Interhaltimgsbtali des Vorwärts Nr. 243. Mitttvoch. ben 14. Dezember. 1898 (Nachdruck verboten.) Die VKdvveise dee�Anrilie Tzellvik. Von Alfred a f Hede n st je r na. „Er ist furchtbar gcmiithlich," gab Anna zu,„aber fein ist er nicht. Besinnst Du Dich, als er im Frühling bei uns in farbigem, ungebügeltem Hemde nur nnt einem 5tragen zum Anknöpfeln Mittag aß?" „Pfui, wie abscheulich Du bist, Anna I Den Kragen hatte er von Papa geliehen, weil Ajax ihn beim Spielen in den Hals gebissen hatte." Schließlich einigten sie sich dahin, daß der Thicrarzt Eduard Langberg ein gemüthlicher, netter, lustiger Kerl wäre, der zweifellos ein sehr gutes Herz hätte, das er offenbar un- getheilt Fräulein Gerda geschenkt hätte. Und dann schliefen sie wie zwei plaudernde Kinder ein, bevor Gerda daran gedacht hatte, auf ihren Divan zurück- zukchrew und so fand Mama Hcllvik sie am Morgen um acht Uhr, als sie in Pantoffeln, Negligcejacke und Unterrock, eifrig ihr Haar kämmend, das Zimmer betrat. Leise legte sie den Kamm auf einen Stuhl, faltete die Hürlde und betrachtete die Mädchen, die mit den weißen, runden Armen dalagen, die fcingeformten Gestalten dicht an- einander geschmiegt, so nahe mit den schönen, rosigen Ge- sichtern, daß das Haar beider wie eine goldene Glorie sie umfloß. Mama Hcllvik drückte ihren dicken Zeigefinger in die Augen und wischte und wischte. Tann ging sie leise hinaus und murmelte: „Gerade wie damals, als sie noch kleine Kinder waren. Meine lieben, lieben Mädchen! Gott weiß, ob der liebens- würdige Baron oder der merkwürdige gewandte Herr Nilsson gut genug für sie sind." An den Pastor und den Thierarzt dachte Mama Hellvik nicht im Entferntesten. Als aber am nächsten Mittag das Dampfboot von See- stadt ankam, und ein großer Thcil der Kurgesellschaft unten am Hafen war, um die Ankommenden zu sehen, standen plötzlich— diese Beiden mit sonnenverbrannten Wangen, leuchtenden Augen und demüthig gekrümmten Rücken vor ihr, ruid da sie die ersten von zu Hause waren, die Mama Hellvik seit Wochen gesehen hatte, schloß sie sie auf einmal an ihr ehr- lichcs Herz und stellte sie dann der ganzen Gesellschaft vor: „Herr Pastor Fridolin und Herr Doktor Langberg. Herr Doktor Langbcrg und Herr Pastor Fridolin." „Sehr angenehm, die Bekanntschaft eines Herrn Kollegen zu niacheu, obgleich ich mich nicht entsinne, Ihren Nmnen... hm... hoffe in jedem Fall, Herr Doktor, daß Sie nach dem, was Sic hier zu sehen bekommen, sich veranlaßt sehen werden, einige Ihrer Patienten herzuschicken," leitete der Unterarzt von Gesundbrunn das Gespräch ein. Langberg, ein gutnmthiger Niese von prächtigem, echt nordischem Aussehen, dessen ganze jugendfrische Persönlichkeit eine Fülle von Lebensfreude vcrrieth, schüttelte und drückte die Hand seines Kollegen so, daß dieser beinahe aufschrie. „Geht nicht gut, Herr Doktor! Meine Patienten be- stimmen nicht selbst über ihre Reisen. „So, so... Hospitalarzt also... Ja, das ist ein interessantes Arbeitsfeld. Bcxiö oder Christinenhafen? Nein...?" „Keins von beiden! Uebcrhaupt nichts derartiges." „Aber, dann verstehe ich nicht... Warum sollten denn Ihre Patienten nicht selbst über ihre Reisen bestimmen?" „Ja, eigentlich ist es hart, und vielleicht kaum gerecht; aber wahrscheinlichenveisc konimt es Wohl daher, daß sie... auf vier Beinen gehen!" Der Unterarzt lachte, weil die Umherstehenden lachten, Wurde aber zurückhaltender und weniger kollegial. Die ganze Gesellschaft begab sich allrnälig in den Kurpark. Gerda's Wangen prangten in lebhaftem, hochrothem Glanz, und sie antwortete furchtbar zerstreut auf alles, was eine neue Freundin ihr in die Ohren plauderte. Vor ihr gingen ja Papa und Onkel Gustav mit i h m. Mit welcher Begierde sog sie nicht jedes Wort des jungen Mannes ein. An und für sich waren diese eigentlich nicht so besonders merkwürdig: „Verdammte Hügel... verderben die Knie und Hufe der Pferde... reiste daher lieber mit dem Boot... bleibe nur bis niorgcn... hatte in Seestand zu thun und konnte es daher nicht unterlassen..." Onkel Gustav blinzelte verschmitzt zu diesen Erklärungen über daS plötzliche Erscheinen der beiden jungen Männer an einem Orte, der ohne die Anwesenheit der Hcllvik'schen Mädchen ihnen vielleicht für immer eine terra Incognita geblieben wäre, und rief den Pastor Fridolin, der ein Stück vorausging: „Aber wie in aller W... W... Welt geht es nun, Herr P... Pastor, wenn beide Herren f... f... fort sind, daheim mit der zwei- und vierb... beinigen Heerde?" Fridolin hörte und sah nichts; diese kleine Gestalt in schwarzer Kleidung und nüt schwarzem, wohlgebürstetem Haar und einem wahren Johannesgesicht, ging, das Herz von Hoff- nung erfüllt, an Anna's Seite dahin. Aber Langberg erfaßte die Bemerkung, lachte, sah