher Unklarheit herrschte, scharf aus ihnen herausleuchten. Die große Straße, von der schon die Rede war, zog sich mitten durch die Stadt. Es macht einen nicrkwürdigen Eindruck, wenn man, ebenso wie in Pompeji, beim Eintritt in die verfallene Stadt noch die Spuren der Wagenräder auf den gepflasterten Straßen sieht, als wäre noch gestern hier ein reger Verkehr hm- durch gegangen. Die Hauptstraße ist in jeder Weise ausgezeichnet. Alle die wichtigen monumentalen Gebäude der Stadt liegen an ihr; Säulenhallen faßten sie zur Rechten und zur Linken ein, um den Fußgängern Schutz gegen Sonne und Regen zn gewähren; und da, wo die Straße in die Stadt eintritt und austritt, erhoben sich zwei schöne Triumphbogen. Zum theil bis heute stehen geblieben ist der elegant konstruirtc Trajansbogcn, der ehemals auf einer Steintafel die Stistriitgsurkunde des Kaisers trug. Daß die Stadt militärischen Ursprunges ist— römische Veteranen hatte Trajan hier angesiedelt— zeigt die Regelmäßigkeit, ja Monotonie in den Straßenzügen. Die Nebenstraßen stoßen alle senkrecht auf die Hauptstraßen und werden ihrerseits wieder rechtwinklig von parallel zur Hauptstraße geführten geschnitten. Aus der Vogelschau gewährt die Stadt den Anblick eines ungeheuren Schachbrettes. Vor den Trajansbogcn erheben sich noch heute zwei große Sockel, die ehemals die Statuen des Mars und der Cancordia trugen. Eine Inschrift giebt auch über ihren Preis Auskunft: 3ö(X>0 Scstcrzcn (ca. LOOO M. nach unserem Gcldc) haben die Statuen zusammen mit den Sockeln gekostet. An der Hauptstraße, nicht weit von« Trojans- bogen, liegt auch der Eingang zum Forum. Alles, was and) sonst auf diesem Sammelplatz für Müssiggänger und Mittelpunkt für allerlei politische und private Geschäfte zu sehen war. lassen auch die Ruinen in Timgad erkennen. Das Forum liegt über der Straße erhöht. Der eigentliche, sorgfältig mit Fliesen belegte Platz maß 25 zn 20 Meter. Ringsum war er, in der üblichen Weise, nnt Säulenhallen und Gebäuden besetzt. Eine Basilika(Gerichtshalle) und ein Tempel, der wahrscheinlich der Viktoria geweiht war, zeigen den allgemeinen römischen Typus. Eine vier Meter tiefe Plattfornr vor der Vorhalle des Tempels diente als Redner- tribüne; auf ihren beiden Ecken erhoben sich Sockel, die Statuen der Viktoria trugen und durch eine Balustrade mir einander ver- bunden waren, über die hinweg der Redner zum versammelten Volke sprach. Von ganz besonderem Jntcreffc ist daS Rathhans, weil eS zum ersten Male zeigt, wie ein Rathhar.s in der Provinz aussah. Man hat zunächst den Eindruck eines Tempels. Eine Treppe von vier Stufen ftihrt hinan. Zwischen zwei schönen, kanncllirten Säulen schreitet man hindurch in einen großen, rechteckigen Saal, der ganz mit Fliesen belegt ist. Er ist mit außerordentlicher Sorgfalt gebaut. Eine steine Estrade war im Hintergnmdc errichtet, zu der zwei Stufen hinaufführten. Steinsockelu, auf denen Statuen standen, stehen noch an den Wänden, die nnt Mnrmoreinlagcn bedeckt waren. Die Bestimmung des Saales würde nicht völlig sicher sein, wenn wir nicht durch eine Inschrift genauen Aufschluß darüber erhielten. Wie überall so war auch in Timgad das Forum geschmückt mit einer Unzahl von Statuen, die sich überall, wo nur ein Plätzchen frei war, erhoben. Eine ganze Reihe von Kaiscrstatncn befand sich darunter. Auch das Bild des Marsyas als Wahrzeichen der freien Stadt durfte nicht fehlen. Ein anschauliches Bild von dem Treiben auf dem Forum läßt sich aus den Trünimern erschließen. Unter