Anterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 241. Sonntag, den 11. Dezember. 1898 (Nachdruck verboten.) Die Vadeeeife dev Familie Helluik. B] Von Alfred a f Hedenstjerna. Da wäre beinahe alles gescheitert infolge der Schwierig- keit, eine Darstellerin für die Mutter des jungen Liebespaares zn finden. Die zuerst aufgeforderte Dame wurde wüthend und ließ sich auch den ganzen Sommer nicht mehr versöhnen. weil man sie für so alt hielt, daß sie die Mutter erwachsener Menschen darstellen könnte. Ein braves altes Fräulein, daß die Rolle schon zu lernen begonnen hatte, wurde Plötzlich an das Kvankeubett eines Bruders berufen, und Frau Waller fand die Aufgabe„Acrgerniß erregend" und unmoralisch. Wenn der Herr Assessor das Stück s o ändern wollte, das beide Kinder die Früchte gesetzlicher Verbindungen seien, versprach Frau Waller„sich die Sache zu überlegen," wiewohl schon die Wiederverheirathung ihr ein Gräuel wäre, aber von Kindem, die außerhalb der Ehe geboren wären, wollte sie absolut nichts wissen, auch wenn sie noch so reizend, wie die Oberstin Bärfeldt, und so flott und liebenswürdig, wie Baron Stcrnfeldt, wären. Da wurde aber der Assessor ärgerlich und fragte Frau Waller, was sie wohl glaubte, daß Dumas gesagt hätte, wenn man ihm vorgeschlagen hätte, die Cameliendame vor dem ersten Akt zu trauen. Nein, was er geschrieben hätte, hätte er geschrieben. Darauf erwiderte Frau Waller, daß Herr Dumas sie nichts anginge, weder per« noch fils, und sie hoffte, auch immer dasselbe von dem Stück des Herrn Halldelin sagen zu können. Wir übergehen ein halbes Dutzend neuer verzweifelter Versuche, die wichtige Rolle zu besetzen. Es handelte sich nun nicht mehr um eine Sorge einer kleinen Klique, sondern es galt einem Landeskummer des ganzen kleinen Staates Gesund- brunn. Frau Hellvik war nicht weniger dabei interessirt. Als sie eines Abends mit gefalteten Händen in ihrem Bett lag, be- gann sie darüber nachzudenken, ob man nicht auch diese Sorge in sein Abendgebet hineinnehmen könnte, z. B. zwischen Albert's Halskatarrh und dem Anrufen des Herrn, daß er ihr fernes Heim vor Feuer und Dieben behüten möge.... Nach dem Mittagessen, am Tage darauf, konnte sie sich nicht länger halten, sondern platzte mitten in die Gruppe der Berathschlagenden mit den Worten hinein: „Meine Herrschaften, ich kann Menschen nicht in Ver- lcgenheit sehen, wenn es in meiner Macht steht, etwas dabei zu thnii. Ich s e l b st werde die Rolle der Freiherrin Sparen- creuz übernehmen!" Der Effekt dieser Erklärung war kolossal. Die Zunächst- sitzenden husteten verlegen und guckten einander an; weiter hinten kicherte man. Frau Hellvik besaß bereits eine gewisse eigenthümliche Popularität. Wer sollte es wohl auf sich nehmen, sie durch eine ebenso verbindliche, wie nothwendige Ablehnung zu kränken? Assessor Halldelin that es nicht. Nach minutenlangem, peinlichem Schlveigen trat er zögernd hervor, dankte lebhaft für das freundliche Anerbieten und bat, daß er die aus- geschriebene Rolle holen dürfe, die von dem alten Fräulein Söderholm hinterlassen wäre. Zwei Frauen und drei junge Mädchen eilten auf die Veranda hinaus, packten ihn beim Arm und flüsterten: „Sind Sie toll. Herr Assessor?" Der Dichter strich seinen Schnurrbart hinauf, setzte das Pince-nez fester auf die Nase und sagte: „Ja... was wollen Sie, daß man thun soll, meine Danccn? A l l e s ist vergebens versucht. Es giebt Talente, die lange schlummern. Julie Hakansson war mehr als dreißig Jahre, bis sie begriff, daß in ihr die größte Tragödin Schwedens steckte. Diese Frau ist ein ungewöhnliches Geschöpf. Glaubten Sie vor acht Tagen, daß sie beim Diebs-Jansson den Seel- forger machen könnte?"-- Frau Hellvik wog bedenklich das ansehnliche Rollcnheft in der Hand, blätterte ein wenig darin und erklärte: „Das ist aber schauderhaft dick." Einige, die dem Assessor Halldelin nicht wohl wollten, lachten. „Pfui, schämen Sie sich, meine Herren! S o meinte ich es nicht. Ich wollte nur sagen, es ist schauderhaft viel zu lernen; aber, Gott sei Lob, ich bin nicht so konfus, ich kann von allen Jungen auf Hultuna die Namen und die Geburts- jähre hersagen. Es wird schon gehen, wenn es auch lange her ist, daß ich Lektionen gelernt habe," sagte Frau Hellvik, stand auf und ging nach Hause. Am folgenden Vonnittag, um eine Zeit, da es sonst ziemlich still in der Villa Nr. 7 zu sein pflegte, wurde Frau Berg's kleines Hausmädchen ganz gerührt durch die Seufzer, das Schluchzen und die traurigen Worte, die aus dem Schlaf- zimmer der Hellvik's heraustönten. Was konnte der guten Frau nur passirt sein, denn offenbar war sie es, die da drinnen so verzweifelt war? Karin hatte sich niemals dadurch daS Leben erschwert, daß sie Ausnahmen machte in bezug auf Stand und Ge- schlecht. Ihre Ohren fanden sehr schnell das