Mnterhaltungsblatt des HorwSrts Nr. 231. Sonntag, den 27. November. 1898 (Nachdruck verboteil.) 39J Neu-Ve»rklzstgo. Roman von Georges Eekhoud. Wenn der Morgen dämmerte, erschien der Herbergsvater ans der Schwelle und rief, nachdem er sich gehörig geräuspert und ausgespuckt hatte, mit der näselnden Stimme eines den Zuschlag ertheilenden Auktionators:„Aufgestanden, Jungens I Eins... zwei... drei!" Ohne lveitere Aufford erung hakte er dann die die Hängebetten haltenden Gurten los und ließ das gemeinschaftliche Ruhelager sammt Inhalt auf die Gefahr hin, den Bohlenverschlag zu beschädigen, auf die Diele fallen. Paridael, der als eifriger Kriminalstudent den Verhand- lungen des Zuchtpolizei-Gerichts in Gemeinschaft seiner zer- lumpten Genossen oft genug beiwohnte, hatte es nur einem Wunder zu danken, daß er bisher noch nicht mit dem Straf- gesetz in Konflikt gekommen war. Er kannte mehr als einen Helden der berüchtigten Banden, die da draußen an der Peripherie der Stadt ihr Wesen trieben. Die Polizisten schonten ihn und betrachteten ihn als Originalität, als Sonderling und ungefährlichen Narren. Sie beobachteten ihn mehr als daß sie ihn über- wachten trotz seines intimen Verkehrs mit allerlei Galgen- vögeln und Zuchthaus-Kandidaten. Wie all die andern hatte auch er seinen Spitznamen. Es war der erste nicht. Bsjard, Saint-Fardier, Felicitas und Regina hatten ihm wegen der blühenden Farben seines Ge- sichts den Namen„Bauer" gegeben, der Gesellschaft, mit der er gegenwärtig lebte, waren dagegen zunächst seine weißen Hände, kleinen Füße und seine Glieder aufgefallen, die grob- knochigen, vierschrötigen Kerle sahen darin Merkzeichen einer vornehmen Abstamnuing und nannten ihn ails diesem Grunde den„Junker". Wie er das Kunststück zu Wege gebracht hatte, sich bei all diesen Unholden lieb Kind zu niachen, wie es kam, daß seine Leiche'nicht eines schönen Tages aus den Bassins ge- zogen oder in einem der schmutzigen Höfe gestinden wurde, bleibt ein ungelöstes Räthsel. Es war ihm im Gegentheil gelungen, sich eine Art abergläubischen Respekt und allgemeine Sympathie zu erwerben. Sie hatten ihm übrigens in der ersten Zeit zur Prüfung seiner Verläßlichkeit Fallen gestellt und hatten so reichliche Gelegenheit gehabt, sich von seiner Diskretion und Treue zu überzeugen. Um ihren ver- brecherfschen Neigungen zu schmeicheln, um ihren thatenlustigen Muth anzufeuern, um ihre Verbrechernioral zu rechtfertigen, erzählte er ihnen diesen Zweck entsprechende Beispiele aus der Geschichte und legte die Dramen Shakespeare's in diescni Sinne und einer dem Verständniß seiner Zuhörer angepaßten Bearbeitung aus. Sonntags und Montags tanzte Laurent die ganze Nacht in den von Blousen und Uniformen belebten Tanzlokalen der Vorstadt oder den Kneipen des Schifferqnarticrs, die Haupt- sächlich von„Runners" und Seeleuten besucht wurden. Zu den Klängen einer jammervollen Drehorgel, deren arg mitgenommenes Werk statt eines Tones ab und zu ein zischendes Pfeifen hören läßt, drehen sich die Paare. In der Pause, während die Paare Promeniren und dem Tanzmeister den schuldigen Tribut entrichten, geht der Hausknecht mit dem Sprengtrichtcr herum. der auf den staubigen Grund des Saales zierliche Wasserfiguren zeichnet. Dann ertönt aufs neue die klapperige Quietschmusik, die Tänzer stampfen mit Schuhen und Pantinen und kriegen ihre Schöne mit festem Griff zu packen. In der stickigen, von Schweiß- und Tabakgeruch erfüllten Atmosphäre, die wie eine grauschwarze Torfschicht über dem Saale lagert, sind die Formen der Tanzenden nur in Um- rissen zu erkennen. Mützen, Baretts, getheerte Südwester, hochthürmige Fristiren werden zuweilen in der schweren Wolke sichtbar, und nur wenn beim Eintreten oder Weggange eines Paares ein Lichtblitz von draußen durch die geöffnete Thür fällt, vermag man blaue Trikothemden, breitkragige Jacken, ein Gewirr von prallen Schenkeln und bauschigen kurzen Weiberröckcn, hohe Schifferstiefel und prallsitzende Strümpfe genauer zu unterscheiden. Hatte er die Nacht durchkneipt, dann trieb ihn das Bedürsniß nach frischer Lust hinaus zuin Doel, wo seine Freunde, die Flußpiraten, ihr Hauptquartier hatten. Am Doel ist zur Zeit der Quarantänedienst für den Antwerpener Hafen eingerichtet. Die Barkasse der Hafenpolizei hält fedes der die Scheide aufwärts fahrenden Schiffe an, der Arzt läßt sich die Schiffspapiere vorlegen und prüft die Gcsundheits- atteste. Die Schiffe, die aus dem Orient oder aus Spanien kommen, wo die Cholera wie ein blutgieriger König von Dahomey herrscht, sind genöthigt, hier vor Anker zu gehen und acht Tage auf der Höhe des ehemaligen Forts Frederic Quarantäne zu halten. Fünf Dampfer liegen bereits wie düstere Lebiathans neben einander. Sie haben die ominöse gelbe Flagge gehißt, die sie vorläufig von der Außenwelt absperrt und die selbst die sonst garnicht ängstlichen Runners in Respekt hält. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wenn erst die verdächtigen Schiffe die Wartezeit überstanden und die gereinigte Flagge wieder gezeigt haben werden, dann ist für die„Sinjoors" die Zeit gekommen, sich wie die Katzen, die einem Vögelchen, dem sie vorerst nicht beikommen können, auflalicrn, auf ihre Beute zu stürzen. Einstweilen haben sie es auf den„Delphin" abgesehen, einen großen australischen Dreimaster, der aus Holländisch-Jndien heimkehrt. Ein Looffen- boot ist ihm nach Vliessingen entgegen gefahren, um ihn nach Antwerpen zu schleppen. Gegen drei Uhr nachmittags darf man seinem Eintreffen am Doel entgegensehen. In der Er- Wartung, die Masten des signalisirten Schiffes über die Polder auftauchen zu sehen, haben sich die unternehmungslustigen Kerle auf die Jlnßböschnng ausgestreckt, hinter der das stille Dorf liegt. Die erfahrenen Aeltesten der beutegierigen Genossenschast, verwogene Gesellen mit wirrem Bart- und Haupthaar, mischen sich unter die jungen Anfänger, die bestrebt sind, es den Meistern gleichzuthun. Das kurzgeschorenc oder krause Haar der Jungen bedeckt die übliche Ballonmütze, unter deren breitem Schirm trotzige Gesichter hervorschauen, die die Merk- zeichen von Lastern aller Art tragen. Die einen, die sich von den Exzessen der letzten Nacht noch nicht erholt haben, hat der Schlaf überwältigt; andere liegen auf dem Bauche, stützen den Kopf in die Hände und lugen mit scharfen Augen nach dem Horizont. Von Ungeduld gequält, springen sie manchmal auf, gähnen, strecken die Glieder, machen ein paar Schritte, um sich dann wieder seufzend hinzuwerfen und weiter auf der Lauer zu liegen. Plötzlich kommt Bewegung in die Schaar. Einer der Vor- Posten hat den Dreimaster gesichtet, das Erscheinen der Beute hat die Kerle alles andere vergessen lassen. In wilder Hast springen sie über die Körper der Schlafenden hinweg hinunter zur Bucht, wo ihre Boote liegen. Im Handunidrehen sind die Waarenvorräthe hineiugepackt, die Ruder ergriffen, und jeder legt sich mit Bracht in die Riemen, um das ersehnte Ziel ohne Zeitverlust zu erreichen. Aber aus dem Gewirr yerauSzukommen ist nicht leicht. Die Fahrrinne ist nur schmal und das Durcheinander der dichtgedrängten Boote behindert die freie Bewegung der Ruder uinsomehr, als jeder Boots- führer bemüht ist, den Konkurrenten den Weg zu verlegen und sich dadurch einen Vortheil zu schaffen. Uebcr dein Schreien, Fluchen und Hin- und Hergestoße kommt keiner vom Fleck. Der Runner ivürde gewiß nicht davor zurückschrecken, das Boot seines besten Kameraden in Grund zu bohren, wenn es ihm dadurch gelänge, als Erster das Ziel zu erreichen. Die Bande der Kameradschaft find übrigens durch die Konkurrenz und Gewinnsucht gelöst und die guten Freunde, die eben noch aus derselben Flasche ge- trunken haben, werfen sich jetzt giffige Blicke zu, als ob sie sich am liebsten erwürgen wollten. Ein paar Schlauberger haben sich indessen das Getümmel, das zur Seeschlacht auszuarten droht, klugerweise zu nutze gemacht, um sich still und heimlich zwischen den Reihen der Kämpfenden durchzustehlen. Beim Anblick der drei Boote, die mit keckem Uebermuth über das freie Wasser hinfliegen, halten es die Kämpfenden doch für angezeigt, den Streit einzustellen. Jetzt stößt auch die Hauptmacht vom Ufer; Zank und Streit sind vergessen, jetzt handelt es sich nur noch darum, das Versäumte nachzuholen; das ge- lingt den Nachzüglern so gut und sie manövriren so geschickt, daß sie bald die drei Ausreißer eingeholt haben. Und jetzt fährt die ganze Bootsflotte Bord an Bord m gleichem Tempo dem Schiffe zu, von dem aus man das Näherkommen der Boote, die, von fern gesehen, wie ein Schwärm ziehender Fische aussehen, eifrig beobachtet. Die Mannschaft ist auf der Brücke versammelt. Der Kapitän und seine Leute wittern in den aus allen Kräften rudernden Teufelskerlen die Sendboten der Händler und Hausirer des Hafenquartiers. Der Kapitän, der nicht zum ersten Mal mit den„Haifischen des Süßwassers" zu thun hat, ist roth wie ein Puter und flucht wie ein Heide. Die Matrosen, die zwar allen Grund hätten, den sauberen Gesellen kein sonderlich gutes Angedenken zu bewahren, sind gleichwohl nicht eben ungehalten und scheinen nur ihrem Vor- gesetzten zu liebe ein wenig mitzuschimpfcn. Im Innern find sie im Gegentheil ganz ausgesöhnt mit diesen Freuden- bringern, die sie zwar gehörig rupfen, die ihnen dafür aber auch Vergnügungen tn Hülle und Fülle verschaffen. Eine Schiffslänge von dem Dreimaster entfernt rufen die Boots führer der Vorhut den Kapitän an, emen vollblütigen Engländer. der ihren Anruf mit einer Fluth von Schimpf- Worten erwidert, die in der Drohung gipfeln, sie wie ein Volk Wildenten niederknallen zu lassen. Aber die Runners kennen die Bestimmungen des Seerechts nur zu gut. Sie vermeiden die Maschen des