Hlnterhaltungsbli Nr. 225. Freitag, den (Nachdruck verboten.) 23) Meu-'VAvkkzÄlgol. Roman von Georges Eekhoud. Der dicke Mann zitterte vor Furcht und stand leichenfahl wie angewurzelt, die aufgelöste Pomade bildete mit dem Schweiß zusammen ein schmutziges Gerinnsel, das von der Stirn an den Ohren entlang langsam herunterfloß. Wie sollte er die Blockade durchbrechen? Der Fcldzugsplan war genau festgestellt, min wollte sich nicht an ihm vergreifen, sondern sich daran genug sein lassen, mit deni Schlachtopfer ein wenig Ball zu spielen. Die. Regeln dieses uuterhaltsainen Spiels waren durch frühere ähnliche Vorfälle genau festgesetzt. Mehr als ein Börsenbesucher war, nachdem er seine Ver- pflichtungen nicht erfüllt hatte, in dieser Weise gerichtet worden. Die Henker hielten die Hände in den Taschen und bedienten sich nur der Ellbogen. Kniee und Schenkel, um sich den Delin- guenten gegenseitig zuzuwerfen. Dupoissy war über Bord! Er steuerte bald nach rechts bald nach links, bald taumelte er schwankend eine Strecke Wegs in gerader Richtung, um dann in abenteuerlichen Zick- zacksprüngen herumgeschleudert zu werden. Kaum hatte ihn die eine Abtheilung seiner Peiniger nach einer Seite ge- schleudert, als ihn die Gegenpartei in Empfang nahm, um ihn wieder im gewaltigen Schwünge zurückzubefördern. Zuweilen, wenn die Kräfte der beiden gleich stark waren, blieb das Opfer zerzaust und athemlos in der Mitte stehen, während die Spieler so hart an einander geriethen, daß sie nahe daran waren, sein. Schicffal zu theilen. „Sachte, sachte! Nicht so toll!" schrien die Besonneneren. Eine unbändige, blindwüthige Schadenfreude weidete sich an seinem Unglück. Das gemeinsame Gefühl wilder Grausam- keit verband diese vielköpfige Zöllnerschaar, die sich auf den ungeschickten Spekulanten stürzte wie die Schüler auf ihren Prügcljungen. Die lendenlahmen Millionäre ließen sich bei der Lustbarkeit durch ihre Sprößlinge und Angestellten ver- treten. Die Polizei begnügte sich damit, das Spiel aufmerksam zu verfolgen. So lange man dem Delinquenten nicht zu Leibe ging, hatte sie zum Einschreiten keine Veranlassung. Die heilige Ueberlieferung gab ja den Mitgliedern der Börse das gute Recht, über die räudigen Schafe in dieser Weise Gericht zu halten. Oben auf der Zuschauergallerie beugten sich die kleinen Dcpeschenboren tief über das Geländer und blickten mit funkelnden Augen auf die Kanipfarena hinab, nicht wenig er- staunt über das Treiben der bärtigen, sonst so würdig drein- schauenden Herren, die sich just so wie Taugenichtse ihrer Art benahmen. Die Jungen wären für ihr Leben gern heruntergestiegen, um an dem spaßhaften Spiel theil- zunehmen, aber einmal hätten ihnen die Polizisten kaum die gleiche Straflosigkeit wie den Börsenleuten zugestanden und dann bemächtigte sich der Kinder auch, je länger die Sache dauerte, immer mehr ein Gefühl des Schreckens und des Mitleids. Von den ehemaligen Freunden des Mannes aus Sedan, die mit ihm geschwelgt und gepraßt hatten, hielt es nicht einer für angezeigt, die Partei des Unglücklichen zu ergreifen. Die Zartfühligsten hatten sich, als sie wahrnahmen, daß die Auseinandersetzung zwischen Dupoissy und seinen Gläubigern eine kritische Wendung nahm, verstohlen gedrückt, um sich das peinliche Schauspiel dieser Exekution zu ersparen. Wie eine Schifferbarke, die sich im Strinn vergeblich ab- müth, den schützenden Hafen zu erreichen, quälte sich Dupoissy ebenso verzweifelt wie erfolglos, eine der rettenden Thüren zu gewinnen. Just wenn er das Ziel seiner Wünsche erreicht zu haben glaubte, warf ihn der Ansturm seiner unerbittlichen Feinde wieder in den Saal zurück, wobei er oft genug Ge- fahr lief, sich an den Pfeilern den Schädel einzurennen. So war er im Verlaufe des grausamen Spiels wohl schon zum zwanzigsten Male in die Nähe des Ausgangs ge- langt, als die nach der Straße führende Thür hastig von einem verspätet eintreffenden Nachzügler aufgerissen wurde. „Lassen Sie die Thür offen, Bejard 1" brüllte der alte Saint-Fardier und wischte sich den Schweiß von der Stirn, >U des vorwärts 18. November. 