Schlüsselloch: „... Ach, mein Gott, strafe mich nicht so hart! Ich kann es nicht ertragen, das Leben meines Müdes zerstört zu sehen... Die sind beide gebrochen, wenn sie alles er- fahren... die Missethaten der Eltern... ja... die Misse- thaten der Eltern... auch mein geliebter Junge unglücklich für sein ganzes Leben I.." Das>var zu viel für Karin's gutes Herz, das längst der Frau Hellvik völlig zugcthan war, seit sie ein Paar Schnür- stiefel des Fräulein Anna und vier Kronen für eine zer- schlagene Suppenterrine geschenkt bekommen hatte, deren Be- zahlung Frau Berg von dem Mädchen forderte. Aber nun ertönte es schon wieder: .. O, wenn ich sterben könnte, bevor mein armer Junge..." Da wurde die Thüre aufgerissen. „Liebe, gnte, gnädige Frau, beruhigen Sie sich doch nur! Die Jungen befinden sich ja gar nicht in Roth, sie ruderten jetzt eben mit dem Knecht des Bade-Jnspektors hinaus, um ein Paar junge Katzen zu ertränken," rief Karin. Frau Hellvik war Plötzlich froh und freundlich, wie immer, lachte und sagte: „Seien Sie ruhig, Kind I Es handelt sich hier nur um die Kinder Anderer, um erdichtete Kinder, um Assessor Halldelin's..." „Ach, Du himmlischer Vater l E r, der so anständig aus- sieht...1" rief Karin. .. Um Assessor Halldelin's Theaterstück, verstehen Sie I Wir wollen ein Schauspiel aufführen und ich lerne eine Rolle. Und nun machen Sie die Thiire zu, Karin!"... Zwei Tage später war die erste Probe. Der ganze leitende Kreis war versammelt, um sich über Frau Hellvik krank zu lachen. Aber es gab nichts zu lachen. Sie hatte schon den größten Theil ihrer Rolle gelernt und war, wenn sie auch noch genug nnt dein Hersagen der Rolle zu thun hatte, so daß von„Spiel" nicht weiter die Rede war, doch gerade so gut wie die anderen; darüber waren alle einig. Nach einer Woche ging sie so in's Zeug, daß alle ganz erstaunt waren, und Onkel Gustav seinen Bruder anstieß und murmelte: „P... P... Potztausend, sie ist ja ganz f...f... famos! Gott sei Dank, daß � sie so nicht in W... W... Wirklich- keit ist I" Der Assessor, der natürlich den Regisseur machte, war ganz begeistert und sagte mit einer Verbeugung vor ihr: „Frau Hellvik ist großartig. Das Einzige, was ich ein- zuwenden hätte, wäre, daß Sie in der verzweifelten Szene am Anfang des dritten Aktes ein wenig die Stimme mäßigen möchten und dem Schmerz mehr Luft verleihen, sozusagen mehr in ihn eindringen..." Frau Hellvik lachte über's ganze Gesicht, legte sanft ihre Hand auf die Schulter des jungen Mannes und rief: „Mein lieber, junger Freund I Was in aller Welt wissen Sie von Leid und Schmerz. Nee, nee, lieber Herr Assessor. Eine Frau, die Vater und Mutter hat sterben sehen, sechs Kinder bekommen und zwei von ihnen aus dem Friedhof be- stattet.— nicht zu gedenken der neunwöchentlichen schiveren " f? TififllMt i> Ui»M i yilx*. mW?'-tätrihk �•' Krankheit meines Mannes— und dann seit siebcnundzwanzig Jahren einen großen landwirthschaftlichen Betrieb geführt hat, die weiß, wie ein unglückliches Menschenkind sich zn gebärden Pflegt!" Darauf kritisirte der Regisseur kaum noch die originelle Kunst der Frau Hellvik, Bei der Generalprobe durfte Peter in einer Ecke des SnaleS bei den Badefrauen stehen. Er stand die ganze Zeit nnt an- dachtsvoll gefalteten Händen und erzählte"später dem Stall- knecht des Bade-Jnsprktors: „Det war det erste Moal im mine Leven, dat ik uns' Fru wüthig gesch'n häw, aber det war ooch nich verwunderlich, denn da drinne häwe sc gegen se losgedunnert, während dahecm auf Hultuna es keene Christenseele nich gibt, die ihr zu»mderspreche wagt."--- Der große Tag war da. Alle lvaren in fieberhafter Spannung. Die Friseurin mis Seestadt sprang von einer der auftretenden Damen zur anderen, und die Oberstin Bär- feldt und Baron Stcrnfeldt spielten der Sicherheit halber bei Hellvik's noch einmal ihre große Liebesszene kurz vor der Entdeckung ihrer Gcschwisterschaft durch. Alle waren erregt, man ermuthigte sich gegenseitig, man trank Limonade und Kaffee durcheinander, und Frau Hellvik sagte einmal ums andere mal: „So aufgeregt bin ich nicht gewesen, seit der Gouverneur bei der großen landivirthschaftlichen Allsstellung bei uns zu Hause war." Endlich war man auf beiden.Seiten des blauleinenen Vorhanges versammelt. Endlich theilte sich dieser Vorhang in der Mitte, und jede Hälfte desselben wurde von den Jungen des Maschinisten zur Seite gezogen. Die Szene war mit all' dem Raffinement hergerichtet, dessen das Vergnügungskomitee, der junge Halldelin und die Auftretenden zusammen fähig waren, und die erste Replik sollte gerade fallen, als aus dem Saale eine dünne Stimme jubelnd rief: „Nein, seht die Mama!" Es war nur der kleine Karl Hellvik. „Pst! Pst!" „Hast Du alle Einladungskarten fertig. Liebster?" ertönte die milde, sehr provinziell gefärbte Stimme der Freiherrin Spadercreutz-Hellvik von der Bühne. Alles ging sehr, sehr gut. Die Gouvernante des Kur- direktors, die in der rechten Kulisse mit dem Stücke in der Hand stand als Retterin in der Roth, hörte nian eigentlich nur ein paar Mal. Die Oberstin war schön, wie ein Frühlingstag,„Baron Sternfeldt that sein Bestes, und auch die übrigen waren gut an ihrem Platz", wie ein Zeitung?