Interhaltungsblalt des vorwärts Nr. 227. Dienstag, den 22. November. 1893 «Nachdruck verboten.) LZ? Meu�Vs�kszAgo. Roman von Georges Eekhoud. Es litt die Leute nicht mehr unter dem väterlichen Dach, der Nomadentricb, ein instinktives Bedürfnitz, in andere Ner- Hältnisse überzugehen, machten sich auch in den abgelegensten Gegenden bemerkbar. Dieselben Frohnarbeiter, welche für ihr Leben nicht eingewilligt hätten, den unlohnenden und mühseligen Sklavendienst gegen eine gewinnbringendere Thätigkeit in der Stadt einzutauschen, unterlagen dem allgemeinen Wandertttebe und wandten in Massen der Heimath den Rücken. Lange genug hatten sie freilich der Versuchung wider- standen. So lange sie noch das Stück Schwarzbrot und den Napf Kartoffeln mit den Ihrigen theilen konnten, hatten sie ohne Murren ausgehalten, aber als Frau und Kinder erst nichts mehr zu beißen und zu brechen hatten, da war auch ihre Heldenkraft gebrochen, und sie rüsteten sich eines Morgens zur Abreise, wie man sich zum Selbstmorde entschließt. Die Flucht der Setzhaftesten, der Bauern, ritz auch den Rest der Bevölkerung mit, und die Panik ergriff ein Dorf nach dem andern. Die Pächter, die es out und gern noch einige Jahre hätten aushalten und die Knsis hätten durchmachen können, folgten den Knechten und Hungerleidern nach. Sie gedachten ihrer wohlhabenden Vorgänger, die so lange auf bessere Zeiten gehofft hatten, bis sie durch beständige Mißernten und die Masseneinfuhr deS überseeischen Getteides ruinirt und ge- nöthigt waren, auf ihre alten Tage auf dem Hofe, auf dem sie die Herren gewesen, als Knechte zu dienen. Die Vorsichtigsten nehmen Arbeitsthiere und Ackergeräthe mit auf die Reise. Sie ziehen frohen Muthes und hoffnungs- voll in das gelobte Land der Verheißung, in das vielgerühmte amerikanische Schlaraffenland, dessen üppige Bodenerzeugnisse die Märkte Europas überschwemnien. Und um die Flucht zur Völkerwanderung ausarten zu lassen, ziehen redegewandte, geschickte, in allen Verführungskünsten erfahrene Agenten von Ort zu Ort, kehren an den Btarkttagen in die Dorfschenken ein und bethören die Burschen durch Vorspiegelung allerlei lockender Trugbilder. Um den Versucher besser zu hören, stehen die halbberauschten Knechte mit offenem Munde und lassen ihre Thonpfeifen ausgehen. Die Wundergeschichten, die ihnen da auf- getischt werden, bringen ihr träges Blut in Wallung und regen sie so auf, daß sie mit angehaltenem Athem an den Lippen des schlauen Ganners hängen, der ihnen Bilder vor die Augen zaubert, deren blendende Farbenpracht bunter leuchtet als die Chromolithographien, die der Hausirer seinem Packen ent- nimmt. Ein ganzer Schwärm dieser Bauernfänger, die sich aus Anreißern niedersten Ranges rekrutiren, sind in das Land, Nuc Hpänen auf ein Schlachtfeld, eingebrochen. Wären die Leute nicht gar so harmlos und einfältig, das verdächtige Wesen und die plumpe Art dieses schwadronirenden Schwungs müßte sie stutzig machen! Aber sie lassen sich durch den Rede- schwall ohne große Schwiengkeit beduseln und über den Löffel barbieren. Bis dahin hatte es sich noch niemand ein- fallen lassen, den Gimpeln so viel Schmeichelhaftes zu sagen und ihneil so hohe Meinung von ihrem Verdienst beizubringen. Sic ivankeil und weiche« nicht, um sich nur ja kein Wort dieses schönen Lobhymnus entgehen zu lassen, und der schlaue Vogelfänger braucht nur die Schlinge des Netzes zuzu- ziehen, um einen reichen Fang zu thun. Sie sind wahrhaftig nicht wählerisch in den Mitteln. Nachdem sie das übrige Europa so ziemlich abgegrast haben, setzen sie jetzt das flämische Land in Konttibution und heben die strammen, kräftigen Burschen aus, die so geduldig und arbeitstüchtig wie ihre Gäule sind.„Wir brauchen hundert- tausend Belgier und werden sie in sechs Monaten zusammen haben", haben Bvjard, Saint-Fardier und Vera Pinto erklärt, und ihre bezahlten Schlepper lassen es sich angelegen sein, den Austrag prompt zu erledrgcn. Die Provision, die sie für ihre Thättgkeit erhalten, ist schon des Schiveißes der Edlen Werth. Sie erhalten fünfzehn bis zivauzig Franks für den Kopf, je nach der Qualität der Waare, die sie dem Versandtgeschäft für Menschenfleisch liefern. Es versteht sich, daß die subalternen Helfershelfer von dem Profit, den das Geschäft abwirft, kein Sterbenswörtchen ver- lauten lassen. Ihrer Rede nach sind sie selbstlose Apostel, reine Menschenfreunde, die sich zumal der Roth der Landleute in warmherzigem Mitleid annehmen. Ihre marktschreierischen Anpreisungen funkeln von Gold und Sonnenschein. Sie führen ihre leichtgläubigen Zuhörer in dem gelobten Lande herum, in dem paradiesische Gärten mit Feenpalästen abwechseln. Das grelle Licht und die Gluth der Tropensonne erhellt und erhitzt plötzlich den düsteren Horizont der traumverlorenen Gemeinde. Die reifen Garben, deren Nehren so üppig wie die blonden Halme sind, würden die Dächer der Häuser hier überragen, die Obstbäume wiegen ihre fruchtbeladenen Zweige