Anttthaltungsblatt des Vorwärts Nr. 246. Sonntag, den 18. Dezember. 1898 (Nochdruck verboten.) Die VAdereise dev Fsamilie Hellvik. 10Z Von Alfred af Heden st fern a. „Aendern?" sagte die Oberstin.„Tie Königshymne in ein Dankgedicht an die Badefrauen umändern? Wie sollte das möglich sei», liebster Assessor?" Halldeliu lachte überlegen, ging auf sein Zimmer und suchte den alten Entwurf hervor. In einer Stunde kam er wieder herunter, rief Pingvall, Frau Hellvik und ein halbes Dutzend anderer wichtiger Personen herbei und las mit viel Selbstgefühl und großer Begeisterung vor: Gleich der Najad ans den Wogen, Kräftig und hold und jung Schiviminend kommt angeflogen, Frisch, neugcstärlt im Schwung Durch die Fluth die Jungfrau schau! Das ist das Werk der Badefrau. Schnell wird gesund geniacht Jeder in unserm Ort. Selbst der Podagrist lacht, Fährt nach der Kur er fort. Reibt ihn doch die Badeftau Im Bade hier fast braun und blau! Thne Dich, Frauchen, nicht zieren, Du so bewährt und alt, Die so oft uns ließ frieren Unter der Brause kalt. Nimm die Gab' des Komitee Für all' Dein Wirken, Badefee l Jubelnd und frohgestinimt Tranken wir manches Glas. Alle Schmerzen uuS nimmt Hiesiger Quellen Naß. Macht gesund das Moorbad, grau, Wir dankcn's auch der Badefrau. Feen der Badezcllen, Jugend, Gesundheit ihr schafft, Dank macht die Herzen schwellen Für die massirende Kraft! Nächstes Jahr auf Wiedersehen, Ihr lieben, alten Badefecn. Bei dem Beifall, der sich nun in dem kleinen Kreis ver- nehnreu ließ, that der Oberlehrer Vimau einen stillen, aber heftigen Eid, niemals mehr jemandes Verse zu kritisireu; aber, wenn möglich, seine Schuljungen so zu drillen, daß sie im reifen Alter einen etwas besseren Geschmack in der Anwendung ihrer Muttersprache offenbarten, als der Assessor Halldeliu. Strahlend schön brach der Tag des Festes für die Bade- fraum an, man war allgemein zufrieden, und mancher war im Stillen vielleicht noch heiterer und behaglicher gestimmt, als wenn die Huldigungen dem Lkönige gegolten hätten. Nur der Kurdirektor Klodz ging finster und grübelnd draußen in den abgelegensten Alleen umher und blickte weh- müthig nach seiner linken Brusffcite. Wer weiß, ob es jetzt zu Weihnachten eine solche kleine Zier gab. Hätte dagegen Seine Majestät mit eigenen Augen gesehen, wie ausgezeichnet hier alles war. dann..." Eine deutsche Musikbandc war auf ihren Streifereien in Schweden auch nach Gesnudbrunn gekommen und trotz der energischsten Einwendungen des Direktor Pingvall von Amts wegen doch engagirt worden, um mit ihren mehr als Zweifel- haften Tönen das Fest zu verherrlichen. Alles ging in dem gemeinsamen Interesse auf. Selbst Hellvik's Peter fand sich ungeladen ein, half Laub tragen und aufwarten, wo er konnte, und wurde von einer der Direktions- damen freundlichst ersucht, auch nach dem Beginn des Festes dazubleiben und als Handlanger zwischen der Küche und dem Büffet im Freien mitzuhelfen. Peter hatte ja auch ein Herz, obgleich es tief drinnen saß in einem fetten Körper, und dieses Herz begann zu klopfen und zu springen beim Anblick einer netten, kleinen Wäscherin, die in furchtbarer Eile hin und her lief und auf- wartete und mindestens so viel that, wie zwei andere, und ganz reizend aussah in ihrer Nationaltracht. Sie hatte Peter mehrmals freundlich um eine Gefälligkeit gebeten, und Peter empfand den lebhaftesten Wunsch, sich