- refcrent in dem Tageblatt von Seestadt sagte. Aber Frau Hellvik war einfach„ganz� brillant". Es war ein Zug und Leben in ihrem Spiel, das auch die Mitspieler mitriß. (Fortsetzung folgt.) SonttkngsplKttdLvci. Weh Dir, daß Du ein Prinzipal bist! Wenn mau sie in diesen Tagen reden hört, die Herren, die siir die„Familie und die linier- gebenen" zu sorgen haben, man mochte sie bedauern: und statt ihrer könnte man den einsamsten Burschen glücklich preisen, der „ohne Anhalt und ohne Anhang" durch die Welt streift. Wie sie jammern und seufzen und stöhnen! Als würden sie die iveihnächt- licheii Lasten nicht ertragen können, die ihnen aufgebürdet sind. Bis in ihre Träume hinein Iverden sie verfolgt: gierig offene Hände strecken sich ihnen entgegen; sie bitten, sie verlangen, sie sind nach Remunerationen lüstern. BcklagcnSwcrther Familienvater und Prinzipal! der Du über Dutzende von Köpfen gebietest! Man spricht ja so gerne von der sützen Seligkeit des Gebens. Aber hat der gewöhnliche Mensch eine Ahnung davon, wie viel Nachdenken, wie viel Sorgen, wie viel Pein das in Wirklichkeit dem verehrten Prinzipal und Gönner verursacht? Wozu hat solche respektable Person das ganze Jahr über geschafft, sich den Kopf zerbrochen, wie das Kapitälchen am besten nutzbar zu machen sei, wie man den Wohlstand der eigenen Fannlie hebe, wie die bezahlten„Arbeitnehmer", die leider immer anspruchsvoller werden, zu befriedigen seien? Hat man so höchst respektabel für den Zeitgeist, für den Fortschritt sich geopfert, so möchte man doch an der Jahreswende gemüthlich sei» Profitchen überzählen. Aber das ist die infame Härte. Mau kommt nicht zur Gcmiithlichkeit. Um wie viel besser hat's der, der Nichts und Niemand sein eigen nennt, als solch vielgeplagter Hanslvalter und Prinzipal, der einem Geschäft vorsteht und einem Industrie- nnternchinen oder auch seine Landarbeiter und sein Ingesinde„er- nähren" muß. So mn ht der Besitz Kummer auf allen Wegen, und glücklich ist der lustige Seifensieder der Fabel, der nichts hat als seine fröhliche Arbeit. Freilich wenn alle Unrast vorüber ist, und der hochmögende Prinzipal selber erst einige festliche Feierstunden genießt, da wird auch sein Gcmüth sich für eine Weile der rührsamen Sentimentalität öffnen. Seine eigene Gnädigkeit wird ihn erheben. Ueber seine eigene Milde wird sein Auge thränenfencht werden, und er wird zu sich sprechen: Ja, es ist eine Seligkeit um das Geben. Solche Momente machen manches nugcrcchte Leiden eines gesitteten Familien- bcsitzcrs und Prinzipals vergessen. Wie hat der Verehruugswürdige sich anstrengen müssen, um Geschenke auszuwählen, die nach etwas aussehen und doch nicht den Geldbeutel allzusehr angreifen? Die Dinge müssen nach etwas aussehen, sie müssen eher protzig-auffallend, als bescheiden-gedicgen sein. Das ist ein Prinzip, das bis zum Kindcrspiclzeng hinab angewandt wird. Hat der Prinzipal vollends noch irgendwie mit der Sitte zu rechnen, für seine„Untergebenen" eine besondere Weihnachtsvergütigung auszuwerfen, wie miiß er da bedacht sein, den rechten Takt zu treffen? Die Leute sollen das „gnädigst Gewährte" nicht gerade mit Bitterkeit empfangen, aber sie sollen auch durch allzu üppige Gaben nicht übennüthig und hoffärtig iverden. Zur wcihnächtlichen Zeit nahen überdies den viclgcplagten Prinzipalen noch andere. bange Stunden. Die Zeit der winterlichen Gesellschaften ist gekommen. Es heißt, den Glanz des Hauses nach außen hin aufrecht erhalten; und das wird von Jahr zu Jahr eine erhöhte gesellschaftliche Luxusstener. Reu-Berlin hat sich gründlich bemüht, den Ruf der Kärglichkeit, der auf dem geselligen Alt-Berliu lastete, zu zerstören. Die journalistischen Kollegen, die in den Sälen der„Gesellschaft von heute" geduldet sind und, weil sie geduldet sind, beileibe nicht bitter werden dürfen, wissen in hiesigen und auswärtigen Blättern Luxuswnnder genug zu erzählen. Es ist dabei möglich, daß die Armseligen, die an den reichen Tafeln mithalten dürfen, in übergroßer Dankbarkeit leicht Wunder scheu. Gewiß ist cS und beinahe als triviale Wahr- heit kann es gelten, daß das LuxuSraffinenient der Gesellschaft mit- unter lächerlich großspurige Formen annimmt. Das ist leicht be- greiflich, wenn man die treibenden Elemente in unserer luxuriösen Geselligkeit betrachtet.