Hlnterhaltungsbl Nr. 239 Donnerstag, (Nachdruck verboten.) DieVnvoveife devIsnmilie Hellvisk. 3) Von Alfred af Heden st jer na. Als später ein junger Mann im wehrpflichtigen Alter und fürchterlich seiner Mutter ähnlich von einem Zinimer oben heruntergekommen und von Frau Berg als„ihr Sohn von der technischen Hochschule" vorgestellt war, steckte Onkel Gustav die Daumen in die Westentaschen und murmelte, ohne daran zu denken, daß er nicht mäuschenstill schwieg: „Eine f... f... förmliche Wen... n... nagerie!" „Was willst Du, Emma?" rief er erstaunt, als die Schivägcrin voll Vcrzweiflimg seinen Ann drückte.-- Die Kurgäste aßen bei schönem Wetter auf einem über- deckten Balkon, der sich an der ganzen Vorderseite des Ge- sellschaftshauses in Höhe der ersten Etage hinzog. Als mau die Faniilie Hcllvik über den Brunnenplatz auf das Gesell- schastshans zusteuern sah, ließ man allgemein Messer und Gabel ruhen. Papa Hellvik sah recht fein aus, die Mädchen waren hübsch, Axel tnig eine Schulmütze mit Farben, Onkel Gustav war so elegant, als er nur sein konnte, und Mania war ja immer die beste Mama auf der Welt, aber dennoch lag ctivas unbegreiflich Originelles über dem Ganzen. Als sie eintraten, eilte der Badearzt sehr schnell auf sie zu, stellte sich vor, hieß sie willkommen, verschaffte ihnen einen vortrefflichen Platz und begann sich sogleich über die vortrefflichen Eiscnwasser in Gesundbrunnen zu ver- breiten, über die herrlichen Bäder und deren wunderthätige Wirkungen. Aber Frau Hellvik lachte sehr mütterlich und sagte so laut, daß man es an deil nächsten Tischen hörte: „Ach lieber Herr Doktor, deswegen sind wir nicht her- gereist. Ist ein Mensch krank, dann soll er zu Hause bleiben, im Bett liegen bleiben und Medizin schlucken. Wir sind her- gekommen, um uns zu amüsiren, und ich habe zu Albert und den Mädeln vor etwa einem halben Jahr gesagt: S t n d wir nächsten Sommer alle zusammen recht gesund, dann wollen wir nach Gesundbrunnen reisen und uns gütlich thun. Ja, das habe ich gesagt!" Als sie sich an dem Tisch dicht an dem Balkongeländer niedergelassen hatten, kam Peter schräg über den Brunnenplatz. Sobald er seine Herrschaft dort oben sitzen sah und bemerkte, daß die freundlichen Angen seiner Herrin auf ihn gerichtet waren, nahm er seine Mütze ab und rief: „Plnto will bardou nich drinke. Se häwe hier gewiß nischt anders, als det elendige GesundhetSwatter!" Man kicherte an allen Tischen. Die Mädchen neigten ihre blutrothen Gesichter tief auf die Teller herab und die Mama rief hinunter: „Still, Peter I Meinst Du. das schickt sich?" Das Mittagessen erregte Mama Hellvik's nntleidigc Ver- wunderung. je weiter man mit demselben kam. „Du lieber Gott I Fein und hochmüthig können sie hier sein, und einen anglotzen, das verstehen sie auch, als Wenn man gerade vom Nordpol daherkäme; aber an so'nem Fressen finden sie Genüge. Laß nur den Salat, Albert, der ist verdorben.... Sie, Mädchen... Ach so, na Fräuleinchen, nehmen Sie es man nicht übel— die Sauce da, die wir zu den Lachsforellen bekamen, die taugt nichts; die paßt höchstens zu Maränen, wenn sie gut gekocht werden, natürlich. Zu Lachsforellen gehört eine ganz andere Sauce, und sagen Sie der Köchin, daß ich gern ein paar Worte mit ihr reden möchte, wenn sie in ihrer freien Zeit ein bischen zur Frau Hellvik, Villa Nr. 7, kommen möchte." Nach dem Mittagessen stellte der Doktor die Familie Hellvik ein paar anderen Familien vor und lud dann die ganze Gesellschaft zum Kaffee ein. Onkel Gustav fragte, was sie für so einen Cognac nähmen und nannte den Preis eine offenbare Prellerei. Die Mädchen waren ganz unglücklich in- folge ihrer Beobachtungen über die Toiletten der anderen jungen Damen, und Axel hatte unten beim Spiel auf dem Spielplatz gerade seine erste Fensterscheibe zermeistert. t des Horwärts 8. Dezember. 1898 „Welche Bäderform werden die Herrschaften Vorzugs- weise gebrauchen V" fragte eine ältere, sehr vornehme Dame Frau Hellvik. „Ja, liebe Frau Waller, wir baden alle Formen, nämlich den ganzen Körper. Wir sind, Gott sei Lob, nicht krank und brauchen es gar nicht; aber Sie können sich gar nicht denken, wie schön es für uns sein wird, sich immer rein und sauber zu fühlen. Denn, sehen Sic, bei uns daheim haben wir eine ganze Viertelstunde bis zum See, und man weiß ja, wie die Mädchen sind, wenn nian einmal ein paar Kessel warmes Wasser extra haben will!" II. Ein paar Tage vergingen, an denen Frau Hellvik stiller und verschlossener erschien, als beim ersten Mittag. Und auch die Mädchen schienen wehmüthig gestimmt zu sein. Dann verschwanden sie plötzlich alle drei, ohne daß es von vielen bemerkt wurde; aber Papa Hellvik und Onkel Gustav gingen umher und langweilten sich offenbar sehr. Karlchen weinte regelmüßig jeden