treu- herzig und würdig den Onkel Gustav an und sagte: „Für die letztere ist die Weide so gut wie eine Brunnen- kur, und von der ersteren ist ein gut Theil gerade jetzt auf der Reise..." „D... Danke, mein junger Freund," sagte Onkel Gustav. Pastor Fridolin setzte seine Worte sehr behutsam und sprach nüt viel Wärme zu Anna Hellvik. Es kam auch etwas von Sehnsucht hervor, und daß es wäre, als wenn in Hultuna die Sonne für Wochen und Monate untergegangen wäre, stit die Familie Hellvik ihre Sommcrreise angetreten habe. Anna hörte zerstreut zu und suchte dem Gespräch eine allgemeine Richtung zu geben, indem sie den Pastor fragte, wie ihm hier die Gegend gefiele und das, was er vom Leben in Gcsundbrunn so flüchtig sehen könnte. Er reckte seine kleine, dünne Gestalt in die Höhe, warf sich indie Brust. stellte sich fast auf die Zehenspitzen und ant- wartete mit einem flammenden Blick auf seine Begleiterin: „O, das ist hier eine herrliche Gottesnatur und ein un- gewöhnlich schöner Platz, den der Schöpfer überreich mit seinen Gaben bedacht hat; gerade ein passender Rahmen für die, die man so innig... die man... die man so hoch schätzt. Hier ist es so schön, daß es förmlich in einem jubelt: „Wenn so viel Schönheit ich in jedem Werke Der Schöpfung mid des Lebens stcurnend merke, Wie schön muß dann erst sein die Quelle Der Schöpferkraft, die ewig helle 1" „Ps... Psalmenbücher haben wir mit, drei Stück sog�r", bemerkte Onkel Gustav, der gerade vorbeiging, boshaft. Der Thierarzt und Gerda waren verschwunden, niemand wußte, wo sie geblieben waren oder wann man sie eigentlich aus dem Gesichte verloren hatte. Aber ein Vogelpaar, das sein Nest unter einem Busch oben am Berge hatte, guckte er- staunt durch das Laub auf ein paar junge Menschen hinab. die auf dem Moose saßen und gerade so zwitscherten, wie sie selbst in den Frühlingstagen, wenn das Nest Halm für Halm gebaut wird. Er sagte, er wüßte, wie arm und gering er wäre, wie dürftig er ihr im Vergleich mit all' den jungen Männern er- scheinen müßte, die Fräulein Gerda hier zu sehen bekäme, und wie es ihm wehthun müßte, sie inmitten all' dieser zu sehen; aber dennoch hätte er es nicht unterlassen können, hierher zu reisen, sein Herz mochte noch so schmerzen. Sie erwiderte, sein Herz brauchte hier durchaus nicht zu schmerzen. Es wäre hier ganz herrliche, gesunde Luft, und sie hätte es noch niemals so schön geftinden, wie gerade heute. Sie hätten sehr viel„furchtbar nette" Menschen kennen gelernt: aber die Damen gefielen ihr doch meist am besten. Die Herren wären ja auch ganz nett, aber sie hätte auch anderwärts welche getroffen, die ihr ganz gut gefielen... vielleicht sogar noch besser. Ob es hier viele Feste und Vergnügungen gäbe? Ach ja. aber man würde dessen bald müde. Heute zum Beispiel hätte sie gern auf der großen Veranda in Hnltuna gesessen; und wäre er dann dorthin gekommen, wie es seine Gewohnheit war, am 2. und 16. in jedem Monat, dann — L' hätte sie ihn zn Himbeersaft eingeladen und mit ihm ein Plauderstündchen geyalten, und das wäre fast ebenso amüsant gewesen, wie hier die Vergnüguirgen, ja fast ebenso!"--- Die beiden Fremden dinirten am Tisch der Familie Hellvik. �der Pastor wieder neu gebürstet und im feinen, schwarzen Priesterrock, der Thierarzt im Jackct und de schönsten, farbenreichen Schlipps, den man in den letzten sieben Jahren in Gesnndbrunn gesehen hatte. Ter Pastor that sein möglichstes, eine Unterhaltung zu stände zu bringen, aber Fräulein Anna zog einen nach dem andern ins Gespräch, selbst den kleinen Karl. Der Thierarzt schwieg, atz und trank ununterbrochen, sah aber nicht so aus, als wenn er sich langweilte, wie er da mit klopfendem Herzen, und rothen, sonnen- vcrbranuten Wangen satz. Beim Dessert dankte der Pastor mit leiser Stimme, um nicht an anderen Tischen gehört zu werden, für den freundlichen Empfang und sprach von Bangen und Wiedersehen, von Hoffen und Fürchten und von einem Frühling und Sommer, die über Hultuna und dessen Nach- baren beim Beginn des Herbstes hereinbrechen würden, wenn nur Hriltuna's schönste Blumen wieder dorthin umgesetzt wären. Als er geendet hatte, zog Doktor Laagberg seine Ser- victte unter dem Kinn vor, legte sie zusammengeballt auf den Tisch, erhob sein Glas gegen die Wirthin und sagte in ge- rührtem, aber kräftigem Ton, der über den ganzen Rc- staurationsbalkon vernehmbar war: „Ja. verlassen Sie sich ans mich, Frail Hellvik, daß ich getreulich nach dem Klein- und Großvieh sehen werde! Prosit und Dank!" Der Abend verlief für einige sehr angenehm, und am folgenden Tage reisten die beiden Herren ab. Die Harmonie zwischen ihnen beiden war aber nicht mehr gam so' groß, wie bei der Herfahrt. Der Thierarzt wollte zum Mittag auf dem Boot Burgunder