- Es sind die Eroberer von Parvenu-polis, die hier siir geselligen Luxus das Geld mit leichten Händen ausgeben. Wir kennen kein Patriziat im alten Sinn und wenn wir's hätten, es schlöffe sich von den modernen Er- obercrn, den Condottieri gleichsam de? Eiwcrbs- und Finanz- vcrkchrS wohl ebenso ab, wie gewisse offizielle Vertreter der Aristokratie oder der Behörden. Etwas vom Glückritterthum vom verwegenen Spiel bleibt dieser Gesellschaft anhaften, wie dein kriegerischen Condottieri seinerzeit auch. Will man seiner neuen Macht, die überdies leichter verrinnen kann, als alter Besitz, sich freuen, so muß man sie mit um so auffälligerem Glanz umgeben. Bei allen Beschreibungen der wundersamen LuxnSfeste dieser Gesellschaft, mochten sie auch von hündisch- dankbaren Leuten empfunden sein, wird man irgendlvo darauf kommen: Hier hat sich etwas grell zigemierhaft abgespielt. Ilnd zigeunerhaft ist mitunter in gewissen Kreisen die Leichtigkeit des Verkehrs. Damit ist gewiß nicht die Ungezwungenheit geistig belebter Kreise gemeint, sondern jene Ungezwungenheit, die nicht allzu spröde iiach Sauberkeit oder Unsaubcrkcit der kunterbunten GcsellschnftS- elemente fragt. Wo das glückliche Spiel adelt, wie soll's da anders sein? Ungleich gestimmte, in Erwerbs- und Gennßjagd überreiche Naturen werden auch die gesellige Sprache als verfeinertes Kultur- mittel nicht fördern. Wir haben darum keine Konversationstalente und keinen„Salon", wie ihn da» vormalige„ästhetische" Berlin kannte. In dem Leben aufgeregter Va bangoo-Spicler fehlt eS an Muse wie auch an Inhalt, um eine Konversation zu entwickeln, wie sie etwa im alten Berlin im Salon von Henriette Herz möglich war. Man verweilr nicht. Man springt von Einem zum Andern. Man hat die Geduld nicht, ansznführcn. Man scheut die Mühe, sich für irgendwen tiefer zu interessiren, und im Grunde ist jeder egoistisch nnt sich selber beschäftigt. Um diese Gesellschaft zn fesseln, darf man kein Schleiermacher und kein Schelling sein. Man darf vielmehr einem ausgemachten Hammel gleichen und nur eine Reihe von Anekdötchen herzuleiern verstehen und wird AllerweltSfreuud dieser Gesellschaft. Der Nachahmungstrieb hat es verschuldet, daß Gcselligkeitsmacher dieser Sorte auch in Kreisen Anklang fanden, deren Dasein ans ganz anderen Grundlagen sich aufbaut. Die geistige und gemüthliche Wärme wird spärlicher, das verhüllen die üppigen Tafclgenüsse nicht. Der Gast fühlt sich immer seltener als G a st f r e u n d. Schon daß er nicht frei kommen soll, daß man ihm gleichsam diktirt, wann er zu erscheinen habe, ist ihm ein widriger Zwang. Dazu ahnt er, daß er wildfremden Menschen präsentirt werden soll,— Abfütterungen sind kostbar, man thut sie in einem Auswasche» für ein Paar Dutzend Menschen billiger ab, als für einen intimen Zirkel. Und endlich wirkt es immer beklemmend, wenn man gleichsam die Anstrengungen der Gastgeber riecht, wenn man sieht, wie Wollen und Können sich doch nicht decken. Diese erzwungene, sorcirte Gastlichkeit macht so manchen Menschen zum ausgesprochenen Hasser all dieser geselligen Heuchelei, all dieser vielgepriesenen Familicngastlichkeit, bei der niemand recht aufzu« thauen vermag. Für die breite Bevölkerung wird der Begriff Familieugeselligkeit fast chimärisch. Quälen sich in„mittleren Ständen" schansotiiele, über ihre Kraft die modern-berlinische Familieugeselligkeit festzuhalte», den aller- meisten wird sie»awrgemäb unmöglich. Wie viele faule und>vie viele böse Witze wurdeirschon über die kleinen Hilfsmittel und Täuschungen gerissen, mit denen manche Kleinbürger die beengten Wohnungen als Gaststätten herrichten. Die Sache' ist aber garmcht so lächerlich, sie hat ihre verdammt ernste Seite auch. Waö soll man erst von der Gastlichkeit und dem Behagen im proletarischen Heim sagen? Die Berliner Sonntage sprechen da eine unheimlich sichere Sprache. An dem einzig freien Tag, an dem sich intimere Familien- geselligkeit entwickeln könnte, wird der krasse Beweis von Unbehagen, vom Nomadischen in uusererer Grobstadtbevölkerung erbracht. Ganze Familienzirkel vereinigen sich in einem WirthSh'auS; nicht selten mit Kind und Kegel. Wo es in solchen öffentlichen Lolalcn chalbwegs leidlich ist, da wird kein Stuhl unbesetzt bleiben. Drang- voll eingeengt sitzt man beieinander; und cS ist für jeden ruhigen Beobachter klar, daff Unbefriedigung, das Unbehagen innerhalb ihrer vier Wände die meisten in die.Kneipe getrieben hat. ES ist eine läppische Lüge, von entarteter Gcnuffgicr zu sprechen. Es werde» in der Regel keine orgiastischcn Gelage gefeiert. Es wird nicht getollt und gejubelt. jWer jungen Leuten einen Ausbruch erhöhter Lebenslust, wie sie dann und wann sich äußert, verdächte, das wäre ein trauriger Hanswurst.) Wkan drängt sich nicht von Tingeltangel zu Tingeltangel, um in einer Nacht den Wochenverdienst loszuschlagen, wie eS in den Berliner Schaucrberichten der Mucker gesagt zu werden Pflegt. Sondern meist ist es lediglicü das familiäre GesclligicitSbedurfniß, das nach einem vertrauten Gasthaus fuhrt, wo man ein paar friedliche Schoppen trinkt. Ist das nun wirklich„Genuffgier und materialistische Entartung?" Man sucht in der Kneipe auf, was man bis zu besser situirten kleinbürgerlichen .Kreise» daheim nicht mehr erreichen kann, will man sich nicht auf die eigenen Familienmitglieder beschränken: das bischen Geselligkeit.