Anterhattungsblatt des Jorwäris Nr. 235. Freitag, den 2. Dezember. 1898 43] (Nachdruck verboten.) Zleu-NÄrkhsgo. Roman von Georges Eekhoud. XXII. Die trüben Nebel eines ausnahmsweise hartnäckigen Winters hatten sich endlich vor der Sonne eines prächtigen Maimorgens verflüchtigt; ein durchsichtiger Dunstschleier wallte über die Erde, hinter dem der hellblaue Himmel die intcr- csiante Blässe eines Rekonvaleszenten Gesichtes annahm. Laurent, den die seelischen Erschütterungen jenes denkwürdigen Fastnachtsdicnstag aufs Krankenlager geworfen hatten, machte nach langer Lcidenszcit seinen ersten Ausgang. Er hatte eben das Krankenhaus verlasicn, wo ihn die Äerzte ganz gegen seinen Willen vom Tode errettet hatten, weniger aus Theilnahmc für seine Person als aus wissen- schaftlichcm Ehrgeiz, der sie alles aufbieten ließ, über einen der hartnäckigsten und komplizirtesten Typhusfälle, die uian in der Anstalt beobachtet hatte, zu triumphiren. Jetzt. wo er wiederhergestellt war und mit der Jahreszeit sein Wicdererwachcn zum Leben feierte, war es ihm, als wenn er von einer langen Reise in die Hcimath, die er in jahrelanger Verbannung ersehnt, zurückkehrte. Und dieses Gefühl brachte es auch mit sich, daß ihm die Vaterstadt nie so machtvoll, glänzend und feierlich erschienen war. als in diesem Angcublick. Die heitere FrühlingSstimmung, die alles belebte, kam auch in dem geschäftigen Treiben am Hafen zum Ausdruck. Ter durch die Eissperre der Scheide hcrbeigefiihrtc Nothstand war nach Eintritt des Thauwctters vorüber. Mehr als je drängten sich im Hafen mid in den Docks die Schiffe, und der laugen Stockung war ein um so lebhafterer Aufschwung der Geschäfte gefolgt. Selbst mff dem„Bmnnllelmarkt* bemerkte Paridael keine Menschcnseele. Er war der einzige, der feierte. Es überkam ibn bei dieser Wahrnehmung ein Gefühl beschämender Un- Würdigkeit, das üi ihm den Wunsch erregle, sich unverzüglich nach einer Arbeitsgelegenheit umzusehen. Zu diesem Zwecke wandte er sich an verschiedene Arbeiter- kolonnen mit der Bitte, ihm eine, ganz gleich welche, Bc- schäftigung zuzuweisen. Ein kurzer prüfender Blick genügte indessen, um den« Kolonncnführer die Ueberzeugung zu verschaffen, daß das hohlwangige, schmächtige Bürschchen, dessen Kräfte cm zweimonatiges Fieber ausgezehrt hatte, mehr eine Last, als eine Hülfe bei der Arbeit sein konnte, und so wurde denn Laurent der tröstliche Bescheid, in Rücksicht aus die vor- geschrittene Stunde lieber am nächsten Tage noch cinnial vor- zusprechen. Die großen Gäule der„Nationen" schleppten mit langsamer und stolzer Bewegung die schwerbeladenen Rollwagen heran. Auf ihren breiten Kummeten p laugte der aus blitzblanken Mcffingnägeln zusammengesetzte Name der betreffenden Korporation. Tic Kutscher bedienen sich keines Zügels, sondern nur einer langen Hanfleine, die durch eine der Kummetringe gezogen ist. Sic thronen auf dem leeren Wagen wie antike Wagenlenkcr oder gehen genrächlich und zerstreut neben dem beladenen Wagen her; ihrer erprobten Geschicklichkeit und der Intelligenz ihrer Pferde ist es zu danken, daß trotz des Ge- dränges sich kreuzender Fuhrwerke der Verkehr sich glatt und ohne Unfall abwickelt. Laurent wurde nicht müde, sich Gäule und Führer mit bewundernden Blicken zu betrachten, er blieb alle Augenblicke stehen und kam mehr als einmal in Gefahr, unter die Räder zu gerathen.»venu ihn ein Heller Peitschenknall oder ein gruturaler Zuruf nicht immer rechtzeitig gewarnt hätte. In seiner trunkenen Lust, den, Leben wiedergegeben zu sein, stainpste er vergnüglich durch den aufgeweichten zähen Schmutz, den das durch den beständigen Lastverkehr arg mitgenommene Pflaster als schwarzen Schweiß absonderte. Er kletterte über das Gewirr von Schienengeleisen und Weichen, das die Straße durchzog, stolperte über Taue, wich mit rascher Bewegung den Balken aus, die stämmige Jongleure wie Bälle einander zu- warfen und freute sich der kräftigen Schimpsworte, mit dcuen die Arbeiter den überall im Wege stehenden Faulpelz bc- dachten. Sein Weg führte ihn am großen Bassin des Kattendyk entlang. Sein Herz schlug stärker beim Anblick der Genossen von der„Amerika", der„Nation", der er auch früher an- gehört, die gerade dabei waren, eine Gctreideladnng zu löschen. Die Säcke, die unten im Kielraum des Schiffes an die Haken- zähnc des Krahnes befesttgt ivaren, schwankten langsam herauf bis zur Höhe der Masten und des Schornsteins, dann beschrieb der gewalttge Arm des Krahns eine horizontale Viertel- bewegung durch die Lust, sodaß seine Last just über dem auf dem Quai haltenden Wagen schaukelte. Der stämmige Kerl, der baarhäupttg und mit bloßen Armen in der Stellung eines Ringkämpfers auf dem Wagen stand, schlug das