MterhaliuügsS Nr. 226. Soitntaq, (Rachdrtt-k»ertöten.) 8ij Xlcu" Navthsgo. Roman von Georges Eekhoud. Er sah die Zukunft in lachendsten Farben und schritt frohgemuth durch den Tilbafschen Laden, um sich sofort in das Hintersimmer zu begeben. Er fand die ganze Familie um den Tisch versammelt, zwar wunderte er sich nicht ivemg, daß sie alle so verstört und kleinlaut dreinschauten, aber ehe er noch nach dem Grunde der Verstimmung fragen konnte, hatte ihm Tilbak nach dem Laben gezogen und begann, nach- dein er sich verlegen geräuspert hatte:„Ja, Herr Lorki, wir haben uns Wohl oder übel zur Auswallderung entschließen müssen, wir wollen nach Bueiws Aires l" Laurent glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. „Aber, lieber Vincent, machen Sie doch keine faulen Witze!" „Nein, es ist mir heiliger Ernst? Ich habe schon heute morgen bei Herrn Vejard meiue Passage bezahlt. Wir müssen bald ans Abschiednehmcn denken. Seit Monaten geht mir die Sache schon im Kopf hcruni. Hier ist für uns nichts mehr zu holen. Mit dem Geschäft geht's immer weiter zurück, wir können karnn noch das bischen Brot verdienen. Mit diesen„Runners", die die Matrosen beim Einlaufen in die Schelde absaugen, um die betrunkenen, willenlosen Burschen in ihre Lasterhöhlen zu verschleppen und sie dort schamlos auszuplündern, kann der kleine Geschäftsmann nicht konkurriren, wenn er nicht zu ihre» verworfenen Geschäfts- kniffen seine Zuflucht nehmen will. Und ehe ich das thue, will ich lieber gleich der Verbrecherzunst beitreten. Und»in das Unglück voll zu machen, hat nian jetzt auch nock; mit Dainps betriebene Lichterschiffe eingeführt, sodaß ich mein Boot als Brennholz verkaufen tänn. Und was soll erst gar aus unseren Söhnen werden? Unsere großen Handels- hänser beschäftigen ja fast mir noch deutsche Volontärs. Die Herren Taelnians- Teynze und Bergmans, die noch ein Herz für ihre Laubsleute haben, können allein alle die Arbeits- suchenden nicht beschäftigen. So geht's eben nicht weiter! Und deshalb haben wir beschlossen, anderwärts unser Glück zu versuchen: gelingt's uns dort auch nicht, dann haben wir tveuigstens alles versucht, uns ehrlich durchzuschlagen." Tilbak erleichterte sein Herz durch einen kräftigen Fluch. „Nein, nein!" rief Laurent,„Sie werden hübsch hier bleiben, lieber Freund. Jetzt freue ich mich doppelt, daß mich der Zufall gerade heute hierher geführt hat. Seit heute bin ich ein reicher Mann, Verehrter. Ich besitze mehr als genug, um Ihnen und den Ihrigen zu Hitfe zu kommen. Ich habe hier mehr als droißigtarisend Franks, die ich Ihnen zur Ver- fiigiing stelle. An meiner Freundschaft haben Sie doch hoffentlich nie gezweifelt, thrin Sic mir also den Gefallen und hören Sic nnt der Lameutirerei ans. Und wenn es Ihnen Pt'Ullich ist. von einem Freunde Geld zu nehmen, so werden Sie doch sicher dem Sohn— Siscka hat mich ja immer' als ihren ältesten Sohn betrachtet— oder, wenn es Ihnen lieber ist, dem Schwiegersohn gestatten, Ihnen zu Helsen... Vincent, ich bin eigentlich gekommen, Sie um Henriettens Hand zu bitten.. Tilbak zog den jungen Mann an sich und sah ihm lauge in die Augen. „Desteu Dan?. Herr Laureut! Ihr Auerbieten rührt mich nicht weniger als Ihr Antrag, dem wir leider nicht Folge geben tonnen. Meine Frau ist sich seit langem schon über HeurieÜen's Gl'ftisHe im Klaren und hat es an Mühe nicht fehteil lassen, diese aussichtslose Reignug, die in dem Heizen meines Kindes auf- keimte, zu bekämpfe»!. Ja, ich will ganz offen fein: diese Liebe wurde für uns ein Grimd�mehp, unsere Abreise zu beschleunigen.... Es thnt Uli? allen hier eine Lustverände- rung noth.... Ich kann nur nochmals wiederholen, Herr Laurent, daß diese Heirath ein Ding der Unmöglichkeit ist. Selbst lvenn ich znslinmrte, würde meine Frau nie und uimmer darein willigen. Sie kennen unsere Siska noch nicht. Sie bat über alle diese Dinge ihre ganz eigenen, unerschütterlichen Ansichten; lvenn sie einmal sagt, das ist weiß und das ist schwnrz, dann können Sie das Blaue vom Himmel herunter- reden, ohne sie zu überzeugen. Sie sind jung, t! des'Aorwärls 20. Noveinber. 1893 Herr Laurent, Sie sind wohlhabend, besitzen eine ge- diegene Bildung und haben alle Aussicht, noch einmal ein hübsches Stück Geld von reichen Verwandten zu erben, Sie haben also allen Anspruch, eine Parthie zu machen, die Ihres Vermögens und Ihrer Erziehung würdig ist... Und ivas würde denn auch Ihre vornehme Familie dazu sagen? Man würde doch zweifellos Siska den Vorwurf«scheu, daß sie Ihuen ihre Tochter aufgedrängt hat und sie als Jntrui- gantin und elenden Eindringling über die Achsel ansehen... „Nun hören Sie aber ans!" rief Laurent.