Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 228. Mittwoch, den 23. November. 1898 (Nachdruck verboten.) 86] Meu<- Roman von Georges Eekhoud. Die Ankunft der Tilbaks und Jan Vingerhouts steigert noch Laurent's durch all' die ergreifenden Bilder beeinflußte seelische Erregung. Er zittert wie ein jäh erweckter Nacht- Wandler, als ihm der„Baes" die Hand auf die Schulter legt. Die Kehle ist ihm wie zugeschnürt, aber sein schmerzbcwegtes Gesicht drückt besser als es Worte vennochten, die Gefühle aus, die seine Brust bewegen. Er umarmt Siska und Vincent und drückt dann nach kurzem Schwanken einen langen, brüder- lichen Kuß auf Henrietten's Stirn. Dann legt er die Hände des Mädchens in die des zukünftigen Gatten. Die düstere und ironische Schicksalsfügung, daß sich Hcn- riette und die Ihrigen just an Bord der„Gina" einschiffen müssen, trägt auch noch dazu bei, seine bange Herzenangst zu erhöhen. Bejard und seine Frau waren nun einmal die bösen Geister seines Lebens. Heute entriß ihm diese„Eina" Henriette und alle seine Lieben. Aber noch andere sonderbare Wechselbeziehungen bringt der Zufall zu Wege. Das Dorf Willeghem, dessen Bewohner fast insgesammt auswandern, ist Siska's und Vincent's Hcimath. Da sie als Kinder schon das Dorf verlassen haben. gelingt es ihnen nicht, einen der Auswanderer wieder zu er- keimen. Aber im Laufe der Unterhaltung entdecken sie doch hin und her einen bekannten Namen, einen Familienzug in den Gesichtern, und es dauert nicht lange, bis einige entfernte Verwandtschaften herausgefunden sind. Jan Vingerhout be- merkt lachend:„Da wird ja da unten ganz Willeghem voll- zählig vertreten sein. Wir wollen eine neue Kolonie gründen, der wir den Namen des flämischen Dorfes geben werden. Es lebe Neu-Willeghem I" Aber noch andere Leute als die Landleute nehmen Laurent's Ausmerlsanikeit in Anspruch. Die Leute der„Amerika" sind ohne Ausnahme zur Stelle. Baes, Genossen,.Kutscher, Meß- nnd Lade- leute wie eine stattliche Zahl von„Baes" anderer Nationen haben sich eingefunden, um sich von den allbeliebten Kameraden zu verabschieden. Die braven Leute haben es nicht an An- strengungen fehlen lassen, Jan's AuSivanderungsPlan zu bekämpfen. Er sagt zwar, daß ihn nur die schlechte Zeit und die Neugierde, sich einmal in der Welt umzusehen, dazu be- stimmt haben, den Staub Antwerpens von den Füßen zu schütteln, aber die schärfer Sehenden lassen sich dadurch nicht hinters Licht führen; sie wissen ganz gut, daß der ehrliche Kerl, der als Hauptanstifter für die letzten Unruhen ver- antworllich gemacht wird, nur das Feld räumt, weil er fürchtet, sein Bleiben könnte für seine Freunde verhängnißvoll iverden und die Interessen der Genossenschaft schädigen. Die Geschäftsleute der Nachbarschaft der„Koknsnuß" drängten sich um die Tilbaks, und die Schiffer- und Arbeiter- bevölkerung des Hafens hat sich ihrerseits ebenfalls angelegen sein lassen, den lieben Freunden Lebewohl zu sagen. Alle diese mannigfachen Kundgebungen lassen die Scheidenden nicht recht zur Besinnung kommen und bringen in der Abschiedsstunde willkonimene Ablenkung. Die Hafen- arbeiter, frohlaunige Jungens, bemühen sich, so ausgelassen wie möglich zu sein und überbieten sich in kräftigen Witzen, aber mehr als einer schneuzt sich überlaut und fährt sich mit deni Jackenärmel über das Gesicht, obwohl auch nicht der kleinste Schweißtropfen zu bemerken ist. Jan Vingerhout läßt sich als Spaßniacher und immer schlagfertiger Eulenspiegel auch nicht lumpen und macht seinem von den„Nationen" an- erkannten Ruf als lustiger Schwerenöthcr alle Ehre. Es half alles nichts, er mußte unbedingt mit den Freunden in der nächstgelegenen Kneipe noch ein paar Schoppen leeren, und Laurent kann die höfliche Einladung der würdigen Kumpane nicht gut abschlagen. Drinnen am Schenktische, wo Lage auf Lage herumgeht, wo derbe Witze vermischt mit Fluchworten hinüber und herüberfliegen, deirkt Laurent wieder der gemüth- lichen Zusammenkünfte, wenn sich die Genossen nach gethaner Arbeit und geschehener Abrechnung in ihrer Stammkneipe versammelten. Einige der Kameraden haben„ihrem" Jan kleine Geschenke als Erinnerungszeichen mitgebracht, eine Pfeife, einen Tabaksbeutel, die Schwungfeder eines Fregattenvogels, eine Rolle Tabak, ein Messer, ja einer hat gar daran gedacht, ihm einen Karton in drei Farben sortirten Brief- Papiers zu überreichen. Es handelt sich darum, den Auf- Passern da unten ein Schnippchen zu schlagen und dem Spionirshstem ihres schwarzen Kabinets zu entgehen. Wenn Jan oder Tilbak auf weißem Papier schreibt, so soll das den Empfängern ein Zeichen sein, daß alles gut geht; Rosa-Papier soll andeuten, daß die Verhältnisse schwierige, aber immerhin noch erträgliche sind; während der grüne Brief Kunde giebt, daß die Tinge schlecht stehen, wie