HlnierhaltungMalt des Horwärts Nr. 23k. Gonntng, den 4. Dezember. 1898 (Nachdruck verboten.) � Nen-VarZhAso-. Ronmii von Georges Eekhond. (Schluß.) Tos ging Frans VerWinkel, einen: Viirschchen mit lustig blitzenden braunen Augen, die gar klug uud hell in die Welt schauten, schließlich über den Spaß. Er zog in aller Ehr- surcht vor Paridael die Mütze, ueigte seinen schwarzen Struwel- kops und spöttelte:»Ich will nicht sagen, Alter, daß uns Deine Gesellschaft nicht behagt, oder daß Deine Unterhaltung nicht spaßhaft wäre, aber wenn Du ineinen Rath folgst, wirst Du vorausgehen und uns in Wilmarsdomk erwarten... Seit einer Stunde hat's schon geläutet. urid wen» auch Bejard gerade nicht der Menschenfresser ist, als den Tu ihn hinstellst, so würde er sich doch sicher nicht genireu. uns Strafgelder abzuziehen oder urrs einfach air die Luft zu setzen, denn der Schlauberger weiß ganz gut, daß er solche Tausend- kiinstler, wie er sie braucht, jeden Augenblick nach Belieben bekommen kann. Tu wirst uns in diesem Falle aber nicht Kost und Logis geben, rrnd ich glaube auch nicht, Onkclchen, daß Du Dir die Hiebe, die wir zu Hause zu erwarten haben, an unserer Stelle wirst aufzählen lassen. Und deshalb wollen wir lieber Abschied nehmen, Freund.... Viel Glück auf den Weg!" Damit wandte ihm der übermüthige Bcngel den Rücken, und Laurent bemühte sich umsonst, die ihrem Oberhaupt Folgenden zurückzuhalten. Johlend und pfeifend stob die Schaar dahin und verlor sich in den Gebäuden der ausgedehnten Anlagen. Laurent starrte ihnen nach, bis sich die Thiir hinter dem letzten der Nachzügler geschlossen hatte. Ihr Helles Lachen. ihre fröhlichen Stiinnren klangen ihm noch im Ohre, er sah noch das Aufleuchten der kastanienbraunen Schelmenaugen des größten der Jungen und die eindrucksvolle Geste, als er die Mütze mit einer raschen Handbewegung entschlossen auf den Hinterkopf zurückschob. Das Herz schnürte sich Paridael in der Brust zusammen in namenloser Angst um diese Schlingel, die er heute zum ersten Male zu Gesicht bekommen hatte... Während Laurent noch iiberlegte, ob er nicht die sinigen Leute an ihrer Arbeitsstätte aufsuchen sollte, um sich mit eigenen Augen von der Grimdlosigkeit seiner Befürchtungen zu überzeugen, war es ihm plötzlich, als wenn die Lust den faden Hauch frischen Blutes. Krankenhausdüfte und den beißenden Brandgeruch zu ihm herüberlvehtc. Wie unter der Einwirkung eines stark wirkenden Betäubungsmittels glaubte er die Besinnung zu verlieren und einem S6)windelanfall zu erliegen. Tie Gegenstände drehten sich vor ihm ini Kreise, nnd das Bild einer düstern Vifion stieg vor seinen erregten Sinnen ans. Der hohe Zaun, der die Bejard'sche Fabrik- anlagc umgab, war verschwunden, die Baulichkeiten zustimmen- gebrochen, das Mauerwerk zeigte klaffende Lücken und öffnete sich wie Thcaterkoukissen. Und in dein grünen, nierrfarbenen Licht fahler Dämmerung drehte sich ein Schwann menschlicher Zerrbilder in wildem Reigen. Die schreckhafte Erscheinung dauerte nur eine Sekunde, dann erlosch das grüne Licht'wieder, die Mauern schoben sich wieder zusammen, und die Fabrik erschien wieder in ihrer ganzen häßlichen AnsdruckSlosigkcit. .Mein Gott", sagte sich Paridael,»ich werde ani Ende noch verrückt!" Er schämte sich fast dieser krankhaften An- Wandlung, die er seiner durch die lange Krankheft hervor- gerufen on Ueberempsiudlichkeit zuschrieb und schritt weiter, dem Flusse zu. Zivei- oder dreimal wandte er indessen den Blick, blieb stehen und ging ein paar Schritte zurück, wie einer der etwas vergessen hat und dem eS drängt, von einem geliebten Wesen noch einmal Abschied zu nehmen. Je weiter er sich aber entfernte, desto ruhiger und freier wurde er unter dem Einfluß diese» erste» schönen Tages, der mit scincni flimmernden Licht und seiner belebenden Wärme allen Dingen ein heiteres Aussehen gab. Als Laurent auf der Dammkrone angelmrgt war. von der aus er die Abfahrt des Schiffes, das ihm die TUbak's entführte, verfolgt hatte, bot sich seinen Blicken das Panorama seiner Vaterstadt,, die sich in ihrer ganzen Schönheit und Herrlichkeit vor ihm ausbreitete. Seine Augen wurden nicht müde, all und jedes Ding mit forschender Aufmerksamkeit zu betrachten, und sein Enthusiasmus that ein übriges, den Dingen Leben und Farbe zu leihen. Mit der gierigen Nu- ersättlichkeit eines halberstickten Menschen, der wieder zum Leben erwacht, sog er die kräftige, salzgeschwängerte See- luft ein, die den faden Lazarethgeruch, der seinen Kleidern nach immer anhaftete, von ihm nahm. Es war drei Uhr nachmittags. Das Glockenspiel ans dem Thurm der Kathedrale begann eben die lustige Weise, die der Verkündigung der vollen Stunde als Einleitung voranging. Beim ersten leisen Erklingen des Glockenspiels überlief Laurent daS fröstelnde Erschauern