tief zur Erde, der Sand bringt reiche Tabaksernte, glitzernde Bäche berieseln das jungfräuliche Land, und die Hügel steigen sanft zu einem Himmel enipor, der blauer ist als das Gewand unserer lieben Frau. Hin und wieder unterbricht der Werber seinen lockenden Vorttag, um Athem zu schöpfen und den Zuhörern Zeit zu lasten, die lachenden Phantasiegebilde in sich aufzunehmen. Dann rühmt er die herrliche Temperatur, das niilde Klima, das ewige Gleichmaß der Jahreszeiten, das keinen Winter kennt und keinen Hagelschlag, der die Hoffnungen des Land- manncs auf eine gute Ernte vernichtet. Dort ist die Arbeit eine Erholung, keine Sorge um Zins und Pacht stört die ruhige Behaglichkeit des glücklichen Pflanzers. Manch lustiger Scherz giebt der Rede, mit der der Schwindler sein Auditottum beduselt, pikante Würze. Um seinen letzten Trunrpf auszuspielen, schickt sich dann der Agent an, die Briefe der Abenteurer, die da unten ihr Glück gemacht haben, zur Verlesung zu bringen. Weiß Gott, sie sind wahr wie das Evangelium, diese Bttefe I Der Schulmeister soll sie nur verlesen, damit jeder den eben gehörten Bericht von authenttschen Augenzeugen bestättgt findet! Die plumpen Lobpreisungen dieser Briefe sind von Europa aus dikttrt worden oder wurden auf den„Faccndas" auf Bestellung von dortigen Helfershelfern gefertigt. Auf ein halbwegs uttheilsfähiges Publikum hätte diese verlogene Korrespondenz geradezu abstoßend wirken müssen.„Ja, meine lieben Freunde, ich reise in einigen Tagen wieder ab... Ich kann Euch nur rathen, einen raschen Entschluß zu fassen und mit mir zu gehen... So wahr ein Gott im Himmel lebt, ich könnte mich nicht mehr an Eure armseligen europäischen Verhältnisse gewöhnen I" So arbeitet der geriebene Gauner, der sein Handwerk wie einer versteht, systematisch daran, die letzten Bedenken zu zerstreuen. Um seinen Worten geivichtigen Nachdruck zu geben, läßt er wohl auch mit gespielter Nachlässigkeit eine Handvoll Goldstücke über den gläserbesetztcn Tisch rollen. Es sind große ausländische Münzen. Da unten zahlt man nur in Gold und zwar in Münzen, die so groß wie unsere erbärmlichen silbernen Fünf-Frankstücke sind. Bei dem feinen Klingklaug der Goldfüchse schießen die Augen des Kleinkncchts begehrliche Flammen eines beutegierigen Eroberers. Nach Hause zurückgekehrt, lassen sich die Burschen die lockenden Bilder durch den Kopf gehen, sie schlafen kaum mehr und gehen in ttcfe Gedanken verloren hemm. Die Männer sprechen über das Gehörte mit ihren Ehehälften, die anfangs der Sache keinen Geschmack abgewinnen wollen, die sich aber nach und nach überreden lassen und schließlich Feuer und Flanime sind. So kommt es, daß an diesem Januarmorgen sich die Flanken der„Gina"— des Riesenschiffes, das ehedem so schmuck und kokett prunkte und das jetzt des öfteren geflickt und wie ein Armensarg gleichmäßig schwarz angestrichen ist— fast als zu klein erwiesen, all das Menschenvolk, das sich über die Laufbrücke wälzt, zu beherbergen. Die beiden von Jan Bingerhout reguirirten Rollivagen der„Amettka" sind am Quai vorgefahren. Dem„Baes" zu Ehren hat mau unter dem Pferdcbestaud der„Nation" zwei der schwersten und schönsten Paare ausgewählt. Nie haben die stolzen Gäule so armselige Fracht befördert wie diesen Krimskrams, der zwar gar hoch gcthürmt ist, aber gar leicht wiegt. Und deshalb haben sich auch, um die Ladung einiger- maßen zu vervollständigen, einige Auswanderer aus die Wagen gesetzt. Es sind junge Leute aus Vrasschaet, Santvliet, Tulderbesch und Viersel, die es sich zwischen den kreuz und quer verschnürten Blechkästen, den aufgerissenen Bettsäckeu und den in baumwollene Tücher verpackten Kleiderbündeln bequem machen. Einige scheinen kreuzfidel, sie lachen, balgen sich herum und treiben allerlei übermüthigen Unfug. In Wahr- heit aber ist es nur eine recht gemachte Lustigkeit, die sie und die Kameraden über die aufsteigende Traurigkeit hinweg- täuschen soll. Es sind nicht mehr als zwei oder drei, deren Heiterkeit wirklich aufrichtig ist, die audern stellen sich nur so, und betäuben ihre bange Sorge, indem sie, wie bei der Ge- stellung, der Flasche fleißig zusprechen. Je näher sie an das Schiff herankommen, desto ängst- licher heften sie die Augen auf den Horizont, als ob sie das ferne Land erspähen könnten, das ihnen eine neue Heimath bieten soll, oder der rückschauende Blick führt sie im Geiste nach ihrem Dorf zurück, das sie gestern verlassen haben, nach dem Kirchthurm, dessen Glocke sie nie mehr hören werden. O, diese Glocken, die dereinst die Männer zur Vertheidigung des Mutterlandes gegen fremde Eindringlinge gerufen hatten, und die heute nicht im stände waren, dem Hunger den Eintritt zu wehren l Und das trauliche Dörfchen, das ihre Füße nie mehr betreten würden, und in dessen Erde sie nicht einmal die müden Glieder zum letzten und besten Schlaf strecken sollten! Laurent ließ sich durch die überlaute Fröhlichkeit nicht einen Augenblick über die trüben