trinken, der Pastor Limonade. Der Thierarzt stand ans Deck, schaute mit schwärmerischem Blick in die blauende Ferne hinaus und summte ein Volkslied vor sich hin. Der Pastor aber nahm ein altes Buch von Bogatzky mit dem Titel„Selige Scham" vor und schloß sich in seiner Koje ein. Als der Pfarrer heim kam. sollte er ein Mädchen ins Gebet nehmen, das über das sechste Gebot zir Fall gekommen war. Sie kanr bald darauf mit rothen Augen, ganz gc- brochen und verweint von ihm heraus. Als aber Langberg nach Hause kam, drehte er seine alte Haushälterin>vie einen Kreisel herum, so daß ihr fast der Ätheni verging, gab seinem„Paul", der ihn von der Bahn abgeholt hatte, die Hälfte des Zuckers von dem auf der Veranda wartenden Kaffectablett und sagte: „Stine, Sie können sich gar nicht denken, wie herrlich es in Gesnndbrunn ist!" V. In diesem Jahre waren viele feine und vornehme Leute kn Gesundbrunn, Leute, die so vornehm waren, daß selbst die schöne Oberstin Bärfeldt ganz belebt werden konnte von einem Spaziergang oder einem Gespräch mit ihnen. Unter andern war da einer der Parteileiter aus dem schwedischen Reichstage, der schon viele schlvierige Fragen gelöst hatte, verschiedene kitzliche Situationen geklärt und ständig eine schwere Verantwortung, eine drückende politische Last auf sich ruhen fühlte, ohne daß sie im geringsten vcr- mocht hätte, seine ruhige und selbstbewußte Persönlichkeit niederzudrücken, die ein ansehnliches Staatsamt in Aussicht hatte, wenn die polittschcn Stoßwinde allzu stark würden. Und dann gab es da Magnaten und Großgrundbesitzer, zwei ehemalige Minister mit mehreren anderen Notabilitäten, darunter einen Bischof. Man war also sehr gewöhnt an den Anblick der Großen der Erde, aber wer wird sich trotzdem wundern, daß eine mächtige Woge jubelnder Ehrfurcht und Liebe, vermischt mit Verwirrung und allgemeiner Unruhe die tausendachthundert Seelen durchzog, von denen vierhundertundfünfzig„erster Klasse" waren, als Kurdircktor Klodz eines schönen Morgens die Gesellschaft an der Thüre des großen Salons feierlich, wie ein rnorgenländischer Gott, mit folgender Neuigkeit auf seinen erregt zitternden Lippen empfing: Meine Herrschaften, ich habe Ihnen eine wichtige Mit- theilung zu machen: Seine Majestät der König kommt am Tonnerstag Nachmittag um sechs Uhr von Seestadt hierher I" Selbst der Oberst Bärfeldt, der unter höchstdesselben Kronprinzenzeit sein dienstthuendcr Adjutant gewesen war, ver- mochte bei der Mittheilung der Neuigkeit nicht völlig seine Fassung zu bewahren. Nur der große Politiker, der bereits 0— „seit acht Tagen eine Ahnung von dein bevorstehenden Er- eigniß gehabt hatte", und zwei andere kleinere Polittci, zwei energische Anhänger der Oppositton, blieben einigermaßen kaltblütig. Die Männer des Vergnügungskomitee's waren sogleich mit sich darüber im Klaren, daß die Augen ganz Europa's auf sie gerichtet wären, und ihre schon gekrümmten Rücken wurden von kalten Schauern überlaufen, bald aus Wollust im Gefühle ihrer Bedeutung, bald infolge völliger Rathlosigkeit. Frau Hellvik faltete die Hände und sagte zu Anna: „Herr Gott, wir sind ja alle Menschen, aber er ist doch der Landesvater! Kommt, Kinder, setzen wir uns! Mir wird ganz schwach in den Beinen!" Die Badefrauen standen in ihrem Korridor mit neidischen Blicken und flüsterten:„Nun möchten wir nur wissen, ob er bei der Stine baden wird, sie hat die beste Zelle... Soll er auch ftottirt werden, wie die andern Leute?... Der Doktor weist ihn sicher nach Nr. 7, denn er hat's immer mit der Lotte gehalten." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ein nrnrv ntechnnipchev LVebPtnhk. Es handelt sich um Scaton's automatischen Webstuhl. Nach den Posauneiistößen der Reklame sollte es ein Wunderstuhl sein, der alle bisher dagewesenen Wunderstühle noch übettrifft. Der Erfinder, ein Amerikaner ans San Francisco, hatte das Ding in Chemnitz in einem Saale der höheren Webeschnle aufgestellt und Jntcresienten und Käufer des Patentes znr Besichtigung eingeladen. Trotzdem Eng- land dem Erfinder schon grotzattige Angebote gemacht haben sollte, hatte er sich doch„ans Hochachtung vor der deutschen Industrie" entschlossen, seine Erfindung zuerst unseren Fabrikanten zum Kauf anzubieten. Daß englische und amerikanische Kapitalisten für voraussichtlich rentirende Unternehmen weit größere Kapitalien riskiren, als die deutschen, wird dem Herrn jedenfalls bekannt ge- Wesen sein, es werden also wohl andere Gründe als Hochachtung vor unserer Industrie ihn bewogen haben, zuerst in Deutschland sein Heil zu versuchen. Den Arbeitern kann das auch schließlich ziemlich gleichgiltig sein, sie haben nur nöthig, sich darum zu kümmern, so weit es ihre Interessen berührt. Die Seite der Frage, ob durch die