Strafgesetzbuches so gut wie die Strom- schnellen und Untiefen der Scheide. Die Drohungen des Engländers sind nichts weiter als leere Redensarten. Er wird sich wohl in acht nehmen, sich einen bösen Handel auf den Hals zu laden, denn kein belgisches Gesetz schützt ihn gegen den Ueberfall seines Schiffes seitens der fliegenden Kolonne dieser Handeltreibenden. Das Gezeter des Kapitäns hat die Herandrängenden nicht gehindert, statt der Ruder zu den Enterhaken zu greifen, die sie am Hintertheil des Schiffes festmachen, um trotz des Pro- testes die Wand des Dreimasters zu erklettern. Die Mannschaft läßt sich nur lässig herbei, die ihr er- theilten Befehle auszuführen. Die stramme Disziplin hat sich bei der Annäherung des Hasens gelockert, die Matrosen sind wie Schuljungen am Vorabend der Ferien, nicht mehr recht bei der Sache. Nicht weniger als dreißig, von zwei bis drei Runnern besetzte Boote haben sich am Runipf des„Delphin" wie Wafferschnecken festgesaugt. Während die Matrosen zum Schein Widerstand leisten und den Angriff Backbord lässig zurückweisen, klettern andere an der Steuerbordseite des Schiffes empor. Vom Vordertheil zurückgetrieben, versuchen sie an anderer Stelle ihr Heil, oder die Galgenstricke bilden eine lebendige Leiter, die als Sturmbrücke dient. Der eine stellt sich auf den Kopf eines Burschen, der seinerseits auf den Schultern eines dritten sitzt; ein vierter klettert behende nach und dient einem fünften als Stützpunkt. So geht es weiter, bis die Menschenpyramide die gehörige Höhe erreicht hat. Bei jeder Bewegung des Schiffes, das"seine Fahrt ruhig fortsetzt, droht die Pyramide in sich zusammenzufallen, und das kleine Boot, das ihr als Untergrund dient, ist jeden Augenblick in Gefahr umzukippen. Der tolle Wagemuth der kecken Burschen macht selbst auf den Kapitän Eindruck und nöthigtc ihm die Bewunderung ab, die der Angelsachse angesichts einer wage- halsigen That stets empfindet. Noch eine letzte Anstrengung, und die kühnen Eindringlinge sind die Herren des Platzes I Jetzt, nachdem der Sturm gelungen, handell es sich darum, die Beute ehrlich zu theilen; ein heikles Unternehmen, da die Mannschaft nur zwanzig bis dreißig Köpfe zählt, während an die hundert Runner bei der Ver- theilung berücksichtigt sein wollen. Die Mattosen, die hin- und hergezcrrt werden, und auf die man in allen Sprachen und von allen Seiten zugleich einredet, wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Das Deck hat sich zur Waarenbörse umgewandelt. Von Gruppe zu Gruppe feilscht und handelt man um den Werth, den jeder Mann repräsentitt. Die er- fahrenen Veteranen der Zunft, suchen die Neulinge ein- zuschüchtem. Schon haben einige der Runner klein beigegeben, aber die Mehrzahl wehrt sich mit aller Lungcnkraft und sorgt dafür, daß sich die Berathung zum hefttgen Streit zuspitzt. Man fletscht die Zähne und erhebt drohend die Fäuste, und bald ist ein regelrechtes Handgemenge im Gange. Sie kämpfen mit der verbissenen Wuth gereizter Doggen, bearbeiten ein- ander mit den Fäusten, beißen und kratzen und scheuen auch vor der verwerflichsten Kriegslist nicht zurück. Die Mattosen hüten sich, das Kampfspiel, bei dem sie der Einsatz find, zu stören. Sie bilden einen Kreis um die Kämpfer, gefallen sich in der Rolle der Preisrichter und fühlen sich im Grunde geschmeichelt, daß man mit solch heißblüttger Leiden- schaft um sie kämpft. Ein eingeschlagenes Auge, eine ge- spaltene Lippe, ein herausgeschlagener Zahn entscheiden den Sieg. Die Besiegten treten kleinlaut den Rückzug an, klettern in ihre Boote und nehmen den Kurs wieder nach dem Doel, sofern sie nicht dem„Delphin" noch ein Stück Wegs begleiten, um die Freude zu haben, ihre siegreichen Konkurrenten durch höhnische Zurufe noch ein weniges zu ärgern. Die sind nun auch, nachdem der Sieg errungen, wieder gemüthlich geworden, die zerschundenen Gesichter sind von Blut gereinigt, die Toilette nothdürftig wieder in Ordnung gebracht, und der Raufbold. der sich eben noch als streitbarer Held bethättgte, wandelt sich im Handumdrehen in den redegewandten Hausirer, der seine Waaren gefällig anpreist. Allerlei Lebensmittel, Rauchtabak, Zigarrenkisten, Kau- tabattafeln, vor allem aber allerlei Getränke bergende Fäßchen, Bier, Wein, Schnaps, moussirende Wasser, die als Champagner herhalten müffen, mehr oder weniger verschnittener saurer Bordeaux und andere Dinge mehr werden aus den geheimniß- vollsten Verstecken hervorgezaubert. Das Schlachtfeld wird zum Jahrmarkt und auf der Stätte des Blutbades wird fröhlich bivouakirt. Die Pftopfen knallen, die Fässer werden angestochen, Flaschen und Gläser gefüllt, und die Mattosen thun ihren unwiderstehlichen Verführern lachend Bescheid. Die Vorgesetzten begnügen sich, die Ausführung der un- umgänglich nothwendigen Arbetten zu überwachen und legen der größeren Sicherheit halber