sichel- artige Messer, das er in der Hand hielt, in die über seinem Haupte schwebenden Säcke, zog sie zu sich herunter, löste dieHaken- zähne und gab gleichzeittg dem Maschinenarm seine Bewegungs- frciheit wieder. Seine Kameraden, Schultern und Hinterkops von einer Sackhülle bedeckt, traten einer nach dem anderen heran, um die Säcke, die ihnen der Barhäupttge rasch und geschickt auf die Schultern lud, auf einen anderen Wagen zu verladen. Eine Schaar weiblicher Hilfskräfte kehrte die Körner zusammen, die aus den Löchern, die Haken und Sichel in die Säcke geriffen, zu Boden fielen. Beim Näherkommen erkannte Laurent in der Hauptperson dieser Szene den Stauer, dem er damals in seinem Elend beigestanden hatte. Einen Augenblick dachte Laurent daran, den Mann anzusprechen, aber die Besorgniß, der brave Bursche hätte angesichts seines elenden Aussehens am Ende ans die Ver- muthung kommen können, daß sein Wohlthäter von damals heute auf seine Erkcnntlichkett Anspruch macheu wolle, ließ ihn von seiner Absicht Abstand nehmen. Er schlich scheu und hastig vorbei, um nur ja nicht erkannt z» werden, setzte seinen Weg längs der Trockendocks fort, überschritt einen Hausen Brücken und Lanfftcge und erreichte schließlich die Niederlagen, wo die leicht entzündbaren Waaren untergebracht waren, die in den sumpfigen Untergrund eingemauerten Naphthalager und die Pctrolcumtanks, ausgedehnte Riesenbassins in Form und Art von Gasometern. Hier erreichte, wie Laurent von früheren Entdeckungs- fahrten her wußte, die habgierige und unersättliche Industrie der Handelsstadt ihr Ende. Er war deshalb auch nicht wenig überrascht als er jenseits der Pettoleumreservoires nach Austruweel zu— einem armseligen Dorfwinkel, der aus sttategischcn Rücksichten durch die Festungswerke von seiner Kirche abgeschnitten und dem städtischen Weichbilde zugetheilt war— einen wüsten Haufen rasch und flüchtig aufgeführter Baulichkeiten erblickte, die wie ein in aller Eile errichtetes Barackenlager aussaheil und die in ihrer liederlichen Unord- nung solch häßlichen Eindruck machten, daß Laurent seinen Augen zunächst nicht trauen wollte. Kein Name, kein Schild gab über das Unternehmen Auskunst, es war, als ob der Besitzer Bedenken getragen hätte, seinem Eigenthumsrecht sichtbar Ausdruck zu geben, als ob er irgend ein schimpfliches Gewerbe betriebe, das er sich zu nennen scheute. Wie Cham- pignons über UZacht im feuchten Erdreich keimen, so schienen diese Hütten, wucherndem Unkraut gleich, dem Erdboden ent- stiegen zu sein. Laurent Paridael, den der Anblick so unangenehm wie nur möglich berührte, war vor dem Gcbäudckompler stehen geblieben, der sich aus fünf ebenerdigen Schuppen zusammen- setzte, die, aus Schutt, Lehm und Abfallholz roh und ober- flächlich zusammcngcpappt, augenscheinlich nur einem vorüber- gehendcll Zweck zu dienen bestimmt waren. Das Erscheinen einer Anzahl halbwüchsiger Burschen und Mädchen, die eiligen Laufs und lustig plaudernd dem räthselhaften Arbeits- platz zueilten, unterbrach seine nörgelnde Kritik. Er sprach die Gesellschaft an und stagtc, was die widerwärtige Anlage zu bedeuten hätte. „Das? Das ist doch Herrn Bejard's Patronensabrik!" antwortete man im Chor und musterte den Fremden, der geradenwegs vom Monde zu kommen schien, mit erstaunten Blicken. Herr Gott, daß er auch darauf nicht gekommen mark Ein Werk, das sich in solch' abstoßender und düsterer Form prä- sentirte, konnte ja unmöglich einem anderen als einem Bejard gehören. Und nun erinnerte sich Laurent Paridael auch, daß er bereits von Bejard's neuestem Geschästsuntemehmen hatte sprechen hören. Er hatte sich zwar mit Bcrgmans nicht wieder ausgesöhnt, hatte gleichwohl aber freudigen Herzens dem ehe- maligen Freunde zugestimmt, der nicht müde wurde, das ge- fährliche Unternehmen des Sklavenhändlers zu bekämpfen, und wenn er sich an dem Kampfe nicht direkt und persönlich betheiligt hatte, so geschah es in der Voraussetzung, daß der Magistrat eine derartige Anlage inmitten der Stadt unmög- lich genehmigen konnte. Wie er sich jetzt mit eigenen Augen überzeugen konnte, war diese Voraussetzung eine irrige ge- Wesen; trotz der donnernden Philippiken und Alarmrufe Bergmans hatte man sich bereit gefunden, ein Unternehmen zu konzessionircn, das für die Stadt und die Bürgerschaft eine drohende Gefahr bedeutete. Diese primitiven, nach allen Seiten offenen Schuppen, die eher geeignet waren Fledermäusen einen Unterschlupf zu bieten, als menschliche Wesen zu beherbergen, dienten einer Hantirung als Arbeitsräume, die an Gefährlichkeit ihres Gleichen sucht. In der unmittelbaren Nachbarschaft der feuergefährlichsten Gegenstände duldete man die Anhäufung leicht entzündlicher Explosivstoffe. Man