Anterhattungsbsatt des vorwärts Sir. 240. Freitag, den 9. Dezember. 1898 (Nachdruck verboten.) DieVnvevvrfo dev Familie �rllvrsr. 41 Voil Alfred af Heden st fern a. Mama Hellvik, die ihre ganze Umgebung mit einem Blick ihrer gewöhnlichen allgemeinen Menschenliebe umfing, wurde dabei eine sehr feine, wohl etwa dreißigjährige Dame ge- wahr, die ganz allein an einem Tisch in der Nähe ihres eigenen saß und aussah, als wenn sie sich langweilte. Das war eine zu große Versuchung für das gute Herz der Frau Hellvik. Sie sprang schnell auf, ging zu der Unbekannten hin, grüßte artig und sagte mit ihrem sonnigsten Blick: „Verzeihen Sie meine Dreistigkeit und nehmen Sie es mir nicht übel; aber niöchtcn Sie nicht die große Freundlich kcit haben, sich auch an unfern Tisch zu setzen. Mein Name ist Ennna Hellbik von Hultnna, und»vir haben es so ge> müthlich l" Die fremde Dame biß sich in die Lippe, um ein spöttisches Lächeln und eine kühle Abweisung zu unterdrücken. Dann warf sie einen Blick ans die Gesellschaft, die ja ganz respektabel aussah, und einen zweiten in die schönen blauen Augen, die fast schimmemd vor Wohlwollen den ihrigen entgcgew strahlten. Die originelle Frau Hellvik begann schon am Platze bekannt zn werden, und es ging das Gerücht, daß sie sehr reich wäre... All' dies durchfuhr wie ein Blitz den Kopf der Un- bekannten, dann erhob sie sich, grüßte verbindlich und sagte: „Ich danke sehr für Ihre ungewöhnliche Freundlichkeit. Mein Name ist Oberstin Bärfeldt." „Ach, du lieber Gott! Ja, ich bitte noch einmal um Entschuldigung. Ach, entschuldigen Sie doch nur I Aber sehen Sie, ich bin nämlich vom Lande, Frau Obcrstin, und wissen Sie, da bin ich nun einmal nicht im stände, einen Menschen so in der Nähe eines Kaffectischcs unthätig sitzen zu sehen." Die Oberstin lachte ein wenig mit leichter Ironie. „Aber das nuissen Sie in jedem Falle hier am Ort zu lernen versuchen, Frau Hellvik, oder auf Ihren Kaffee ver- zichten, denn sonst fürchte ich, das könnte eine allzu große und mühsame Wirthschaft werden!" Dann erfolgte die allgemeine Vorstellung und der Neu- hinzugekommenen wurde servirt. Nach einigen Minuten nahm Frau Hellvik ihr feines Händchen zwischen ihre fleischigen Hände, sah ihr treuherzig ins Gesicht— ein ungewöhnlich schönes, brünettes Gesicht voll reizender Anmuth und zart, wie eine kunstvoll geschnittene Kam«— und sagte: „Frau Oberstin I Na, das muß ich sagen l Entweder ist der Herr Oberst viel älter als Sie, oder es ist mit seiner Be- förderung flott gegangen, wie der Fahnenjunker zu Karl XIV. Johann bei Schillingaryd sagte." Da zog eine dunkle Wolke über das Gesicht der Oberstin hin, und sie lachte und ftagte mit erzwungenem Interesse, um der ziemlich unbescheidenen Frage auszuweichen: „Was sagte der Fahnenjunker zu Karl Johann bei Schillingaryd, liebe Frau Hellvik?" „Ach nein, so was, haben Sie niemals die alte Geschichte gehört? Ich glanbte, sie wäre so bekannt! Wahr ist sie, denn sie ereignete sich bei dem Manöver, als meine Großmutter bei Schillingaryd die Unteroffiziere und die Landwehr speiste... Ist Ihnen nicht wohl, Frau Oberst? Frieren Sie? O, sehen Sie, hier nehmen Sie meinen Shawl I So eine alte Dicke, wie ich, die hat ihre Wattirung auf sich!... Na, wo waren wir nun? Ja, wie gesagt, es geschah, als meine Großmutter die Unteroffiziere auf Schillingaryd speiste. Und sie hätte auch die Offiziere bekösttgen dürfen, wissen Sie, Frau Obersttn, und sie hätten es bei anderen schlechter treffen können, das kann ich Ihnen versichern; aber der Oberstlieutenant begünstigte ein wirklich schlechtes Frauenzimmer, mit der er... Du hustest, Albert! Sitz' da nur nicht und erkälte Dich! Gerda, hole Papa's Ueber- rock l" „Na, wie war das denn nun nnt Karl Johann und dem Fahnenjunker, liebe Frau Hellvik?" fragte die Oberstin. „Ja, ach Du lieber Gott, also der Fahnenjunker war ein alter Mann, aber groß und stattlich, und stand auf dem rechten Flügel, da erblickte der König ihn und ließ durch Brahe, den Reichsmarschall eine Frage an ihn richten, denn Sie wissen vielleicht, Frau Oberstin, daß es Karl Johann ein bischen schlvcr fiel, schwedisch zu sprechen, außer wenn er zu fluchen anfing?" „Ja, ich habe es gehört." „Na,>vie sie denn so schwatzten, kam es heraus, daß der Fahnenjunker sein Offizierspatent gerade an demselben Tage bekommen hatte, wie Karl Johann selbst.„Sagt ihm das," sagte Karl Johann und lachte. Na, das that Brahe, und wissen Sie, was der Fahnenjunker darauf antlvortete?" „Nein." „Ja, er sagte:„Dann geht's sehr ungleich mit der Be- förderung zu, Majestät."