Anterhaliungsblatt des Horivüris Nr. 245. Freitag, den 16. Dezember. 1898 (Nachdnick verboten.) Die Vstveeeise der Familie HellviK. Si Von Alfred af Heden st jerna. „Den größten Industriellen unseres Landes, Konsul Wift aus Göteborg," fiel Streiten ein. „Ich hatte gedacht, seine Hochwürden den Herrn Bischof vorzuschlagen," sagte der Geistliche sanft. Während so die Wogen der Debatte im Rathhaussaal inimer höher gingen, hatte sich fast die ganze Kurgesellschast zur Landungsbrücke hinausbegeben, um die Dekorirung mit anzusehen, sodaß es beim Brunnen und den Badehäusern ziemlich leer war. Nur einige Kinder spielten im Park, und die Badefrauen standen im Korridor versammelt und lästerten. Da stand plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine hohe, schlanke, stattliche Gestalt mitten vor dem Gesellschafts- hause. In einem ausgesucht eleganten, wenn auch fast ernsten Anzug bewegte er sich mit überlegener Gewandtheit, und sein Kopf mit stark graugesprenkclten Haaren richtete sich stolz empor, während er den Hnt ein wenig lüftete, um sich mit einem Tuch die Stirn abzuwischen. Dann drehte er sich nach dem BadehauS herum und warf den Badefranen einen fragenden Blick zu..." „Herrje... Himmlischer Vater... Ach, Du All- mächtiger!" schrieen die Badefrauen auf und drückten sich an die Wände. In demselben Augenblick kam der kleine Karl Hellvik an- gestürmt und fuhr gerade auf den vornehmen Herrn los, doch gelang es ihm noch mit Roth, ein paar Schritte vor seiner ansehnlich langen Gestalt Halt zu machen. Der kleine Karl guckte ihn an imd ward roth wie ein Blutstropfen. Den Herrn kannte er von tausend Porträts und Bildern, ja selbst von dem blanken Kronenstück, das er zum Geburtstag von Onkel Gustav zu bekonnnen pflegte. Er riß seine Mütze ab und verneigte sich tief. Aber dann durchfuhr seinen Kinderkopf der Gedanke, daß er etwas sagen müßte, was indirekt sein wildes Daherstürmen erklärte oder entschuldigte, und so guckte er auf. schüchtern und verlegen, und sagte mit stammelnder Stimme: „Der Herr König hat wohl nicht meine Mama gesehen?" Aber dann wurde seine Verlegenheit so stark, daß er plötzlich Kehrt machte und davonranute. Der stattliche Fremde hatte die Frage nicht verstanden, sondern murmelte:„Was tausend sagte der Junge?" und ging dann gerade auf das Badehaus zu. „Könnte ich vielleicht sogleich ein gewöhnliches warmes Bad bekommen?" „Jaaaaa 1" ertönte es auf einmal aus zwölf ganz zahn- losen, aber unsäglich freundlich lächelnden Mündern. „Welche Zelle ist frei?" „Ddddiese..." Und alle Badefrauen eilten, jede an ihre Thüre, öffneten sie und verneigten sich bis zum Boden. Der vornehme Herr ging zu Lotte hinein, während Stina und ihre zehn Kameradinnen fast vor Neid barsten. Was in der Badezclle zwischen dem vornehmen Herrn und Lotte vor sich ging, ist niemals Außenstehenden völlig bekannt geivorden; als er aber, frisch gebadet und wenn möglich noch imposanter den Korridor durchschritt, standen die Badefrauen in zwei Reihen und verneigten sich viermal. Der erhabene Fremde ging direkt zum Badebureau. Das Bureau Fräulein hatte sich freigemacht und ihre vierzehn- jährige Züchte zu ihrer Vertretmig hingesetzt. Diese guckte von ihren: Buch auf und wäre beinahe in Ohnmacht ge- fallen. Dann sprang sie schnell auf, verneigte sich und blieb mit flammenden Wangen und niedergeschlagenen Augen stehen. Er mußte sich selbst das Fremdenbuch aufschlagen. Als er die Seite gefunden, zog er seinen Handschuh ab und schrieb hinein: „John Wraight, Zuschneider..." dann setzteer einen Augen- blick ab, als wenn er sich besänne, und fügte dann, in der Ab- ficht, eine Gelegenheit zur Reklame für seine Firma nicht vorübergehen zu lassen, hinzu: „... Von der neuen Schneiderei- Aktiengesellschaft in Stockholm." Dann verneigte er sich artig und ging. Das Mädchen sperrte zuerst den Mund auf, dann lachte sie sehr geringschätzig und nahm ein ziemlich neues Kronenstück aus der Kasse. „Ach, sie ähneln einander ja gar nicht; aber man wird in diesen Tagen der Erwartung so nervös," seufzte sie. Im Rathharrssaale gingen indessen die Wogen des Streites so hoch, daß die Versammlung schließlich einem polnischen Reichstag ähnlich sah. Nun nahmen nicht nur Burken, Stnrten rmd der Pfarrer an der Debatte theil, sondern auch der Branddirektor, der einzige Lieutenant von Gesundbrunn und ein halbes Dutzend andere, und alle redeten durch- einander. Niemand bemerkte, daß der Bade-Jnspektor, der Plötzlich dazu gekommen war, mit einem Papier in der Hand wehte. Er wurde ebenso, wie die anderen, unterbrochen und konnte nur hier und da ein paar unverständliche Worte. gleichsam in Parenthese, einwerfen: „... Da die leitenden Männer der Stadt...