eines Schläfers, der unter freiem Himmel plötzlich erwacht, gleichzeitig war es ihm. als ob ihm einer am Aermel zog. als ob die letzten menschlichen Stimmen, die er gehört, die der jugendlichen Arbeiter Bejard's, von weither riefen. Er ivandte den Blick zu der Pairoiiciifabrik, aber zwischen den Gebäuden und dem Fluß War kein menschliches Wesen zu erblicken. Aergerlich. daß er sich abermals von seinen Sinnen hatte narren lasten, vertiefte er sich wieder in die Betrachtung von Stadt und Hafen. Gleichzeitig mit dem ersten Glockenschlage der dritten Stunde hörte er von der Seite der Patronenfabnk her eine Reihe schwacher Detonationen, die immer schneller aufeinander- folgten, sodaß Laurent den Versuch, die einzelnen Schläge zu zählen, bald aufgeben mußte; seine Beine gcriethcn in zitternde Belvegung, der Boden schwankte unter seinen Füßen wie ein Schwungbrett, dessen Wellenbewegung ihn ein paar Meter nach vorn schlenderte. Ein krachender Donnerschlag, als würden säninitliche Kanonen der Fortbatterien auf einmal abgefeuert, zerriß seiu Trommelfell und ließ das Blut aus den Ohren hervorspritzen. In demselben Augenblick schwankte ein Thell der Bejard'schcn Fabrikgebäillic— es waren just die Arbeitsräume der Kinder— neigte sich wie ein Karten- Haus und stieg dann in einer weißen Windhose zum Himmel empor. Wie der schlanke Schaft einer Wunderblume schoß die Mäste blitzschnell aufwärts, und oben mi der Spitze des Schaftes öffnete sich die riesige Pflanze zu einer schwarz- rothen Tulpe, die ihre Blnkhenblätter in einem schauerlichen Feuerwerk auf die Erde streute. Beim zweiten Glockcnschlag der dritten Stunde,»nährend des tausendsten Theils der Sekunde, den die Feuerblnme lebte, erkannte Laurent'© forschendes Auge in diesen Bliichenbiiittem Arme, Beine, Riimpfstücke mid verzerrte menschliche Gestalten, deren gmß- liches Gebärdenspiel an die zuckenden Lnfffprnnge verrenkter Hmupelimiuper gemahnte. Und diese blutigen oder ver brannten Theile der schlvarz-rothcn Feuertulpe flogen nach allen Richtungen hin in weiten Bogen durch die Lust und regneten unaufhörlich hernieder, während das wirre Geschrei ferner Menscheiistnnmeu und das beständige Geknatter explodirendcr Pattonen die Luft erfüllte, Während er den ans der Ferne heriiberschalleiideu Stimmen lauschte, regnete es Kugeln und menschliche Körper- theile um ihn, er hatte die blitzschnelle Vision eines mit einem Leibchen bekleideten Oberkörpers, eines Kinderfußes, der noch in seiner kleinen Pantine steckte, eines mit einem Hosenfetzen bekleideten Schenkels und dabei mußte er nulvillkiirlich an das lustige Klappern der über die Steinfliesen trippelnden Kinder- Pantinen und an die unverfrorene Keckheit des sorglosen Burschen denken, der ihm so fröhliche Austunft gegeben:»Sie sollten Frans Venvinkel mal bei der Arbeit sehen! Ein Schlag, und fettig ist die Arbeit!" Ja, vielleicht hatte eS nur dieses Schlages des übennüthigen Jungen bedurft, um... Nein, das war ja unmöglich! Laurent»votlte seinen Sinnen nicht trauen. Das war»vieder so ein häßliches Trug- bild seiner erregten Einbildungskraft. Um den Zauber zu beschwören, lachte er hell auf, aber sein Lachen schlug schttll an sein Ohr, und der Zauber wollte nicht weichen. An der äußersten Grenze des städtischen Weichbildes, dort, wo vor einer Sekunde noch die Bauernhäuser des Fleckens Anstruiveel zu sehen»varen, stand nur noch das Gasthaus„In den Spanjard", ein lleberbleibsel aus der Zeit der spanffchcn Herrschaft, dessen Thür die Jahreszahl 1560 schmückte. Durch die gähnende Lücke hindurch sah man auf Ivette Ackerflächen, auf die grinicu Banhckroneu der FestnngS- Wälle, auf den Thurm der Kirche von Austruweel, über dem eine Lerche ihr erstes Lied jubelte. Ganz hinten auf dem Glacis war in schwachen Umrissen das Schilderhaus eines Wachtpostens zu erkennen. Eigenwillig wie der Blitz hatte die Explosion die nächst- gelegenen armseligen Hütten, die ein Windstoß hätte um- werfen können, verschont, ja selbst ein Theil der Fabrikanlagen war unversehrt erhalten geblieben, während mehrere Kilometer entfernt liegende Baulichkeiten niedergerissen und zertrümmert wurden. Dicke Mauern, die einem Torpedo stand gehalten hätten, waren zu Staub zerrieben, die Bohlen und das Pfahl- werk der Landungsbrücke zerpulvert, Eisenträger zu Feil- spähnen verwandelt und die Wellblechdächer der Speicher wie Seidenstoff zerknüllt. Bevor der dritte Glockenschlag der dritten Stunde noch verklungen war, öffnete hinter der Fabrik ein Flammengciser seinen Schlund, dessen Wogen zischend und pfauchend wie züngelnde Schlangen sich blitzschnell über einen Raum von zehn Hektaren ergossen: der gesammte Petrolcumvorrath von fünfzigtausend Fässern flammte wie ein Streichholz auf. Dieser Feuerstrom verbreitete sich mit solch unheimlicher