„Nehmen Sie doch Vernunft an, Vincent? Um meine vornehme Verwandt- schuft schere ich mich keinen Pfifferling! Schade, daß Sie nicht mit ansehen konnten, wie mich Herr Dbbouziez eben abgefertigt hat. Alter und Mißerfolge haben den Mann nicht liebeuS- würdiger gemacht. Ich gehöre nicht mehr zu diesen Leuten, ich schulde ihnen nichts und habe das letzte schwache Band, das rnlS noch zusamiueiihiclt, zerrissen. Und dieser Verwandtschaft, die mich verleugnet, soll ich mein Herzensglück opfern? Das ist doch nicht Ihr Ernst, Vincent? Nein, Siska wird gewiß veriiüuftiger sein... „Geben Sie sich keine Mühe, Herr Laurent! Es hat gar keinen Zweck, und es fft besser, Siska das Peinliche zu er- sparen, für meine Weigerung noch gewichtigere Gründe aiizu- führen." „Meinetwegen I Aber wenn Sie auch ein falsches Ehr- gefühl hindert, mich als Schunegcrsvhn zu akzeptiren, mich. der ich Henriette auf den Häuden getragen hätte, dann liegt doch immer noch kein Grund vor, mein Geld zu nehmen und die AuSwanderungspläne aufzugeben." „Nochmals beste» Dank, Herr Laurent! Aber wir brauchen ganz und gar nichts.... Ich muß Ihnen noch sagen, daß Ihr guter Freund Jan Vingerhont, der„Baes" der„Amerika", uns begleitet. Er hat sein bischen Hab und Gut zu Getde gemacht und will in einem audeien'Amerika sein Glück versuchen." „Ach, min ist mir alles klar!" fuhr Laurent auf.„Das ist der Schwiegersohn, den Sie für Henriette im Auge haben..." „Ja, freilich! Weshalb sollt ich's leugnen? Jan ist nnserSgleichen und ein braver Kerl, den Sie zu allererst gc- würdigt haben... Ja, Herr Paridael, ich möchte Sie sogar um einen großen Dienst bitten, llnscr Freund hat keine Ahming davon, daß Henriette Ihnen gut ist, thnn Sie mir den Gefallen und sorgen Sie dafür, daß ihm die Sache auch fernerhin verborgen bleibt.. „Nein, das fft zu viel verlangt!" miterbrach ihn Laurent.„Am Ende wünschen Sie noch, daß ich mich, um die Durchführung ihrer Pläne, zu ermöglichen, von Henriette hassen ließe!" Und innerlich dachte er„zu arm für Gina und zu reich für Henriette". Dann fuhr er bitter fort: „Mein lieber Tilbak, Ihr seid in Antwerpen alle dieselben! Bei Euch gilt einzig und allein nur die Geldsrage. Mein wiirdiger Vetter Dobouziez würde Ihnen rücksichtslos recht geben. Gefühlsleben und Herzenssachen eristiren für Euch nicht, es wird alles nur von dem Stalidplnikt des Krämers betrachtet! Das Gold allein trennt oder vereint! Ihr alle habt an Stelle des Herzens eine Sparbüchse. Ich Hütt' inir's nicht träumen lassen, daß die Tilbak's nicht besser wie die andern wären! Bin ich denn immer nud ewig dazu ver« nrthcilt, allein und unveistanden zu bleiben? Soll ich stets als Ansgestoßencr bei seile stehen, dem nie ein gleichzesimrter Frennd begegnet?" Das bittere Wey, das ihn schon seit dem Morgen be- drückte, stieg heiß in ihm auf; er sank auf einen Stuhl, barg den Kopf in die Hände und schluchzte wie ein Kind. Der Stimmenlärm hatte Siska herbeigelockt. sie hatte, an der Thür stehend. Laurent's letzte Worte mit angehört. Jetzt trat sie heran und suchte den Weinenden durch»»lütter- lichc Zuspräche zu beruhigen. „Nein so etwas! So von uiiS zu sprechen! Lieber Laurent! Sie werden doch nicht im Zorn von uns scheiden! Vor unserer Abreise werden»vir uns noch einmal ansprechen, aber hellte nicht, Sie sind zu aufgeregt. Und vielleicht gelingt es mir dann auch, Ihnen über Ihre eigenen Gefühle die Augen zi, öffnen." Der ernste Ton, in dem die stoffliche Frau die paar Worte sprach, machte auf Laurent einen solchen Eindruck, daß er seine Aufwallung niederzukämpfen vermochte, er wechselte mit den beiden noch einige gleichgiltige Worte und ging dann in das Hinterzimmer, um von den Kindern Abschied zu nehmen. Nach einigen Tagen fand er sich wieder bei den Tilbak's ein. Siska war mitten im Packen und mit den Vor- bcreituugen für die Abreise beschäftigt. Als sie Laurent um die versprochene Erklärung bat, unterbrach sie ihre Thätig- keit, sah den jungen Mann mit einem langen prüfenden Blick in die Augen und sagte:„Ich wollte Ihnen nur sagen, Laurent, daß sie Henriette nie geliebt haben!" Laurent versuchte vergeblich zu protestiren, die klaren durchdringenden Augen der Frau, die fest auf ihn gerichtet waren, brachten ihn immer mehr in Verwirrung; er erröthete und sah schweigend zu Boden. „Nein, Sie lieben Henriette nicht," stlhr Siska fort,„weil Ihr Herz einer anderen gehört. Und ich will Ihnen auch gleich sagen, wer diese Andere ist: es ist Ihre Kousine Gina, die jetzige Frau Bejard! Habe ich recht? Ihre Verwirrung, wenn von Frau Bejard gesprochen wird, die Scheu, vor uns ihren Namen zu nennen, mußten Ihr wohlgehütetes Geheimniß jedem verrathen. Ja, auch Henriette hat zuletzt geahnt, für wen eigentlich Ihr Herz schlug.... Ich will gerne zugeben, daß Sie unserem Kinde gut sind und daß Sie in Ihrem Edel- muthe auch ganz geneigt sind, die Kleine Zu hcirathen. Aber im Grunde Ihres Herzens hätten sie stets der Ändern den Vorzug gegeben, und weder Sie noch Ihre Frau hätten das Glückgefunden, das Sie beide verdienen... Als meine Tochter zu ahnen begann, daß Sie Frau Bejard