um ihretwillen auf den Kopf zu stellen oder etwas noch Schlimmeres anzurichten. Als die Arbeit für eine Weile etwas nachließ, trat er ver- legen hervor, legte seine braune Hand auf ihren feinen Arm und sagte: „Meenen Se nich, wir häwe uns nu genug abgehetzt und könnten uns e bische dort in d'n Schatten setze?" Das Mädchen fuhr zusammen und blickte ganz erstaunt auf; aber dann lachte sie herzlich und sagte: „Ja, warum nicht?" Sie zogen sich in eine schattige Laube zurück, in der das Mädchen sich hinsetzte und Peter schelmisch von der Seite anguckte, der sich nur ans den äußersten Rand der Bank setzte und sagte: „Schrecklich hecß, hiebe „Sehr!" „Wat kriege Se denn für den Dag, dat Se sech so ab- Hetze?" Ihre Augen funkelten sehr bedenklich, aber sie biß sich in die Lippen und blieb'ernst. „Fünfzig Oere." „Det is ja erbärmlich! To Hus häwe de Mächens im Sommer eene Krone für den Dag!" Er rückte ihr allmälig. immer näher, Schließlich legte er den Arm um ihre Taille und rief: „Mei liewes Zuckerherzche! Herrje, könnte Se mi nich e ganz kleen bische gern hawe..." Das Mädchen fuhr mit einem Schreckensschrei auf und sprang davon, so schnell sie konnte. Peter schlich ihr wie ein begossener Pudel nach und sah dann, daß sie mit glühenden Wangen und laut lachend mitten in einem Kreise junger Damen stand und ihnen offenbar etwas sehr 5tomischeS erzählte. Aber da wurde Peter wüthend, trat, mit der Mütze in der Hand, näher und sagte: „Jo, jo, entschuid'gen Se man nur l Nu begreife ick ja, dat Se sich mau nur vcrkleedet häweu, wie's ihrer vier Stückcr daheeme am Gcburtsdag det Herrn Probst gemacht häwen, aber ick könnt' doch nich gut sehe, dett Se von bess're Lcit' sein..." Dann machte er Kehrt, ging ans dem Park hinaus, direkt hinauf auf seine Bodenkammer und legte sich schlafen, unzu- frieden mit sich selbst, wie damals vor zwei Jahren, als er, bei einer Wendung vor der Pfarrkirche daheim den Wagen umgeworfen.-- Der große Politiker hat soeben von dem Ortsrichter erfahren, daß Herr Hellvick in seiner Gegend äußerst populär wäre und daß es nuift von ihm abhiüge, ob er. wenn er ja auch ein ganz unpraktischer Mann sei und sich für Politik wenig inter- essirte, bei eintretender Vakanz im Herbst in die erste Kammer hinein wollte oder nicht, denn er würde fast alle Stimmen bekommen. Daher war. der große Mann sehr gnädig gegen den alten Hellvik, ging mit ihm in den Alleen spazieren und schlug zweimal vor. daß sie jeder fünfzig Oere für die „Najaden" opfern sollten, eine der Extra-Sehcnswürdigkcitcn des Tages gegen besonderes Entrec.-„Die Najaden" waren: die Fräulein OHIssou, Karlsson und Braudtsen, sowie Hellvik's Gerda, die in Schwünmanzügen, bei denen mau versucht hatte, die etwas widersprechenden Forderungen des Schicklichen und des nassen Elementes zu vereinen, in einem Meer aus blauem Tüll lagen und schwammen, das sich in einem alten, nicht mehr benutzten, fein ansstasfirten und geschmackvoll dckorirtcn Eishaus befand. Fräulein Berg, die aber sehr gekränkt war über die Geringfügigkeit ihrer Äufgabe, stand daneben und brannte bei jeder Vorstellung drei bengalische Flammen ab. Die Najaden zeigten sich jede halbe Stunde und waren das erfolgreichste lebende Bild des Festes, obwohl man auch die „Prinzessin Dornröschen" hatte,„Svea, Nora und Dania", sowie die„Königin Bianca". Frau Hellvik's ländliche Anschauungen waren die