Schnelligkeit und rasender Wuth, daß die Stadt bedroht er- schien, und der Fluß eine einzige brennende Fläche bildete. Das optische Trugspiel erweckte den Schein, als ob die rothen, ins Uebergroße verzerrten Flammenzungen die Strebe- Pfeiler der Kathedrale gierig beleckten. Trotz des hellen Tageslichtes leuchtete die schlanke Thurmspitze im Glänze der untergehenden Sonne, und die in den Bassins ankernden Schiffe schienen im wechselnden Spiel der Beleuchtung Kinder- spielzeug, das sich auf der brennenden, wildbewegten Ober- fläche schaukelte. Der dämonische Eindruck der erschütternden Tragödie steigerte das Entsetzen und das überquellende Mitleid Laurent's zur Extase. Der Feuerregen hatte aufgehört. Eine milde, reine Luft erfüllte den Raum, nie hatte des Himmels Blau so lockend und kosend den Sterblichen gelacht. Dem Propheten- wort entgegen stürzte der Himmel nicht ein, der schöne Früh- lingstag lächelte mit theilnahmsloser Gleichgiltigkeit, und den schwarzen Schaumkämmen dieser flammenden Wogen gelang es nicht, den Frieden und die majestätische Heiterkeit der flimmernden Sonne zu verschleiern und zu trüben. Nach der lähmenden Bestürzung des ersten Augenblicks trieb der Sturm des Schreckens die Bevölkerung der fern- liegendsten Stadttheile nach dem Schauplatz der grauenvollen Ereignisse. Dem Tode entronnene Arbeiter, Kalfaterer, Schauerleute, Weiber mit Säuglingen im Arm, junge, halb- nackte Mädchen, Matrosen, Zollwächter, die Haare und Kleider versengt, liefen mit irren Augen und zerzaustem Haar wie Besessene auf die Felder hinaus, dazwischen tauchte hier und da eine brennende Gestalt auf, die einer lebenden Fackel gleich auf die Scheide zurannte und sich in die aufzischenden Fluthen stürzte. Einer der Flüchtlinge kam in vollem Lanf auf Laurent zu und hätte ihn um ein Haar umgerissen. Laurent erkannte Bejard. Beim Anblick seines Todfeindes wurde es auf einnial hell und klar in seinem Geist. Fest überzeugt, daß für dieses Vernichtungswerk sein Feind verantwortlich war, packte er den Schurken, der ihm da so glücklich in den Weg lief, mit festem Griff. In diesem entscheidenden Augenblick hatte er seine verlorenen Kräfte wiedergefunden. Er wollte sein Wort halten: Antwerpen, Regina, die den Fischen zur Nahrung hin- geworfenen Auswanderer und die hingeopferten Kinder sollten gerächt werden. Und nun war es ihm auch klar, für welche „Bestimmung" ihn das Schicksal aufgespart hatte. Bejard wehrte sich wie ein Verzweifelter, brüllte, daß er den„Brandstifter" erwischt hätte, und rief die Leute zu seiner Unterstützung auf. Aber die Fliehenden, die nur auf ihre eigene Rettung bedacht waren, liefen weiter, ohne auch nur einen Blick auf die Ringenden zu werfen. Laurent hieb wie ein Rasender auf Bejard ein und hielt ihn mit eisernem Griff fest. Der elende Folterknecht, der gewissenlose Seelenverkäufer sollte sich nicht rühmen, seine letzten Opfer zu überleben. Er glaubte sich schon gerettet, weil er dem Feuer glücklich entwischt war, aber glücklicher- weise war Einer zur Stelle, der, wachsamer und wilder wie die Flammen, seine letzte Kraft darauf verwandte, die Beute dem Feuer wieder zu überliefern. Unerbittlich wie der Tod selbst stieß und drängte Laurent seinen Feind dem tobendem Flammenmeer zu. Er war der einzige, der kaltblütig und mit ruhiger Entschlossenheit dem Höllenschlunde zustrebte, in den er sich mit seinem Verur- theilten stürzen wollte. Der Gedanke an den Tod hatte für ihn jetzt nichts Schreckliches mehr. Bejard, der schaudernd den furchtbaren Plan seines Henkers errieth, schlug, biß und wehrte sich aus Leibes- kräften niit dem Muthe der Verzweiflung, die ihm Riesen- stärke lieh. Zuweilen leistete er solchen Widerstand, daß es Laurent nicht gelang, ihn vom Fleck zu bringen. Aber Paridael be- hielt immer die Oberhand und schob seinen Gefangenen schritt- weise vorwärts über das klebrige Erdreich und über verkohlte Haufen hinweg, in denen niemand menschliche Ueberreste wiedererkannt hätte. In seinem blindwüthigen Rachegelüste achtete er selbst der Schmerzensrufe der Verwundeten nicht, auf denen er erbarmungslos herumtrat. Unter seinen Füßen entluden sich unaufhörlich die Patronen und um seine Ohren pfiffen die Kugeln, als wäre er mitten im tollsten Kampf- gewühl eines Feuergefechts, das die letzte Entscheidung bringt. Die Hitze wurde unerträglich. Der Oualm des brennen- den Naphtas drohte ihn zu ersticken... In dem Augenblick, als es mit Paridaells Kraft zu Ende ging, als Bejard sich seinen kraftlosen Armen entwinden wollte, entlud sich der Rest des Patronenvorraths auf einmal. Die letzten Spuren der Bejard'schcn Fabrik waren vom Erdboden verschwunden. Eine zweite schwarz-rothe Tulpe öffnete unter zuckenden Blitzen ihren strahlenden Blüthcnkelch. Zwei Schatten, die sich wie Liebende umschlungen hielten, brachen inmitten eines Feuersees zusammen, dessen lodernde Flammenwogen prasselnd über ihnen zusammenschlugen.