Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 223. Dienstaq. den 15 November. 1898 (Nachdruck verboten.) giz Roman von Georges Eekhoud. Ganz anders wie die Bonzen der Finanz und des Handels geberden sich die Makler. Geschniegelt und gebügelt schwirren und tänzeln sie herum, das Gold wie die Bienen zusammen- tragend. Rnhiger und bedächtiger in ernster, würdiger Kleidung bewegen sich die Spekulanten in Effekten, ein Päckchen Aktien in Zeitungspapier eingeschlagen, unter dem Ann und von Zeit zu Zeit den Rücken eines hilfsbereiten Kollegen als Schreib- pult benutzend, um einen Schlusischein auszufiillen. Im bequemen Hausanzug stehen die Kommissionshändler des Produktenmarktes und entnehmen ihren Taschen Muster von allerhand Kolonialartikcln. Hier hält der eine ein Pröbchen Javakaffee einem zaudernden Käufer unter die Nase, dort preist ein anderer die Vorzüge seines Marylandtabafö und schwatzt einem Unglücklichen, der nur für ein Faß Verwendung hätte, die ganze Schiffsladung auf. Schritt auf Schritt wechselt das Thema der Unterhaltung. Kollcktivbesitzer eines Schiffes besprechen mit einem Exporteur die Einzelheiten des Frachtvertrages. Ein Auslandsspediteur radebrecht allerlei über Fakturen und Ladescheine. Hier be- spricht man die technischen Fragen des Seerechts, das für Vergehen und Verbrechen sein eigenes Gesetzbuch hat, dort beklagt sich ein Rheder über die Schivindelmanöver seiner Kapitäne. Mit der Mütze in der Hand bietet ein Vorsteher einer „Nation", einem Viehimporteur seine Dienste an. Ein Stencrbeamter beschuldigt die„Baes" einer„Nation" un- regelmäßiger Geschäftsführung und falscher Angaben, wofür dieser wieder die Spcichervertvaltung verantwortlich macht. An den hohen Pulten in der Vorhalle sind die Sensale emsig beschäftigt, die amtlichen Tageskurse festzustellen, die die Handelsredakteure der großen Zeitungen geschäftig in ihre Listen eintragen. Baes, Boots- und Schaluppenführer mit sonnverbrannten Gesichtern und silbernen Ohrringen lungern an den Thüren herum. Sic wiegen sich in den Hüften und bringen in Erwartung eines Geschäfts die Zeit damit hin, zu rauchen, zu prienien und im weiten Bogen auszuspucken. Englische Kapitäne schimpfen und fluchen, als stünden sie auf der Kommandobrücke ihres Schiffes, zum großen Mißvergnügen einer in der Nähe stehenden Gruppe von jungen und alten Gecken, die im besten Zuge sind, pikante Geschichten aus der obronigus scandaleuse einander ins Ohr zu tuscheln, sich ihrer galanten Erfolge zu rühmen, alten Komptoirklatsch aufzuwärmen und für den Abend Dispositionen zu treffen. „Mit ihrem ewigen„Gott verdamm' mich I" könnten sie Gott einen Heiligen verdammen lassen I" verkündet der geistreichste der beiden Saint-Fardier's beim Weggehen mit einem Blick auf die englischen Seebären. Sein Bruder ist nicht minder stolz wie der Erfinder des tiefsinnigen Wortspiels. Kaum daß die beiden sich entfernt haben, beginnt das Ge- tuschel aufs neue. „Ihre lieben Weibchen sind wohlauf und sind nach Kräften bemüht, ihre Gatten zum Gespött der Welt zu machen. Athanase braucht Gaston nicht zn beneiden, sie gleichen sich mehr als je, und es kann sich nur darum handeln, wer von beiden die größeren Hörner trügt. Kennen Sie Eora's letzten Günstling?" „Unfern großen Friedrich Barbaroffa!" „Nein, der ist schon wieder bei Seite gelegt. Das Richter- barett ist zur Zeit durch eine Ofsiziersmütze ersetzt worden!" „Eine Osftziersmütze der belgischen Armee.. „So etwas Achnliches..." „Das heißt also von der Bürgergarde?...* „Heureka 1" „Versteh' ich nicht." „Unser braver Pascal kann kein Griechisch." „Was? Der griechische Konsul, van Dam? Ja, der steht ja gar nicht bei der Bürgergarde." „Oh, Pascal! Heilige Einfalt! Van Frans ist es, mein Gott!" »Das ist die ganze Neuigkeit, die Sic uns mstzutheilen haben?" mischte sich de Zatcr, der stets Behandschuhte, ins Gespräch.„Da kann ich Ihnen mit ganz anderen Ueber- raschungen auflvarten! Die keusche Lucretia, die Unbezlving- liche..." „Nun?" „Hat es ihren kleinen wilden Kousinen nachgemacht I" „Und wer ist der Bevorzugte?" „Der neue Socius ihres Herrn Gemahls, der Senor Vera Pinto, ein schwarzäugiger Seladon aus Patagonien, Fuegos oder Chile. Etlvas Bestimmtes ist darüber nicht zu erfahren." „Was? Der dunkle Ehrenmann, mit dem Freddy Böjard die Ausivandcrnngstransporte nach Argentinien unternimmt, und der ihm das Geschäft mit den Patronen angestellt hat? Meine Herren, eröffnet Ihnen dieses sonderbare Zusammen- treffen nicht ganz neue Horizonte, wie man im Justizpalast zu sagen pflegt?" „Du willst doch nicht im Ernst behaupten, daß die Frau im Einverständniß mit ihrem Gatten handelt? Nein, dazu leben sie viel zu schlecht miteinander I" „Ach ivas I Das gemeinsame Interesse bringt es mit sich. daß nian sich zur rechten Zeit wieder verträgt I" „Nun, da ist ja die ihnen drohende Gefahr auf allen Seiten wieder einmal beschworen, denn Sie wissen verniuth- lich doch, daß Papa