immer auch der Brief sonst lauten mag. Die Zeit drängt zur Eile. Laurent hat sich mit Tilbak unbemerkt entfernt, um die Frauen im Zwischendeck der „Gina" unterzubringen. Man macht zunächst Schwierigkeiten, ihm den Zutritt an Bord zu gestatten, denn es ist den Be- gleitern der Auswanderer aus gutem Grunde streng verboten, mit aufs Schiff zu kommen, ja selbst die letzteren dürfen, nachdem sie das Schiff einmal betreten haben, nicht mehr ans Land zurückkehren, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, Platz und Passagegeld zu verlieren. Der Gefälligkeit eineS Matrosen, mit dem Tilbak ehedem zusammen gefahren war, hatte es Laurent zu danken, daß er das vorübergehende Heim seiner Freunde in Augenschein nehmen durfte. Die„Gina" enthielt über sechshundert hölzerne Feldbetten oder richtiger gesagt, roh behobelte Holzrahmen, die immer zu zwölfen gruppenweise an Gurten im Zwischendeck übereinander- hängen. Das Bettzeug dieser schwebenden Gestelle besteht aus einem mit fauligem Stroh vollgestopften Sack, das man keinem Schwein als Streu unterbreiten würde. Trotz der langen Lüftung erfüllte die Räume der muffige Geruch eines schlecht gehaltenen Lazareths; ein Duft von Fusel und Schweiß. Wie würde das erst später sein, wenn alle diese Menschen mitihre« Lumpen in drangvoller Enge hier eingepfercht sind, zunml bei stürmischer See, wenn alle Luken geschlossen gehalten werden müssen. Vorschriftsmäßig sollen an Bord die Geschlechter getrennt gehalten und die Kinder thunlichst von den Erwachsenen ab- gesondert werden. Aber Bejard und Konsorten sind nicht die Leute, die der Vorschrift Rechnung tragen, für sie gilt das Reglement nur, so lange das Schiff noch im Hafen liegt. Bevor man noch auf hoher See fft, treten alle diese Bcstim- mungen außer kraft, Männer und Frauen werden kunterbunt zusammengepackt und, obwohl die gesetzlich bestimmte Passagierzahl schon überschritten ist, werden heim- licherweise bei der Fahrt flußabwärts noch immer neue Passagiere aufgenommen, die in der Stille der Nacht Schmugglerboote vom Ufer heranführen. RunnerS und Schmuggler haben keinen besseren Kunden als Herrn Bejard. Das Proviantmagazin ist mit Specksekten, Rauchfleisch, BiScuits, Bier, Kaffee, Thee so reich ausgestattet, daß der „Vorrath für die doppelte Dauer der Ucberfahrt mehr als ausreicht", wie man aus dem Prospekt, der letzten schrist» stellerischen Arbeit des Schwindlers Dupoissy, ersehen kann. In Wahrheit genügt kaum der an Bord befindliche Vorrath an Trinklvasser. Die unglücklichen Passagiere werden wie eine belagerte Garnison auf Rationen gesetzt. Jeder Auswanderer erhält eme kleine Blechschüssel, wie sie in den Kasernen in Brauch sind. Die Vertheilung der Lebensmittel geschieht zweimal täglich. Es ist begreiflicher- weise bitterkalt im Zwischendeck, der beständige Zug vermag zwar die üblen Düste zu vertreiben, sorgt aber dafür, daß die Insassen aus der Erkältung garnicht herauskommen. Laurent betrachtet mit sorgenden Blicken die erbärmliche Stätte, die Siska und Henriette als Aufenthalt dienen soll. „'s ist nicht so schlimm, wie es aussieht," tröstet Vincent, „die Ueb erfahrt ist ja nicht lang. Da habe ich schon ganz andere Dinge zu sehen bekommen!" Sie steigen Beide wieder auf das Hinterdeck hinauf. Dort stehen in einigen hölzernen Verschlägen elf Ackerpferde, der Stallbestand irgend eines Pächters, der sich bei Zeiten noch aus dem Staube macht, ehe er ganz zu Grunde geht. Wenn er freilich deutt, die Gäule in halbwegs brauchbarem Zustande hinüberzubringen, giebt sich der Mann einer argen Täuschung hin. Man braucht nur einen Blick auf diese un- zulänglichen Verschlüge zu werfen, um zu begreisen, daß eS auf dasselbe herauskäme, wenn die Thiere in die Scheide geworfen würden. Wenn der Eigenthümer die theuren Ver- pflegungskosten dazu rechnet, kann er von Glück sagen, wenn er drüben das Fell bezahlt bekommt. Die Auswanderer haben sich auf deni Hinterdeck, so gut es geht, untergebracht. Das bunte Durcheinander der ani Boden hockenden Leute bietet das Bild eines Zigeunerlagers. Die meisten dieser Parias find armselig und nothdürftig bekleidet, viele zittern schon vor Kälte und werden vom Fieber geschüttelt. Ein Auswanderungsagent tröstet die Leute mit der benchigeudcn Versicherung, daß die Kälte nur einige Tage anhalten würde. Sei man erst einmal über den Golf von Gascogne hinaus, dann beginne der ewige Frühling. Er sagt freilich nicht, daß zwischen Afrika und der Küste Brasiliens die sengende Sounengluth den Aufenthalt auf Deck un- möglich niacht, und daß das Fieberdelirium, das in den tropischen Gewässern die in den engen, überheißen Räumen Eingeschlossenen befällt, ein gut Thcil von denen wegraffen würde, die das Sumpffieber verschont hatte. Er spricht eben- sowenig von den Widerwärtigkeiten