begnügte sich nicht damit, neben dem Naphtalager Pulverfässer unterzubringen, man ging auch mit dem Pulver in so unverantwortlich leicht- sinniger Weise um, als lege man es darauf an, eine Katastrophe herbeizuführen. Jungen und Mädchen, die kaum den Kinderschuhen entwachsen waren, betraute man mit einer Arbeit, die die ganze Sorgfalt und Besonnenheit ernster Männer erfordert hätte, und gab obendrein dieser jugendlich leichtsinnigen Arbeiterschaar das denkbar ungeeignetste Handwerksgeräth in die Hand. Um dem Ganzen aber die Krone aufzusetzen, hatte man in nächster Nähe des Pulvcrhauses eine Dampfmaschine nebst Kessel aufgestellt. Der raubgierige Kapitalist hatte für die keine Kenntnisse erfordernde Arbeit, die seinem Ausdruck nach das„reine Kinderspiel" war, an die zweihundert vcnvahrloste Kinder beiderlei Geschlechts angeworben, die er für ein paar Pfennige Tagelohn haben konnte. Um das Wohl und Wehe dieser erbärmlichen Kinderschaar kümmerte sich Bejard selbstverständlich so wenig wie um das Leben der Auswanderer. Diese Patronenfabrik war das würdige Seitcnstück zu dem in den Wellen verschwundenen Schiff. Laurent glaubte selbst in den moosüberwachscnen, gethcerten Brettern der Schuppen die Planken der„Gina" wiederzuerkennen. Der älteste der Jungens, an die sich Laurent gewandt hatte, ging in sein sechzentes Jahr, er erfuhr des weiteren von ihm. daß die Mehrzahl seiner Arbeitsgcfährten viel jünger waren. „Hier in dem Gebäude, das just vor Ihrer Nase steht, fsnd die Jungens beschäftigt, die die Patronen auseinander- nehmen," belehrte Laurent der Bursche.„Hinter dem Lager- schuppen ist das Zollamt. Und in der Mitte dieses Erdwalls, der wie ein Fort aussieht, steht der Pulvcrschuppcn, in dem wir das aus den Patronen entnommene Pulver in Fäffer füllen.... Auf der anderen Seite des Pulverschuppcns arbeiten die Frauenzimmer. Es ist hier wie in der Schule, man hält die Unterröcke von den Hosen getrennt.... Dort hinten in der Remise steht der ummauerte Ofen, in dem die Blei- und Kupfertheile zu Barren eingeschmolzen werden, und unter demselben Dach steht auch die Maschine, die die leeren Hülsen einstampft. Ich arbeite beim Schmelzofen. Sie sollten Frans VerWinkel, so heiß ich nämlich, mal bei der Arbest sehen! Mit einem Ruck Hab' ich das Pulver aus der Hülse geschüttet und das Knallsilber aus dem Zündhütchen entfernt. Das macht Spaß und ist nicht schwerer, alS dem da einen Katzenkopf zu geben.... Nichts für ungut, Pitiet, ich wollte dem Herrn blos die Geschichte erklären l" Beim Anhören dieses lustigen Geplauders stieg in Laurcnt's Herzen ein heiliges Mitleid für diese jugendliche, sorglose Arbeiterschaar auf. So müssen auch die Armen aus- gesehen haben, die ersten Opfer Bejard's und seiner Leute auf der Fulton'schen Werft. „Und Ihr fühlt Euch Wohl bei der Arbeit? Es thut Euch keiner was zu Leide? Wie steht's denn mit Bejard? Macht es ihm nicht Spaß. Euch aufs Blut zu quälen? Ihr könnt mir ruhig die Wahrheit sagen, ich kenne den sauberen Patron zur genüge!" Die also Angeredeten zwinkerten mit den Augen, stießen einander kichernd an, ohne ein Wort von dem, Ivas der sonder- bare Schwärmer da redete, zu verstehen. Die Vorahnung der Gefahr, die die Kinder bedrohte, ängstigte Laurcnt's Seele bis zrim Tode. Er hätte die Armen mit seinem Blute los- kaufen mögen. Endlich glaubte er ein Mittel zur Rettung der Armen gefunden zu haben. Nachdem er rasch im Kopfe zusammengerechnet hatte, was ihm noch an Geld blieb, niachte er der Gesellschaft den Vorschlag, sie aufs Land nach Austruweel zu führen und sie dort mit Sasraneis,„Korinthenbrot" und Kaffee zu bewttthen. Das heruntergekommene Aussehen des Mannes, der so wirre Reden führte, war so wenig vertrauenerweckend, daß seine Einladung gar nicht ernsthaft genomnien wurde. Die übermüthige Schaar hielt ihn für einen Narren, einen Witz- bold oder einen Betrunkenen, der nicht in der Lage war, sein Versprechen zu halten, und begann denizufolge mit hänselnden Gegenvorschlägen. „Höre mal. Jan Slim. auf den Leim gehen wir nicht! Sage uns lieber, bei wem Du Deine schönen Anzüge machen läßt! Wie wär's denn, wenn Du uns mal die zehn Gebote aufsagtest? Deine Einladung wollen wir ja gern annehmen. aber wenn Dir's recht ist, wollen wir lieber im„Hotel Saint Antoine" oder bei Casti diniren... Nichts für ungut, aber Du kommst doch nicht etwa ans dein Armenhaus von Merxplas oder bist gar aus dem Genter Znchthause ent- sprungen?" Weit entfernt, ein Wort zu erwidern, bedauerte Laurent nur, nicht mehr über lumpige hundert Franks zu verfügen, um sie unter die Schaar zu verthcllen und sie ihrem Schicksal zu entreißen. Er war mit seinen Mitteln so ziemlich zu Ende, und wenn es ihm morgen nicht