Abend nach Mama und den Schwestern, und der junge Axel ließ seinem lebhaften Temperament so freien Lauf und machte so viel Unfug und erregte so viel Aergerniß, daß der Bade-Jnspektor als eine Art Ordnungsmacht am Platze schon daran dachte, ihn in Extrazucht zu nehmen. Beim vierten Mittag nach dem Verschwinden der Damen Hellvik bekam die Kürgesellschaft ein prachtvolles Schauspiel zu sehen; die ganze Familie Hellvik kam in noch nicht gesehener Gala von der Villa Nr. 7 dahergezogen. Voran ging Onkel Gustav in seinem schnupftabakbraunen Nock, aber mit hell- gestreiften, beunruhigend jugendlichen Beinkleidern und einer Weste, die nach der letzten Wäsche vor sieben Jahren blendend weiß geworden und seitdem niemals benutzt worden war. Dann folgten Papa und Mama, Ann in Arm. Papa mit seinem weißen Kinderkopf und seinem schwarzen Gehrock von etwas altem Schnitt sah immer fein aus. Aber Mama— sie prunkte in blutrother Seide von solcher Prima- Qualität, daß sie für sich hätte stehen können, mit reichen, hellvioletten Federn ini Haar und einer dicken, goldenen Kette mit Brillanten-Medaillon um den Hals. Anna und Gerda hatten reizende, kostbare helle Kleider an. Alles überaus modern. Hundert Augenpaare richteten sich vom Restaurations- Balkon her auf den strahlenden Aufzug; man fragte einander unruhig, ob es am Nachmittag vielleicht ein größeres Fest gäbe, von dem man noch nichts erfahren hatte, und empfand eine wahre Erleichterung, als man den kleinen Karl in seinem gewöhnlichen Anzug und Axel— die beiden bildeten die Arrisregarde— mit zersprungenem Mützenschirm mitten in all' diesem Staat sah. Die Mädchen waren offenbar verlegen und Anna flüsterte: „Mamachm I" „Was denn, mein Kind?" „Ich fürchte, nun sind wir zu fein für einen Wochen- tag"... Aber da wurde Frau Hellvik ärgerlich, drehte sich herum und sagte mit einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Schärfe: „Das wäre merkwürdig I Erst waren wir nicht fein genug, und nun, da wir in Seestadt gewesen sind und in vier Tagen alle Mode- Ateliers auf den Kops gestellt haben, sind Ivir wieder z u fein! Das will ich nicht noch einmal hören I Wenn schon, denn schon I" Da sie ihres Totlettensieges auf der ganzen Linie sicher war, strahlte sie am Nachmittag in bester Laune, ließ sich durch den Doktor und Frau Waller Personen zur Rechten und Linken vorstellen oder stellte sich auch selbst vor und machte, wie sie es auch an die Probstin daheim schrieb,„viele vortreffliche Bekanntschaften. darunter einige wirklich feine. Aber die meisten Damen sind so merkwürdig unbeholfen in ihrem Wesen und es fällt ihnen bisweilen schwer, sich fließend auszudrücken. Und sie gehören doch der„großen Welt" an, sagt Schwager Gustav! Aber, liebe Lina, ein offenes Wesen und ein ungezwungener. wenn auch nobler Ton ist doch wohl der beste Beweis dafür, daß wir„bessere Leute" sind! Die meisten Herren dagegen sind sehr nett und lachen innner, und amüsiren sich, wenn ich mit in der Gesellschaft bin I" Aber wie dem auch sein mochte, Frau Hellvik fühlte sich von ihrem ungewohnten Staat doch" ein wenig bedrückt, denn am Abend, als sie und die Mädchen sich in ihren Zimmern, zwischen denen die Schiiren offen standen. umkleideten, während Papa und Onkel Gustav auf der Veranda Zigarren rauchte», lvarf sie das Blutrothe auf das Sopha, dasi es krachte, und sagte: „Na, ich meine, nun haben wir sie genug zerknittert, Kinderchen, und natürlich soNen sie auch noch die beiden andern Ausstaffirungen, die wir uns angeschafft haben, zu sehen bekommen, darauf können sie sich gesasit machen; aber wenn sie dann wissen, dasi wir solchen Plunder haben, dann können wir bisweilen auch in den Kleidern aufathme», die wir von Hause mitgebracht haben!"—-- Diejenigen von der Kurgcsellschaft, welche der Familie Hellvik von Anfang an am besten gefielen und die ihnen dafür eine artige, ruhige Freundlichkeit erwiesen, war ein Ehepaar Wallers, Leute in reiferem Alter; er war Fabrikbesitzer; sie schienen keine Bekanntschaften zu suchen; schloffen sich aber bereitwillig denen an, die ihnen entgegenkamen. Ferner ein junger Baron Sternfeldt, Gutsbesitzer in Wärmland, ein schöner Mann nnt feinem Benehmen, das Ziel liebevoller Fürsorge vieler Mütter und Töchter, die es durchaus nicht fassen konnten, daß er es so oft und so lange„mit den lächerlichen Hellvik's aushalten konnte". Und schließlich ein stiller und zurückhaltender, etiva sünfunddreissig- jähriger Mann mit dem plebejischen Namen Nilsson. ein Räthsel für die ganze Kurgesellschaft. Er hatte eine männliche, kräftige Figur und gehörte zu dem ernsten, düstcrn Typus, ein angenehmes Gesicht und ein wohlklingendes Organ, aber er war so auffallend zurückhaltend, bisweilen fast verlegen, daß man sich manchmal darüber einigte,„es