der Ucberfahrt, von der Willkür und der Brutalität, die die Auswanderer bei der An- kunft erwarten, und dem vielgestalteteu Elend, dem sie entgegen- gehen. „Ja, Kamerad, es wird Zeit, wieder an Land zu gehen", wendet sich der Matrose in freundlichem Ton an Paridael, „wir sind im Begriff die Anker zu lichten." Der schrille Pfiff der Maschine niahnt die Säumigen zur Eile. Laurent entzieht sich rasch den überschwänglichen Gefühlsäußerungen seiner Freunde und eilt über die Brücke nach dem Quai. Als ob es in alff dem Jammer und Elend noch nicht genug wäre, bietet sich ihm hier zu guterletzt noch ein Bild von erschütternder Eindringlichkeit. Ein zerlunipter und verkommener Kerl mit stieren Augen und zerzausten Haaren reißt und stößt in trunkener Uuzurech- nungsfähigkcit ein in armselige Lunipen gehülltes Weib, an deren Rock sich zwei heulende Kinder klammern, nnd die sich schreiend den brutalen Händen des Elenden zu entziehen sucht, nach der Schiffbrücke. Vcrniuthlich will die Unglückliche den Trunkenbold nicht nach Amerika begleiten, sie will lieber in der Heimath Hungers sterben, als sich in die Fremde hinaus- wagen, wo sie nichts über die Gemeinheit und Vcrivorfenheit ihres Mannes, trösten könnte. Angewidert von der Szene hat Laureut, in Gemeinschaft von einigen Arbeitern, die arnie Mutter und die Kinder bc- freit, und während die einen die Frau, die mehr todt als lebendig ist, nach einer der Herbergen der Uferstraße bringen, beförderten andere den Kerl rascher als es ihm lieb war über die Brücke und von da mit kräftigem Stoß auf die Gina. Der verdutzte Saufbold scheint sich in die unerwartete Scheidung zu ftigen, übrigens ist auch die Schiffbrücke schon zurückgezogen. Ohne sich weiter uni die Seinigcn zu kümmeni, tritt der Lunip an die Schiffs- wand und zieht eine halbgeleerte Dranntweinflasche aus der Tasche seines schmierigen UÄerziehcrs. „Da seht," lallt er schwankend und die Flasche über dem Kopf schwingend,„das ist alles, was nur bleibt. Das letzte Geld, was ich noch besaß, hat sich in der Flasche hier auf- gelöst. Ich trinke den Abschiedsschluck auf Belgiens WohII" Er setzt die Flasche au den Mund und trinkt sie in einem Zuge aus, dann wirft er das leere Gefäß mit aller Kraft gegen die Ufermaucr, daß es klirrend in tausend Stücke zer- splittert, während er ein heiseres„Eviva America" brüllt. �Inzwischen haben die Matrosen die Seile von den Pfeilern gelöst, die Schiffsschraube beginnt die Wasser aufzuwühlen, der Kapitän auf der Konimandobrücke giebt mit Stentorstimme seine Befehle, die auf Vorder- und Hinterdeck wieder- holt und von dem Schiffsjungen durch das Sprachrohr in den Maschinenraum weitergegeben werden, das Schiff dreht sich, dem Steuer gehorchend, der Mitte des Flusses zu, und die leicht bewegten Wellen schlagen klatschend an die Planken der „Gina". Bei der ersten Bewegung des Schiffes ist der be- trunkene Kerl wie ein Sack umgefallen und wälzt sich vor den Füßen seiner Reisegefährten. Laurent wendet den Blick ab und hält Umschau nach erbaulicheren Bildern. Das Musikkorps aus Willeghem schwenkt seine gestickte, mit goldenen Troddeln gezierte Fahne und stimmt sein„Wo kann es schöner sein?" aufs neue an, dessen Refrain die Kohlenbergleute der Borinage im Chor mitsingen. Unter dem Gewiiiimel der Köpfe uuterscherdet Laurent nur noch die Gruppe der Tilbak's. Bis zur letzten Stunde hatte er noch immer daran gedacht, ohne ein Wort verlauten zu lassen, die Reise an Bord der„Gina" mitzumachen. Rur die Furcht, Vincent und Siska'Verlegenheiten zu be- reiten, die eben geschlossene Wunde in dem Herzen ihres Kindes wieder aufzureißen und dem ehrlichen Viugerhout in: Lichte zu stehen, ließ ihn: von seinem Reiseplan absehen. Ueberdies hinderte ihn auch ein unbestimmtes Etwas, von seiner Vater- stadt Abschied zu nehmen: es überkam ihm zuweilen wie ein unklares Vorgefühl einer Pflicht, die ihm noch zu erfüllen blieb. Er wußte sich nicht Rechenschaft abzulegen, worin diese bestand, aber er wollte doch in der Stunde, wenn das Schick- sal rief, bereit und zur Stelle sein. Das Hurrahgeschret und die Vivatrnfe auf der„Gina" übertönen selbst die schmetternden Klänge der Willeghcmer Musikanten. Vom Ufer aus wird mit nicht minder starker Lungenkraft von der die Ouaistraßc besetzt haltenden Menschen- menge geantwortet. Schiff und Ufer suchen sich um die Wette an Ausdauer und Kraft des Länns zu überbieten. Die Mützen fliegen in die Luft, die farbigen Taschentücher flattern wie die Fähnchen einer Flaggenparade im Winde. Frauen halten halb lachend, halb weinend ihre Kleinen in die Höhe. Die Arme recken und strecken sich, als ob die Leute sich über das Wasser hin noch einmal die Hände reichen wollten. Seines ungewöhnlichen Tiefgangs und der Ucberlastung wegen blieb daS Schiff noch geraume