Ursache gewesen, daß Gerdas Anzug noch„uniiajadischcr" geworden war, als der der Anderen, aber die Natur hatte dieser lobens- werthen Absicht entgegengearbeitet, da Gerda Hellvik die herrlichste Figur hatte; und der einflußreiche Deputtrte äußerte bei den beiden Vorstellungen, die er mit seiner Anwcsei beehrte, beide Maie ganz gleichlautend zu Papa Hellvik: „Wie reizend die Tochter des Herrn Doktors ist! Wie schade, daß sie so verborgen in einem Landort lebt. Sehr schade! Sehr schade!" Und dann sangen die Najaden ein Liedchen, das Assessor Halldelin nicht geschrieben hatte, und eigentlich durften die stimmbegabten Fräulein Ohlsson, Äarlsson und Brandtson nur deshalb in dem Bilde mithmken, denn idealere Figuren meint man selbst in Gesundbrunn gesehen zu haben. In einer Laube saßen Herr Nilsson und Anna Hellvik und sprachen wenig, fühlten sich aber doch sehr glücklich. In einer anderen saß ein kleines Mädchen, das mit zu jenen gehörte, die den verantwortungsvollen Auf- trag bekommen hatten, um höchste Preise die Rosen zu verkaufen, die ursprünglich dazu bestimmt waren, auf die Wege des Landesvaters gestreut zu werden. Aber das Mädchen weinte, wie man nur im Lenz der Jugend weint, weil sie, die weniger schön und sehr schüchtern war, für die Rosen nicht mehr zu bekommen vermocht hatte, als fünfundzwanzig Oere, während ihre stolleginnen mit Kronen- scheinen knitterten. Da kam ihr Vater dazu, ein reicher Fabrikbesitzer, hörte bekümmert von ihrem Mißgeschick, steckte seiner Tochter sieben Fünfkronenscheine zu und schleuderte die Blumen verächtlich zu Boden. „So, siehst Du, das ist Deine Tageskasse, mein Kind. Du hast wenigstens einen treuen Bewunderer." Die Kleine lachte, umarmte und küßte ihn, denn es war nun ganz dunkel im Park, wo die Lampions nicht zu leuchten vermochten. Aber ein paar junge Leute, die vorbeikamen und einen leisen Laut von dem stüßchen vernahmen, das der Papa bc- kam, zuckten die Achseln, und der eine sagte: „Die Liebelei scheint gegen die Nacht ganz ernst zu werden." Und überall herrschte Freude und Zufriedenheit, aus- genommen in den Herzen der Mädchen, die Najaden, Dorn- röschen, Svea, Nora, Dania hatten fein wollen, aber nicht dazu genommen wurden. Tiefe jungen Damen und ihre An- gehörigen gingen umher und sagten, Gesundbrunn wäre ein richtiges Nest, Kurdirektor Klotz der reine Schwindler und der Ton in der Gesellschaft nicht so, wie er fein sollte. Ter Bruder einer in ihren Gefiihlen Gekränkten erzählte, er wüßte bestimmt, daß aus dem Budget des Kurorts jährlich vier- tausend Kronen für Musik angesetzt wären, aber die steckte der Direktor in die Tasche und eugagirte schlechte deutsche umherziehende Musikanten. Später am Abend zogen die Najaden sich an, steckten ihr Haar aus, und die Fräulein Ohlsson, starlsson und Brandt- fon stellten sich ganz bescheiden, wie gewöhnliche sterbliche Mädchen in dem Chor auf, der die Halldelin'sche Hymne sang: «Gleich der Najad aus den Wogen... Allgemeiner Jubel und Abbrennen einiger Feuerwerks- körper unter Leitung des Baron Sternfcldt. Axel Hellvik, der an diesem Abend ungewöhnlich wenig Unfug gemacht hatte, wußte es hierbei einzurichten, daß er sich gründlich die Hände verbrannte, uild seine Jacke beim „Drängeln" zerriß. (Fortsetzung folgt.) SmmkÄgsplaudevet. Manchmal ist in einer Bemerkung, die in einem Wortkanchf wie nebensächlich entschlüpft, ein