— - Alpha, Kleines Iseuilleton. — fl. Besuch vor Weihnachten. Ein alter Arbeiter, noch mit dem Wcrlstattschmutz auf dem Gesicht und den Kleidern, klettert die Hintertreppe hinauf. Bei jedem Absatz bleibt er stehen und ruht sich aus. Da die Gasflnimue auf das allcrkleinste Maff herab- geschraubt ist, kann er uicht die Namen an der Thüre lesen. So klopft er denn und erfährt, da ff er noch eine Treppe höher steigen muff. Vom Flur aus tritt er gleich in die Küche. Sie ist zugleich als Wöhnzimnier eingerichtet. Auch als ArbcitSrainn dient die Küche. Die ganze Familie, der Vater, die Mutter und die vier Kinder sitzen um den Tisch, der dicht an de» Herd gerückt ist. Der Schein der Kücheulampe leuchtet auf bunten, silbernen und goldenen Papier- schnitzeln auf. Die Kinder drängen sich um den allgekommenen Groß- vater:„Ich will»e Puppe!... Ich hie Lokomolivc!... Ich'ne Hängeschaukel!... Ich'u Geschichtsbuch!" „Ja, ja doch! Jh, geiviff! Alles sollt Ihr haben! Aber erst miifft Ihr mich setzen lassen!... Na, was macht Ihr denn da? Baumkettcn? So viel? Wollt Ihr denn damit handeln?" „Ja, was soll'» ivir machen? Das sind die letzten paar Kröte», die wir anlegen konnten... Ra, Mutter,»» mach man das Abend- brot. Vater ifft doch'» Happen mit?" „Ich, Gott bewahre I Ich habe schon gegessen I" „Aber Du kannst doch»och nicht zu Hause gewesen sein I" „Na... ich esse»ich! Ich habe keeucn Hunger!" „Jott, Du wecst doch, wie Vater ist!" meint die Frau.„Laff ihn doch! Es schmeckt ihm nich bei uns!" „Ja, ja!" lacht der Mann. „Ach. Unsinn!" sucht der Alte abzuwehren. Doch als die Kartoffeln und die Häringe auf dem Tisch stehen, bleibt er hart- näckig dabei, daff er keinen Hunger habe. Von den zwei.Häringen wollen sie ihm noch was abgeben! Sie sind wohl ganz und gar I... Nachher hilft er ihnen klebe», bis die Kiichenlampe ausgeht. Als ihn sein Schwiegersohn hinunterbringt und das Haus auf- schließt, sagt er:„Wie die Rangen arbeiten können! Aber sag' mal, hast Tu denn noch keine Aussicht?" „Ja, Vater, das ivccfft Du doch, bei mir is daS jede Weihnachten so. Da hecfft es: Hungerpoten sangen und vergnügt sein... ... Auch sie keucht die Treppen hinauf. Sie hat aber auch schwer an dem vielen, eigenen Fett zu tragen, wie ihr die hell- beschienenen Spiegel an den Trcppcuwändcn zeigen. Dan» klingelte sie. Als sie den mit Bildern und alterthümlichen Waffen geschmückten Flur durchschreitet, ertönen in dem einen Zinnncr freudig-ängstliche Schreie. Sie tritt ein. Die junge Frau versteckt etwa? unter den vielen Kiste», die auf dem Diva» liegen. Dann küssen sich die Frauen ab. Auch der Schwiegersohn in Uniform bekommt seinen Kuß. Das Dienstmädchen muff alle Lampen anzünden, und dann zeigt die Tochter einen ganzen Berg Stickereien: Pantoffeln für den Papa, Kissenbezüge u. s.>v. „Nein, bist Du fleißig! DaS hast Du alle? selbst gemacht?" „Ja, ich arbeite aber auch schon seit September daran!" „Feig' doch inal das da." „Rein, das darfst Du nicht sehen... Darf ich Dir ein bischen Abendbrot anbieten?" „Ach, D» weißt doch, ich darf»ichtS essen." „Na, bloS ein Scheibchcn Schinken und ein paar Eier— und.. Das Mädchen stellt alle? hin. Während die Alte ißt.. nur ei» Ei.. und ein bischen Schinken.. und e!» Ei.. und ein Stückchen Sülze.. und noch ei Ei.. jammert sie:„Ach, ich habe schon wieder solche Angst vor dem Fest! Da wird man überall ein- geladen. Da gicbt'S dann lauter schwere Sache». Und abschlagen kann man»ick't... Na. ich weiß ja, nach dem Fest muß ich wieder Karlsbader trinken. Ach Gott,»icm Magen, mein armer Magen I"— — Schneefall nnd Erdbeben vor 300 Jaliren. Der„Magd. Ztg." wird geschrieben: Vor drei Jahrhunderten, 1öS8, zeichnete sich die Mitte des Dezembers für unsere Gegenden, d. h. Mitteldeutsch- laiid und einen Theil Norddeutschlands, durch einen ungewöhnlich starke» Schneefall und durch ein kurz darauf folgendes Erdbeben aus. Eine in meiner Quelle uicht näher bezeichnete alte Chronik berichte! darüber:„Den 13. Deccmbris 1598 ist in einer einzigen Nacht im Lande Meissen, Sachseil und Thüringen so ein sehr großer, tiefer Schnee gefallen, daß morgendes Tages mancher zur Haus- thüre» nicht hat heraus kommen, auch ein jeder Fuhrmann aus seiner Herberge den gantzcn Tag nicht eine gantze oder halbe Mcil« wegS fahren können, ob er gleich scchSzchn oder mehr Pferde an den Wagen gespannt; es sind viel Menschen und Thiere im Schnee ersticket und