(Bade- Verwalter:„Meine Herren, gestatten Sie...")... den Bischof zu wählen, der nicht hier gewesen...(„Es ist durch- aus nöthig...")... nehmen Sie ruhig den Bischof für mich, mir ist alles egal...(„Weirn die Herren nur einen Augenblick hören wollten...")... Der Bischof soll reden, er ist der Einzige, der sich hier nicht kompromittirt hat und.... („Meine Herren...")... Ich werde mit Gottes Hilfe..." Da schlug der Bürgermeister mit dem Hammer so stark auf den Tisch, daß er zersprang, und schrie in die Versammlung hinein: „Ist es nim also Ihre Meinung, daß Bischof Blomsterquist ersucht werden soll, in unser Aller Namen Seine Majestät den König in Gefundbrunn willkommen zu heißen?" „Ja... nein... das heißt... ja!" „Mir scheint die Frage ist ein... fast einstimmig bejaht worden." Bumps! „Was wollte denn nun der Herr Bade-Jnspektor so Eiliges melden, daß er sogar unsere Verhandlungen unterbrechen zu wollen schien?" fragte der Bürgermeister. „Ja, entschuldigen Sie; aber, es ist nämlich ein Telegramm an den Herrn Bnde-Direktor eingelaufen, daß Seine Majestät eilig nach Stockholm zurückkehren mußte und dieses Jahr nicht nach Gesundbrunn kommen kann." Da wurde es unheimlich still im Saal. Run wäre es gar nicht schiver gewesen, zum Wort zu kommen. Aber niemand verlangte es. „Du bist mir doch wohl nicht bös, Brüderchen?" sagte Burken zu Struten aus der Treppe.— VI. Wir wollen uns nicht trübe stimnren, indem wir unnöthiz lange bei der Niedergeschlagenheit und Verstimmung verweilen, die sich über ganz Gesundbrunn infolge der nieder- schmetternden Nachricht verbreitete, daß der geliebte Landes- vater nicht, wenigstens nicht diesen Sommer, den schönen, berühmten Kurort besuchen iverde. Frau Hellvik ließ am Nachmittag des trostlosen Tages eine große Kaffeekanne und eine entsprechende Menge Weiß» brot in den Familienwagen packen, und bald fuhr Peter mit Pluto und Proserpina vor, und die Damen Hellvik, Frau Waller, die Oberstin mid ein paar ihrer lieben Freundinnen stiegen ein und fuhren in den Wald. Bei der Kasfeetrinkerei oben auf einer herrlichen Berg- spitze erklärte Frau Hellvik: daß sie nicht den geliebten König in Gesundbrunn hatte begrüßen können, wäre die zweitgrößte Prüfung in ihrem Leben nach jener, als Gerda mit 14 Jahren beinahe am Scharlach gestorben wäre. Und alle die Vorbereitungen, die Kleider und Umstände! Ach, es war zum Verzweifeln! Aber plötzlich strahlte Frau Hellvik auf, als wenn ihr mit einem Mal eine glückliche Idee, ein guter Gedanke ge- kommen wäre. Und das war auch in der That der Fall, und sie behielt ihn nicht für sich. „Liebste Freundinnen!" so begann sie,„nicht will ich König Oskar mit dem Herrn dergleichen, oder unsere prächtigen _ fV ffin&efrniicn mit irgend etwas, denn sie sind unvergleichlich: aber des traurige Ereignis;, daß wir nicht/ fiir nnsern gc- liebten König thnn konnten, hat meine Gedanken auf das Schriftwort gelenkt:„Alles, was ihr gcthan habt einein unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir gethan." Sie wurde so gerührt, dast sie nicht gleich fortfahren konnte. Alle sahen aus wie Fragezeichen, und schließlich sagte Frau Waller: „Liebste Emma, w i e meinen Sic?" „Ja, ich meine, wir könnten doch in fedein Falle km Kurpark mit all' den Arrangements ein Fest geben und Entree erheben und den Neinertrag den Badefrauen zukommen lassen." Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall, nicht nur in diesem kleinen Kreise, sondern auch bei dem Vergnügungs- komitee, dem die Oberstin ihn in geschickter Weise vortrug. Man prüfte die Arrangements und fand das Meiste brauchbar, sogar bis auf die weißen Kleider, die die jungen Mädchen tragen, und die Blumen, die dem König zu Füßen gestreut werden sollten. Dieser Blumenflor sollte nun von den jungen Mädchen gegen Bezahlung verkauft werden. Schließlich waren alle einigermaßen zufrieden, außer Musik- direktor Pingvall. „Und mein Damenchor 1 Mein schön eiustudirter Damen- chor, und unsere Hymne? Des Assessors schöne Hymne?" .sagte der Maestro und machte eine tragische Gebärde mit beiden Händen. «Guter Herr Assessor..." sagte Frau Hellvik. „Ich b i n nicht gut; bitten Sie mich um nichts! Sie Haben mich einmal so tief verletzt, Frau Hellvik I" erklärte das junge Genie. „Ach, sehen Sie, vergessen Sie mm einmal die Geschichte mit dem Theaterstück und schreiben Sie ein Gedicht zu Ehren der Badefrauen auf dieselbe Melodie, wie die Äönigshymne. Seien Sie so gut, Herr Assessor!" „Das Einzige wäre, wenn ich die Königshymne ein wenig ändern könnte, so daß' sie paßt," sagte der Assessor, dein es schon selbst sehr leid that, daß sie nicht zur Verwendung kommen sollte. Alle waren sprachlos. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.) Dov LliU'v im Mioov. Von R e n a t o Fucini. Die Jäger hatten sich zurückgezogen, sie putzten ihre Gewehre, lachten und plauderten und keiner achtete darauf, daß ich mich e»t- serute. Ich wanderte hinaus in den stillen Abend, und da mich Müdigkeit ergriff, setzte ich mich auf einen der kleinen Grasdämme, die die Kanäle begrenzen. Es war drückend heiß; auch der Wind, der über den Sumpf hinftnch, war lind und erschlaffend. Hier und da er- tönte der Lockruf eines Sumpfvogels, und im Schilf rauschte es, als ob in weiter Ferne cinc groszc Menge Mcnschcnsprnchcn.applaudirten und in die Hände klatschten. Je tiefer die Sonne im Westen sank, desto mehr weiße Schleier zogen sich über den Sumpf hin, dichter, immer dichter, so daß das Bild imnier nichr verschwamm. Tausend Gedanken durch- zogen mich, aber jede Erinucrung wurde trüb; die Empffndung einer unsäglichen Trauer überkam mich, und die ganze weite Fläche sprach mir nur vom Sterbe». Dann sah ich wieder die Gestalten, die diese Gegend bevölkern, Menschen mit ehernem Charakter und heißen Leidenschaften, für die die wikdesten Verbrechen nichts Abschreckendes haben, Da drang eine Mädchenstimme zu nur. Diese Mädchen, wie konnten sie nur noch singen. die Unglücklichen? Sie arbeiten vom frühen Morgen bis zum späten Abend, stehen im Wasser bis zum Gürtel und im Schmutz bis an die Knöchel. Das Mädchen saug: Mein Schatz ist todt, mir ist so weh..» Kaum schlepp' ich meine Glieder. Sag' Du'S mir. lieber Gott, Du iveißt eS ja, Seh' ich bei Dir ihn wieder? '' Ich hielt's nicht länger an?, ich mußte Menschen sehen. Ich kehrte zu unserem Lager zurück, fand aber alles schlafend. Ich traf einen alten Fischer, der mich erstaunt fragte, ob ich denn nicht ruhen wolle. Ich bat ihn um einen Kahn, damit ich fischen könne..Ja, wissen Sie denn Bescheid, Herr?" Ich lachte nur. Der Alte sagte mir darauf, daß in dem großen Qucrkanal eine Menge Netze liegen. «Können Sie den Kanal finden, Herr?"—„Ich werde einfach fragen/—«Wen wollen Sie ftagcn?"—«Ich habe doch Frauen rsingen gehört."—„Richtig, richtig, Herr, und um diese Zeit treffen Sie auch den Narren. Gute Nacht, Herr, und guter Fischfang I" Eine halbe Stunde später hatte ich schon viele Pfund Fische ge- fangen. Ich hatte mich mit meinem Ruder mühsam zwischen dem Mchils und de;, dichten Algen fortbewegt Utzd stand im Boote aus '8— um mich nach einem Menschen umzusehen, der mir de» Weg weisen köimte. «Haben Sie vielleicht eiivas Tabak für meine Pfeife?" Als diese Worte aus den dichten Weide» heraus plötzlich an mein Ohr schlugen, wandte ich nüch erschreckt rasch um und sah einen ganz vertvilderten Menschen, der mir eine Pfeife entgegenstreckte und auf Antwort wartete.«Tabak habe ich nicht. Willst Du eine Zigarre?..."«Danke sehr, werfen Sie sie mir nur zu."„Ich möchte nicht, daß Sie ins Wasser fiele."—„Bitte, warten Sie einen Augenblick."— Dabei beugte er sich vor, hielt sich mit einem Arm an einem Weidcnast und streckte den Hut aus. „Werfen Sie's nur hin, werfen Sie's nur hin, wenn die Zigarre ins Wasser fällt, so nehme ich sie wieder heraus." Ich tvarf ihm die Zigarre zu, und er stopfte sie gleich in seine Pfeife.„Komme ich so nach dem Querkanal?"— «Der ist gerade hier... Oh, wer sind Sie?"—„Ich bin der Sohn von Sor Giuseppe!"—„Ei was 1 von Sor Giuseppe! Wie ist dann Sor Federigo mit Ihnen verwandt?"—„Das ist mein Onkel, kennst Du ihn?"—„Ob ich den kenne I wir waren doch als Kinder zusammen... Ach", und dabei seufzte er tief,„das sind nun reichlich dreißig Jahre Herl"—„Ich will Dich nicht aushorchen. aber sage mir, wer bist Du denn?"—„Lassen Sie's gut sein,'s lohnt sich nicht, mich zu kennen".—„Warum denn?"—„Warum... warum...; Haben Sie ein Streichholz?"—„Hier I Was treibst Du denn?"