Dobouziez seinen Anthcil an der Fabrik und sein Haus verkauft hat... Heda, Tolmoch, wie stehen denn die Montanwerthe?" „Was reden Sie denn da? Vater Dobouziez, dieser geriebene Junge mit seinem„Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen," sollte sich eines Bejard's wegen aufopfern? Unsinn l" „Ja, wo haben Sie denn die Zeit über gesteckt? Auf der Pferdebahn, am Hafen, in dem Sitten«, überall spricht man heute nur von der Liquidation Dobouziez'." „Daelmans-Deynze übernimmt die Fabrik. Vater Saint- Fardier zieht sich gleichfalls von der Kerzenfabrikation zurück. Er wendet dem Schwiegervater den Rücken, um sich mit dem Schwiegersohn zusammenzuthun. Saint-Fardier tritt an Dupoissy's Stelle, der bei der Werbung von Auswanderern nicht schneidig genug vorging; er wird sich fortan mit der Befrachtung der Auswandercrschiffe beschäftigen. Bei der Sache sind, wenn sie richtig angefaßt wird, Tausende und Abertausende zu gewinnen. Nächstens soll die„Gina" mit einer Ladung von fünfhundert Köpfen in See gehen." „Statt Ebenholz handelt Bojard jetzt also mit Elfenbein". witzelte de Zater. „Uebrigens, de Maas, ich übernehme Ihre Konsols aus feste Rechnung." „Dobouziez hat sich bereit finden lassen, das Werk als Direktor weiter zu leiten. Er bekommt dafür, wie mir der Fabrikskassirer versicherte, das Gehalt eines Ministers." Auf ein Wort, Herr de Zater! Was rathen Sie mir be- trcffs des Oelabschlusses? Soll ich kaufen oder verkaufen?" „Verkaufen? Herr du meine Güte I Wie unerfahren Sie noch sind, Tobiel I Telegraphiren Sie unverzüglich nach Marseille und kaufen Sie alles auf, was noch am Markte ist I" „Also es bleibt dabei I Ich spedire mit dem„Feldmarschall" zweihundert Säcke Java an Gebr. Brand in Hamburg und ertheile gleichzeitig meinem Kommissionär den Auftrag, für die Valuta einen Posten Häute zu kaufen.." „Meine Herren, ich habe die Ehre I Ihr Diener, de Zater... Sie sprachen eben von Dobouziez' Ubermensch- licher Aufopferungsfähigkeit..." „Nein, daran glaub' ich nicht I Man treibt nicht die Hoch- Herzigkeit bis zu diesem Grade I" „Hochherzigkeit ist gut!" kicherte Brullckens, der Sonder- ling, der sich täglich sein Taschengeld putzen läßt.„Wir nennen es anders, was Fuchskopf?" „S'is üben ä Original, ä Künstler, der gute Herr Daelmans- Deynze.„Dummes Zeug, lauter Schweinerei," Bettlervolk alle miteinander I" „Wie diese Deutschen doch stets den Nagel auf den Kopf treffen!.. Aber, de Zater, um wieder auf die besagte Lucretia und ihren dunklen Ehrenmann zurückzukommen.." „Ja, wie steht es eigentlich mit dieser Patronen- geschichte?" „Die Sache verhält sich meines Wissens folgendermaßen: Bejard hat soeben durch Vermittelung des Sennor Vera Pinto, der auch zur Hälfte an dem Geschäft betheiligt ist, von einem chilenischen Diktator einen Posten von fünfzig Millionen Patronen gekauft, die durch die Neubcwaffnung der dortigen Truppen unbrauchbar geworden waren. Allem Anschein nach hat das würdige Freundespaar diese zurückgesetzte Munition für ein Butterbrot erhalten. Bejard will den Vorrath hierher schaffen, die Patronen auseinandernehmen und Pulver, Zündhütchen, Blei und Kupfer einzeln verwerthen, ein Geschäft, aus dem er mehr als fi'mfhundert Prozent herauszuschlagen gedenkt." „Gne ganz geniale Idee!" war das einstimmige Urtheil aller dieser Herren, deren ganzes Dichten und Trachten darauf hinausging, von heute auf morgen ein Vermögen zu gewinnen. Darauf wären sie, so einfach die Sache auch war, nie ge- koninien. Bejard mochte gut und gern ein Lump sein, aber ein Teufelskerl war's doch, und unwr ihnen war keiner, der ihm hätte das Wasser reichen können. (Fortsetzung folgt.) Die Veelinev EiekkeizitÄks�AVeeke. Durch Edison's Erfindung der eleltrischen Glühlampe wurde im Anfang des vorigen Dezenniums die allgemeine Einführung des elektrischen Lichtes ennöglicht. Wenngleich bereits vordem die elektrische Bogenlampe vielfach Verwendung gesimden hatte, so war es doch erst nach der glücklichen Konstruktion einer in jeder Hinsicht brauchbaren Glühlampe möglich, die Energie der Dynamo- Maschinen für die Beleuchtung geschlossener Räume in vollem Umfange auszunutzen. ' Im Jahre 1881 erwarb der jetzige Generaldirektor der All- gemeinen Elcktrizitätsgesellschaft, Herr E. Rathenau, die Erfinderrechte der Europäischen Edisön-Gescllschaft für Deutschland. Zunächst wurde in Berlin eine Studiengescllschaft gegründet, die an verschiedenen kleineren Beleuchtungsanlagen Erfahrungen sammelte und die technischen Einrichtungen im einzelnen weiter durchbildete. Sodann wurden in der Vuchdruckerei von W. Vüxenstein, im Gebäude des Union- Klubs in der Schadowstratze und später in der neben dem Klubgebäude befindlichen Ressource kleine Lichtanlagen ausgeftihrt. Die gewonnenen günstigen Erfahrungen bewirkten, daß sich die „Deutsche Edison-Gescllschaft fiir angewandte Elektrizität" mit einem Aktienkapital von S 000 000 Mark im Jahre 1883 bildete und zu- nächst eine gröhere