Hlntcrhaltuiigsblatt des Vorwärts Ntr. 232. Dienstag, den 29. November. 1898 (Nachdruck verboten.) W Lten- NArkhago. Noman von Georges Eekhoud. So etwa lautet das Selbstgespräch der Offiziere, während sie mit großen Schritten auf dem Deck herumrennen, und selbst der strenge Kapitän hat eine Anwandlung von Schtvüche und Nachsicht, die man sonst an ihm nicht kennt. Einer der Runner muß den Stimmmrgsumschwnng ge- ahnt haben, denn er nähert sich mit schleichender Liebedienerei dem Alten und präsentirt ihm ein Glas eines schäumenden Gemisches.„Ein Glas Champagner gefällig, Herr Kapitän?" Der also Angeredete wirft dem kecken Burschen einen wiithenden Blick zu, aber der grimme Fluch, zu dem sich der Mund öffnet, erstirbt in den borstigen Haaren des grauen Schnauz- bartcs, ein verlegenes Lächeln unispielt die Lippen, und die Rechte greift begehrlich nach dem Glase. Der alte Herr leert es auf einen Zug, schnalzt nnt der Zunge und reicht es dem jungen Mundschenk zurück, nicht um das Glas dem Eigenthnmcr wieder zuzustellen, sondern es anfs neue fällen zu lassen. Das verschmitzte Vnrschchcn, das feine Tugend so schnöde zu Falle gebracht, erregt das lebhafte Interesse des Kapitäns, eines stark puritanisch angehauchten Presbytettaners strenger Observanz. Wie die Mehrzahl seinesgleichen trägt auch dieser Runner ein die Marine- Uniform imitirendes Fantasiekostnm, er sieht so einem Schiffs- jungen ziemlich ähnlich, nur das mädchenhafte Gesicht und die Form der Hüften und Schenkel unterscheiden ihn von den anderen Genossen.„Wie Teufel kriegt's das Höllengesiudel nur fertig, solch schmucke Rekruten aufzutreiben," murmelt der würdige Herr in den Bart und will sich eben zum Gehen wenden, als ihm der vorgebliche Runner plötzlich um den Hals fällt und sich schamhaft als verkleidetes Mädchen zu er- kennen giebt. „Schockschwcrenoth I"»vettert der Alte,„das Gesindel ist iin Stande, uns ein ganzes Weiberhaus an Bord zu bringen I" „Zu Befehl, Herr Kapitän," kichert der Schelm und zeigt mit dem Finger auf die Offiziere, die bei dem sie»in- tänzelnden Runner die gleiche Entdeckung wie ihr Kapitän gemacht haben. Die Anwesenheit der Weiber hat den Matrosen Appettt gemacht und läßt ihnen die halbe Stunde, die sie noch von den Qnailokalen der Hafenstadt trennt, als Elvigkeit er- scheinen. Das Ziel ist endlich erreicht, der„Delphin" fährt in den Hafen ein. Noch eine letzte Biegung des vielfach gekrümmten Flußlaufes, und das Panorama Antiverpens breitet sich in seiner ganzen Herrlichkeit vor den Augen der Ankommenden ans: ein Gelvirr von Magazinen, Speichern, Monumenten, Thürmen und Glockcnstühlen und über das Gelvirr hinausragend der schlanke Spitz thurni der Kathedrale. Wie ein treuer, ins Land ausschauender Wächter warnt er seine Schutzbefohlenen vor den lockenden Listen und Ränken des Versuchers, der unten zu seinen Füßen der Opfer lauert, der Schlange gleich, die sich im Schatten des Lebens- baumes verbirgt. Die untergehende Sonne läßt das Herr- liche Bauwerk in zartem Blaßrosa aufleuchten, sie spiegelt ihr Flammenbild in dem aus Stein gelvebten Spitzcnbehang, und gleichzeitig mit dem Dohlenvolk, das in seinem Thurni nistet, flattern die Töne der Glocken hinaus in die Weite. Aber die Leute vom„Delphin" erheben ihre Augen nicht zur Höhe und hören ebensowenig die Klänge der Abendglocken. Der Seemann hat selbst im Angesicht seines Schutz- geistcs nur noch Ohren für die verführerische Zurede der Kuppler und nur noch Augen für die Häuser in den engen Gäßchen, deren rothc Fenster»vie verderben- bringende Leuchtfeuer durch die Nacht glühen. Sobald er den Fuß ans Land gesetzt, verschleppen ihn die Runncr ohne viel Mühe in die verschwiegeneu Lokale, wo Kuppler und Dirnen in edlem Bunde»vetteifem, den Bethörten aus- zuplündern. Die Runner strecken dem Mattosen einen Theil seines Hungerlohns vor und bestimmen ihn, die paar Gold- stücke, die den Lohn seiner mühseligen Arbeit bilden, in den Händen des Wirthes zurückzulassen. Von Stunde an ist er ihnen mit Haut und Haar verfallen. Aus den Armen der Dirne wendet er sich in die seines sauberen Führers zurück, der dafür sorgt, daß er sich bald um Sinn und Verstand getrunken hat. Man halst ihm allerlei un- nützen Krimskrams auf, den er zehn- und zwanzig- mal über den Werth bezahlen muß und den er in seiner Trunkenheit mit vollen Händen unter seine Begleiter vertheilt. Ohne diese geht er überhaupt nicht niehr aus, er bleibt von früh bis Abend unter ständiger Bcivachung. Jeden Morgen erhält er von seinem Mentor ein Goldstück in die Hand gedrückt und jeden Abend hat der lustige Bruder sein Taschengeld getvissenhaft ausgegeben. Er giebt das Geld so sorglos ans, als tvärc ihm Fortnna's Börse zu eigen. Er fällt deshalb auch aus allen Wolken, als ihm sein freundlicher Führer und Bankier eines schönen Tages eine Rechnung überreicht, die ihn darüber belehrt, daß er dem Dar- lehnsgcber mehr als das