förmliches kulturgeschichtliches Sinnbild eingeschlossen. Ein Staatsanwalt hat in dem Hcilbronner Prozeß von den Angeklagten sagen dürfen: Dankt Eurem Schöpfer, daß Ihr Schwaben seid. Wäret Ihr Preußen, wer weiß, ob man Euch so glimpflich mit den Strahlen aus dem Wasserschlauch gedient hätte. Ob dieser Staatsanwalt damit seiner Anklage- Rede eine be- sondere Kraft leihen wollte oder nicht, das ist nicht so sehr bezeichnend; die Aeutzcrung hat als Anschauungsmomcnt ihren Werth. So spiegeln sich ganz naiv die Zustände im Kopfe eines Staatsanwalts, nicht etiva im Kopse eines partikularistischcn, demokrattschen Klein- bürgers von Württemberg ab. So fest begründet ist der Glaube an die anders geattete preußische Raison, daß ein Staatsanwalt von diesem Gegensatz wie von etwas Selbstverständlichem spricht. Er erlaubt sich gclviß keinen Tadel gegen die schroffe preußische Schneidigkcit, er glaubt mir, mit seinem Beweisgrund durch- zuschlagen; und das ist so charakteristisch für die Einschätzung, an der man im Südwesten Deutschlands heute noch, 27 Jahre nach der deutschen Einigung, der Vormacht gegenüber festhält. Ucbrigcns könnte man der Anschauung des Heilbronner Staats- anwalts eine mehr ironische süddeutsche Äeußerung entgegenhalten, die sich sprichwöttlich gegen alles kehrt, was allzu schneidig und drohend sich gcberdct. Sie lautet: So schnell schießen die Preußen nicht. Auch in ihr ist volksthümliche Erfahrung niedergelegt: und manch Einer, selbst wenn er Kriegsminister wäre und sich ans seinen breiten Säbel stützte, könnte chn beherzigen. In den Reichstagsvcrhandlunqcn der jüngsten Woche war sicherlich bis in die Reihen schroffer Opposition hinein der angriffslustige Elan nicht das Entscheidende. Mau merkte, daß der Reichstag verspätet, knapp vor Weihnachten, zusammengetreten war. Der Bevölkerung schien es, als wollte man im Parlament nicht unzeitig sein Pulver verschießen. Warum dann die überscharfe Schneidigkeit ans anderer Seite? Warum die über- strenge Zensur des neuen Mannes, des Reichstags-Präsidenten? Die Verbitterung über gewisse Ercigniffe wird immer ihren Ausdruck finden: kem Kürassier als Zensor wird's ihr je auf die Dauer ver- wehren. Wie weit ein Scheinparlamentarismus führen kann, man sieht es im zerrütteten Oesterreich. Nicht der Parlamentarismus an sich ist in Wien zur Karrikattir geworden. Dort, wo immer ein Schein- und Zicrparlamcntarismns bestand, konnten sich die wilden Lärm« szcnen als Widcrspicl vorbereiten, wenn die Verbitterung alle Dämme durchbrach. Im Wiener Stadtparlament wurden in diesen Tagen auf Geheiß des Oberbürgermeisters Lucgcr einzelne Stadtverordnete aus dem Saal hinausgczcrtt mid getragen, weil sie sich den Ver- Mahnungen LUeger's nicht fügten. Die Mißwitthschaft hat es glück- lich dahingebracht, daß die HinauSgeschleiftcn sich>vie Helden vor- kamen, daß das Unsinnige mit einem Schein von Heroismus umgeben wird. Die Blätter für dcu dummen Kerl von Wien, die illustritt er- scheinen, brachten natürlich sofort dieBildcr der jüngsten„Heldenthaten". So sehr kann sich aller Parlamentarismus zum Zerrbild verkehren, wenn eine Mehrheit, wie in Wien, ihre Macht rücksichtslos ans- beutet und wenn man der Lerbtttennig nicht einmal Raum zur öffentlichen Klage gvmit. Eine erfreulichere Kulturerscheinung haben wir diesmal in Berlin zu verzeichnen. Es ist die erste Doktorprvmotion