—„Acht Jahre ivar ich auf der Galeere, dann war ich im Dienst bei einem Adeligen... und jetzt fange ich Fische und gehe auf die Jagd." «Auf der Galcre? I" «Fürchten Sie sich nicht. Sehen Sie die Spinne, die an meinem Bein herauf kriecht, ich würde sie um alles Geld der Welt nicht tödtcn können... Die armen Thiere müssen eben auch da sein; sollte sie mich aber beißen... dann freilich..." «Acht Jahre auf der Galeere? Wie ist das möglich? Irgend eine Jugcndthorhcit?" «Jugendthorheit! Den Hund habe ich erschlagen... Da sehen Sie, da stand, er, der Schuft, und legte das Geivchr an und lachte.. Die Schnepfe, die hat er freilich behalten, aber gegessen hat er sie nicht!" «Wie, wegen einer erbärmlichen Schnepfe?..." „Halten Sie mich nicht für einen gemeinen Mörder, Herr, thun Sie's nicht! Ich bin kein Ehrloser. Alles müßte man tvissen, alles. Ich seh' schön ans. das weiß ich schon, aber jene sind schuld, jene andern... Ich hab's gut gemeint mit allen. Wer ctioas von mir wollte, der konnte sehen, daß ich's Herz am rechten.Fleck hatte. Jetzt bin ich der„Narr im Moor!" «Ah, Du bist der Narr im Moor I" «Ja, mein Herr. Und hungern ihn ich obendrein. Keinem habe ich was zu leide gethan. Er! Ihn habe ich freilich umgebracht... er wollte eS selbst so. er selbst.. «So erzähle doch!" «Meinetwegen,'s thut mir gut, wenn ich mir einmal Luft machen kann.... Sie haben sie ja nicht gekannt. Das niacht nichts. Sic war blond und hieß Stella, aber die Sterne waren weniger schön als sie. Sie sang den ganzeir Tag, und stundenlang lag ich im Schilf verborgen, nur um sie zu hören. Eines Tages hielt ich's nicht mehr aus und sagte ihr's.«ie fing an zu Iveiuen und lief weg. Fast einen Monat sah ich sie nicht mehr. Alle fragten mich, tvas mit mir sei, so blaß und mager war ich ge- worden. Ich war achtzehn Jahre alt und sie fünfzehn. Sehen Sie die kleine weiße Kapelle dort? Da liegt sie begraben. Oh, Herr, Sie haben sie nicht gekannt,'s sind zwölf Jahre her... weil» ich ein Maler wäre, ich könnte sie noch heute nialen.... Endlich eines Abends treffe ich ihren Vater an, der sagt mir:„Ist's wahr, daß Ihr die Stella gern habt?" Ich war erst ganz verblüfft, dann sagte ich:.Ja!"—„Nun denn hört! Mißfallen thut Ihr mir nicht, ich habe noch nichts Schlechtes über Euch gehört. Wie steht's aber mit dem Geld? Dem Mädchen gebe ich zwar einige Pfennige mit, aber..." An jenem Abend tvurde alles abgemacht. Er sagte mir, ich solle sehen, daß ich mir cüvas Geld verdiene, sie gestand niir, daß sie mich lieb habe, und schon am folgenden Morgen war ich untertvegs nach den Maremmen, wo man mehr verdienen kann. Entschuldigen Sie, haben Sie noch ein Streichholz?... Nach einem Jahr kehrte ich zurück. Ich komme nach Hause... klopfe, und meine selige Mutter— ich hatte nur noch sie— öffnete mir die Thüre. Kaum sieht sie mich, fo fällt sie mir schluchzend um den Hals. Ist sie todt? heulte ich.... Wäre sie nur todt getvesen! Sie hätte auch weniger gelitten, das arme Ding I Den hat aber Gott bestrast, den alten Hmid, grad an dem Tag, an dem die Ringe gewechselt wurden, fiel er todt zur Erde,"als er auS der Kirche kam. Wie eine Kröte krepirte er am Wege." «Warum hat er's beim versprochen?" „Das Geld, verstehen Sic, das Geld. Der andere, der Schuft, lief ihm in die Hände, zeigte ihm ein Haus und einige hundert Thalcr... und der Hallunke.., Nun, ich Ivill nichts mehr sagen, er ist todt l... Drei Monate lang lag ich krank, ich ließ sie aber von meinem Leid nichts merken, sie hatte so schon genug zu tragen...." Der Narr schivieg; er reckte sich, setzte sich dann nieder und schaute stieren Blickes' ins Wasser. Ich schauderte und wagte nicht. ihn zum Weitersprechen aufzufordern.. Nach einer Weile suhr er soft, immer die Augen auf das Raffer heftend:' „Es mußte so konmicit Ich erfuhr, daß er mich bei jeder Gr- legenheit auslachte und verspottete. Ich wich allen beiden aus, denn ich traute mir selber nicht; eine Zeit Imifl ging'S, aber dann ... Zuerst traf ich sie beim Bittgaiig. Ich hätte sie nicht wieder erkannt. Nur die Augen waren dieselben. Ich schaute sie fest a». denn ich war nicht sicher. Als sie an mir vorbeikam, strich sie sich über die Haare, stolverte dreimal und ließ die Kerze fallen. Ich stopfte mir das Taschentuch in den Mund und zerriß es wie ein toller Hund. Ich weiß nicht, iver mich an jenem Tage nach Hanse brachte." Da schüttete er die Asche aus der Pfeife und mit einem Seufzer, der wie Stöhnen klang, fuhr er fort:„Am folgenden Tage traf ich auch ihn... Als die Schnepfe aufflog, waren wir beide im Dickicht, wir hatten uns nicht gesehen. Wir feuerten zu gleicher Zeit, ich einen Augenblick früher, und ich fehle nie. Ich gehe einige Schritte' vor und siehe ihm gegenüber.... Der erste Gedanke war. ihn niederzuschießen, aber ich hatte noch die Kraft wegzulaufen... Aber der Spitzbube ruft mir»ach: „Du Galgenvogel, was fällt Dir ein. mir die Schnepfe weg zu nehmen?"