verdorben." Die Chronik fährt dann fort:„Darauff ist den 16. Deccmbris frii vor 7 Uhr in vorgcmclden Landen, zu Magdeburg, zu Leipzig, zu Altenburg, Zwickau, Chemnitz, Frehbcrg, Meissen, Dresden?c. ein so grausames Erdbeben entstanden, daß auch etliche Thüren in Häusern, welche noch mit Anwürflein lalte Thür- bcfestigung) zugemacht, jdavon von selbst aufgesprungen und sich dic Häuscr sehr erschüttert." Von dem Erdbeben ivird auch anderwärts erzählt, z. B. in der Hallischen Chronik des D. G. Olearius(Halhgraphia, Leipzig 1697. S. 339) mit folgenden Worten:„<1598) den 16. Dccembris früh Morgens ein Viertel auff sieben Uhr, ist zu Hall(Halle a. d. Saale) mit Blitzen, ein groß Erdbeben gewesen, welches die Leute also bcivegct, daß etliche, so noch in Betten schlaffend gelegen, davon auffgewacht, und die aufs dein Felde. nmbgcfallen, wie solches im Kirchen- Register der Verstorbenen und Begrabenen(zur L. Frauen) anffgezeichnet und zu lesen A. 1598."— Literarisches. -il- Wilhelm W i n tz e r: D i e natürliche Sitten- lehre Ludwig F e n e r b a ch's. Im Zusanmienhang dargestellt und beurtheilt. Leipzig, bei Fock, 1893.— Eine Arbeit, die sich durch keinerlei besondere Vorzüge von den allerwürts üblichen Doktor- Dissertationen unterscheidet. Erwähnenswerth ist nur der „anerkennende" Ton, in dem von Fcuerbach gesprocken wird — um wie viel fühlt sich Herr Doktor Wintzcr über den armen Feuerbach erhaben! Daß der gelehrte Herr Feuer- bach's Leuannng des Jenseits und seiner Bekänipfnug christlichen Glaubens im Namen der Ethik keine Berechtigung zu- gesteht, kann man schließlich noch mit dem Mantel der Wissenschast» lichen Gründlichkeit drapireu; rein komisch ist aber die Aufregung über den„Zynismus" Fcucrbach's, der noch 1868— man denke, noch 1868— eine defpektirliche Aeußerung über daS Königthum machte. Schon deshalb steht Herr Wiutzer weit höher: es scheint nicht, alö ob er je„zynisch" iverden könnte.— Völkerkunde. — DaS Tobten reich der MarquesaS-Jnsulaner. In der Gesellscbaft für Erdkunde hielt Prof. Karl von den Steinen einen Vortrag über die Eingeborenen auf den Marquesas-Jnseln, in dem er, nach einem Bericht der„Voss. Ztg.", u. a. folgendes ans- führte: Für die Seelen aller Bewohner der MarquesaS führt der Weg in das Todtcnreich über Kiukiu, das Westkap von Hivaove. Am Fuße der hohen, steilen Klippe liegl, von der Brandung um- tost, ein Fels, der den Eingang in die Unterwelt verschließt. Er öffnet sich oder schiebt sich bei Seite, wenn die Seelen von oben auf ihn herab springen. Die Seelen kommen über die hohen Bergkämmc herbeigezogen,>vo man sie zuweilen in ihren weißen Tapagewändern sehen kann. Sie vcnncidcn die Thäler und Schluchten. wo sie im Gesträuch hängen bleiben würde», sind dünn und schwach wie Schatten und Spiegelungen und verschwinden, wenn man sie anschaut. Unterwegs erst kräftigen- sie sich durch kalte Bäder in den Wasserlachen der Berge und durch Prügeleien unter sich. Bei früher Morgendämmerung kommen sie in langem Zuge auf die Höhe von Kiukiu. In die Hände klatschend ruft die Seele die Thürwächter an und stürzt sich hinab. Das Meer fluthct zurück; der Felsen öffnet sich und schließt sich dann wieder. Es giebt ein oberes Hawaii, das die Seele in zehn Tagen erreicht und in zwanzig weiteren durch- wandert, und ein unteres, nach dem sie zehn Tage mehr gebraucht. Die Schrecken dieser Reise legen es den Hinterbliebenen iiahc, es an reichen Spenden für die Tobten nicht fehlen zu lassen, um die verschiedenen Wächter des WegeS günstig zu stimmen. Am Ende deS Weges nach dem untern Hawaii drohen zwei Felsen, deren Hüter sie auseinander- und wieder zusammenschieben, um die Seelen zu zerschmettern, die ihnen nichts geben. Die beiden nächste» Wächter sind mit Netzen versehen, in denen sie die Seelen als schmackhaften Fisch fangen, wenn die Kawa ausbleibt. Die folgenden beiden schwingen anscheinend friedlich Scilchcn, erdrosseln aber den, der kein Schweinefleisch oder keine Kawa für sie hat. Wer glücklich weiter wandert, trifft noch eine Schaar von Wächtern, die alle brennende Fackeln schwingen und schreien: Gebt her! Gebt her! Kein Schwein, kein Durchlaß! Endliche ist der Zu- gang frei zu Tonofiti, dein Herrscher der Unterwelt. Die Seele ruft seinen Namen; er kommt herbei und sagt: 9Jm-»«her, nur näher 1 Ihm cucH der Freund(die gnnze Geschichte spielt sich in der Form eines Frcmidesbesnches ob) sein letztes Schweinefleisch und andere fiir ihn mitgeführtc Geschenke. Als der Forscher den Leuten, die ihm das erzählte», entgegenhielt, das; die dem Todten mitgegedcuen Dinge doch bei dem Skelette, allen ficht- bar, liegen bleiben und also nicht nach Hawaii gebracht sein könnten, erhielt er die Antwort, die Seelen nehmen mir die Bilder der Kost- barkciten mit: in Hawaii aber werden diese Bilder wieder körperlich. Es