Gedanken, die sie verbergen sollte, täuschen. Seine herzliche Theilnahme für Tilbak's übertrug sich auch auf deren Reisegefährten. Unter den tausend eindrucksvollen Episoden, die sich vor seinen Augen abspielten, war es besonders eine, in der sich die Trauer und der allgemeine Schmerz zu verkörpern schienen und die ihm für das ganze Leben in unauslöschlicher Erinnerung blieb. Mindestens dreißig Familien aus Willeghem, einem an der äußersten Südgrenze des Landes gelegenen Flecken, hatten sich zu gemeinsamer Auswanderung entschlossen. Sie haben nicht mit den anderen auf dem Roll- wagen Platz genommen, sondern marschiren hinter der vlämischen Hauptmacht der Auswanderer in wohl- geordnetem Zuge, als wenn's zur Kirchweih ginge. Sie setzten ihren Stolz darein, daß man nach der Abfahrt sagen sollte:„Die von Willeghem waren doch die Feschesten!" Erst kamen die jungen Männer, dann die Frauen mit den Kindern, die jungen Mädchen und die Alten schlössen den Zug. Einige der Mütter hielten den Säugling an die Brust. Wie viele von diesen Greisen, die sich gar mühselig auf Krücken daher- schleppten, ohne daß sie darum die Hoffnung auf ein neues Leben aufgegeben hatten, werden überhaupt das Land ihrer Sehnsucht zu sehen bekommen, wie viele werden unterwegs zur ewigen Ruhe eingehen und den Fischen zur Nahrung dienen? Vierschrötige Bauernburschen in gerippten Velvet- anzögen tragen Hacke und Schaufel auf der Schulter und Brotbeutel und Feldflasche- an der Seite. Dachdecker und Ziegelarbeiter ziehen nach Ländern, die weder Schindeln noch Ziegel kennen. Ein junges Mädchen mit einem schall- haften Kindergesicht trägt ihren Hänfling im Bauer. Die Dorfmusik mit dem Vereinsbanner schreitet dem Zuge voran. Die jungen Burschen können ihre Instrumente und ihre Fahne getrost mitnehmen, es bleibt niemand in Willeghem zurück, um die musikalischen Uebungen fortzusetzen. Laurent bemerkt den weißhaarigen Dorfpfarrer, der dem Fahnenträger zur Seite schreitet. Der Greis hat es sich nicht nehmen lassen, seine Pfarrkinder bis ans Schiff zu führen, wie er sie alljährlich bei der Wallfahrt von Montaigu be- gleitete. Und wenn heute Abend das Schiff hinter der Fluß- biegung verschwunden sein wird, wenn die Rauchwolken des Schornsteins mit den aus den Poldern aufsteigenden Nebeln zusammenfließen werden, wird der Alte traurig den Rückweg antreten wie ein Hirte, der die Hälfte seiner Heerde, die der Viehhändler mit dem rothen Kreuz gezeichnet, fremden Händen überantwortet hat. Einige der Willeghemer Auswanderer trugen einen Erikazweig an der Mütze, andere hatten einen Busch dieser die heimische Erde versiunbildlichendeu Haideblnme an ihre Stöcke und den Stiel ihrer Ackergeräthe befestigt, und die Schwärmerischsten schleppten gar ein ftistchen oder ein kleines Beutelchen mit, das eine Handvoll des hcimathlichen Sandes als kostbare Reliquie barg. Ehe sie die Laufbrücke betraten, die zu dem bereits unter Dampf liegenden Schiffe hinübcrführte, machten die Burschen an der Spitze halt und kehrt, ließen die Fahne im Winde flattern und setzten die Instrumente an, um sich von dem hochragenden Thurm der Autwerpener Kathedrale mit dem allbeliebten Nationalliede:„Wo kann es schöner sein?" zu verabschieden, dessen schlichte Melodie die Herzen der Flamländer und der Wallonen zusammenführt, die, beides Söhne des belgischen Mutterlandes, wohl an Temperament verschieden sind, aber in der Roth brüderlich zusammenhalten, was auch die Politiker darüber denken mögen. Und so kommen auch heute die Kohlenbergleute des Borinage, die bereits auf der Brücke versammelt sind, mit offenen Händen den flämischen Brüdern entgegen, um sich wie Waisen an dem Sterbebette der Mutter zu versöhnen und Gruß und Kuß zu tauschen. (Fortsetzung folgt.) Mol»vsplzitofic»phie. Als in Charles Darwin die ersten Gedanken an seine Eni- wickelungslchre kaum noch kennten, da schrieb er(1837) in sein Tagebuch, seine Theorie werde noch eine neue Philosophie schaffen. Und die neue Philosophie kam! das heißt, es gab keine Philosophen- schule, die sich nicht mit dem DarwiniSnms hätte auseinandersetzen müssen; wie Copernicns und Newton sieht auch Darwin im Mittel- Punkt des geistigen Ringens seines Jahrhunderts. Aber das war doch innner nur das Eindringen des Darwinismus in die Philosophie; die Philosophie des Darwinismus gab noch niemand. Denn inzwischen haben sich die Wissenschaften gewandelt und ihren Platz verschoben, die Philosophie ist oon den Geisteswissenschaften zu den Naturwissenschaften gedrängt und von diesen fast gänzlich aufgesogen worden. Und wer uns heute noch etwas sagen will, das von der einzelnen wissenschaftlichen Lehre auf unseren ganzen Lebensinhalt geht, der mutz ausgerüstet sein mit allem Wissen, das uns Thntsachen und ihre Deutung schenken können, und je mehr die einzelnen Disziplinen ihren eigenen Weg gehen und auscinanderzufallen drohen, desto mehr bedarf es des kundigen Geistes, der alle überschaut und mit sicherer Hand zusammen- zuhalten weitz, damit sie insgesainmt eine vielgestaltige Einheit er- halten: den Menschen. Da ist vor kurzem ein neues Buch erschienen: Das„Liebes- leben in der Natur" von Wilhelm Bölsche(Verlag von E. Diederichs in Leipzig, Preis b M.)