1898 denn er war bei dem Spiel so in Hitze gerathen, wie ein englischer Student bei einem aufregenden I'oot-dall-Natob. In tadelloser Toilette, das Knopfloch mit einer blühenden Blume geschmückt, stolzer und selbstbewußter als je, stand Bejard, der mit einem raschen Blick die Situation erkannt hatte, in der Thür, auf deren Klinke seine feinbehandschuhte Rechte ruhte. Er wollte mit seinem ehemaligen Trabanten nichts mehr gemein haben, ja, es lag ihm sogar daran, vor der Oeffentlichkeit zu zeigen, daß er ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit fallen ließ, und deshalb beeilte er sich auch, dem Wunsche der Herrschaften bereitwilligst Folge zu leisten. An die Mauer gelehnt hielt er die Thür gerade weit genug geöffnet, um das Opfer durchzulassen, während ein teuflisches Lächeln sein edles Gesicht erhellte, als er bemerkte, in welch' jammervoller Verfassung sich der scheinheilige, doppelzüngige Schuft befand. Dupoissy hatte seinen ehemaligen Geschäftsgenoffen gleich- falls auf den ersten Blick erkannt. Der Gedanke, daß es gerade dieser Mann sein mußte, der ihm den letzten Schimpf anthat, gab ihm den Gnadenstoß. Alles, was ihm noch an Lebenskraft und Energie blieb, sammelte er in einem haß- erftillten Blick, den er dem schmunzelnden Triumphator wie einen stummen Fluch zuschleudcrte. Das rührte nun Böjard blutwenig, nichts konnte im Gegentheil schmeichelhafter für ihn sein. Gerade als Dupoissy mit der Gewalt eines Geschosses im weiten Bogen an dem Deputirten Bejard vorüberflog, grüßte ihn dieser mit der tiefen Verbeugung eines Amts- schreibers, der sich von einem einflußreichen Gönner ehrfürchtig verabschiedet. Dupoissy flog wie ein beschädigtes Packet aus das Pflaster zwischen beide Bürgersteige. Böjard sah, wie er sich langsam erhob, sich flüchtig säuberte und scheu an den Häusern hinschlich, bis er an der Ecke verschwand. Dann erst machte der große Mann die Thür zu und trat in den Tempel, wo ihm die Glückwünsche und die Huldigungen einer Menge er- warteten, die bereit war, ihn genau wie Dupoissy zu be- handeln, wenn das Glück aufhören sollte, sich seines Günst- lings so warm wie bisher anzunehmen.— XX. Am Tage seiner Großjährigkeitserklärung erhielt Laurent von Dobouziez ein in höflichem Geschäftston gehaltenes Schreiben, das ihn aufforderte, gelegentlich im Bureau vor- zusprechen. Laurent fand den Vormund in Haltung und Aus- sehen fast unverändert, wie er ihn vier Jahre vorher verlassen hatte. Auf dem Schreibtisch, den der„Schweizerische Robinson" unseligen Angedenkens dereinst besudelt hatte, lagen heute ein Häufchen Banknoten und ein Blatt Papier, dessen Rand eine säuberlich geordnete Zahlenreihe bedeckte. Der Herr Fabrikdirektor war wie immer in seine Arbeit vertieft und erwiderte knapp den Gruß, den Laurent so herz- lich und demüthig wie möglich auszudrücken suchte. „Wollen Sie, bitte, von dieser Aufstellung Kenntniß nehmen und die Richtigkeit der Aufrechnung prüfen. Es ist die Abrechnung meiner Vormundschaftsführung, Sie finden auf der einen Seite die Zinscingänge, auf der anderen die Kosten für Ihren Unterhalt und für die Erziehung. Sie werden daraus ersehen, daß ich mich thunlichst bemüht habe, Ihr kleines Kapital nicht anzugreifen. Wenn Sie die Aus- stellung geprüft und richtig befunden haben, bitte ich hier zu unterschreiben. Sie können ein Duplikat der Abrechnung mit- nehmen." Laurent wollte nach der Feder greifen und seinen Namen ohne weiteres unter das Schriftstück setzen. Herr Dobouziez fiel ihm indessen in den Arm und sagte in seinem ewig gleichen Tone:„Nein, das geht unmöglich! Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich vorher von der Zuverlässigkeit meiner Berechnung überzeugen." Laurent mußte wohl oder übel vor dem Schreibtisch Platz nehnien; während sein Vormund ihm den Rücken wandte nnd auf den Scheiben trommelnd zum Fenstdr hiuaussah, gab er sich den Anschein, die einzelnen Posten einer aufmerksamen Durchsicht zu unterziehen. Und damit die Sache auch glaub- hast erschien, wartete er volle fünf Minuten, ehe er die Auf- merksamkeit seines Vetters wieder in Anspruch nahm. „Stimmt vollkommen, Vetter I" sagte er und beeilte sich, die mit peinlichster Sorgfalt angefertigte Berechnung zu unter- zeichnen. Herr Dobouzicz war wieder berangetreten, drückte den Löscher auf die Unterschrift und schwsz das Schriftstück in eine Schublade seines Schreibtisches. „Schön! Es kommen Ihnen demnach zwehmddmßig- tausend achthundert Franken zu, die ich Ihnen Hiermit aushändige." Laurent raffte Scheine und Goldstücke zusammen und wollte seinen Schatz unbesehen in die Tasche stopsen, als ihn Dobouziez mit einem kühlen:„Nein, zählen Sie das Geld nur erst nach I" einzuhalten zwang. Der junge Mann gehorchte, wie er es friiher gethan, und zählte mit lauter Stimnie, aber ehe er noch fertig war, brach er plötzlich ab und schob die Banknoten und die Ab- rechnung auf den Tisch zurück. „Nun? Stimmt's nicht?" Laurent hätte ihm gern geantwortet:„Behalten Sie das Geld. Vormund l Legen Sie es an, so gut Sie können. Ich brauche es nicht, ich werde es doch nur verzetteln und vergeuden, wejl ich nicht mit Geld umzugehen verstehe, während Sie in all' diesen Dingen die Erfahrung für sich haben." Aber er fürchtete auch wieder, der stolze Dobouziez