Lichtversorgung in der Friedrichstratzc 8ö anlegte, aus der das Cafe Bauer, die Kaiserhallen und einige andere Wirth- schastcn und Läden die elektrische Energie bezogen. Da die Gesellschaft für ihre Anlagen' auf die Benutzung der Stratzengelände der Stadt Berlin angewiesen war, so mutzte sie mit der Gemeinde am ZS. Februar 1884 einen Vertrag schließen, durch den ihr für das durch einen Kreis von 800 Meter Halbmesser, mit dem ehemaligen Fürstenhaus, Kurstratze SO— 53, als Mittelpunkt, umgrenzte Gebiet der Stadt die Benutzung der Straßen zur Verlegung von Leitungen zur Fortfiihrung elek- irischer Ströme von einer oder mehreren Zentralstationen aus gegen bestimmte Abgaben von den zu erzielenden Einnahmen gestattet wurde. Nachdem die Edison- Gesellschaft in die mit einem Kapital von 3 Millionen Mark ncugegründete Aktiengesellschaft„Städtische Elektrizitätswerke" am 8. Mai 1884 aufgegangen war, änderte sie später ihren Namen in„Berliner Elektrizitäts-Werke" ab und erwarb zum Bau von Zentralstationen die Grundstücke Markgrafcnstr. 44 und Manersir. 80. Die erste Zentrale wurde am 15. August 1885 mit der Bcrleuchtung des köngl. Schauspielhauses in Betrieb gesetzt. Schon im Dezember 1884 hatte bereits die Stadt eine wesentliche Erlveiterung des VelcuchtungsgcbieteS genehmigt. Am 31. August 1888 speisten die Berliner Elektrizitätswerke zum ersten Male die 104 Bogenlampen zur Beleuchtung des Pariser Platzes, der Straße Unter den Linden, des OpcrnplatzcS, der Schloß- brücke, des Platzes am Lustgarten, der Kaiser Wilhelmsbrllcke und der Kaiser Wilhelmstraße. Die bedeutende Vermehrung der Anschlüsse, die durch das Be- dürfr.iß nach elektrischem Licht— also nicht durch irgend ein bc- sondcrcs Verdienst der Elcktrizitäts-Gescllschast— hervorgerufen wurde, machte schon in den Jahren 1887 und 1888 eine Vergrößerung der Werke nothivendig. Da trotzdem die Leistungen der Zentralen nicht mehr ausreichten, wurde die Errichtung zweier neuer Werke beschlossen, das eine für den Mittelpunkt Berlins an der Spandauerstraße, das andere für die Dorothecnstadt am Schiffbauerdamm. Am 25. August 1888 kam zwischen der Stadtgemcinde und den Berliner Elektrizitätswerken ein neuer Vertrag zu stände, durch den den letzteren ein bedeutend vergrößertes Gebiet für die Ausdehnung der elektrischen Strom- verthcilung. überlassen wurde. Die Leistungsfähigkeit der sänmitlichen in diesen Vertrag einbezogenen Anlagen. Ivclche bis 1892 sertiggestellt sein mußten, genügten zur Speisung von 200 000 Lampen a 16 Normalkerzen. Nach dein im Mai 1890 abermals erweiterten Vertrag wurden der Gesellschaft Iverthbolle Zugeständnisse bezüglich des VerlegeuS von Stromleitungen imStadtgebietgemachtund ihr dieVcpflichtung auferlegt, weitere Zentralen, als die vier bereits vorhandene», nicht zn errichten, so- wie die Leistungsfähigkeit derselben nicht über 28000 Pferdestärken zu erhöhen. Auf grund dieses Abkommens ist im Sommer 1893 das Thiergartenviertel mit Stromleitungsanlagen versehen und später in der Königin Augustastraße 36 eine Akkumulatoren-Unterstation an« gelegt worden. Die Nachfrage nach elektrischer Energie ist dauernd gestiegen und hat denn auch eine ununterbrochene Vergrößerung der Aulagen erforderlich gemacht. Nicht nur zn Beleuchtungszwecken wird elektrische Energie bezogen, sondern auch zum Antrieb von Arbeitsmaschinen. Im Jahre 1897 wuchs die Zahl der seitens der Berliner Elektrizitätswerke installirten Motoren um 39,7 pCt. und ihre Leistung in Pferdestärken um 40,5 pCt., so daß die für Krastzwecke nutzbar abgegebene Energie auf 5 833 077 Kilowatt-Stunden stieg. Hinsichtlich der Vcrivendungs« weise der Motoren steht das Buchdruckereigewerbc obenan, für welches 626 Kraftanlagen mit 2111 Pferdestärken in Betrieb sind; in zweiter Linie folgen die Motoren fiir Aufzüge: 547 mit 3260 Pscrdekräflen, sodann die für Metallbearbeitung: 384 mit 1451 Pferdekräften. Zu Ventilationszwecken dienen 341 Motoren mit 350 Pserdekrästen. Im Anschluß daran sind zu erwähnen Motoren für Holzbearbei- tung 156, Papierbearbeitung 110, Schleif- und Poliermaschinen 103, Fleischereibctricb 94, Spül- und Waschmaschinen 41, Spulmaschinen 31, Tuchschneidemaschinen 31, Nähniaschincu 25, Galvanoplastik 20, Hut» bügelmaschinen 16 und Ledcrbearbcituug 12. Also nicht nur die Konsumenten des elektrischen Lichtes, sondern auch die Gewerbetreibenden, welche in so umfangreichem Maße elektrischer Kraft bcnöthigen, haben ein hohes Interesse daran, daß die Berliner ElektrizitätSivcrkc in den Besitz der Stadt übergehen I Bezüglich der technischen Einrichtungen Ivird in dem Streit, der in diesen Tagen wegen der Ucbernahme der-Elektrizitätswerke in städtische Regie lobt, von den Gegnern der Verstadtlichung besonders hervorgehoben, daß die Privatgesellschaft sich nicht nur ein großes Verdienst durch die fortgesetzte Verbesserung und Veränderung ihrer Anlagen erworben habe, sondern daß sie auch viel eher in der Lage sei, die