Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 237. Dienstag, den 6. Dezember. 1898 v (Nachdruck verboten.) Die VÄveveisvdev Familie Hellvik. »1 Von Alfred af Heden st fern a. Einzig autorisirte Uebersetzung von E. Brausewetter. I. Es war ein heißer, sonniger Junitag, die Wege be< schwerlich, aber es war der fruchtbarste und wohlhabendste Theil von Schweden, durch den man fuhr. Eine üppige, ab wechsclungsrciche, schöne Natur. Sie stand in der Pracht des Hochsommers, ohne schon etwas von dem frischen Zauber des Frühlings verloren zu haben. Die Hitze hatte erst vor einigen Tagen eingesetzt und war auf so reichlichen Regen gefolgt. daß die Landstraßen noch nicht einmal staubig waren. Unter der Wärme litten eigentlich auch nur die braunen, wohlgenährten Pferde einheimischer Rasse mit schönen, runden Formen, aber ohne jede Spur von„Edelblut", sowie Frau Hellvik, die noch runder und ebenso einheimisch war und in dein Wagen zwischen ihrem Mann und ihrem Schwager ehr geklemmt saß. Die übrige Gesellschaft schien in vollen Zügen ein durch nichts gestörtes Dasein zu genießen. Frau Hellvik, die bereits ihr erstes halbes Säkulum hinter sich hatte, war einmal so schön gewesen, wie eine stumpf nasige, nicht aristokratische Frau es sein kann; aber nun war wenig davon übrig, außer ein Paar herrlicher, sanfter blauer Augen, aus denen so viel Güte, Reinheit und inniges Wohl wollen strahlte, daß sie wohl kaum mit einem griechischen Profil und einer wirklich„vornehmen" Erscheinung zusaumiengepaßt hätten. In die blonden Haare der ziemlich kleinen Dame, deren Figur durch bedenklich zuuehinende Fülle sehr entstellt war, hatte die Zeit manchen Einschlag von noch lichterem Schimmer gewoben, und über ihrem sonnigen Gesicht lag ein eigenthüm licher Zug der Festigkeit und Willenskraft, der im Widerspruch stand zu dem sauften Glanz der Augen. Von Natur war Frau Hellvik eigentlich alles andere eher als herrschsüchtig, aber sie hatte nun fast dreißig Jahre in einem derartigen Kreise gelebt, daß sie zum Besten der Ihrigen wohl selbst die Zügel in die Hand nehmen mußte. Es geschah, ohne daß ihr Widerstand geleistet wurde. Der Mann au ihrer Seite, Gutsbesitzer Albert Hellvik, ein Sprößling einer alten Kaufinauus-Patrizierfamilie in einer Kleinstadt von zweitausend Einwohnern, hatte sich schon früh als so unglaublich unpraktisch erwiesen, daß man ihn für die „Gelchrtenlausbahn" bestimmt hatte. Und„gelehrt" wurde er auch, wenn man nach seiner gläuzeudcu Promotion urtheilen wollte, die er schon früh gemacht hatte. Aber nachdem er mit Lust und Liebe Kenntniß-Vorräthc gesammelt hatte, stand er zu seinem eigenen Erstaunen ganz rathlos da, als er sie anwenden sollte. Als die Kameraden am Proinotioustage jubelten und ganz übcrselig waren in dem Gefühl, am ersten Ziel zu stehen, tvo die Welt offen vor ihnen lag, saß Albert Hellvik grübelnd in einer Ecke und sann darüber nach, was er nun eigentlich anfangen sollte, und lächelte bei dem Gedanken, wie schön es wäre,»venu er nun morgen sich wieder hinsetzen köimte, unr sich für ein noch schwierigeres Examen vorzubereiten. Dann kain der Sommer, die Ruhe und— Emma Landberg. Eigentlich>var sie nur„Wirthschafterin", wenn auch der Hausherr, der Besitzer des großen Lundby, ihr Onkel war. Magister Hellvik kam dorthin zur Sommerfrische,„trank frische Milch" und studirte Geschichte und die Klassiker. Ennna Landberg wußte nichts von den Klassikern, und von der Geschichte kannte sie nur die„vatcrläudischc". Sie war über- Haupt schrecklich kenntnißlos in Buchgelehrsanikcit, aber