-- Ein paar Tage später>var eine kleine Gesellschaft von etwa zwanzig Personen aus der Kurgesellschast auf einer Fußtour in die schöne Umgebung von"Gesundbrunn unter- Ivegs. Frau Hellvik fiel es schwer, mitzukommen, aber sie war froh und lebhaft und känchfte tapfer gegen ihre Müdig- keit und ihre zwei Zentner an. Es war doch so herrlich l Die Tropfen vom letzten Regen glitzerten noch auf den Bäumen, die Vögel sangen, und die üppige frische Vegetation schien kaum Raum zu finden für ihre reiche Fülle in den dichten Gebüschen von„Schwedens schönem Garten". Plötzlich blieben Alle stehen; eine eintönige, salbungsvolle unangenehme menschliche Stimme unterbrach die Harmonie der lieblichen Stille. Rechts am Wege lag eine kleine graue, elende, verfallene Hütte mit schmutzigen Fensterscheiben und Stützen an den Mauern. AllcS zeugte von einem Elend, das sich um so greller bemerkbar machte in dieser Umgebung, in der die Nattrr ihre Gaben mit verschwenderischer Fülle ausgestreut hatte. Durch die offene, schurale, undichte Thür drangen bald ganz deutlich, bald nur als unverständliches Gemurmel von der salbungsvollen Sttnnne die folgenden Worte: „... denn wie der Schöpfer nicht zuläßt, daß in der reichen Saat und Blüthe der Natur Reife und Ernte in anderer Ordnung folgen, als es seine Weisheit zuläßt, so läßt er auch nicht im Reiche der Gnade die Ordnung erschüttern, in der wir Vergebung der Sünden erlangen können... Denn welcher unwürdig ist und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht— beweine und unter Blutsthränen bereue ein Leben so sündig, wie Deins, so voll Verbrechen und Elend, so.. Frau Hellvifs Augen funkelten zornig auf, und ihr Unter- kinn bebte. „Wer wohnt da drinnen?" fragte Gerda Hellvik er- schaudernd die Wirthin, Frau Berg, die mit von der Partte war. „Ja, das ist der schlechteste Mensch von der ganzen Ge- meinde Gesundbrunn. Er heißt Jansson und hat wegen Diebstahls und Schlägerei gesessen. Es ist nun zwar fast fünfzehn Jahre her, seit er das letzte Mal im Gefängniß saß, aber wer einmal anrüchig geworden ist, bleibt es. Alles scheut ihn, seine Frau und seine Kinder wie die Pest. Gestern hörte ich nun aber, daß er im Sterben liegen soll und Pastor Bommer bei ihm wäre. Das ist ein vortrefflicher Geistlicher. iebt es eine Möglichkeit, den Diebs-Jansson zu retten, dann vollbringt er es!" Die Erklärungen der Frau Berg wurden nur von einem Theil der Gesellschaft angehört; von den meisten übrigens recht gleichgiltig, von einigen sogar voll Ekel, von Frau Hellvik aber mit feuchten Augen und glühenden Wangen. Ein paar Mal öffnete sie den Mund, als wollte sie etwas erwidern, beherrschte sich aber und schwieg. Man kehrte nach einiger Zeit um und trat den Rückweg an. Die salbungsvolle Sttmme in der elenden Hütte war verstummt, man vernahm von drinnen nur noch Schluchzen und ein leises Stöhnen. Frau Hellvik wandte sich an ihre Töchter: „Ihr und Papa, Onkel und die Jungen bleibt hier stehen, die übrigen können, wenn sie wollen, weiter gehen." Und dann ging sie in die baufällige Hütte hinein. Mehr- mals hörte man ihre Stimme, lvie sie auf den Kranken ttöstend einsprach... Nach einiger Zett stand Frau Hellvik mit einem Mal wieder ruhig und breit in der Thüre, aber mit einem feuchten reSir...-. ü....'.iÄ i aafe-'"-iAJk"ri Schimmer in den groben blauen Augen und tvinkte ihrem Manne zu. „Gieb mir einen Zehner, Lieber," flüsterte sie. Als sie damit in der Hütte gewesen war und wieder herauskam und sich unter die Gesellschast mischte, betrachtete man sie mit ganz anderen Blicken, als vorher. Sie hatten das Gefühl, als wenn die kleine Frau Hcllvik ein paar Zoll gewachsen wäre. Es herrschte eine förmlich feierliche Stimmung in der Gesellschaft. Aber Frau Hcllvik verscheuchte sie sogleich mit den freundlichen Worten: „Heiliges Kreuz, die ganze Gesellschaft hat auf mich ge- wartet I" Eine der Damen flüsterte empört ihrer Nachbarin zu: „Nein, solch' eine Frau! Drinnen predigt sie wie ein MissionSpastor, und nun flucht sie wie ein Reitknecht! Diese Bemerkung veniahm auch Onkel Gustav. Zuerst ärgerte er sich fiir seine Schwägerin und murmelte ziemlich deutlich:„Alte M... M... Meerkatze I" aber da er ein sehr gerechter Mann war, hielt er sich gleich darauf verpflichtet, einen Tadel auszusprechen. Er trat heran, ergriff die Schwägerin beim Arm und flüsterte: „Liebe Emma, so was, wie Du s... soeben sagtest, m... mußt Du nicht sagen, das k... klingt so verd.. dämmt unwciblich!" Frau Hcllvik sah ihren Schwager mit einem Blick an, in dem sich Bedauern und Schelmerei in komischer Weise paarten, und erwiderte: „Da hast Du recht, Onkel Gustav, das ist eine alte, schlechte Angewohnheit von mir!" IH. Es war Anfang Juli. In Gesundbnmn lag offenbar etwas in der Luft. Eine eigenthiimliche Unruhe hatte die ganze Kurgesellschaft ergriffen. Nur einige wenige Eingeweihte wußten, was es war; die übrigen ahnten es nur. Wenn