diesen Säulenhallen brachten die Bürger von Timgad einen guten Theil des Tages zu, belagerten die Verkaufsläden, führten ihre Pro- zesse in der Gcrichtshalle, erwarteten das Ende einer Rathssitzung und hörten von der Rednertribüne die offiziellen Bekanntmachungen verlesen. Aber auch für anderen Zeitvertreib war gesorgt. Ans den Fliesen deS Forums sinde» sich noch die Spuren verschiedener Spiele. Hier sehen Ivir in regelmäßigen Abständen kleine Löcher eingegraben, und es kain nun darauf an. zwischen diesen hindurch einen Ball nach einem bestimmten Ziele zu bringen. Dort war eine besondere Art von Damcnbrctt gezeichnet. Zur Rechten und zur Linken waren je drei Worte von je sechs Buchstaben eingegraben, so daß immer ein Buchstabe ein Feld bedeckte: — 87 Vennri Lavari Ludere Eidere Occ est Vivere Jagen, baden, spielen, lachen, das ist das Leben! Das Forum von Timgad ist gewisz weniger ausgedehnt, seine Gebäude find weniger hervorragend als die von Pompeji. Aber schon in der glücklichen Harmonie seiner einzelnen Theile, in der sorgfältigen Durchführung der Details gewährte es einen großen Reiz, der durch die herrliche Lage in einer Ebene, die von einem Kranz von Bergen umrahmt wird, noch bedeutend gesteigert wurde. Wie ein Forum, so mußten die römischen Kolonien gleich der Mutterstadt auch ein Kapitol haben, auf dem ein Tempel für Jupiter, Juno und Minerva zugleich stand. Im Timgad hatte man einen kleinen Hügel, unweit dem Forum, gewählt, seinen Gipfel nivellirt und sörgfälttg gepflastert und das Ganze mit einer Umfassungsmauer versehen. Der Tempel lehnte sich an diese Mauer an. Auch er war von gewöhnlichein Typus und barg in dem mittleren Raum die Statue des Jupiters und in den beiden anderen die der Juno und Minerva. Der Tempel hatte eine ansehnliche Größe, er maß 50 Meter in der Länge, 20 Meter in der Breite; die 12 Meter hohen Säulen hatten einen Durch- messer von l'/j Bieter. Die sitzende Figur des Jupiter maß nicht weniger als 7 Meter. Marmor in allen Farben muß in Gestalt von eingelegten Platten vielsach verwendet worden sein. Etlvas Neues, wie man es in dieser Art bisher nicht kannte, zeigen wieder die Anlagen des eigentlichen Verkaufsmarktes. Er war von einem Bürger mid seiner Frau für die Stadt gebaut worden; zum Dank hat man ihre Namen eingraviert und ihnen Statuen ge- widmet. Mehrere Stufen führen auch hier hinauf zu einem gc- pflasterten Hof, der nach zwei Seiten offen ist. Nach den beiden anderen Seite» schließen ihn Gebäude ab. Das eine Ivar eine sehr elegante Vcrkaufshalle, die in einen« Halb- kreis abgeschlossen und wieder nnt einer Stattie geschmückt war. Die Anlage der zweiten Seite erinnert an das Forum, was nicht zu verwundern braucht, da dieses in seiner ursprünglichen Be- stimniung ein reiner Verkaufsmarkt gewesen ist. Das Ganze gnippirte sich um einen nicht überdachten, von einer Säulenhalle eingeschlossenen Raum, iu dessen Mitte eine Fontäne sprudelte. Läden waren nur an der Nord- und Südseite gebaut. An der Nordseite lagen vier oder sechs Läden, ziemlich kleine, viereckige Kammern ohne einen hinteren Raum. Das südliche Gebäude war etwas erhöht; und die einzelnen Läden zeigten eine fächer- artige Anlage, wobei sie in der Front einen Halbkreis� bildeten. Nach vorn sind die Läden offen; ein mächtiger Tisch, dessen Platte etwa einen Meter vom Erdboden entfernt war, war an beiden Seiten in die Scitenmauer eingelassen. Eine Thür scheint nirgends vorhanden gelvesen zu sein; der Verkäufer wird also unter der ?