un- gewöhnlich tüchtig in der Hauswirthschaft und verstand es, fich im Leben Zurechtzufinden. Und dann war sie kernfrisch und schön, ihr ganzes Wesen strahlte von Freundlichkeit und dem Wunsche, allen gefällig zu sein. Albert Hellvik verstand sich wenig auf das weibliche Ge- schlecht der Gegenwart; das hatte er niemals studirt, aber ihn überkam instinktiv in Ennna Landberg's Nähe ein Gefühl der Reinheit und wahren Weiblichkeit, die ihm noch niemals so nahe gekommen war. Na— und nun hatten sie vor ein paar Jahren ihre silberne Hochzeit gefeiert. Seine philosophische Würde hatte niemals im Leben Verwendung gefunden, der„Magister" war Gutsbesitzer geworden und bedankte sich für den Doktortitel, als mancher versuchte, ihn so anzureden, nachdem die„Magister" sich so zu nennen begannen. Das bescheidene, ererbte Vermögen war zu dem heran« gewachsen, was in der einfachen Smaalands- Gemeinde für Reichthum galt. Der Hultuna-Hof war zu einem Gut ge- worden, und sein Vieh bekam auf allen landwirthschastlichen Ausstellungen Preise, obgleich Albert Hellvik fast noch ebenso unpraktisch und ebenso unkundig in den Anfangsgründen der Landwirthschaft war, wie damals, da er seinen akademischen Grad errang. Frau Hellvik, die Herrin des Hultuna-Hofes nahm alles wahr, während Albert den Vasa-Orden bekam, den niemand weniger verdient hatte, als er, was etwas sagen will, aber nicht den„Nordstern", der in den meisten Fällen auf der Brust noch minder kenntnißreicher Herren baumelt, als es der Besitzer von Hulhma war. Nun wollte die Familie ihren ersten Ausflug„in die große Welt" unternehmen, die bisher fern von ihnen existirt hatte, nachdem man mehr als ein Vierteljahrhundert darauf gewartet hatte. Frau Hellvik hatte eigentlich niemals etwas davon gesehen, ebenso ihre beiden netten, liebenswürdigen Töchter Anna und Gerda, die im Wagen ihr gerade gegen- über saßen; denn sie hatten ihren nothdürftigen Vorrath an Kenntnissen durch nicht allzu gewissenhafte Gouvernanten er- halten und, trotz ihrer fünfundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre, nur dunkle Ahnungen von dem brausenden Leben der Gegenwart, das ziemlich weit von Hultuna seine Kreise zog. Zwischen ihnen saß das Nesthäkchen, die Herbstblüthe, der verwöhnte kleine sechsjährige Karl, der seine Mutter am Nach- mittag des Lebens überrascht hatte, aber deshalb ebenso will- kommen war; und auf dem Kutscherbock neben dem alten Knecht Peter thronte der vierzehnjährige Axel Hellvik, der die fünfte Klasse der Elementarschule in Jxstadt besuchte, sich selbst fleißig anspornte und ein quecksilberiger, durrkel- haariger Knabe war mit ziemlich unregelnräßigen und nicht gerade schönen Zügen, die aber niemals, außer wenn er schlief, lange genug in Ruhe waren, daß man sie hätte näher betrachten können. Die Mädchen und der kleine Karl waren der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Junge hatte ihre sanften blauen Augen, Anna und Gerda waren eine neue Doppelauflage der Emma Laudberg, die vor 27 Jahren alle weiblichen Gottheiten des Altcrthuins aus dem Felde ge- schlagen.... Die Sonne brannte, die Pferde schnaubten, mit weißem Schaum bedeckt, da sie den Wagen einen Hügel hinauf- zuziehen hatten, der steiler als einer der vorhergehenden zu sein schien. Papa strich sauft Mama's kurze, aber ungewöhnlich fleischige Hand. „Na, möchte die Reise nun so hübsch und nett werden, wie Du und die Mädchen es Euch denkt, liebe Emma. Es wird im Anfang ein wenig ungewohnt sein. Weißt Du, Mama, ich bin fast ein bischen verwirrt!" Frau Hellvik