Doppelte von dem, was er noch zu besitzen glaubte, schuldet. Diesmal reißt dem Burschen der Geduldsfaden, er gebcrdet sich wie ein Wilder und erhebt drohend die Fäuste, aber in Vorahnung dieser unausbleib- lichen Auseinandersetzung hat sich der Runner mit einer Schutz- »vache seiner Genossen umgeben. Er bedroht den Ausgeplün- dcrtcn seinerseits mit einer Anzeige beim Secgericht, einer Behörde, unter der sich der Einfaltspinsel eine Art Jnqui- sitionsgericht vorstellt. Die Drohung genügt, den Wider- spenstigen kirre zu machen, der heftigen Ansivallung folgt die Niedergeschlagenheit auf dem Fuße. Ehe er ins Gefängniß »vandert,»vill er lieber mit seinem Blute bezahlen. Und nun folgt die traurigste Phase in der Leidensgeschichte des diesen Blutsaugern zum Opfer gefallenen Matrosen. Der Kaufmann von Venedig nahm seinem zahlungs- unfähigen Schuldner nur ein Pfund seines Fleisches, die Ant- Werpener Shylock's schlachten den armen Teufel, der seinen Verpflichtungen nicht nachkommen kann, dagegen moralisch aus, indem sie ihn in ein ganzes Netz von Pflichtverletzungen verstricken; siczlvingen ihn zurDesertion.verschaffendcmKontrakt- brüchigen einen neuen Hencrvertrag, streichen das Handgeld ein, lassen ihn einen zweiten Vertrag unterzeichnen, führen sich auch diescnz»veitenVorschnßzuGemütheund>viederholcndas Spiel, bis die Konsulatsbchörde aufmerksam wird und Anstalten trifft, sich ins Mittel zu legen. Sie haben ihr Opfer»vie eine Zitrone ausgequetscht, be- klagen sich indessen gleichlvohl, daß der Mann bei ihnen noch tief in der Kreide steht. Der Kerl»vird ihnen auf die Dauer unbequem, am Ende könnte er doch in der Vcrzlveiflung einen Schritt»vagen, der seine Peiniger ins Unglück stürzt, und deshalb verschleppen sie den Willenlosen in eine Spelunke außerhalb der Fcstungslverke und verschachern ihn dort an einen von Geluisscnsbedenken nicht geplagten Kapitän. In einer dunklen Nacht schafft dann derselbe Runner, der dem Matrosen des„Delphin" ein so liebensivürdigcr Führer und Berather»var, denselben Manu als Deserteur in aller Heim- lichkeit an Bord des Schiffes. Kaum ist er»vieder in seinem Eleineut und zu der gelvohnten Beschäftigung zurückgekehrt, so hat der Matrose auch schon all die Ränke und Kniffe, denen er zum Opfer gefallen, vcr- gessen, und wenn der arine Teufel von der langen Reise zurückkehrt, ist tausend gegen eins zu»vcttcn, daß er»vieder in die alte Falle gehen und den Seelenverkäufern der Scheide Gut und Blut überlassen»vird. XXV. Der Verkehr»nit den Elendesten und Aermsten der groß- städtischen Bevölkerung hatte die naturgemäße Folge, daß Laurent Paridacl sein Geld nnt vollen Händen austheilte. Es schien fast, als ob er Eile hatte, mit thunlichster Beschleunigung den letzten Pfennig an den Mann zu bringen, um auch in seiner materiellen Lage den Gefährten gleich zu sein. Der Ekel, den ihm das Geld am Tage seiner Größjährigkcits- Erklärung einflößte, hatte sich nach der Aussprache mit den Tilbak's wesentlich gesteigert. In seinen Augen verkörperte das Kapital»vie das Rhcingold der Wagner'schcn Tetralogie eine böse, verderbenbringende Macht, die alles Menschenelend herbeiführt, und deren» finstern Walten er auch sein pcrsön- liches Unglück zuschrieb. Hatte ihn nicht das Geld von Regina wie von Henrieite getmmt, dasselbe Geld, das ihn� nicht einmal in den Stand setzte, seine lieben Freunde aus der„Kokusnuß" in Antwerpen zurückzichalten? Der Dämon sollte ihn aber nicht lange mehr narren. Wenn er es so weiter trieb, mußte er sich in Jahresfrist des Mammons entledigt haben. Seit der Abfahrt der Auswanderer und seinem Streit mit Bergmans konnte er schalten und walten wie er wollte. Keine Aufsicht, keine mahnende Zu- spräche hinderte ihn mehr, das schmutzige Geld, das er just so verachtete, wie es die Kaufmannschaft seiner Vaterstadt der- götterte, auf die Straße zu werfen. In Ausübung dieser Thätigkeit erfand er immer neue Streiche, die dazu angethan waren, bei der schreckhaften, prüden Bourgeoisie Anstoß und Aergerniß zu erregen, so daß seine Vergeudungssucht den Protzen und allen auf Zucht und Ordnung haltenden Gutgesinnten als eitel gotteslästerliches Thun erscheinen mußte. Man hätte ihn zur Roth seine aller Sitte Hohn sprechende Pöbelei, seine Auflehnung gegen die Gesellschaftsmoral verziehen, aber für diese sinnlose Ver- schwendung gab es auch in den Augen der Langmüthigen keine Entschuldigung. Hatte er es sich nicht bcifallen lasten, bei helllichtem Tage, angeheitert wie er war, in Gesellschaft eines Stallmeisters und des Schulreiters eines zu Grunde gegangenen Schmieren- zirkus in den belebtesten Straßen zu flaniren, um die ge- schäftseifrigen Leute, die sich zur Börse begaben, zu verhöhnen? Um das Aergerniß voll zu machen, marschirte vor den drei sauberen Kumpanen der Hausdiener des Restaurants, in jeder Hand eine Flasche Champagner als Wahrzeichen und Banner schwingend. So ausgerüstet