Einführung des Stuhles eine stärkere Proletarisirung eintreten könnte, bietet zur Beunruhigung keine Veranlassung. Die Angabc, daß ein Arbeiter bei Anbringung der patentirten Vorrichtung am Stuhl eine Anzahl von 12— 20 und inehr Stühle überwachen könne, ist etwas amerikanisch: wenn wir alle mechanischen Stühle mit Kett- und Schußfadcnwächtcrn ausrüsten wollen, außerdem die besten Materialien verarbeiten, so werden wir in der Produktion gar nicht viel hinter dem Seatonstuhl zurückbleiben, ganz besonders noch, wenn man in betracht zieht, daß dieser Stuhl doch kaum auf die Schnelligkeit unserer glatten Stühle wird gebracht Ivcrdcn können, da sonst die vielen' in Wechselbeziehung' stehenden komplizirtcu Mechanismen nicht mehr sicher funktionire» können, eine Mehrleistung also durch verdorbene Waare paralysitt werden würde. Der Vorgang an dem Stuhl ist kurz folgender: Ein gewöhnlicher Webstuhl wird in einen Seatonstuhl dadurch umgewandelt, daß man die Lade herausnimmt, und durch eine nene, mit der Erfindung ausgestattete ersetzt. Diese bietet nur an den Schützenkästen eine Veränderung, indem die Vorrichtungen zum Oeffncn der Backen eines Greiferschützens angeordnet sind. Greifer- oder Maulschützen nennt man solche, die in ihrem Hohlkörper(Bauch) keine Spule haben, von der sich der Schuß abzieht, sondern von einem außer- halb der Lade aufgestellten Magazin(Kops oder Rolle) einen Faden erfassen und hinter sich her durch das Fach ziehen. Man kannte bis jetzt solche Schützen, welche vermittelst eines abstehenden Knopfes den ihnen gereichten Schußfaden erfaßten und andere mit Klemmfedern, zwischen welchen der Schuß gehalten wurde. Der neue, ebenfalls zum Patent angemeldete Greiser- schützen hat an jeder Spitze zwei durch Federzug zusammengepreßte Schenkel, welche, am äußersten Ende des Kastens angekommen, sich öffnen und den senkrecht gehaltenen Schußfaden erfassen, sich dann wieder schließen und den Faden bis drüben zur Leiste schleppen. Hier öffnen sich die Backen und geben den Schuß frei zun: Laden- anschlag, während die andere jetzt nach den« Kastenende stehende Spitze den Faden von dieser Seite faßt. Das Einlegen von Spulen in den Schützen ivird dadurch allerdings überflüssig gemacht, und der Stuhl kann, wenn der Fadcnvorrath. das Magazin, groß genug ist, viele' Stunden ununterbrochen laufen, und' bei der Tourenzahl. mit welcher der Stuhl in Chemnitz lief(ca. 90 Schuß per Minute) funktiouiren die Vorrichtungen zum Ocffnen der Greifer gut. So lange Stühle neu sind, kommt es bekanntlich seltener vor, daß sie nicht solchen Ansprüchen genügen, aber wenn dieselben erst eiinnal mehrere Jahre gehen, dann ändert sich das Bild manchmal recht unvortheilhast und ganz besonders. wenn viele kleine Theile zur Wirkung kommen sollen. Ein fühlbares Ueberflüssigmachen von Arbeitskräften wird also von dieser Erfindung nicht zu besorgen sein. Wir kämen sonnt zur zweiten Seite der Frage: Wird der neue Stuhl für die an Webstühlen beschäftigten Arbeiter von irgend einem Nutzen sein? Hier wird die Antwort entschieden bejahend ausfallen, indem die Gefahren, welchen ein Theil der Arbeiter durch Aus- springen von Schützen an gewissen bei uns verwendeten Webstuhl- Systemen ausgesetzt ist, ganz bedeutend herabgemindert würden. Ter gröhte Theil der'Unfälle, welche jährlich in mechani- schcn Webereien sich zutragen, wird durch ausspringendc Schützen veranlaßt, und ganz besonders find eS die Wechselstühle, welche diesen Ucbelstand am meisten zeitigen. Wenn auch nicht in Abrede zu stellen ist. daß auch glatte, einschiitzige Stühle durch Treiben auf unvernünftig hohe� Tourenzahlen oder schlechte Behandlung und Vorrichtung, ebenso gefährlich sind, so liegt die Gefahr bei Wechselstühlen doch noch viel näher. Die geringsten Zeitdiffcrcnzen in dem Zusammentreffen der wirkenden Theile, Kastenwendung und Schützcnschlag, führen einen Bruch dieser Theile oder ein Schützcnausspringen herbei. Hier kann die Verwendung des Seatonpatenlcs nützlich werden, indem der Erfinder auch gleichzeitig einen Mechanismus tonstruirt hat, vennittclst deycit sein Stuhl nicht allein glatte Waare niachen kann, sondern auch bunte, sogenannte Wechselwaarc: bei ihm kommt nicht ein neuer Schützen zur Wirkung, ivelcher die gewünschte Farbe ent- hält, sondeni es bleibt immer ein und derselbe Schützen im Kasten und mir die Fäden auf den Seiten werden gewechselt, welche der laufende Greiferschützen erfassen soll._ Der Mechanismus des Er- findcrs läßt einen sicbenfarbigen Wechsel zu, und derselbe läßt den Gang des Stuhles resp. des Schützens gänzlich unbeeinflußt. Die ftir das Ausspringen der Schützen bei Wechselstühlcn maßgebenden Faktoren sind hier also garnicht vorhanden; von diesein Gesichts- punkte aus kann man die Erfindung gewiß fteudig begrüßen. Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß unsere Fabrikanten auS diesem Grunde allein sich für die Anschaffung des Stuhles begeistern werden, so ist es jedoch nicht ausgeschlossen, daß diese Erfindung erst der Anfang ist; es ist, wie A. v. Humboldt sagt, die Eigenthümlichkeit wichtiger Entdeckungen, daß sie zugleich den Kreis der Eroberungen und die Aussicht in'das Gebiet, das noch zu erobern bleibt, erweitern. Für eine solche Annahme sind im vorliegenden Falle begründete Hoffnungen vorhanden, so daß wir für die nächsten Jahre auf lieber- raschungeu gefaßt sein dürfen.— M. B. Aleines Feuilleton. w. Ein Bild ans dem Lebe». Ans Kiel wird uns geschrieben: Dieser Tage ging ich durch G«arden, auf der anderen Seite des Kieler Hafens, der Stadt gegenüber. Da wird jetzt gewaltig gebaut und gewühlt. Die Krilpp'schc Germania- Werft wird zu einem Nicsenbetrieb erster Ordnung umgestaltet. Zu Hunderten schaffen fleißige Hände an dieser Arbeit. Vom Wasser aus sind zwei mächtige Bagger thätig, ein Stück Land nach dem andern vom Ufer fortzureißen. Der Untergrnnli ist für die zu schaffende Kaimauer und die zu bauenden Werkstätten nicht fest genug. Da gilt's, die Schlamm- und Moormasscn, die in den siebcnziger Jahren beim damaligen Bau der kaiserl. Werft aus die feuchten morastigen, tief liegenden Wiesen geschüttet wurden und nun die langen Jahre hindurch, mit etwas Muttererde bedeckt, in kleinen Parzellen den Arbeitern zuni Anbau ihrer Kartoffeln gedient hatten, zu entfernen und durch gute Sandschüttung zu ersetzen. Schon weit ins Land hat sich der eine Bagger hineingefressen, und sein Aechzen und Stöhnen mischt sich mit dein Hämmern und Pochen von der Werft und dem gellenden Pfeifen der Lokomotiven, die die endlos rollenden Sand- ivagcn der Feldbahn von den hohen Sand- und Kicsbergcit im Hinter- gründe des Ufers zu diesem hinziehen. Dampframmen schlagen am Ufer die Pfähle für die Spundwände zur Befestigung der Sandschüttungen oder schlagen den Pfahlrosi für Gebäude auf nicht ganz sicherem Grunde. Ein reges Leben und Treiben ans dem weiten Platze, ein geschäftiges Hantircn, Ivohin man sieht. Und an diesem Riesen-Bau- platz gehe ich vorüber. Da sehe ich dicht zu meinen Füßen im Grunde eine Ar- beitcrkolonnc schaffen. Eine Handramme haben sie auf- gerichtet. Ein langer, starker Balken ist senkrecht gestellt, zwei Stützen halten ihn in seiner Lage. In eisernen Schienen läuft ein Rammbär. Unter diesen ist der einzuschlagende Pfahl gestellt. Gerade jetzt kommandirt der Kolonncnfnhrcr:„Hoch", und zehn Ar- beiter in gleichmäßigem Mühen ziehen das schwere Gewicht hoch.— „Hupp" rrrrr— und schwer fällt der Fallbär hinunter— und wieder füllt er hinunter— und immer wieder im gleichmäßigen Tempo. Da spannt sich der Rücken der Arbeiter und da' streckt sich' der Körper im ewigen Gleichmaß. Selbst zur Maschine geworden sind die Ar- beiter, im ewigen Einerlei verrichten sie ihre Arbeit. Mit ge- schlosscncn Augen theilweise, hastig beim Aufrichten sich einmal die perlenden Schweißtropfen mit der Hand von der Stirne wischend, folgen sie dem Kommando ihres Vorarbeiters. Und ein merkwürdiges Kommando ist es, das dieser giebt. Ein altes Volkslied singt er. In kurzen Sätzen, mit mono- loner einförmiger Stimme giebt er durch Unterbrechung das Zeichen, daß der Fallbär fallen soll: „Es ivollt ein Mä"—„ädchen früh aufsiehn"—„dreiviertcl- pund vor"—„Tag, in den Wald wollt"—„wollt sie spaziii"— „iiren gchn"—„ju ja Zu spazi"—„ireit geh», bis"—„das der Tag anbrach." lind jedesmal, wenn die Pause kommt, dann richtet sich der Körper des Arbeiters auf, und dann fällt klirrend und rasselnd der schwere Klotz. Und gleich wieder beim Ansetzen zu einem Worte, da spannen sich die Muskeln, und der Klotz bewegt sich langsam wieder nach oben.— Eine Weile habe ich der Arbeit zu- geschaut, dann mußte ich meiner Wege gehen. Und als ich nach Stunden wieder der Straße kam. da schafften die Arbeiter noch immer in derselben gleichmäßigen Weise.— — Echte Perlen in der Liincbnrger Haide. Vor eungen Jahren hat es noch echte Perlen in der Lüneburger Haide gegeben. In der Lutter wurde eine sogenannte„gute Muschel" gefunden, die Fluß-Perlmnschel, welche schöne Perlen liefert. Diese Muschel kommt in der Lüneburger Haide vor in den Bächen Gerdan und Bornbeck bei Bodcnteich, Luhe, Sebe, Schwienau, Lutter und Lachte. In der Gerdau kam sie früher am häufigsten vor und die Luhe hatte die grüßen und schönsten. Die Pcrlcnfischcrei der Haide war früher in manchen Jahren recht ertragreich, jetzt hat sie ganz aufgehört. Die Perlmuschel ist selten geworden. Nur gelegentlich findet man noch eine„gute" Muschel, d. i. eine solche, die eine Perle führt. Ein Perlenfischer