gelang, seine ent- kräftctcn Arme zu verdingen, würde er sich thatsächlich nach Merxplas auf den Weg machen müssen, der Zufluchtsstätte der Arbeitslosen und Wegmüden! Wenn es ihm nur möglich wäre, das junge Volk zum Verlassen des verhängnißvollen Ortes zu bewegen! Cr be- schwor die Jungen und Mädchen ganz vergebens, sich anders- wo Arbeit zu suchen oder zum wenigsten diesen Nachnnttag bllvl zu machen. (Schlich folgt.) (Nachdruck verboten.) Däs Hnus ist zu verUaufen. Nach Alphonse Daudet. Deutsch von Adolf Hcilborn. lieber der Thür, einer schleckt schließenden Holzthür, die durch eine große Ritze den Sand des Gärtchens sich mit dem Staub der Straße mischen ließ, hing seit langem ein Zettel, von der Frühlings- sonne gewärmt, vom Herbstwind gerüttelt und geschüttelt: Dies Haus ist zu verkaufen! Und das schien auch zu bedeuten: dies Haus ist öde und ver- lassen! so still war es ringsum. Und dennoch wohnte jemand darin. Ein bläuliches Rauch- Wölkchen entstieg dem backstcinerncn Schornstein, der ein ivemg das Gemäuer überragte, und verricth ein verborgenes Dasein, ge- heimnißvoll und trübe, wie der Rauch dieses armseligen Feuers: und durch die wackeligen Bretter der Thür sah man anstatt der Oede und Leere, dieses Auf- dem- Sprunge- Stehen, das einem Verkauf, einer Abreise vorherzugehen Pflegt: wohl- gezirkelte Wege, umrankte Lauben, Gießkannen neben dem Brunnen und allerlei Gärtnergcräth an das Häuschen gelehnt. Es war ein einfaches Bauernhaus, das auf dem abschüssige» Boden durch eine kleine Treppe gestützt wurde, die auf der Schattenseite bis zum ersten Stockwerk, auf der Sonnenseite aber nur bis zum Erdgeschoß reichte. Man konnte es für ein Treibhaus halten. Auf den Stufen lagen Glasglocken, dazwischen leere. umgestülpte Blumen- töpfe und blühende Fuchsien und Geranien. Zivei oder drei mächtige Platanen abgerechnet, Ivar der ganze Garten schattenlos. An einem eisernen Spalier breiteten sich fächerfönnig in der grellen Sonne ein paar Obstbäume aus. Auch Erdbeerbüsche und Erbsen an langen Stangen wuchsen in dem Gatten, und inmitten dieser Ruhe und Ordnung ging ein alter Mann mit einem Strohhut den ganzen Tag über in den Gängen auf und ab, schnitt hier einen Zweig fott, putzte dott die Rabatte und goß die Beete, wenn der Abend kam. Keine Seele im Dorfe kannte den Alten. Mit Ausnahme des Bäcker- Wagens, der morgens vor allen Thüren der einzigen Dorfsttaße an- hielt, empfing er nie Besuche. Bisioeilen jedoch blieb wohl mal ein Vorübergehender, auf der Suche nach solch abschüssigem Terrain, das lehr fruchtbar ist und gute Obstgättcn abgiebt, stehen, las den Zettel und zog die Glocke. Dann blieb zunächst alles im Hause ganz still, tzrst lieim zweiten Läuten hörte man hinten aus dem Gatten ein Panttnen« klappern näherkommen, der Alte öffnete die Thür ein ganz klein wenig und fragte mit gttmmiger Stimme: „Sie wünschen?" „Das Haus ist zu verkaufen?' „Ja." antivortete dann der Alte heftig,„sa... zu verkaufen ist es allerdings, ja; aber ich sag Ihnen gleich, es ist furchtbar thcuer..." Und damit schloß seine nur zn bereite Hand die Thür alsbald wieder. Seine Augen warfen einen förmlich hinaus: so zornig funkelten sie. Und. wie ein Drache seine Gemüsebeete hütend und seinen kleinen sandbestrcutcn Hof, blieb er dann noch ein Weilchen lausckend stehen. Kopfschüttelnd gingen die Leute weiter und fragten sich, mit was für cincni wunderlichen Heiligen sie es zu thnn gehabt, und was das für eine fixe Idee sei, ein Haus zum Verkauf zu stellen und dabei so große Lust zu bezeigen, es nicht zu verkaufen. Dies Mysterium sollte mir bald aufgeklärt werden. Als ich eines Tages an dem Häuschen vorbeikam, hörte ich drinnen auf- geregtes Sprechen, eine lärmende Auseinandersetzung. '..Du mußt verkaufen, Papa. Du mußt... Du hast eS uns versprochen.. lind vor Erregung zitternd, antwortet des Alten Stimme: „Aber Kinder, ich' will's ja gern verkaufen... ich Hab ja schon den Zettel rausgchängt." Jetzt begriff ich, es waren seine Söhne, seine Schwiegertöchter, kleine Pariser Kauflente, die ihn zunngen wollten, sich von seinem geliebten Winkel zu trennen. Weshalb, das weiß ich nicht. Soviel stand aber fest: sie fanden allmälig, die Sache zöge sich zu sehr in die Länge, und von dem Tage an kamen sie regelmäßig alle Sonn- tage, um den Aermstcu zu qiiälc» und ihn zu zwingen, sein Ver- spreche» zu halten. In dieser Sonntagsstille. da selbst die Erde sich von der Saat und Arbeit der ganzen Woche zu erhole» scheint, konnte ich's von der Straße ans ganz deutlich hören. Der Besuch unterhielt und stritt sich beim Kaffeetrinken, und das Wort„Geld" klang in ihren, Munde so hart wie das Klappern der Tassen. Am Abend zog alles wieder ab, der brave