lieben, habe ich das Meinige gethan, um ihr vollends die Augen zu öffnen, und es ist mir ja auch so ziemlich gelungen, sie von ihrer Liebe zu heilen... Ich müßte übrigens lügen, wenn ich sagen wollte, daß die Heilung leicht gewesen wäre... Wenn Sie mir schwören, Laurent, daß Sie Henriette wirklich lieben und daß sie die Erkorene Ihres Herzens und Ihrer Sinne ist. bin ich auch jetzt noch bereit, sie Ihnen zur Frau zu geben! Wenn ich anders handeln wollte, würde ich Ihnen und ihr eine schlechte Mutter sein..." Statt aller Antwort fiel Laurent seiner helläugigen Freundin um den Hals und berichtete ihr all seinen Kummer und seine widerspruchsvollen Neigungen. XXI. Bejard, Saint-Fardier und Vera Pinto hatten den Augen- blick gut abgepaßt, ihren Handel nnt Menschenfleisch, mit Elfenbein, wie Fuchskopf sagte, zu eröffnen. In ihren Bureaus schob und drängte sich beständig die Schaar der Auswanderer. Saint-Fardier thronte dort in seiner Größe und hielt die Heerde der armen Teufel in strenger Zucht und Ordnung. Auch war es seiner Sorge überlassen, die Auswanderungs- agenten ins Land zu schicken und das Menschenmaterial heran- zuschaffen. Von Irland ausgehend, hatte sich das Auswanderungs- fieber über Rußland, Deuffchland und Nord- Frankreich ver- breitet. Tausende von Fremden waren schon hinausgezogen, ehe Belgien von der Seuche ergriffen wurde. Die Ersten, die sich dem allgemeinen Zuge anschlössen, waren die Arbeiter aus der Borinage und dem Kohlenbecken von Charleroi, die Grubenleute, die sich um kärglichen Tageslohn unter der Erde abquälen, die die Härte kapitalistischer Aus- beuter. Arbeitseinstellung und Ausstände mürbe machen. und denen die Kugeln der Soldaten den Rest geben, wenn sie die schlagenden Wetter güttg verschonen. Nach den Wallonen kamen die Flamländer an die Reihe. Genter Weber und Spinner, denen der Staub die Lungen zerstört hatte, schnürten ihr armseliges Bündel und zogen nach Amerika, wie vor Jahrhunderten ihre Vorfahren nach England ausgewandert waren. Und endlich wurde auch Antwerpen in Mitleidenschaft gezogen. Lange genug hatten die schwerfälligen, wie die Lastthiere arbeitenden Ufer- bewohner die Züge der Auswanderer an sich vorüberziehen sehen, ehe sie sich von dem Beispiel anstecken ließen. Wenn früher einer die Heimath verließ, so war das ein Ereigniß, das die ganze Gemeinde in Auftegung versetzte. Man sah in solchem Beginnen die unüberlegte Handlung eines Abtrünnigen und Entarteten. Es waren zumeist solche Leute, die überall entlassen waren und die in der Unmöglich- keit, Arbeit zu finden, nichts weiter anzufangen wußten, als sich als Freiwillige für die Armee in Holländisch-Jndien an- werben zu lassen. Das war setzt anders qeworden, wo auch 2— die guten Elemente der Bevölkerung sich zur Auswanderung ent- schlössen. ZuHundertenflohcnsie wie vor einer Ueberschwemmung. Städter und Landleute vom Ufer der Scheide, von den Sanddünen der Kampine, Polderbauern und Besenbinder aus der Brugsre._(Fortsetzung folgt.) SonnkAj�plAuvevei. Selten ist auf Wesen und Geistesrichtung einer Stadt so wenig Bedacht genommen worden, als in den jüngst vergangenen Jahren auf Berlin. Ginge es nach unseren Festlickkeits-Meiern, wir kämen aus Lustbarkeiten und Illuminationen nicht heraus; und Alles in Allem herrscht in unserer rauhen Stadt der Arbeit durchaus nicht der Hang zu Feierlichkeiten; Iveder zu denen, die in getragenem Emst verlanfen, noch zu den Lustbarkeiten, bei denen eine harmlose Bolls- menge sich zur froh bewegten Staffage hcrgiebt. Trotzdem werden die„festlichen Macher" nicht müde, Berlin immer wieder zum Schauplatz frostiger Feierlichkeiten umzuwandeln. Wir haben erlebt, wie die mannigfachen Gedenkfeste an den Krieg von 187» stets uniformer verliefe», wie sich die Mehrheit der Bevölkerung kühl verhielt. Das schreckt aber hyperloyale Profitjäger nicht. Sie wollen Byzantinismus und Geschäft derart innig verbinden, daß man den ehrlichen Mon- archistc» gerne glauben darf, sie empfänden Unwillen über diese vordringlichen Machenschaften. Selbst in allen Aeutzerlichkeiten und rein ästhetisch betrachtet waren die Jubelfeste Berlins innerlich kühl. Man weiß, wie bei unmittelbaren, spontanen Freudenausbrüchcn die Ein- bildungskraft der Menschen rege wird. Die Lust belebt hier in der That. Originelle Gedanken wachen auf. Eine Mannigfaltigkeit im Kleinen selbst kann sich hcrvorthun. Bei Festlichkeiten, die eine Volks- gemeinschaft nicht einheitlich bewegen, die ähnlich geplant werden, wie die Illumination nach der Palästina-Fahrt geplant war, schweigt auch der erfinderische Geist. Das geht seinen üblichen, schleppenden Gang. Selbst aus der fruchtbaren, verhältnißmäßig jungen Kraft der elektrischen Beleuchtung weiß man kaum etwelche neue Wirkungen zu schaffen; und unsere Künstlerschaft wattet ver- gebcns'auf dekorative Aufgaben. Man bleibt bei den bewährten Motiven. Der