—„Ich an den Galgen und Du in die Hölle 1"•rief ich und schoß ihn nieder... Das hätten auch Sie gethan, Herr, wahr- hastig, das hätten auch Sie gethan..." Nun fing er au. wie ein Besessener zu gestiknliren, wobei er immer nach allen Seiten spähte, als ob ein Gespenst ihn verfolge. „S' scheint. Du hast Angst, warum gehst Du weg?" „Lassen Sie mich gehen, lassen Sie mich gehen." „Was ist denn?" � „S'ist ihre klrtnc Schwester, die gerade so singt, wie sie einst sang..." „Und nach den acht Iahren, Ivas machtest Dil? Du warst bei einem vornehmen Herrn ü"— Ja!"—„Und dann gingst Du auch von ihm fort?"—„Er schickte mich weg."—„Warum denn?"— „Er hatte mich so gern, daß die anderen Diener eifersüchtig auf mich Ivaren, er kleidete mich, gab mir diese Flinte, eine Uhr sogar, und ich mußte ihm immer begleiten. Als ich seinen Sohn aus dem Wasser zog, umarmte er mich und sagte, ich müsse nicin Leben laug in seinem Hause bleiben. Da kamen einmal viele Herren aus Volterra zur Jagd, und einer von ihnen schaute mich innncr wieder an.... Am folgenden Morgen werde ich zum Pächter gerufen; der sagt inir, der Herr weiß alles, es thut ihm zwar leid, aber er muß Euch sofort entlassen, hier sind fünfhundert Lire und die Flinte zuin Andenken. Ich nahm nur die Flinte und ging." Er trocknete sich den Schlveiß an seiner Joppe und fuhr dann fort:„Nun bin ich seit neun Jahren hier, man nennt mich den Narren, man läuft mir nach und verspottet mich, man bewirft mich nnt Steinen und schickt mir Schreckschüsse nach. Ich vcrdicn's zwar. Damals, als ich den da, den Lumpen getvdtet. hätte ich mich nicht dem Gericht stellen sollen, sondern ich mußte mir einen Stein um den Hals binde» und mich ersäufen." „Aber wenn Du krank sein solltest, hast Du keine Verwandten?" —„Niemand I"—„Nicht einmal einen Freund?"—„O ja, einen Freund, lvollcn Sie ihn kennen lernen?" Er pfiff, und zwischen dem Schilf zeigte sich der struppige Kopf eines alten Pudels, der bis an den Bauch im Wasser watete. Er legte seine Pfoten auf den Rand der Barke und stieß ein heiseres Freudengeheul aus. fnt Der Rarr kraule ihm den Kopf und warf ihm ein Stück trockenes Brot zu, das schnell in seinem Rachen verschwand. Dan» schaute das Thier seinen Herrn fragend an. Der Narr sagte zärtlich und traurig:„Heute giebt's nichts mehr, alter Kerl." „Würdest Du das Thier verkaufen?"—„Um keinen Preis."— „Und wenn es stirbt?"—„Dann sterbe ich auch..." In diesem Augenblick ergriff er das Ruder ivieder und bewegte mit kräftigen Stößen seinen Kahn vorwärts. Wie ein Gespenst ver- schwand er zwischen dem Gestrüpp, das der Nebel immer dichter um- hüllte. Von ferne her trug mir der Wind noch einige Töne zu; die lveiche Mädchciistimine sang: Sag' Du's mir, lieber Gott. Du weißt's allein, Seh' ich bei Dir ihn wieder?.. ** * Ungefähr zwei Monate später kehrte ich zu den Sümpfen zurück und fragte einen Jagdhüter: „Was ist aus dem Narren geworden?" „Der, ich sagte Ihnen doch, daß der ein Hexenmeister ist. Wissen Sie nichts von ihm?" „Nein." „Erinnern Sie sich nicht seines Hundes, des verdammten Viehs?" „Der alte Pudel?" „Jaivohl. Das Biest starb vor Alter und Hunger, und vier Tage später fand man den Alten auch, er lag in den Binsen auf den: Bauch, schon halb aufgefressen von allerlei Gcthicr... Na, sagen Sie selbst, ist's nicht ein Glück?... Jetzt find wir ihn los!" Kleines �Teuilleksn. — Ein Anfertiger falscher Nogclcier wurde, nach einer Mittheilung der„Voss. Ztg.", in Paris entdeckt. Der Mann ferttgte vor den Augen eines Besuchers ein Pinguinei, das von dem echten, das ihm als Muster gedient hatte, gnrnicht zu unterscheiden war. Dazu hatte er die Schale aus Gips angefertigt, gebrannt und glajirt. Das Ei war für den Lieferanten einer ausländischen naturwissenschaftlichen Sammlung bestimmt. Für gelvöhnliche Kunden genügt die Schale irgend eines Eies, das die erforderliche Größe besitzt. Uebrigens sind die Fälschungen nicht besonders schwer, da unter den echten Eiern der meisten Vogelgattungen so viele Abweichungen vorkommen, daß selbst die geübtesten Kcuiicr sie nicht alle zu unterscheiden vermögen. Die Eier des gewöhnlichen Fliegenfängers sind ungemein billig. Durch chemische Behandlung verschaffr man ihnen eine blaue, ins Grüne schimmernde Farbe, Ivorauf sie als Eier des Seidenschwanzes ungefähr sechsmal theurer bezahlt werden. Aus gewöhnlichen Enteneiern, zu 15 bis 20 Centimes das Stück, werden Eier des Geierfalken hergestellt, die mit 40-SO Fr. bezahlt werden. Es handelt sich hierbei darum, den Enteneiern eine silbergrüne Farbe zu verschaffen. Taubeneier werden durch geeignete Färbung undSpreukclung zu verschiedenen Nachahmungen mittelgroßer Vogelcier verwandt. Ebenso die Eier der Holztaube. Eier der Nachtigall sind sehr schwer zu erlangen, also thcner, deshalb werden braungefärbte Lcrchcneier als solche verkauft und theuer bezahlt. Der