— SonnsetgsplÄttdevei. Unbekümmert um die Unrast in aller Welt fängt Berlin an seine weihnachtliche Physiognomie zu enthüllen; diesmal in ganz milde» Frühlvintertagen. Friedlich und erbaulich sieht es allerdings nicht ans, wenn selbst die Pastoralen Palästinafahrer unwirsch und verdrießlich heimgekehrt sind. Was thäte ein Rothschild ohne Dienstboten? Der Bejammerns- werthe! Und nicht besser ging's den Pastoren in so manchem Hotel. Die türkische Polizei macht griindliche Arbeit. Wozu erst von Fall zu Fall priifen. Ein Italiener? Das riecht nach„Anarchie". So hm man denn während der Festtage zu Jerusalem die italienischen Bediensteten gleich„truppweise" internirt und dem schwerfälligsten Superintendenten konnte es pasfircn, daß in seinen, Hotel niemand zur Aufwartung da war. Ob die türkische Sicherheitsbehörde darin nicht Schule machen könnte? Man übt sich ja zur Zeit in Probc-Ausweismigeil aller Art. Runder als derlei Experimente erscheint das türkische Ver- fahren. Es ist nichts damit, wenn man vorsichtig um den heißen Brei schleicht. Offenherzigkeit thnt wohl in allen Dinge». Wozu erst so sanft abwehren, wie es Stadtschulrath Bertram in der Frage des Ordinariats jüdischer Lehrerinnen that? Aus allem vorsichtigen Wenn und Aber hört man doch das barsche Nein der Rückwartsmänner heraus. Daß man Menschen, die redlich ihre Pflicht gcthan haben, im Kern ihrer Seele verivnndet, das wäre das Schlimmste noch nicht. Aber man will für die Daner abwehren; es handelt sich, wie im Köller'schen Sinn, um Schreckschüsse. Warum dann so wenig bc- herzt? Statt so angenehm mit dem Pfahl zu lvarnen, könnte man doch rauher dreinfahren und Juden, die sich dem Lehrfach widmen wollen, für die Zukunft offenherzig abmahnen. Unsere Bürger- schuft und ihre Behörden sind gewiß nicht grimmig. Sie treiben ungern unbequemen Konflikten zu. Fragen von grundsätzlicher Be- deutung weichen sie lieber ans. Das ist zu sehr bekannt. Trotzdem tauchen unter uns immer wieder einzelne Menschen auf, die von unheilbarem Optimismus erfüllt sind. Sie möchten den Ehrgeiz der Stadt gerne anfachen, sie möchten das Blut der Stadtväter zum Wallen und Sieden bringen. Solch einer von den Schlvärmern ist— man sollte es nicht glauben— Herr August Scherl. In mehr als einer Hinsicht ist dieser Mann der Masicnhaftigkcit ein typischer Repräsentant unserer Tage. In einer halben' Million von Exemplaren hat er neuerdings eine Broschüre in die Menge geworfen, die jedenfalls den Zweck erfüllt, daß man in weitesten Kreisen von ihr und ihrem Urheber spricht. Eine seltsame Mischung von äußerstem Raffinement und einer offenbaren Naivetät, die manch- mal wie weltverloren annmthet, giebt sich da bei dem mächtige» Herrscher des„Lokal-Anzeigcrs" kund. Das muß in seiner Weise zu ganz kuriosen Widersprüchen und zu verblüffender Ironie führen. Der Gewalthaber des„Lokal-Anzeigers" kennt die Suggcstionsreize, mit denen man blendet, erregt und auf die Menge wirkt. Er fühlt sie instinktiv. Er hat sie angewandt und kaum, wie eine zweite geistige Erscheinung unserer Tage, hat sein„Lokal-Anzeiger" geistig„retardireiid", zurückhaltend, gewirkt. Mochte es iveltcrn und toben, mochten Geisterschlachten in de» Lüften geschlagen werden, Schcrl's Papier besänftigte, Scherl's Papier diente dem Ruhe- und Trägheitsbedürfniß der Menge. Dieser selbe Mm», aber, dessen Organ den beschaulichen Jnsiinlten schmeichelt, ist in sich selber merkwürdig unruhig, rege, voll von Bewegung, Altfränkisches möchte sein Blatt stützen, er selbst ist bis zu den Fingerspitzen voll von modernster Erregbarkeit. Spekulant und Schwärmer zugleich I Als Schwärmer wendet er sich in seiner jüngsten Broschüre „Berlin hat kein Theaterpubliknm" oder zutreffender, die Berliner- Theater wissen ein weites Publikum nicht zu werben, an die Oeffentlichkeit. Mit überraschend sicherem Gefühl begreift er den sozial-geistigen Werth der Bühne in unserer Zeit. Jndcst seine Zeitung so häufig sich an die tausende von Bequemlichen und „Neophoben" wendet, die jegliche Neuerung scheuen, nimmt er selber den modernen Fluh in den Künsten wahr. Er erkennt Neu- bildungen und steht zugleich, welch' breites Interesse für das Theater vorhanden ist. Dies möchte er zusammenfaffen, in seiner Weise sich geistig dienstbar machen und— sozialisiren. Sozialisiren durch das Mittel der— Stadt. Und das ist der Humor davon. Derselben Stadt, die in einleuchtender Wirthschasts- frage, wie in der der Elektrizitätswerke, so seltsam wenig Sozialisirungsgelüste verspürt hatte, wird mm zugemuthet, in intim geistigen Dingen sozial zu haitdeln und neue, groß angelegte Stadttheater zu schaffen. Die Kritik, die Herr Scherl