erkletterten die Herrschasten den Hauptthurm bis zur letzten Galerie über der Glockenstube, tranken, dort angekonimen, in aller Gemüthlichkeit ihren Chanrpagner aus und warfen die leeren Flaschen auf den Platz hinunter. Aber alle diese Exzeste entsprangen im Grunde einem edelen Beweggrund, es war das Bedürfniß, sich auszuleben, die Schwachen zu schützen, den Mühseligen und Beladenen einen Augenblick der Frende zu schaffen, das sich in dieser zügellosen Art bethätigte. Auf Erkenntlichkeit machte er keinen Anspruch. Den armen Teufeln, die sich in Danksagungen er- schöpften, schnitt er kurz das Wort ab:„Nehmen Sie nur und machen Sie wegen der Kleinigkeit weiter kein Aufhebens I" Seine Mild- und Liebesthätigkeit ging über alles Maß hinaus und ging ohne Ziel und Plan ihre eigenen Wege. Er verhalf einem entlaufenen Militärsträfling zur Flucht, befreite eine Anzahl Matrosen aus den Krallen ihrer Manichäer, ermög- lichte Auswanderern die Rückkehr in die Heimath und nahm auch keinen Anstand, einem steckbrieflich verfolgten Verbrecher Unterschlupf zu gewähren. Einen ganzen Winter lang, einen schrecklichen Winter, während dessen ganzer Dauer die Scheide vom Eise blokirt war, besuchte er die Wohnungen der Tagelöhner und Hand- langer. Er gab sich als Vertrauensmann irgend einer wohl- thätigen Stiftung aus, legte still und heimlich alle Baarmittel, die er bei sich hatte, auf den Tisch, und ehe noch die also Be- schenkten Zeit gefunden, ihrem freudigen Erstaunen über die ansehnliche Gabe Ausdruck zu geben, war der Wohlthäter schon Hals über Kopf die Treppen heruntergeeilt, als hätte er irgend eine böse That auf dem Gewissen, Unter all den jammervollen Stätten, die er im Verlaufe dieses Winters zu sehen bekam, prägte sich besonders das Bild der Dachkammer in sein Gedächtniß, mit dem Nest von kleinen Andern im Alter von ein bis sünf Jahren, die in einer mit verfaultem Stroh ausgelegten Kiste verkümmerten. Das klägliche Wimmern der Kleinen und das Zucken der ab- gemagerten Körperchen zauberte ihm das leibhaftige Bild des Hungers vor die Augen, wie er in grauenhafter Ver- körperung über das«rbärmliche Lager geneigt, seine Krallen in die annseligen Leiber der Kinder eingrub und sie zer- fleischte wie der Rechen, der auf dem abgeernteten Stoppelfeld kümmerliche Nachlese hält. Fern von dem Jammerlager in der äußersten Ecke der Kammer hockte der Vater. Der stämmige, widerstandsfähige Hafenarbeiter hatte das Hunger- dasein besser ausgehalten als seine Frau, die dem Elend er- legen war und ihn mit den Kindern zurückgelassen hatte. Schimpfend und mit den Händen fuchtelnd bedeutete der Un- glückliche dem Eindringling, ihn von seiner lästigen Gegenwart zu befteien, aber das Wimmern der hungernden Kleinen be- stimmte Laurent, die Aufforderung unberücksichtigt zu lasten, an den Verzweifelten heranzutreten und ihm ein Zwanzig- Frankstück in die Hand zu drücken. Aber die Hand nahm das Goldstück nicht, und die Augen des Mannes wandten sich wie von dem gleißenden Goldglanz geblendet, der Mauer zu. Laurent's erneuerter Versuch, dem Manne das Geldstück in die Hand gleiten zu lasten, mißglückte wie der erste. Für die plumpen Finger schien die Last zu schwer. Das Goldstück fiel klirrend zn Boden, und das helle Klingen des aufschlagenden Metalles klang wie der Ton der Sterbeglocke, wie eine nahende Schicksalsstimme an Laurent's Ohr. (Fortsetzung folgt.) Gegvn tftn LttksDbeukel. Eine ärztliche Mahnung für Mütter. Einer der widerwärtigsten, ungesundesten und verbreitctsten Miß- bräuche bei der Pflege kleiner Kinder ist die Anwendung des Lutsch- beutels, auch Nuckelchen oder Zulp geschmackvoll benamset. Fragt man die Mütter, weshalb sie den Kindern dieses unsaubere Ding in den Mund stecken, trotzdem sie wissen, wie wichtig die Neinhaltung des Mundes gerade bei kleinen Kindern und besonders bei Säug- lingen ist, so erhält man die stereotype Antwort:.Zur Beruhigung, dannt es nicht schreit." Warum schreit aber ein Kind? Sehr häufig, weil es irgend ein Unbehagen verspürt. Es kann z. B. Hunger haben, oder die Nahrung sagt ihm nicht zu, es kann naß liegen, dieKleidnng kann es drücken, es hat vielleicht au einer versteckten Stelle einen Ausschlag oder einen kleinen Furunkel, es wird vielleicht von einem der kleinsten thierischcn Plage- gcister, etwa cineiu Floh, geärgert. Für alle diese Ucdel ist das erste und oft auch das einzige Universalmittel gedankenloser oder träger Mütter und Wärterinneu der Zulp. Klüger und namentlich besser für das Kind wäre es, erst nachzusehen, ob einer der genannten Anlässe die Unruhe des kleinen Schreiers erklärt. Ob die Nahrung ihm bekommt, wird eine vernünftige Mutter ans dem Vorhanden- sein oder Fehlen anderer Symptome, wie Erbrechen, Durchfall, Abnahme des Körpergewichts, erkennen, nöthigcnfalls mit Hilfe des Arztes. Ist aber keiner dieser Anlässe zu finden, sieht das Kind gut aus, ist es fieberfrei, worüber