lachte liebevoll und überlegen. „Wann bist Du das nicht, lieber Albert? Aber wir nmsien doch auch einmal, wie die Andern, hinaus und uns ein bischen auslüften. Wir haben es nicht zur Unzeit gethan und bevor wir die Mittel dazu hatten, aber wir können es nicht verantworten, wenn wir den Mädchen nicht zeigen, daß es auch noch andere Männer auf der Welt giebt, als unfern Thierarzt und unfern Hilfspastor." „Be... be... be... besonders der letzte i... i... ist ein großer T... t... tolpatsch!" „Na, mit n Thierdoktor's ooch nich ville dicke zu thun, häwt er doch den Pluto ganz Verderivt, als er im Frühling de Steingalle hatte." Diese beiden Bemerkungen wurden von Onkel Gustav und Peter gemacht, welch letzterer ganz ruhig sein altes, ehr- liches, rothsprenkligcs Gesicht dem Wageninnern zuwandte und seine Meinung äußerte, was ihm in patriarchalischer Weise gestattet war— d. h. bis zu dieser Fahrt. �Lieber Peter, ich habe Dir schon gesagt, es schickt sich nicht, daß Du Dich ins Gespräch mengst. Das mußt Du Dir abgewöhnen, Peter, wenn wir jetzt nach Gesundbrunnen kommen, und vielleicht oft Fremde im Wagen haben, wenn wir ausfahren, bemerkte Fräulein Gerda, die Pcter's Aus- bildung für den großen Kuraufenthalt übernommen hatte. „Na, wenn wir oft mit'm vollen Wagen solche verdammte Berge'rnfffahre solle, dann wees der Diewel, wie es mit de Berne Proserpina's geht," erklärte Peter, ohne sich beirren zu lassen. „Pe..... Pe..... Peter soll st.... st... ill sein," ließ sich Onkel Gustav wieder hören. Onkel Gustav, oder richtiger Landrichter Gustav Hcllvik, hatte sein Leben lang Schönes und Trauriges mit Bruder Albert getheilt, Schlafgemach, Lehrer, Schläge, Schule und Universität. Er hatte schnell genug in seiner Jugend sein oxamen juridicum gemacht und sogar„zu Gericht gesessen". Aber auch er war unpraktisch, dazu zerstreut und außer stände, sich ohne fürchterliches Stottern auszudrücken, das im Ver- hältniß zur Bedeutung des bctrefseuden Falles zunahm; daher fand er bald die juristische Karriere, die ihn von seinem Bruder Albert trennte und ständig von dein Hosgericht in Göteberg einer ungemüthlichen Kritik unterzogen wurde, ziemlich zwecklos für sich, gab die ganze Sache auf, nüethete sich bei seinem Bruder auf Hultuna ein, ersparte jedes Jahr ellvas an den Renten seines vom Vater ererbten Vermögens und betrachtete das Hans und die Kinder des Bruders als sein Eigen._(Fortsetzung folgt.) Spaz»e»'gange eines Naturfrenndes. Dezember. Es war ein kalter, aber lachender Wintertag, an dein Herr Tanzmann durch die Parkanlagen einer kleinen Stadt dahinschritt. Die sorgfältig instandgchaltcncn Wege waren feslgefroren und die Blätter, die den Aasen bedeckten, waren mit einem leichten, kaum sichtdarcil weihen Reif überzogen. Sie bildeten einen bereits ocr- blichenen bräunliche» Tcppich, aus dem sich ein Gewirr von Büsche» und Bäumen mit kahlen sckilvarzcn Slesten erhob. Oblvohl sie jetzt blntterlcer waren, erkannte Herr Ta»zuiaiin doch mit leichter Mühe die Buchen mit ihrem schonen, großen, silbrig grauen Stamm, die Pappeln, deren Rinde nach der Krone zn ein trübes Weih zeigte, die Birten, deren schneeweiße Stämme iveithin leuchteten. Er erkannte aber auch die Eiche an ihrer knorrigen Gestalt, an ihrer dicke», rissigen Borke, die Akazien an ihrer eigenartig schräg ge- furchten Rinde und an ihren dunkeln Samenhülsen, die Linden an ihren braunen Deckblättchen, ans deren Mitte die runden Frucht- körucr herabhiugen. In den Anlagen waren aber auch viele aus- ländische Bäume angepflanzt, solche aus