Hurrahpatriotisinus liebt in der Regel die Spar- samkeit. Es hat mit dem Fesieszauber in den Großstädten im allgemeinen und geiviß nicht blas in Berlin seine besondere Bewandtniß. Berlin kennt die Traditionen älterer Kulturftndte nicht. Es ist im hastigen Borwättsstreben eine erste Jndustnestadt geworden. Hast ist hier das Merknial der Thätigkeit wie des Genuffes. Ost wurde es von Fremden schon beobachtet, daß die typische Erscheinung des Straßen- flaneurs, der gemächlich dahin schlendett, sich bei uns kaum ent- wickelt habe. Das eigentlich beschauliche KaffechauSlcben findet man hier nur vereinzelt vor. Aber auch andersivo haben die Entwickclungs» gesetze der modernen Großstadt das Wesen ttaditioueller Feierlich- keilen verschoben und verändert. Das reicht bis zu den Volks- belustignngen herab. Mit einem Wort: es sind die einheitlichen Stimmungen durch- brochen. Wie man sich immer anstrenge, sie wiederherzustellen, es bleibt Flickwerk. Die Bevölkerung der Großstädte wird nicht mehr im alte» Maß vom Einheitsbewußtsein durchdrungen. Klassengegensätze gab es vordem auch. Nur waren sie dem Proletarier nicht so deutlich gelvorden. Man fragte nicht so bestimmt: Feiert ihr eure Feste, was geht das uns an? Euere Welt ist nickt die unsere mehr. Auch fluktuirt die moderne, großstädtische Bevölkerung zu rasch. Viele Kreise werden nomadisch von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte getneben. Das giebt eine Zwiespältigkeit, die vordem im ähnlichen Sinne unbekannt war. Man braucht sich ja nur umzusehen und man sieht aller Orten das traditionelle Festesbehagcn, bei dem ein einziges Flnidum, eine einzig belebende Kraft eine Gesammtbevölkerung zu erfüllen schien, balo langsamer, bald schneller verschwinden. Nicht einmal Paris, die Frerchenstadt der luxuriösen Welt, macht eine Ausnahme. Es „etablirt" gewissermaßen mit den oft wiederkehrenden Weltausstellungen eine kolossale Schau- und Vergnügungsstätte für die Fremden. Der Pariser Bourgeois weiß den Goldstrom aus der Provinz und aus dem Ausland zu schätzen. Er übernimmt die Unannehmlichkeiten, die dem Gastgeber auferlegt sind und macht seine Honneurs. Aber ihm selber fällt eS nicht ein. sich irgendwie im Jubel selbst zu übernehmen und zu berauschen. Er bleibt der vorsorgliche Arrangeur und ist im übrigen ein ganz kühler Rechner. In alten italienischen Städten, in Rom und in Venedig sucht- man den verschlafenen, winterlichen Karneval frisch zu galvamsiren. Gewiß, man giebt sich alle Mühe; man beruft sich auf alte«cber- liefenmg. Man beschwört die guten Leute, nur ja recht lustig zu sein. Äau behängt Harlekins mit Flitter und bezahlt sie, daß sie Leben in die Menge bringen. Indessen kann man alljährlich die typisch wiederkehrende Wehklage vernehmen: Es ist aus und vorüber. Der öffentliche Karneval wird immer fadenscheiniger/ Die Signori, die Vornehmen, ziehen sich zurück; das Spettakel siir die Fremden besorgt der Pöbel und dieser Pöbel ist so verroht, ach I so verroht! In Wahrheit ist„das Volk" nicht verroht, wie die jeweiligen Jeremiasie angeben. Dem Lumpenproletarier ist das Arrangement zur„Hebung der Fremden-Jndustrie" ein willkommener Anlaß zu jeglichem Radau; und das arbeitende Volk kann nicht ,n n a'i v e r Genußfreude, in völliger Freiheit sich ergehen. Es«st grw, überarbeitet, bedrückt; eS nimmt den übervollen Korb der — 903 Sorgen mit auf den Markt der Freude. Wo soll da alte, freie, herzliche Anmuth sich entwickeln. Der römische Sklave, wc»ii er Sawrualien feierte, konnte ungezwungener dein Karneval fröhnen, als der Lohnsklave im heutigen Rom. Für ihn hatte das Fest noch lebendige, sinnbildliche Bedeutung. Es hatte für ihn ethische und körperliche Weihe. Es war nur ein Taumel inmitten der Sklaverei, aber es war ein Freiheitstauniel. Der Knecht hatte die Empfindung, einmal doch nicht als bloße Staffage für die Feste der Anderen zu dienen. Im sprichwörtlich gemüthlichen, beinahe phlegmatisch duldsamen Wien ist man ähnlich bemüht, traditionellen Festeszauber aufreibt zu erhalten oder neu zu beleben. Eine schmeichlerische Presse hegt und nährt alle.gcmütblichcn Instinkte". Jede Korsofahn wird zum volksbewcgenden' Ereigniß. Jede uiirrihig-hysterische, riihmsüchtige Zlristokratin wird zur Wohlthäterin von Groß-Wien aufgebauscht. Elende, verblödete Volkssängcr des Brettels preisen sie als den guten„Schutzengel". lind doch kommt nian alles in allem nicht über die„Hetz" in beschränkten Kreisen heraus. Der Begriff weiter Volksthiimlichkeit fehlt. Seit ein paar Jahren ist die Unteniehmnng �Venedig in Wien" das„Volksthümlichste", was man in der Donaustadt kennt. Es hat ganz anders Wurzel gefaßt, als in Berlin. „Hohe Herrschaften" haben dort ihre Stammplätze. Der„Pratcr" wurde wieder einmal gehoben. Der erste Minister des Landes, Graf Thuir, war an jedem Sommerabend draußen und betheiligte sich an der neuesten