Zeit in Sicht der zu- schauenden Menge. Laurent war an den äußersten Vorsprnng des Bassins gelaufen, nur das Schiff im Auge zu behalten, bis es hinter der Flußbieguug vcr'chlvand. Siska wirft ihm Kußhände zu, er hört noch einmal die männliche, volltönende Stimme Vingerhont's, die ihn zum muthigcn Ausharren mahnt. Aber nnt jeder Umdrehung der Schiffsschraube fühlt Laurent einen Theil seines Vertrauens und seines Lebensmuthes dahinschwinden. Schwächer und schwächer klingt die Melodie des„Wo kann es schöner sein?" über das Wasser herüber. bis sie in einem leisen Murmeln erstirbt. Hier von diesem Punkte aus hatte Laurent wenige Jahre vorher die Zaubcrpracht des in die Scheide tauchenden Sonnenballs bewundert. Heute war alles graufarbig, nebelig und unruhig, statt blitzender Edel- steine schien der Fluß schmutzigen Schlamm dahin zn wälzen, über de» Feldern hingen gelbe Dunstschleier, der Trauer der Jahreszeit entsprach die Stimmung, die die Menschen bedrückte. Dumpf klingt das Glockenspiel herüber. nnd die Seenröven kreischen wie Unglücksvögel. (Forffctzung folgt.) Niclev Wer kennt nicht den kleinen, delikaten Ostfee-Fisch, der unter der goldglänzcnden Haut, die ihm eigenes und der scharfe Schlich eichener Lohe verschönen«, ein so zartes, schmackhaftes Fleisch birgt? Sang doch schon vor hundert Jahren der weitgereiste Weltbummler, Hr. Uriau:„Drauf kauft ich etwas kalte Kost nebst Kieler Sprott und Kuchen." Kieler„Sprott" ist die cchentliche Benennung nnd nicht Sprotten. Ich erkläre mir daL so. Sprott zählt der Kieler nicht, d. h. beim Essen, er faßt ihn liebevoll nüt zivci Fingerspitzen der einen Hand am Schwänzchen, entfernt ebenso mit der andern Hand den Kopf, und wenn er dann so ein halbes Stieg hat„ein Fischlein dem andern uachschwinimcn" lassen, dann betrachtet er das alü ein Ganzes und erklärt:„Der Sprott ist likcrst god." Bon Kiel ans tritt eine große Menge Sprotten die Reife in die Welt an, in der dortigen Ober- Postdircktion ist dem Sprottenversandt eine eigene Abtheilung nüt besonderem Schalter geividmct. Der Haupt- Fangort ist aber die Eckcrnfördcr Bucht, nicht die Kieler Föhrde, und in' dem kleinen Städtchen Eckcniförde wohiien die meisten Sprottcnfischer; in der Fangperiode 1895/96 waren eS 318 Fischer in 106 Booten, die einen Ertrag von 186 vvv M. er- zielten. Die Netze, nüt denen der Sprottcnfang betrieben wird, sind theils Zugnctze,„Waden", genannt, und von beträchtlicher Größe. Die Hanpttheile des NctzcS sind der Hamen, ein mächtiger Fangsack von 13 Meter Länge nnd einer vorder» Ocffnung von 43 Meter im Umfang, der' nach hinten in sieben sich stetig vcr- jungenden Nctzringcn weiterläuft und in einer Art Schlauch endigt, owie die beiden Flügel. Jeder der letzteren ist 128 Meter lang; sie beginnen am Hainen mit 22 Meter Tiefe nnd schrägen sich nach vorn bis auf sieben Meter ab; durch einen nietcrlangen gekrümmten Holzstock werden vonie obere und untere Kante der Flügel so verbunden, daß sie sich bauschen und keine steile Wand bilden können. Vier bis zehn Kilograuun schwere Steine beschweren den *) Aus der„Kölnischen V o l k s z e i t u n g unteren Saum, grosse Korkstnckc am oberen Saume erljalten das Netz treibend. Um eiii solches Netz an bedienen, sind acht Mann erforderlich, die sich auf zwei große offene Boote, zum Lindern und Segeln ein- gerichtet, verlheilen. Das sieben Meter lange Fahrzeug ist in seinem achtern Thcile fast ganz von den« kunstgerecht aufgethiirmten Netze ausgefüllt, nur die Steuerbank ist frei. In der Mitte geht quer durch das Schiff eine Winde mit Speichen, zum Aufziehen der 3S0 Meter langen Nctzleine. Vorne sind noch drei Sitzbretter, zwei mit einem Loch für die kleinen Masten, unter dem dritten fleht die Holz- mulde zur Aufnahme des Fanges. Anker, ein paar gehörige Riemen, Ketscher(wie Schnietterlingsnetze geformt), eine Saugpumpe und eine Laterne bilden die fernere Ausrüstung. Zur Zeit, wenn für die Inger die Hasenjagd eröffnet wird, be- ginnt auch die Sprottenfischerei; die Schonzeit für das kleine See- wild ist erst Mitte Mai, so daß die jährliche Fangperiode sieben bis acht Monate dauert. Der Fang geschieht im Herbst nur bei Nacht, im Frühling auch abends und gegen Morgen. Einer nach dein anderen kommen'dann die Fischer schweren Trittes zur Schiffbrülke hinab. Bis über die Knie hinauf reichen die großen Thranstiefel. Uebcr den dicken„Isländer", der die Nachtkälte abhalten muß, ist noch der Oelrock geworfen, und der„Südwester" deckt das Haupt. Denn ob es schon etwaS stürmt und regnet, zur Fangzeit darf kein„Zug" versäumt werden; bei nicht allzu schwerem Wetter gicbt'S oft die besten Fänge. Im Boote bindet sich jeder noch ein „Schotfell" um, dann Iverden die Taue losgeluorfcn, und die beiden zusammengckoppelteil Boote gehorchen schwerfällig