könnte mit ihm wohl nicht weit her sein." Da kam eines Vormittags mit dem Dampsboot von Seestadt ein französischer Tonrist, der für einige Tage dableiben wollte, dem es aber schwer fiel, sich denen verständlich zu machen, die sich auf dem Brnnnen- Platz seiner annehmen ivollten. Da kam Herr Nilsson ganz ruhig vom Billardsalon herab, durch dessen offenes Fenster er gehört hatte, um was es sich handelte, stellte sich dem Fremden vor und bot ihm artig seine Hilfe an, in einem Französisch, wie es keine Schule bei- bringen kann, sondern nur mehrjährige Uebung in französisch sprechender Umgebung. Und wenn int Gespräch von diesem oder jenem Platz in Europa die Rede war, dann konnte Herr NUffun, schüchtern und bescheiden wie immer, seine Meinung über den Prater in Wien, den Dom in Mailand, die City in London aus- sprechen. „Ein Emporköniniling ohne Erziehung?" Einige, welche diese Meinung vertraten, wußten nicht recht, was sie sagen sollten, als sie ihn an einem Vormittag im Lesesaal damit beschäftigt fanden, die Kenntnisse des jungen Axel, mit dem er dort allein saß, in der Muttersprache des Cicero zu prüfen.--- Am dritten Tage nach Frau Hellvik's großer Toiletten- schlacht hatte Onkel Gustav die ganze Clique zum„Kaffee mit Zubehör" im Kurpark eingeladen. Es lief alles sehr nett ab, und Onkel Gustav hatte sich nur ein einziges Mal vergessen und begonnen laut zu denken, indem er auf eine haar- bewachsene Erhöhung auf Frau Wallner's Wange hinstarrte und deutlich hörbar murmelte:„Häßliches Frauenzimmer eigentlich; möcht' nur wissen, ob sich die W... W... Warze da nicht ausschneiden ließe!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Spielurnnvun. Man kann die Spielivaaren in drei Klassen thcilen: die erste Klasse enthält diejenigen Gegenstände, die mit dem kindlichen Auf- fassungsvernlvgen am engsten zusammenhängen; diese Sachen sind der Kuiderlvelt in allen Gegenden geläufig. Die zweite Klasse nimmt auf das Land und die Gewohnheiten der Leute, auf die Eigenthiimlichkeiten seiner Bewohner Rücksicht. Die dritte Klasse endlich bilden die Kulturspiclwaaren, getragen vom dem Geiste der Zeit, ihren Erfindungen und Entdeckungen, sie sind ein Widerschein und Abglanz der kulturellen Entwicklung der Völker in Kunst und Wissenschaft. Die Kinderwelt ist eine eigene Welt für sich. Die stete Beweg- lichkeit des Kindes prägt sich mich in der Bevorzugung des Spiel- zeugS aus. Ein Spielzeug, mit dem sich nichts machen läßt, ist eben keines. Die Peitsche, der Kreisel, die Schusser und Märbel, die Pfeifen und Ratschen, die Schlottern zc. sind die ersten Spielzeuge des Knaben. Er kann sie nach seinem Willen in Bewegung setzen, er kann damit hantircn nach seiner Art. Das Pfcrdcheu darf noch so ungeschickt aussehen, iveiui es nur ein Pfeifchen hat, dessen schrille Töne er kräftig erschallen lassen kann. Der Messel darf noch so dürftig sein: wenn er sich nur recht schlagen und drehen läßt Belvegung und Leben ist die Hauptsache. Man gebe dem Kinde die schönst geschnitzten Thiere, es wird stets zu seinem Pfeifenpferde greifen. Man gebe ihm den schönsten Baukasten, es wird den allergewvhnlichsten Sandhaufen bevorzugen, weil da seine Phantasie frei gestalte» und schaffen kann. Auch die Mädchen haben ihre eigenen bevorzugten Spielivaaren: Kiichcngeschirre und Puppen. Mit beiden läßt sich ctivas machen, man kann lochen, was ein Puppcnmagen verdauen kann, und man kann die Puppen aus- und anziehen, auch wenn das Gelvand blas ein alter Fetzen und die Puppe selbst im Nothfall blas ein Sticfclziehcr ist. Die Puppe muß täglich, stündlich anders aussehen, die Kochgeschirre werden immer anders gepackt, auch fortwährend anderen Gebranchszlvcckcn unterstellt. Wie das Mädchen seine Eigenart schon bei Handhabung seiner Spielsachen zeigt, so auch der Knabe. Jeder ist in der Benutzung seiner Spielsachen ein Philosoph: Zum Schluß muß das Spielzeug gebrochen oder sagen wir lieber zerlegtiverden! Man muß über den Organismus klar sein, und erst dann wird es doppelt wcrthvoll, Dinge, die an und für sich schon in verschiedene Gestalten sich thcilcn oder bewegen lassen, sind deshalb besonders bevorzugt: der Hainpclmann, der Hauswurstel mit drehbarem Kopf und Gliedern, der Kaspcrl und das KaSperltheater. der höchste Genuß für kleine Kinder»nd solche große, die der Blasirtheit nicht die frohen Er- inncrungen aus der Kinderzeit geopfert haben. Die Handfertigkeit, die man heute als Nntcrrichtsgegenstand knltivirt, bringt das Kind in der Anlage schon mit sich und bildet sie ganz vornehmlich in der Hantirung mit Spielsachen ans, und man muß den Eifer sehen tind das Vergnügen, welches diese kleine Welt empfindet, wen» es ihr gelungen ist. ein defekt gewordenes Ding einigermaßen wieder in Gang zu bringen. Hierin