eventuell in Zukunft noch möglichen Umwälzungen in der Elektrotechnik zu überwinden als die Stadtgemcinde. Gewiß muß die Thatsache anerkannt werden, daß die Einrichtungen in den Zentral- stationen gut und zweckmäßig sind, daß technische Schwierigkeiten mannigfacher Art häufig genug zu übertvindcn waren,— aber welch anderes Unterirehmen der Elektrotechnik hat nicht mit denselben ungünstigen Verhältnissen zu kämpfen gehabt? Es ist doch selbstverständlich, daß sich jeder Betrieb, um rentabel zu bleiben, mit den besten technischen Einrichtungen versehen muß. Hat das die Privatgesellschaft gethan, so handelte sie in ihrem eigenen Interesse; jedes andere Unternehmen muß in gleicher Lage genau so handeln, also hätte auch ein städtischer Betrieb sich der Forderungen der Zeit anpassen müssen.— Ein besonderes Verdienst kann fiir die Leitung der Berliner Elektrizitätswerke in dieser Hinsicht nicht beansprucht werden. Die Stadtgemeinde Verlin besitzt bereits umfangreiche Betriebe anderer Art und hat in den- selben infolge technischer Errungenschaften große Veränderungen vor- nehmen müssen, und da sollte ein städtisches Elektrizitäts-Werk nicht auf der Höhe der Zeit erhalten werden können? Davon kann im Ernst keine Rede sein: haben doch auch andere Städte gut ein- gerichtete und zweckmäßig geleitete Elektrizitätswerke. Die geschichtliche und technische Entwickelung der Berliner Elektrizitäts-Werke bietet in keiner Hinsicht einen Anhalt fiir die Meinung, daß dieser Betrieb im Juteresse der Allgemeinheit iu Privat- Hände» bleibe» müsse! Wiederholt ist die Behauptung aufgestellt worden,«ine städtische Verwaltung der Elektrizitätswerke würde das uöthige schnelle An- passen der technischen Einrichtungen den jeweiligen Errungenschaften auf diesem Gebiete hinderlich sein. Auch dieser Einwand ist nichtig. Ein städtischer Betrieb ist der Oeffciitlichkcit viel mehr zugänglich als ein Privatbetrieb, und jede Einrichtung, die von der Gemeinde verwaltet wird, ist der öffentlichen Kritik in viel größerem Umfange unterworfen als ein Privatnnternehmen. Vor« läufig ist es gerade für jeden Fachmann Pflicht, mit allen Kräften für die Ucbernahme der Elektrizitätswerke in städtische Regie einzutreten. Paßt sich dann die zukünftige technische Leitung in städtischen Diensten nicht den Neuerungen mit der nöthigen Entschlossenheit an, dann ist es abermals Pflicht der Fachleute, ihre Bedenken und ihre Erfahrungen den Bürgern mitzu- theilen— und in kurzer Zeit tvird Abhilfe geschaffen sein. Mögen die Männer der Technik entschlossen die Verstadtlichung fördern; ist dieses Ziel erreicht, dann wird das den Kampf mit Anspannung aller Kräfte führende Proletariat nach wie vor dafür' sorgen, daß jede beachtcnswcrthe Stiinme in seiner Presse, in seinen Versammlungen und in seinen Organisationen zum Wort kommt! Das Berliner Elektrizitätswerk ist ein Unternehmen, daS gemeinnützigen Zwecken dieneir soll; dieser Ausgabe kann es nur gerecht werden, wenn sein Nutzen keiner Privatgesellschaft mehr zu- fließt, sondern einzig und allein der Biirgerschaft gehört; und darum ordern wir: Uebernahme der Elcktrizitätslverke in städtische Regie! _. g. Dleines Fouillvksn — Die deutsche Tiefsce- Expedition ist an Bord deS Hamburger Dampfers„Valdivia" in diesen Tagen von Kapstadt weitergegangen. Ueber den bisherigen Verlauf der Expedition hat der wissenschaftliche Leiter derselben, Professor Chun, dem Londoner Verleger Sir John Murray neuerdings einige Mit- theilungen zugehen lassen, wonach der„Weser- Zcilung" zufolge die bis jetzt gewonnenen Resultate für Naturforscher, besonders für Ozeanographen, von hohem Interesse sind. So wurden an den warmen und den kalten Stellen des Fawer Kanals bezw. südlich und nördlich vom Wyville Thomson Ridge in systematischer Folge Temperaturbeobachtungen gemacht und ebenso solche über das spezifische Gewicht des Wassers an der Ober- fläche und in der Tiefe, ferner wurden Dichte, Färbimg und Durch- sichtigkeit, sowie die Richtung der Oberflächenströmungen beobachtet. Die meteorologischen Beobachtungen über Luftdriuk. Temperatur und Feuchtigkeit werden von vier zu vier Stunden(Tag und Nacht) ausgezeichnet, während im chemischen Laboratorium die chemische Zusammensetzung des Wassers in den verschiedenen Tiefen- Verhältnissen untersucht wurde. In einzelnen Grundproben sind ebenso wie in dem aus größeren Tiefen entnommenen Wasser ver- schiedene neue Arten von Bakterien gefunden worden. Auch daS Tiefscenetz lieferte viel und interessantes Beobachtungsmaterial, so hat sich namentlich gezeigt, daß manche Fische und Schalthiere nicht, wie man bis jetzt annahm, auf dem Meeresboden leben, sondcnr in den mittleren Wasserschichtcn sich aufhalten, während die oberen Schichten bis KOl) Meter unterhalb der Oberfläche sie nicht beherbergen. Neu aufgefunden sind u. a. prachtvolle Radiolarien, violette Quallen, Ostraloden in Nußgröße, lebende gallertartige See- gurken, cigeuthüinliche