Nordamerika, aus Sibirien und aus dem nördlichen China und Japan, die um so besser ge- diehen, je mehr das Klima ihrer Hcimath dem norddeutschen glich. Wie abwechslungsreich der Park nun aber infolge dieser verschiedenartigen Bäume und Sträuchcr auch war, so vermißte das geübte Auge des Wanderers doch die wunderbare Harmonie, die nur die Einheitlichkeit einer natürlichen Landschaft geben kann. So gern er sich diese Pflanzen aus fernen Ländern einmal ansah, so Ivar ihm doch eine solche Zusammenwürfelung der verschiedensten Länder nicht sehr sympathisch. Es ärgerte ihn, daß eine alte Eiche ihre knorrigen Aeste zwischen die glatten Zlvcige eines chinesischen Götterbaumes schob, dessen noch hellgrüne Ziveigspitzen erfroren waren, weil sie sich offenbar an den schnellen Eintritt der deutschen Winterfröste nicht hatten gewöhnen können. Um den Stamm einer Erle schlang sich der kanadische Baumwi'irger, und dieser Wucher- strauch aus Nordamerika hatte den europäische» Baum so gründlich umarmt, daß dessen Krone bereits zu verdorren begann. Na ja, sagte Herr Tanzmann, das kommt davon, wenn man der Ratnr Gewalt anthnt und ihre Kinder hierhin und dorthin kommandirt, ohne sich um ihre Lebensinteressen zu kümmern. Die Sache rächt sich eben, entweder gleich oder später. Auch sonst konnte Herr Tanzmann in dem Park vielfach bc- obachten, daß der Sinn für Natur in unserer Zeit noch wenig er- stärkt war und daß eintönige Künsteleien der reichen Mannigfaltig- keit des Lebens vorgezogen wurden. Da waren weite Rasenflächen ans hohen Bodenlagen, wo in der Natur sich nie dieser Graswuchs hätte entwickeln können. Da waren hie und da Druckständer an- gebracht, um den Rasen künstlich zu bewässern. Zwar jetzt im Winter hatte diese unnatürliche Wiese eine gelbliche Färbung, und der Graswuchs war niedrig wie auf allen Wiesen, aber es herrschte hier doch eine solche Gleichförmigkeit der Grashalme, die in ödem Gegensatze stand zu dem Ncichthum der Naturwicse, auf der auch im Winter sich die mannigfaltigsten Forme'- von Gras- und Staudenarten abhoben. Am auffälligsten freilich fand Herr Tanzmann die Unnatur dieser Rasenfläche im Sommer, wo sie jederzeit kirrzgcschnitten und immerzu in derselben grünen Farbe schimmerte, ohne je den Charakter der Jahreszeit wieder- Auspiegeln. Und wie Herr Tanzmann den Park weiter durchwanderte, an Fontänen vorjiberkam, die jetzt nicht sprangen, weil es im Winter nicht lohnte, sie in Gang zu erhalten, an einer Unmaffe von Strohpuppe» und Holzkästcn, unter denen die nicht winterharten exotischen Pflanzen fcstvcrpackt ruhten, an Brücken über wasserleere Bäche, da hatte er den unangenehmen Eindruck, daß auch diese Kunst, die Kunst, Laudschasten zu gruppiren, sich vom Leben und Volke entfernt hatte, wie viele anderen Künste, und daß sie herabgesunken war zu einer geistlosen Dekoration, zu einem eleganten Salon, in dem sich die elegante Welt ergehen konnte. Der Park ging allmälig in einen hohen Buchenwald über. Hier wurde Herrn Tanzmann wieder wohl. Er schüttelte sich und sprang 60 Zentimeter hoch in die Luft und schlug dann mit seinem Stock in das raschelndeLaub, daß die Blätter wirr umherflogen. Die Wintersonne lachte am wcißlich-blauen Winterhimmel. Ihre Kraft war zivar nicht groß genug, um den starr gefrorenen Boden auch nur einiger- maßen zu erweichen, aber ihre Strahlen milderten doch die Strenge der klaren Luft. Selbst unter der dichten Decke, die das rostbraune Buchenlaub über de» Boden breitete, war die Erde gefroren. Es lag eine heitere Ruhe über diesem Walde, wie aus