könnte es als beleidigende Vertraulichkeit auffassen, wenn er ihm, der gewöhnt war, mit Millionen zu spielen, dieses winzigeKapital, die armselige Erbschaft des verstorbenen Kommis anzubieten wagte. „Sind Sie fertig?" fragte Dobouziez noch einmal und sah geflissentlich nach der Uhr. Es blieb Laurent nichts weiter übrig, als sein kleines Vermögen an sich zu nehmen. Auf dem Wege zur Thür blieb er noch einmal stehen und stotterte verlegen:„Gestatten Sie nur wenigstens, Vetter, Ihnen zu danken und Sie zu bitten..." „Schön, schön! Schon gut!" stieß Dobouziez heraus und ergänzte seine Worte durch eine bezeichnende Handbewegung, die etwa sagen wollte:„Ich habe nreine Pflicht gethan und beanspruche keinen Dank." Laurent war recht weh ums Herz. Ehe er hierher kam, hatte ihn der Gedanke, fortan sein eigener Herr zu sein und über ein verhältnißmüßig großes Kapital verfügen zu können, froh und glücklich gemacht, und jetzt, wo er das Geld in der Tasche hatte, drückte es ihn wie eine Last, die er sich unrecht- mäßig angeeignet hatte. Wie anders war er das letzte Mal von dem Vormunde geschieden. Den Kopf voller Illusionen und Zukunftspläne hatte er sich mit seinen hundert Franks Monatszulage damals ein Krösus gedünkt und heute, wo er ein nach Tausenden zählendes Vermögen sein Eigen nannte, fühlte er sich über die Maßen beengt und unbehaglich. „Kalt wie ein Eisklumpen," nmrrte er in seiner gries- grämlichen Laune mit bezug auf den allzu korrekten Dobouziez. „Wie einen Uebclthäter hat er mich behandelt. Ani liebsten hätte ich ihm das schmutzige Geld an den Kopf geworfen..." In seiner Verlegenheit kam ihm der Gedanke, die Tilbak's aufzusuchen, ihnen hatte, als er vor vier Jahren das Fabrik- koniptoir verließ, sein erster Besuch gegolten, zu ihnen wollte er sich auch heute wieder flüchten. Die frohe Aussicht, die lieben Menschen, in deren Mitte er sich so glücklich fühlte, wiederzusehen, belebte seinen gesunkenen Muth wieder ein weniges und ließ ihn rasch ausschreiten. Seit einiger Zeit hatte er seine Freunde auffällig der- nachlässigt. Der Grund seines Fernbleibens waren Be- denken, die seiner Gesinnung alle Ehre machten. Henriette war ihm gegenüber nicht mehr dieselbe: nicht daß sie es an Herzlichkeit und liebevollem Entgegenkommen hätte fehlen lassen, nein, ganz im Gegentheil, aber wenn sie in letzter Zeit das Wort an ihn richtete, so lag ettvas Unruhiges und Gezwungenes in Form und Allsdruck, und der junge Mann konnte sich, ohne seiner Eigenliebe zu schmeicheln, keinem Zweifel mehr darüber hingeben, daß sie ihm ganz andere als schwesterliche Gefühle entgegenbrachte. So lange er die stolze Gina nicht vergessen konnte, wollte nun aber Laurent uin keinen Preis Licbeshoffnungen nähren, die keine Verwirklichung zuließen. Er hätte sich eher in Stücke reißen lassen, als daß er das Vertrauen, das Vincent und Siska in ihn setzten, gemißbraucht hätte. Als er aber heute nach der„Kokusnuß" unterwegs war, stieg vor seinem geisttgen Auge Henriette's Bild in so verführerischer Gestalt auf, daß es ihm mit einem Male klar wurde, oder daß er wenigstens darüber klar zu sein vernieinte, wie wenig platonisch seine Zuneigung für das junge Mädchen all' die Zeit über gewesen war. Wie er sich nur so lange über die Natur seiner Gefühle hatte täuschen können I Er hielt ja sein Glück in der Hand und konnte sein neues Leben gar nicht besser beginnen, als daß er das frische Töchterchen der Tilbak's zur Frau nahm. Die Gemüths- Verfassung, in der er sich nach der Begegnung mit dem Vor» miliid befand, war ganz dazu angethan, ihn in seinem Ent- schluß zu bestärken. Nichts schien ihm natürlicher und durchführbarer wie dieser Heirathsplan. Der Zustimmung der Eltern war er im vornherein sicher, der Sache stand also absolut nichts mehr im Wege, und das Aufgebot konnte un- verweilt bestellt werden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Todkenfeiev. Von Hans Ostwald. Ein milder, klarer Tag, vom matten Sonnenschein des Spät- herbstes erhellt. Die jungen Bäume der geraden Kirchbofswcge kahl. An einzelnen Sttänchern noch wenige Blätter. Dafür aber die Gräber mit Blumen und Kränzen übersäet; in allen Farben leuchtet es bei den Erbbegräbnissen an der Mauer. Die Marmor- und Erztafeln sind umwunden und überdeckt mit dunklem Grün und hellen Blüthen. Ueberall stehen stille Menschen. Vorn und an der Seite Herren� in Zylinder, eleganten Mänteln und schwarzen Handschuhen. Zwischen ihnen Damen in schwarzer Seide. Die Männer und Frauen im gewöhnlichen Sonntagsstaat gehen Iveiter nach hinten. Eine der Damen folgt ihnen. Auf eines der Gräber ohne Gitter, die hier dicht an einandergedrängt in ebenmäßigen Reihen liegen. legt sie