Wienerischen„Gaude". Man beivirft sich niit bunt- farbigen, in Spiralform geschnittenen Pnpierstückcn und ähnlichem Zeug. Graf Thun war so eifrig darin, als g>'te es die Bcrsöhnung der Völker Oesterreichs herbeizuführen. Täglich war von diesem ernsten Staatsmann zu lesen, wie er das festliche Wien ehrte. Devote Fiakerkutscher klatschten vor Wonne in die Hände und sangen„A so a Hetz war no nit do I" Aber es blieb bei alledem nur„a Hetz". Wird der Philister sentimental, dann stimmt er wieder seine weinerliche Jeremiade an: vorbei ifts mit der alten Gemüthlichkcit. Selbst wo die moderne großstädtische Entwickelimg noch nicht in so schneller Gaugart vorgeschritten ist, Ivo noch ein erheblicher Grund- stock der städtischen Bürgerschaft in konservativen Bräuchen lebt, be- aegnet man der gleichen sentimentalischen Anschauung: Mit der früheren Gemüthlichkcit. die an Volksfesttagen eine ganze Stadt- bevöllcrung zu einer fröhlich-naiven Einheit zusammenschweißte, geht eS zur Neige. Schon beginnt nian sich selber zu ironisiren. So ist's in München mit deni Okloberfest. Noch ist der Durst der alte ge- blieben, noch qualmt der Rauch von Herings- und Wurstbratercien weiter, noch lagert es über dem Ganzen, wie von klebrigen Bier- düften: Aber der selbstgenügsame Geist sei nicht mehr da, wie früher. So hört nian die berufenen Hüter alter Freuden jammern. Auch hier kommt man zum absichtlichen Arrangement. Schon hat man die Festwiese mit Leuten bevölkert, die in künstlich erhaltenen Volkstrachten auftauchten. Das war also schon ein Stück Komödien- spiel, und mit der naiven Hingabe an die festliche Laune nimmt's dann allgemach ein Ende. Die Feste sind eben ein intimes Ansdnicksmittel sozialer Organi- sationcn. Könnte man sich im heutigen Berlin etwa einen.Stralauer Fischzug" vorstellen, an den: der Hof theilnähme, wie etwa die Gutsherrschaft in patriarchalischen Zeiten am Maientanz ihrer Guts- insassen theilgenommen hat? Unter veränderten Gesellschafts- bcdingiingen verlieren selbst die tradittonellen Feste ganz alter Kultur- stättcn ihren Inhalt. Man sucht ihnen neuen Athem einzuhauchen. Aber man erhält sie doch nur in halb mumifizirter Gestalt. Der Schein des Früheren freilich ist gewahrt. Bei den völlig erzwungenen, überhänfigen Loyalitätsfesten in Berlin fehlt selbst' dieser Lebcnsschein. Man weckt die Ironie der Massen, statt der Feierlichkeit.—.Alxlia. TNeines Fenillefon lo. Eine wichtige Kcilschrift-Ucbcrsetzuiig befindet sich für die„Assyriologische Bibliothek" gegenwärtig bei einer Leipziger Buchhandlung im Drucke. Der Verfasser ist Professor JameS Craig von der Universität Michigan, der seine Sommerferien im Britischen Museum in London zubrachte, um die astrologisch-astronomischen Tafeln der Kujundjik-sNinivehs-Sammlung zu studircn, die unter dem Namen.Erleuchtung des Bell" bekannt sind. Dies ist die wichtigste Reihe unverarbeiteter Keilschrifttexte des britischen Museums und in vieler Hinsicht die wichtigste aller in der Sammlung vorhandenen überhaupt. Die vollendete Uebersetzung wird etwa IM Tafeln um« fassen.— Weiter Blick. Mit der Vermeffung einer Linie quer durch das ganze Festland der Vereinigten Staaten von Nordamerika ist eine wichtige und große Arbeit in den letzten Monaten zum Ab- schluß gekommen. Am 3. März 1871 faßte der Kongreß den Be- schlutz, eine geodättsche Verbindung zwischen der Küste am Atlantischen und Sttllen Weltmeer herzustellen. Die Arbeiten wurden bald darauf in Angriff genommen, und jetzt ist diese Linie vollendet und läuft vom Kap May-Leuchtthurm auf der äußersten Spitze von New- Jersey bis zum Point Arena-Leuchtfeuer in Knlisonnen und hat eine Länge von 262öß englischen Meilen. Anfang und Endpuntt liegen bis auf wenige Meilen Unterschied in derselben Breite. Ueber Berg und Thal mußte natürlich die Linie vermessen werden, und vier ihrer Punkte liegen in einer Meereshöhe von über 14000 Fuß und 20 über 10 000 Fuß. Jntcrdssaut sind nun die Sehweiten, die bei den Vermessungen in, Gebirge erreicht wurden. Die längste Sehlinie, die in der Geschichte der Landesmeffung wohl einzig dastehen dürfte, war die vom Iliiconipahgre Peak in 14 300 Fuß Meereshöhe bis zum Mount Ellen, der II 300 Fuß hoch ist, beide im Felsengebirge. Die Länge dieser Sicht erreichte 183 englische Meilen, das sind fast 300 Kilometer, etwa so weit wie von Berlin nach Kiel oder Born- Holm, oder vom Montblanc bis nach Slraßburg oder vom Brocken bis nach Köln. Ueber 20 Mal wurden Strecken von mehr als 130 Kilometer Länge gesichtet, also Strecken, die von Berlin bis nach Dresden reichen.— Musik. „Don Qu ix o te". Eine musikalische Tragikomödie in 3 Auf« zögen. Dichtung und Musik von Wilhelm K i e n z l. Erste Auf- ftihrmig im Opernhaus Freitag, 18. November.