der an den Riemen arbeitenden Mannschaft. Bald wird das Segel gehißt und nach einstündigcr Fahrt ist der für jedes Boot angewiesene Fangplatz erreicht. Zunächst wird nun durch zwei Mann der Hamen ausgesetzt, dann trennt man die Boote, läßt die Flügel nach und nach, während je zwei Mann an Riemen die Boote in großem Bogen zum Ufer rudern, ins Wasser und auch die langen Leinen von der Winde laufen. Dann muß der Anker fallen, langsam und gleichmäßig windet man mittels der Speichen die Leine so weit auf, daß die Flügelenden an den Bootrand gezogen sind. Dann läßt man, indem die Boote inimer mehr sich nähern, die Leine wieder nach, windet zum zweiten Male wieder auf und holt nun nach uild nach das Netz MS Boot. Zeigen sich schon beim Aufziehen der Flügel recht viele mit den Köpfen hängen gebliebene Sprotten, so darf man auf reichen Fang hoffen. So einen reichen Fang machte am 2t. März 188!) eine Mann- schaff, indem sie mit einer Wade in einem Zngc 3V(XX) Wall Sprotten (ein Wall— 80 Stück) ausbrachte. Sind die Fänge an Land gebracht, so finden am Vonnittage am sogenannten Fischerleger in Kiel, an der Schiffbrücke in Eckernförde die Auktionen statt; in Mengen von 20— 100 Wall werden die Sprotte» von den Händlern und Inhabern der Räuchereien erstanden. Sind viele Boote mit gutem Fange heimgekehrt, so entwickelt sich dort ein interessantes Bild. Am Hnseubollwerk entlang sind vor jedem Boot Tische errichtet. Mit den Ketschern fassen die Fischer aus den Bootsmuldcn so viele Sprotten, als sie halten können und schütten sie auf diese Zähltische. Das blinkt und blitzt überall im Boot, im Ketscher und auf den Tischen tvie eitel Silber. Und so flink, wie durch die Finger eines geübten Kaffirers die Gold- und Silberuiünzcn gleiten, so flink nud geschickt fassen hier die Fischer jedes Mal vier Fischlein und vereinigen sie zu einem Wurfe in Korb oder Kiste oder Karre». Ist nach 20 Wurf das Wall eigentlich abgezählt, so fügt er mit den: Worte„voll" noch einen Wurf als Zugabe nach. Endlich sind alle Behälter mit silber- glänzender Waare gefüllt, und während die Fischer sich im Krug von der Nachtarbeit erholen, werden die Sprotten in aller Eile zu den Räuchereien befördert; den» noch am selben Nachmittag müsse» sie als geräucherte Waare zum Verkauf in den kleinen Fischbudcn am Schuhmacherthor oder zum Versandt fertig stehen. Unter Umständen kann ein„Sprvtt", der gestet» früh noch vergnügt in der Ostsee urnherturnte, heute in Berlin zum Frühstück präscntirt werden. In den Räuchereien wird der kleine Silberfisch erst zum goldgelb gcfchwälten Sprott, zuni delikaten Frühst ücksgericht, nnd wer zur rechten Fangzeit vom Kieler Schloßganen aus das am jenseitigen Ufer liegende Fischerdorf Ellerbeck sich ansieht, findet es in den Vor- und Nnchmittagsstuuden von dichtem Rauch fast bis zur Unsichtbarkcit verhüllt. Treten wir gegen 10 Uhr morgens in den Räucherraum, so finden wir ein mit blaukgeschcucrtcn Fliesen versehenes Gelaß, das an der vierten Seite zwei nebeneinander liegende Kamine von riesigem Umfange aufweist. Ihre pechschwarzen Mündungen befinden sich etlva anderthalben Meter über dem Fußboden und reichlich einen Meter über einem von Steinen ausgemauerten Herde. Im Innern des Kamins springt an der Vorder- und Rückwand je eine eiserne Leiste etwas vor, auf welcher die Enden von dünnen, langen Eiscnstäben Halt gewinnen können. Auf diese Eiscnstäbe sind die Sprotten, nach- dem sie gereinigt und gesalzen worden, in der Weise aufgereiht worden, daß man die Stange quer durch die Kiemenöffnung steckt, doch so, daß kein Fisch den andern berührt und nur die äußersten Enden der Stange frei bleiben. Nun ivird Stange an Stange in den Kamin gehängt. Dann schichtet mau am vorderen Rande des Herdes eine Reihe von trockenem Splitterholz auf und entzündet dies zur hellen Klamme, bis die Fische mehr oder minder gar gebraten sind. Ist l nach etlva einer halben Stunde der Fall, so wird durch auf- geworfene Eichcnlohe das Feuer so iveit gedämpft, daß sich keine Flamme mehr zeigt, sondern ein dichter Rauch durch die Fischreihen hindnrchstrcicht. Immer wieder wird die Lohe erneuert, besonders da. wo eine Flanune aus der Gluth auflecken will, bis die bekannte goldige Farbe anzeigt, daß der Fisch fertig geräuchert ist. Die Waare wird dann warnt aus dem Rauch in runde Holzmulden ge- schichtet und sofort zum Föhrde-Dampfer gebracht, der sie nach stiel überführt.