selber mit Hand an. All- mälig aber unterliegen auch sie der Versuchung. „Gottlob, daß es nun bald mit dem ewigen Einerlei des Dienstes ein Ende hat! Wenn man nur erst die lästige Uniform ablegen und wieder als Mensch, meinetwegen auch als Thier leben könnte I Weshalb soll man inzwischen in Er- mangelung eines Besseren die lockenden Erfrischungen, die uns die Lumpeukerle präsenttren, von der Hand weisen? Seit geschlagenen drei Wochen setzt uns der Steward statt Brandy ein greuliches Gemisch vor, und der Magen sehnt sich auch seit langem schon nach andererKost, als Schiffszwieback, Konserven und Pökelfleisch I"_(Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplsudcLei. Sie hat eS erkaimt, die Kaiserin-Mutter von China. Sie weiß, die Wurzel des Uebels und der Unruhe zu bestimmen. Was nmchen die Entfernungen heutzutage aus, wenn man in Peking derselben Weisheit begegnet, wie an der Newa oder an der Spree? Das verdroß die gelbe Kaiserin- Mutter, daß im großen Reich der Mitte neuerdings die Zeitungsblätter wie die Pilze aufschössen. Zwei der schlimmst'en Giftpilze„Kwan-pao-chü" und„Shi-mu-pao" wurden durch ein kaiserliches Edikt vernichtet und dabei wurde. den Be- amtcn eingeschärft, den Zeitungsschreibern überhaupt strenge auf die Finger zu sehen. Denn unter den Zeitungsschreibern be- findet sich der Auswurf des Literatenftandes; sie haben jedes Ehr- gefühl verloren. Sie schmähen die Regierung, beunruhigen das Volk und fürchten sich vor niemanden?. Das Letzte ist das Schlimmste, wie die Kaiserin-Mutter von China glaubt und sie huldigt hierin merkwürdig europäischen An- schauungen. Sie weiß gar wohl, daß vor der Despekttrlichkeit der Zeitungsschreiber alter Glaube und alte Treue dahinschwinde. Wie soll die Uutctthänigkeit der Massen austecht erhalten werden, wenn es Uuverschcunte gicbt, die mit vorwitziger Neugier sich den Anton- täten nahe« und sie ganz unwürdig und respektlos untersuchen? Furcht gehört einmal zum Gehorsam. Wo man einmal zu fürchten aufgehott hat, ist es mit der gutniüthigen Gefolgschaft vorbei. Man betrachtet, man prüft, man kritisitt die Autorität: man schlägt an sie an, wie man etwa an ein Faß pocht, ob es gefüllt sei, ob leer. Und derlei können die nieisten Autoritäten mit gutem Grund nicht vertragen. Die Kaiserin-Mutter von China fühlte das Ivohl heraus und darum macht ihre Erbitterung den Eindruck so erftischender Naivctät und Ausrichtigkeit. Die Furcht austecht zu erhalten, darauf kommt es a??. Als die Thaten der Regierenden noch vom Geheimniß umwoben waren, als man sich ihnen noch mit ehr- fürchtigenr Schauern unterwarf, da war es leicht, die nöthige Suggestion auf die Massen zu üben. Heute, da man mit scharfem Licht bie in die Polizeistnbcn hineinleuchten möchte, ist es ärgerlich geworden in diesen Dingen. Ja, ja, das Regieren wird immer chwieriger, je mehr die romantischen Farben verblassen, in die es rüher gelleidet war. Die rauhen Wirllichkeiten zerstören so oft die schönste Romanttk. Kaum sind die prächttge» Wanderfahrten nach dem Orient vorüber, o kommen die alten blanken orientalischen Sorgen wieder an den hellen Tag. Der flüchtige Glanz ist verblichen und die nackte Wahr- heit bleibt bestehen. Noch ist Europa nicht mit„dein eiternden Geschwür" auf Kreta fertig geworden; und der Herr der osmanischcn Welt wendet sich an den Fnedenszar im Norden. Von ihm erwartet der Sultan noch moralische Unterstützung. Auf ihn vertrant er, von ihm erhofft er. daß ihm wenigstens die Bittermß erspart bleibe, einen Griechenprinze» als Gouverneur auf Kreta zu sehen. Trotz aller herrliche» Festtage von Stambul: die Rothlveiidigkeit ist mächtiger, als alles Schaugepräugc. Im ersten ernsthaften Moment weude't sich der Sultan nach Petersburg, wohin ihn die politische Zioth treibt. Ron, antische Stimmungen zerstieben imd verfliegen auch gern in den nüchternen Sitzungssälen parlamentarischer Körperschaften. Ein reinigendes Gewitter, und man steht llarer. So war es jüngst auch in der Versammlung der Berliner Stadtverordneten. Hier kämpfte moderne Wirklichkeit ebenfalls mit romantischem Anspruch. Die höchste Polizeigewalt hatte sich immer gerne mit gehcimiiistvollcm Nimbus un, geben. Sie wollte gleichsam unnahbar, uiifoiftrollirbar sein. Sie verlangte unbedingt enzebencs Vertrauen. Beträchtliche Reste dieser alten Anschauung, die in absoluten Monarchien sowohl wie in Städtcrepubliken anwachsen konnte, haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Sic führten zu dem eigenartigen Konflikt zwischen Stadt und Polizeipräsidinm; und sie machten im Interesse neuzeitlicher Auffassung die erbitterte Abwehr durch Paul Singer nothwendig. Das autoritäre Machtbewufftseitt. das durch das Mittel der Furcht zu herrschen gewohnt war, hat in diesen Tagen im ungarischen Parla- n,ent eine bemerkenswerthe Schlappe erlitten. In Pest war es, wo der