Hersteller all' dieser gefälschten Vogcleicr macht gute Geschäfte. Pariser und auswärtige Händler vervollständigen bei ihm ihre Vor- räthc. Oeffcntliche und Liebhabcr-Sammlungen dürfte es nur noch wenige geben, in die nicht das eine oder andere seiner Erzeugnisse Eingang gcfnndeu hätte. Der Hersteller dieser falschen Eier war lange Gehilse in einer natnrgeschichtlichen Sammlung der Provinz, wodurch er sich viele Erfahrungen aneignete. Als er seine Stelle verlor, kam er mit seiner eigenen Sammlung nach Paris und fing damit einen kleinen Handel an. Um seinen Vorrath zu erneuern und fehlende seltene Eier liefern zu können, half er der Natur nach wie jeder andere Künstler, fertigte falsche Eier an, worin er bald eine ungemeine Ilebung erlangte.— — Woher stammt die blaue Farbe des Himmels? In der letzten Sitzung der Belgischen Akademie der Wissenschaften sprach Professor W. Spring über den Ursprung der blauen Farbe des Hinmicls. Es wird heute allgemein angenommen, daß die blaue Farbe des Himmels eine Folge der Reflexion des Sonnenlichtes an seinen, in der Lust schwebenden Wasserbläschen sei. Diese Annahme stützt sich auf die thatsächliche Polarisation des Tageslichtes. Spring hat nun gefunden, daß eine passend verdünnte Rhodaneisen- lösnng eine mit jenem Blau komplementäre Farbe besitzt. Be- trachtet man den Himmel durch eine solche Lösung, so erscheint er weiß, indem die blaue» Lichtstrahlen gelöscht werden; die Polarisation aber bleibt bei ihrem vorigen Verhältnisse stehen. Es scheint also, als ob der Ursprung der bläuen Himmelssarbe von der Polarisation unabhängig wäre, und; folglich diese auf eine weiße Reflexion zurückzuführen sei. Die schöne blaue Himmelsfarbe mutz daher als eine Absorptionsfarbe angesehen werden, welche von den vier an sich schon als blau erkannten Substanzen, die in der Lust vorkommen, nämlich Sauerstoff, Ozon, Wasscrdampf und Wasserstoff- supcroxyd, hervorgebracht wird.— Erziehung und Unterricht. c. Eine Kinder-Bibliothek in Brooklyn. Eine bemerkenswerte Einrichtung hat die Frei-Bibliothck des Pratt- Instituts in Brooklyn aufzuweisen. Sie hat eine besondere Ab- thcilnng, die ausschließlich für Kinder eingerichtet und auch mit einen, Lesezimmer verbunden ist. Nach dein kürzlich erschienenen JahreS- bericht, der manche interessante Einzelheiten über die Organisation und Betheilignng der Kinder enthält, haben im vorigen Jahre 2226 Kinder die Bibliothek benutzt, und 42 818 Bände wurden ihnen »ach Hause mitgegeben. Während der Sommerfericn konnten die Kinder, die in der Stadt blieben, einen Tag um den andern Bücher wechseln, während das sonst nur alle 3 Tage üblich ist. Die Bibliotheksverwaltting versucht, den Kindern ein gewisses Pflicht- gefühl betreffs der richtigen Ablieferung und Instandhaltung der Bücher einzuflößen. Jedes Kind muß seinen Namen in eine Liste schreiben und sich die darin stehende Formel einprägen. „Indem ich meinen Namen in diese Liste schreibe, verpflichte ich mich, auf alle Bücher, die ich entleihe, gut acht zu geben, alle Ab- gaben und Entschädigungen zu bezahlen und mich den Statuten der Leihbibliothek und des Lesezimmers zu fügen. Eine erwachsene Person, die in Brooklyn lebt, hat die Bürgschaft für mich über« nominell." Das Gefühl der Verantwortlichkeit, das in den Kindern dadurch geweckt wird, hat sie thatsächlich dazu gebracht, die Bücher mit großer Sorgfalt zu behandeln. Bei neuen Büchern ist dies ganz' besonders der Fall. In jedem neuen Buch liegt ein Zettel mit der Aufforderung, sich sehr in acht zu nehmen,„damit auch noch andere Knaben und Mädchen sich daran erfreuen können". Das wirkt augenscheinlich auf das Gemeinschaftsgefühl der Kinder. Es wird auch streng darauf gesehen, daß an feuchten Tagen die Bücher eingewickelt werden. Das Lesezimmer ist mit Zeitschriften-Regalen ausgestattet. Auf dem einen befinden sich Karten, die eine wöchent- liehe Zusammenstellung der ausliegendcn Jugendzeitschriften geben. Die Aufseher berichten, daß diese Karten mit großen, Vergnügen von den Kindern benutzt werden. Die Zeitschriften werden ernsthast verfolgt, aber hauptsächlich sind es die Illustrationen, die mit ganz besonderem Interesse bettachtet werden. Auch Abends ist der Zutritt gestattet, und hier hat sich der Besuch gegen das Vorjahr bedeutend vermehrt. Das ist um so überraschender, als die Zutritts- bedingungen für den Abendbesnch erschwert worden sind. DaS Vorzeigen einer Vibliothekskarte wird jetzt verlangt, wn die Kinder fernzuhalten, die nur Störungen hervor- rufen wollen. Im allgemeinen verhalten sich aber die Kinder im Lesezimmer ebenso