einen Kranz. Rasch geht sie nach den Erbbegräbnissen zurück. Aus den vielen Menschengruppen tönen nur selten gedämpfte Laute. Sie gehen schweigend, mit in sich gekehtten Blicken vorüber. Bei den Erbbegräbnissen erwartet ein Herr die Dame. Die Wand des Grabes, vor dem er steht, ist noch fast ganz kahl. Nur eine Tafel ist an der frischen Mauer:„Elsa Schwarz, geboren 10. November 1894, gestorben 13. Juni 1897." Der Herr und die Dame bleiben noch ein Weilchen stumm stehen. Dann bietet er ihr den Ann. Langsam gehen sie über den knirschenden Kies hinaus. In der Kirchhofsthür stoßen sie auf ciiie» alten Mann. Sein rothes Weingesicht durchzieht ein griinlichct Schatten. Er öffnet den Mund; doch die junge Frau hat ihren Mann schon weitergezogen. Der Alte zieht den Kopf in seinen Pelz und geht hinein in den Kirchhof. „Du hättest ihn doch wenigstens erst sprechen lassen sollen... Es ist doch mein Vater!" sagt er und winkt dem Kutscher einer Equipage, die an der Spitze einer Reihe von Wagen hält. Sie antlvortet nicht. Doch als sie einsteigen wollen, bittet sie: „Eduard, ich möchte lieber laufen." Er giebt dem Kutscher den Befehl, nach Hause zu fahren. Ohne miteinander zu sprechen, gehen sie an den kleinen, strauchumwachsenen Häusern, den Blumenhandlungen mit ihrem strengen Dust und an den Grabdenkmäler-Geschästen vorbei. Die Frau betrachtet in den folgenden Straßen mit den neuen Hänsern aufmerksam die spielende» Kiiidcr, die trotz des Todtensonutags sich fast wie sollst tummeln. „Unsere Elsa würde auch.so�rcnne»," sagt sie. Er antwottet nicht. Mit unsicherer Stimme fährt sie nach einer Pause fort:„Du bist nun ärgerlich.... Aber hast Du vergessen,>vie Dich Dein Vater aus dem Hause gejagt hat, als Du Dich mit ihm wegen Deines Durchfalls im Exainen strittest.... Und wie er nichts voir Dir wissen wollte, als Du, der Beamtensoh», Kaufmann wurdest und schließlich mit nur gingst!... Was war ich, die Arbeiterlvaise, Deinem Vater... Damals sagtest Du, ich hätte Dich aus Deiner Vergangenheit und Einsamkeit erlöst, hätte Dir Glück gebracht.... Und nun... Nun?... Ja. jetzt sind wir ja die reichen Fabri- kanten.... Run ist alles gut...." Sie waren vor ihrein Hause angekommen. Es lag in einer der stillen Straßen des Haiisaviertels. Heute waren nicht wie an andere» Sonntagen ganze Fensterreihen erhellt. Nur aus dem Hausflur floß Licht über den Garten und das Eisengitter. Er schloß leise die Thür auf. In den Zimmer» brannten keine Lampen. Doch stieße» sie nirgends an, da durch die Fenster ei» matter, flackernder>schei» von der Straßenlaterne fiel. Ohne die Mäntel abzulegen, setzten sie sich. Früher hätten sie sich auf dem Sofa aneinandcrgeschmicgt. Heute setzte sie sich an das Fenster; er ließ sich ain Kamin nieder. Unter ihnen, im Erdgeschoß, sprach ein Dienstmädchen mit der Pförtnersfrau. Ein kleines Kmd plärrte. Die Frau sang: Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein, Mutterherz wird bei Dir sein... Plötzlich klingelte es. Von hinten kam ein Mädchen mit einer brennenden Lampe. Sie ließ einen Herrn herein— den Vater. Der alte Mann mit den weißen Haaren blieb niit gesenktem Kopf in der Thür stehen. Eduard stand mit einem Rnck aus und starrte seinem Vater i»S Gesicht. Der Kummer hatte dort tiefe Furchen geätzt, die eine schmerzvolle Sprache führten. Taumelnd sanken sie einander in die Arme. Sie strichen sich über die Haare, betasteten die Gesichter und drückten sich an einander. „Vater... Vater I" stammelte Eduard. „Mein Junge I... Ich>var am Grabe Deiner Mutter.... Ach, Du verstehst.... Du. wollen wir alles vergessen?... Und den alten Zwist begraben?* „Ja, begraben.'..." Die Frau hatte sich erhoben. Doch der Alte sah nicht nach ihr hin. Auch Eduard schien nicbt daran zu denken, daß sie hier stand. Die Beiden hatten sie vergessen. Da leuchtete es in ihr ans, daß sie hier fremd Ivar— ein Eindringling, eine Einsame. Sie ging mit schleppenden Schritten ins Nebenzimmer. Die Männer horten nicht, daß sie hinausging; die Teppiche fingen das Geräusch auf. Die Frau im Erdgeschoß sang immer noch: Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein, Mutterherz wird bei Dir sein.... Ihr war es, als würden die Möbel und Ziergeräthe lebende Wesen und sprächen miteinander von ihr, die sonst um diese Stunde hier im Lampenschein gespielt hatte. Sie ging hastig ins nächste Zinmier. Auch dort schienen die Zimmergeräthe von ihr zu sprechen, von ihr, von Elsa. Ein weicher Schwindel zog sie nieder. Sie stieß sich die Stirn an einer Stuhllehne. Mit zitternden Händen um- klammerte sie den Stuhl.