muß man den Kindern freie Hand lassen; ein Einreden, eine Anweisung oder Belehrung würde nicht blas den Zweck verfehlen, sondern de» Kindern auch alle Lust verderben. Das bayerische Gewerbemusenm in Nürnberg ist im Besitze einer großen Sannnlung von Spielivaaren aus den verschiedensten Ländern, die in dem neuen Hanse eine üversichtliche und zweck» entsprechende Aufstellung gefunden haben. Da sind z. B. aus China Puppen und Figuren mit bewegliche» Köpfen und Beinen. Schild- (röten mit beweglichem Kopfe, Turner und Akrobaten; aus Däne- mark Fuhrwerke und Pferde; aus Holland Scheuergeräthe, Waarcn» Häuser. Zugbrücke», Thecmaschinen; ans Rußland Küchengeschirre, Hölzthicre, Hirten- und Banernsiguren, fliegende Vögel, Bauern und Bären, gemeinsam am Ambos arbeitend; aus Amerika gußeiserne Bahnen, Geldschränke u. dergl. Diese letzteren Gegenstände fielen eigentlich ans dem Nahmen heraus, in de» man üblichcrivcisc die Spiclivanrcnindnstric eingestellt: sie sind, wie sie ja auch zunächst zu Andenken für die Fremden be- stimmt sind, mehr Schau- und Erinnerungsstücke, als nützlich brauch» bare und benutzbare Spielivaaren. Im übrigen zeigt sich in den vorgenannten nationalen Spielivaaren der verschiedenen Völker der Ilcbergang von dem primitiven Spielzeug des Kindes zu dein, was wir das kunstgewerbliche Spiclwaarcngros nennen. Man hat in jüngster Zeit besondere Fachschulen für Hebung und Förderung der Spieiwaaren-Jndustrie gegründet. Am deutlichsten lrcteu die Erfolge in Berchtesgaden und Oberammergau entgegen. Die alten stereotypen Gemsen, Hirsche und Rehe zc. haben in Modellirnng und Ausführung einen Charakter angenommen, der sie zu Kunstwerken stempelt. Die alten, mitunter schauerlichen Kruzifixe ans Obcranunergau sind äußerst kunstvollen Formen gewichen. In PartcnGrcheii-Garmisch leistet die Schnitzschnle vorzügliches, ebenso strebsam sind die beiden Schulen in der Rhön. Alle diese Gegen- stände sind aber für reifere Kinder und in ihrer Wirkung, wie die prächtigen Zinnfiguren aus Nürnberger Fabriken, mehr Unterrichts- als Spjelmittcl. Sic wecken Verständniß und Sinn für schöne Formell und ihre charakteristische Auffassung und Darstellung und sind vorzügliches Anschanungömaterial für den Unterricht im Zeichnen und der Naturgeschichte. „Puppenhällser", die diesen Zwecken dienen sollten, wurden auch in früheren Zeiten schon eingerichtet. Neben den vielen Puppe»- Häusern, die uns heute noch erhalten sind, haben Ivir auch Bc- schreibunge» und Abbildungen von solchen, z. B. von dem großen Puppcnhans in der herzoglichen Residenz in München, und in einem im Gennanischen Rationalnmsenm befindlichen Blatte lesen Ivir, daß ein von einer Rürnbergerin hergestelltes Pnppenhaus de» jungen Mädchen gegen Eintrittsgeld gezeigt wurde, damit sie daraus lernen, wie sie später„Hansen", d. h. haushalte» und ihre Zimmer einrichten sollen. Die Bedeutung, welche die Spielwaarenindustrie durch den Ein- flnß der Kunst erhält, ist äußerst hoch zu schätzen. Hat doch vor einem Jahre eine italienische Zeitung sich dahin ausgesprochen, daß aus diesem Lande jährlich ca. zehn Millionen Lire für sremde Spick- waarcn gehen, weil in Italien die Künstler sich nicht herbeilassen, für die Spiellvnarcnfabriken des Landes zu arbeiten. Mag die Summe auch übertrieben sein, immerhin ist damit die Bedeutung der Kunst für das Spielwaarcngewerbe bewiesen. Viel wichtiger aber scheint noch der Einfluß der Wissenschaft auf diese Industrie zu sein.' Alle neueren Erfindungen und Erfahrungen, so klein oder so groß und weltbewegend sie sein mögen, legen einen gewissen Rückstand in- der Spielwaarenindustrie ab. Die Erfindung der Lithographie hat sich wohtthätig für die ganze Menge der Papp-Spielwaareit, der Zusanimensctzspiele und dergleichen'erwiesen. Ohne sie iviirde ein grosser Theil unserer ge- sannnten Spiellvaaren-Jndnstrie brach liegen. Die Erfindung des Metalldriilkens ging eigentlich von der Spiellvaaren-Jndnstrie aus und leistet ihr heute noch lvescntlichc Dienste. Unsere Glas- und Porzcllanfabriken müßten zum theil ihre Beschäftigung beschränken. wenn die Spiclwaaren nicht ivären. Die Erfindungen in beziig auf Dampfmaschinen und Eisenbahnen haben der Spielwaaren-Jndustrie neue und ungeahnt große Arbeitsfelder eröffnet. Die Mechanik liefert fort und fort neue Apparate, Elektrizität und Magnetismus sind in deren Dienst getreten. Laterna niagica und Nebel- bilder-Apparate finden sich vielfach, Mnsikvorrichtnngcn werden in Kreisel und Ratsche», in Kaleidoskope u. a. eingelegt, bewegliche Thiere aller Arten und Gattungen erfüllen mit täuschend nach- gebildeten Stimme» die Kinderstube, der Kukuk verkündigt die Stunde» und das sprechende Bilderbuch aus Nonncberg macht die stunnnen Figuren sprachbegabt. Unser