Alte begleitete sie ein paar Schritt und eilte dann, was ihn die Füße trugen, heim und schloß glückstrahlend seine Thür: Für eine Woche hatte er wieder Ruhe. Während dieser acht Tage blieb das Haus still, in dem sonnciigliihcnden Garten war nichts zu vernehmen als ein schwerer Schritt aus de», Kies oder das Knirschen der Harke. Jndeß, von Woche zu Woche wurde der arme Alte immer dringender bestürmt und gepeinigt. Die Leutchen wandten alle nur' erdenklichen Mittel an. Man brachte die kleine» Kinder mit, um ihn zu bestiii.men. „Siesl D», Großpapa, wenn das Hans erst verkauft ist, kannst Tu mit unS zusammen wohnen. Das wird aber mal schön tverden!..." Und in allen Ecken wurde getuschelt: unaufhörlich spnzirten sie zwischen de» Becke» auf und ab und rechneten mit lauter Stimme. Eimnal hörte ich eine der Frauen schreien: „Aber die ganze Bude ist ja nicht Pfennig Werth, sie muß ja doch abgerissen, verde»!..." Der Alte entgegnete kein Wort. Man sprach von ihm, als wäre er schon todt, von seinem Haus:, als Iväre es schon abgerissen. Ganz geknickt ging er, Thräncn in den Augen, umher, gcwohnheits- mäßig hier einen Zweig wegputzend, dort eine Frucht stützend. Man merkte, sein Leben ivurzelte so fest in diesem Erdenwinkel, daß er lvohl niemals die Kraft finden würde, sich davon los zu reiße». Was man ihn, auch vorhalten mochte: er suchte mit alle» Mitteln den gefürchlctcn Augenblick hinauszuschieben. Im Frühling, wenn die Johannis- und Stachelbeeren zu blühen begannen, dachte er bei sich:„Wollen noch bis zur Ernte warten... hernach verkauf ich's sofort." Aber wenn die Veercnzcit vorbei, kamen die 5iirschc» und Pfirsiche an die Reihe, dann die Trauben, und nach den Trauben die schönen braunen Mispeln, die man beinahe erst unter Schnee und Eis erntet. Dann kam der Winter, im Garten wurde es öde: kein Spaziergänger, kein Käufer ließ sich mehr sehen, und auch der sonntägliche Besuch stellte sich nicht mehr ein. Drei lange Monate der Ruhe folgten, die Obstbäume zu beschneiden und die Saat vorzubereiten und während dessen hing der Zettel, von Wind und Wetter zersetzt und unleserlich gemacht, an der Thür. Da faßte» die Kinder, ungeduldig und überzeugt, der Alte thue alles, um die Käufer fortzuscheuchen,' einen großen Entschluß: eine der Schivicgcrtöchtcr, eine junge Frau von einladendem Aeußeren und jener nachgiebigen Liebenswürdigkeit. Ivie sie Geschäftsleuten eigen zu sein pflegt, sollte hinfort bei ihm wohnen.Sie langte an. und bald bekam alles einen ganz anderen Anstrich. Es tvar, als gehörte ihr die ganze Straße. Sie ließ die Thür sperrangelweit offen stehen, sprach mit lauter Stinime und lachte den Borübergchendeu zu, als wollte sie sagen: „Bitte, treten Sie nur näher und sehen Sie sich's an: das Haus ist zu verkaufen!" Mit der Ruhe lvar's nun für den armen Alten vorbei: Manch- mal suchte er seinen Plagegeist zu vergessen, harkte die Beete und säete lvieder, Ivie die Menschen vor ihre», Tode gern Pläne machen. um ihre Furcht zu beschivichtigen. Unablässig verfolgte und peinigte ihn die Schwiegertochter: „Bah, wozu denn das alles? I... ist ja doch bloS für'ncii andern!" Er antivortete ihr garnicht, sondern arbeitete m hartnäckigem Eigensinn unverdrossen weiter. Seinen Garten vertvahrlosen lassen, hieß ja. ihn schon halb verlieren, sich jetzt bereits von ihm trennen zu müssen. So lag denn noch immer nicht e i n Blättchen auf dem Wege, war nicht eine einzige Raupe auf den Rosensträuchern. Trotz alles Wartens ließ sich jedoch kein Käufer blicken. Es waren schlechte Zeiten. Die junge Frau mochte die Thiirc noch so weit aufsperren, ihre Augen noch so freundlich umherschweifen lassen: es kam niemand vorüber als Arbcitsleute, es trat niemand ein als der Staub der Straße. Von Tag zu Tag ward die Dame ver- stimmter. Ihre Geschäfte riefen sie heim. Ich hörte, wie sie ihren Schwiegervater mit Vorwürfen überhäufte, ihm wahre Szenen n, achte und die Thüren warf. Der Alte senkte dann den Kopf, ohne ein Wort zu erwidern, und tröstete sich, indem er seine Erbsen auffchießen sah und den vergilbten Zettel da draußen flattern: »Dies Haus ist zu verkaufe nl" » �» Als ich dies Jahr wieder aufs Land zog, Hab' ich das Hau? noch vorgefunden, aber der Zettel hing nicht mehr da. Es lvar aus: sie hatten das Haus verkauft. An stelle der alten, Ivackligcn Bretterthür war eine frischgestrichene grüne da, und durch eine ver- gitterte Oeffnung in der mit allerlei Anschlägen beklebten Mauer tonnte man in den Garten sehen. Das war nicht mehr der frühere Obstgarten: das lvar ein Ziergarten mit Rasenplätzen, Grotten und Springbrunnen, alles im Bilde zurückgestrahlt von einer riefigen, silbernen Glaskugel, die vor der Veranda auf hohem Sockel stand. Auf