das Thermometer, nicht die auf- gelegte Hand Aufschluß giebt, schreit es kräftig, so— mag es schreien. Für das Kind, das noch nicht sprechen und singen kann, ist eben das Schreien die einzige Art, wie es seine Lungen übt. Ein solches gesundes Schreien soll den Ohren der Eltern eigentlich eine wohlgefällige Musik sein: es darf sie eben so wenig stören als später das unaufhörliche, scheinbar zwecklose Plappern. Wird einem schreienden Kinde der Lutschbcutel in den Mund gesteckt, so wird es freilich, leider nur zu oft, benihigt. Hat es Hunger oder ein anderes körperliches Unbehagen, so wird es durch die Thätigkeit des Saugcns, die dadurch bedingte Absonderung und das Verschlucken des Speichels abgelenkt, beschäftigt und über seinen Hunger oder seine Schmerzen getäuscht. Getäuscht aber wird mich die Mutter, die da glaubt, alles sei in bester Ordnung, wenn nur das Kind nicht schreit. Denn die Nachthcile des Zulps übertvicgeu bei weitem den scheinbaren augenblicklichen Vortheil. Abgesehen davon, daß das Saugen an diesem ekelhaften Jnstniment für die Kinder eine Vorschule des hätzlichen, ungesunden sog. Nuppelns (Saugen und Nagen an den Fingern) ist, giebt der Lutschbentcl auch eine Brutstätte gesundheitsgesährlichcr Unsauberkcit ab, da sich an dem vom Speichel rauh und rissig gewordenen Gummi allerlei Pilze und Schmutzpartikel ansiedeln, die in der warmen Feuchtigkeit des Mundes gedeihen und Veranlassung zu Erlranknngcu der Mund- schleimhaut und des Magens geben können. Auch ist es leicht zu verstehen, daß der durch das Saugen reichlich produzirte Speichel verschluckt werden und die Verdauungssäfte verdünnen und umvirk- sam machen kann, so datz die Nahrung schlechter ausgenutzt wird. Eine noch grotzcre und unmittelbarere Gefahr liegt in der Möglich- keit, daß das Kind den Lutschbcutel im Schlafe immer fester ansaugen kann, bis er den Kchlkopfeingang verlegt und das Kind ersticken läßt. Das ist durchaus kein theoretisches Schreckbild, sondern eine wieder- holte Beobachtung, die erst jüngst ein in allen Berliner Blättern be- richteter Fall bestätigt hat. Wie sehr die Kinder sich an dieses gefährliche und ckelhakte Ding gewöhnen, und wie gedankenlos Eltern sei» können, sieht der Arzt oft, wenn er zu drei- ja vierjährigen Kindern gerufen wird, die ihm mit dem Zulp im speichelnden Munde entgegentreten. Es sollen, meine ich, diese sehr einfachen Erwägungen und Erfahrungen genügen, alle Mütter zu veranlassen, den Zulp trotz der schwerwiegenden Empfehlungen, die alte Hebammen ihm immer noch mitgeben, aus dem Muude, besser noch aus dem Zimmer ihrer Kinder zu entfernen, selbst auf die Gefahr hin, sich eimge Tage das Geschrei der ihres Spielzeugs beraubten Kleinen anhören zu müssen. Wenn sie sehen, daß ihnen der laute Protest nicht hilft, beruhigen sich die Kinder bald und geben nach, in diesem Falle nicht als die klügeren, sondern als die schivächeren; denn nicht immer ist Nachgeben ein Zeichen der Klugheit, eine banale Weisheit, die manche Mütter bei der Erziehung der Kinder mehr beherzigen öllten.—______ Mleines Fonillekon Anfschliefiung des Brockenmoores. Durch den Bau der neuen Brockenbahn sind die Torfmoore des Oberharzes an verschiedenen Stellen durchschnitten, besonders in den flachen Senken zwischen Königsberg und Brocken. Sie werden dasckl'st nnterkogert von Granitgrus und zeigen mehrfach eine Mächtigkeit von reichlich 3 Metern. Durch tiefe und breite Entlvässernngsgräbcn sind größere Strecken vollständig trocken gelegt, die so eine genaue Unter- suchung des Torfes ermöglichen. Derselbe zeigt sich deutlich gc- schichtet, besonders dort, wo er bis zum Grunde ausgetrocknet ist. Die Schichtung mag wohl zumeist bewirkt sein durch den Wechsel der verschiedenen Pflanzen, die am Ansban des Torfes thrilgcuonnnen haben. Die unteren Lagen desselben enthalten auffällige große Baumwurzeln und-Stumpfe von drei- bis vierfacher Stärke der noch heute im Brockengebiete wachsenden Fichten. Die Jahresringe des Holzes sind sehr breit und lassen ans ein schnelles Wachslhnm schließen. Das im Moor aufgefundene Stammende einer Fichte zeigte 11 Jahresringe, während ein durchgesägter lebender Stamm vom Fuße des Brockens bei gleicher Starke etwa SO Jahresringe, und ein gleich dicker Stamm unten ans dem Jtsethal deren neun erkennen ließ. Außer Koniscrcnrcsicn fanden sich auch Stanun- enden von Birke und vielleicht auch von Pappel, sowie eigcn- thmnliche kugelige Gebilde, die als Fruchte der Hasel anzusprechen sein dürften. Auch die inneren, dolchartigcn Aslansätze von Koniferen kommen nicht selten vor. Dieselben sind besonders aus den schweizer Torfmooren bekannt und wurde» lange Zeit für Artefakte gehalten. Von Laubbäumen finden sich heute im eigentliche» Brockengebict nur die Eberesche und die zierliche, strauchartige Zivcrgbirke, svivie vereinzelte Weiden. Die aufgefundenen Birkenslaunnreste haben einen Durchmesser von etwa einem halben Fuß und dürften von Bkiala alba herrühren, die heute in den Brockenmoore» nicht mehr vorkommt, während sie in den Mooren der Brnchbcrgc nicht selten ist. Tic angeführten Funde ergebe» nun die über- raschende Thatsachc, daß in friihcrcn Zeiten im Brockengebiete ein wärmeres Klima geherrscht haben muß; darauf weist auch eine Notiz von Hauipe hin, der bemerkt:»Tie Torfschichtcn am Oberharze er- geben, daß die Linde, vor Anpflanzung der Fichte, mit Birken, Hasel und Weiden den Wald gebildet, und daß die Fichtcnkultnr sie unter- drückt hat."