Verkehr mit dem Orient hat uns die Völkcrthpen dcS Ostens bekannt gemacht; in den Spiclwanrcnläden kann man oft mehr Kulturgeschichte sehen, als man aus Büchern studiren kann. So tritt die niodernc Spiellvaaren-Jndnstrie als ein ganz be- deutender Faktor in unserem Kultur- und Erziehnngsleben auf. Eben so groß aber ist die wirthschaftlichc Bedeutung derselben. Man niiiß nach Thüringen, nach Sonneberg. Lauschen und in die Porzellan- fabriken gehen, unr zu sehen, welch' riesigen Umfang diese Industrie genommen hat, man muß bedenken, daß der kleine Lamcrlvinkel im obere» bayerischen Wald jährlich lvenigstenL hunderttausend Mark für Rohspicllvaaren einninunt, die in Nürnberg, Fürth:c. erst ans- gestattet werden, um zu ermessen, daß einzelne Geschäfte, die mit Spezialitäten, lvic Kindcrkreiseln, sich befaßten, im Lanfe von zwanzig Jahren ans kleinen Werkstätten mit einem Lehrjungcn sich zu Fabriken mit 300 Arbeitern emporgeschwungen haben.— _ Max B a u m g a r t. Nleincs Feuilleton. — Christbaninschmnek. In den romantischen Thäkern Thüringens wird viel Industrie getrieben, aber hier hat sich die Form festgesetzt, in welcher die schlffnmste Ans- bcutnng stattfindet. Statt großer Fabriken findet man nur Kauf- leutc, die entiveder Rohmaterial verkaufen, oder fertige Produkte kaufen. Formell ist der Arbeiter Unternehmer, thalsächlich aber schlimmer ausgebeutet, als der bedrückteste Fabrikarbeiter. Weit vcr- breitet ist die Hausindustrie in Meiiiingc». Hier werden Produkte augefertigt, die am Weihnachtsabend die Freude der Kleinen er- hviicn, aber nur selten denkt der Geber oder Empfänger der Spiel- fachen an die Mühe und Anstrengung, die deren Hcrvorbringung gemacht hat. Sonnebcrg ist die Heimath der Puppen i dort sind Männer, Frauen und Kinder von früh bis spat mit der Herstellnng dieses Liebliugsspielzcugcs der Mädchen beschäftigt. Von Sonucberg führt eine breite Chanssee durch Steinach, den Hauptort der Griffelindnstrie, nach Lauscha. In diesem Orte ist Glas das Rohmaterial, aus welchem die mannigfaltigsten Sachen hergestellt werde». Die erste Glashütte des Thüringer Waldes wurde hier im Jahre 1597 von dem Schwaben H. Greincr und dem Böhmen Chr. Müller errichtet. Heute sind mehrere GlaS- Hütten dort. In den Hütten werde» aber nicht fertige Gebrauchs- gegenstände, wie Flaschen, Gläser, Fensterscheiben u. s.>v. hergestellt, sondern die Produktion beschränkt sich auf die Anfertigung von Glasröhren und Stäben, die in der Hausindustrie weiter verarbeitet werden. Schon der Aufenthalt in der Nähe der Glashütten bietet den Fremden seltsame Bilder. Paarweise kommen die Arbeiter mit großen, glühend rotheu. weichen Glasklnmpen ans der Hütte heraus. Der Blaser beginnt, den Klnurpcn anfzublascn, und nun zieht der andere Arbeiter den Klumpen in die Länge. So entstehen Röhren von verschiedene» Dimensionen, die nun auf der Holzuntcrlage im Freien abkühlen. Die Röhren werden in Stücke von etiva einen» Meter Länge gebrochen»nd ins Lager gebracht. Bor dem Lager spielt sich oft ein regeS Leben ab. Aermlich gekleidete Frauen und Kinder kommen mit Tragkörbcn, um Glas einzukaufen. Je nach den verfügbaren Mitteln werden größere oder geringere Quantitätc» eingekauft. Geht man durch die Straßen von Lauscha, so hört man überall daS Sausen der Stichflannnei». Jede ärmliche Wohnstube ist gleich- zeitig Fabrik. Am besten gestellt sind die Arbeiter, welche Glasaugen machen. Die Augenfabrikation ist schon sehr mannigfaltig. Sowohl menschliche Augen wie Thier- und Puppenangen werden in großer Anzahl hergestellt. Während die erstcrcn an Optiker und Händler künstlicher Gliednraßen in der ganzen Welt versandt werden, ist für die letztere Sorte Soimeberg fast der einzige Absatzmarkt. In andere» Häusern werden Thiere und andere Fgnre» und Spielsachen aus Glas hergestellt. Zu bewimdenr ist die Gewandt- bcit, welche die Arbeiter erlangt habe». Ohne Anwendung von Formen»verde» Thicrrümpfc in der Stichflamme gemacht. Nur durch Blasen und Necken werde»» die einzelnen Glieder der Thiere gemacht und angesetzt, bis ein ganzes Thier, z. B. ein Hirsch,' fertig ist. Erst zun» Fornien des Maules bedient sich der Glasbläser einer Zange, des einzigen Werk- zenges,»velches er benutzt. In anderen Hä»isern wird Glas gc- l'pvniici». Das Glas, wird zu so dimiien Fasern verarbeitet, daß ei» Menschenhaar noch dick anssieht, wenn niai» es neben das Glashaar hält. Der sonst so spröde Stoff»vird so biegsam, daß man aus ihm kleine Körbe und ähnliche zierliche aber dauerhaste Sachen her- stellen kann. Der größte Theil der Glasarbeiter ist mit Herstell»lng von Christbaumschmuck beschäftigt. Kuppeln und andere Zierfiguren werden in mannigfachen Formen und Farben in großer Anzahl hergestellt. Auch hier ist eine Zange fast das