Tintcnfisch-Arten und große Ptcrvpoden. Bei der Seinc-Bank sKauarische Inseln) wurden ebenfalls systematisch Tcnlpcraturbeobachtungcn angestellt und Gmndprobe» entnommen, während das Schleppnetz reiche Ausbeute an Crinoiden und Hydroidcii ergab. Damit ist die von dem nordamerilanischcn Tiefsceforschcr Alexander Agassiz begründete Lehre, daß das Meer nur bis MV Meter unter der Oberfläche und LOV Meter über dem Boden Lebewesen beherberge, während die ausgedehnten dazwischen liegenden Wasserschichten unbewohnt seien, strikte widerlegt. Die Expedition ist von den Kauarischen Inseln nach dem Kap der guten Hoffnung gegangen, hat Kapstadt dieser Tage verlassen und wendet sich jetzt zunächst nach der Agulas-Bank(vor dem Nadclkap), von Ivo ans sie sich in die antarktischen Regionen begeben will. Der Rückweg soll genommen werden über die Kokos- und Weihnnchts-Jnscln nach Suniatra, Ceylon, den Seychellen und Amirante, sowie Sansibar, von dort durch das Rothe Meer, den Suezkanal und das Mittelmeer nach Hamburg zurück, Ivo die Expedition etwa im Mai nächsten Jahres wieder eintreffen soll.— Theater. Im Lessing-Theater wurde am Sonnabend ein Wiener Stück,„Der Star" von Hermann Bahr, zunr ersten Rtale aufgeführt. Für uns in Berlin hat die.Komödie des Hcerrufers voni literarischen Jungwien kaum einen größeren Werth, als den einer Kuriosität, weil ihre Voraussetzungen für das Leben Berlins nicht stimmen. Ein Stück wienerischer Geistesverfassung wird in der That durch Bahr's Komödie beleuchtet. Nicht so sehr durch die Vorgänge im Stücke selbst. als dadurch, wie sie Hermann Vahr ans seiner Umgebung heraus beivcrthet. Trotz aller Nadaupolitiker schwärmt ein umfassender Thcil der Wiener Gesellschaft immer noch fürs Theater, vielmehr für die„Personen beim Theater". Darin gehen hauptsächlich die geistigen Interessen gewisser Kreise ans; das erzeugt die maßlosen Eitelkeiten und die Korruption unter den Künstlern vom Theater, wie es anderseits die gaffenden Bewunderer zu lächerlichen Hohlköpfcn stempelt. Ein ironischer Kopf könnte daraus noch nianche Münze prägen; und wirklich läßt sich zu Anfang die Komödie Bahr'S wie eine lustige Satire an, in der niancher geistreiche Einfall aufsprüht. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Bahr seinen ganzen Stoff ironisch sah; er ließ sich aber bald von den Interessen der Gesellschaft, in der er lebt, gefangen nehnien, oder er dachte: Ein bischen zausen darf man die lieben Wiener, nur soll's nicht allzu weh thun. Seit Anzengruber es im„Vierten Gebot" that, hat niemand mehr der Kanaillenhaftigkeit in Wien ehrlich die Zähne gezeigt. Die heutigen.Karlweis geben nur überzuckerte und parfümirte Wahrheiten. Jedenfalls konunt dadurch, daß der wandlungsreiche Bahr plötzlich ernsthaft und sentimental wird, etwas Unaufrichtiges und künstlerisch Unreinliches in seine Komödie. Wo er witzig, ja gescheit plaudert, hört man ihm gerne zu; wo er psychologisch ver- tiefen möchte, da wird sein Stück flach und geradezu uninteressant. Man kann, was Bahr ernst vorbringt, nicht ernst nehinen. Seine lächerlichen Bühnenhelden dürfen sich nicht wie die außergewöhn- lichen Menschen spreizen; von ihnen ist es eine Unverschämtheit. Ich wenigstens empfand es so. Der Star ist ein Frl. Ladinser, Schauspielerin mit 26(XX) Gulden Gage. Leider mutz die Allverchrte ihren Ruhm theuer bezahlen. Mit jedem Preßbengel, AusHorcher und Schnüffler inuß sie schön thun; idiotische Mäcene muß sie um sich dulden; reichgewordene Holzhändler und Wucherer dürfen sich bei ,hr räkeln; und selbst ihren schuftigen Oberclaqueur umarmt und küßt sie und steht mit ihn, auf dem Dutz-Fuß. Das ist vielleicht selbst vom wienerischen Standpunkt aus karikirt. Jedenfalls kann man von einem Menschen mit gesunden Sinnen nicht verlangen, daß er vor solchen, Lumpen- Künstlerthum kniefällig sich verbeuge. Wer sich mit soviel Schmutz umgiebt, be- sudelt sich eben auch innerlich, und wenn er vordem ein weißer Engel an Idealismus gewesen tväre. Die Ladinser wurde eben von „ihrem Grafen" verlassen, da er sich standesgemäß vcrheirathen mußte; und da die„große Künstlerin" Leere und Langeweile empfindet, so sehnt sie sich nach einem Glück, wie es ein Näh- mädcl empfindet oder eine Stalldirn, wenn der Halterbub Hein» kommt. Närrische Träumerin. Ein Star in Wien und verschwiegenes Liebesglück I Die Ladinser lernt wirklich einen dummen jungen Buben kenne», den Postbeamten Leopold Wisinger. Der Poldi ist wie ein unbeschriebenes Blatt; nur einen Frevel hat er begangen. Er schrieb ein Theaterstück, das mit Pauken und Trompeten durchfiel; dem Publikum, das vor 14 Tagen Halbe's„Eroberer" ähnlich durchrasseln ließ, machten die Anspielungen, die sich unwillkürlich ergäbe», sehr vielen Spaß. Die Ladinser angelt den reinen Thoren, den Poldi, für sich. Die Leutchen glauben, man kümmere sich nicht um ihre Liebe; und diese Liebe giebt den Gesprächsstoff„für die ganze Stadt" ab. Man hat eben in