— Vleinos FeuMokon — Nietzsche über Wagner. Die„Wiener Rundschau� veröffentlicht in ihrer letzten Nummer bisher ungedruckte Aphorismen von Nietzsche, von denen wir die folgenden hierher setzen: In gewissen Jahren des Lebens hat man das Recht, Dinge und Meiischeii falsch zu sehen— Vergrößerungsgläser, welche die Hoffnung uns giebt. Knaben sind in Sachen des Geschmackes ganz unverschämt stolz. Alles, was ich über Nsichard) Wsagner) gesagt habe, ist falsch. Ich empfand es 1870,„es ist an ihm alles unecht"; Ivos echt ist, ivird versteckt oder dekorirt. Er ist ein Schauspieler in jedem schlimmen und guten Sinne des Wortes. Er war ein' großer Schauspieler, aber ohne Halt, und inwendig die Beute von allen Sachen, welche stark berauschen. Er hat alle Wandlungen durchgemacht, welche die guten Deutschen seit den Tagen der Romantik durchgemacht haben: Wolfsschlucht und Euryanthe, Schaucr-Hossmaiin, dann„Emanzipation des Fleisches" und Durst nach Paris, dann der Geschmack für große Oper, für Mcyerbeerffche nnd Bellim'sche Musik; Bolkstribun, später Fenerbach und Hegel— die Musik sollte aus der Nnbewußtheit heraus; dann die Revolution, dann die Enttäuschung und Schopenhauer und neue Annähertmg an deutsche Fürsten, dann Huldigmigen vor Kaiser und Reich, dann auch vor dem Christenthum, mit Verwünschungen gegen die„Wissen« schaff". Wie Winckelmann am Laokoon, gleichsam am Ende des Alter- thums, den Sinn für dasselbe sich erwarb, so Richard Wagner an der Oper, der s ch l e ch t e st e n aller Kunstgattungen, den Sinn für Stil, d. h. Einsicht, daß es nicht möglich ist, Künste zu i s o l i r e n. Das falsche Germanenthum bei Richard Wagner. Diese höchst„modente" Mischung von Brutalität und Verzärtelung der Sinne und die gründlichste psychologische Falschheit ist mir ebenso zuwider, wie das falsche Römerthum bei David; ebenso tvie Walter Scott soder vielmehr das falsche, englische Mittelalter Walter Scotts, das unserem verschärften Sinne jetzt nicht mehr möglich zu ertragen.) „Ich stelle das Problem von der Rangordnung des Künstlers neu; zugleich bilde ich den Künstler, so hoch ich kann. Thatsächlich finden wir alle Künstler unterworfen unter große geistige Be- wegungen, nicht als deren Leiter, oft Vollender; z. B. Dante für die katholische Kirche, Richard Wagner für die romantische Be- wegung, Shakespeare für die Freigeisterei Montaignes. Die höheren Formen, wo der Künstler nur ein Theil des Menschen ist— z. B. Plato, G. Bruno, Goethe— diese Formen gerathcn selten."— Archäologisches. Clrg. E i n Stiertorso von der Akropolis, eine altcrthiimliche Skulptur ans weißem Marmor, ist nach einein Bericht der letzten Jahreshefte der österreichischen Archäologischen Ge- sellschaft, gefunden worden. Er bietet nach mehreren Rich- tungen großes Interesse. Das Thier ist in heftiger Be- wegung, unter Lebensgröße, dargestellt. Die Hinterbeine, das linke voran, schräg cinstemniend, war der Stier mit dem ganzen Vorder- theile zu Boden gebeugt und hatte hier unmittelbaren Halt, vielleicht an dem aufruhcndcit Kopf oder auch an den flach ausgestreckten oder stark knieenden Vorderbeinen. Ebenso deutet der Schwanz auf eine heftige Bewegung; er ist abgebrochen, aber man erkennt noch, daß er in einem Kreise emporgeschwungen war. Das Motiv entspricht dem Schema des Kampfes von Theseus mit dem marathonischen Stier. Eine Darstellung dieser That des Theseus befand sich als Weih- geschenk der Marathonier auf der Akropolis und dem einstigen Standort entspricht auch der Fundort am Nordabhang der Burg. Der Torso wird also wahrscheinlich von der Burg heruntergefallen sein und einen Liest jener Gruppe darstellen. Nach dem Torso wäre es am natürlichsten anzunehmen, daß Theseus auf dem Nacken des Stieres kniete und die Fesseln, in denen er ihn fing, viel- leicht auch den Schwanz anzog. Die Darstellungen der Szene sind aber so zahlreich und nuancirt, daß ein sicherer Aufschluß nicht zu ge- Winnen ist. Die Fesselung war jedoch jedenfalls das vorherrschende Motiv. Die schönen, klaren, wenn auch harten Formen deuten aus einen Meister der archaischen Kunst. Kopf und Füße sind nicht ge- funden worden.— Kulturgeschichtliches. c. Ueber die EntWickelung des russischen Post» Wesens finden sich in dem soeben erschienenen Buche„Skizzen russischer Kulturgeschichte" von Paul Milukotv einige Angaben. In Rußland brauchten die Regierung und auch die ausländischen Kauf- leute lange vor der Bevölkerung selbst bequeme und regelmüßige Verkehrswege. Bevor jedoch künstliche Wege eingerichtet wurden, strebte die Regierung danach, sich mittels der Poststationen die Möglichkeit des admimstrativen Vcrke'hrS mit allen Th eilen des Landes zu sichern. Die erste Einführung des regelmäßigen Postverkehrs fällt mit der Einigung Rußlands zusammen; sie fand am Ende des IS. Jahrhunderts statt. Zwei Jahrhunderte später standen der Regierung gegen 200 Poststationen zur Verfügung, die auf die neuen, mit sämmtlichen Grenz ländem in Verbindung stehenden Post- straßen vertheilt waren. Beim Regierungsantritt Katharina's II. stieg die Zahl bis 474, und das Postweg- Verzeichnis; von 1829 zählte schon 3240 Stationen. In der Zelt vor Peter