eincs Weibes. Fräulein Elsa Neumaim ist unser jüngster Doktor geworden: sie hat ihre Examina sogar in„formalen, trockenen Fächern", in Mathematik bestanden und die Universität steht noch; die Brüder Humboldt sind nicht von ihren Sockeln gestürzt und jene Herren Professoren, die„das Frauenzimmer" am liebsten mit dem feurigen Schwert aus den Hörsälen vertrieben hätten, haben nicht einmal das Gallcnfiebcr sich augeärgcrt. Den COOO Studenten, die die Berliner Universität in diesem Winterhalbjahr zählt, ist mich der Schrecken nicht in die Glieder gefahren. Und was wußte man im verzopften Vorurtheil noch vor wenigen Jahren Ivider das Fraucnstudium zu zetern I Es ist eigentlich keine kleine Bosheit von unserem ersten Fräulein Doktor, daß sie sich gerade auf Mathematik und Physik geworfen hat. Denn diese beiden Wissen- schaften erfordern exakte logische Schlüsse und eine hauptsächliche Annahme geht dahin, daß es der Frau im allgemeinen an der Gabe fehle, streng logisch zu folgern. Es hat zwar schon weibliche Mathematiker gegeben und eine sehr berühmte Lehrerin darunter, aber der Ehrgeiz des ersten weiblichen Doktors von Berlin dachte wohl: Man kann dem Vorurtheil nicht oft genug trotzen. So fällt das Alte, Schlag um Schlag! Auch in der äußeren Struktur Berlins soll jetzt elwas AltgctvohittcS dahingehen. Der Thiergarten, unser ältester Naturpark, soll umgewandelt werden. Seine ursprüngliche Bestimmung als Wald- und Wildgehege war bis in die jüngste Zett hinein noch zu erkennen. An einzelnen Stellen fand man dichten Baumbestand nnd, wie sehr auch die modernen Villenbautcn den Thiergarten umklammern mochten, in seinen engen Ueberbleibseln war der Waldcharalter ge« wahrt, wenn man etwa vom Königsplatz absieht. Ans Wunich de« Kaisers soll nun aus dem alten Thiergarten eine Art von eirglischcm Park werden. Da handelt es sich darum, weitere Rasenflächen zu Ichaffcn. für freiere Durchblicke und architettonischc Arrangements zu örgen. Aus dem Hain mit seinen mannigfach verschwiegenen Partieen wird ein offenerer Stadt- nnd Zierpark. Bäume müssen fallen, der Blick muß rm behinderter als jetzt in's Weite streben. Freilich ist's dann auch mit dem vorbei, wa? heute Nock das Waldidyllische im Thiergarten ausmachte. Nicht zu allen Tageszeiten ivar es gleichmäßig wahrzunehmen. Ader ehe der Arbeits- und Straßenlänn noch ganz wach wurde, und erst als leiseres Surren und Summen erklang, da war es noch ivie ein Stück Waldfriedens im beklemmenden Häusermeer Berlins. Und unser« Ritter vom Geiste waren es, die von jeher die lauschigen Gänge des Thiergartens als Morgenpromenaden bevorzugten. All- täglich konnte man dem greffen Leopold Ranke, dem Historiker, begegnen; und der neulich verstorbene Dichter Theodor Fontane hielt dem Thiergatten ebenfalls die gleiche Treue. So geht in den endlosen Hänserreihen das unbeschränkte Natur« behagen überall verloren; mit Künstlettschem und Künstlichem dagegen überhäuft man den Großstädter. Käm'S auf die Massen- haftigkeit an, wir lebten in Berlin im gcpttesenei» Kunstzeitalter. Ein Dilettantismus, wie er unmöglich scheinen möchte, und ausgesuchtes Raffinement andererseits stürmen oft zugleich auf die Sinne der Betrachtenden ein. Wer möchte das alles verdauen? Wo so vielerlei sich kreuzt, muß man auch ans die knriosesten Schwärmer stoßen. So ist imS ein fimkelnagelneiier Dichter erstanden, der die