Frau Hellvik die Leute flüstern sah und mystische Gesichter machen, faßte sie sich unwillkürlich nach dem Kopf und sagte: „Kinder, mein Haar ist doch wohl in Ordnung?" Der junge Axel aber versicherte treuherzig: „Na, sehen Sie mich nur nicht an! Wahrhaftig, ich habe setzt nichts Böses angestellt!" Und Onkel Gustav, der auch eine Enipfindung von der allgemeinen Spannung bekam, stellte sich vor den Barometer hin und sagte: „Ich möchte nur wissen, ob wir nicht ein Gewitter be- kommen?" „Aber der Zollamts- Assessor Ephraim Halldelin hätte nicht so ruhigen Herzens die Versicherung abgeben können, daß er„nichts angestellt habe, wie Axel Hellvik; ob es frei- lich etwas Böses war, konnte erst die Zukunft zeigen; es war nämlich ein— Theaterstück.- Er gehörte zu den von den Hanptstadtdirektoren„ver- kannten Genies", auch die Hanptstadtverlegcr wußten ihn „nicht nach Gebühr zu schätzen", und die Kritiker waren„die reinen Idioten", aber nun hat er seine Rache, sein dreiaktiges Drama,„Die Misset haten der Eltern" war von dem Vergnügungskomitce vom Gesundbrunn zur Aufführung angenommen und einige der Hauptrollen glücklich ans dem sich dafür interessirenden und kunstverständigen Kreise be- setzt, che die übrige Gesellschaft mehr als eine dunkle Ahnung von der Sache hatte. Einige waren gekränkt, das kreuzweis blickende Fräulein Berg lehnte eine Nebenrolle ab, weil man sie nicht zu den Vorberathnngen zugezogen hatte, und Onkel Gustav sagte beim Mittag'stisch so laut, daß wenigstens zwei Leiter der Sache es hörten: „W... w... warum haben Sie nicht unsere M... M..°.. Mädchen gcb... b... beten mitzuspielen, die doch am besten von allen aussehen. Sie k... konnten Anna wenigstens für die Dienstm... m... mädchenrolle genommen haben I" Aber das allgemeine Interesse für den großen Clou der Saison verdrängte bald all' den kleinlichen gegenseitigen Neid, und schließlich bewegten sich alle Gespräche und Gedanken nur noch um das bevorstehende Vergnügen. „Die Missethaten der Eltern" waren hauptsächlich erotischer Natur, und die Strafe kam in der Form, daß zwei von der Mutter inniggelicbte Kinder, die Halbgcschwister waren, ohne eine Ahnung davon zu haben, sich in einander verliebten und tief unglücklich wurden, als sie auf Grund der Macht der Ver- Hältnisse und der Beschaffenheit der Umstände auf die er- träumte Seligkeit der Ehe verzichten mußten, was natürlich der gemeinsamen Mutter und dem Vater des Mädchens tiefe» Bedanern mit einem Zusatz von Gewissensqualen bereiten mußte. Baron Sternfeldt hatte sich bereit erklärt, die Rolle deS liebenden Halbbruders zu übernehmen, obwohl er erst spät gefragt worden, und die Oberstin Bärfeldt, die bei Licht noch sehr jung aussah, hatte von Anfang an versprochen, die liebende Schwester darzustellen, nachdem der alte Oberst, auf ihre schriftliche Auflage, erklärt hatte, daß er nichts dagegen habe, wenn nur alles vorüber wäre,„bis er am Sonntag in vierzehn Tagen zum Besuch käme, denn dann wollte er nicht durch die Probenlauferei gestört sein". Alles machte sich gut, alle interesfirten sich für die Sache, und der Assessor Halldelin überlegte ans seinen einsamen Spaziergängen am Bach-Ufer, was er verlangen sollte, wenn das Stockholmer„Dramatische Theater" infolge des glänzenden Erfolges Unterhandlungen mit ihm einleiten würde. (Fortsetzung folgt.) Klus den Vevlinev VnnMnlotts. In den Berliner KunstsalouS herrscht jetzt reges Leben. Seit» dem die Grotze Berliner Kunstausstellung ihre Pforten geschlossen, ist der Koiikurrcnzkampf der kleinereu Salons eröffnet, und eine Ausstellung drängt die andere. Es scheint ein bemerkcnswcrthcS Symptom, daß schon wieder ein neuer Salon eröffnet werden konnte, der„Salon Ribera" in der PotSdamerstratze. Berlin wird in inuuer erhöhten» Maße Kunstmarkt; nicht nur in der großen ofstziellen, sondern auch in den kleineren Ausstellungen ist die Zahl der Verkäufe in der letzten Zeit bedeutend gestiegen. Diese Thatsache wird mehr als alles Andere den seit Jahren ge- führten„Kunslftrcit", ob Berlin oder München in Deuffchland künstlerisch die Führung habe, zu gunsten Berlins entscheiden. Unter den Salons scheinen zwei neue die Führung an sich zu bringen, der von Keller und Reiner und der von C a s s i r e r, von denen schon in diesen Blättern Notiz genommen ist. Neben der bereits erivähntcn Ausstellung moderner französischer Meister enthält der elftere jetzt eine Sammlung von Werken Ludwig v. H o f m a n n s, der erst vor kurzem bei Gurlitt mit feinem Bilde„Frühlingssturm" einen Triumph feierte. Man kann nicht sagen, daß dieser Eindruck durch die jetzt aus- gestellten Werke noch vertieft würde. Jedes Wort, daß man gegen sie sagtz ist zu schwer, und doch, wenn man sie alle auf engem Ranni