>laltc hindurch in seinen Laden haben kriechen müssen. Jeden- alls kamen die Krämer nur zu bestimmten Marktsttmdcn in ihren Laden und brachten ihre Waaren mit. Was sie dann im Laufe des Tages nicht bei ihrer Kundschaft hatten absetzen können, nahmen sie abends wieder mit nach Hause. Noch heute sind ja die Läden der Araber ebenso eingerichtet. Die Perina- nenten Läden lagen an der Hauptstraße und im Erdgeschoß des Marktes. Sie hatten meist zwei Räume, einen vorderen Verkaufs- laden und ein hinteres Zimmer, das von innen verschließbar war und jedenfalls ständig benutzt wurde. Es hat den Anschein, als ob der lebensfrohe Wahlspruch, der oben mitgctheilt wurde, für die Bcivohncr von Timgad im allgemeinen galt. Theater und Bäder durften nicht fehlen. Das Theater liegt auch nicht weit vom Forum; man braucht nur eine Straße zu überschreiten, so ist man am Ziel. Es entspricht in seinem halbkreisförmigen Bau durchaus dem allgemeinen bekannten Typus und ist in seinem unteren Thcil gut erhalten. Mit geschickter Ausimtzung der Bodenverhältnisse ist es in den Ab- hang eines Hügels eingebaut. Nach den vorsichtigsten Bcrech- nnngen faßte es 3500 Zuschauer. Es scheint sicher, daß die Stadt Timgad so viele Theaterbesucher nicht aufbieten konnte. Man muß sich vielmehr vorstellen, daß zu den Aufführungen das Publikum aus der ganzen Uingcgcud zusammen strömte. Zweifel- los fielen die Schauspiele mit den Markttagen, vielleicht auch mit religiösen Festen zusammen. An solchen Tagen rollten vom frühen Morgen die Wagen über die Straßen der Stadt, die Läden und der Markt waren überfüllt, und zur Stunde der Vorstellung strömte die bunte Menge in das Theater; unten saßen auf den eisten Bänken die Notabilitätcu der Stadt und bis zu den obersten Bänken hinauf Kopf an Kopf die Menge. Es mag nicht anders gewesen sein als heute bei den großen Stier- gcfcchten in Spanien. Man darf sich auch keinen Illusionen hin- geben, als ob in Timgad irgendwie ernsthafte Kunst gepflegt worden wäre. Die Posse war jedenfalls das Licblingsgeure der ehrsamen' Bürger von Timgad. Wie im Römischen Reich zur Kaiscrzcit werden auch hier Possenreißer, Pantomimikcr, Taschen- spicler und Akrobaten die Gunst des Publikums besessen haben. Auch' die beiden Bäder, ein größeres und ein kleineres, liegen ganz in der Nähe des FonimS. Au all diesen Gebäuden ist weniger die Pracht und die Schönheit der Ausführung als der ungeheure Aufwand bemerkeuSwerth. Er zeigt die starke Abhängigkeit von der Mutterstadt Rom. Der Bürger von Timgad wollte nicht nur das römische Bürgerrecht besitzen, er wollte auch, daß seine Stadt in ■«lleii Punkten eine getreue Kopie der Hauptstadt iväre. Rom war 5— mit Statuen übersäet, also mußte cS auch Timgad sein. Nur standen die ausführenden Künstler in Timgad freilich nicht auf derselben Höhe wie die in Rom.— ck. TNoinvs Isenilleton. — w— Schwere Arbeit. Die Gäste gingen. Seine Frau geleitete sie hinaus und nahm die üblichen Koniplimente entgegen. „Es Ivar herrlich!"..„Einen so schönen Abend habe ich lange nicht mitgemacht!"..