„Elsa! Elsa!... Eduard I"... Als sie in starrer Ruhe nach dem ersten Zimmer zurückging, kamen ihr die beiden Männer entgegen. Eduard glänzte vor Freude. „Ach ja, Elise, Du koinmst natürlich mit l" sagte er, als besänne er sich. „Ja, gewiß I* fügte sein Vater hinzu.„Ich habe Eduard zu mir eingeladen.*... Unterwegs erzählten die Männer fortwährend. Eduard lachte fast immerzu. Elise ging schiocigcnd nebenher. In der Wohnung des Vaters wurden sie von der ganzen Ver- wandtschaft erwartet. Acltcre Dame» in überladenen Kleidern. Junge Mädchen in züchtiger Einfachheit. Die Herren, wie die Damen, alle in Schwarz.„Ach, der Eduard!* sagte» die alten Frauen, vor Freude und Verwunderung mit der Stimme über- schnappend. Sie betrachten ihn, wie ein Kind, daß man lange nicht gesehen. Elise stand daneben. Nicht, daß sie nicht beachtet worden wäre. Aber sie fühlte, daß sie nur daneben stand. Dann gings zu Tisch. Mit der ganzen Würde und den» Ernst des Tages wurde gegessen. Das stnndenlmrge Essen, das tapfere Trinken erhöhte noch die Feierlichkeit. Als die Tafel aufgehoben wurde, hatte Ednard einen rothen Kopf. Seine glasigen Augen füllten sich mit Thränen, als er>nit vollem Glase zu seinem Vater ging:„Papa I Auf diesen festlichen Tag müssen wir anstoßen... Prost auf das Todtenfcstl* Der Alte weinte, als er, schon fast schlvankeud, erividerte:„Prost, lie Tobten!* Sie gurgelten den Wein hinunter. Elise sah ihnen von weitem zu. Die Damen unterhielten sich jetzt mit ihr. Doch hörte sie das Herablassende deutlich heraus. Das Mitleid znnickivcisend, antivortete sie kurz, schroff. Der Alte sagte unterdessen zu Eduard:„Also Du willst jetzt Dein Geschäft noch vergrößern? Du fuchst Geld?... Na, Betty hat doch tvas?" Er schenkte die Gläser tvieder voll und sprach vor sich hin:„Ja, siehst Du, das wäre so eine Frau für Dich... Gott, wenn sie auch nicht dcsonders schön ist... Sag' mal. Deine Frau, die Elise, soll kinderlos bleiben?... Na, ist das nicht ein Ehcscheidnngsgrund?... Und dann... Betty ist zwar nicht schön, aber ihr Vater war Direktor, und Geld hat sie. Geld. Wenn sie auch nicht schön ist, Deine Mutter Ivar auch nicht schön... Komm, stoße mit mir an auf Deine Mutter, Deine Mutter!"— er flüsterte vor Rührung— „dem Andenken der Tobten I" Und Ednard stieß mit ihm an und goß den Wein hinnitter... ZUeinrs Zeuillokon. ckg. Vom Berliner Fuhrwesen. In den Tagen, wo das Berliner Fuhrwesen einer völlige» Umtvälzung entgegengeht, ist ein Rückblick auf die Geschichte desselben nicht uninteressant. Bis zum 16. Jahrhundert kannte Berlin überhaupt kein Personcnfuhriverk. Wer sich für Schusters Rappen zu gut dünkte, ritt oder ging, wenn er kein Reitpferd hatte, und der Straßenschmutz unergründlich war, auf— Stelzen. Nur die Reichen hielten sich Wagen, benutzten sie aver nur für den Verkehr nach außerhalb. 1569 werden zum ersten Mal die Karossen erwähnt, die von zwei oder mehr Pferden gezogen wlirden und außerordentlich plump waren. 1646 kamen einige „Karcten" aus Cleve nach Berlin. Sechzig Jahre später gab es bereits eine Chaisen- und Karossensteuer. Vom Jahre 1690 ab hielten die Berliner Gasthofs-Besitzer für die bei ihnen logircnden Fremden sogenannte„Carosses de Remise«, die zu Fahrten in der Stadt und nach Potsdam, Charlottenburg zc. benutzt wurden und„für den ganzen Tag zwei Thaler kosteten.* Neben diesen Beförderungsmitteln spielte auch die Sänfte ihre Rolle. Zum ersten Mal wird sie 1680 erwähnt, um Ivelche Zeit sie von den piefugies in Berlin eingeführt tvorden war. 1718 gab es noch acht öffentliche Sänften. Am Tage kostete eine Tour i« der Sänfte im selben Viertel 2 Groschen, durch andere Viertel 4 Groschen, bei Nacht 6 und 5 Groschen. 1783 hatten die Sänften oder Portechaisen ihren Platz auf dem Neuen Markt, am Molkenmarkt, Unter den Linden, am Dönhoffsplatz und auf dem Gendarmenmarkt. Zu Anfang dieses Jahrhunderts verschwanden die Sänften. Nur eine einzige hielt sich noch vis 1833, sie stand am Schloßpvrtal und trug die Inschrift: Wer diese Portechaise gebrauchen tvill, melde sich in der Siebergasse. Um 1742 erscheinen die Fiaker im Straßenbilde Berlins. Sie hatten ihre Haltestelle auf dem Schloßplatz vor der Stechbahn und waren bereits numcrirt. 1764 erhielten sie auch ihre gesetzliche Taxe. Die„Fuhre" in der Stadt kostete 4 Groschen. Daneben gab es private Fuhr- Herren, die Miethskutschcn hielten. Die letzteren standen am Tage auf den Straßen, damit sie leichter zu finden tvären. 1790 gingen die Fiaker tvieder ein, und ein Vierteljahrhnndcrt blieb Berlin ohne öffentliches Fuhr- tverk. Erst 1812 erhielt es Droschken, der Pferdehändler Mortier führte sie ein und erhielt sein Privilegium als einziger Droschken- Halter. 1817 waren bereits 70 Droschken im Betriebe. 1821 schon 80, sie fuhren aber nur bis an die Thore. 