— Der Titel sagt garnicht so recht, was eigentlich in dem köstlichen Werke steckt. Dennergiebtnnr das Mttel, durch welches ein bestimmter Zlveck erreicht werden soll. Der Zweck ist, die Liebe zu begreifen auS dem Natürlichen heraus, im Zusammenhang alles Werdenden, selbst ein Werdendes. Geschlechts- liebe bis hinauf zur allumfassenden Menschenliebe, alles die Glieder einer Enttvicklung: die Geschichte der Liebe ist Entwicklungsgeschichte. Der Gewinn dieser Geschichte für den Menschen ist ungeheuer; air ihrer Lehre rankt sich ein neuer Optimismus empor. Die entgötterte Natur wird nicht leer; sie wird vermenschlicht. Die Liebe gründet die Folge der Geschlechter, aber immer höher treibt sie hinauf bis zur Menschenliebe, und auch von da immer weiter, bis zur Religion, bis zur Kunst. Noch ein Trost liegt im Verstehen der Liebe: die Entwicklung der Welt lehrt mit dem Zwang einer unerbittlichen Forderung die Vernichtung des Individuums; aber alle Schrecken der Todesfurcht verblassen, wenn die siegende Liebessonne heraufzieht; die Liebe ist die einzige Form, wo das Auflösen des Individuums nichts Grauenvolles an sich hat; über dem Tod des Einzelnen steht die Unsterblichkeit der Gesammtheit. Vom Physiologischen zum Psychologischen geht also der Weg des Forschers; der vorliegende Band enthält eigentlich nur die Ge- schichte der Liebe bis zum Menschen, in der ganzen Reihe aller Formen, bis zur höchsten, wo das Psychische einsetzt. Der Mensch ist nicht mehr in seiner Liebe gezeigt; aber es ist alles gegeben, was als Grundlage nöthig ist.— Wo ist die Liebe entstanden? Dort, wo Organisches aus Anorganischem, Belebtes aus Unbelebtem entstand. Auch hier mutz kein Sprung im allgemeinen Naturzusammenhang angenommen werden. Mit Recht hat einmal der Biologe Rolph hervorgehoben, dah die Eni- stehung des Organischen aus dem Anorganischen für den Gedanken nicht mehr Wunderbares hat, als das Vergehen von Organischem in Anorganisches, das wir beim Tod vor Augen haben. Mit allen anderen Eigenschaften ist demnach auch die Fortpflanzung iund das ist die Voraussetzung der Liebe) nichts Ucbernatiirliches am Organischen. Zunächst nur Fortpflanzung. Die Zelle Pflanzt sich durch Theilung fort, oder auch durch Ablösung von Knospen. Daran aber schließt sich die Vereinigung solcher Theilzcllen zu einem In- dividuum— die Infusorien zeigen beispielsweise diese Erscheinung — und damit ist der erste Ansatz zur Geschlechtsliebe gegeben. Wundervoll ist die Deutung, die Bölsche diesem Entwicklungsgang zu geben weitz. Bei jedem Lebewesen mutz die Nahrungsaufnahme ersetzen, was durch Ausscheidung verloren geht. Die Fortpflanzung durch Theilung kann betrachtet werden als eine besonders lebhafte Art der Ausscheidung; die besondere AR des Fressens, die dem entspricht, ist dann die— Geschlechtsliebe, wenigstens in ihrem Beginne; zwei zusammenstoßende Theil- it werden thatsächlich zu einem einzigen, vollkommen neuen •„ Doch nicht über diese einfache Bahn lief der Weg von der Emzelzelle bis zum Menschen� Die FodentwkWung lvird erst fruchtbar, als in sie ein neues Element hineinkam: das soziale. Und mit dem Sozialen ist noch eines gegeben: die A r b e i t s- theilung. Aus der einzelnen Zelle wird ein Zellcnverband mit Arbeits- theilung. Auf diesem Wege entstand die Gasträa, der„llrmagen", und von dieser Wurzel steigt der ganze Baum des Thierreichs mit vielen auslaufenden Ziveigen und mit dem Menschen als oberste Krone, herauf. Die Liebe wandert mit, da die Fortpflanzung immer reiner geschlechtliche Fortpflanzung wird. Nmi im Fluge den ganzen Weg der Entwickelung, niit Bölsche's eigenen Worte». Die Einzelzellen wurden zu Zellgenossenschaften, Jede Genossenschaft erzeugt ein be- ftimmtes Quantum männlicher oder weiblicher Zellen zum Vcr- schmelzungszweck; es treten vielzellige Mannes- und Weibes- individuell auf. In diesen Männern und Weibern kämpfen jetzt zwei Prinzipien. Der fortschreitende Jnvividunlisirnngsprozeß. der Thier voll Thier, Jndividnum von Jndividuuln. schließlich auch Mann von Weib trennt. Und der alte Liebesinstinkt, der beide mindestens zu einem Akt— der Begattung— zu einander»öthigt, dabei aber auch allgemein immer wieder eine gewisse Neigung aus- lösen muß, die auf ganze, dauernde Bereinignng drängt. Gelegent- lich iibcrwicgt dieses Prinzip so. daß es bis an die Grenze der Wieder- berwachsung fiihrt. Aber das schädigt das Judividunin, daß es auf die niedrigste Stufe zurücksinkt. Das Jndividnalisirnngsprinzip ist also der Weg zum Fortschritt; doch auch hier fiihrt die Einseitigkeit zu einem Nach- theil. Die Geschlechter werden fast ganz auseinandergetrieben, es gicbt kein Licbcslcbcu mehr, nur noch.widerwillige, gefährdete