„Es war einfach wunderbar, meine Gnädigste! Einfach wunderbar!" Ihr fröhliches Lachen k Daß sie von diesen öden Genüssen nicht gemig bekommen konnte! Und dabei, sie hatte doch schon den großen Jungen, den Fredi. Der mußte ja auch die Ofsizierskarriere einschlagen. So was Dummes! Warum konnte der Junge nicht das werden, was sein Vater war? Bankier.. Kommerzienrath.. geheimer Kommerzien- rath? Das war doch gar nicht so übel! „Wo ist Kousin Bodo?" fragte draußen die Offiziersstimme. Dieser Bodo war der Kerl, der Martha seit drei Monaten den Hof machte. Fredy machte in seiner Schwadron den Fähndrich. Na, gewiß, man mußte auf den Vorgesetzten, auf den Herrn Rittmeister, eimge Rücksicht nehmen. Aber Martha I Dabei war er doch nur ein trockener, fader Geselle. Der Herr Kommerzienrath Raap besah ver- stöhlen sein Spiegelbild. Daß er zu hager war, kamtte man nicht von ihm sagen. Er streichelte zärtlich die prall ausgefüllte weiße Weste. Daß sein Bart nicht so straff und wohlgepflegt war, konnte keine Schande sein. Die gar zu hohe Stirn war doch auch nur eine Ehre; ein Zeugniß der großen geistigen Anstrengungen und des Fleißes. Er strich das Haar ein wenig nach vorn. Da fiel ihm ein, daß er Handschuhe auf den Händen hatte. Wenn sie das lvicder gesehen hätte... mit den Handschuhen auf den schweißigen Kopf! Er sah sich verstohlen um, auf diesen dicken Tcppichen hörte man ja keinen Menschen. Und die vielen Spiegel, die über dem Ecksopha, hinter den dunkclrothcir Wand- lampen und in den Nippesspindchen glänzten, konnten jede Bewegung dem im Borraum Weilenden zeigen. Scheu zog der Kommerzienrath sein Battisttüchlciu und tupfte sich den Schlveiß ab. Uff! War das schwül! Dieser Dunst von den vielen Menschen, der mit Schweiß untermischte Parfümgeruch, der Weiuathem; und aus dem Nebenzimmer kam noch der Tabaksgualm. Wie er diese Gesellschaften haßte I Die ganze Wohnung gehörte allerlei„Be- kannten". Ueberall zertretene Blumen, Zigarrenasche, Papier- schnitzel und Staniol vom Konfekt. Das müsfe ein Ende nehmen. Alles mit Maß! Nicht ausarten! Jetzt sagte seine Frau:„Herr von Wollin ist noch mit einigen Herren im Spielzimmer!" Die Offiziersstimine von vorhin:„Aeh.. so.. dann.. will nicht stören I" Kleidcrrauschen, Zurufe, Säbelgeklapper; die Thür wurde zu- geklingt. Seine Frau kam zu ihm herein. Wie jung und frisch sie noch aussah im rothen Licht! Das Gesicht, die Schultern noch glatt und ebenmäßig. Nichts zu Volles, nichts Welkes, Schlaffes bis dahin, wo das Kleid begann. Sie ließ sich in einen Sessel fallen. Ach l Also war sie auch müde! „Möchtst anch gern schlafen gehen?" fragte er, lauernd und zufrieden. „Nein, wieso?" Ihre Augen glänzten in der Erregung, die sich nach überwundenem Nuhebedürfniß einstellt. Doch ihre Stimme hatte die Mattheit, das Schleppen der Schläfrigkeit. „Nu ja I's is doch wirklich genug. Gleich drei l Man muß doch noch'n bischen schlafen." „Wirst Du ja auch noch." � „Ucberhanpt... es ist mir zu viel. jede Woche zwei, drei Mal so'ne Fete. Bald'nc Gesellschaft, bald'neu Empfang, der bis in die Nacht ausgedehnt wird... Ich will mein Heim für mich haben!... Fredy wird auch so durchkommen!... Ueber- Haupt... dieser Herr von Wollin... Du bist viel zu intim mit dein, viel zu intim!" Sie hatte ihm still zugehört und seine Gestalt beim Auf- und Abgehen mit den großen Augen verfolgt. Jetzt lachte sie leise:„Nein. weißt Du!"... Er blieb vor ihr stehen. Sie sah schelmisch, vertraut zu ihm auf. Beider Augen sprachen mit einander. Vom Nebenzimmer klangen Gläsergeklirr, Spielmarkengcrolle und abgerissene Worte herein. Na, von der Seite hatte er also nichts zu befürchten l Seine Frau wahrte seine Ehre.„Aber ich will doch mein Heim nicht nur fiir die andern haben. Und... ich muß doch ausruhen... ich muß jetzt schwer arbeiten." „Ja, ich weiß ja, daß Du jetzt um zehn, statt um halb elf gehst und erst um drei, statt um zwei kommst. Aber habe ich nicht auch meine Arbeit?". J „Was denn für Arbeit?" fragte er verblüfft.