zusammengedrängt sieht, so bleibt ein klein wenig der Ein- druck des Flüchtigen, Leeren. Sie sind alle dekorativ von aus- gezeichneter Wirkung, es sind glänzende Farbciiharmoniecn, aber es fehlt ihnen in etwas die Erdcnfestigkeit, der Eindruck des Körperhaften. namentlich da, wo es sich um die DaisteNung des menschlichen Körpers handelt. Vollkommen beherrscht ist freilich in einigen Bildern die Naturstimmung. Wie auf dem einen der Blick unter stark vom Rahmen nberschnittenen Bäumen hin in die Tiefe geht, wie man von der kleinen Erhöhung des Vordergrundes auf den Waldteich, der in der Mitte liegt, hinabsieht, wie die Sonne in breiten Streifen über den Rasen huscht, und hinten eine leise blau- graue Dämmerung sich um die Baumstämme breitet, das ist mit einer außerordentlichen Kraft gegeben; und auch in einem anderen Bilde, auf dem man von erhöhtem Standpunkt auf einen Mecresstraiid hinabblickt— man sieht nichts weiter als einen Ausschnitt des Ufersandes und der heran- rollenden Wellen— ist das schwierige Problem, einen tiefer liegenden. Ort darzustellen, für unser Empfinden klar gelöst. Zu einem interessanten Vergleich bieten die Landschaften des Schotten James P a t e r s o n Gelegenheit, die in der zweiten Ausstellung von C as sire r' S Kunstsalon zu sehen sind. Man wird auch von diesen nicht sagen können, daß in ihnen ei» Stück Natur so lebendig wiedergegeben sei, daß es wie Wirklichkeit wirkt. Alle diese Landschaften sind in weichen, verschlvimmenden grünen, braun- und gclbrothen Tönen gehalten; es sind die Stimmungen, die einer solchen Neigung des Malers entgegenkommen, der hereinbrechende Abend, das dänimerige Waldinnere.' der Vorfrühling mit seinen zarten Farben und der Herbst in weichem Braunroth; oder die Sonne kämpft sich mühsam durch dichten Dunst und gießt einen goldig braunrothen Schimmer über die Dinge. Das ist alles von einer so traumhaft wirkenden Schönheit, die Farben wirken so eindringlich weich und einschmeichelnd wie Musik, daß sich die Frage nach der Realität dieser Natur ganiicht aufdrängt. Hoffmann's Farben sind hell, sie sind glänzend, aber auch schärfer; in Hellem Sonnenschein liegt meist die Natur bei ihm, und der Widerspruch zwischen dem jubeln- den Leben in dieser und einer gcivisscn Starrheit und Leblosigkeit in den Körpern macht sich um so stärker fühlbar. Bei Paterson ist noch eins bewundernswerth, die Technik. Er ist. Aquarellist, eigentlich auch da, wo er mit Oelfarben arbeitet, wie überhaupt die Agnarelltechnik in England und besonders in Schottland ihre höchste künstlerischeDurch- bildung erfahren hat. Nicht ängstlich in einander vertrieben und ver- waschen, fondcni frisch nebencinandcrgcsetzt.mit dcn scharfen Grenzlinien. die ihnen eigen find, erscheinen die einzelnen Pinselslriche, und doch 95a— — welcher Duft ist in diesen Farben in der Gesannntwirkung! lind welche kraftvollen Wirkungen geben sie in dieser BeHandlungsweise her I Weit dehnt sich auf dem einen dieser Bilder die braune, hügelige Haide, in mächtigen Ballen ziehen die Wolken darüber hin. Auch in prächtigen Binmenstücken und in einem Porträt offenbart sich der- selbe Äüirjtlergeift. Schwerer, stärker im Leben wurzelnd erscheint der zweite Maler, der in derselben Ausstellung erschienen ist, Jean Francois Raffaslli(Paris). Er ist in Berlin nicht mehr fremd, Bilder von ihm waren vielfach hier zu sehen; aber seine Vielseitigkeit und seine volle Bedeutung tritt doch erst in dieser Ausstellung hervor. Raffaelli's Stoffgebiet giebt Paris, das Straßenleben in Paris und die nahe Umgegend der Stadt. In den Straßenbildern ist das Durcheinander von Menschen und Wagen, das hastige Treiben, das stch an den großen Steinkoloffen zu beiden Seiten hinschiebt, mit außerordentlich lebendiger Wirkung dargestellt, meist in großen lieber- blicken, wobei dann die einzelnen Menschen nur klein und in den Umrissen gegeben erscheinen, so daß in der Bewegung der Massen der Hauptreiz liegt. Köstlich sind aber auch die ganz kleinen Bilder, auf denen vorn eine Figur fast den Rahmen füllt: eine Dame schreitet in graziöser Bewegung über einen Platz, oder ein Arbeiter steht aufrecht gegen einen landschaftlichen Hintergrund. Raffaelli's Farben sind bei allen diesen Stoffen zart, wenn auch ein wenig schwer hingestrichen; ein feines Bleigrau giebt den meisten Bildern die Note. Er versucht auch, namentlich bei Landschaften, mit anderen Mitteln nachzuhelfen, um lebendiger zu wirke». So hat er in einer düstere» Schueelandschaft das kahle Geäst der Bäume zu den Seiten eines Weges mit Farbstiften gezeichnet. In diesen Land- schastcn, in deren Hintergrund rauchende Schlote die Stadt anzeigen, giebt er vorzügliche, schwcrmüthige Stimmungsbilder, die meist durch Figuren belebt