1346 gab es 1000 konzessionirte Droschken in Berlin. In diese Zeit fällt'auch die Einführung des Omnibus, dessen Vorläufer der Kremser und der Thorwagen ist. Der erste Berliner Omnibus ftihr auf der Linie Brandenburger Thor— Charlottcnburg. Jetzt entwickelte sich das öffentliche Fuhr- Wesen sehr rasch. t. Wieder eine Nnthat der X- Strahlen. Wie dem Pariser „Elcctricien" aus Ncw-Uork geschrieben tvird, hat ein dortiger Ingenieur und Angestellter einer clckttotcchnischen Firma, die ge- legentlich der diesjährigen elektrischen Ausstellimg in New-Dork Apparate für X-Strahlen ausgestellt hatte, eine Klage gegen die Gesellschaft für elektrische Strömversorgung der Vereimgte» Staaten angestrengt, von der er die Apparate während der Ausstellung zur Bertvalttnig bekommen hatte. Der Techniker verlangt einen Ersatz von nicht tvcniger als 10 000 Dollars für den ihm ent- standenen Schaden, der im Verlust seines Bartes und der übrigen Haare auf der ganzen einen Seite des Kopfes besteht. Er erbietet sich den Beweis zu führen, daß diese Schädigung durch X-Strahlen verursacht worden sei, und behauptet, daß die betreffende Gesellschaft verpflichtet gewesen wäre, ihn vor der Gefahr zu benachrichtigen, die mit der Handhabung der Apparate verbunden ivar. In seiner Klageschrift setzt er auseinander, daß er nach ettva zehn Tagen ein eigenthümlichcs Gcftihl des Juckens auf der ganzen rechten Körperseite empfand, zunächst aber nicht tveiter darauf achtete; er ftlhltc sich erst beunnihigt, als er bald darauf bemerkte, daß sich seine Gesichtshant in Falten zu ziehen begann, und daß die 5kopfhaare, Bart und Schnurrbart auf der rechten Gesichtsseite in ganzen Bündeln ausfielen. Er zog einen Arzt zu Rathe, der jedoch keine Abhilfe tvußte und nur feststellen konnte, daß die ganze Ge- sichtsseite wie„geröstet* aussähe. Der schädliche Einfluß der Röntgen'schen Strahlen auf die Haut ist schon in zahlreichen Fällen festgestellt worden. � Theater. I m Residenz-Theater wurde an, Dienstag der Schwank „Mamsell Tourbillon*(Fräulein Wirbeltvind) von E. Kr aatz und Stobitzer zum ersten Male gegeben. Die Verfasser, die sich in Bedicntcntrcne an die Possenmanicr der Franzosen anklammen,, hatten einen guten Einfall. Vor mehreren Jahren machte der Fall Lebaudy in Paris viel von sich reden. Der junge Lebaudy, der vertrottelte Sohn eines vielfachen Millionärs und Bonbons- Fabrikanten, wurde in nnglnublichcr Weise von großstädtischen Parasiten ausgeplündert,(unter den Schmarotzern befand sich auch Jncgnes St. Cöre-Rosenthal, der berüchtigte Mann vom„Figaro") diesen Lebandy bringen die deutschen Verfasser in ihre Komödie. Aber zur sozialen Satire, die sich wie von selbst aus den, Fall Lebaudy ergäbe, langt es bei ihnen nicht, und in ein paar Witzen und Situationen, die allerdings viel Gelächter erregtet,, hatten die Autoren ihr Pulver so ziemlich verschossen. Der junge Lebandy soll als Rekrut eingezogen werden. Der Halbidiot vergißt den Termin und statt seiner meldet sich ein leichtes Mädchen vom Tingeltangel, in Hcrrenkleidnng natürlich. Sie hat gewettet, 24 Stunden in der Kaserne zuzubringen, und das gelingt dem Frl. Wirbeltvind. Dabei geht eS drunter und drüber zu und die Possen- haften Unmöglichkeiten wachsen bergehoch. Nicht gerade dankbar ivar es von den Autoren, in den Kasernenszene» den Fall Dreyfus hcranzuschleppen und französisches Militür>vesen so klownartig zu schildern. Erst kranipfhaft sich bemühen, möglichst ftanzösisch zu er- scheinen und dann so zu arbeiten, als sei man in den Ring gewisser deutscher Journalisten eingetreten, das ist zu mindest cigcnthünilich. Das Publikum besaß so viel Geschmack, auf den Dreyfusköder nicht anzubeißen. Mit Alexander und Frl. Schule(Tourbillon) wurde die Posse flott dargestellt. Dazu wurde das Lustsvicl 1807(„Der ü ü ch e n j u n g e*) eines Pariser Joiirnalisten Adolphe A d c r e r gegeben. Es ist in der romantischen Manier gehalten, die gegentvärtig von den Parisern bevorzugt wird. Man erhitzt sein Blut an, Gloiregedanken, man cnthnsiasmirt sich für die Helden, die tvie die Teufel fechten können und doch tvieder witzig und galant sind. Ein solcher Held ist der napoleonische Oberst Montcornet, der, wictvohl er früher Küchenjunge war, durch seine Bravour und sei» schneidiges„rrr"die adclsstolze Frau v. Fronzac gewinnt. Das Stück ist eine ganz sauber polirte Kuustarbeit; uns läßt es aber kühl, da es bei uns nicht ähnliche Stimmungen ivecken kann wie in Paris. Die wahllose Einfuhr französischer Komödien hat ihren Grund im schablonenhaften Theaterbetrieb.