•" 1 «Na, so eine Gesellschaft erfordert doch viele Borbereitungen." � „Dazu hast Du doch Frau Zabel!" „Na.. aber die Gesellschaft selbst!.. Und Du hast doch auch! Deine Leute, Deine Prokuristen und Inspektoren." Er wurde roth. Wollte sie etwa darauf anspielen, daß sein/ Prokurist die treibende Kraft des Geschäfts war? „Erlaube mal... ich muß schwer arb.eite»... wirklich schwer� arbeiten!'... Einlenkend:„Du hast es ja auch nicht leicht... Gewist, davon haben andere Menschen gar keine Ahnung, was es heißt, auf den Höhen der Gesellschaft zu stehen. Das ist sehr an- strengend, sehr anstrengend I" Und sie bedauerten sich beide.-- Geschichtliches. — Ueber K a n t's bekannten Konflikt mit der preuhi- schcn Zensurbehörde niacht Emil Fromm, Stadtbibliothckar in Aachen, auf gnmd der Akten des Geheimen Staatsarchivs in den „Kantswdien" neue Mittheilungen, die auf jenen Vorganz einiges neue Licht werfen. Das zweite Stück von Kant's„Religion inner- halb der Grenzen der bloßen Vernunft" gab die Veranlassung zu seinenl Konflikt mit der preußischen Zensurbehörde. Diese Schrift erschien zur Ostermcsse 1793; es geschah aber nichts gegen den Philosophen, auch nicht, als zu Osten« 1794 die zweite Auflage des Buches herauskam. Erst unterm 1. Oktober 1794 erging die von Wöllner gezeichnete kgl. Kabinetsordre, die Kant den Vorlvurf machte, seine Philosophie„zur Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums" miß- braucht zu haben, und ihm zugleich befahl, sich kiinftighin nichts dergleichen zu schulden kommen zu lassen. Fromni weist nun auf grund einiger Notizen, die sich in den Akten des Geh. Staatsarchivs über die Vorgeschichte der Kabinetsordre vorfinden, nach, daß der Beschluß, gegen Kant vorzugehen, unmittelbar auf den König Friedrich Wilhelm II. selb st zurnckzu- f ü h r e n ist. Dieser schrieb am 30. März 1794 eigenhändig an Wöllner:„Zu Frankfurt ist Stcinbart, der auch da wird fort müssen, zu Königsberg Hasse, der ein Hanptueologc ist; desgleichen mit Kantens schädlichen Schriften muß eS auch nicht länger fortgehen." Das Schreiben schließt dann mit den Worten:„Diesem Unwesen muß absolut gesteuert Iverden, eher werden wir nicht wieder gute Freunde." Archäologisches. — Neuausgrabungen in T i m g a d. Wie man der „Boss. Ztg." mittheilt, nehmen die Ausgrabungen in T i m g a d (vgl.� unser heutiges Feuilleton) rüstig Fortgang. Ein öffentliches Gynäceum, eine Fläche von 2000 Quadratmeter« einnehmend— also zehnmal so groß als das pompejanische— dessen Vcstibulum und zahlreiche Zinnen mit schönen Mosaiken geschmückt sind, wurde freigelegt, weiterhin der Jupiter, Juno und Minerva geweihte Tempel mit wohlerbaltcnem Portikus und ein großes rechtwinkliges, 5000 Quadratmeter bedeckendes Thcrmengebäude. Man fand dort einen gangbaren Abzugskanal von über 100 Meten, Länge. Der Triumph- bogen des Trajan ist vollständig restnurirt. Die Ausgrabnngs- und Restauraftonsarbeiten Iverden de» Winter hindurch ununterbrochen weitergeführt.