Militarismus in einen, seiner Hanptvcrtreter, de», Honvcdmiuister Fejcrtwry, sich wieder einmal als Zuchtmesster aufspielte. Es kam zu Szenen, wie sie im Wiener Parlauicnt ähnlich waren. Die magharischen Nationalisten in ihren, überhitzte», manchnial douquixotlschen Chauvinismus sind sonst kaum dazu angethan, be- sonders herzliche Sympathien zu erwecken. Im sozialen Sinne sind diese Elemente gewist rückständig. Aber wie sie sich gegen die mili- taristische Schneid, gegen die wegiverfende Ueberhcbuug des soldatischen Ministers wehrten,' das war rcipektgebictend. Was in Wie» bisher eine unfnichtbare Demonstration blieb, das hat in Pest dank der stärkeren politischen Energie der Ungarn zu einem Rückzug des Ministers geführt. Man hat eS ihm bewiesen, dost es- nicht angehe, sich breitbeinig und herausfordernd auf den Säbel zu stützen und eine ganze politische Partei mit Jnfanüen anzugreifen. Ii, der Frage des Hcntzi-Tcnkmals, um das der Konflikt begann, handeln die Magyaren im nationalen Gedanken doch nur konsequent. Man hat mit ihnen Ausgleich und Frieden geschlossen. Die revolutionäre Erhebung von 1848 sollte vergessen sein. Das Denknial Hentzi's, eines deutschen Schweizers und treuen Dienftsoldate», erinnerte die Magyaren an ihr»aftonales Unglück, an die schwarz-gelbc Reaktion. Vielleicht waren sie zu reizbar, aber ihre nationale Empstudlichkeit ist eben grost. Sie freuten sich wie die Kinder, als sie erfuhren, das.Denkmal der Schmach" werde abgetragen und fie glaubten, dast nun ganz loyal das letzte Erinnerungs- zeichen an trübe Zeiten ans Ofen- Pest verschwunden sei. Aber man rechnete ohne die nnlitaristischen Nücke,,. Zun, Ruh», und zum Preis soldatischer Treue und Tapferkeit sollte das Hentzi-Dcnknial doch in Pest verbleiben, nur nicht an seiner früheren Stelle. Mit der einen Hand geben, mit der anderen nehmen, das must erbittern. Man braucht gewist den magyarischen Chauvinismus nicht allzu hoch eiiizuschützcn, um das zu versiehe»; und da war es gut. dast der absolute Herrenwahn eines Soldatcnministcrs eine heilsame Lehre empfing. Wenige Tage noch und auch bei uns werden die reichs- parlamentarischen Geschäfte wiederum in, gange sein. Eine ganze Anzahl neuer Männer zieht diesnial auf de», Äönigsplatz ein. Die Ouvertüre, die zur Eröffnung des Reichstags gespielt wird, klingt nicht gerade besänftigend. Polizeimittelchen und Rechtssprüche Nlaucherlei Art haben auch staatSfromme, geduldige Gemttther be- frcnidct. Auf allen Gebiete» der gleiche Ucbereifer, als wollte man Versäumtes nachholen. Mau möchte aber», als gerne als Erreger jener Furcht erscheinen, die nach dem Dekret der Kaiserin-Mutter von China ftir die Ruhe der Regierung und des Volles so heilsam ist. Vielleicht hat's der Zeitungsschreiber in China, der Auswurf des Litcratenstandes, noch schlimmer als anderswo. Aber wenn man sich über ihn so erbosen darf, so wird er wohl sich einige Freiheiten heransgenomnicn haben. Man ninst die Schivere des Vorwurfes eruicssen und bedenken, was der Literatenstand in China bedeutet. Cr ist die Aristokratie, aus ihm rckrutiren sich die Stützen der Gesell- schaft, er gicbt die Beamtet» ab, er herrscht,>vo er konservativ- aristokratisch blieb. Und aus diese,» Stand lösen sich die gelben Zeitungsschreiber los. die es um so viel besser haben könnten, wenn sie den Furchterregcrn sich beigesellten. DaS ist etwas anderes, als bei uns, wo der Zeitungsschreiber wirklich nicht zum Stolz und zur Ueberhebuug erzogen wird. Man kann sich vorstellen, wie man die renegateuhasten Enwörer hastt. So Hatzte Cicero, der Freund der Ordnung, den gefallenen Klassengenossen Catiliiia. Bei uns mutz heute der Mann der Feder einen Eiertanz aufführen lerne». Wir laufen Gefahr, dast jedes freiere Raisonnement unterdrückt wird. Lffenc Worte sind verpönt und sie brauchen gewist nicht hämisch zu klingen. Was einer zu sagen hat, das must er doch, wie es nun einmal liegt, tief in eigener Brust verwahren. So ist heute die Presse nicht Deutschlands offene Tribüne, die sie sein könnte. Es giebt nur eine offene Tribüne noch: das Parlanicitt. Alle politische Cuergie, die bei uns aufgespeichert ist. must auf dieser Tribüne sich entladen. Es gäbe einen Kampf im großen Stil: nicht in dem der berauschenden und so billig populären Phraseff, sondern im Beivuhtsein, moderne Entwickelung zäh und entschieden gegen reaktionäres Wähnen zu vertheidigen. Das bloste parlamen- tarische Spiel der Routine, der GeschäftSgcwandtheit, hat so viele schon enttänscht, ernüchtert und das Interesse am Parlamentarischen abgeschwächt. Der Zeitpunkt ist günstig, dieZ Interesse wieder zu beleben.