einzige Handwerkszeug. Während der Mann von früh bis spät an seiner Stichflamme sitzt und eine Figur nach der airdern bläst, sind Frau und Kinder dainit be- schäftigt, den Figuren die glänzenden Farbe», zu gebe»», Ivelche eine oft verblüffende Wirwng auf den Beschauer ausüben. Selbst die kleinsten Kinder müssen»nithelfen. Reicht ihr Geschick noch nicht ans, bei der Herstellung mitzulvirken, dann müsse»» sie bei der Ver- Packung mithelfen. So kann man die fleißigen Heute in einsiger Thätigkeit sehen. In der Zeit, Ivenn alle Menschen sich über di< Produkte der Arbeit aus diese» Thälern freuen, dGu» herrscht dort das größte Elend. Im Sommer»»nd Herbst kaufen die Großkanfleute Weihnacht»- sachci» ein. Sind die Wcihnachtsbestellnngen fertig, da>»n stockt daS Geschäft. Die Kanfleute»vollen noch kein Geld in Wnaren hinein- stecken, die sie erst»ach Monaten gebrauche»» können. Auch»vissen sie noch nicht, nach ivelche» Formen und Farben zur nächsten Weihnacht die größte Nachfrage sein»vird. Die Weihnachts- zeit ist daher in jenen Thälern die Zeit der größten Roth. Nur diejenigen,»vclchc ctlvns Vennögeii haben, können fortarbciten und Lagcrbeständc in Stapclartikcln schaffen, die sie verkaufen, sobald die Einkäufe der Kauflentc beginnen. Trotz der dort herrschenden großen Roth hat sich die Bevölkerung Lebenskraft und Kampfesnuith beivahrt. Dort hat der Sozialisnius feste Wurzel geschlagen und dieselben Leute, Ivelche einen Theil des Jahres Tag und Nacht ar- beiten, in anderen Zeiten nichts zu leben haben, sind die zähestcn Verbreiter sozialistischer Ideen. Der zivcite Meiningen'sche Wahl- kreis, in dessen Miitelpnnkt Lauscha liegt,»vurde 1893 für die sozial- demokratische Partei erobert. Trotz der rückständigen Produktionsform, trotz des Fehlens großer Fabriken, trifft man dort Pioniere der »»eiien Zeit in großer Anzahl. lim die Zeit der Roth ctlvaS abzukürzen, haben die Christbanm- schinnck-Arbeiter den Versuch gemacht, direkt mit den Konsumenten in Verbindung zu trete». Sie senden kleine Postpackete an Private. Der VcrtraneuSniann unfcrcr Partei in Lalischa, Schuhmacher Guido Müller, ist bereit, ctlvaige Bestellungen an die Arbeiter zu über- mittel».— Literarisches. — Robert Schweichel's geschichtlicher Noman„ II n» die Freiheit", der während des Sommers in diesen Blättern zum Abdruck gelangte, ist jetzt als starker Band(927 Seiten) bei I. H. W. D i c tz Nachfolger in Stuttgart herausgckoiinneu.— Preis broch. 6 M.; gebunden 7,50 M.— Musik. sz. Briefe Richard W a g n e r' s an Emil Hecke l. Zur. Entstehnugsgeschichtc der Bühnenfestspiclc in Bayreuth. Herausgegeben von Karl Hcckel. Berlin. S. Fischer. 1899.— Die Veröffentlichungen von Material zur näheren Erkenntniß Wagner's mehren sich gerade jetzt; die vorliegende schafft u»S zivar in» großen Ganzen kein neues Bild von ihm und seiner Sache, bringt uns aber doch den Meister künstlerisch, menschlich und geschichtlich näher. Eniil Heckel»var Pianofortehändlcr in Mannhein» und stellte sich als ei>»er der Erste»» in den Dienst Wagner's und naincntlich des Bahrenthcr Unternehniens. Wir erfahren von einer Fülle von Einzclheitci» in Briefen und in da- zlviscbc» verthcilten ErinnerungenHcckel's,»vie furchtbar schivcr es zuerst mit den äußeren Erfolgen und später immer noch n»it dem eigentlichen Bcr- ständniß der Sache vorivärts ging, und wie Wagner sich selber treu genug blieb, um mehr nach diesem Verständniß als nach jenen Erfolgen zi» streben— das Gratuliren zu seinen„Erfolgen" empörte ihn geradezu. Werthvoll bleiben solche Veröffentlichungen für immer als Beiträge sozusagen zur Kenntniß der Technik, die»öthig ist, um »vcsenttich neue Bestrebungen zum»virklichcn Gelingen zu führen. Aus dem vorliegenden Beitrag darf man vielleicht die allgemeine Bcrnruthung folgern, daß,»venu iiiir cinmal eine große Idee oder ivenigstens ihr Grundgedanke in zahlreiche» Seelen und darunter in sclbstschöpfcrischcn Individualitäten Fcncr gefangen hat, sie von ihnen auch über die matcriellcn Nöthe hinübergetragen»vird, jedoch»inter dem Mangel eines solchen persönlichen Erfolges an» allermeisten leidet. In diesem Sinne werfen die Bemerkungen ain Schlüsse des Buches vielleicht auch ei» neues Licht ans das gegenwärtige Bayrerith.— Kunst. — Der Etat dcS Reich Samts d e s I n n e r n fordert dieS- mal auch einen Betrag von 75 000 M. aus Neichsnrittcln, um ii» cincin n» o n u»» e n t a l e n Werke den Ursprung, die geschichtliche Entlvickelung und de» gegenlvärtigen Zustand der Fresken in der fix t i»» i s ch e n K a'p c ll e,»velche täglich mehr verblasse» und vielleicht einst völlig verschlvinden»verde», für alle Zeiten fest- zuhalten. Das Werk soll in zivci große Textbände mit einem reichen urkundlichen Material und zahlreichen erläuternden Abbildungen zerfallen. In cinenr besonderen Bande»verde» alsdann die bisher »veit zerstreuten, sch>vicrig zu beschaffenden und noch nicht nach einen» einheitlichen Plane aufgenonimcne» Abbildnnge» der Fresken iir Lichtdrucktafel» auf gnuid neuer Aufnahmen mit Hilfe der besten «odernen BervielfältigimgSverfnhren vereinigt werden.. Der erste Band des Werkes und ein Theil der Lichtdrucktnfelii soll bereits im Jahre 1900 erscheinen; für die Fertig- stellung des ganzen Werkes sind fünf Jahre in Aussicht genommen.