dieser Kugel nahmen sich die Alleen ivie Guirlandcn von lebenden Blumen aus, und man sah darin ztvei breite Gestalten, ein tvenig verzerrt: einen Puterrothen, dicken Herrn, ganz in Schweiß gebadet, in einen Triumphstuhl gezwängt, und eine riesige Dame, 'ganz außer Athen,, die, eine Gießkanne' schwingend, rief: „Die Balsaminen haben vierzehn gekriegt!" Man hatte ein Stockwerk aufgesetzt und die Mauer geflickt. Und aus diesem„renovirten" Hause, das noch»ach Farbe roch, tönten die Klänge eines gerade grasfirenden Gassenhauers auf die Straße. Diese Walzcrnielodien, in, Verein mit der Julihitze, den geschmack- losen Tcppichbecten und der korpulenten Dame, diese triviale, über- fließende Heiterkeit drückten mir schier das Herz ab. Ich dachte an den armen Alten, der hier so glücklich und stille auf- und abwandelt: ich stellte nur vor, wie er mit seinem Strohhut in Paris, in irgend einem schmutzigen Hinterzimmer, gelangweilt, verschüchtert, still in sich hincimveinend, den Rücken voii der langjährigen Gartenarbeit gebeugt, umherging, indeß seine Schwieger- tochtcr hinter den, neuen Ladentische tri'uni'phirte, aus dem die harten Thaler aus dem Verkauf seines Häuschens klirrten.— • V lein es Feuilleton u. Wcinfiilschung im Alterthum. Man meint vielfach, die Nahrungsinittel- Fälschung sei eine Errungenschaft der modernen Welt. Das ist irrig. Richtig ist allerdings, daß die Ansbildnng der Chemie auch die Verfälschung der Nahrungsmittel auf eine vorher nicht geahnte Stufe der Entwickclung hob, aber unbekannt war diese schädliche Industrie auch in der„guten alten Zeit" durch- aus nicht. Namentlich tvurde die Weinverfälschung sehr häufig und nach ziemlich entlvickeltcn Methoden geübt. Die Weinpantschcrei lvar im alten Rom z. B. so verbreitet, daß mehrfach strenge Ver- böte dagegen erlassen»nd harte Strafen darauf gesetzt wurden— natürlich' ohne Erfolg. Ein Hauptstrebcn der Weinfabrikanten war, saurem Wein einen niilderen, süßeren Geschmack zu geben, und da sie bemerkt hatten, daß dies durch Zusatz von Blei sehr gut zu erreichen ist, so setzten sie ihrem sauren Wein eben Blei zu. Sie ließen sich darin auch dadurch nicht stören, daß sie sehr wohl lvußten, daß Blei für den inenschlichen Organismus ein schweres Gift ist. Daß dies den Alten bekannt lvar, folgt z. B. ans der Thatsachc, daß die Verwendung von Blciröhrcn zu Wasserleitungen verboten war, iveil dadurch das Wasser ungesund Ivird. Vcrhältnißmäßig harmloser war das Zusetzen von Gips und Kalk zu», Wein. Merkwürdiger- weise wandten sich auch gegen diese Art der Weinverbesserung die Acrztc. Äcrmuthlich wurde bei diesem Prozeß der Wein dadurch gesundheitsschädlich, daß der Kalk oder Gips den, Wein in metallenen Gefäßen zugesetzt wurde, lvobei etwas von dem Metall in den Wein gericth: die Aerzte haben dann die schädliche Wirkung des Metalls irrthümlich dem Gips zugeschrieben. Uebrigens wurde von den Alten auch das Verschneiden des Weins schon vorgenommen. Dabei verfuhr nian gern so, daß man Most auf die Hälfte, ja ein Viertel seines ursprünglichen Volumens eindampfte und diese starke Essenz fchivachcn Weinen beimengte, um ihnen kräftigeres Aroma zu geben.— Literarisches. Beichte. Novellen von Adele Gerhard. Berlin I»99. Rosenbamn». Hart.— Vier novellisttsche Studien hat Adele Ger- hard unter dem Sammelnamen„Beichte" vereinigt. In dem Buche sind aber nicht etwa Selbstbekenntnifse niedergelegt. Es handelt sich vielmehr um Geständnisse aus trübem Ehelebcn. Das Thema, das in der ersten der Studien„Beichte" angeschlagen wird, kehrt in den drei anderen Novellen wieder. Es klingt beklomnien, elegisch aus; nur in der kleinen Phantasie„Gönnt mir goldene Tagcshcllc" gicbt es ungebrochene Energien. Von Frauen und ihre», Ehclcid aii der Seite selbstgefälliger oder brutaler Männer, von Trieben, die zu spät erwachen mid unbefriedigt bleiben, erzählen die Novellen. Wen» diese Frauen ursprünglich gesund waren, so werden sie in qualvoller Ehe von Hysterien gemartert. Es weht ein pessimistischer Hauch durch das Ganze. So fügt sich das Buch in gewisse», Sinne dcr soziale» Anllage-Literailir ein, ft-cilich einer Unklagc-Literatur, die nicht ins Große geht n»d ihre kleineren Einzelfälle gern in «bertreibender Manier darstellt. Vielleicht, weil die schriststcllernde Frau das sexuelle Weh im Berhältnist zum allgemeinen menschlichen Leid überschätzt; vielleicht weil sie als des ondes keck und unerschrocken gelten möchte, wo sie an häßliche Wunden streift, wie in der Novelle „Ebbe". Da ist ein vollblütig, gesundes Weib erbarnnmgslos an einen rüden, vergifteten Burschen verschachert worden und sie rächt sich in ihrer Weise. Es giebt jetzt ein viclbeliebtes kunstkritisches Schlag- Wort. Man spricht gerne von der Bescheidenheit der Natur. Diese Bescheidenheit der Natur— sie braucht gewiß nicht mit lühler Objektivität oder gar mit Phlegma verwechselt werden— läßt Adele Gerhard in ihrer überhitzten' Vortragsweise manchmal verimssen. Es ist, als wären die Studien in kurz abgebrochener, überhastender, nervöser Sprache erzählt, wodurch der Eindruck des Skizzerchaften verstärkt wird. Intimeres, psychologisches Verweilen mannt man in der ersten der Novellen wahr. Sie ist die feiuste der vier Studien.