— Der spanische Dichter Cervantes. Shakespeare's älterer Zeitgenosse, hat in seinem Sioniaii„Der sinnreiche Junker Don Quixote von der Maucha" (zuerst 1604— die Aussprache ist Don Kichote) von dem Gegensatz zwischen Einbildungen und ganz besonders von der Lächerlichkeit eines Weiterspinnens vergangener Erscheinungen Bilder vor uns entfaltet, die ihren Platz nicht nur in der Geschichte der Weltliteratur, sondern auch in der Erinnerung eines jeden Lesefrcuudes festhalten. Wer hat sich an den tragt- komischen Streichen des fahrenden Ritters und an seinem prosaischen Widerspiel, dem„Schildknappen Sancho Pausa, aber auch an all der sonstigen blühenden und glühenden Fülle von Abenteuern und Liebesschmerzen dieses echt epischen Werkes nicht von jung auf herzlichst gefreut I Darauf ein musikalisches Kunstwerk aufzubauen, lag nahe genug. Rubinstcin hat es gethan, ohne besonderen Erfolg. Der Komponist von„Till Eulenspiegcl's lustigen Streichen", Richard Strauß, hat nun auch(ox. 35> einen„Don Quixote, phantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters" koniponirt, den wir am 6. De- zcniber zu hören bekommen werde». Reben diesen zwei Konzert- lverken sind zwei Ballette zu erwähnen, die 1798 bis 1807 und 1839 bis 1858 in der Berliner Oper häufig gegeben wurden. Und nun hat Wilhelm Kienzl, der Musikgclehrte und Komponist von Opern „lögörer factur", wie sie Riemanu so hübsch fein kennzeichnet, eine Dichtung und Musik für die Bühne gemacht, sein ox. 50. Es ist wahrhaft eine musikalische Tragikomödie geworden, ergreifend. wie nicht bald ein derartiger Fall zu denken ist— allerdings in einem der Absicht des Dichterkomponisten ganz entgegengesetztem Sinne. Cervantes hatte ein episches Meisterwerk geschaffen, so episch, als nur überhaupt jene erzählnngsfrohe Zeit es schaffen ließ. Daß Kienzl diesen geradezu krassen Fall von dramatischer Ungeeignetheit überhaupt nicht durchschaute, ist sein erstes Stück Tragikomödie. Sein zweites Stück einer solchen ist, daß er speziell nicht erkannte, wie sehr dieses Werk mit seinem ideal- grotesken Inhalt auf das einer Lescpoesie eigene Maß von Abstraktheit angewiesen ist und seinen Geist völlig verliert, sobald es ins Sichtbare gezogen wird. Und sein drittes Stück Tragikomödie war, daß er. der Verfasser einer tüchtigen Doktorschrist über„die musikalische Deklamation", der Musiker, der so gut zu deklamircn, zu charattcrisircn und zu rühren versteht, sich ein noch höheres Können zutraute, die Kraft, eine Tragikomödie von der Höhe eines Cervantes zu schaffen. Eine Kunstform, die uns speziell die heikle Aufgabe giebt, durch das Ohr und ohne das Auge zu einer Vorstellung von dichterischem Inhalt zu gelangen: die Programmmusik, kann sich mit jenem so eigenartig abstrakten Gegenstand ganz wohl abfinden. Das hat Richard Strauß erkannt, als er seinen„Don Quixote" schuf. Er hat in dieser Erkemitniß auch eingesehen, daß e§ sich um ein bunt vnriirtcs Thema, aber um keine stetige Entwickelung eines Themas handelt, und hat sich daran gehalten. Er besitzt endlich oder erstlich eine reiche musikalische Erfindungsgabe. Welcher Gegensatz schon, wenn man die Motive des einen und deS anderen Komponisten vergleicht, und wenn man merkt, wie Sttauß zumcist den Ideen- und Gefühls- geholt der Dichtung, Kienzl zumeist das Aeußere daran darstellt I Bei Cervantes und Strauß rennt der Held gegen die bestehende Welt'an, bei Kienzl.lassen ihn Spaßmacher anrennen. Dort das Spiel, das sich ans Kndamentalen Gegensätzen ergiebt, hier die Possen, die man mit einem bedaucrnswerthcn Sonderling tteibt. Dorr eine große Gcisteswelt, hier das Philisteramüscment, wie auf der Kegelbahn im„Evangelimann" mit dem Schneider Zitterbart. Das hat der Komponist durch zwei lange Alte hinburchgcführt mit dem Aufgebot eines ZirkuS. Und nun auf dieser Basis der dritte Mt, eine rührende musika- lische Klage um den Fall einer Größe, die unS so gar nicht anschau« lich gemacht war, ein Aufgebot schnsüchtiqer Mottve und ihrer kunst- vollen Verarbeitung für eine künstlerisch vexlorene Sache.„Zn Deinem Heil und dem der Deinen, Sollst Du nun sein und nicht mehr scheinen." Wie der Erfolg der Aufführung den Dichter- komponisten schon nach dem ersten Akt dreimal hervortreten ließ; wie dann am Schluß ein fortwährendes Hervorrufen stattfand; wie der Schöpfer des Werkes sich im Innern sagen durfte, daß er für seine Ideen redlich gearbeitet, und sich doch nicht zu sagen ver- mochte, daß er in einer eingebildeten Welt gearbeitet hat; wie das Publikum nicht ahnte, daß es unabsichtlich that, was die Spaß- macher im Sttick mit ihrem Opfer thun: das anzusehen, war eine der ergreifendsten Tragiken, die sich in der Geschichte der redenden Künste abspielen konnten. Für all' das nun eine Fülle darstellerischer Leisiimgcn, bei der öS ivalzrlich nichts inehr zu besagen hat, ob dies oder jenes besser war, ob dieser oder jener Sänger unruhige Töne hatte it. f. tu. Herrn L i e b a n' s„Sancho Pausa" ist ein musterhafter Beweis für die