— In der Begründung wird auf die Unentbehr- lichkeit eines solchen Werkes für die Kunstwissenschast hin« gewiesen. Die sixtinische Kapelle ist das monumentalste Gesammt- denkmal der italienischen Nenaissancemalerei, die sich hier in ihren drei Hauptrichtungen darstellt: in den Freskogen, älden der Seitcnwände ist die Frührenaissance in ihren größten Meister» vertreten, die Decken- Malereien Michel Angelo's stellen de» Höhepunkt der künstlerischen Leistungen in der Hochrenaissanee dar, das jüngste Gericht desselben Meisters an der Wand des Hochaltars ist die überragende, den Cha« rakter der späteren Kunst bestimmende Leistung der Spätrcnaissance und bildet den künstlerischen Abschluß der unter dem Name» der Renaissance zusanrmengefaßten Kulturepoche.— Ans der Pflanzenwelt. t. Blausäurehaltige Pflanzen. ES ist gewiß wenigen bekannt, daß die wegen ihrer Giftigkeit gesiirchtctc chemische Ber- bindung der Blausäure im Pflanzenreiche eine ziemlich bedeutende Berbreitung hat. Der Stoff ist sogar vorzugsweise in Pflanzen enthalten, die dem Menschen ganz besonders nahestehen. So besitzen die junge» Knospen der wilde» Johannisbeere und einer verwandten Art in Kalifornien einen Gehalt von Blausäure, der freilich außer- ordentlich gering ist(nur einige Milligranim auf 100 Gramm) und nach vollständiger Entwickclung der Pflanzentheile gänzlich ver- schwindet. Außerdem ist der Giftstoff ein Bestandtheil vieler Pflanzen aus der Nosenfamilie, findet sich aber auffälligerweise nie- mals bei den kultivirten Rosen. Ferner ist der Stoff in den Samen der japanischen Mispel bis zu 0,04 pCt. vorhanden. Am auf- fallendsten wird es vielleicht erscheine», daß unsere bekannte Akelei (■Aguileßchr vulgaris) ebenfalls zu den blausänrehaltigen Pflanzen gehört und sogar in ihren Blumen, vornehmlich in den jungen Samenkapseln, freie Blausäure sich nachlveise» läßt. Der französische Botaniker Herbert, der die vorstehenden Thatsachen in den„Nouvelles Remvdes" veröffentlicht hat, soll jetzt noch feststellen, ob die Blau- säure nur in den grünen Theilen der Pflanzen vorkommt.— Astronomisches. — Der Luftballon als Sternwarte. Ilm den Sternschn uppenfall der Leonide n, der in der Rächt vom 14. November und den umliegenden Nächten erwartet wurde, trotz trüben Himmels zu beobachten, kam der französische Akademiker Janssen auf den Gedanken, einen Luftballon mit Beobachtern zu besetzen und über die Wolken emporsteigen zu lassen. Wie er in de» Comptss rendus berichtet, stiegen in der Nacht von, 13. auf den 14. die beiden Assistenten Janssen's, die Herren Dumuntet und Hansky in einem Ballon von 1200 Kubikmetern Gasinhalt auf, um die Meteore zu beobachten, während die Lenkung des Luftballons Herrn Cobalzar anvertraut war. Um 2 Uhr nachts erfolgte der Aufstieg. weil erst um diese Zeit der Aus- strahlungspunkt der' Meteore hoch genug am Himmel stehen konnte, um das Schauspiel zn voller Entfaltung kommen zu lasten. Schon bei 150—200 Meter Erhebung war die Wolkenschicht durch- drungcn, und der Nachthimmcl lag in seiner ganzen Reinheit vor den Augen der Beobachter. Leider wurden die Anstrengungen und Kosten des Unternehmens nicht genügend belohnt. Rur 25 Glieder des Löwenschwanns wurden von da bis zum Morgengrauen gesehen. Die Beobachter landeten dann nach Tagesanbruch nicht ohne Mühe in einem großen Walde, auf den sich der Ballon herabgescnkt hatte. Leider war es nicht möglich, den Ballon für die nächste Nacht wieder herzurichten und von nencm steigen zn lasten. Und gerade diese Rächt, die vom 14. auf den 15., war es, wo das Maximum des Falles nach den Berechnungen Berberich's zn erwarten war. Es liegen darüber bis jetzt»nr die Beobachtungen der Sternwarte in Lyon vor, Ivo zwei Beobachter thätig waren. Der erste zählte von 8 bis 12'/« llhr überhaupt 34 Sternschnuppen, von denen 22 aus dem Löwen kanien, der zlveite von IV« bis gegen 5 Uhr morgens aber 134, es kam also in dieser Zeit eine Sternschnuppe auf l'/e Minuten. Immerhin ist auch dieser reiche Fall nur ein schwacher Vorbote des 1899 mit Sicherheit zu erwartenden. Daher schlägt auch Janssen der Pariser Akademie vor, dann mehrere Sternwarten mit Ballons auszurüsten, um von den Wolken ganz unabhängig rn sein.