dieser„ganzen Stadt" nichts Besseres zu thun. Da beschließt Poldi, dem Gerede durch die Heirath ein Ende zu machen. Aber das llnfläthige, das einen solchen Star um- spielt, widert den jungen Wisinger an. Dafür mutz er sich wie ein kleiner Philister abkanzeln lassen, wie ein spießbürgerlicher Moralist, der die besondere Künstlermoral nie begreifen werde. Das hat nmn davon, wenn man nicht der Hanslvurst des Stars sein will. Will man etivaS Besseres sein als eine„ganze Stadt"? Eine Schauspielerin muß, wie der Mahdi ehedem, über die Rücken der Gläubigen schreiten können. Sejtsam naive Frechheit I Die komödiantische Göttin gab Frl. Groß. Nett und spielerisch- kokett zu Anfang, später auf dem hohen tragischen Gaul mit feicr- lichcr Würde. Herr Jarno(Leopold Wisinger) war weniger bei der Sache; er erschien zu gereift für die lindliche Rolle. Dem Publikum gefiel der erste Akt am besten. Im zweiten Akt folgte man mit matterer Laune und nach der Abkanzelung des kleinen Poldi durch die große Ladinser gab's wieder Leute, die lebhaft wurden. Das macht ihrem Gemüth mehr Ehre, als ihrem Kopfe.—— ff. — r. Im Ostend-Theater ist das Volksstück„Onkel Jonas" von Oskar Klein als Novität aufgeführt worden. Onkel Jonas ist ein jüdischer Lotterickollckteur und Hciraths- vennittler, in diesen Eigenschaften aber seltsamcrweise ein merkwürdig weit zurückgebliebener Mensch. Er erinnert in seiner un- sagbaren Anständigkeit beinahe an den alten Moses in Fritz Renter's Stromtied und weist jede Interessengemeinschaft mit ollen ehrlichen Sccmänneni entschieden zurück. Es ist stanz folgerichtig, daß ein so zartbesaitetes Gemüth sich auch über eine leider Gottes begangene Jugcndthorheit bittere Vorwürfe machen muß. Die Frucht der Jugend- thorhcit heißt Lucie, sie tritt im Variete- Theater auf, ist aber in dem Klein'schen Stücke seltener Charattererscheiiiungen ein wahrhaft tngendfcstes Weib. Onkel Jonas, der sich nun als Vater Jonas fühlt, erkennt dies und vergießt Thränen der Glückseligkeit, als seine Tochter die Gattin eines ehrsamen Philisters wird. Selbstverständlich werden am Schlusie des Stückes auch noch diverse andere Hcrzensbündnisse geschloffen. Daß Rührpossen mit derartigem Inhalt bei uns Volksstücke genannt werden, möge das deutsche Volk, das ja so manches geduldig erttägt, ihren Verfassern verzeihen. Wir wollen nicht weiter über Inhalt und Aufbau richten, sondern nur noch der recht flotten Darstellung gedenken. Herr Weiß entwickelte in der Titelrolle viele seiner vorzüglichen Künstler- eigenschaftcn. Als Soubrette leistete Fräulein W e i k leidliches, und auch die uncrnu'idliche Frau L i d bemühte sich in der für sie passenden Rolle einer Zimmcrvermictherin humorvoll zu Werke zu gehen.— Musik. Wo wir in den letzten Wochen mehrere Versuche erlebt hatten, die ältere komische Oper in Neneinstudirungc» wicderzucrivccken, dort wurde nun auch der Versuch gemacht, in dieser Gattung etivaS Neues zu bringen. Am 12. d. M. wurde im Theater des W e st e n s die dreiaktige„Komische Oper" von Otto Lohse: „Der Prinz wider Willen", zum ersten Mal aufgeführt. Für Berlin eine Neuheit. Vorangegangen waren Aufführungen an den Stadt-Thcntcrn zu Köln, Straßburg und Hamburg. Der Kom- ponist, als solcher vordem noch so gut wie unbekannt, als Kapell- meistcr geschätzt, leitete die Aufführung persönlich. Sie hatte einen sehr freundlichen Erfolg; der Komponist mutzte bereits nach dem erste» Akt. später mehrmals hervortreten, und selbst auf offener Szene blieb uns das Hervorrufen von Darstellern und ihr Quittircn des Dankes leider nicht erspart. War dieser Erfolg größtenthcils der hier leicht erzeugten animirte» Stimmung des Publikums zuzuschreiben, so scheint er bei kritischeren Stimmen geringer zu sein: das Wort„Kapellmeistermusik" droht auch diesem Werk zu schaden. Jedenfalls darf über die neue Oper das Urthcil nicht so bequem einheitlich gefällt werden; sie enthält so grundverschiedene Quali« täten, daß man ihr ohne ein scharfes Auseinanderhalte» dieses Ver- schiedenwerthigen nicht gerecht werden kann. Das Textbuch stammt von Rudolf Seuberlich, der sich bereits durch andere humoristische Arbeiten und als Uebcrsetzer aus dem Russischen bekannt gemacht hat. Es enthält eine» schätzenswerthen Vorzug: glückliche Sittiatione», theils urkomischer, thcils rührend an- muthiger Art, und durch sie allein dürfte der Erfolg bereits verbürgt sein. Im übrigen ist es von der simpclhaftesten Art der altgewohntc». Opcrntexte und ergeht sich in langweiligste» Dehnungen. Von der Handlung ist Zaum etwas zu erzählen. Der Prinz Henry des franzöfischen Landes Becirn reist inkognito, um nach dem Rechten zu sehen; da wird sein Offizier Contatot mit ihm verwechselt und die Verwechselung durch die Fährnisse zweier Liebespaare hindurch weitergeführt, bis sie sich, nachdem auch ein lang gesuchtes und endlich gefundenes Testament vor den Händen eines Pfäfilcins bekannter Art bewahrt worden ist, jubelnd