— —ff. Kttiistgcwerbe. — lieber- die Geschichte u n d Technik des Mosaiks hielt Direktor Wagner in der Gesellschaft für Heimathkundc der Provinz Brandenburg einen Vortrag. Einem Bericht in der„Voss. Zeitung" entnehmen wir folgendes: Bereits im Hohen Liebe Salomonis wird von dem„lieblich gepflasterten Bodcu der Sänfte Salomo's" gesprochen, und Plinins erzählt von dem„oxus nrnsivurn" der musivischen Kunst. Ursprünglich war der Marmor das Material zur Ausschmückung der Frißböden in fynrctrischenr Teppichnrustcr. Dann verwendete man— wie aus dein Fußboden der Vorhalle des Zeustempels zn Olympia(5. Fahrh. vor Chr.) hervorgeht— rohe, rundlich geschliffene Flußkiesel dazu, so daß bereits eine Farbengebung von schwarz, Iveiß, gelb und grüngrau hervor- gebracht wurde. Der Bliithezeit der römischen Weltmacht gc- hörcir jene kostbaren Fußbodermrosaiken an, zn denen auch die im Berliner Museum bcffndliche Darstellung des Kampfes von Centauren mit Tigern gerechnet werden kaiur. Erst unter Kaiser Augristns kanren Glasflüsse zur Ansschmückmig der Wände in Bus- nähme, und das Mosaik feierte seine höchste» Triumphe in den christlichen Basiliken. Vorzugsweise aber wiirden die noch nnüdcr- troffcnen Mosaiken zu Raveima als Vorbilder benntzt. Schon znr Zeit KarTs des Großen wurden Mosaiken durch italienische Künstler in Deutschland ansgefiihrt. Das Mittelalter wandte sich mehr der Fresko-, dann der Glasnmlerei zu. Beide entschwanden aber mit der Zeit so vollständig, daß sie erst in der Mitte»nseres Jahrhunderts gewissermaßen wiederum erfunden wurden. Zn Anfang der sechziger Jahre vermochte dann Salviati in Venedig, gemeinschaftlich mit dem Glasmacher Radi, dem es nach langen Versuchen gelungen war, die Kmist der Zubereitnng von Glasflüssen wieder orffzufinden, die Glasmosaikkunst zu neiwm Leben zn erwecken.— Bolkskmide. s. Volksglaube in S t e i e r IN a r k. In der„Zeitschrift für österreichische Volkskunde" thcilt Karl Reitercr zwei Bcschwörruigs- gebete mit, die kürzlich zwischen alten Gerichtsakten gefunden worden find. Das erste Gebet ist ein Diebssegcn und umfaßt sechs Sprüche, das zweite ist zum„Leben abbeten" bestimnrt. Nock, heute glaubt das Volk in Steicnnark, daß man durch Gebete den Tod einer vcr- haßten Person erwirken kann. In Weißcnbach erzählt man, giebt es einen Bauer, der die Diebe zu bannen versteht. Als einmal seinem Schwager Birnen gestohlen wurden, soll er den Dieb auf einen Baum gebannt haben, aber nur bis zum Sonnenaufgang, denn wciui die Sonne aufgeht, so sagt man, konnne der Teufel iind hole den Diebsbanner selbst.— Völkerkunde. ed. Die Plastik und die graphische Kunst der E s k i ni o s ist von dem amerikanischen Forscher Hoffnmiin zum Gegenstand einer umfassenden Untersuchung gemacht worden, deren Ergebnisse von Karl Wörmann in der neuesten Rümmer der„Kunst- Chronik" zusammengefaßt werden. Die Arbeftcn der Eskimos wie der Tschuktschen, ihrer Verwandten, jenseits der Beringsstraße. auf dem Gebiet der K l e i n p I a sti k, die in Knocken, Mammuthelfenbein, Rennthierhorn und Balroßzahn misgesührt sind, erinnern an die der Künstler in der europäischen Urzeit. Die Fülle der arftischen Thiere, die von den EskimoS dargestelli werden. setzt in Erstaunen. Es find hauptsächlich die großen Säugethiere des Meeres: Walsssche, Walrosse, Seehunde, Robbe» jeder Art; dazu kommen Seebären, Fückse, Wasservögel. Diese Thiergestalten sind in den Gesammwmrissen richtig gesehen und wiedergegeben. Es ist aber bezeichnend, daß die Rennthierr, die in der Plastik der Urzeit wie auch in den Ritzzeichnungen der Eskimos eine hervorragende Rolle spielen, unter den plastischen Arbcilcn dcr Eskimos fehlen— die Körperformen des Rcnnlhicrrs sind den arktischen Raturbildncrn offenbar zu reich und zart gegliedert. Roch weit mannigfalligcr sind die Ritzzeichnungen der Eskimos. Sie werden auf Pfeilstreckern, Bohrcrbügelu, Kisten- und Eimergriffen. Tabakpfeifen u. s. w., deren Enden auch nicht selten in plastische Thierköpfe auslaufen, angebracht. Die Zeichnung wird eingeritzt, heute mit eisernen und stählernen Grobstickeln. die von den Europäern geliefert werden, vor wenigen Jahren aber noch mir mir Feuersteinspitzeu. Die