an die Privattheater, bis auf die mit der Volksküchen- Kunst, anlegt, ist im Wesen richtig. Seine Neuvorschläge find im Ernstsall im Großen durchführbar: Das Don-Quixotische ist die Zumuthung, zu verstadtlichen. Herr Scherl reißt sich— er kann ja aus seiner Natur nicht heraus— nicht völlig von privatkapitalistischen Anschauungen los,— und doch der Feuereifer für ein allgemeines Kulturmittel. Man möchte Herrn Scherl in den Worten Hamerling's fragen:„Wo gewesen seid Ihr, als der Entscheidung Stunde schlug 1" Wo war nur ein Laut bei Scherl und den Seinen zu vernehmen, als es sich um die Elektrizitäts- Gesellschaft, um die Vcrstadtlichung eines nothwendigen Bedürfnisses handelte? Damals rauschte es in den Blättern des„Lokal- Anzeigers" auch nicht von fern und jetzt das brausende Trara:„Die Kunst auch dem kleinen Mann." So weit hat Herrn Scherl die soziale Träumerei hingerissen, daß er die harte Wirklichkeit an einer Stelle überflog und an ein tägliches Mittagstheater dachte. Das könnte doch nur unter freieren sozialen Verhältnissen sein und nicht im Kulithum, in der Frohnarbeit, an die die Allermeisten von uns gebunden sind. Vielleicht wird der sehnsüchtige Scherl die Folge- rungen ziehen und als absoluter Herr seiner eigenen Kulis die neuen Zeiten in seinem Zeitungsblatt vorbereiten helfen. Es iväre zu schön, wenn der„Lokal-Anzeiger" als moderner sozialer Kämpe jäh erschiene. Von der beweglichen, modern sensiblen Art, die sich in über- raschcnden Gegensätzen ergeht, war der strenge, aufrechte Dichter grundverschieden, den man jüngst auf seinem schweizer Heimaths- bodcn zur Ruhe bettete. Er scheute die Menge, und sinnenden Blicks war er großen Vergangenheiten zugewandt. Nichts Sprung- Haftes gabs in seinem Wesen, wie in seiner Kunst. Seine Sehnsucht zog ihn zu seltsamen, tiefen Problemen, und geringeren Reiz hatten die wechselnden Schicksale der Gegenwart und die Welt des Kleinen für ihn. Schoy das äußere Bild K o n r a d Ferdinand Meyer's — von ihm ist die Rede— widersprach dem des modern sensiblen, von tausenderlei Nervenreizen gepeinigten Mannes. Als Stauffer-Bern der Maler, gestorben war, da sah man in der Rattonalgallerie vor einer Reihe von Jahren eine Sammelausstellung seiner Werke. Darunter war eine meisterliche Porirätzeichnung Meher's. Auf breit ausbauenden gewölbten Schultern ein mächttger Kopf mit dem Doppclkinn eines Prälaten. Noch war auf dem vollen Gesicht nichts von der Gemüthsverdüsterung zu lesen, die den Dichter in seinen letzten Lebensjahren befallen hatte. Unter leuchtender Stirn kluge, milde Augen ließen das feiste- Gesicht liebenswürdig erscheinen.— Drciundsiebenzig Jahre alt ist K. F. Meyer gestorben. Ihn hat die Welt nicht rauh angefaßt: er durfte in Beschaulichkeit sich entfalten und wie er sinnirend lebte, so ging er auch dahin. Ein Schlaganfall raffte ihn hinweg, als er, den Kopf vorn über gebeugt, in-seinem Landhaus zu Kilchberg in einem Band Goethe las. Einer Züricher Patrizierfamilie entstammte K. F. Meyer und oft und gern wurde er mit Gottfried Keller, dem Stadtschreiber von Zürich. in einem Athem genannt. Die Schweiz war stolz auf die„beiden Kerle", aber künstlerisch ist ihr Walten und Wesen verschieden. Gottfried Keller war vom Leben tüchtig gezaust worden. Er stand der Scholle nahe, auf der das kleine Volk lebt. Er sah auf das AlltagSgcwimmel nicht vornehm herab, er ver- klärte und weihte es durch seinen Humor. Ein breiterer Strom von Empfindungen der Gegenwart fließt in seinen Erzählungen; ihm kann ich offene Liebe entgegenbringen; eher mit Respekt nahe ich mich dem Erzähler und Balladendichtcr Meyer. Keller's derbere Organe sind mir mehr verttaut, als die vornehnr- reservirte Spezialität Meyer's. Die verfeinerte, finnvolle Kunst Meyer's, seine plastisch- bildliche Sprache, die freilich mit- unter kühl wird, in allen Ehren. Bei Keller geht mir das Herz auf. Anfangs war Meyer romantischer Bettachtungs- .weise zugewandt. Die Jahre 1870/71 entschieden für seinen Lebens- lauf. Sic machten ihn, der daö Ungewöhnliche, das Pathos in den Dingen r'iv-bt, zum deutschen Dichter. Sein Bekcimtniß war das Poeni„Hutten s wtzte Tage". Spät trat Meyer als Poet auf: er war vollgereift zu Aiifu.ua. Das kühn bewegte Erlebniß, die kühn bewegten Epochen regten Mecpsr's Phantasie an. So schuf er seine Erzählungen aus der Renaissance, so sein merkwürdiges Lebens» Problem von Jörg Jcnatsch, dem Schweizer, so seine Balladen. Sein Stil ist ernst und klar; man sieht dem Problem bis auf den Grund. Aber es bleibt ein Theil vom Gelehrteuthunr doch darin stecken. Meyer sammelte eine Gemeinde um sich. Ihm fehlt zum beherrschenden Genie, was zum Euthnsiasnuls hinreißt, was wie der Ausdruck kebendiger Volksseele erscheint. Seine Gemeinde wird größer Iverden, im deutschen Gesamnitvolk wird er nicht, wie ein Erkorener, leben, nnewohl er in seinen Balladen nicht selten den Ton traf, der die Volksseele in starke Schwingungen versetzt, weil er allzeit Menschliches so tief als einfach ausdrückt. Wenn das orientalische Käthchen dem englischen Herrn folgt, über die halbe Erde sich den Weg bahnt zum Geliebten, niemand versteht sie und nur zwei Worte,' den Namen ihres Geliebten, kann sie sprechen, ihre naive Gläubigkeit siegt aber doch über Jammer und Hindernisse l So ist das Poesie, die groß und klein umschließt. Das ist wie eine Illustration zu den Bibelversen von der Liebe, die stark ist wie der Tod.