—(„Franks. Ztg.") Technisches. — Hartgnmmi- Abfälle lassen sich nach der„Gummi- Zeitung" zu einein guten Firniß verarbeiten, der schnell trocknet, von« schönsten Goldgelb bis zum undurchsichtigen, schönen Braun aufgetragen werden kann und namentlich ans Metall gut hastet. Das bei Herstellung dieses Firnisses einzuschlagende Verfahren ist folgendes: Die Hartgummi-Abfälle werden in einen eisernen Topf gethan, mit einem Deckel gut zugedeckt und der Topf auf ein glühendes Kohlcnfeuer gestellt. Nach etwa fünf Minuten nimmt man den Topf vom Feuer und sieht nach, ob die Abfälle ge- schmolzen, daß sie sich leicht ausgießen lassen und ungeschmolzene Stücke nicht mehr vorhanden sind, was man leicht mit einem dicken Draht feststellen kann, so gießt man den Inhalt des Topfes auf ein Stück Blech, welches vorher mit Fett zu bestreichen ist, damit die Masse nach ihrer Erstarrung leicht abspringt. Das erkaltete Pech wird zerbröckelt und mit Benzol, auch mit rektisizirtcm Terpentinöl, übergössen. Nach vollständiger Lösung, welche durch öfteres Um- schütteln beschleunigt wird, gießt man die Flüssigkeit von den Ver- unrcinigungen, die sich stets in, Hartgummi vorfinden und am Boden des Gefäßes zurückbleiben, vorsichtig ab.— Humoristisches. — Empörend. Komtesse(vor einem Neubau):„Sich mal den Maurer, Mama, der schneuzt sich mit der Hand und nimmt dann wieder die Steine, um weiter zu bauen." Gräfin:„Wahrhastig I Und in solchen Häusern soll man dann wohnen I"— — Zureden hilft. Chef(zum neuen Reisenden): „Grimmig». Ko. ist unsere beste Kundschaft, und Sie haben auch von dort keinen Auftrag mitgebracht?" Reisender:„Ich habe mir die größte Mühe gegeben. Bin sogar dreimal hinausgeworfen worden!" Chef(heftig):.'.Drein, al?— die kaufen doch immer erst nach dem vierten Male!"— Der Reaktionär. Als strammer Landrath fängt er an, Er piesackt vehement, Und wenn er viel gepiesackt hat, So wird er Präsident. Als solcher piesackt er noch mehr Das liebe Publikum, Nach cin'ge» Jahren kriegt er dann Ein Ministerium. Da macht er sich sehr unbeliebt, Dem Volke trotzt er dreist, Bis daß man ihm mit Ach und Krach Das Portefeuille entreißt. Da denkt man, daß er fertig ist. O welche Utopie 1 Jetzt wird er Oberpräsident, Doch loL wird man ihn nie!— („Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Eine Berliner Zeitung veröffentlicht eine Serie„Parka- mcntarische Charakterköpfe" und darin gleich als zweiten den— Dr. Lieber!— — Theodor M o m m s e n, der am vergangenen Mittivoch seinen 81. Geburtstag feierte, hat ein neues großes Werk über römisches K r i m i n a I r e ch t, ein Scitenstück zn seinem römischen Staatsrecht, vollendet. Dasselbe ist bereits so weit vor- geschritten, daß fem Erscheinen schon in nächster Zeit erwartet werden darf. Monmisen trägt sich jetzt mit der Absicht, den noch fehlende» vierten Band seiner Römischen Geschichte fertigzustellen.— y. In den Schloßanlagen von Celle wurde nachts eine Frau durch einen Stich ins Herz ermordet.— — In Essen wurde eine Prostituirtc durch Beilhiebe erschlagen aufgefunden. Ein vcrhcirathctcr Man» wurde als der That verdächtig verhaftet.— — Die„morganatische" Gemahlin des Kaisers Alexanderll. von Rußland, eine Fürstin Jnriowsky, wird auf ihren große» Reisen immer von einer beträchtlichen Zahl von Hunden be- gleitet. Die„fürstlichen" Hunde reisen unter Aufsicht besonderer Wärter mit nicht geringcrem Komfort wie ihre„Herrin" selber, die allein für die unterwegs einzunehmenden Mahlzeiten jedes Thier«? zwei Rubel den Tag bewilligt.— — Durch einen E r deutsch wurde ein Hof bei T r o m s ö (Norwegen) zerstört; acht Personen wurden g e t ö d t e t, mehrere verletzt.— — Im Hafen von C o m o wurde eine Barke mit 10 Insassen von einem Windstoß umgeworfen. Sieben Personen er- tranken.— — In den Straßen von Omdurman wurde jetzt von einem Soldaten der Brief des Generals Gordon gefunden. in dem dieser auf die Aufforderung des Mahdi, sich zu ergeben, erwiderte.— — Im Golddistrikt Atlin in Brisisch-Colnmbicn ist ein feuerspeiender Berg entdeckt worden. Er brennt so hell, daß die Bergleute während des langen arktischen Winters bei feinem Lichte arbeiten können. Im Oktober sah niaii zuerst Ranch im Gebirge anffteigcn und im November schössen die hellen Flammen empor.— — Ein vierzehn jähriger Knabe aus Mnrhborough wurde, wie ans Adelaide berichtet wird, beim Holzsanimeln von einer Todesotter in den Finger gebiffen. Hilfe war nicht in der Nähe, ein Gegenmittel besaß er nicht, so nahm er denn, um dem gewissen Tode zu entgehen, kurz entschloffen sein Beil und hieb sich den Finger bis zur Wurzel ab. Bis nach Hause kam er noch, dann aber verließ ihn die Besinnung. Er wird sicher gerettet werden.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacoben tu Berlin. Druck und Verlag vou Max Babing in Berltn.