ruhig wie die Erwachsenen. Ehe ein Kind jetzt zur Bibliothek zugelassen wird, holt die Verwaltung erst die Er- laubniß der Eltern ein, denn es hat sich öfters in letzter Zeit herausgestellt, daß die Kiuder die Bibliothek ohne die Erlaubnis der Eltern benutzten und auch falsche Adressen angaben. Die Kinder suchen sich auch selbst aus den Regalen Bücher ans, aber sie finden dann selten etwas, das sie befriedigt. Man sieht daher darauf, dafi sie in diesem Fall sich erst hinsetzen und die Bücher durchsehen, ehe sie sie mitnehmen. In dein Lesezimmer werden auch Ausstellungen für die Kinder veranstaltet. Im Mai Ivar eine Frühlingsausstellung von Blunien, Farrnkräuteni und Vögeln, die namentlich die Mädcheii interessirte.— Völkerkunde. gk. Höhlenbewohner in Süd-Tunis. Die Forschuugs- reise, die Kapitän Brunn aus Kopenhagen in die südlichen Gebiete von Tunis unternahm, hat, nach einem Bericht des„Äthenacum", zu einenr interessanten Ergebniß geführt. In den Matinata-Bcrgcn im Süden von Gabes kam er durch einige kleine Höhlen, die nur zur Erntezeit bewohnt wurden, von denen aus die Ernte bewacht wurde. Der aufsteigende Rauch inachte ihn aufmerksam und er bemerkte eine kleine Nrederlassung, die in einer tiefen Grube versteckt lag. Auf dem Grund war ein Hcerd, um den Haushaltungsgegen« stände und große Korbe mit Gerste herumstanden. Dazwischen liefen einige Hühner umher. Die Frauen und Kinder, die dort saßen, blickten einen Moment erstaunt empor, als sie Brunn erblickten und flohen dann zu Verstecken in den Wänden. Nun ging Brunn durch eine große Thüre, die den Eingang des Bauwerkes bildete und wurde von dem Khalifa und seinen Dienern empfangen, die er als Männer mit regelmäßigen Gesichtern, schwarzen Äugen und geraden Nasen beschreibt. Die Höhle, in der Bruun eine Wohnung angewiesen wurde, erreichte man durch einen langen Gang, der in die Felsen gehauen war. An einer Seite waren Ställe für die Pferde ausgehöhlt, und der ge- deckte Gang endete in einen viereckigen Hof mit senkrechten Wänden von 30 Fuß Höhe, von denen sich nach allen Richtungen symmetrisch Höhlen mit gewölbtem Dach ausdehnten. DaS Fremdenzimmer enthielt ein Lager, mit schönen Teppichen bedeckt, und einen Tisch und Stühle für Europäer. In Duirat, dem südlichsten Torf von Tunis, fand Bruun ganz andere Höhlen: Eine äußere Umzäunung, inner- halb deren ein Haus gebaut war, das den Eingang der Höhle ver- deckte. Das Haus bildete die gewöhnliche Wohnung, und die Höhle nur eine Zuflucht in der Sommerhitze, oder wenn das Haus an- gegriffen ivurde. Ein noch weiterer Fortschritt in der Entwickclung der Wohnungen zeigte sich in der Ebene der Dörfer Metamer und Medini, in denen augenscheinlich die Höhlenwobnungcn zum Muster genommen waren. Kleine, längliche Häuser sind Seite an Seite im Viereck gebaut, eine vollständige Zitadelle bildend von genau der- selben Form, wie die Höhlenwohimngen.— Aus dem Pflanzenlcbcn. — Der älteste historische Baum der Welt ist, wie Dr. Arthur Pfungst in der„Frkf. Ztg." mittheilt, der B o- B a u in zu Anuradhapura auf Cehlon. Er wurde im Jahre 245 v. Chr. eingepflanzt und grünt heute noch fort; er ist also jetzt 2143 Jahre alt I Ein Lebensalter von tausend bis viertausend Jahren ist den Affenbrolbäuinen des Senegal, den Eukalyptusbäumen von Tasmanien, den» Drachenblutbaumc von Orotawa, dem Wellingtonia- Baume von Kalifornien und demKastanienbaume des Aetna zugeschrieben worden. Aber alle diese Schätzungen beruhen auf Muthinaßuugen. Hin- gegen ist daS Alterndes Bv-Bäumcs ein Gegenstand geschichtlicher Auf- zeichnung gewesen. Von dein heiligen B o- B a u m e. dem Baume der Weisheit, unter welchem Buddha in der Nähe von Vodh- Gaya, bei Rahgier, an den Ufern des Nairanjara erleuchtet worden war, d. h. die Buddhaschaft erlangt hatte, brachte Sanghamitta, die Tochter de? buddhistischen Königs Asoka, im Jahre 245 v. Chr. den Zweig mit nach Ceylon, wo er eingepflanzt ivurde und zu einem Baume erwuchs. Seiner Erhaltung haben eine Reihe von Dynastien die höchste Sorgfalt angcdeihcn' laffen, und die Geschichte der Wandlungen, die sich an ihm vollzogen haben, ist in einer Reihe zusammenhängender Chroniken aufbewahrt worden, die zu den zu- vcrlässigsten zählen, welche von der Menschheit überliefert worden sind. Der Baum hätte kam» so lange erhalten bleiben können, lvcnn er nicht unter der unausgesetzten Pflege der Mönche gewesen wäre. Als sich Anzeichen bemerkbar niachten, die darauf hindeuteten, daß er ab- sterben ivollte, wurden rund um ihn her Terrassen aufgeftihrt, so daß er jetzt mehr als 20 Fuß höher steht, als der Boden, der ihn umgiebt. Da der Baum zu den Feigenarten gehört(sein botanischer Name ist ITicug religiosa), konnten seine lebenden Zweige nunmehr frische Wurzeln schlagen. Wo sich seine langen Arme über die Ein- friedigung hinaus ausgebreitet haben, wurden rauhe eiserne oder ausgemauerte Pfeiler benutzt, uni sie zu stützen. In den trockenen Jahreszeiten lvird er sorgfältig mit Wasser versehen.