— ff. Erziehung und Unterricht. x. K. u e b e r das Schulwesen in Rußland veröffent- licht die statistische Kommission der russischen Freien Oekonomischen Gesellschaft umfassendes statistisches Material, aus dem endlich ein genaues Bild der russischen Volksbildung hervorgeht. Darnach giebt es in Rußland 43 364 organisirte Schulen. Die Zahl der viclklassigen Schulen beträgt aber nur 856, die der zweiklassigen 1510, der privaten Volksichulen 1316; die weitaus meisten Schulen sind ein- klassig, nämlich 40 203. Letztere bilden also ihrer Zahl nach(61,6 pCt.) die Grundlage der Volksbildung. Die russische Volksbildung bafirt im allgemeinen auf zwei Kategorien von Schulen: den Gemeindeschulen und kirch- kichen Schulen. Das numerische Verhältniß dieser beiden Schul- arten ist auf dem Lande und in den Städten verschieden. Auf dem Lande machen die Gemeindeschulen 57,62 pCt. aus, die kirchlichen 30,16 pEt.; in den Städten beträgt der Prozentsatz der erstercn 33,22 pCt., der letzteren 13,34. Von den 758 Bezirken und Kreisen des Reiches haben 22 Bezirke gar keine Schule, 76 Bezirke nicht über 10 Schulen. Im Verhältniß zur Bevölkerung entfällt eine ein- klassige Gemcindeschnle ans 5232 Einwohner, eine kirchliche Schule aus 10 258 und eine Rcgierungsschule auf 103 863 Einwohner.— Archäologisches. ck. Gräberfunde in Sizilien. Ueber die Ausgrabungen, die P. Orsi seit fast einem Dezennium auf Sizilien in Angriff ge- Hemmen hat, wird in den soeben erschienenen.Mittheilungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom" ein ausführlicher Be- richt veröffentlicht. Von besonderem Interesse sind die aufgefundenen Gräber, die auf eigenthümliche Bestattungsart der Tobten, die bei den Sikelern üblich war, einiges Liclst werfen. Die ältesten Grab- höhlen sind sehr klein, mit unregelmäßigem, rundlichem Grundriß. Auch die Decke ist rundlich gewölbt, die Thüröffnungen sind nicht einmal 30 Zentimeter breit und nicht viel höher. Mitunter erweiterte man die Grotte durch Anlage einer zlveiten Grabhöhle hinter der ersten. Die einzige Verzierung war die Einrahmung der Nischen. Große Sorgfalt wurde auf den Verschluß der Thören verwandt. In den ältesten Grotten findet man eine große Zahl von Tobten beigesetzt. So fand Orsi in einer Grotte von 5 Quadratmetern Grundfläche 28 Skelette, andere von gleicher Größe haben 23 und 26. Die höchste Zahl aber war in einer nur halb so großen Höhle vor- handen, nämlich 60 Tobte. Daraus zieht Orsi den Schluß, daß nicht die Leichen, sondern die entfleischten Skelette beigesetzt wurden. Aus den Boden der Gräber, nach der Mitte zu, oder an der Wand ivurdcn die Tobten hingesetzt, mit Schmuck und Kleidung, wie zum Mahle gerüstet. Um sie herum standen Gefäße zum Essen und Trinken. Das Ganze trug den Charakter einer fest- lichen Versammlung der Angehörigen einer Familie oder eines Gc- schlechts. Sehr merkwürdig ist es, daß bei oder auf dem Schädel des Tobten ein Steinmesser lag, manchmal auch mehrere. Wenn die Tobten thatsächlich entfleischt wurden, wie Orsi annimmt, so wurde das Messer vielleicht zu diesem Zwecke gebraucht und dann ans den Kopf des Entfleischten gelegt. Vielleicht aber hatten die Sikclcr mich nur die Gewohnheit, in Ermangelung von Hosentaschen die Messer, die durchschnittlich kaum 10 Zentimeter lang ivarcn, im Haar zu tragen, etwa wie die Bauernwciber in den Gebirgsflecken ihr Strickzeug ins Haar stecken.— Völkerkttnde. c. e. Die eingeborene Bevölkerung des Goldlandes Alaska beträgt nach neueren Berichten' kaum mehr als 22000 Personen, wobei das Gebiet, das sie bewohnt, fast ebenso groß ist als Italien, Frankreich, England und Spanien zusammen- genommen. Die Indianer von Alaska leben während des langen Winters in unterirdischen Höhlen, zu denen man nur auf allen Vieren gelangen kann, da der Eingang zur Höhle nur 1 Meter hoch ist. In der Mitte dieses Raumes wird das Feuer angezündet, rings herum sind die Lagerstätten, die aus Stroh und Fellen bestehen. Sind die Eingeborenen ans dem Marsche, so essen sie oft tagelang nichts; wenn sie dann nach Hause kommen, dauert die Schmauserei tagelang. Im Winter ist das Lieblingsgericht ein kleiner schwarzer Fisch, der die Seen des Landes bevölkert; sie essen ihn roh oder gekocht. Im Sommer dagegen liefen: ihnen wilde Gänse, Scbwünc, Enten, Kraniche, auch Lachse und andere Flußfische reichliche Mahl- zeiten. Die Eingeborenen sind sehr gastfreundlich; selbst tm Winter, weim sie selbst Hungen: müssen, theilen sie ihr Letztes mit dem Fremden.