dem Großen dienten aber die postalischen Einrichtungen ausschließlich den Bedürfnissen des Staates. Ein regelmäßiger Verlehr war noch nicht vor- Händen, und die Regierung nahm nur im Nothfall zur Pferdcpost Zuflucht. Privatpersonen durften die staatlichen Poststationen gar nicht benutzen. Erst im Jahre 1663 gelang es endlich den aus- ländischen Kaufleuten, die Einrichtung eines regelmäßigen Post- Verkehrs mit dem Auslände über Riga und Wilna sowie mit dem einzigen Handelshafen jener Zeit, Archangel, zu erwirken. Dazu müßten sie aber selbst neue Unternehmungen schaffen und diese unter die Kontrolle des damaligen Auswärtigen Amtes stellen. Peter hat diese Unternehmungen in die Hände des Staates gebracht, aber erst unter Katharina II. wurde der Unterschied zwischen der staatlichen und kaufmännischen Post gänzlich aufgehoben. In unserem Jahrhundert hat sich dann der Postverkehr sehr rasch ent- wickelt. Im Jahre 182S entfiel ein Brief auf fast 10 Einwohner; im Jahre 1856 auf 2 und im Jahre 1894 entfallen auf jeden Ein- wohner 3-/2 Briefe. Auch diese letzte Ziffer ist freilich relativ noch sehr gering: in Frankreich entfallen auf jeden Einlvohner 23, in Deutschland 3S, in England sogar 55 Briefe im Jahr.— Medizinisches. — In der Wiener Gesellschaft der Aerzte fiihrte Stabsarzt Dr. Habart zwei Personen vor, die dadurch gerettet worden, daß ihnen der Brustkorb geöffnet und der inneren Verblutung Einhalt gethan wurde. Im ersten Falle handelte es sich um einen jungen Mann, der vier Schrotschüsse gegen sich abgefeuert und sich überdies das Handgelenk durchschnitten hatte. Dr. Habart erweiterte die Schußwunde, öffnete den Brustkorb, wobei er die fünfte Rippe entfernen mußte, legte zwischen Herz und Lunge Jodoforingaze in der Länge eines halben Meters, und der Mann, der im sterbenden Znstande in das GarnisonSspital gebracht worden war, ist heute vollkommen gesund. Der zweite Fall betrifft einen Mann, den einige Nebenbuhler über- fallen und in die Achselhöhle gestochen hatten. Auch hier öffnete Dr. Habart behufs Stillung der Blutung den Bnistkorb, applizirte auf dieselbe Weise die Jodoformgaze und rettete so das Leben des Schwerverletzten. Aus den gemachten Erfahrungen, erklärte der Vor- tragende, resultire, daß die Chirurgie in Zukunft auch in jenen Fällen werde eingreifen müffen, wo durch Schuß- oder Stich- wunden das Leben deS Verletzten durch die untere Blutung in Ge- fahr kommt.— Astronomisches. b. Die Vieliden. Heute, am 23. November, wird uns ausnahmsweise eine überreiche Zahl von Sternschnuppen erscheinen. Sie kommen aus dem Sternbilde der Andromeda, das um Mitter- nacht fast im Zenith senkrecht über uns steht; man nennt sie daher auch die Andromediden. Zum ersten Male trafen wir den Meteorschwarm, dessen Begegnung mit der Erde sich uns in den Sternschnuppen offen- bart, am 27. November 1872, und dann wieder am 27. November 1885, das erste Mal ganz uucrlvartet, das zweite Mal nach voraus- gegangener Ankündigung. Bekanntlich hatte sich der Biela'sche Komet. der eine Unilaufszeit von 6'/t Jahren hat, Anfang 1846 in zwei Theile gethcilt, war dann als Doppelkomet noch einmal erschienen. blieb dann aber verschwunden und konnte trotz sorgfältigsten Suchens weder 1866 noch 1872 aufgefunden werden. Statt dessen ereignete sich jener Sternschnuppensall, und man er- ikannte, daß die einzelnen Meteore desselben in der Bahn des verlorenen Vielaffchen Kometen liefen. Derselbe hatte sich also voll- ständig anfgelöst, und es ist wahrscheinlich, seine Reste in regelmäßigen Zwischenräumen zu erblicken. Diese Perioden müssen 13 Jahre betragen; denn da die Umlaufszeit dieser Bieliden— so werden die Meteore genannt, weil sie aus deinBicla'schenKometen entstanden sind— 6-/2 Jahre ist, so müssen sie immer nach einem doppelten Umlauf der Erde an derselben Stelle im Räume begegnen. Deshalb wurde das Erscheinen dieses Schwarmes auch für den 27. November 1885 im Voraus angekündigt. Die Prophezeiung traf ein, und so war die Lehre vom Zusammenhang der Sternichnuppen mit den Kometen in auffallender Weise be- stäti gt. Die einzelnen Meteore des Schlvarmes von 1885 waren nicht über- mäßig hell und glänzend, sondern erreichten eben noch die Grenze der Sichtbarkeit; sie wirkten jedoch geradezu überwältigend durch ihre ungeheuere Anzahl. Immer neue Schaar�» brachen aus derselben Stelle des Himmels hervor, so daß ein förmliches Rieseln unzähliger feuriger Körperchen nach allen Seiten zu beobachten war. Nach den angestellten Rechnungen ist der Schwärm bei seinem letzten Umlauf dem Planeten Jupiter näher gekommen, als sonst, und hat dadurch eine Störung seiner alten Bahn in dem Sinne erlitten, daß wir ihn schon am 23. statt, wie sonst, am 27. treffen. Hoffentlich werden wir vom Wetter begünstigt und werden dann ein ebenso schönes Schauspiel genießen, wie vor 13 und 26 Jahren.