dem rostfarbenen Grunde die stlbergrauen glatten Buchenstämme gleich gewaltigen runden Säulen ohne jede Verästelung in die Höhe strebten. Erst hoch oben, gewissermaßen nach langer, solider Arbeit, breiteten sie behaglich ihre Aeste und Zweige nach allen Seiten aus. Unter den Buchen konnte kein Unterholz aufkommen, aber gerade hier bei diesen Baumriesen vermißte man es nicht, die Eintönigkeit dieses Hochwaldes mit seiner rostbraunen Decke und seinen stlbergrauen Stämmen hatte ettvas feierlich Erhabenes. Herr Tanzmann wanderte lange in dem Walde umher und ließ die Kraft auf sich wirken, die von diesen starken stolzen Bäumen ans- ging. Dabei herrschte eine absolute Ruhe in diesem Walde, nur das Laub raschelte unter des Wanderers Tritten. Bisweilen ver- nahm er ein Knarren, wenn zwei Aeste im leisen Windzug sich gegen einander rieben. Eimnal hörte Herr Tanzmann einen lauten plärrenden Vogclschrei, den er zunächst einer Elster zuschrieb. Er stand einen Augenblick still und gewahrte, tvie ein Holzhäher nahe über ihm vorbeiflog. Er konnte den schönen Vogel gut beobachten, an seinem grauen Gefieder stachen die hellblauen Flecken leuchtend hervor. Noch lange, nachdem der Häher verschwunden war, konnte Herr Tanzmann die Stimme des geschwätzigen, zänkischen Vogels vernehmen. Dann war es wieder still. Nach einiger Zeit gelangte Herr Tanzmann an einen kleinen Fluß, dessen Ränder mit dicken ins Wasser hinabhängenden Eis- schollen überzogen waren. Seine User waren mit Erlen und Weiden dicht besetzt, denen sich hier und da ein Gebüsch von Hollnnder, Faulbaum und Wildrosen anschloß. Die Erlen waren mit schtvarzen Samenkätzchen dicht behängt, und die schlanken Zweige der Weiden leuchteten in einem hellen röthlichen Gelb. In diesem Uferbuschwerk trieben sich eine Menge Vögel umher. Besonders di« Meisen führten ein lebhaftes Spiel auf. Die verschiedenen Arten, die gelb und schwarz gefärbten Kohlmeise», die niedlichen Blau- meisen und die unscheinbaren Slimpfmeisen mit ihrem schwarze» Kopfe wetteiferten mit einander an Beweglichkeit und Seiltänzer- lunststückchen. Die flinkcsten waren aber doch die Sumpfmeiscit, die nicht einen Augenblick ruhig sitzen konnten. Sie waren i» ewiger Bewegung, hüpften von Ast zu Ast, schaukelten sich in den dünnsten Zweigen und drehten sich an ihnen»ach allen Richtungen, so daß mitunter die Beine nach oben und der Kopf nach unten hingen. Selbst wenn sie eine Portion Jnscktcncicl an der Rinde eines Astes entdeckt hatten, pickten sie die Mahlzeit unter stetem Wiegen und Schaukeln ihres kleinen luftige» Körpers auf. O je, wen» Sie ein Vöglcin wären. Herr Tanzmann! sagte der Wanderer zu sich. Sie würden gewiß nicht jeden Winter hier bleiben, sonder» öfters mal nach dem Süden ziehen, wie die Buch- sinken. die auch mitunter wandern und mitunter nicht. Freilich, jeden Winter weg wie die Schwalben, nein, das auch nicht. Sie würden den Tropenkoller bekomme», Herr Tanzmaini, und über- müthig werden. Nein. nein, für uns Nordländer ist so eine Ab- knhlnng von Zeit zu Zeit unentbehrlich! Er schritt weiter an dem Ufergebüsch entlang. Der Himmel hatte sich allmälig mit einem trübe» Schleier umzogen, hinter dem die Sonnenstrahlen nur noch verschwommen hervorblicken konnten. Die Vögel im Untcrgebüsch wurden stiller und verkrochen sich. Doch auf dem Flusse flog dicht über dem leichten Wellengckräusel ein Sägctauchcr dahin. Mit seinen weißen Schwingen weit ausgreifend, suchte er die Wasserfläche ab, um irgend eine» Fisch zu erspähen. Jetzt mochte er eine Beule entdeckt haben, mit