sind; auf der einen steht z. B. ganz vorn in traurigem Sinnen ei» alter Lumpensammler. Auch Raffaelli hat vor- zügliche Blumenstücke gemalt. Der dritte Künstler, den Cassirer's Salon zeigt, ist F ä l i c i e n Rops, der kürzlich in Paris verstorbene Radlrer. von ihm ist damals gesprochen worden. So viel man auch gegen seine Art, die das Geschlechtsleben des Menschen mit zynischer Offenheit und mit grausamer Satire zum Gegenstand seiner Kunst machte, einwenden mag, eins ist sicher und wird durch die ausgestellten Blätter von neuem bestätigt: er war ein Meister in seiner Kunst, der Radiruna, der durch die Ivenn auch krankhafte und zügellose, so doch grandiose Phantastik wie durch die Meisterschaft in der Behandlung der schwarz- weißen Fläche, durch die kraftvolle Fühning der Radirnadel, durch die überlegene Sicherheit in der Darstellung des menschlichen Körpers und, was nicht übersehen werden darf, durch die Kunst der Komposition auch dem Widerstrebenden Achtung abfordert. Das Programm, das dieser neue Kunstsalon durchzuführen beab- sichtigt, immer nur Kollektionen von Gemälden eines oder mehrerer Künstler auszustellen, verdient erwähnt zu werden, wenn auch zu befürchten ist, daß es auf die Dauer schwer erfüllbar sein wird. Gerade bei der übergroßen Zahl der Ausstellungen und der in ihnen vertretenen Künstler ist es gut, daß hier ein Gegengewicht geboten wird, daß sich aus der verwirrenden Fülle markante Künstler- Persönlichkeiten herausheben. Den größten Erfolg beim Berliner Publikum hat gegenwärtig die L e n b n ch- Ausstellung bei Schult e. Es sind vierzig neuere Werke des Meisters da, darunter viele Damenportraits und die löst- lichen Bilder seiner Kinder, der hellen Marion und der braunen Erika. Neu ist ein stark hervortretender Zug zu lebhafterer Koloristik: ein starkes Blau erscheint oft gegen ein tiefes Roth in feiner Harmonie gearbeitet, während früher das ewige Braun, der„Gallerieton", die Freude an Leubach's Werken stark beeinträchtigte. Andererseits tritt wieder die Begrenzung in der Begabung des Meisters anfsallcnd hervor. Seinen eigenen derben Kopf, den des alten Hermann Lingg, den Bismarcks hat er mit der gewohnten Kraft der Charakteristik genialt; aber er wird rathlos vor einem Daincngesicht, dem das Großzügige fehlt, das nur durch aumnthigc Linien fesselt. Man sieht fast, wie er sich bemüht, einen charakteristischen Zug hiueinzu- bringen, wie eine starke Bewcgiing des Kopfes, ein paar geöffnete Lippen das am inneren Gehalt Fehlende ersetzen sollen. Bei alle» interessanten Einzelheiten ist gerade das Beste an Lcnbach's Porträts die zivingcndc Gewalt des seelischen Ausdrucks in ihnen nicht vorhanden; sie erscheinen fast gequält. Daß Lenbach nicht etiva die Frau überhaupt nicht darstellen könne, zeigen die Bildnisse seiner Frau und einer Engländerin und vor allem ei» Bild„Voluptas": Mit entblößtem Oberkörper steht vor uns ein Weib, der Kopf ist zurückgeworfen, das dichte dunkle Haar fällt aufgelöst über die Schultern herab, die Arme sind erhoben; in der ganzen Haltung und in den Zügen des Gesichts erscheint ein Ausdruck schmerzlicher Sehnsucht von erschütternder Kraft.——hl, Mloiues Feuilleton c. Die Zahl der öffentliche» Bibliotheken in den Ver- einigten Staaten ist außerordentlich groß; zudem siud sie reich ausgestattet und jedermann leicht zugänglich. Man zählt dort gegen- wärtig, wie das»Journal des Debats" mittheilt, ungefähr 2000 Bibliotheken, die jährlich etwa 30 Millionen Bände jeder Art misleihcn. Selbst in den kleinsten Dörfern findet man Bibliotheken. I» Chikago ist die öffentliche Bibliothek in einem wahre» Palast untergebracht, dessen Errichtung uicht weniger als 8 Millionen Mark gekostet hat. In Boston ist die Bibliothek»och schöner und reicher, das Gebäude hat 10 Millionen gekostet. Diese Bibliothek enthält 700 000 Bände und hat 250 Beamte.— — Eine neue Methode zur Darstellung von Diamanten. Nach einer Notiz in der„Elektrotechnischen Zeitschrift" ist es Gnirino Majorana gelungen, ans Kohlenstoff künstliche Diamanten zu er- zeugen, nach einer Methode, die der von Moissan im Prinzip ähnlich ist, nämlich unter Anwendung eines hohen Druckes und einer hohen Temperatur. Majorana erzeugte den hohen Druck durch Explosion von Schicßpulver und die erforderliche Temperatur durch den elektri- scheu Lichtbogen. Die Versuchs-Anordnung ist folgende: In einem Hohlcylinder aus ungehärtetem Stahl, der zur Aufnahme des Pulvers bestimmtist, und derzum Schutzmit cinerAnzahl verbolzter, horizontaler Eiscnringe versehen ist, befindet sich ein Kolben, der bei der Explosion des im Stahlcylinder befindlichen Pulvers nach.unten gestoßen wird. Der Kolben hat unten einen cylindrischcn, stählernen Ansatz von 1 Zentimeter Durchmesser, in