„Wasserwogen löschen die Liebe nicht. Ströme fluthen sie nicht hinweg. Böt' Einer all seine Habe um die Liebe, Hohn und Verachtung würde ihm nur."— Alpha. Mleines FenMekon — Id. Lichtarbeit. Das Dunkel des Spätabends durchdringen grelle, elektrische Lichter. Sie enthüllen ein sonderbares, grausiges Treiben, das sich auf einem Ivetten Platz zwischen den hochragenden Seitenmauern mehrerer Hänser abspielt. Die Erde des ganzen Platzes ist abgetragen. Mehrere Meter tief haben sich die Arbeiter ein- gewühlt. Die Fundamente der Ncbenhäuser sind bloßgelegt und mit gewaltigen Balken gestützt. Dicht am Bauzaun öffnet sich der riesige Bauschacht wie ein Abgrund. Ans der schwarzen Tiefe ragen hohe Gestelle, neben denen Dampsinaschinen fanchen und an denen regelmäßig ein schwarzer Klotz auf- und niederfäyrt, um mit voller Wucht dicke Stämme in den Sumpfboden zu treiben. Weiter drüben, am Rande des Schachtes, saugt eine Maschin« unaufhörlich das Grundwasfer ein. Doch es scheint nicht abzu- nehmen, so lang sie auch ihren rüsselartigen Schlauch ausreckt und so eifrig sie auch saugt. Immer wieder steigt zwischen den Gestellen und dem Valkengewirr auf dem Boden des Bauschachtes das ekle, schwarze Wasser auf. Aber su ist geduldig. Sie saugt gleichmäßig weiter... Auch die Rannnen schießen rastlos auf die Balkenköpfe herab und jagen sie in die schwanke Erde. Die ganze Umgebung zittert von den hefttgen Stößen. Und zwischen all dem Gcfauche und Ge- stampfe bewegen sich schwarze Schatten— die Arbeiter. Ihre Ge- sichter sind bleich; nicht nur von dem gelben Licht, auch von der überlang ausgedehnten Arbeit und den Dünsten, die aus dem ver- wüsteten Boden aufsteigen. Ein dumpfes Krachen— ein erstickter Aufschrei: In dem wirren Durcheinander von Licht und Schatten hat ein Arbeiter einen Fehltritt gethan. Ein Balkenstapel ist zusamniengerutscht und hat ihm ein Bein zerschlagen. Mehrere Kollegen springen ihm zu Hilfe. Aber die Maschinen gehen ihren gleichmäßigen Gang weiter, geduldig, unempfindlich. Und wenn sich erst der hohe Palast über dem Schacht erhebt, denkt niemand mehr daran, wie viele Leben sein Bau gekostet, wie viel Knochen zermalmt und zersplittert werden mußten, damit er in voller Pracht anfragt— auf schwanker Erde.-- Theater. — Unter dem Namen„Verehr Historisch-Moderne Fe st spiele" ist in Berlin eine Bereinigung zusammengetreten, die Aufführungen von Theater werken aus allen Zeitaltern veranstalten will. Die Vorstellungen sollen zunächst alle vierzehn Tage Sonntags im Neuen Theater stattfinden: je siinf Aufsühnuigcn bilden einen Zyklus. Den ersten Zyklus bilden: zwei Komödien von A r i st o p h a n e s, ein„Bühnen- träum"„Die letzten Menschen" von Wolfgang Kirch- dach,„Tralus und Cressida" von Shakespeare(oder„Saknn tala" von Kalidasa), ein Lustspiel„Kupfer" von T h. D u i m ch e n (oder„Widukind" von H. Wette) und„AmpHitryon" von Heinrich von Klei st. Der Zyklus beginnt am 22. Januar.— Hoffentlich bedeuten die Namen Aristophanes, Shakespeare und Kleist nicht nur die Lockspeise für Stücke, die sonst nicht zur Bühne ge- langen können.— Knnst. —hl. Auf die Ausstellung der„Nco-Jmpressionisten" ist im Kunstsalon Keller und Reiner eine Ausstellung moderner französischer Meister gefolgt. Es sind in der Mehrzahl Maler, die als Klassiker des Jmprcfsionismus auch in Deutschland schon lange gewürdigt werden, und sie sind mit hervorragenden Zeugnissen ihrer Kniist vertreten. Von Claude M o n'c t ist auch eine ältere Landschaft(1872) ausgestellt., die in ihrer Technik zeigt, wie die iniprcsfionistische Malerei in der That zu jener Auflösung der Farben drängt, deren konsequente Durchführung bei den Neo-Jmpressionisten vollzogen ist. Es ist eine Landschaft in matten blauen und gelblich braunen Tönen: vorn ein Fluß, am Ufer drüben erhebt sich auf einer Anhöhe die Stadt. darüber sonniger Friihlingshimmcl. Die Farben haben etwas von der Schönheit eines eilten verblichenen Gobelins, sie find fest neben- einander gesetzt. In einem danebenhöngenden Strandbild jüngeren Datums sind dagegen die Farben gelöst i es erscheinen nicht mehr feste Flüchen, in flüchtigen, deutlich von einander unlerscheidbaren