Begattungs- niomente. Spinncngatten, die sich fressen. Das Stichlingiveib, das wie eine Prostitnirte herangerufen und nach Gebrauch wieder verjagt lvird. Aber die erwachende Elternliebe schafft eine neue, höhere Form der Genieinschast. Es erwächst ein freies, der Individualität im ganzen doch noch gerecht bleibendes Znsaninienscin der Eltern auch in der eigentlichen, noch kinderlosen Geschlcchtsaktzeit, ein Friedensschluß der Geschlechter: die E h e. Damit ist der Weg zum Menschen vollbrackit. Den Weg ans- gezeigt hat Bölsche in einer Weise, die nur durch Vereinigung gründlichster wisseiischaftlichcr Kenntnisse und wahrhaft philosophischer Tiefe geschaffen lverdeil konnte. Eine Inhaltsangabe kann gar nicht den Reichlhnn» an Gedanken wiedergeben, die zahlreichen neuen Gesichtspunkte, voll denen ans die dunkelsten, verivorrensten Ver- Hältnisse sich klar überschauen lassen. In der Darstellung steckt große Kunst. Solche Abschnitte wie über den Liebcstod der Eintagsfliege, den HermgSzug. die rafaelische Madonna, den Stichling. den Bienen- staat, gehören zu den seltensten Darbietungen künstlerischer und wissenschaftlicher Prosa. Kunst und Wissenschaft sind durch ein Band geeint, die Wahrheit, inid die Wahrheit ist, in anderen! Lichte besehen, imnier auch die Schönheit.—— phil. Nlernes Feuilleton — VS wird gefährlich. Die Wiener Wochenschrift„D i c Zeit" schreibt: Im Lande des preußischen Staatsanwalts ist Schriststellerei bereits eine heikle Sache getvorde». Es wird also vielleicht gar kein Aufsehen mehr machen, daß in Berlin am vor- letzten Sonnabend neuerlich auf g r u n d einer s ch r i f t- st e l l e r i s ch e n Arbeit eine gerichtliche Untersuchung erfolgt ist. Aber der Fall, der diesmal vorliegt, ist höchst eigenartig und, vor allein, n i ch t p o l i t i s ch e r Natur. Der Dramatiker und Novellist Will). Schäfer hat in den Spalten der„Zeit" vor mehr als drei Monaten eine Novelle„Der Mörder" veröffentlicht. Darin iverden die Vorgeschichte einer Mordthat und das weitere Schicksal des Mörders' geschildert. Diese Erzählung nun wurde zum Anlaß einer gerichtlichen llntersnchnng des Verfassers genommen. Er selber schreibt uns darüber in einem Brief aus Nieder-Schönhansen bei Berlin unter dem 14. d. M.:„Ich bin beim Erzählen von einem thatsächtichen Mord ausgegangen, der vor einigen und zwanzig Jahren in meiner. Hcimath uns Kinder in große Ausregung brachte. Der Ermordete wurde damals genau so aufgefunden, wie ich er- zählte: nackt und ohne Kopf. In dieser Geschichte hat der Staatsanwalt eine Reihe von Vorgängen dargestellt ge- funden, die seltsamerweise genau mit dem übereinstimmen, was die Untersuchung erst in der letzten Zeit herausgebracht hat, und was außer dem Untersucher niemand wissen konnte: die ich aber durchaus erfunden habe, um die raffinirte lleberlegung meines Mörders zu zeichnen.— Auf diese Weise bin ich vorlauter Fabulant in den Verdacht der Mitwisserschaft gcrathen. Und ztvar so sehr, daß ich vorgestern in Sachen des„Mordes im Aaperivald" einem Verhör unterzogen wurde." Das Ergebniß dieser merkwürdigen Untersuchung ist noch nicht bekannt.— Musik. Konzerte. Theater des Westens. Die letzte Woche galt vorwiegend den Oratorien; die von uns zum Anhören aus- gewählten waren Händel's„Messias" und die beiden all- berühmten Werke von Haydn. Seine„Schöpfung" sgegen L'/l Stunden) wurde vom„Philharmonischen Chor" unter Sieg- fried Ochs am 14. November in der Philharmonie aufgeführt, mit öffentlicher Hauptprobe am 13. mittags; eine Vorausnahme des 100. Jahrestages ihrer ersten Ausführung. Die„Jahreszeiten" gegen 3 Stunden) kamen am Bußtag s16. d. M) in unserer Oper ' mit dein Opernchor, unter Dr. Karl Muck; wir hörten die öffent- liche Hauptprobe. Die Polizei that gut daran, dieses„weltliche" Oratorium zu den am Bußtag erlaubten Aufführungen zu rechnen; um so mehr aber hätte sie sich das Verbot eines„geistlichen" Konzertes ini„Schiller-Theater", weil es just kein„Oratorium" war, sparen können. Beide Werke des„Vater Haydn" enthalten so viel„eivig" Großes und Schönes, daß das nicht geringe Zeitliche daran leicht zurücktritt, zumal wenn die Wiedergabe so gut ist und über so genügend gewaltige Tonmassen verfügt, wie es wenigstens bei der„Schöpfung" der Fall war. Die Leistungen des Philharmonischen Chors waren wohl das Bewunderuugsivürdigste; unter den Solisten sei vor allen Frau Herzog genannt, deren Ausdauer in beiden Oratorien, mit fast sechsstündigem Standhalten am Mittlvoch, allein schon Hochachtung verdient. Im übrigen ging es bei den Solisten, so dankenswcrthe und erfolgreiche Mühe sie sich auch gaben, nicht ohne Spuren von Theater-Alitag ab. Wahrhaft würdig könnten solche Aufführungen und unsere hörende Hingabe erst bei einer Herauslösung aus dem täglichen Musikgetriebe werden, durch wirkliche Erstaufführungen; dann würde auch das Dilemma wegfallen, enttveder Striche zu niachen(wie sie hier in beiden Werken vor- komme») oder allen Betheiligten zu viel zuzumuthen.