—_ Alpha. Nleinrs FieuMekon — w—. Meine Aussicht. Mein Fenster geht zlvar auf einen engen, finsteren Hof; doch wenn ich mich ein wenig hinaiisbeuge, habe ich ein reizvolles Bild vor mir. Hinter dem schmalen Spalt, den die Hinterhäuser lassen, stosten zwei Welten aufeinander: die alte und die moderne. Aus zwei geschwärzten Rohziegelbauten klingt vom frühen Morgen bis zum Abend das Gesurre und Ge- fauche von A laschinen. Dazwischen klirrt und Hämmert es in lärmendem Rhthinus: die Musik der Arbeit, der modenieit Arbeit. Ueber die Fabriken ragen die Kronen alter Bäume. Zwischen ihrem mächtigen Geäst leuchten die hellen Mauern eines kleinen Häuschens, dessen schlichte Einfachheit etwas Leutseliges hat. Dort wohnte früher der Fabrikbesitzer. Jetzt haust im' Häuschen ein Gärtner. So sind denn seine Bäume, die Beete und Blumen noch ein Ueberbleibsel aus der Zeit, da in der ganzen Gegend mir die Gartcnwirthschast gepflegt wurde. Für die Bewohner des Fabrik- Viertels ist der Garlen' ein Schauftück und für die Bewohner der Hinterhäuser sogar ein Geschenk. Aber lange wird ihnen die Freude nicht mehr bescheert sein. Die Erbe» haben den Garten verkaust. Sein Nutzen Ivar nicht mehr groh genug. Schon jetzt überragt die Bäume ein Kirchthurm und die masfigen geschloffene» Linien moderner Straßen. Und in der einen Ecke des Gartens legen Arbeiter die Bäume nieder. Wenige Wochen noch— die Bäume find alle abgehauen, im Boden wühlen Arbeiterschaaren, Wagen fahren die ausgcyobenc Erde fort, und die Mauern des Hänschens werden anscinandcrgeschlagen. Uebers Jahr erheben sich vor dein Spalt meines HofeS nichts als Hinterhäuser und schmutzige Fabrikbauten. Schornsteine schreiben ihre häßliche Schrift an den Hunmel, und die Musik der Arbeit ist zum unerträglichen Lärm geworden.-- — AuS einer Kamiliciichroiiik thcilt daß„Leipz. Tagebl.' nach« stehenden Eintrag mit:.Wie ich bei des Schmiedes Meisterstück wohl bezecht nach Hanse gekommen, weint? meine Frau darob. Als ich den Rausch ausgeschlafen hatte, sagte ich zu meine, n Bärbel:.DaS soll nicht wieder geschehen, vcrgieb's nur, Bärbell" Ich lebte gar ehrbar und häuslich und war nur selten»och im WirthshauS zu sehen. Mittags asten ivir unser Pfttndlein Fleisch, und des SonutagS liest mein liebes Weib eine halbe Maast Wein für mich auS dem .Rothen Löwen" holen. Einmal, als es mir besonders gut schnieckte, schickte ich„ach dem Essen das Biiblein heimlich in den Lötven, daß es noch eine Halbe holen sollte. AlS aber das Büblein die ztveite Halbe brachte und aus den Tisch stellte, schaute mich die Frau bittend an und sagte:„Mänuchen, last jetzt gut sein, weiht Du nicht, waS im Doktorbuche steht, dast der Magen nach den, Essen geschloffen sein soll?" Dem ciitgcgci, schaute ich so lieb und freundlich erst den Wein und dau» die Bärbel an, und sagte:„Liebes Weiblein, sei un- besorgt. Soll der Magen auch geschlossen sein, soviel bringe ich wohl »ock, durch das Schlüsselloch I" Da lachte Bärbel und wir haben eine Halbe miteinander ausgetrunken." Sollte dem Mann, als er solches schrieb, nicht die Frau über die Schulter gesehen haben?— Theater. Im Berliner Theater brachte man a>n Freitag zwei Novitätc,,: das dramatische Gedicht.Die Rose vom Kauka» sus" von Studolf v. Gottschall und das moderne Schauspiel .Die thörichte Liebe" von Wolters und G j e l l e r u p. Der frühere Demokrat und jetzige Hofrnth Gottschall schrieb in der.Rose vo», Kaulasus" ein beruhigendes Gedicht. Jamben reihen sich an Janibcn, und das einschläfenidc Vcrsgckliugel wird durch keinen unsauberen Ton von trotziger Selbstäudigleft unterbrochen. Schon der Titel n lacht sich prächtig:.Rose vom KaukasnS", wie romantisch 1 lieber das durchaus epigonenhafte Gedicht läßt sich wirk- sich nicht viel sagen. Selbst das Heroische darin verläuft glatt und nach der Schnlrcgcl. Ein Jarcukuecht und Menschenschlächter, der Fürst Dscherikoff, hat die schöne Sarcma erbeutet. Sarcma liebt den Eroberer. Zu spät erkennt das freie Kind der kaukasischen Alpen, wem sie ihr�Herz geopfert hat. Sie eilt zu ihrem Volk zurück: wie eine mohamedanische Jungfrau von Orleans ergreist sie die Fahne des Propheten und führt ihre Krieger zum Sieg. So hat sie ihr Volk gerächt, und da sie den Nuffenfürsten dennoch liebt, tödtet sie sich und stirbt zu Füßen des kriegsgefangenen Dscherikoff. Herr S o in n, c r s t o r f f und Frau G e st u e r legten in die flachen Verse„och ettvas Wärme. Auf russische», Gesellschastsboden spielt daS Schauspiel Gjcllerup'S, eines Skaudinaviers, der in Dresden lebt, und sich mit dem DroS- dener Wolters verbündet hat. Die Studie.Thörichte Liebe" be- wegt sich auf mittleren Bahnen. Das Problem ist nicht so tief erfaßt, als daß zum Schluß nicht der übliche gute Ausgang gefunden werden könnte; andererseits ist es als gesellschaftliche Studie nicht uninteressant, im einzelnen lebendig. So' in der Schilderung einer rinmrten aristokratischen Familie, deren erstgeborene Tochter, ein junges Mädchen, einen reichen Vierziger Heirathen soll. Von der Mutter, den Geschwistern bedrängt, weiß Sonja