ivelchen ein Kohlenstäbchcn von etiva 2 Gramm Gewicht eingepaßt ist. Unmittelbar unter diesem Kohle- stückchen befindet sich ein ebenfalls durch Eisenringe geschützter Hohl- cylinder, in den das Kohlcstückchen bei der Explosion hineingestoßen wird. Der Apparat ist stark genug, um einen Druck von 5000 Atm. auszuhalten. Das Kohlcstückchen wird mittels eines doppelten Licht- bogens erhitzt. Die Entzündung des Pulvers, etwa 70 Gramm, in deni Stahlcylinder Ivird durch einen Platindraht bewirft, den man durch einen elektrischen Strom zum Glühen bringt. Zur Herstellung des Kohlestückchens eignet sich nur Bogenlanipenkohle; nur diese hält dem doppelten Lichtbogen Stand. Die Explosion wird 15 bis 20 Sekunden nach dem Zustandekommen des Lichtbogens hervor- gerufen. Die aus jedem Versuche resultirenden 2 Gramm komprimirte Kohle wurden in kleine Stücke zerschlagen und zur Beseitigung fremdartiger Bestandtheile und zur Zerstönmg noch vorhandener amorpher Kohle niit verschiedenen Säuren behandelt. Es kamen so theils undurchsichtige, theils durchsichtige Theilchen von hohem Licht- brechungsvermögen zum Vorschein. Unter den undurchsichtigen Theilchen zeigten einige Kanten wie ein würfelförmiger Krystall, andere hatten die Form einer Warze. Einige Krystalle ivaren in der Mitte durchsichtig, sonst undurchsichtig. Die durchsichtigen und schwarzen Theilchen glichen in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Säuren, ihrem spezifischem Gewichte, ihrer Härte und krystallinischen Struktur genau dem natürlichen Diamanten.— Kunst. — Infolge deS Preisausschreibens zur malerischen AuS« s ch m ü ck u n g des Festsaals im R a t h h a u s e zu A l t o n a vom 15. April d. I. sind 25 Entwürfe eingeliefert worden. Die durch drei Vertreter der Stadt Altona verstärkte Landes-Kunst- kommission hat als Preisgericht folgende Preise zuerkannt: den ersten Preis von 4000 M. dem Maler O. Markus- Berlin, den zweiten Preis von 2000 M. dem Maler Ludivig Dettmann- Berlin, den dritten Preis von 1000 M. dem Maler Professor Arthur K a m p f- Düsseldorf. Außerdem hat die Koimnissio» beantragt, für die Arbeiten der Maler 1. Hans O l d e in Seekamp bei Friedrichsort, sowie 2. Klein-Chcvalier und Becker in Düsseldorf zwei weitere Preise von je 1000 M. zu beivilligen.— Erziehung und Unterricht. -ss- Die Einführung der Steilschrift in den Schulen hat den neuen ö st e r r e i ch i s ch e n Landes-Sanitäts- rath im vorigen Monat beschäftigt auf grund einer Anfrage des Landesschulraths, ob gesundheitliche Rücksichten für die Einstellung bezw. Fortsetzung der Versuche mit der Stcilschrift in Schulen geltend zu machen sind. Die erstgenannte Behörde, die einen Fach- mann auf dem Gebiete der Orthopädie und zwei ans dem der Augenheilkunde zugezogen hatte, sprach sich, wie die„Wiener Medi- zinischc Wochenschrift" berichtet, mit Entschiedenheit für die Fort- setzung der Versuche aus, da die Körperhaltung der Schüler bei dieser Schriftart eine bedeutend gesündere wäre, als bei der jetzt ge- bräuchlichen Kursivschrift.— Kulturgeschichtliches. gk. W o war die Wiege der Zivilisation? Palästina, China, Indien und Egypten sind alle schon von Alter- thumsforschcrn als die Länder angesprochen worden, in denen der Mensch aus dem Zustand völliger Wildheit herauswuchs und zu den Anfängen der Kultur kam. Ausgrabungen, die in den letzten Jahren von Amerikanern in deni Delta am persischen Golf, das durch die Mündungen des Tigris und Euphrat gebildet wird, veranstaltet wurden, lassen es nunmehr als sicher erscheinen, daß hier der Ort ist, an dem sich die älteste menschliche Kultur, schon um 7000 v. Chr., nachweisen läßt. In der letzten Nummer der„Academy" werden die Ergebnisse der neueste» Entdeckungen über die Ureinwohner dieses Landes, die„Sumerier" zusammengefaßt. Die Sumerier scheinen daniach zu der gelben Nasse gehört zu haben. Ihre Sprache bildete zusamniengesetzte Worte, durch bloße Zusammenziehung un- veränderter Wurzeln. Sie hatten bartlose Gesichter und wahrscheinlich stumpfe Nasen, und es scheint, daß ihre Haare schwarz waren. Es giebt einige Gründe, die zu der Annahme führen, daß sie urspriingliib nuS einer kälteren und hiigeligeren Genend gekommen sind. Sicher ist, daß sie zu der ettvähiiteu Zeit schon manches Jahr- hundert oder gar Jahrtausend angesiedelt waren, und das; sie dort eine verhältnismäßig hohe Kulturstufe erreicht haben. In der Zeit, als die Eghpter noch behauene Steine zu Waffen und Werkzeugen benutzten, hatten die Sumener schon solche aus Kupfer und Bronce, und ihr Töpferzcng Ivar so vortrefflich in Qualität und Aussehen, daß es dem der Griechen in späterer Zeit nahe steht. Sie hatten ein groß angelegtes Bewässerungssystem mittels Kanäle, und sie hatten aus