—(Brannschw. Landesztg.) Theater. — hl. Vor der ersten Abtheilnng der. Freien Volks- b n h n e" wurde am Sonntag Ibsen's. Nora" anfgcführt. Man kann nicht sagen, daß das Schauspiel das Publikum mit fortgerissen hätte: die ersten beiden Aufzüge errangen geringechVeifall, und nur der dritte, die Auseinandersetzung zwischen Nora und Helmer hatte einen stärkere» Erfolg. Es lag dies ivohl an dem Spiel. Das Schauspiel steht und fällt mit der Darstellung der Nora(Hedwig Lange), und während die übrigen Schauspieler ihrer leichteren Aufgabe ganz gut gerecht wurden, war die Nora dem schwierigen Problem nicht entfernt gewachsen, am wenigste» in den ersten beiden Aufzügen. Man begriff nicht, wieso sie die.zwitschernde Lerche" sein sollte, von der ihr Mann forllvährcnd redet; es fehlte in ihrem Spiel jede tiefere Gestaltung des Gegensatzes, in dem Nora bis zu der Katastrophe gelebt, die ihr bisheriges Leben an der Seite ihres Vaters und ihres Mannes hätte verständlich machen und zugleich die nur scheinbar plötzliche Wandlung in der letzten großen Szene vorbereiten können.— Der Vorstand der„Freien Volksbühne" hat für Januar die Einrichtung einer s esch st e n Abtheilung beschlossen.— Musik. Konzerte. Theater des Westens. Nach den größeren und gehäustc» Leistnugen der letzten Zeit bot die vergangene Woche verhältnißnnißig Lluhc. Immerhin gab es noch viel niehr Konzerte, als ein Referent bcivältigen kann, und unsere Auswahl konnte nur sehr eng sein. Ter in Berlin bereits bekannten Liedersängeriu Marcella Pregi(schlvcizerischer Herkunft) geht nun der Ruhm einer zweiten Barbi voraus. Sie bewährte sich am 24. d. M. im Bcchstein-Saal mit einem interessanten, meist italienischen und französischen Pro- gramm als eine gute Jnterpretiu der zierlichen Gesangslhrik; ihre Stimme ist klein, aber tragfähig; die Töne konunen, nrmientlich in den unteren Lagen, nicht immer ganz frei heraus. Um jenen Ruhin zu bestätigen, müßte allerdings»och ein Mehr abgewartet werden. Am selben Abend gab die Violinistin Irma Snenger- Sethe in der Singakademie ein ziveites Konzert mit dem Philharmonischen Orchester. Nach dem von uns gehörten Vieuxtemps (ox. 31) zu urtheilcn, ist sie eine tüchtig gebildete Künstlerin mit einem vollen, fast robusten Ton. Den Bericht über einige andere Konzerte mußten wir einem Vertreter überlassen. Die helle Koloratnrstimme der Lena K r u l l, die ani 26. d. M. in der Singakademie mit demselben Orchester konzertirte, zeigt noch in der Kopflage schöne, weiche, runde Töne, bei einem netten und graziösen Vortrag. Die Klavier- begleitung von Wolde nrar Sacks war feinfühlig und fast allzu diskret. Der mitwirkende Cellist Ferdinand v. Lilien- c r o n verfügt über gute Technik und vollen schönen Ton.— Scheide m antel's zweiter Liederabend war am 27. d. M. Der Sänger scheint einer von denen zu sein, die sich erst.einsingen" müssen; in den ersten Nummern machte die nicht ganz reine In- tonation den Eindruck, daß dem Künstler der Drang nachfseelischem Ausdruck über das Technische hinausschwoll. Dann aber gelang ihm manches auch rein stimmlich auf's beste, und die Freude des Publikums trieb ihn wieder zu Wiederholungen und zu zwei Zugaben. Der Klavierspieler Herr K.r o n k e scheint zu besserem angelegt zu sein als zu dem, was er wieder darbot, und könnte gerade'durch Herrn Schcidemantel daran gemahnt sein, das richtigere„Ernst ist die Kunst" nicht in ein„Heiter ist die Kunst" zu verwandeln. Das vierte philharmonische Konzert, vom 28. d. M.„ über dessen Hauptprobe mir berichtet wird, brachte zwar eine Fülle von anziehenden Neuheiten, aber zugleich wieder ein typisches Beispiel von dem Elend unserer Konzertprcgramme. Es kamen: zwei neue Kompositionen, von Drösele und von Conus; ein Violin- solist Alexander Petschuikoff; und ein Sänger Jean L a s s a II e, der als der heute erste Vertreter französischer Gesangs- knnst bezeichnet wird. Wenn ein solcher Mann in einem Konzert nichts zu bringen weiß als zlvei Opernarien(darunter eine ab- geschnmckte.Dinorah"), so macht er der von ihm vertretenen Kunst nicht eben viel Ehre, auch wenn er selbst ersichtlich ein großer Ge- saugskünstler ist. Einen großen Genuß verschaffte Herr Petschuikoff; eine wohlverdiente Anerkennung erhielt das Orchester; die neuen Kompositionen scheinen nicht eben besonderen Eindruck hinterlaffen zu haben.