nicht recht, ob sie sich opfern soll, ob sie den älteren Mann wirklich liebe. Der Nabob selbst will aber mit„thorichter Liebe' geliebt werden, mit der Liebe, die„einen Krüppel dem Schönen, einen Hansnarren dem Weisen vorzieht". Den Konstantin Nikolajelvitsch hat sein Reichthum scheil und empfindlich gemacht. Er trennt sich von Sonja, da er sie zur Er- klärung nöthigt, ihm nicht die„thörichte Liebe" entgegenbringen zu können. Damit hätte die Studie beendet sein können; aber die Autoren besannen sich auf einen lehrhasten und theatralischen Schluß. Nach zwei Jahren haben sich Sonja und Konstantin in Dresden getroffen. Konstantin ist der mißtrauische Krösus nicht mehr und Sonja, die Gereiste, liebt nun ihren Konstantin um seiner selbst willen. Das Publikum Ivurde trotz dem„bestiedigenden Schluß" nicht recht warm. Stahl gab den Grafen Konstantin in gemessener, inänn- kicher Würde.——st. �r. Das Schiller-Theater brachte am Freitag eine Aufführung von Anzengruber's Volksstück„Das vierte Gebot". Es ist immer eine Freude, den österreichischen Dichter im Kainpfe gegen den bevormundenden Geist zu sehen: und so wirkte denn auch an dieser Stätte die Anklage gegen den Mißbrauch der elterlichen Autorität durch die Wucht ihres sittlichen und dramatischen Gehalts. Das Schiller-Theater, das im Laufe der letzten Jahre die nieistcn Stücke Anzengruber's gegeben hat, suchte auch diesmal dem Dichter durch eine durchloeg gute Darstellung gerecht zu werden; sehr zu loben ist, daß man es sorgsam vernüed, die tragischen Bilder ins Weinerliche zu verzerren. So stellte Herr T h u r n e r den Soldaten Martin auch in der erschütternden Schlußszene als den Mann dar, der sich noch in der letzten Stunde ein gutes Theil selbstbewußter Jugendkraft bewahrt hat, und machte dadurch die be- harrliche Weigerung des Mörders, seine leichtfertigen Eltern zu sehen, begreiflich. Wirksam gab Agnes Werner in dieser Szene dem Schttterz der alten Hedivig Ausdruck. Wenn wir nur noch Frl. Meyer und Herrn O l m a r als unglückliches Ehepaar an- erkennend erwähnen, so sollen damit die Leistungen der übrigen Mitwirkenden keineswegs herabgewürdigt tverden. Medizinisches. — Verrenkung des Augapfels durch Schneuzen. Ein solcher sonderbarer Unglücksfall ist jüngst in die Behandlung eines Arztes gekomnren. Es handelte sich um einen Glasbläser, dessen Augen sonst ganz gesund waren. Eines Tages, als er eben eine größere Flasche hergestellt hatte und sie bei Seite stellen wollte, trieb ihm ein Windstoß scharfe Gase ins Gesicht, die ihn zum Niesen und heftigen Schneuzen reizten. Dabei sei ihm, so erzählte er dem Arzt, unter heftigen Schmerzen sein rechtes Auge aus der Augenhöhle gefallen, das ein zu Hilfe gerufener Arbeits- kollege nur mit ziemlicher Geivalt habe zurückdrängen können. Auf dem Wege zum Arzt hätte er wieder schneuzen müssen, und dabei sei ihm dasselbe nochmals passirt; er habe indeß das Auge selbst zurnckgedrückt. Als er so Dr. Schanz, dem Arzt, den Hergang schilderte, fing der Mann ivicder an zu schneuzen, und ehe Dr. Schanz zufassen konnte, schnappte das Auge vor die Lieder. Bei näherer Untersuchung fand der Arzt, daß diese und deren Umgebung stark durch Luft aufgetrieben waren und beim Betasten deutlich knisterten. Der Mann war, wie schon bemerkt, Glasbläser; er blies nicht, wie seine Kollegen, mit den Lungen, sondern mit den Backen. Dabei blies er nicht nur die Backen, sondern die Ohrspeicheldrüse mit auf, die als dicke Wurst ihm bis hinter die Ohren reichte. Der Druck in der Mundhöhle war außerordentlich hoch. Wenn er nun schneuzen mußte, so wandte er dabei dieselbe Lt'rast an, die er sonst beim Blasen gebrauchte. Durch den hohen Luftdruck in der Nase bewirkte er auch Auf- treibung in den Nebenhöhlen; diese hatte an einer Stelle nach der Augenhöhle zu zum Schtvunde des dünnen Knochens geführt, ein weiteres starkes Schneuzen sprengte die Haut, welche die Knochenlncke überspannte und ließ Luft in das Gewebe um die Augenhöhle durchtreten. Das aufgetriebene Gewebe drängte dann den Augapfel aus der Augenhöhle heraus. Durch stärkeren Druck auf die Lider und den Augapfel ließ sich die Lnstgeschwulst zum theil zurückdrücken. Der Mann ivurde auf die Gefährlichkeit des Schneuzcns aufmerksam gemacht, und im Laufe einer Woche war die Lustgcschivulst verschwunden. DaS Sehvennögen hatte sich auf dem Auge ein wenig verschlechtert, aber sonst ivar nichts zurückgeblieben.