— Die meisten Striche erlitt der„Messias", der am 16. d. M. u. a. in einem der populären philharmonischen Konzerte init dem Schnöpf'schen Gesang- vereine unter Paul S ch n ö p f aufgeführt wurde. Händel hat für uns noch mehr Fernliegendes als Haydn; allein auch hier wirkt das aus Wucht und Lieblichkeit zusammengesetzte Unvergängliche bei einer im ganzen so dankensiverthen Aufführung wie dieser sicher genug, daß uns das nun 157 Jahre alte Werk tiefer geht als eines der ge- wohnten Konzerte mit anderthalb Dutzend„Nummern" von heute. Unter den fünf im Programm angegebenen und vier thatsächlicki mit- wirkenden Solisten sei, ohne darum die übrigen gering zu schätzen, der Barhton Herr Franz Seebach mit seiner sympathischen Vertretung der Baßpartie genannt. Unter den einzelnen Gesangskonzerten der Woche standen die von Eugen G u r a saus München) und Karl Scheide mantel saus Dresden) obenan. Jener ist sammt seinem ständigen Mit- wirkenden am Klavier, Heinrich S ch Iv a r tz, längst überall als allererster Konzcrtkünstler bekannt. Die ergreifende Gewalt und Treuherzigkeit seines Vortrags; die bereits ein Stück Musikgeschichte ausmachende Spezialität der Wiedergabe Löweffcher Balladen; die Kunst des Klavierspielers, die an einer Gesammtheit ohne die billige Beschränkung auf„Diskretheit" mitschafft: das alles packte am 13. d. M. das dichte Publikum so, daß drei Lieder sein H. Wolf, ein W. Berger, ein H. Zumpe) wiederholt iverden mußten, und der Sänger schließlich so lange herausgeruseii wurde, bis er ein halb ersticktes Dankesivort sprach. Scheidemantcl besitzt zwar mehr sinn- lichen Glanz in seiner Stimme als Gura, erscheint jedoch ihm gegen- über als der weniger Natürliche; etwas Gekünsteltes und Schmachtendes im Ton und Vortrag stört den sonst erfreulichen Eindruck seiner Gesangskimst. Dainit steht vielleicht im Zusammen- hange, daß der Schlnßbcifall des Publikums ins Unnatürliche ging; längere Zeit nach der ersten Zugabe folgte eine zweite. Die Solo- vortrüge des damaligen Klavierspielers kommen hoffentlich nicht wieder. Unter den Anfängerinnen im Gesang oder in der Bekanntschaft beim Publikum könne» wir über drei berichten: R a>n o n a A l b a am 16. im Bechstein-Saal, Paula Ehrenbacher am 17. in der Singakademie, Tony R o h d e n- S ch a f a r z a>n 14. im Römischen Hof. Bei solchen Konzerten fragt es sich hauptsächlich nach Korrekt- hcit und nicht eben sehr nach einer eigenen Größe. Gegenüber dieser Fragebeschränknng hat uns die zum ersten Male überhaupt ans- trercndc Alba trotz einer etwas flachen Tönung, die zur sogenannten „italienischen Schule" zu gehören scheint, ziemlich gut gefallen. Auf die künstlerische fliicht eben persönliche) Zukunft einer solchen be- scheidenen Anfängerin, die voriviegend nur eben viel weiterlerne» braucht, ist mehr zu setzen, als auf die einer Sängerin, ivie der Ehrenbacher, die so viel gelernt hat und so viel Köimen in Kehl- fertigkeit, Aussprache und Vortrag besitzt, daß man ihr dringend wünschen muß, sie möge bei einein sorgsam ausgewählten Gesangs- lehrer, der ihr brauchbare Kopftöne und eine bessere Vokalisation schafft, ihr das Gehör bildet und die Koketterie mäßigt, von vorn anfangen. Ihr Klavicrpartner Arthur Speed erfreute durch sein vornehm zartes, vielleicht allzu zartes Spiel.— Von der Rohden- Schafarz berichtet mir mein Vertreter, daß sie zur letzt- genannten einen auffallenden Gegensatz bilde: recht sympathische Stimmgebung bei sehr temperamentlosem Vortrag.' Für Richard Strauß scheint der Streit um seine großen Programm-Musiken der Beachtung seiner Kammerwerke leider zu schaden. Jnr„6. Halir"(13. d. M.) spielte er selbst— zwar kein Klavierspieler engeren Sinnes, aber ein Künstler auch hier— sein Klavicrquartett V-moll, das noch erst die Opuszahl 13 trägt. Die Klavierstimme ist weder dominirend noch untergeordnet, sondern mit den Streichern sehr gleichmäßig verarbeitet. Alles in allem ein Werth- volles, wenn gleich nicht besonders hervorragendes Werk. Ihm folgte damals Beethoveüs Septett; die Bläser und namentlich der Klarinettist Herr Schubert trugen meisterlich vor. Am 12. November hatte Busoni seinen 3. Klavicr-Orchester- abend; wie mir berichtet wird, schien er sich mit Mendelssohn und Schumann tveniger zu verstehen als mit Henselt(F-rnoll), der zum gewaltigsten Ausdruck gekommen sei. Am 19. war sein Abschied; ivir hörten zwei Stücke, darunter Liszt(A-dur). Das Temperament, das er in jedes kleinste Bronchen seiner technischen Machtleisti»ic>en hineinlegt, und mit dem er seinen so überzeugend angebrachten Akzenten cntgcgcnstürmt; die Wucht, niit der er den Flügel zum Dröhnen bringt, die aber sammt ihrem Mnskelmechnnisnins anderen nicht eben zum Vorbild dienen möge kurz, seine anstaunenstverthe individuelle Künstlerschaft hatte auch diesmal wieder einen Erfolg, für den die Zweizahl der Zugaben nur ein äuszerlicher Maßstab sein konnte. Im