einem Rnck ließ er sich senkrecht aufs Wasser herab, verschwand in demselben und kam erst ziemlich lange danach tvieder an die Oberfläche. Herr Tanzmann konnte aus der Entfernung nicht genau erkennen, ob der Bogel etwas erbeutet hatte, jedenfalls schwamni er eine Weile ans dem Wasser, um dann wieder aufzufliegen, und sein Spiel von neuem zu beginnen. Jetzt erhob sich ein Wind und brachte von Norden her ein niedrig ziehendes, schweres, bleigraues Gewölk. Es riecht nach Schnee, meinte Herr Tanzmann. Früh war Osttvind gewesen, nun hatte er sich nach Nordeil zu gedreht. Die Sonne verschwand ganz und gar, und eine gleichfarbig graue, alles einhüllende Wolkenmasse legte sich über die Erde. Jetzt fielen bereits einzelne kleine Schneeflocken, vom Winde umher- getrieben, es wurden ihrer aber mehr und mehr und schließlich kamen sie in endloser wirbelnder Masse, um lautlos auf den Boden zu fallen, die Blätter zu bedecken, die Zweige und Beste der Bihime, die Kleider des Herrn Tanzniann. die Eisschollen am Rande deS Klusses. Rur das Wasser nahni die Flocken in sich ans und liest sie in sich verschwinden. Aber auf dem Lande sammelte sich der weiche lose Schnee unglaublich schnell an, in kurzer Zeit bedeckte er den Boden in einer Höhe von mindestens zwanzig Zentimetern. Herr Tanzmann stapfte etwas mühsamer als vorher, aber wohl- gemuth dahin. Das Ufcrgebnsch, der Flust, an dem in etwa halb- stündiger Entfernung die kleine Stadt liegen mustte, zu der er zurück- kehren wollte, würden ihm leicht den Weg zeigen, obwohl er in dieser Gegend noch nicht gewesen war. Er verkannte keineswegs die Gefahr, die dem Menschen droht, wenn er in unbekannter Gegend von einem Schneewetter überfallen wird. Er kannte genug Beispiele, wo selbst Briefträger und Botenfrauen, die doch ihren Weg genau kannten, bei Schneestürmen umgekommen waren. Er wustte, wie sehr sich die Gegend infolge von hohem Schnee verändert,>vie alle Wege verschwinden, wie man jeden Anhaltspunkt, jede Richtung verliert, die man doch so genau zu kennen glaubte. In finsterer Nacht vollends, wo man sich selbst auf einer Chansse nicht von einem Baum zum anderen findet, ist die Situation am unheimlichsten. Und dazu der hohe Schnee, aus dem man sich bei jedem Schritte mühsam erhebt, um dann von neuem in ihm zu versinken, bis man in Schweiß geräth, die Beine schlaff und schwer werden und eine un- sägliche Müdigkeit den ganzen Körper ergreift. Wie einen dann die Angst packt und dann die Verzweiflung, wie der Schtvcist erkaltet, die vom Schnee durchnäßte Kleidung kalt und steif Ivird und man Voraussicht, daß man es nicht lange mehr treiben wird, wenn nicht ganz plötzlich die Rettung irgend woher kommt,— Herr Tanzmann hatte es selbst schon durchgemacht, darum erinnerte er sich dessen jetzt sehr lebhaft. Zum Glück war er damals gerettet worden, sonst lebteer ja jetzt nicht mehr. Als aber jetzt der Schnee immer höher Ivurde und der Wind die ganze» Flocken vom Fluß her auf dem Weg zusammcnhäufte, den er gehen mußte, da ivurde ihm die Arbeit des Laufens bereits etwas sauer. Diesmal sollte ihm iudeß nicht lange das Leben schiver gemacht iverdeu. Er ivollte bereits seine Lippen zu einem inbrünstigen Fluche öffnen, da ließ der Schneefall nach, die Wolken zogen sich zusammen, und es hellte sich wieder auf. Sogar die Sonne ließ cS sich nicht nehmen, noch einmal unseren lieben(?) Herrn Tanzmann zu bcschcincn und ihm die Freude zu bereiten, eine echte Wintcrlandschaft zu bewundern, eine weite glänzende Schneedecke, aus der die schwarzen Baummasseil ihre iveißbedccktcn kahlen Acste emporstrecken.