Strichen ersteht vielmehr ein Bild von packender Lebendigkeil. Born hohen Meer her brausen die Wellen schäumend ans Land. Hachaus spritzend brechen sie an den schroffen, überhangenden Felsen, die am Ufer emporsteigen, Das find merkliche Wogen, das ist das rastlose Steigen und Fallen und Sichüberstürzen des erregten Meeres. Wie Meeresluft weht es dem Beschauer von dem Bilde entgegen. Und von einer köstlichen Frische sind die silbrig schimmernden grünen und blaugrauen Farbentöne. Gegenüber dieser malerischen Kraft haben die Landschaften von P i s s a r o und S i s l e y einen schiveren Stand, Auch bei diesen Malern kann man in der Zluöstellung Bergleiche zwischen älteren und jüngeren Werken anstellen und wird zu den- selben Ergebnissen gelmigen, Bon Sisley fällt unter den neueren Werken die Darstellung eines Waldwegs in herbstlichen, Rothgelli ans. Fast kahl stehen die Bäume zu beiden Seiten des Weges, mit einem warmen, matten Schein füllt. das«onnenlicht hindurch und zeichnet das Geäst in blassen Schatten auf den Weg, und zur Rechten eröffnet sich zwischen den Stämmen ein fretiiidlicher Durchblick auf das Feld und die im Mittelgründe liegende Stadt, Pisiaro ist durch einen „Obstgarten iit Blüthe" und durch zwei Stimmungen vom Boulevard Montmartre ansgezeichitet vertreten. Man ficht von einem erhöhten Standort in die breite Straße hinein; die Meuschen, die Wagen auf der Straße erfcheinen winzig klein und doch wirken fie, wie sie so aneinander vorbeihasteu, außerordentlich lebendig. In beiden Bildern herrscht Regenslimmung, ein zarter gelblicher Gcsammtton liegt über ihnen, der von dem fahleit Gelb des regenschwcren, dichten Gewölks ausgeht und sehr sein zu dem blau- grauen Ton der schwerfeuchtcn Luft kontraftirt. Tiefer in den Farben ist das ein« Bild, auf dein die welken Blätter der Bäume den Herbst künden; heller, kälter lvirkt das andere, ein Frühlingsmorgen. All den Bildern der Frmizosen ist eine gewisse Gedämpftheit, Weichheit der Farben gemeinsam; daß diese, die bei de» Großen so voniehni lvirlt, leicht auch zur Weichlichkeit werden kann, zeigen die Arbeiten einiger Jüngerer. die von dem strengen Studium der Ratnr schon etwas aligegangen sind, um zu größerer Farbigkeit zu gelangen, eines Moret nnd Maufra, Unter den Malern, die mich das Figürliche in de» Bereich ihrer Kunst ziehen, niunnt heute Renoir eine der erste« Stellen ein. Er ist in dieser Ausstellung mit sechs Bildern vertreten, die seine vielseitige Kunst sehr gut keunzeichneu. Renoir erzielt unter allen die stärksten Bildwirkunge»; bei aller Wahrheit der Darstellung sind seine Bilder in: höchsten Sinne geschmackvoll angeordnet und zu feiiicu Farbenharmonien gestimmt. So hat er das Brustbild einer Frau im Empire koftüm gemalt: von einem unendliche» Liebreiz in den zarten blaugrüneit und violetten Tönen, in dem Aus- druck des kleinen Gesichts. Kräftiger wirkt er in den anderen Bildern, in Kinderporträts mid einer Gnitarrespielerin, in der er stärkere blane und rothe Farben sehr fein kontrastiren läßt, Weich und von efiler herrlichen Schönheit des Tones ist a»ich .eine Landschaft; ein rorhes Haus leuchtet ans dem Hilttergrnnde durch das spärliche, herbstlich rothgelbe Laub der Bäume; vorn schließt die Szene ein Teich ab, in dessen zitterndem Spiegel das llserbild in schwankenden llmriffen und vertieft in der Farbe, in wimderbarer Haruimne mit dem weichen Blau des Waffers, wieder- kehrt.— Geschichtliches. — Bauernkrieg-Forschungen. Der Archivar Dr. Me rx vom Staatsarchiv zu Magdeburg hat einen Theik der thüringischen Archive nach Materialien über den Bauernkrieg jetzt nochmals durchaefchen. Die Studien des Gelehrten haben hier und da merk- würdig überraschende Ergebnisse zu Tage gefördert. Namentlich sind die blutigen Ereignisse der Baucrnschlacht von Frankenhauscu in einer Weise klargelegt, die ein ganz anderes Mld craiebt, als man sich bisher voii der Schlacht machte. Interessant sind auch die Mit- theilungen über die aktive Theilnahmc einer Anzahl von Grasen und Herren' auf Seiten der Bauern. Man war bisher stets der Meimuig, diese seien nur gezwungen mitgegangen. Jetzt stellt sich unter der Forschung das'gerade Gegentheil heraus. Hierin liegt auch der Grund, weshalb man die Archive der fürstliche» Familien nach dieser Richtung hin früher hermetisch der Forschung verschloß.