— Aus dem Thierreiche. — Zwei Riefen-HummecN, die vor einiger Zeit bei Atlantic Highlands(New-Ketfeh) gefangen und kürzlich den Sannn- lungen des amerikanischen Museums ftir Naturgeschichte einverleibt wurden, maßen nach einer der diesjährigen Amerikanischen Natur- forscher-Gesellschast von Dr. E, O. Howey vorgelegten Wissenschaft- lichen Beschreibung 62 und 100,5 Zentimeter in der Länge und wogen 31 und 34 Pfund._ Ver�„twor:licher Redakteur! August Jacobey in Ber Ans dem Pflanzenleben. — Die Chlorophyll- Funktion der Strand- pflanzen ist neuerdings von Ed. Griffen untersucht worden. Die Strandpflanzen bilden eine Gemeinschaft, die sich durch dicke Blätter, Stengel und Früchte, sowie durch eine blaßgrüne, mitunter bläulichgrüne Färbung auszeichnet, der anatomisch die Vermehrung des Blattzellgewebes(Ülssosthzrtls) und besonders der Palissadenzellen, Verminderung der Spaltöffnungen und Chlorophyllkörnchen entsprechen. Diese Veränderungen werden, wie Lesage und andere gezeigt haben, wesentlich durch die Gegenwart des Kochsalzes in Boden und Luft er- zeugt, daher findet sich die Strandflora auch im Binnenlande, an Orten alter Brackwassersümpfe, auch konnte man bei sogenannten Ubiquisten, Pflanzen, die mit und ohne Salz gedeihen, zeigen, daß Salzwasser direkt jene Veränderungen erzeugt, die man bei Strand- pflanzen bemerkt und die auf eine Verminderung der Assimilation und Wasscrvcrdunstung hinzielen mögen, damit die Pflanzen durch starke Wasseraufnahme aus dem Boden nicht den Salzgehalt in den Geweben noch vermehren. Da nun im Gegenthcil die Ent- Wickelung des Palissadengewebcs in den Blättern eine stärkere Assimilatton andeutet, die im Widerspruch steht mit der mmderen Zahl, geringeren Größe und schwachgrünen Färbung der Chlorophyll- körner, so nahm sich Griffon vor, eine vergleichende Untersuchung über die Assimilattonsgröße der Strand- und anderen Gewächse an- zustellen, Dieselbe ergab, daß die Vermehrung der assimilatorischen Gewebe in Blättern und Stengeln allerdings dahin wirkt, die schäd- lichen Einwirkungen des Salzes zu verminder::, indessen nicht dahin gelangt, sie zu kompcnsiren. Die auf die gesammte Oberfläche der Pflanze bezogene Assimilation bleibt für die Blätter einer Strand, pflanze immer geringer als für eine Pflanze derselben Art und Größe, die ohne Salz:m Bmnenlande wächst.— („Prometheus.") Humoristisches. — Der Pedant.„Häuschen, flieg' auf Dein Bauer l" ruft Profeffor Müller seinem wohldressirten Kanarienvogel zu. Das Thicrchen fliegt jedoch in sein Bauer. „Pfui, Häuschen," ruft der Professor erzürnt,„Du bist jetzt schon so lange bei mir, da darfft Du doch nicht mehr die Prä- Positionen verwechseln!"— — Ein edler Mensch.„Wissen Sie, ich würde Ihnen eine runterhauen, aber da Sie nicht in der Lebensversicherung sind, habe ich Mitleid nnt Ihrer Familie I"— — Verkannte Abkürzung. A.(im Kalender lesend): Jetzt haben die Radfahrer sogar ihren eigenen Festtag! B.: Wieso? A.: Sieh her, hier steht: 1. November:„All. Heil."(Aller Heiligen.)—(„Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. — In D a l e n a(Saalkreis) ist auf der sogenannten„Alten Hütte", einem einzeln gelegenen Gehöft, ein Raubmord an einer Frau verübt worden.— — Im Antwerpener Hafen b a r st auf dem zur Abfahrt bereitliegcndcn kleinen Dampfer„V i l l e d'A l o st" der Kessel. Der Maschinist, der Heizer und der Schiffer eines daneben liegenden Bootes wurden gctödtet.— t— In den Spielwaarcn-Magazinen von Paris giebt es Puppen zu kaufen, deren Garderobe und Juwelen mehrere tausend Franks kosten. Einige der kostspieligsten dieser Puppen sind sogar mit Phonographen ausgestattet, die eine beträcht- liche Anzahl von Worten und ganzen Phrasen von sich geben können.— — Der Konsum an Pferde-, Maulthier- und Esel- fleisch nimmt in Paris ständig zu. Man zählt schon 163 Verkaufs- stellen. 20 633 Pferde, 51 Maulthiere, 303 Esel sind im letzen Jahre geschlachtet worden.— — An Bord des deutschen Dampfers„ D o va", der von N e w p o r t nach Gibraltar unterwegs war, fand eine heftige Explosion statt. Drei Manu der Besatzung wurden erheblich verletzt.— — Die indische Regierung hat die Pilgerfahrt nach Mekka verboten. Stur diejenigen, welche sich in Tschittagong, in Bengalen, einschiffen und vorher ärztlich untersucht worden sind, dürfen nach Mekka pilgern.— — 100 000 Dollars hat ein amerikanischer Sammler in den Zeitungen für einen echten Shakespeare'schen Auto- g r a p h e n geboten.— — In Futsch au in China wird von einem englischen Konsorttun: eine Fabrik für S i ch e r h e i t s- Z tt n d h ö l z e r mit einer täglichen Leistungsfähigkeit von 300 000 Schachteln gebaut. China, das seinen Bedarf an Zündhölzern früher ausschließlich aus Europa deckte, seit Jahren aber der Hauptabnehmer der japanischen Zündholzfabrikcn ist, besaß bisher keine eigene Zündholzindusttic.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 20. November._ in. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.