— Curt G r o t t c w i tz. rUcincö eton gW. Lcbonöoriuucrllngcu eines Bildhauers sind soeben von Professor I o s e p H v o ii K o p f erschienen. Der Verfasser ist im Laufe seines Lebens mit vielen berühmten Männern der letzten Hälfte unseres Jahrhunderts zusammengetroffen und weiß manches Interessante von ihnen zu erzählen. Mit L i s z t kam er um 1870 in Rom zusammen und verkehrte viel mit ihm. Es ist amüsant, wie er den gefeierten Meister als das allgemeine Modell für die Künstler, die damals in Rom waren, schildert. LiSzt nahm auch Prof. Kopf das Versprechen ab, sein Portrait zu modellieren. Dieser mochte aber nicht, obwohl jener einen schönen derben Charaktcrkopf hatte; es ärgerte ihn, daß Liszt allen möglichen bildhanerndcn Frauen und Dilettautcu saß und sich für schauderhafte Machwerke hergab. Einmal wäre es ihm dabei beinahe schlecht gegangen. Ein Bildhauer Sachs, eine Pole, überredete ihn, eine Gesichtsmaske von sich nehmen zu lassen, und dabei wäre er fast erstickt. Der GipSgirßcr überzog das Gesicht mit schlvcrcm Gips, der natürlich die Wangen eindrückte. Nur die Nasenlöcher wurden freigelassen, aber daS Athinen ging trotzdem nur schiver. Liszt erzählte später, er habe fürchterliche ErstickungSangst ausgestanden. Und das prächtige Ergcbniß dieser Tortur Ivar. daß der Abguß aus der Form einen Menschen darstellte, der direkt aus Dautc's Hölle entsprungen zu sein schien.„Nie ivieder lasse ich mich abgießen I* sagte Liszt. Desto mehr zirlulirten aber seine Hände mit den langen schönen Fingern im Abguß. Fast jede Danie hatte sie, mit Lorbeer umgeben, aus ihrem Tische liegen. Auch von Makart erzählt Kopf einige bezeichnende Züge. Dieser kam ILllS zu ihm nach Rom. Er schildert ihn als kleinen, stillen, schivarzcn Mann mit dunkeln, stechenden Augen, bei denen man kaum das Weiß bemerkte. Er war stets ruhig und einsilbig. Sehr intcrcssant>var seine Frau, die in seiner Malerei eine so wesentliche Rolle spielt. Einmal erschien sie auf einem Balle im Kiinstlcrverciu als Bachantin in einem Kostüm, das ziemlich„echt" war— Kopf setzt hinzu:„was mich nicht störte, aber andere." Später besuchte er Makart in seinem Atelier in Wien. Es gefiel ihm nicht sonderlich. Er erzählt, daß die Frau sich zum Geburtstag ihre? Mannes, der die rothen Haare liebte, ihre schwarzen Haare roth färbte, ohne daß dieser es aber merkte. Dabei zog sie sich eine schwere Krankheit zu. Makarius Bub war als Spanier angezogen, die Magd in Rokoko,„iudeß das Essen war vorzüglich— das Fleisch wirklich Fleisch..." Kopf erzählt auch von seinem „Freunde, dem herzensguten Arnold Böcklin." Dieser hatte damals<1865 in Rom) schwer zu kämpfen; aber ob- wohl er in seiner kleinen Wohnung selbst kaum Platz für sich und seine Familie hatte, lud er doch ein eben angekommenes junges Ehepaar ein, bei ihm zu wohnen, um dem Mann, einem jungcu Maler, de» kostspieligen Anfcnthalt in Rom zu ermöglichen. Die Frau des MalcrS bekam einen Sohn.„Wo sollte der bleiben? Natürlich bei miserm gutherzigen, edlen Böcklin." Später, in Basel, spricht Böcklin zu Köpf von dem„Kunstsinn" der Baseler:„Hier halten sie mich für einen Narren; es ist mir schon begegnet, daß man, wenn man mir auf der Straße entgegenkam, auf die andere Seite hinüber ging; man hat Angst vor mirl" Kopf redete Böcklin zu, mit ihm nach Sankt Moritz zu gehen.„Das kann ich nicht, ich muß Geld verdienen." Und noch von einem wird in dem Buch ein köstlicher Zug erzählt, von Ibsen. Kopf trifft ihn in Tirol.