sei ein gutes Land; es gebe dort Taro, Brotsrucht, Kokos u. s. w., auch Häuser. Denn alle diese Dinge seien ursprünglich von Hawaii auf die Erde gebracht worden... Doch sind auch andere, trübere Anschauungen über Hawaii verbreitet. Danach hausen die Seelen dort m Felslöchcrn, Korallen, spitzigen, messerscharfen Muscheln. Die auf den, tiefsten Grunde werden zu schildkröten- artigen Wesen, sind platt, haben keine Beine mehr, bewegen sich kaum von der Stelle und komnien nie mehr zun, Vorschein. Man erkennt deutlich den Kampf zweier Weltanschauungen. Die Alten setzen an das Ende der Reise das schöne Land der Vorfahren. Die Jüngeren halten sich an die nächste Erfahrung und fragen miß- niuthig: Was soll es denn Gutes auf dem Grunde des Meeres geben? Nicht nach Hawaii kommen die Seelen der Priester, der Tana und Moa. Sie gehen zum Himmel. Stirbt ein Taua, so er- hebt sich die Seele in Gestalt eines großen Nachtschmctterlings und nimmt an Größe zu, bis sie als großer Bogel durch den Himmel fliegt.— Volkskunde. d. Die Heilkraft der Königskerze in� Volks- glauben. Wer hätte sich nicht schon der prächtigen, kerzengerade aufgeschossenen Pflanze mit schönen großen gelben Blüthen im Hoch- sommer erfreut, die gerade jene Plätze sich auszusuchen scheint, die von anderen Pflanzen gemieden werden und die ohne diese eine Zierde einen öden Anblick gewähren würden. Früher hieß diese Pflanze.Himmelbrand". Durch einen Gedankcnzirkcl bewogen hielt das Volk früher die Blume Himmelbrand für ein treffliches Mittel gegen Brandwunden, und gegen innere Entzündungen findet noch heute' der„Wollkrautthee" volksthümliche Anwendung. In neuerer Zeit hat Pfarrer Kneipp die Königskerze in dem Kreise seiner Anhänger wieder zu Ansehen gebracht und empfiehlt sie in Gestalt von Thce oder Tinkwr als wichtige Arznei. Der Thce gilt als Mittel gegen Katarrh und Rheumatismus, die in Milch ge- tauchten Blätter werden als Umschläge auf schmerzhafte Hämorrhoiden gebraucht. Dr.Qninlon in Dublin hat, wie Dr. Kronfeld in der„Wiener Medizinischen Wochenschrift" erwähnt, die Blätter und Blüthen oder die ersteren allein, in Milch getaucht, sowohl zur Erleichterung der Husteiianfälle von Schwindsüchtigen als zur Milderung schwächender Durchfälle empfohlen. Das aus den Blüthen bereitete Oel kann als Mallein-Oel gegen Gefichtsschmerzen und andere Krankheiten aus den homöopathischen Apotheken bezogen werden. Die Königskerze ist vom Volksmundc mit besonderen Sagen umgeben, die zum theil mit ihrer Heilkraft in Verbindung stehen. Die Blüthen find von kurzer Lebensdauer, so daß man früh morgens immer eine ganze Zahl abgefallener Kelche rnnd um den hohen Stengel auf dem Boden liegend sehen kann. Damit hat es folgende Bewandtniß: Nachts in, Mondenscheine tanzen die Elfen un, die hohe Kerze in lusttgem Reigen wie bei den Menschen Männlein und Weiblein um den Maicnbaun». Bei ihren, Tanze stoßen sie häufig gegen den Schaft der Pflanze oder schlagen gar muthwillig mit ihren zierlichen Stäben nach den Blüthen, so daß diese nieder- fallen. Wegen dieser Verbindung mit dem Gcisterreiche heißt die Königskerze auch„Unholdenlerze". In Ostpreußen benutzen die jungen Mädchen die Königskerze oft als Orakelblume, sie hängen einen ihrer grünen Stengel über das Bett, und je länger er frisch und grün bleibt, desto länger wird das Mädchen leben. Auch in den? Kranze aus 77 verschiedenen zauberkräftigen Kräutern, den die Mädchen bei der Einsegnung tragen, nimmt die Königskerze den Ehrenplatz in der Mitte ein.— Gesundheitspflege. — lieber den Einfluß des städtischen Lebens auf die Volksgesundheit theilt Kruse im„Centraiblatt für die allgemeine Gesundheitspflege" eine Reihe von Sätzen mit,. welche der Erwähnung Werth sind. Im Säuglings- und Kindes- alter(bis zum zehnten Jahre) ist die Sterblichkeit in den Städten zwar durchschnittlich stärker als auf dem Lande, doch treten die Unterschiede zwisckicn Stadt und Land gegenüber landschaftlichen (regionären) Einflüssen weit zurück. Der Osten Preußens ist z.' B. dein Westen gegenüber in, Nachtheil. Das städtische Leben erhöht die Sterblichkeit der erwachsenen Männer(etwa von 25 Jahren) un, ein bedeutendes. In, Osten Preußens ist die ländliche Bevölkerung gegenüber der des Westens in, Borthcil, die städtische in, Nachtheil. Weitaus an, höchsten ist die Sterblichkeit der Männer in den Bezirken der Eisen- und Kohlenindustric. Die Stcrb- lichkeit der Frauen ist wenig verschieden in Stadt und Land, je nach den, Alter ist sie bald hier, bald dort höher. Harte landivirthschaft- lichx Arbeiten, z. B. in den Wcinbaugegenden, vermehren die Sterbe- gefahr. Landschaftliche Einflüsse, insbesondere die Häufigkeit der Tuberkulose, haben erhebliche Bedeutung für die Höhe der Sterblichkeit. Die Frauen des Ostens sind günstiger gestellt, als die des Westens. Die Stcrblichkcitsvcrhältnisse haben sich in den letzten IJahrzehnten zwar gebessert, der Gegensatz zwischen Stadt und Land besteht aber „»vermindert weiter. Die eheliche Fruchtbarkeit ist in den Städten geringer, als auf den, Lande. Doch fallen die landwirthschaftlichen Verschiedenheiten daneben stark ins Gewicht. Von einer körperlichen Entartung der städti'chen Bevölkerung kann nicht gesprochen werden. An manchen Orten treten allerdings gewisse Unterschiede in der körper- lichcn Beschaffenheit der wehrpflichtigen Jugend, die in de», Beruf begründet sind, zu Ungunsten der Städte hervor.