Theater des Westens begannen am 18. d. M. eine Reihe von Neu-Eiiistudirunge» volkstlnimlicherer Oper» mit dem „Freischütz"; wir hörten die Wiederholung am 20. d. M. Innerhalb des dort lieblichen ist viel Gutes geleistet worden. Allein dringend sei vor einem Weiterhasten auf dieser Bahn gewarnt. Wer weiß, wie lang es dauern wird, bis Herr KapeNmci'ster Ruthardt den Umsturzbestrebungen des Chores nicht niehr Stand halten kann, bis eine so vorzügliche Sängerin wie Frau Burrian-Jelinek im Detoniren bei einem halben, die Brautjungfern bei einem ganzen Ton angelangt sein werden, u. dgl. m.? Und noch einmal die Text- biicher! Diese Wische des Verlags Rud. Bcchtold n. Comp, oder eines völlig unbezeichnetcn Verlags und Druckers swie neulich bei „Diartha") bedeuten schon niehr als nur eine.»ebervorthcilnng* des Publikums. Reklam's Opembucher sind weit besser und billiger.— SZ, Völkerkunde» ck. Heber die sizilia nischen Volkslieder veröffentlicht Heinrich Schnecgans im November- Heft von„Wester- mann's Monatsheften" eine fesselnde Studie. Unersclwpflich ist der Reichthum der Sizilianer an Liedern. Ein italienischer Forscher, Prof. d'Ancona, ist der Ansicht, daß Sizilien die Heimath der italienischen Volkspoesie überhaupt ist. Am meisten komme» natiir- lich in betracht die Liebeslicder, die owizuni, die die jungen Burschen des Abends unter Gnitarren- oder Violinenbegleitung unter den Fenstern ihrer Mädchen singen. Sie bestehen geivöhnlich aus acht clfsilbigen Versen, die in abwechselnde Reime oder auch mir Assonanzen ausgehen. Nach dem vierten Verse wird meist eine Pause gemacht. Der leidenschaftliche Charakter des Sizilianers spiegelt sich in diesen Liedern wieder. Um seiner glühenden Liebe im Änsdrnck zu genügen, kommt er zu ungehencrlichen Uebertreibuuge». Die Geliebte feiert er in seinem Liebe als die wichtigste Person der Welt, ihr Name ist überall bekannt, drei Adler sind bei der Geburt ausgeflogen, um der ganzen Welt das Creigniß zu verkünden: „Schöner als sie ist keine unter der Sonne, schöner ist sie als ihre eigene Schönheit". Daneben finden sich aber auch Lieder, die in ihrer Einfachheit und Naivität außerordentlich reizvoll sind. So theilt Pitrö, der beste Kenner Siziliens, ein Lied mit, dessen Wortlaut der folgende ist:.Erinnerst Du Dich noch der Zeit, wo wir zusammen tanzten, an den Abend, wo wir zusammen spielten i in die Augen schauten wir unS beide, wir wurden roth im Angesicht und lachten dann, und tanzend, tanzend seufzten wir; wir ergriffen einander bei der Hand und drückten sie. Denkst Du auch daran, wie wir zusammen aßen, auf dem Tischtuch, das wir ausbreiteten?' Auch der Sizilianer möchte sich des Vögleins als Liebesboten bedienen; er tvünscht sich, das Halsband der Geliebten zu sein, ja sogar, daß sie krank iväre, damit er ohne Aufsehen immer bei ihr sein dürfte. Geht es ihm aber schlecht in der Liebe, so geräth er in Raserei. Er ist äußerst mißtrauisch und eifersüchtig: fortwährend ist in den Liedern von den Qualen der Eifersucht die Rede. Er klagt, er droht, er flucht,»nd er beginnt schnell zu hassen, wo er even noch geliebt. Seine Serenaden hören freilich»och nicht auf, aber er sucht die Geliebte durch ironische Sticheleien zu verletzen.„Als Du iveiß warst und roth, da küßte ich Dich, und Du ivarst zart und süß; jetzt bist Du schwarz wie Pech und bitterer als Aloe!" Dem Rivale» droht er mit der Kugel und dem Messer. Das Mädchen bleibt dem Manne, der ihr untreu wird, aber auch nichts schuldig.„Ich speie auf Dich, ich will nichts von Dir wissen, ich verabscheue Dich. Verflucht sei die Zeit, in der ich Dich liebte!..." Indessen weiß der Sizilianer auch andere Einpfindungcn als die der Liebe in Liedern auszudrücken. Er hat einen scharfe» Blick für die Schwächen seines lieben Nächsten und macht sich mit Vorliebe über ihn lustig. Er dichtet Satiren gegen die Frau, die sich junger machen will als sie ist, und gegen den ungerechten Nichter, er bespöttelt den„dummen Bauern". Stets ernst bleibt er dagegen auf dem Gebiete der Politik. Hier hat er nie ironische Sticheleien, sondern nnr den Ton leidenschaftlichen Zorns gegen Gebräuche, die ihn, nicht gefallen. Ein übermächtiger Unabhängig- keils- und Freiheitsdrang beseelt ihn. Besonders in den Gesängen der Gefangenen tritt dieser hervor. Diese Gedichte sind ganz kurz: ein Vers von fünf Silben leitet sie ein, in dem irgend eine Blunic angerufen wird— die Gedichte werden daher auch„Blumen" gc- nannt— dann folgen zwei Verse zu elf Silben. Diese Lieder sind ergreifend einfach. Der Gefangene steht am Gitterfenster und denkt an seine Geliebte, seine Mutter, oder er preßt seine Verzweiflung in wenige Worte. Für alle möglichen Gelegenheiten haben die Sizilianer besondere Lieder; für die Todtenfeier ivie für den Karneval, für das Kind in der Wiege ivie für das Spiel. Sehr populär sind 'die contra-sti, Gesänge in Dialogforni, die sich manchmal wie kleine �Komödien ausnehmen. Meist handelt es sich auch darin um Liebende. �'Der Mann sucht das Mädchen zu überreden und eS gelingt ihm �regelmäßig. Die längsten Gedichte wiffen die Leute auswendig und Bernutwortlicher Redakteur: August Jacobey in Bei tragen sie vor. Solche, die sich durch besondere Begabung aus» zeichnen, veranstalten Wettgesänge, in denen sie einander in Versen fragen und antworte», tvährend das Volk mit großem Interesse zu- hört. Einer der berühmtesten Volksdichter war Pietro Fnllono, oder wie er im Dialekt heißt. Petru Fuddemi, im 16. Jahrhundert, dessen Gestalt fast sagenhast geworden ist. Er war ein Steinhauer, der von Ort zu Ort reiste, um andere Sänger zum Wettgesang heraus- zufordern.