— Aus dem Gebiete der Chemie. 4. Eine Bereitung künstlicher Vanille mittels Ozon hat M. Otto erfunden, wie das Pariser„Journal de Pharmacie et Chimie" schreibt. Für die Gewinnung des Vanillin, desjenigen Stoffes, der der Vanillenschote ihren eigenartigen und hochgeschätzten Geruch und Geschmack mittheilt, sind schon früher verschiedene künst- liche Verfahren angegeben ivorden, so aus dem Saft von Nadel- hölzern und besonders aus Nelkenöl(Eugenol). Spuren von Vanillin hat man auch in verschiedenen natürlichen Harzen, der äußeren Hülle von Haferkörnern und in Zuckerrüben gefunden. Otto benutzt für sein Verfahren ebenfalls das Nelkenöl, das er in einem Verhaltniß von 1 zu 10 in Essigsäure löst und dann von ozonisirter Lnst durchströmen läßt. Das Ozon wirkt schon in der Kälte, noch besser aber bei Erwärnmng der Lösung auf einem Wasserbad. Wenn nian 5 Milligramm Ozon aiff ein Liter Lust nimmt und stündlich 400 Liter solcher ozonisirter Luft durch die Lösung streichen läßt, so bildet sich nach 24 Stunden ein Niederschlag, aus dem man durch ein einfaches Verfahren das reine Vanillin abscheide»» kann. Es besteht aus einer weißen seifigen Masse, die bei 30 Grad schmilzt »ind bei 230 Grad siedet, sie ist in kaltem Wasser Ivenig löslich, da» gegen leicht löslich in heißem Wasser, Alkohol und Aether. Dieses Vanillzn ist vollkominen dem Stoffe gleich, der aus den Vanillen- schoten gezogei» tvird. Man km»n es auch in vollkommen weißen Krystallrn erhalten, seine Lösungen zeichnen sich dadurch a»lS, daß sie an der Luft gelb»verde». Auf grund des neuen Verfahrens ist in Courbevoic bei Paris eine Fabrik gegründet worden.— Humoristisches. — Verschnappt. Fräulein:«Ziehen Sie auch schmerzlos Zähne aus?" Barbier:„Selbstverständlich." Fräulein:„Da werde ich Sonntag Morgen zu Ihnen kominen!* Barbier:„Ja, Sonntag Morgen darf ich nicht ziehen... wegen des S ch r e i e n s I'— — Neues Wort: Arzt:„Der Großgrundbesitzer T. hat das Podagra I" B.:„Also ein Pod a g r a r i e r."— — Der verivittivete Pantoffelheld. A.:«Dem Kaufmann Schulze ist seine Frau gestorben." V.:„Ja, der ist wieder selbständig geworden."— (.Meggend. Huin. 831.") Vermischtes voin Tage. — Em junges Ehepaar aus Bösel(Oldenburg) wurde ver- haftet, da es im Verdacht steht, den Vater des Mannes vergiftet zu habe»». Dieser hatte seinen Kindern sein Vennögen übergeben und sich dafür eine Rente von 700 M. jährlich ausbedimgen. Vor drei Wochen starb er plötzlich. Die Uutcrsuchuug der Leiche ergab, daß er niit Arsenik vergiftet»vorden.— — Ein schneeweißer R e h b o ck»vurde auf der Markung Thakheiin erlegt. Das seltene Stück soll in das Ratiiralien- Kabinet nach Stuttgart koimnen.— — Der liberale ungarische Reichstags- Abgeordnete Julius H a l a s s h hat sich in N e u s o h l wegen emes unheilbaren Leidens erschossen.— — Aus dem Dorfe I st o k in Altserbicn raubten Arnauten drei christliche M ii d ch e it. Sie forderten 25 000 Piaster Lösegeld und drohten, falls sie diese nicht erhielten, die Mädchen zu ver- kaufen. Die Eltern zahlten bisher 4000 Piaster, erhielten aber ihre Töchter dafür nicht zurück.— — Zwischen Gent»ind Brüssel wurde ein Kaufmann sin Zuge von drei Mitreisenden betäubt und seiner Baarschaft von 400 Fr. beraubt.— — Das Vorkommen von L ä n» in e r g e i e r n in den s ch>v e i z e r i s ch e n Alpen-gehört zu den größten Seltenheiten. Letzter Tage erlegte ein Gemsjäger von Baren einen Lämmergeier in dein Augenblicke, als dieser auf den Hund des Jägers nieder- stoßen»vollte.— — Am Montag trat in Archangelsk plötzlich eine Kälte von 30 Grad H.'cii». Bis dahin hatte das Thermoureter noch 2 Grad Wänne gezeigt. Auf der N e>v a bei Petersburg ist bei 7 Grad Külte Eisgang.— c. e. Ein englischer Schuljunge faßte in einem Aufsatz sein Urtheil über G l a d st o n e so zusannnen:„Herr Gladstone Ivar der Verfasser einer großen Airzahl von Werken, hauptsächlich theologischen und ivissensch'aftlichen Inhalts; in seinen Mutzestunden befaßte er sich meist mit p o l i t i s ch e n I n t r i g u e n."— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 18. Dezember. .Beraiitwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck mid Verlag von Max Babing in Verlra.,