— Theater des Westens. Als i« vorigen Jahre D o n i- z e t t i' s IlX). Geburtstag gefeiert wurde, sah man erst recht deutlich, ivelchen Werth seine Opern mit Recht noch iinmer haben. Und dies konnte man gegenüber der„ N e g i m e n t s t o ch t e r" wieder am Freitag, den 25. d. M., sehen, als sie im Theater des Westens neu einstudirt zur Aufführung kam. Zuerst in Paris 1346, in Berlin zuerst 1342 und hier bis Ende 1896 231 Mal aufgeführt, ist diese komische Oper zumal durch die dankbare Titelrolle eines der de- licbtcstcn Stücke geworden. Die Dichtung gehört im allgemeinen zu den echtesten Kunstleistungen, verlangt aber sorgsame Behütung vor dem Herabziehen in die Sphäre der Operetten-Militär-Poffe. Das wurde diesmal nicht ganz vermieden. Starke Striche(gut ein Sechstel des Ganzen) und ein Darüberwischen über dramatische Knotenpunkte waren der feinen Entwickelnngen, die es hier giebt, nicht würdig. Frau Schuster-Wirth spielte und sang die .Marie" recht gut; das Schrille ihrer Stimme mochte hier einiger- maßen paffen; aber daß sie auch Gesänge, die ausdrücklich den Per- soncn auf der Bühne gelten(„singe uns des Regimentes Rund- gcsaug" und„So lebet ivohl, Ihr thcnren Waffenbrüder"), unmittel- bar ins Publikum singt, ist ihr oder der Regie auch in einer solchen „älteren" Oper nicht zu verzeihen. Wo sie ihre Trommel haben sollte, ersparte sie sich dies; statt dessen lvard an ganz ungeeigneter Stelle ein Chor mit ihrer mechanischen Trommelbegleitunq ein- geschaltet. Und dergleichen mehr.— Herr Hermann Steffens gab den alten.Sulpiz" prächtig; auch die übrigen leisteten gutes. Die Schinderei mit dem Chor hatte diesmal Kapellmeister Schuster auf sich zu nehmen; vielleicht läßt man ihn nächstens gleich selber singen. Die dem Drama geraubte Zeit wurde auf ein.Ballet- Divertissement" verwendet. Ob das lvirklich helfen wird?— vi!. Kunst. —hl. Die„V olksthümlich en Kunstausstellungen�. die in Zukunft an jedem Sonntag im Bürgcrsaal des Rathhanses veranstaltet werden sollen, haben am Sonntag ihren Anfang ge- nommen. Man lvird der zu Grunde liegenden Idee, eine Anzahl von gut gewählten modernen Werken jedermann zugänglich zu machen und zugleich etiva Unverständliches jj» erläutern, nur sympathisch gegenüberstehen keimen. Die Schwierigkeiten, die sich der Durchführung entgegenstellen, sind freilich erheblich. Schon in der Auswahl hatten die Veranstalter nicht die Freiheit, die es ihnen ermöglicht hätte, ein volles Bild der gegenwärtig herrschenden Strömungen zu geben, sie waren eben auf das angewiesen, was ihnen von den Künstlern überlasse» wurde. Die ausgestellten Werke— sie stammen alle von Berliner Künstler»'— er- heben sich, abtzcschen von zlvei kleinen Skizzen von Keller und Uhde, nicht über ein gutes Mittelmaß. sie sind aber fast alle tüchtig im besten Sinne des Wortes. Wichtiger noch für die Bcurthcilnng des Unternehmens scheint die Art der Er- länternng, die den Besuchern der Ausstellung gegeben wird. Am Sonntag wurde ein kurzer Vortrag gehalten, und' dann sollten aus der Mitte der Zuhörer heraus Fragen gestellt werden. Der erste Vortrag schien der Art nach verfehlt. Es ist ziemlich zwecklos, die Besucher ivohlwollcnd ganz allgemein aufzufordern, die Augen auf- zumachen und genau zu sehen; wer zu der Ausstellung kommt. bringt schon den besten Willen mit. Wenn durch Worte überhaupt eine wirkliche Förderung in dem Vcrständniß der Kunst gebracht werden kann, so ist dies nur möglich durch eine eingehende Be- trachtnng des Einzelnen. Bei dieser Art ist auch am besten eine ge- wisse peinliche Empfindung des Herablassenden zu vermeiden, die sich bei allgenicinen Erörterungen sehr leicht in den Ton»lischt und für denRedner wie für den Hörer, sofern sie irgend fein empfindend sind, außerordent- lich bedrückend wirken muß. Zudem ist eine gute Analyse eines Bildes eine geistige Leistung, die tüchtige Vorbereitung erfordert, die zu geben und die anzuhören sich niemand zu schämen braucht; sind doch so viele Kunstgelehrte von Fach nicht im stände zu sagen, was sie sehen. Es war dann aber am Sonntag sehr erfreulich zu benierken, daß sich in den Einzeldiskussioneu, die sich an deu Vortrag anschlössen, diese Art der Einzelbetrachtung sofort einstellte und eine rege Bethciligung fand. Ucberraschend schnell trat eine zwanglose Stimmung ein, in der sich vor verschiedenen Werken Gruppen bildeten, die zusammenkamen und sich wieder lösten, ganz wie einen jeden die Laune trieb. Vielleicht läßt man den Vortrag, wenn er nicht anders gegeben werden soll, ganz fallen und sucht auf dem zweiten Wege weiter zu kommen. Wenn es gciingen sollte, den richtigen Ton zu treffen, und andererseits auch Ausstellungen zu stände zu bringen, die wirklich ein Bild der modernen Kunst- dewegung bieten, so wäre dies eine sehr erfreuliche Erscheinung in dem Kunstleben Berlins. Das Publikum des ersten Sonntags war. wenigstens in den ersten Stunden, nicht sehr zahlreich: aber es setzte sich in der That, wie die Leiter des Unternehmens es wünschten, aus den verschiedensten Kreisen zusammen. Wie wir hörten, hat die „Neue Freie Volksbühne" bereits den Weihnachtssonntag belegt und mit der„Freien Volksbühne" sind Unterhandlungen wegen des Be- suchs der Mitglieder im Gange.