— Anthropologisches. — Der„Franks. Ztg." wird aus Straßburg geschrieben: Ein auch für weitere Kreise sehr interessantes wissenschaftliches Unter- nehmen bilden die von dem Strahburger Anatomen und Anthro- pologen Professor Schwalbe herausgegebenen„Beiträge zur Anthro- pologie Elsaß-Lothringens", von denen die beiden ersten Hefte vor- liegen:„Die Schädelformen der elsässischen Bevölkerung in alter und neuer Zeit" von Dr. Edmund Blind und„Die Körpergröße der Wehr- Pflichtigen des Reichslandes Elsaß-Lothringen" von Stabsarzt Dr. G. Brandt. Es handelt sich um die Frage nach Ursprung und Entwicklung der elsässischen Vevölkenmg von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart: durch die Untersuchung der Skelctt-Ueber- reste, besonders der Schädel aus alter Zeit, sowie durch Erforschung der körperlichen Eigenschaften der lebenden Bevölkerung nach Schädel- bildung, Körpergröße, Augen- und Haarfarbe u. s. w. soll die all- mälige Entstehung des gegenwärtigen Bevölkerungsbildes fest- gestellt werden. Die erste der erwähnten Abhandlungen stützt sich auf die Untersuchung des reichen Inhalts der uralten Bein- Häuser von Dambach, Scharachbergheim, Kahscrsberg, Annuersch- Weier, Zaber», Lupstein. Epfig und Harburg(14. bis 16. Jahrhundert). Sie ergiebt für den Abhang des Vogesenmassivs eine vorzugsweise kurz- oder rundköpfige, nur von wenig langschädeligen Elementen durchsetzte Bevölkerung, nahe verwandt mit den kurzköpfigen Stämmen, die sich durch die Alpenkette von dem Genfersee bis an die Grenzen von Inner- Oesterreich in breitem Gürtel hinziehen und deren keltische Abstammung, wenn nicht als absolut sicher. so doch als höchst wahrscheinlich gelten kann. Seit jener Zeit hat in den Städten und auf dem Flachlande die Vermischung der lang- und der kurzschädeligen Rasse stark zugenommen, während die Be- völkerung im und am Gebirge mit weit überwiegender kurzschädeliger Form als Rest einer uralten Bevölkerung gellen darf. Nach den Ergebnissen der zweiten Abhandlung, der die Körpermaße von 105 661 zwanzigjährigen Elsaß- Lothringern ans den Jahren 1872 bis 1894 zu Grunde liegen, finden sich die Kantone mit den kleinsten und kleinen Durchschnittsgrößen(163 bis 166 Zentimeter) an der Westgrenze des Landes, und zwar speziell in den höchsten Theilen der Vogesen, die größten Durchschnittszahlen im Süden und Norden, so die Kantone Pfirt, Bolchen und Nohr- bach mit 169 Zentimeter; die Kantone mit den mittleren Durch- .schnittsgrößen 167 und 163 liegen mehr nach der Mite des Landes. Die hohen DurchschmttSzahlen fallen also mit den Gegenden zu- t"J""' BerautWortlicher Redakteur: August Jacobey in Bei sammelt, über welche die Franken und Alemannen eindrangen, die kleinsten und kleinen Durchschnittsgrößen aber fallen auf jenes Ge- biet, wo sich die keltischen Ureinwohner am längsten gehalten haben. und das Uebcrwiegen des rundköpfigen Elementes heute noch an sie erinnert. Die beiden Abhandlungen stimmen also in ihren End« ergebnissen ausfallend überein.—' Aus der Pflanzenwelt. — Einen bisher noch ganz unbekannten Kautschuk» bäum hat Dr. Stnhlmaim, nach dem„Colonialbl.", in Deutsch« Ostafrika auf einer Reise nach Mohorro in dem Küstenstrich zwischen Dar-es-Salaam und Kilwa an feuchten Stellen geftinden. Er strebt mit einem sich meist früh verzlveigenden Stamm bis zu 10 Metern in die Höhe; die ganzrandigen Blätter sind lederartig hart, die Früchte stehen sich zu zweien gegenüber und bilden längliche Spindeln. die mit einem Sprunge der Länge nach anfteihen und einen mit langer Seide behangenen Samen entlassen. Blnthen und ausgereifte Fruchte sah Stuhlmann nicht, doch läßt alles darauf schließen, daß die Pflanze zur Familie der Apocynnccen gehört. Die hellgraue Rinde des Baumes ist fast stets mit den Hielinarbcn der Kautschuk- sammler verschen. Aus diesem Baume werden die großen Bälle Kautschuk gewonnen, die im Zanzibar-Handel unter dem Namen Mgoa bekannt sind und die viel Unreinigkeit enthalten, hervorgerufen durch Beimischung von Rindcnpartikeln. die sich bei der Gewinnung ablösen. Der Name des Baumes ist Mgoa oder Nnywe madhi.