Möglichkeit, selbst in dieser Possenwelt einen wirklichen Menschen zu verkörpern, ohne den geringsten Versuch billiger Komik. Herr Bulst hatte wohl keine Schuld, das; sein„Don Quixotc" mehr ein Geck als ein Phantast werden muhte, und hatte redlichen Aittheil an dem, was es im letzten Akt echtes gab. Die Herren K r a s a und Bachmann als„Don Clavijo" und„Carrasco" gaben Rollen, in denen naineittlich die Nachahmung weiblicher Stimmen schwierige Gcsangskünste verlangte. Frau Herzog als„Herzogin" sang und spielte mit einer prächtigen Frische, und Frl. Dietrich war, um von den übrigen schauspielerischen Leistungen nur eben noch ein Beispiel zu iiennen, eine treffliche„Maritornes". Noch wären zahlreiche Helfer des Erfolges zu rühmen: Negie, Dekoration, Maschinerie, Ballet und vor allem die Orchestcrleittmg Dr. M ii ck' s haben hier im großen ganzen beigetragen, was sich der Aittor nur innner wünschen konnte; einzelne Ungeschicklichkeiten der Belcnchttnig und eine solche Sinnwidrigkeit wie die, daß Don Quixote's Traumbilder hinter seinem Rücken erscheinen, ändern nun einmal an dem Gesanmttwerth eines derartigen Theaterabends von heute nichts Wesentliches. Was im Stück Carrasco zu Mercedes sagt, läßt sich mit einer kleinen Textänderung jedem der Mitivirkenden als Dank zurufen: „Auch du hast mich gekehrt mit schöner Sorge Das Mtleid, das sein hoher Sinn verdient."->7 sz. Archäologisches. — Neue eghptischeFunde kündigt der letzte archäologische Bericht des Egypt Exploration Fund au, über die im nächsten Bande der Beröffentlichnngcn dieser Gesellschaft im einzelnen Auf- schlnsse folgen werden. Es handelt sich dabei hauptsächlich um griechische Handschriften, die in Oxyrhynchns entdeckt wurden. Unter den klassischen Fragmenten ist ein beträchtliches Stück von Menandcr zu erwähne». Dazu kommen frühe Bruchstücke von Euripides, Plato, ThncydideS, Demofthenes und Zienophon und eine Pergamenttolle, enthaltend fast SCO Vcrse ans dem fünften Buche der Jlias. Der Band wird auch Bruchstücke des Evangeliinns Johannis aus dem 3. Jahrhundert, mts Paulus 1. Korintherbricfe und aus einem apo- kryphen Evangelium enthalten. Medizinisches. t. Neue Erfahrungen mit Röntgen-Strahlen gegen Hauttuberkulose slmpus) find von einer größeren Zahl von Aerzten in Wien gemacht worden. Zunächst beschäftigte sich mit diesem wichtigen Gegenstände die Gesellschaft der Aerzte in ihrer letzten Sitznng. Dr. Schiff stellte eine Kranke vor, bei der eine ausgedehnte Hautttiberknlose erfolgreich mit Röntgen'schen Strahlen behandelt worden ivar. llrspriiuglicki erstreckte sich die Krankheit auf fast die ganze linke Gcsichtshälstc, und auch auf der rechten Wange war bereits eine Stelle von Lupus befallen. Zunächst wurde nur die linke Gesichtsseite zwei Monate lang stark mit Röntgen-Strahlen bestrahlt, und nach dieser Zeit war die Haitt bis ans eine einzige Stelle von der Größe einer Medaille glatt und rein geworden, die anfangs zurückgebliebene Mißfärbung der Haut schivand von Tage zu Tage mehr und machte dem normalen Ansschcn Platz. Es wurde betont, daß diese Wirkimg der Röntgen- Sttahlen offenbar eine chemische wäre und auch durch abgekühltes konzcnttirtes Sonnenlicht oder durch elektrisches Bogenlicht hervorgerufen werden könnte. Die Röntgen-Behandlung besitzt aber den Vorzug, daß fie sich gleichzeitig auf größere Gebiete der Haut erstrecken kann, während das Lichtheilverfahren nur kleine Hantstellen in Anspruch zu nehmen vermag. Wie ein anderer Wiener Arzt bemerkt, nimmt infolge dessen das gewöhnliche Lichtheilverfahren bei einer imifaugreichen Haut- erkranknng zuweilen 1—1'/, Jahre in Anspruch, liefert dann aller- diugs sehr gute Ergebniffe. Von dritter Seite wurde darauf hin- gewiesen, dast die Rönrgen'fche Bestrahlung eine gelvissc llebnng erforderte. daß aber die vielbesprochene schädliche Wirkung dieser Sttahlen- art auf die menschliche Haut auf grund der heutigen Erfahrungen bereits vermieden iverden kömtte, der Arzt müßte die Kraft der angewandten Elekttizitätsgiiellc genau kennen und bei der geringsten Blittüberftillimg die Bestrahlung aussetzen. Zufällig bcschaftigtt sich auch das Wiener medizinische Doktor cukolleginm in seiner Ver- somuilung vom 14. tf M. mit demselben Gegenstände. und auch hier wurden st.-ihn! ich?, Weise iit Erfolge der Röntgen'schen Sttahlen betont. Endlich ist noch zu erwähnen, daß in der letzten Sitzung der Wiener Dennatologischen Gesellschaft Profefior v. Hevra über eine neue Behandluugsweise deS Lupus, die fich in C< Fällen ausgezeichnet bewährt hat, berichtete; sie bestand einfach in einer Waschung der erkrankten Hautstellen mit absolutem Alkohol, die am besten alle zwei Stunden wiederholt und mittels eines Watte- bäuschcheus ohne zu reiben vorgenommen wird.