— — Der Stadt Köln tvurde ein Bild Murillo's„Portiun- c u l a" für 100 000 M. angeboten. 72 000 M. wurden durch Samni- hingen in der Bürgerschaft aufgebracht, den Siest bewilligte die Stadtverordmien-Verjammlung. Das Bild geht so in den Besitz des Wallraf'Richartz-Museums über.— Psychologisches. c. Erinnerungsbilder und Gedächtnistbilder. Ein französischer Forscher. Jean Philippe, hat eine Reihe von Unter- suchungen angestellt, um zu crnütteln, in welchem Vcrhältnist die Anzahl der Erinnerungsbilder, die wir von einem bestimmten Gegen- stand haben, zu der Häufigkeit steht, mit der wir ihn wahrgenommen haben. Man sollte von voniherein annehmen, datz wir von ihm eine um so deutlichere Vorstellung haben, je öfter wir ihn zu Gesicht bekamen. Philippe ließ nun eine Anzahl Personen ihre Erinnernngs- bilder aufzählen und beschreiben, die sie einmal an die Venus von Milo, dann an eine Stecknadel, an den Buchstaben A, an daS Antlitz der Mutter hatten. Da stellte es sich heraus. daß die meisten der Gefragten mehrere scharf umgrenzte und scharf gegeneinander ab- gegrenzte, deutlich beschreibbare Erinnerungsbilder der Venus von Milo, dagegen nur ein ganz schemenhaftes allgemeines Bild der Stecknadel und Zigarette besaßen. Die Erinnerungsbilder sind um so weniger zahlreich. je häufiger die entsprechenden Vorstellungen vorhanden gewesen sind. Außer der Häufigkeit kommt in bctracht, ob die Vorstellungen einen größeren oder geringeren Inhalt gehabt haben. Zusammengesetzte und komplizirtc Vorstellungen wie die der Venns von Milo werden besser reproduzirt als einfachere wie die der Stecknadel. Man darf dabei Gedächtnißbilder, bei denen wir uns bewußt sind, daß wir dieselben Vorstellungen schon früher einmal gehabt haben, und Erinnerungsbilder, bei denen dieses begleitende Moment nicht vorhanden ist, nicht zusammenwerfen. Die G.ednchtniß- bilder werden durch die Wiederholung verstärkt, die ErinnerungS- bilder schwächen sich ab.— Gesundheitspflege. _— Nach einer körperlichen lleberanstrengung, einer intensiven geistige» Arbeit im Zustande einer Ermüdung ein kaltes Bad zu nehmen, in Ivelcher Form es auch sei, ist — so schreibt K. Beerwald in der„Zeitschrift sür diätetische und physikalische Therapie"— keineswegs richtig, und die Erfrischung, welche darauf solgt, ist nur eine scheinbare uiid kurz dauernde. Ein kaltes Bad hat die Wirkung einer Anregung, eines SHeizes, und fügen wir zu einem schon vorhandenen Reizzustand einen neuen Reiz, so tritt wohl momentan eine scheinbare Wiederbelebung ein, und wir fühlen uns zu neuer Leistung gekräftigt und gestärkt; sehr bald aber wird die Abspannung um so größer, und wir werden trotz aller Energie den Körper nicht zur ferneren Arbeit zwingen können. Nur das warme Vollbad vermag dem Ermüdeten Erholung zn gewähren, und je länger wir z. B. nach einem anstrengenden Marsche in der mit Wasser von 28 Grad Reaumur gefüllte» Wanne bleiben, desto mehr tönt der erregte Nerv ab, desto mehr überkommt uns das wohlthucnde Gefühl der Ruhe, welche die Grundbedingung für jede ersprießliche Thätigkeit ist. Darum ist ein kaltes Bad wohl des Morgens nach Verlassen des BetteS am Platze, viel weniger aber im Laufe des Tages und besonders aber ist es geradezu falsch und verkehrt gehandelt, ivenn ivir für den durch die Arbeit ermüdeten Körper in einem kalten Bade die Quelle neuer Kräfte suchen.— Technisches. — Planniäßige Einrichtungen zur Beruhigung der Wellen durch Oel besitzt der Hafen der Stadt Bergen in Norwegen. Um den unter Umständen sehr heftigen und hoch- gehenden Wellen des Byfjord den Eintritt in das Vaagenbecken, den Hafen von Bergen, unmöglich zu machen, ist dasselbe am äußersten Ende durch steinerne Molen von etwa 4— 5 Meter Breite abgeschlossen. Eine Mole von 90 Meter Länge liegt als eigentlicher Wellenbrecher mitten in der 300 Meter weiten Hafenmündung; diese Mole ist die ältere. In jüngerer Zeit ist am nordöstlichen Hafenkopfe unter gleich- zeitiger Erbreiterung des Ufers eine kurze Stichmale ausgeführt worden. Auf diese Weise bleiben zwei Ein- und Ausfahrtsöffnnngen von etwas mebr als je 100 Meter Weite zu beiden Seiten derMittelmole frei. Natürlich ist bei starkem Wellengänge die Einfahrt in den Hafen sehr gefährlich, wenn nicht unmöglich. Die hierbei für die schiffe be- stehende Gefahr hat man nun dadurch zu vermindern gesucht, daß man bei den Hafcneinfahrtsstellen Einrichtungen schuf zur Bernhigung der Wellen durch Oel. Sie sind im wesentlichen doppelter Art. -Zunächst hat man auf den Molenköpfen große Oelbehäkter aufgestellt; von diesen gehen enge