— Ans der Pflanzenwelt. — Einen neuen Bürger der Mark, die Rauschbeere(Em» petrum ni�rurn) stellte Professor Ascherson in der November-Sitznng des„Botanischen Vereins für die Provinz Brandenburg" vor. Die „Voss. Ztg." berichtet über den Vortrag folgendes: Ueber das Vor- konnnen dieser Moorpflanze in der Mark Brandenburg lag bisher nur eine einzige Angabe vor: Bekmann, der 1717 in Frankfurt a. O. starb, giebt in seiner Beschreibung der Mark an, daß die Pflanze in der Gegend von Salzwedcl vorkonime. Man hat aber die Rausch» beere weder dort noch anderswo in der Mark wieder beobachtet; nur ein Standort nahe der Westgrenze, ein zweiter nahe der Ost-, und ein dritter nahe der Nordostgrenze sind bekannt. Jetzt ist die Pflanze nun von dem Oberlehrer Wenzke in Guben in dem Tanerschen Forst ztvischen Guben und Pcitz aufgefunden worden. Ob die Ranschbeere hier ein„Relikt" aus älterer Zeit darstellt, oder ob sie ihr Vorkommen an diesem Standort der Verbreitung durch Vögel verdankt, bleibt unentschieden. Auf den Iknlstand, daß ihre Beeren von Vögeln, z. B. Krähe», gefressen werden(daher auch der Name„Krähenbeere"), hat Focke die That- fache zurückgeführt, daß die Rauschbecre besonders reichlich bei Hünen- gräbern vorkommt. Die neugierigen Krähen suchen diese vor- springenden Punkte mit Vorliebe auf und setzen mit ihrem Koth dort die Samen der gefressenen Ranschbeere» ab. Weniger ivahrscheinlich ist die Annahme Buchenan's, der das Vorkommen der Rauschbecre an den Hünengräbern ans die Leichenschinäusc der Erbauer zurück- führt, tvennglcich die Rauschbecre in alter Zeit, ebenso Ivie in nordischen Ländern noch heute, als Genußmittel eine Rolle gespielt haben dürfte.— Humoristisches. — Beim D o r f b a d e r. Herr:„Was machen Sie denn mit der Feile am Rasirmesscr?" Dorfbader:„Die Schneid' feil' i' zurecht!"— — Abgeblitzt.„Fräulein Röschen, ich lvürde Sie auf Händen durchs Leben tragen I" „Danke sehr, ich habe gehen gelernt!"— — Höhere K o ch k n n st. E r(kurz verheirathet):„Mein Gott, Elise, ivas hat denn die Suppe heute für einen abscheulichen Geschmack? Du scheinst schlechtes Salz hineingetha» zu haben!" S i e(entrüstet):„Schlechtes Salz? Wo denkst Du hin l Echtes Knrlsbadersalz!"—(„Meggend. hui». Bl.") Vermischtes vom Tage. — In S e i t e n d o r f(Schlesien) legien zwei f n n f jährige Knaben an eine Scheune Feuer an. Beide Knaben sind d�bei verbrannt.— — In S o s n o w i c e überfiel ein entlaffencr polnischer A r- beiter den Direktor von den Huldschinski'schen Walzwerken und verletzte ihn durch Knüttelhiebe lebensgefährlich am Kops.— — Bei starkem Nebel überfuhr der Z l t t n n e r Personenzug bei Reibersdorf einen Bierwagen. Ein Insasse wurde getödtet, zwei schwer verletzt.— — Aus Innsbruck wird der„Frankfurter Zeitung" unterm 13. Novemver gemeldet: Wir haben hier jetzt H e r b st t a g e von seltener Pracht. An den sonnigen Hängen im Norden der Stadt blähen in Menge allerlei Frühlingsblumen, wie Küchenschelle. Primel ic. Reife und blühe» de Erdbeeren, selbst in Hohen von über 1060 Metern, sind keine Seltenheit.— — In der„ F a h r o r d n u n g" der LO Kilometer langen B u k o w i n n e r Lokalbahn von Warna nach Rnssisch-Moldawitza findet sich folgende Bemerkung:„Die Züge verkehren von Fall zu Fall; über den jeweiligen Verkehr wird in den Stationen Wania, Watra und Russisch-Moldawitza Auskunft erthcilt."— — In Bethlenfalva(Ungarn) wurde ein Zimmermeister von seinem 23 jährigen Sohne niit der Axt erschlagen und beraubt.— — Im Fiirstenthum Liechtenstein sind die Knaben bis zum siebzehnten, die Mädchen bis zum sechzehnten Lebensjahre schulpflichtig.— - In den Kellerränmen eines großen Restaurants in Paris ereignete sich am Sonntag Nachmittag eine heftige Ex- p l o s i o n. Das ganze Gebäude wurde erschüttert. das Glasdach, welches einen Thcil des Restaurants überdeckt, völlig zertrümmert und Gläser, Spiegel und Geschirr zerbrochen. Ein Theil� des Fuß- bodens wurde in die Höhe gehoben und mehrere Zwischenwände umgerissen. Eine Person wurde getödtet, acht ver- w u n d e t. Die Explosion ist ivahrscheinlich durch Ausströmen von Gas hervorgerufen.— — Kragen und Manschetten aus A l u m i n i n in sind in Riga in den Handel gekommen.— in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.