— Aus dem Pfl, tu,; euleben. — B I ä t t e r m e n g e n n d Zuckergehalt d e r R ü b e n. Direktor H. Bricni hat in den:„Zenttalblatt für Zuckerindustrie" den theoretischen Nachweis geliefert, daß nur die Blätter, als mit ihrem Ehlorophhll-Apparate dem Einflüsse des Lichtes ausgesetzt, diejenigen Organe bei der Niibenp stanze sind, iii welchen der Zucker erzeugt und durch Umlvandclungsprozeffe durch die Blattrippcn und durch die Blattstiele dem Wurzelkörpcr der Rübe zugeführt wird. Also werden unter gleichen Boden- und klimatischen Verhältnissen und unter fgleichgebildetcn Sttuktur-Verhälttnssen der Chlorophyllkörper in den Blättern diejenigen Riibensortcn mehr Zucker hervorbringen, ivelche auf die Eiicheit des Wurzelgewichtes mehr Blattoberfläche in ihrer Blattkrone aufweisen. Diese theorettsch begründete Behauptung Ivird nun von Prof. Maercker zahlenmäßig belegt. Auch dieser Ge- lehrte erklärt in dem ersten Bericht über die Versuchswirthschast Lauchstädt in der Provinz Sachsen, daß die Blattmenge verschiedener Rübeusorten unzweifelhaft prinzipielle Unterschiede aufweist, und daß ein nicht zu leugnender Zusammenhang zwischen Blattmcnge und Zuckergehalt der Stuben existirt. Auf 17�/« Morgen Landes sind in Lauchstädt sieben verschiedene Rübeusorten zum vergleichenden Anbau gelangt. Stellt man nun die bei der Ernte erhaltenen ziffermäßigcn Ergebniffe im Znsammenhange zwischen Blätterrcichthum und Zuckergehalt der Rüben zusmnmen. so ergeben sich bei den sieben verschiedenen Sorten erhebliche Unterschiede, wie folgende Zahlen lehren: Sorte Blätter-Enite vom Hektar Zucker in der Rübe 1. 137,ö Dopp.-Ztr. 17.40 pCt. 2. 134,8„ 17,30„ 3. 131,5, 17,35, 4. 128,7, 17,97„ 5. 104,9. 10,78„ 6. 104,7„ 16,90, 7. 97,0. 14,80, Bei der Blatt- Ernte stellt fich also ein Unterschied von 40'/, Doppel-Zentneni auf den Hektar zwischen der blätterreichste» und der blätterärmsten Rübe heraus, und der Zuckergehalt der letztere» ist auch der geringste von allen sieben Sorten: er beträgt nur 14,80 pCt. gegen 17,45 pCt. bei der blattreichsten Sorte.— Humoristisches. — I n einem R c i s e b u r c a u..Darf ich Sie ciuen Augenblick stören?— sKommiS gicbt keine Autwort).— Könnte ich wohl hier eine Auskunft in Angelegenheit eines Siuiidrciscbillcts erhalten 1" „Ja, zum Teufel, können Sie denn nicht lesen, was draußen steht: daß jede AuSkiiuft mit Vergnüg en crtheilt wird? I"— — Gin tüchtiger Diener. I n u g e r Arzt:„WaS war das für eine Dame, mit der Sie fich auf der Treppe unter- hielten,... ist sie krank?" Diener spffffig):«Rein, aber ich hab's ihr eingeredet!"— — Kleiner I r r t h n m. Der Hiaslbauer wird nachts durch Fenerlärm aus dem Schlaf geweckt. Es dreniit bei ihm— die Flammen schlagen bereits ziir"Thürc berein. Im Schreck und in der Eile, zn entkommen, zieht er seine Hose verkehrt an imd springt zum Fenster hinaus.„Run. Michel", fragt ihn der außen stehende Pfarrer theilnahmsvoll,„Ihr habt Euch doch nichts gebrochen?"—„Nein, Hochwürden", sagt Michel, noch ganz ver- ivirrt von dem gehabten Schrecken, an sich hiiiuiitersehcitd;„ brachen is. denk' i', nix; i' glaub' aber, i' Hab' mir bei'm Staus springen 'waS verdreht!"— Vermischtes vom Tage. — In einem Anfall von religiösem Wahnsinn stürzte, sich die Frau eines Kelliicrs in Hamburg aus einem Fenster des vierten Stocks. Sie war sofort todt.— — Tie Gattin eines wegen mehrerer Wolldiebstählc verhafteten Titchfabrikanten in Forst t. d. L.. sprang von einer Brücke ins Wasser tmd ertrank.— — Die größte Tanne Deutschlands soll inThü- ringen und ztvar ans dein Wnrzelderg bei Katzhütte stehen; sie ist tadellos im Wuchs und grün bis zum Wipfel. Ihr Alter ist 450 Jahre. Sie ist 44,30 Meter hech und hat bei 0,00 Meter Höhe einen Durchmesser von 2,45 Meter. Ihr Schastinhalt beträgt 02.33 Kubikmeter.— — In Rodenkirchen bei Köln spielte der zwölfjährige Sohn eines Bäckermeisters mit ckncui geladenen Gewehr und zielte damit ans seine fünfjährige Schwester. Da? Grivehr entlud sich. und das Kind stürzte, in Seit Kops getroffen, todt ziisammcn.— — Ein kleiner bunter Luftballon, wie er als Spielzeug für Kinder dient, stieg im August d. I. in Bamberg mit einer Karte, ans der die Adresse des EigeitthümerS stand, auf. Dieser Tage traf die Karte ans S n n d e r l a n d sEngland) wieder in Bamberg ein. D.ort war sie mit dem Ballon gefunden worden.— — In Mülhausen i. E. erstach ein Rekrut seiaen Stuben- ältesten, einen Gefteite». Er battc mit älteren Soldaten in der Kmttine gesessen und Reservclieder mitgesungen und sollte nun auf der Stube von ihnen Prügel erhalten. Er setzte fich dort mit einem Meffer zur Wehr und traf den Vordersten ins Herz.— — In S e t b i tz illngarn) sind 20 Wohnhäuser und 27 Scheunen niederg ebrannt.— — Der Dampfer„ T r e a f n r Y'. von G a l v e st 0 n mit 0881 Ballen Baumwolle nach Bremen nnterwegS, ist mit brennender Ladung im Hafen von Rew-Dork eingelaufen.—__ Verantwortlicher Nedalteur: Zlugiist Jacodcy in Berlin. Druck und Vertag von Max Babing in Berlin.,