— Technisches. — Der Phonograph im Fern sprechbetriebe. Um die Arbeit der Beamten auf das geringste Maß zu beschränken, sind laut„Dtsch. Verkehrs-Ztg." bei dem in San Fraucisco und Chicago eingeführten sogenannten„Fernsprech-Expreßsystem" von Sabin uiid Hampton im VermittelungSamte zwei Phonographen aufgestellt; der eine Phonograph wiederholt beständig den Satz:„Besetzt. Bitte wieder rufen", während der zweite mtt gleicher Regelmäßigkeit wiederholt:„Der gerufene Theilnehmer antwortet nicht." Jeder Phonograph spricht in ein Mikrophon, das in gewöhnlicher Weise mit einer Batterie und der primären Wirkung einer Induktionsspule ver- Kunden ist. Die Enden der zu den beiden Phonographen gehörigen sekundären Wickelungen führen zu je einer Klinke. Wenn der Beamte am Schranke hört, daß die Leittmg eines gewünschten Theilnehmers be- setzt ist, so steckt er den Stöpsel der Leitung, mit welcher der rufende Theilnehmer verbunden ist, in die entsprechende Phonographenklinke, und die Mittheilung„Besetzt. Bitte wieder rufen" wird dem rufenden Theilnehmer durch den Phonographen übermittelt. In ähnlicher Weise theilt der Beamte dem rufenden Theilnehmer mit, daß der ziveite Theilnehmer nicht antwortet. Auf den ersten Blick wird der Gebrauch des Phonographen zu diesem Zweck als das äußerste erscheinen, tvas zur Ersparung von Arbeit erdacht ist; aber die Ein- richtung ermöglicht es auch dem Beamten, einen zweiten Theilnehmer zu bedienen, während er dem ersten Theilnehmer mitthcilt, daß die Leitung des gewünschten Theilnehmers besetzt ist, oder daß dieser Theittlehnler nicht antwortet.— Hmnoristisches. ♦ — Von der Durchlaucht. Bei der Durchreise durch eine kleine Stadt besucht Durchlaucht auch das dort befindliche Gcfängniß und läßt sich einige der Jlchastirteu vorführen. Die Leute sitzen meist wegen kleinerer Vergehen, hauptsächlich wegen Diebstahls von Feld- flüchten, denn die Gegend ist sehr arm Es fällt Durchlaucht auf, daß fast alle auf die Frage, weshalb sie bestraft worden sind, zur Antwort geben:„Wegen Diebstahls I" und so beginnt er endlich auch zu fragen: „Ja, mein Sohn, weshalb, äh— tvcshalb hat man denn ge- stöhlen?" „Frau und Kinder hatten Hunger,' erlviderte fast ein jeder, „sonst hätte ich es nicht gethan." Durchlaucht schüttelt den Kopf, und als sie das Gcfängniß ver- lassen, wendet sich der Fürst an seinen Begleiter: „Hin, wirklich sehr merkwürdig das, sebr merkwürdig, meint Er nicht auch?... Wenn man Hunger hat, ißt ni an doch. aber man stiehlt nichtl Wirklich merkwürdig, sehr merk- würdig I"—(„Siniplicissimus".) — Erst sehen.„Dies Pferd scheut also vor nichts, sagen Sie? Dann wird's meine Frau wohl reiten können?" „Das weiß ich nicht, mein Herr: ich habe Ihre Frau noch nicht gesehen."— Vermischtes vom Tage. — Nach der amtlichen Schulstatistik in Preußen haben in den zehn Jahren von 1387 bis 1896(einschließlich) 407 Schul- kinder unter 15 Jahren sich das Leben genommen. Sie gehörten durchweg den Volksschulen(Fachschulen) an. Von den lebensmüden Kindern kamen 331 auf die Knaben und 76 auf die Mädchen.— — Das Museum für Völkerkunde hat aus N o r d- West-Australien von einem am Fortescue-River wohnenden Stamme eigenartige Schilde und Wnrfbrctter erworben, die sich durch eine für Neuholland außerordentlich reiche Ornamentik ans- zeichnen. Die Sprache des Stammes ist außerordentlich primittv. Der Stamm zählt nur bis 3, 4 ist 2 P 2, 5 ijt 2+ 2-h 1 und 6 ist schon„viel".— — y. Aus Eifersucht durchbohrte ein Mami in Hamburg mit einem langen Messer die Brust eines vermeintlichen Reben- buhlers. Der Schwerverletzte starb kurz darauf.— — Im Vorort Uhlenhorst bei H a m b u r g hat ein Ehe- paar gemeinsam Selbstmord begangen.— — Nach dem Genuß von Pferdefleisch erkrankten in Wilhelmshaven mehrere Personen. Ein Arbeiter starb.— — In Auerbach(Oberpfalz) und llmgebung herrscht eine aus- fallende Kindersterblichkeit. In letzter Zeit sind über 70 Kinder gestorben. Die Art der Krankheit ist noch nicht fest« gestellt.— — In Graz griff ein Korrespondent einer Wiener Zeitschrift, ein junger Kaufmannssohn, eine Opercttensoubrette in seinem Blatte in skandalöser Weise an. Die Soubrette erwies sich als schlagfertig und prügelte bei der Theaterkasse den Jüngling mit einer Hundepeitsche, während ihn zwei Kollegen der Sängerin. da er auskneifen wollte, festhielten.— — In dem Dorfe Schellebelle(Belgien) starben zwei Brüder infolge des Genusses von Milchsuppe, der ein starkes Gift zugesetzt worden war. Ein dritter Bruder der Vergifteten. der mit diesen in Unftieden lebte und in dem Verdacht stand, das Verbrechen begangen zu haben, hat sich erhängt.—_ Verciiitwortlicher Redakteur: August Jacobeh in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.