Röhren aus, die sich nach verschiedenen Richtungen vom Molcnkopf aus verzweigen und im stände sind, Oel auf das unruhige Fahrwasser hinauszuspritzcn. Außer den Oelbchältern Verantwortlicher Redakteur: Sluanst Jacobey in Ber auf den Molenköpfen umfaßt die ganze Beruhigungsvorrichtung noch eine Reihe von großen Tonnenbojen, die bis auf einige Ent» fernung von den Molen ans über das Außenwasser vertheilt sind. Diese Bojen enthalten ebenfalls Oelbehälter und in Verbindung da» mit eine in Bergen erfundene Ausspritzvorrichtung, die ihren Antrieb durch diejenige Kraft erhält, welche die Wellen den Bojen durch Hebung ertheilen. Die Aeußcrungcn über die Wirksamkeit dieser Einrichtungen lauteten, wie dem„Zentralblatt der Bauverw." ge- schrieben wird, sehr zufriedenstellend, und zwar wurde der Erfolg dahin erläutert, daß der schäumende, oft mächtige Wellenkamm, der sich häufig überschlägt, unter der Einwirkung des Oels ver- schwindet, und daß hiernach die Welle gleichmäßig erhaben oder ver- tieft gerundet erscheint. Die Vorrichtungen werden nur nach Bedarf ganz betriebsfertig gehalten; zu gewöhnlicher Zeit ist die Oelfüllung nicht vorhanden.— Humoristisches. — Kunstsinnig. Spießer z u seiner Frau:„Jetzt paß' aus, lvas ich sag': Weil ma heut' net in d' M e n a g e r i e komina fem, geh'» ma morgen in d' K u n st a u s st e l l u n g I"— — Bedenken. Onkel:„Wenn Dich Tante fragt, was ich getrunken habe, so sagst Du fünf Glas; verstanden?" Neffe:„Jawohl I" lNach einer Weile):„Onkel, Ivenn sie mich nun fragt, woher Du so betrunken bist?.. — Ein Mann ein Wort: Sie:„Wann wirst Du mir Geld geben für ein neues Kleid?" Er:„Nächste Woche." Sie:„Das sagtest Du schon vergangene Woche." Er:„Ja, das sage ich jetzt und werde es nächste Woche auch sagen. Ich gehöre nicht zu der Sorte von Männern, die in der einen Woche so und in der nächsten anders sagen."— Vermischtes vom Tage. — Ein Schleppdampfer, welcher die Hamburger eiserne Bark „D i o n e" von G o o l e nach Hamburg bugsiren sollte, ist nach Goole zurückgekehrt und meldet, während eines Sturmes sei das Schlepptau gerissen und beide Schiffe hätten einander verloren. Der Dampfer habe bis Donnerstag Abend nach der Bark gesucht, ohne eine Spur von ihr zu finden. Die„Diane" hat 16 Manu Besatzung.— — Vor acht Tagen siel ein 15 jähriger Böttcherlehrling in Wolfsdorf �Schlesien) hin und zog sich dabei eine unbedeutende Wunde im Gesicht zu. Nach kurzer Zeit stellte sich ein Mund- Starrkrampf ein, dem der junge Mensch erlag.— — Ein Arbeitsloser in Wien trat, während er mit seiner Familie beim Abendessen saß, plötzlich vom Tisch fort und stieß sich ein scharfes Messer bis zum Heft ins Herz. Dann kam er wieder zum Tisch und sagte:„Zieht mir das Messer heraus!" Dies geschah; der Schiververlctzte stürzte zu Boden imd war in wenigen Minuten eine Leiche.— — Bei der in den Depeschen am Sonntag gemeldeten Blntthat in 1l j- F e h e r t o sKomitat Szabolcs) handelt es sich nicht um eine „Bauern-Revolte", sondern um einen Jahrmarkts-Krnkehl, bei dem die ungarische Gendarmerie, wie gewöhnlich, in der brutalsten Weise vorging. Ein betrunkener Bauer wurde mit den Gendarmen handgemein und wurde von diesen niedergestochen. Als sich darauf andere Bauern gegen die Gendarmen wandten, chossen diese sofort. Drei Bauern wurden ver- w u ii d e t.— — Unweit der Stadt Neuenbürg sSchlveiz) wurde in einem unbebauten Grund unter einer Weide ein prachtvoller Ring ge- üuden, der als ehemaliges Eigcnthum des Herzogs von Burgund, Karl des K ü h n e n, erkannt ivurde. Wahrscheinlich hat der „kühne" Heerführer ihn zurücklassen niiisseu. als er nach seiner Nieder- läge bei Granson am Neuenburger See sein Lager den Eidgenossen lassen mußte.— — In ganz Ober- und Mittelitalien richtete ein heftiger Orkan in der Nacht zum Sonntag schweren S ch a d e n an. In Genua wurde ein Leuchtthurm beschädigt. Auf dem Luga n er See sind zwei Dampfschiffe ge- unken und viele kleinere Fahrzeuge zerschellt. Auch auf hoher See sollen Schiffbrüche vorgekommen sein.— — Auf dem Pondichery-Stadcn in H a v r e verbrannten 2000 Ballen Baumwolle. Der Schaden wird auf 600000 Frks. geschätzt.— — Bei K i l r n s h stieß, wie ans London gemeldet wird, der Dampfer„M e r m a i d" mit dem Hamburger Dampfer„Premier" zusammen. Der„Premier" sank in wenigen Minuten; die Mann- chaft wurde gerettet.— — In London wurde dieser Tage„für wohlthätige Zwecke" an den Meistbietenden für 16000 M. ein Kuß einer Schau» 'pielerin losgeschlagen!— — Am Sonnabend und Sonntag wüthete auch an der ganzen atlantischen Küste von Washington bis nach Boston hinauf und landeinwärts bis gegen Pittsburg ein orkanartiger S ch n e c st u r m. Der Verkehr ist unterbrochen und die Schisifahrt hart mitgenommen. 30 Barken sollen Schiffbruch erlitten haben; bei Boston allein sollen mehr als 12 Personen umS Leben gekommen sein.— in. Druck und Verlag von Dhix Babing in Berlin.