— t.Tägl. Liundsch.") Aus dem Pflanzenleben. Uro. Spätblühe r. Man schreibt uns: Welchen hartnäckigen Widerstand die Vegetation dem nahenden Winter entgegensetzt, konnte Schreiber dieser Zeilen am 16. November beobachten. Auf einem kurzen Spaziergange am Rande der Briesewicsen bei Birkenwerder konnte er noch 14 Pflanzenarten im blühenden Zustande konstatiren. Am Rande der Wiesen blühte zahlreich liegendes Fünf- f i n g e r k r a u t, Gänseblümchen, ivahreiid sich an feuchten Stellen Sumpfdistel, scharfer ruid brennender Hahnenfuß und Kuckuks nelke in Blüthe fanden. Auf trockeneren Waldstellen leuchteten vereinzelt noch die gelben Köpfchen des Habichtskrautes, und auch die E r i k a zeigte hier und da«och frische Blüthen. In de» Gärten blühten Ringelblumen noch sehr reichlich und am Rande der Dorf- Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Ber siraßen Feld-Stief Mütterchen, Schafgarbe, rothe Taubnessel, Vogelmiere und Erixorori canadensis. Von den genannten Pflanzen kann man in schneearmen Jahren Gänse- blümchen und Vogelmiere fast das ganze Jahr hindurch in Blüthe antreffen. Bei den übrigen genannten Pflanzen handelt es sich um eine zweite Blüthezeit, wie z. B. beim scharfen Hcchnenfuß, oder um verspätete Blüthen, wie bei der Erika. Die 14 Pflanzen ergaben einen novemberniäßig trüben Strauß, aber doch einen Strauß I— Auf einer mehrere Tage darauf bei Straußberg unternonnncnen Exkursion zählte ich 2ö blühende Pflanzen, darunter den belannten Löwenzahn.— Astronomisches. t. Ein neuer veränderlicher Stern ist von der Fran des Moskauer Astronomen Ceraski im Sternbilde des Fuhr- mann entdeckt worden; aufgefunden wurde er auf einer Photographie der betreffenden Himmelsgegend, die vom Assistenten der Moskauer Sternwarte aufgenommen worden war. Die Helligkeit des neuen Sternes wurde' im April d. I. durch Vergleich mit benachbarten Sternen auf die Größe 8,9 geschätzt, während man jetzt in dem großen Fernrohre der Sternwarte nicht die geringste Spur von dem Himmelskörper entdecken kaim. Diese Mittheilung wurde im letzten Heft der„Astronomischen Nachrichten" veröffentlicht.— Meteorologisches. — Heber den Einfluß des MondeS auf die Be» w ö l k u n g hat ein französischer Meteorologe Coeurdcvache elf Jahre hindurch eingehende Beobachtungen angestellt, aus denen sich nach der„Meteorol. Zeiffchr." ergicbt, daß der tägliche Gang der Be- wölkung bei allen Mondvierteln der gleiche ist; auch die mittlere Bewölkung ist bei Neumond und Vollmond dieselbe. Die Meinung, daß der Mond einen merklichen Einfluß auf die Zerstreuung der Wolken habe, ist deshalb irrig. Im allgemeinen nimmt die Bewölkung des Abends etwas ab; da aber bei Vollmond diese That- fache viel mehr in die Augen fällt, hat man sie zu unrecht wesentlich dem Monde selbst zugeschrieben.— Humoristisches. — Boshaft. Sonntagsjäger:„Herr Förster, gestern habe ich einen Hasen geschossen!" F ö r st e r:„Drum Hab' ich's den ganzen Vormittag in Ihrem Revier knallen hören!"— — Man muß sich zu helfen wissen. Schmieren- Schauspieler:„Herr Direktor, ich kann heute im„Torquato T a s s o" nicht auftreten— ich Hab' einen geschwollenen Backen und gräßlich Schmerzen!" Direktor:„Mackt nichts. Ich Iverde gleich im Anfang eine Raufszene einlegen, und können Sie dann in diesein Zustand ungenrrt austreten!"— („Flieg. Bl") — Eine Strafpredigt. Oc st erreicht s cher Ghm- nasiallehrer:„Ja, so sind s'jetzt I Trinken thun j', und rauchen thun s', und in's Theater geh'» thun s'. und tanzen thun s', und poussiren thun s', aber thun thun s' nix!"— Vermischtes vom Tage. — Die Verkagshandlnng Laugen in München hat die im„Sim- plicissimus" erschienenen Zeichnungen von I. B. Engl unter dem Titel„160 L n sti g e B i I d e r u n d W i tz e" in Buchform heraus- gegeben. Preis 8,50 M.— — Ein Aufseher ans dem Nittelgute L Ii d e r i tz(Kreis Stendal) ivurde auf freiem Felde von zwei Wilddieben er- schössen.— — In einem Restaurant zu P e t t a u(Steiermark) geriethur zwei Offiziere mit einem Gutsbesitzer in Streit, in dessen Verlauf der letztere durch einen Säbelhieb schwer ver- letzt wurde.— — Auf der Straße zlvischen Jarnsdorf und Kittsee in der Nähe von Preßburg wurde ein ISjähriges Bauernmädchen in bestialischer Weise ermordet aufgefunden.— — Vor Hunger gestorben ist in P e st ein junger ungarischer S ch r i f't st e l l e r. Eine.Krankheit hatte ihm die Arbeits- träft geraubt. MS er völlig erschöpft aufgefunden und ins Hospital geliefert wurde, Ivar es bereits zii spät.— — In Paris wurde eine Diebsgesellschaft von etiva 20 Personen verhaftet, die mit Hilfe vertauschter Koffer innerhalb vier Jahren ca. 1 Million Franks znsanimcngcstohlen hatte.— — In L i v o r n o ivurde ein P o l i z e i s c r g e a n t am Nach- mittag auf offener Straße durch einen Dolchstich in die Kehle g e- t ö d t e t.— — Von dem in der Nähe von N e e d l e s gestrandeten Drei- mastschooner„ E r n st" sind noch vier Matrosen gerettet. Sie trieben in der Nähe von Christchurch auf Flößen an Land. Zwei Matrosen sind ertrunken.— — Der dreitägige Orkan, der an der nördlichen Küste Nortvegens und auf den L o f o t e n herrschte, hat viel Schäden an Häusern, Bolliverken und Fischerbooten angerichtet. Vier Menschen wurden gctödtet.— in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.