eingegrabenen Furchen werden gewöhnlich mit schwarzer, seltener mit rother Farbe ausgefüllt. Geometrische Verzierungen sind nicht eben selten, aber auf die einfachsten Motive. Band, Nath und Saum, beschränkt; auch konzenlrische Kreise find häufig. Der weitaus größte Theil der Darstellungen ist wieder der nordischen Natur, dem heimischen Leben, der arktischen Thicnvclt entlehnt. Einfache Zicrrcihen werden aus ausgespannten Thierhäuten gebildet; cS wird dargestellt, wie Rcmithicre weiden, wie Walrosse aus dem Waffer emportauchen, wie Fische hintereinander her- schwimmen. Mehrere Thiere dieser Art ordnen sich zu rythmisch gegliederten Reihen und die Zierkniist geht über zn bilderschrist- artigen Darstellung, zu Zeichnungen an? dem Leben der Eskimos. Erstaunlich ist die Uumirtelbarkcit, Deutlichkeit und Lebendigkeit, init der diese Naturkinder, die den menschlichen Kopf nur durch eine schwarze Scheibe darstellen, zeichnerisch zu erzählen wissen. So werden ganze Jagdzüge, Fischzüge. Wanderungen, häusliche Arbeiten, Belustigungen und Streitigkeiten dargestellt.— Paläontologisches. — In den Asphalt-Bergwerken von Pyrimont in Savoycn ist kürzlich unter anderen Tängcthicrresten eiujfosi vollständiges Skelett e i n e s N a s h o r n s zn tage gekommen, dessen vortrefflich erhaltener Schädel mit den daran befindlichen Nasenbeinen erkennen läßt, daß das Thier zn der merkwürdigen Gruppe der Rhinocrroten mit seit- I i ch e» Hörnern gehörte, von denen bisher nur ein einziger europäischer Typus, das von Dnvernoy beschriebene und im Pariser Museum aufbewahrte Ilbmoceros zileuroceros von Gonnat bekannt war, während im Miocän Novdamerika's Arten dieser Gruppe zahl- reich sind; Marsh hat ans ihnen die Untergattung Dicerathcrimn gebildet. Das Rhinoceros von Pyrimont ist viel größer als das von Gannat, mich sitzen die Hörner mehr nack vorn; in der Bildung der Backzähne aber sind die Thiere nahe verwandt. Das Skelctr ist in die paläontologischc Sammlnng der Universität Lyon gc- kommen.— Hnmoristisches. — Von der V i z i n a l b a h n.„Wozu hat denn der L o k o- motibf ührer' n H a n d t u ch ans der Maschine?" „Ziuu Schiene n abtrock neu, wemis regne t."— — Starkes Mißtrauen. P r o f c s ff» r sdcr anS dem Bad ans Ufer steigend seine inzwischen gestohlenen Kleider nicht mehr findet):„Hm, hm. sollte ich mich wirklich in der Zerstreutheit s ch o n zu Hause ausgezogen haben?"— '— Ganz einfach. Frau:„Mußt Du denn alle Tage ins Gasthaus gehen?"— M a n u: Freilich, Alte, ich bin ja S t a»i in- g a st.".— t.Meggcnd. hnm. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Im„DeutschcnSport" wird ein Gemälde folgendermaßen beschrieben:„Ein Oelbild von„N n m o n n a" vollendete jüngst Professor Sperling für den Züchter dieser herrlichen Stute. Mit bckaimter Meisterhand hat der Künstler diese form- vollendete Tochter des Fnlmen und der Miimehaha auf die Leinwand gebracht, so daß man sich nicht lange going in den Anblick dieses Bildes vertiefen kann... Ivic denn die Leistungen dieses herrlichen Görlsdoiffer Produkts alle diejenigen mit Stolz erfüllen können, welche mit dieser Stute in» Leben etlvas zu thim bekommen haben."— — Im„Bunzlauer Stadt blatt" erschien folgendes Inserat:„Da mich meine Fran, geb. K.... böswillig vcrlaficn hat, warne ich jeden, ihr etwas zu borgen, da ich für nichts ans- komme. Dem schönen Herrn, tveLber mit ibr im Licbesverhältniß steht, sage ich meinen besten Dank für die Abnahme. Hermann B..., Weuig-Walditz."— — Auf dem Artillerie- Schießplatze zn Thorn wurde ein Schachtmcistcr als ftircktbar verstümmelte Leiche ans- gefunden. Er hatte beim Suchen von Gcschoßrheilen einen„Blind- gänger" gefunden, der beim Fortschaffen explodirt fit.— "— In einigen Theilcn der Alpen ist gclvaltiger Schnee- fall eingetreten. Der Bernhardin und der S P l ü g e n p a ß sind für allen Verkehr geschlossen.— — Bei den F a r ö e r- I ns e l n ist in den schwere» Stürmen der letzten Tage ein d e n t j ch c r F i s ch d a m p f e r gesunken. Bon der Mannschaft ist niemand g e r e k t e k.— — Ein französisches Depesckenboot des Hafens von Saint- Valery erlitt Schiffbruch. Die ans d r e i Mann bestehende Besatzung ist ertrunken.— — In England war ein Ausschuß eingesetzt, der ein Mittel znr Bekämpfung der Tsetsefliege, die in Afrika unter den Thieren so großen Schaden anrichtet, suchen sollte. Das Ergebniß wird jetzt veröffentlicht: es ist kein Mittel gesunden worden. Die Menschen werden von dein Stich der Tsetsefliege nicht erheblich belästigt.— Die nächste Nummer des Unterhalttmgsblattes erscheint am Sonntag, den 4. Dezember._ Berantwortlicher Redakteur: Zlngnst Jaeobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Badin, in Berlin.