versah sich mit einem Beutel, den er sich am Halse befestigte und ciiicin Stock, um sich im Wasser damit zu stützen. Bei hellem Sonnenschein und stillem Wetter unternahm er seinen Fang, indem er dabei gegen den Strom ging. Dünkte ihm eine am Grunde stehende Muschel gut, so holte er sie mit der Hand, oder wenn das Wasser tief war mit den Füßen heraus, indem er sie zwischen den Zehen einklemmte. Geschickte Perlmuschel- fischer konnten ziemlich sicher bcurtheilen, ob eine Muschel eine Perle enthielt oder nicht. Meistens hatten sich die sog. guten Muscheln in ihrem Lager festgelegt,„angesogen". Ihr Aeußeres hat entweder eine Einbeugung, Vertiefung, andere Farbe.odcr eine unnatürliche Krümmung beider Schälen und iäßt dadurch erkennen, daß im Innern eine Perle ist. Ob dieselbe aber reif oder unreif ist, läßt sich leider von außen nicht bestimmen. Man muß daher die Schalen öffnen, indem mall mit dem Messer dazwischenfährt. So geht in jedem Falle die Muschel verloren, die sonst noch später die Möglichkeit bieten könnte. Hülle eines solchen Schatzes zu sein. Weil früher auch nicht alle Perlenfischer genug geübt waren, die„guten" Muscheln gehörig aus- zulöse», wurden jährlich viele Tausend geöffnet. In 10—20 Jahren findet man wohl überhaupt in der Lüneburger Haide keine Perl- muschel mehr.—- LitercilischeS. Rudolf Ei S I c r: Die Elemente der Logik. Wissen» schaftlichc Volksbibliothek Nr. 63—64, Verlag von Sicgbert Schnur- pfeil, Leipzig.— In dem kleinen Bündchen wird der recht verdienst- liche Versuch gemacht, die Grundlehrcn der Logik Lesern ohne besondere Vorbildung zugänglich zu machen. Dieses Unternehmen wird sehr erschwert durch de» Umstand, daß die Wissenschaft der Logik gerade in den letzten Jahren einem heftigen Umbildungs-, wie manche wollen, einem Auflösungsprozeß unterworfen ist, was sich auch in Eislcr's populä" gehaltenem Schriftchcn wiederspicgcln muß. Wir wollen aber deshalb auch nicht mit dem Verfasser rechten, ob er nicht besser gcthan hätte, dies oder jenes auszuscheiden oder dafür das eine oder das andere aiifznnchmen; bemerkt sei nur, daß wir eine blos formale Logik— praktisch wohl das wichtigste— vorgezogen hätten; da Eisler selbst die Erkcnntnihthcorie ans- geschlossen, rufen die kurzen Andeutungen über dieses Gebiet, deren er doch nicht entrathen kann, ein Gefühl der Unsicherheit hervor. Gerne hätten wir ihm die zahlreichen scholastischen Kunstansdrücke geschenkt: wir sähen dafür weit lieber die Verwendung der geometrischen Methode gezeigt, die ja gerade für den Laien etwas ungemein Anschauliches hat. Zum Schluß noch eine Kleinigkeit: wir vermissen zu unserem Bedauern im Literaturnachweis die Logik von Lipps, die doch wohl sehr geeignet ist, in das Studium der Kontroversen auf dem Gebiete der Logik einzuführen.— Theater. — Max Dreye r'S neues, dreiaktigcs Drama„H a n s" soll noch in dieser Spielzeit im„Deutschen T h e a t e r" zur Auf- fühnuig gelangen.— Geographisches. — An der„Neuen Universität in Brüssel ist ein unter der Oberleitung von Elisöe Reclus stehendes g e o g r a- p h i s ch e S Institut gegründet worden, das das Studium der Geographie auf breitester Grundlage ermöglichen will. An einen an der philosophischen Fakultät zu absolvircndcn Vorkurs, der sich auf die Elemente der Naturwissenschaften, Mathematik,' neueren Sprachen und einem kurze» Ucbcrblick über das Gcsammtgebiet der Geographie erstreckt, schließt sich ein dreijähriges Fachstudium, dessen Stundenplan alle Zweige der Geographie und ihre Grenzwissen- schaften nebst praktische» Ucbungen umfaßt. An den im erste» und zweiten Studienjahr wöchentlich je 1ö, im dritten je 16 Stunden umfassenden festen Lehrplan schließen sich an freien Tagen und in den Ferien regelmäßig auszuführende geographische Exkursionen an: außerdem sind die Studirenden verpflichtet, Untersuchungen und Ab- Handlungen auszuarbeiten, die gleich den während der obligatorischen Unterrichtsstunden angefertigten Karten und Reliefs Eigenthum des Institutes bleiben und von diesem veröffentlicht werden können.— Paläontologisches. —ss— II e B c r r e ft e von Mammuths wurden, wie der Biologischcii Gesellschaft in Washington mitgetheilt wurde, auf den Pribilof-Jnseln gefunden, die in letzter Zeit als Mittelpunkt des immer weiter abnehmenden Robbenfanges vielfach genannt wurden. Mr. Snodgrah, der eine von der Stäuford-Universität aus- gerüstete Expedition begleitete, entdeckte in einer Lavahöhle ailf dein Bogoslaf-Hügel zwei Mamiuuthzühne und Knochen einer Bärenart, die augenscheinlich von dein heutigen Polarbärcn verschieden tvaren. Der Forscher hat die Anficht ausgesprochen, daß die Gegenwart dieser Knochen an der betreffenden Stelle auf eine verhälwifimäfiig junge Verbindung der gcnamrtcn Inseln mit dem Festlande hin- zudeuten scheint.