— Humoristisches. — Der Unrechte. Auf einem der berühmten Pnllman Cars passirte folgende Geschichte: Ein Passagier kommt abends stark an- geheitert auf den Zug und gicbt dem Konduttcur einen Dollar mit dem Bemerken, daß er ihn morgen auf der Statton Omaha mit seinem Gepäck heraussetzen solle. Er bedeutet ihm, daß er sich vielleicht in nicht ganz liebenswürdigen« Zustand befinden wird, aber er müßte da aussteigen, Ivofür jener zu sorgen verspricht.— Am nächsten Tage u>n neun Uhr wacht der Pasiagier auf, lange nach- den« der Zug die Statton Omaha passirt hat und schellt nun wütheitd den« Kondukteur. Dieser kommt mit geschwollenem, zer- kratztcm, bttitunterlaufcncm Gesicht, und der Passagier fährt ihn an, weshalb er ihn in Omaha«licht geweckt habe.„Oh--* antwortet der Reger langsam,„sind Sie der Herr. der in Omaha heraus wollte? Wenn Sie der Herr sind, der in Omaha heraus sollte, dann möchte ich wohl wissen, wer der Herr war, den ich in Omaha herausgesetzt habe."— — Empfehlung. Theaterdirektor:„Sie wollen also zum Theater, haben Sie aber auch die nöthigc Zulage? Au meiner Bühne werden glänzende Toilette» verlangt." Fräulein:„Ich bin mündig und vermögend genng, mir einen Lieutenant katifen zu können, ziehe es jedoch vor, zum Theater zu gehen." Theaterdirektor:.Ja, wenn Sie dann auch noch Talent hätten I"— — Unter Domestiken.„Hast'n g'sehen den alten Baron, er ist siebzig und sein Weiberl zivauzig Jahr alt." „Na, da sind auch keine Nachkonmiei« mehr zu hoffe«« I" .Aber zu beftirchten!"—(„Sunplicissimus".) Vermischtes vom Tage. — Der„SimplicissimuS* hat, wie er selbst nnttheilt, eine Auflage von über 55 000 E x e in p l a r e««.— y. In« Dorfe Barkelsby bei E ck e r n f ö r d e ist die Frau eines Hökers ennordet«md beraubt Wörde««.— — In Kacs emark(Landkreis Danzig) erschoß ein Guts« befitzer nach erfolgter Ehescheidung die Frau und dann sich selbst.— — Ein Bade-Anstalts-Besitzer in Mühlhausen i. T h. feierte seinen 85. Geburtstag an« 5. November im Kreise seiner Badegäste dtirch ein Bad in der II n st r u t.— — Ein„Verein d e r R e ch t s g e h e r" hat sich in München gebildet. Er bezweckt die Reform des Fußgängerverkehrs, inden, er prakttsche Propaganda für das Rechtsgeheu auf der Straße macht. Die Mitglieder verpflichten sich, nach den„M. R. N.", mir rechts zu gehen und nach rechts auszuweichen«md alle Entgegenkommenden, die gegen diese Grundregeln eines geordnete» großstädtischen Straßenverkehrs verstoßen,„mit nachdrücklicher Energie" hierauf aufmerksam zu»nachen. Gegenüber solchen Personen, die über eine vielversprechende Handschuhnummer verfügen, darf anstelle der nach« drücklichen Energie die sanfte Gewalt der Ueberredung treten.— — In Ko lmar wurde ein angeblicher Amerikaner verhastct, der beschuldigt wird, einen schivunghaften Mädchenhandel nach den« Ausland bettteben zu haben.— — Die Spielbank in O st ende hat in dieser Saison einen Reingewinn von über sieben Millionen Franks erzielt— o. e. Nachdem er dreißig Jahre un schul big im Zuchthause gesessen, kehrte dieser Tage ein jetzt 54jähnger Mann in seinen Heimathsort Fluininimaggiore auf Sardinien zurück. Er war auf grund falscher Zeugenaussagen wegen Raub» mordeS zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurtheilt worden; die ehemaligen Zeugen gaben jetzt den wahren Sachverhalt an.— In. Druck«md. Verlag von Max Babing in Berlin.