— Astronomisches. — Die Manora-Stern ivarte in Lussin piccolo (Oesterreich) ist in ihrem Fortbestande gefährdet. Eine größere Anzahl von Astronomen erlassen daher einen Aufruf, das Unter- nehmen dadurch zu unterstützen, daß man die von, Dezember ab von der Manora-Sternwarte herausgegebene„Astronomische Rundschau" abonnirt. Der Bezugspreis bettägt für den Jahr- tang von 10 Heften(400 Seiten und über 100 Illustrationen) 12 M. )ie Zeitschrist wird zur Hälfte die Beobachttingen auf der Manora- Sternwarte, zur Hälfte eine Rundschau über alle Fortschritte der Astronomie enthalten. Leiter des Unternehmens ist der auch unseren Lesern schon bekannte Direktor der Sternwarte Leo Brenner.—> Humoristisches. — Der Pantoffelheld. Er:.... Da hatten'? halt die a l t e n D e u t s ch e n gut. D i e müssen sehr g u t n, ii t h i g e und liebe Frauen gehabt baben!" Sie:„Woraus willst Du denn das schließen?" Er:„Na, die durften doch immer„noch eins trinken."— — Eine aufmerksame Z n h ö r e r i n. Er:„... Auf diese Gemeinheit war ich einen Moment sprachlos. Ich maß de:, unverschämten Menschen schweigend von oben bis unten..." Sie:„Nun, und wie lang war er?"— — Leichte Aufgabe. S ch n l i n s p e k t o r:„... Also Du, Maier, last' hören, was Du aus der„Geschichte" Ivcißt. Er- zähle mir ettvas aus dem trojanischen Krieg!" Schüler(in Verlegenheit):„O— so schwere Sachen hat mich der Herr Lehrer gar nie gefragt I Ich Hab' immer nur ganz leichte Sachen erzählen müssen!" Inspektor(ungeduldig):„Na, was für leichte Sachen waren das denn?" Schüler:„Zum Beispiel: die Erschaffung der Welt!"—(„Flieg. BI.") Vermischtes vom Tage. t. Der Fremdenverkehr in den europäischen Großstädten erfährt in der„Revue Scientifique" eine kurze Besprechung, aus der alS erste Thatsachc hervorgeht, daß Berlin weitaus die st ä r k st e Zunahme d e s F r e m d e n z n f l n s s e s aufzuweisen hat. 1884 nah», die deutsche Hauptstadt 203 000 Frcnidc auf, 1807 fast die doppelte Zahl, nämlich 507 000, genau gerechnet hat der Berliner Fremdenverkehr also in dreizehn Jahren un, 92 pCt. zugenommen. Vergleichen wir damit die Steigerung des Fremdenverkehrs in Paris und in Wien, so zeigt sich, daß die französische Hauptstadt die geringste Zunahme(210000) in dem jährlichen Fremdenverkehr erhalten hat, in Wien stieg die Zahl um 280 000. Immerhin nahm 1897 Paris noch Iveitans die größte Zahl der Fremden von allen europäischen Städten auf 1890 000), Berlin 507 000 und Wien 304 000. Seit 1884 einpfing die französische Hauptstadt 8'/z Millionen, die deutsche 4'/s Millionen und die österreichische 3 Millionen Fremde.— — Zum zweiten Malst, diesem Jahre preisgekrönt wurde Wilhelm B e r g e r; das erste Mal in Königsberg für ein Chorwerk„Meine Göttin", das zweite Mal bei einer Konkurrenz, die das Bcethovenhaus in Bonn für Kammermusik eröffnet hatte, mit einem Streichquintett. Beide Male erhielt er 2000 M.— — In der Trunkenheit hat ein Mann in Heidersdorf bei Marllissa seinen ISjährigcn Sohn so schwer mißhandelt, daß er starb.— — Für die PassionSspiele in O b e r a n, m e r g a u soll eine große eiserne Zuschauerhalle erbaut werden. Der Bau wird aus massivem Material hergestellt, da man beabfichtigt, ihn nicht wie bisher wieder abzubrechen, sondern ständig stehen zu lasse». Die Halle wird von gewalttgcn eisernen Bogen halbkreisförmig über- spannt, mit einer lichten Breite von 43 Metern. Der Zuschauerraum wird etwa 5000 Personen fassen.— — In L ö d e r u p(Südschweden) überfiel ein Mann in der Nacht ein junges Mädchen in dessen Wohnung und ermordete es dann. Um sein Verbrechen zu verbergen.'übergoß er Boden und Treppe des Hauses mit Petroleum und zündete es an. Das Haus brannte völlig nieder.— — Der Stahldampfer„ E i r a", der von England nach Krön- st a d t unterwegs war, ist mit der ganzen, ans 2 5 Mann bestehen- den Besatzung untergegangen.— — Die diesjährige A! rüffelernte ist ganz mißrath en. Das Pfund kostet gegenwärtig 13—10 M.— — Der Dampfer„ B e l g i c a", an deffen Bord sich die belgisch-antarktische Expedition befindet, ist in der Nähe des GrahamlnndeS von, Eise eingeschlossen worden. Verantwortlicher Redakteur: Zlngnst Jacobetz in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.