— Kulturgeschichtliches. gst. Wie im Jahre 1731«in Galgen errichtet wurde, erzählt Erust Koch nach den darüber vorhaudcncn Akten in der„Zeirschrift des Vereins für thüringische Geschichte". In, Anfang des Jahres 1731 sollten im fürstlich nlenringenschen?lint llntermaßfeld drei Verbrecher gehängt werden. Aber es war kein Galgen vorhanden, und es mußte schleunigst einer errichtet werden. Man brauchte dazu vier Eichen und vier Leiterbänine, die der Förster beschaffte. Am 24. Januar versammelten sich imn vor dem Schloß zu Uuternmßfeld die Zimmerleute mit ihren Gesellen und LehrNiigen und die Müller des Amts. Der Richter ließ die Auwcsendcn einen Kreis um sich bilden und befahl den Zimmerkeuten, das neue hohe Gerüst, den Müllern, zwei Leitern zu verfertigen. Weil die Versammelte» aber fürchteten, wegen dieser Arbeit nicht mehr als ehrliche Leute an- gesehen zu werden, legte der Centrichter zuerst Hand ans Werk, zog den Degen und führte im Namen Gottes einige Hiebe in eine Eicve. Unter Androhung strenger Strafen verbot er, bei der Arbeit zu fluchen oder zu zanken und stellte allen eine Belohnung in Aussicht. Am 6. Februar, nach gethaner Arbeit, zogen die Zimmerleule und Müller paarweise, in Begleitung des Richters, und klingendem Spiel nach der Richtstätte, um' den Galgen aufzustellen. Hier verlündete der Richter, daß seit undenklichen Zeiten zum ersten Male an dieser Stelle wieder ein Hochgericht errichtet werden würde, und zur Einweihung schwang er den Degen über seinem Haupte und beschrieb mit ihm ein Kreuz. Nochmals gab er den versammelten Handwerkern die Zusicherung, daß die Regierung sie gegen jeden, der ihnen ihre Arbeit vorwerfen würde, schützen wolle. Darauf wurde der Galgen in Gottes Namen errichtet. Die Handwerker erhielten 12 Thaler für ihre Mühe. für die sie sich noch au demselben Tage im Wirthshans clwaS zu gute thun sollten. Auch der Schmied, der einige Werkzeuge für das Hochgericht hergestellt hatte, erhielt einige Gulden. Dem Richter. Gerichtsschreiber und den sieben Centschöppen trug ihre Mühe bei der Verurtheilung und Hinrichtung eine Mahl- zeit im Maßfelder Wirthshans ein, auf Kosten der Regierung. Ein Wölsershanser Müller hatte sich der Arbeft, die Galgenleitern mit anzufertigen, entzogen, weil er fürchtete, dann keine Frau zu b«- kommen. Er hatte gegen eine Entschädigung von 1(1 Groschen einen Flnrschützcn beauftragt, ihn zu vertreten; aber die anderen Müller ivcigerten sich, mit diesem zusammen zu arbeiten und verlangten die Bestrafung des Müllers, der auch zu einer Buße von 30 Gulden uerurtheilt wurde.— Humoristisches. — Auch ein Trost. Bauer svor seinem total ge- plünderten Apfelbaum;:»Gut müssen meine Aepfel doch sein— sonst thät'n f die Leull nicht alle Jahr' stehlen!"— — Stoßsenfzer. Xaoetl(als er für den Vater die si'mste Maß Bier holen mußte):»Du, Muller, der Vater kommt uns aber t h e u e r l"— — Ein„Arbeiter". Freund:„So steh' doch endlich erns — es ist ja schon elf Uhr Haus Herrn söhn:.Ausstehen will ich noch— aber sonst thu ich hent' nichts mehr!"—(„Flieg. Bl.') Vermischtes vom Tatze. — Auf der Strecke BreSlau-Zvbten stieß bei der Halte- stelle Hartlieb ein Güterzug auf einen ihm vom Winde entgegen getriebenen leeren Wagen. Beide Lokomotiven des Güterzuges mid zehn Wagen entgleisten. Vom Zugpersonal wurden vier Personen verletzt.— — In Osnabrück beugte sich ein junger Maler über die Schuller seiner Schivester, die gerade einen Brief schrieb, und flüsterte ihr einige Scherz loorte zu. Das junge Mädchen stach darauf nach ihm mit der Feder und traf hierbei cur Auge so unglücklich, daß es sofort auslief. Auch das unverletzt gcbllevenc Auge ist in Gefahr.— — Ein De stellvermerk. Ein in T. ausgelirserter Brief an ,. W i t t>v e Z. i» Holsterhause« bei Alteudorf(Rheinland)" kam als ii nbe st ellbar zurück mit dem Vermerk: »Adressat z. Zt. beim Militär, wo. nicht bekannt. 9t, Brftr.— — Das„Deutsche Volksblatt" in Wien veröffentlicht einen Roman, in dem es unlängst hieß:„lind als dann Laiba vor Ungeduld über mein langes Schweigen mit dem Ellbogen mich ohne Umstände anstieß und zum dritten Bdnle mir dieselbe Frage stellte, ihm doch endlich zu sagen, ob ich eine Jüdin sei. antwortete ich ihm entschieden, aber ironisch lächelnd:(Fort- setzung folgt.)— — Das neue Postgebände in C i k l i hat, da man weder eine deutsche noch eine slovenische Aufschrist anbringen wollte, an der Front lediglich— ein Posthorn.— — Au der belgischen Küste sind bei den letzten schweren Stürmen sehr viele Unglücksfälle vorgekommen. Auf der Hohe von Wandelaere ist ein Schiff nntergegaugeu. niemand wurde gerettet. Der Name des Schiffes koimte noch nicht festgestellt werden. Das mit Holz beladeue Schiff„F lied" wurde mit zertrümmerten Masten, von der Besatzung verlassen, angetroffen.— — Eure„Zeitschrift für Rheumatiker und Gicht- brüchige" ist in Paris gegründet worden; sie wird in jedem Monat zweimal erscheinen.— — Die amerikanischen Durchgangsziige, die zwMien Newhork und dem Westen refp. Süden verkehren., werden als neueste Erruiigenschast ein kleines Vandevi�l«-Theater haben. Vom 1. April 18S9 ab beabsichtigt ein Uv.'ceruehmer besondere Theatertvagen einzustellen.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Mar. Tading in Berlin.