„Mit großem, glänzendem Zylinderhut lief er in den harzigen Tannenwäldern umher." Henrik Ibsen, der in den Tiroler Bergen mit dem Zylinder hermnläuft— in der That ein Prachtbild I— — Ucber eine merkwürdige Natnrerscheiiinng berichtet der Befehlshaber des holländischen Dampfers„Cclebes": Ain Morgen des 15. Oktober fuhr der Dampfer„Cclebes" schräg gegenüber Krakatan. Um 1 Uhr 50 Minuten wurde die Insel auf 2 englische Meilen Entfernung passirt. Das Wetter war prachtvoll bei herrlichem Sternenhimmel. Plötzlich sahen wir das Vorderschiff erleuchtet und dort einen weißen Dampf auffteigcn. Nach genauerem Hinsehen bemerkten wir, daß der Dampf aus der See emporstieg; er war laulvann. Als wir auf der Brücke standen, bemerkten wir, daß die Lichtwellen sich in der Richtung bISO. nach WSW. bewegten; diese Bewegung nahm so stark zu, daß es auf uns den Eindruck »lachte, als näherten sich dem Schiff hinimelhohe Wellen. Dampf- Ivollcn flogen über das Schiff hinweg. Die See aber blieb ruhig. Um 2,5 Uhr nahm das Licht eine andere Richtung an. Die Licht- welken begannen einen riesenhaften Zirkel zu beschreiben, dessen Mittelpunkt in 080. lag; sie hatten die Form eines Sektors und folgten einander in regelmäßigen Ztvischeuräumen, auch wurde das Schiff bei ihrer Annäherung stets beleuchtet. Nach 2,5 Uhr nahmen sie ab und hörten, nachdem Krakatan passirt war. ganz auf. Die Luft war bei einer Temperatur von 28 Grad Celsius ivieder klar wie zuvor.— Musik. Konzerte. Theater des Westens. Am 29. v. M. hörten wir im„populären Philharmonischen" die Musik Mcndelssohn'S zum„Somniernachtstraum". War die Auf- führung nur so gut, wie in diesen Konzerten überhaupt gespielt wird, i'o fällt das kaum einzelnen Personen zur Last. Von da ans besuchten wir das Klavierkonzert im Bechstein-Saal von Felix Dreh schock, dem Vertreter einer älteren Musikerfamilie. Alexander D. war der weltberühmte Klaviervirtuose und Oktaven- spczialist; sein Bruder Rainnmd D. war Violinspieler; dessen Fran Elisabeth D. wirkt in Berlin als Gcsangsprofcssorin und beider Sohn Felix D. ebenda als Klavierpädagoge. Dazu scheint ihn seine geradezu vorbildliche Spielmechanik sehr gut zu befähigen; über die im Vortrag vorgebrachten Anffassungen, zumal ivas Accentvettheilnng betrifft, hätten>vir allerdings viel zu klagen. Dann ging's in das vierte Konzert der Berliner Konzcrtvereiniguug„Madrigal", welche die unter diesem Namen bekannten Gcsangsfonnen und ähnliche Lieder für ein doppeltes Vokalquartctt<4 um eine verstärkte weib- lichc Stimmen und 4 Männerstimme») kultivirt. Es geht in einen« solche» Konzert ctivas familiär zu; allein die Gelegenheit, an der Hand eines gclvissenhaften Programmes seltenere Wcrkchen und ältere hinten im Publikum auftauchende Komponisten kennen zu lernen und sich an der Hingebung der Neune sowie des Herrn Musikdirektors Mengewein zu erfreuen, verdient ein Bravo. Am 80. v. M. errang sich der Bnryton D.Felix Kraus in der Singakademie nur schwer und langsam die Gunst des spärlichen Publikums. Schuld daran Ivar jedenfalls nicht ein gleichzeitiges, aus drei Musikliebhaberinnen, 19 Nummern und ich weiß nicht was noch bestehendes fKonzert der Harfenistin Edith Martin im Architcktcnhause; vielleicht war es die im Anfang beschränkte und meist etwas unruhige Stimme von Kraus; am ehesten seine durch und durch ernste, jeden populären Effekt verschmähende Künstler- schast. Allmälig muß man doch mitfühlen, wie innig hier Gcmüth zu Gemiith spricht, und wie selbst die Unruhe des Tones oft mehr charaktcrisirend als störend wirkt. Am 1. Dezember nahm uns Frieda Kindler