kriegen. Fcstaufzüge, auch mit einer Kinderschaar, nächtliche Gartenabenteuer und dergleichen mehr füllen diesen Holzrahmen. Es ist nun sehr charakteristisch zu sehen, wie die Musik in eben dem Maße leer ist, als ihr daS Textbuch Leeres bietet, und an seinen glücklichen Situationen sich hinwider ziemlich hoch emporhebt. An wirklich heiterer, prickelnder Lyrik ist sie reich; melodiös im allge- meineren Sinn ist sie jedenfalls; und unter den verschiedenen„Nummern" finden sich mehrere hübsche Stücke, wie z. B. ein Spinnerlied, ein Terzett„Alte Sünder", ein Sextett„Run Hab' ich selber mich be- kannt" u. s. w., und die Brautchöre, ohne daß es jedoch, vielleicht die Schlußarie des Prinzen ausgenommen(„Es klingt und singt"), so recht zu volksthümlichen Melodien käme. AIS eine besonders beachtenswerthe Eigenthümlichkeit der Musik möchten wir die zahlreichen Duette erwähnen, die zwar, wie be- sonders das begreiflicherweise sehr applaudirte im zweiten Akt:„Das Glück, das uns der Himmel spendet", sehr viel Triviales leisten, jedoch dadurch nach einer Natürlichkeit der mnsikalischen Sprache streben, daß sie gewöhnlich auf eine kanonähnliche Weise die Personen nacheinander singen lassen. Schon der Vorthcil der Deutlichkeit ist dabei nicht zu unterschätzen. Allerdinas geht es auf die Dauer nicht ohne Eintönigkeit ab; sehr groß ist eben die schöpferische Kraft des Komponisten nicht. Die Deklamation im Sinne der Anpassung der Musik an den Text ist durchgchcnds recht natürlich und erhebt sich in manchen innigen wie auch drastischen Auseinander- setzungen zu trefflichen Wirkungen. DaS Orchester ist bescheiden behandelt, bietet aber manches sehr Anziehende, wie beispielsweise die Begleitung zu dem Zwiegcsang im letzten Akt<„Weißt Du Nachts vor meinem Fenster") und die später zun» Hochzeitsreigen wiederkehrende Pizzicato- Einleitung zu diesem Akt, die da capo verlangt wurde. Die Einleitung zum zweiten Akt ist wie seine erste Hälfte ziemlich matt. Eine Ouvertüre fehlt. Im dritten Akt greift ein Harmonium ein. deffen Abstaird von einer hier gemeinten Orgel allerdings fühlbar ist. Das Textbuch, daS dargeboten war, zeigte leider verschiedene Abweichungen der Darstellung von ihm, unter denen manche auf ein unvollkommenes Einstudiren zurückgehen niochten lbeispielswcise wurde S. 12 statt„Blutig",„fast leblos", gesungen:„Sterbend, fast leblos"). Ueberhaupt ivar ein knappes Zurechtkommen der Auf- führung zu merke» und bei der in jenem Theater herrschenden Hetze der Neuemstudirungeu auch nicht anders zu erwarten; besonders im ersten Akt konnte das Hängen der Blicke der Darsteller am Dirigenten- stab die Illusion stören. Im ganzen aber dürfen wir wohl den Eifer aller hier Zusammenwirkenden recht hoch ansetzen. Auch die Dekorationen und Beleuchtungen trugen nicht wenig zum Gelingen bei; allerdings sollten die Glasmalereien einer Kirche bei Tag nicht von innen heraus leuchtend erscheinen. Die schauspielerische und gesangliche Gesammtleistung war, schon durch die allgemein herrschende Animirtheit, auf einer erfreulichen Hohe. Die markanteste Leistung bot tvohl der Gast aus Köln dar, Frl. Sophie David als Madeleine, die Braut des vermeintlichen Prinzen. Das Kindliche dieser Rolle kam in der Darstellung so natürlich heraus, wie es nicht eben häufig ist; auch die Gcsangsknnst des Gastes war, wenngleich nicht ebenso hervorragend, doch recht anerkenncnswerth. Die Rolle der anderen Braut, Marie, war bei Frau Burria n- I e l l i n e k zwar auch in guten Händen, litt aber, mochte dies nun auf eine tiefere Naturlage ihrer Stimme oder auf ein unzureichendes Einstudiren zurückgehen, unter einigen Härten und Detonirungen. Der Prinz selber, eine Altpartie, wurde von Frl. Johanna Brackenhammer mit der entsprechenden Forschheit dargestellt. Unte» den Herren hatte H a n s P a t e k als Pater Freau eiiie besonders gewichtige Rolle und führte sie trefflich durch. Herr Max Salzberg als Schulmeister Lenoix trug schon durch seine geschickte Maske und Haltung und durch seine Würde als Anführer der verschiedenen Aufzüge zu einem wirksamen Ensemble bei. Die Rollen der beiden Liebhaber und des Vaters lvie Vormundes der beiden Bräute kommen über den operettenhaften Typus solcher Figuren fo wenig hinaus, daß ihren Trägern, den Herren Julius Gribb, OSkar Braun und Hermann Steffens nicht viel Gelegenheit zu individuellerer Kunst blieb. Auch den Chören und sonstigen Betheiligten kam der frische Zug des Ganzen soweit zu statten, daß wenigstens solche Unbcholfenheiren, wie wir sie auf dieser Bühne kenncn, nicht zu spüren waren. Daß schließlich daS Gesammtnivean der Darstellung noch um manche Grade höher gehalten werden könnte und müßte, we»n die Kunst- form der heiteren Oper fortschreiten soll, sei deswegen noch eigens bemerkt, weil ja hier zu solchen FortsetzunDn wirklich einige'Gelegenheit geboten ist.