— Völkerkunde. gk. Variationen der Polhphemsage. Die Fabel von dem ungeschlachten Zyklopen Polyphem, die aus der Odyssee all- gemein bekannt ist, findet sich keineswegs nur bei den Griechen. Rameutlich im Osten Europa's sind in letzter Zeit zahlreiche Variationen derselben bekannt geworden, und es gewährt ein grofzcs Interesse, an der Hand einer Arbeit, die Dr. S. Polivka im„Llrchiv für Religionswissenschaft� veröffentlicht, die Sage auf ihren weiteren Wanderungen zu verfolgen. Am treucsten wurde die altgricchische Sage am Kaukasus, besonders in Mingrelien, bewahrt. Sie hat da ganz den Charakter des Fischermärchens: Fischer, und zwar acht Brüder, werden aufs Meer hinausgctrieben und gcrathcn an eine mibekamrte Küste, in das Haus eines einäugigen Niesen, in deffen verschiedenen Abtheilungen Schafe und Ziegen untergebracht find. Der Riese verspeist zunächst sechs von den Brüdern, er wird dann von den Ueber- lebenden mit einein im Feuer glühend gemachtem Spieß geblendet! die beiden kommen wieder hinaus, obwohl der Riese jedes einzelne Thier beim Hinausgehen betastet, indem fie zwei Widder schlachten und sich in deren Felle stecken. Auch das erinnert an die Odyssee, daß der Riese ihnen nacheilt und ihren, Schiffe eine Keule nach- wirft, die es fast zum Untergehen bringt. Freilich weiß diese Sage nur von einem Zyklopen, nicht von einem ganzen Volke zu erzählen. In anderen kaukasischen Versionen ivohut der Riese nicht mehr an, Meercsufer, die ganze Geschichte spielt vielmehr in rauhen Gebirgs- gegenden. Oester wird die Polyphemsage nur als Episode in größeren Erzählungen erwähnt, so zum Beispiel in der osse- tinischen Erzählung von dem Nationalhelden Urysmag. In dieser komntz der Held allein in die Höhle des Riesen', dagegen hat der letztere noch einen Sohn. Mit ihr vcttvandt ist die tschestchenische Version, in der der Riese auch genauer geschildert ist: Sein Schritt ist wie der eines Elefanten, sein Pelz ist aus sechzig, seine Mütze cuis acht Schaffellen verfertigt. Sein Hund ist so groß wie eine Kuh. Ausgefallen ist aber hier die Blendung des Riesen. In zwei großrussischen Märchen geschieht die Blendung des Zyklopen nicht mittels des glühenden Spießes, sondern durch glühendes Blei oder Pech. Auch bei den türkischen Bewohnern des Altai wird fol- gendcs Märchen erzählt: Ein Mann konmit zu einem fast blinde» Riesen, der ihn fangen und fressen will. Er erbietet sich, den Riesen zu heilen, aber als dieser darauf eingeht, bindet er ihn und gießt ,hm flüssiges Blei in die Augen. Selbst bis zu den Kirgisen in Zentral-Afien ist die Sage in zwei Versionen, wahrscheinlich durch die Bennittelung der kaukasischen Völkerschaften, gedrungen. Dagegen finde» sich bei Westftavcn nur noch schwache Spuren. Neuerdings wurde eine slowakische Erzählung aus Nordungarn bekannt, die auf sie zurückzuführen isi. Da passirt das Abenteuer zwei Draht- bindern, die in einem cinsanien Schloß mit einem Riesen zusanmien- treffen, der ein großes Auge auf der Brust hatte. In anderen sla- vischen Märchen im Nordosten Europa's erscheint die alte Sage mit einem neuen Motiv verknüpft, indem die Brüder ausziehen, u» die Furcht und das Elend kennen zu lerne». In dem Zyklopen ist dann die Furcht oder das Elend persvnifizirt. Interessant ist ein weißrussisches Märchen aus dem Gouvernenient Mohilew, in dem der Teufel an die Stelle des Riesen getreten ist. Ein Schmied trifft in der Höhle den Teufel. Er schmiedet ihm, um ihm zu entgehen, Gabeln für die Hölle, benutzt diese aber, nachdem er sie glühend gemacht, um dem Teufel beide Augen auszustechen. Der Ge- blendete setzt sich vor die Thürc, aber der Schmied wirft drei Schafe auf ihn, macht ihn dadurch bewußtlos und schmiedet ihn dann fest.— Aus der Pflanzenwelt. — Eßbare Vogelbeeren. Zur Herbstzeit prangen überall an Wegen imd Rainen die Ebereschen mit ihren korallenrothen Früchten. Unbekannt dürste es manchem sein, daß es auch süße uud eßbare Vogelbeeren giebt. Sie sind auf dem mährischen Gebirge zu Hause. Die dortige Eberesche hat bedeutend saftigere und größere Früchte, als die unsrige. Es ist nicht das mildere Klima, das die Eni- Wickelung besserer Früchte begünstigt— in diesem Thcile Mährens ist es ziemlich rauh—, sondern es handelt sich um eine edlere Art der Vogelbeere. Bor 3—4 Jahrzehnten haben nämlich die dortigen Bewohner zahlreiche Stämme mit Reiicr» einer süßen Spielart gepropft, und diese so veredelten Bäume tragen alljährlich Beere», die. roh genossen, schon gut schmecken, eingelocht jedoch ein Kompot geben, das fast' wie Preißelbeeren aus- sieht. Auch zu Saft lasten sich die süßen Vogelbeeren einkochen. Nach chemischen Unlersnchungcn verdanken sie ihren süßen Geschmack