Ziegeln, die sie in der Sonne brannten, stattliche Paläste und Tempel gebaut, die mit Röhrenleitungen und geschlossene» Ge- wölben versehen waren. Aber ihr größter Fortschritt war ivohl der, daß sie die Kunst des Schreibens besaßen. Sie haben Inschriften hinterlassen, die sie in weichen Thon eingruben, in Schriftzeichen, die nachher als cunciform bekannt waren, die aber damals deutlich die Spuren der Bilderschrift trugen, aus der sie sich entwickelt hatte». Die Geschichte dieses Volkes, soweit wir sie kennen, zeigt die ewigen Zwistigkeiten, zu denen zivilisirte Rassen immer gezwungen werden, die in Berührung mit barbarischen Nachbarn leben. Um 4500 v. Chr. wurden die Sumerier von den Semiten besiegt, und der semitische König erscheint als Herrscher des Landes. Die Semiten müssen der Kultur leicht zugänglich gewesen sein; denn während ihrer Kämpfe mit den alten Einwohnern nahmen sie allmälig deren Kultur an. Sie brachten auch die Sumerier dazu, EroberungSziige in fremde Gebiete zu machen. Unter ihrer Leitung zogen mesopotamische Heere anö, um die damals bekannte Welt zu erobern; sogar bis ans mittel- läudische Bleer kamen sie und ergriffen von Cypern Besitz. So er- oberten sie auch ganz West-Jndien und gründeten das Königreich Assyrien. Obgleich die alte Sprache der Sumerier durch de» semitischen Dialekt in der Umgangssprache verdrängt worden war, wurde die Kenntuiß derselben zn religiösen Zwecken bewahrt. Noch im Jahre 848 v. Chr. fand ein Wiederaufleben des Sumerische» statt; die Einlvohner von Babylon schrieben damals fließend sumerisch, allerdings ebenso unkorrekt, wie etwa ein Mönch im Mittel- alter das Lateinische. Es ist freilich damit uoch nicht gesagt, daß, wenn auch das Euphratthal der älteste Kulturort ivar. es auch das einzige Zentrum gewesen ist. von dem die Kultur sich ausbreitete. Jedoch scheint auch diese Annahme äußerst wahrscheinlich. Auch Egypten verdankt z. B. die Schristzeichen dem mesopotnmischen Ein- stuß. Dasselbe gilt von China, das lange, aus chronologischen Gründen, als ältester Staat augesehen wurde. C. I. Ball und Terrie» de la Couperie haben es nnt guten Gründen unchgeivicsen, daß die Chinesen ihre Sprache und das Fundament ihrer Kultur ebenfalls von den Sumerier» erhielten. Es bleibt also uoch Indien, aber die ersten Spuren einer Kultur lassen sich auch dort nicht früher als 3000 v. Chr. erkenne».— Physiologisches. u. Wirkung des Lichtes ans Menschen un d Thier e. Es steht seit Alters her fest, daß die Pflanzen in ihrer ganzen Eni- Wickelung vom Licht ebenso abhängig sind, wie vom Vorhandensein einer genügenden Nahrung, und man wußte schon lauge, daß auch auf niedere Thiere das Licht eine starke Einwirkung allgenreiner Art ausübt. Im Gegensatz dazu aber glaubte man lange Zeit, daß für höhere Thiere und für den Menschen das Licht nur eine» Empfindnugsreiz deS Auges bilde, daß eS für diese Thiere aber im übrigen ohne Einfluß und ohne Wirkung sei. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß dies eine völlig unrichtige Auffassung war. Ge- rade so wie bei den Pflanzen das für ihre Ernährung so wichtige Blattgrün sich nur im Lichte entwickeln kann, ist auch für die Ent- Wicklung gewisser Blutbestandtheile des Nienschen und der höheren Thiere die Anwesenheit von Licht unbedingt erforderlich, und von dem Vorhandensein dieser nur im Licht entstehenden Blntbestaudtheile hängt die Gesundheit des Menschen und der Thiere ab. Daher kommt es, daß Menschen, die ganz gesund und im Besitz einer aus- reichenden Nahrung sind, sich aber aus irgend welchen Gründen längere Zeit in ungenügend beleuchteten Släumcn aufhalten, zum Beispiel Soldaten im Arrest, bleich und fahl aussehen. Solche Leute gleichen in ihrem Aussehen Pflanzen, die im Dunkeln dahinvegetiren, und bei Beiden ist die Ursache des leidenden Zustaudes dieselbe: das Fehlen des Lichtes. Daß das Licht auch sonst gewisse, im einzelne» noch nicht näher bekannte Reize auf den Menschen ausübt, wird ja auch durch das bekannte Rombergffche Phänomen bewiesen. Gewisse Leute, die im hellen Raum und nnt geöffneten Augen aufrecht stehen, fallen ini Dunkeln oder bei geschlossenen Augen sofort zu Boden. Dies Romberg'sche Phänomen ist ein Haupterkenntnitzirnttel für bestimmte Erkrankungsformen des RiickeinnarkeS.