-'-a. Völkerkunde. t. Wie die Annamiten ihre Zähne färben. Wie für unser Empfinden ein glänzendes Weiß der Zähne ein schöner und erfreulicher Anblick ist, so ist die Naturfarbe des Gebisses für viele Völker ein Gräuel, Es scheint uns unbegreiflich, wie sie vollkommen Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe? in Ber schwarze Zähne für da» Schönheitsideal erklären können. Man hat die schwarze Färbung der Zähne bei verschiedenen Naturvölkern der Gewohnheit des Bctel-Kauens zugeschrieben, aber der Saft der Bctcl-Ruß, die gewöhnlich mit etovas Kalk und Blättern von Betel- Pfeffer vernascht wird, färbt imr den Speichel roth, greift aber die Zähne nicht an; er verleiht ihnen höchstens eine schwache Färbung. Eine Aufklärung über die Entstehung wirklich glänzend schwarzer Gebisse gab Langlois in der letzten Sitzung der Pariser Anthropologischen Gesellschaft, Er sprach darüber. daß die Beivohner von Annan, ihre Zähne geradezu lackiren. Dazu wird ein graues Pulver, ähnlich unseren Zahnpulvern, benutzt und eine Flüssigkeit von violettschwarzer Farbe, deren Zusammen« setzung noch unbekannt ist. Vor Beginn der Operation iverden die Zähne sorgfältig gereinigt, sie werden mit einem Stück Holzkohle gerieben, das in ein Stück Leinen eingewickelt ist, dann mit Korallen- staub, der alle festen Theilchen von ihnen entfernt, und schließlich mit einem Stück Zitronenschale. Ist auf diese Weise die Reinigung gründlich vollzogen, so wird die schwarze Masse in einer dicken Schicht auf ein Banancnblatt ge- strichen und über die beiden Zahnreihen hiaübcrgelegt, so daß sie dieselben vollständig bedeckt. Dies geschieht stets um 7 Uhr abends, und um 11 Uhr wird das Blatt erneuert, ivährcnd der Mann oder die Fran, die ihre Eitelkeit auf solche Weise zu be- friedigen wünschen, die ganze Zeit über de» Mund halb offen halten nlüffen, ohne zu essen und zu trinken. So geht es drei Nächte lang fort. Am vierten Tage kommt daS graue Pulver zur Verwendung, und am zehnten Tage ist die„schwarze Email" über den Zähnen fertig. Man kann diese künstliche Masse wirklich in ihrem Glanz und ihrer Härte mit Email vergleichen, und sie bildet jedcnsalls einen vollkommenen Schutz ftär die Zähne. Langlois hält es sogar sür möglich, daß das Fehlen von Zahnschmerzen bei den Aunainiten dieser Behandlung der Zähne zuzuschreiben ist.— Humoristisches. — R e s i g n i rt..... Bei Ihrem Husten, Herr Förster, sollten Sie kein Bier trinken, keinen Wein, noch weniger einen Schnaps, auch das Rauchen unterlassen I* „Also meinen Sie, Herr Doktor: ich soll blos noch h u st e n? I'— — Oekonomisch.(Aus einem Bauernthcater.) Ein Schau- spieler tritt in einem bereits öfter durchgefallenen Stücke auf und hält eben einen Ricscnmonolog.— Man pfeift, wirft Nüsse, Aepfel, Eier— alles umsonst, er spricht und spielt ruhig weiter. Als ihn aber endlich ein verzweifelter Zuschauer mit e i n e m S t i e f e I b ombardirt, will er zurücktreten.„Weiter spielen I" ruft der Direktor, bis der zweite Stiefel kommt l"— — Rubanwendu i�g. Bauer lauf dem Felde zu seinen beiden Ochsen):„Wenn i nur g'rad' noch wüßt, was mir urei' Alte g'sagt hat. wie i' neulich so an Mordsrausch g'habt Hab',»acha wollt' i''s enk scho' sag'n, was ös für dumme, boshafte und faule Viecher seids!"-(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — In der nächsten Zeit soll B r o ck h a n s' Lexikon in einer neuen Ausgabe, und zwar alle 17 Bände an einen. Tage, erscheinen.— — Auf der Strecke Graudenz-Marienburg wurde in der Nähe von R e h h o f ei» Fuhrwerk von einem Güterzuge überfahren. Der Führer des Wagens wurde getödtet.— — Eine Händlerssrau in Königshütte(Ober-Schl.) ließ ein altes Arbeitspferd, um sich i» den Besitz der Versicherungs- summe zu setzen, verhungern, Sie gab dem Thiere, obwohl es tüchtig arbeite» nmßte, keine Nahrung, und jagte es nachts aus dem Stalle. Dieser Tage wurde es im Straßengraben tvdt auf« gefunden.— — Aus einer Mittheilung der österreichischen Hut- f a b r i k a n t e i, geht hervor, daß die Hasen- und Kaninchen- felle 7b bis 160 Prozent im Preste gestiegen sind. Dem« entsprechend sollen die Preise für Filzhüte aller Qualitäten erhöht iverden.— — Eine große Feuersbrun st zerstörte einen Theil der Baumwollspinnerei in Nadelsburg bei Wien,— — In der Bucht von M u g g i a wurde, wie über Trieft ae- meldet wird, von einem Fischerboote ein riesiger Mondfisch von drei Meten, Durchmesser und mehr als vier Zentnern Gewicht gefangen. Der Fisch wurde vom Triestcr Naturalien-Museum erworben.— — In L osing(Ungarn) lauerte ein geftirchteter Raubschütze einem Tischlermeister nachts auf und ermordete ihn.— — Ein heftiger Wi rbelsturm hat in Calafell(Spanien) enormen Schaden angerichtet. Mehrere Gebäude sind beschädigt und zahlreiche Fischerbarken zerschellt. 15 Personen find verletzt,— — In Japan stieg die Zahl der Elementarschüler von 1100 000 im Jahre 1373 auf 2 500 000 im Jahre 1396, die Zahl der Schülerinnen im gleichen Zeitraum von 300 000 auf über 1 Million.—_ in. Druck und Verlag von Mar Babing in Berlin.