Zucker, wovon sie 8 pEt. euibalten, also beinahe soviel, wie unsere süßen Kirschen. Wegen ihres yohen Zuckergehalts läßt sich aus diesen Vogelbeeren auch ein weinartiges Getränk herstellen, das sich wegen der geringen Menge Gerbsäure, die sich auch noch in den Früchten findet, lange hält. Wie aus Kirschen, Pflaumen u. s. lv. wird aus den süßen Vogelbeeren auch Schnaps gebrannt. Die süße Vogel- beere wächst ziemlich schnell, nimmt sich auch als Baum wegen ihrer schönen pyramidenförmigen Krone, gut aus und trägt schon im zweiten und dritten Jahr nach der Anpflanzung. Sie ist gegen Kälte nicht empfindlicher als unsere einheimische Eberesche«nd ver- langt auch keinen besseren Boden als diese. Sie verträgt zur BIüthe- zeit ungünstige Witterung, selbst Frost, und trägt hernach doch noch gut zu; auch halten sich ihre Früchte den ganzen Winter hindurch und können Vögeln und Wild als Nahrung dienen.— („Tägl. Nuudsch/') Technisches. gr. Häuser aus Aluminium. Der Versuch, Häuser aus Aluminium herzustellen, ist selbstverständlich von den Amerikanern unternommen worden. In Chicago wird nämlich zur Zeit das erste Haus dieser Art aufgeftihrt. Die Vorderfront dieses, in einer der belebtesten Straßen der Stadt aufgestellten Gebäudes wird mit feinpolirten Aluniiniumplatten von 0,5 Zentimenter Stärke bekleidet; es dürfte mit seine» hellgrauen metallischen Mauern neben den aus Stein und Ziegeln aufgebauten Häusern einen eigenartigen Anblick gewähren. Die Bauausführung ist in der Weise durchgefiihrt, daß ein Gerippe von starken eisernen Säulen Almniniumplatten auf« ninimt, die 0,80 Meter lang und 0,50 Meter breit sind und von 15 Centimcter breiten Platten aus gleichem Material zusammen- gehalten werden. Das Aluminium erhielt einen Zusatz von 33 pCt. Kupfer, weil das so hergestellte Metall eine sehr geringe Ausdehnimg besitzt. Höchst eigenartige Fenster, von denen etliche eine Breite von 6,60 Metern erhalten, werden den 17 Etagen des 64 Meter hohen Hauses die nöthige Helligkeit während des Tages verschaffen. Die Fcucrsicherheit des Akuminiumgcbälldes wird natürlich eine außer- ordentlich große sein.— Humoristisches. — Muttersorgen. K o m m e r z i e n r ä t h i n(zu ihrer Tochter):„Was ich Dir längst schon sagen wollte, Kind: mit Deinen Malstudien das übertmb mal nicht. Man könnte ja sonst wirklich meinen. Du ivolltest Dir einen Beruf daraus»lachen."— — Patriotismus.„Sic wollen'n guter Deutscher sein und wissen nicht, was für einen Gedenktag wir heute haben?— Na, dann will ich's Ihnen sagen: heute vor hundert Jahren hat die Artilleri»die schwarzen Sa ni metkragen verliehen bekomme»."—(„Simplicissi>nus."j — Macht der Gewohnheit. Dame(mit ihrer Freundin auf der Spitze des Wendelsteins angelangt):„O Du meine Güte, jetzt Hab' ich mein Strickzeug im Hotel unten gelassen — was fangen wir jetzt an?"— Vermischtes vom Tage. — Im Verlage von L. Ferna», Leipzig, ist„ A n e r b a ch' s deutscher Kiiidcr-5ialcnder ans das Jahr 18S9" erschienen. Für Proletaricrkinder ist so etwas natürlich nichts.— — Eine„Deutsche T u r n z e i t u n g für Frauen" wird vom Beginn des nächsten Jahres an in Krefeld erscheinen.— — St e st a u r a t i o n s- P o e s i e. Auf ein Preisausschreiben für Wandsprüche, das ein Kölner Restaurateur veranstaltet hatte, lief neben mehreren tausend anderen auch folgender Spruch ein: „Wenn's Weib beim Ausgehn predigt, Rimnt'S mit, dann ist's erledigt."— — Anfang November wurde eine Arbeiterin aus N c u h a u s bei Ranscha(Schlesien) erschossen aufgefunden. Jetzt wurde der G e ni e i n d e v o r st c h c r verhaftet, da er im Verdacht steht, die That begangen zu haben.— — In S i nj wurde am Montag früh ein acht Sekunden dauenidcs Erdbeben veffpiirt. Unter der Bevölkerung herrscht große Aufregnng.— y. Der vierzehn jährige Sohn eines Arztes in C h a r« I o t t e n l u ii d bei Kopenhagen hat sich ans dem Wege zur Schule wegen u n g I ü ck l i ch e r Ä i e b e an einem Bamn erhängt.— — Bei der im vergaiigencn Jahre in Rußland angestellten Volkszählung ergab sich, daß in jedem Gouvenicnicnt un- gcfähr 4 00 Leute mit einem Alter von über 100 Jahren, einzelne sogar bis zu 1 60 Jahren alt, vorhanden waren.— — Die Bewohner der Stadt VervierS sind anerkannt die leidenschastlichsten Theaterfreunde Belgiens. In einem großen Theater finden Tag für Tag Vorstellungen von sechs- und s i e b e n ft ü n d i g e r Dauer statt und stets wird hinter einander Oper, Operette und Drama heruntergespielt!— — In London ist eine Ladung von Skeletten von Derwischen angekommen, die in der Schlacht von Omdurman gefallen sind. Sie' sind für die englischen medizinischen Schulen bestimmt.— Bercmtwvrtticher Redakteur: Ztngnst Jacobey in Bettin. Druck und Vcrlaz von Max Bading in Berlin.