— Aus der Pflanzenwelt. W a s i st C h i n a- G r a s? Das China-Gras ist eine vornehmlich in China wachsende Gespinstpflanze, die wegen der un- jibertroffenen Länge und Dicke ihrer Basffasern in gewisser Beziehung sogar dem Flachse vorzuziehen ist. Man hat den Werth der Pflanze für die europäische Industrie frühzeitig erkannt und sie auch nußer- halb ihrer Heimath, in Indien, m Amerika und auch im südlichen Europa anzubauen versucht. Trotz ihrer asiatischen Abkunft trägt die Pflanze einen wissenschaftlichen Namen, der einen deutschen Ursprung hat. Ihre Gattung heißt nämlich Loehinoria, und dazu tritt als Artname für das eigentliche China- Gras die Bezeichnung nivea. Weiterhin gehört die Gattung zu der Familie, die nach der Brennnessel(Urtica) den Namen der Urticaceen trägt. DaS China- Gras wird seinerseits häufig verwechselt mit einer in Jndieu heimischen Gespinstpflanze von ähnlichem Werthe, deren Faser unter dem Namen Ramie oder Rameh im Handel bekannt ist, sie gehört botanisch zu derselben Gattung wie das China-Gras und hat den Ntmieii Boehmeria tenacissima erhalten; die Namiv- Faser wird auch als Rhea- Hanf bezeichnet. Letztere Pflanze und daS eigentliche China- Gras sind derart mit einander in Ver- wechsclung gerathen, daß sie jetzt im Sprachgebranche kaum mehr von einander getrennt werden können. Es ist aber auch nicht un-- möglich, daß die indische Rninio- Pflanze nur eine Varietät de? China-Grases ist. Das China-Gras, das in China unter dem Namen Tschn-ma bekannt, und eine Pflanze mit untcrseitS weißverfilzten Blättern ist, wurde zuerst von den beiden englischen Botanikern Hooker und Arnott beschrieben: sie wächst in mäßig warmen Gegenden, außer ihrem Heiuiathlande vorzugsweise in Nord-Amerika, Süd-Frankreich und Algier. Die Ramiö- Pflanze gedeiht in mäßigem Klima nicht, ihre Heiinath ist außerhalb Indiens besonders die Halbinsel Malakka und die benachbarte» Inseln.— Humoristisches. — Vergangene Zeiten. Sie:„... Sogleich kommt ein langer Tunnel!" Er:„Schade, daß wir verheirathet sind.'— — Wörtlich befolgt. Gast:„Was— solche Preise soll ich zahlen? Und dabei habe ich uoch vielen Herrschaften das H o t e l b e s o n d e r S warm empfohlen!" Oberkellner:„Das könne erJhuen nichthoch genug anrechnen, meinte eben der Chef."— — AuS der Schule. Lehrer:„Womit glaubt man zu begründen, daß an stelle der Wüste Sahara einmal ein großer See war?" Schüler:„Weil die Neger heute noch in Schwimm Hose» Heruni gehen!"— („Meggend. Hum. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Der Einakter- Zykluö„Die Befreiten" von Otto Erich Hartleben ist nunmehr auch als Buch bei S. Fischer, Berlin, erschienen.— — In dem Kunstverlag von A. H i l d e b r a n d t ist eine „Richard Wag uer-Radirungs-Po st karte" erschienen. Von demselben Verlage wird vom Januar ab eine illnstrirte Monatsschrift„Die Künstler-Postkarte" heraus« gegeben werden.— — In der„Militär-Mnsiker-Zeitung" findet sich daS folgende Inserat:„Ein tüchtiger Tronipeter der Kavallerie oder Artillerie gesucht, welcher bereit ist, bei mir hier Stellung als Kutscher und Dirigent meiner K n a b e n k a p e l l e zu übernehmen. Fahre» wird eventuell gelehrt. Freie Staffon, monat» lich 35 Mark Gehalt und 20 Mark Musikgelder. Konzertverdienst extra u. s. w. Graf v. Hachenburg, Friedcwald, Rheinproviuz."— — In S ch w e i n s b u r g bei Marburg hat eine Feuers« b r u n st den halben Ort eingeäschert.— — Ein Kaufmann in Wien hatte seinem früheren Miether eine offene Karte geschrieben mit der Aufforderung, dieser solle eine zerbrochene Fensterscheibe machen lassen, da die Welt sonst annehmen könnte, er sei ein—. Durch den Gedankenstrich fühlte sich der Empsänger der Karte in seiner Ehre verletzt, weshalb er gegen den Wirth eine Ehren beleidig» ngs-Klage anstrengte. Der Angeklagte wurde freigesprochen.— I. In neuester Zeit nimmt die Verfälschung von Weizenmehl in Frankreich ganz außerordentlich zu, was darauf zurückzuführen ist, daß Reis aus den Kolonien zollfrei ein« geführt werden kann. Deshalb wird auch zumeist Reismehl zu« gesetzt, das wesentlich billiger ist als gutes Weizenmehl.— c.e. In Frankreich soll eine V ers i ch e r u n g s g e s ei I» schaft folgender Art gegründet werden: Ein Brautpaar zahlt am Tage seiner Hochzeit an die Gesellschaft 500 Franks. Wenn es dann im Laufe von sechs Jahren fünf lebende Kinder aufweisen kann, erhält es von der Gesellschaft 60 000 Franks, anderenfalls sind die 500 Franks verloren.— — Die Wein Produktion Frankreichs ßim Jahre 1893 ist nunmehr auf grund der osfiziellen Dokumente bekannt. Sie erreicht 32 282 000 Hektoliter, um 08 000 Hektoliter weniger als im Vorjahre, und bleibt um 995 000 Hektoliter hinter dem Durch- schnitt der letzten zehn Jahre zurück. Dazu kommen noch 4'/? Mill. Hektoliter aus Algerien und etwa 300 000 Hektoliter aus Korsika, so daß die gesamnite Produktion 37 Millionen Hektoliter übersteigt. Der Alkoholgehalt ist durchschnittlich um 2 Grad höher als im Vorjahre. Der Gesammtwerth der Weinprodukffon wird auf 901 700 000 Fr. geschätzt.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 11. Dezember. Verantwortlicher Redakteur: Rugnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.