patriarchalischen Herrenlauncn eines Stninm in blitzdlanke Komödien umsetzt. Gäbe es Dichterakademien bei uns. vielleicht blühte Herrn H a n S Hauptmann, einem Ntimensverter des Dichters der.Weber", eine rechtschaffene Poetenprofessur. Herr Hauprmann, das muff man sagen, hat wenigstens den»Muth zur Wahrheit". So heißt auch sein Schauspiel, das allerdings nicht in einem aristokra- tischen Theater Berlins, sondern draußen vor dem Halleschen Thor, im Belle-Alliance-Theater gespielt wird. Herr Hauptmann ist nicht schüchtern, das nmff man ihm lassen. Er verachtet das profane Volk. Von seiner geistigen Höhe herab besieht sich der Große das kleine Gewimmel unter ihm und wie ein russischer toder auch nicht russischer) Polizeiminister denkt er: dies ekle Pack kann nur durch Zucht und Furcht vor dem Stock zusammengehalten werden. Das sagt er aber nicht zu sich in» stillen Käinmerlein, das predigt er als dramatischer Agitator. Es wäre überflüssig, über besagten Hauptmann noch ein Wort zu verlieren, wäre die Aufführung seines Slückes nicht solch' drasti- scher Beweis für die Kläglichkeit unserer Theaterverhältnisse. Wie selten harmonirt das Theater mit dem vorgeschrittenen Leben; wie oft dagegen erscheint es munufizirt, dem geistigen Pöbel dienst- bar. Wie viel bleibt noch für durchgreifend geistige Er- ziehung zu thun übrig,>vc»n ein Bühncndirektor nicht etlva ,n einer Umgebung von Junkern»md Großindusiriellen, sondern unter .kleinen Leuten" so dreiste Attentate wagen darf I Man denke! Wie Satan um Hiob's Seele wetten darf, so wettete ein Fabrikant, von seinen profilgicrigen Genossen gedrängt, um die Seelen seiner Arbeiter. Werden sie ihn, Ivciter so ergeben bleiben. Ivenn er sie heimsucht? Er Ivendet also die Hnngcrpeitsche an und das höchst Merkwürdige geschieht: das Bcttelgcsindel streikt. Ter Fabrikherr koimnt zwar nicht als frivoler Strcikurheber ins Zuchthans. Aber der Hochmächtige wird böse, er»st von seinem Idealismus knrirt, als tvären Arbeiter auch Menschen; wie der lallende Oswald in den„Gespenstern" nach der Sonne ruft, so nift er ein inns andere Mal: de» Stock, de»» Stock, den Stock für das Gesindel. Es wäre zum Ekel, wür's nicht zugleich so läppisch lächerlich I— Alpha. Kleines Feuilleton. cd. Eine Jähre. Es war in der Mittagsstunde nach Schluß der Schulen, als ein etwa vierzehnjähriges Schulmädchen niit seiner Büchertasche in einen Handschubladen ttat und den anwesenden Inhaber schüchtern sragt«, ob er Hcrrenhandschuhc Sir. 8 führe. Er überlegte in» Stille», daß sie Handschuhe dieser Art doch wohl nur für ihre» Vater zu besorgen habe, bejahte also die Frage mit einer Art väterlichen Entgegenkommens und erkundigte stch, ob sie vielleicht Handschuhe.Marke Hundeleder" wünsche, die gerade sehr modern wären. .Hundelcder? Ach nein; miS der Haut armer Hündchen möchte ich doch die Handschrche nicht gemacht haben," sagte sie gefühlvoll. „Das wäre mir doch zu grausam."—„Nim, kleines Fräulein, das ist blas ein Geschnstsmtsdruck," erläuterte er herablassend.„Sie find in Wirklichkeit gar nicht aus Hnndclcder gemacht."—„Hm, wissen Sie, dann möchte ich doch diese Art Handschuhe lieber nicht kaufen," erklärte sie. dreister werdend.„Es »st doch so recht eigentlich unreell, wenn man vorgiebt, aus einem Stoffe zu bestehen, aus dem man doch garnicht gemacht ist."— „Wie Sie wünschen, Fräuleinchcn," meinte er mit nachsichtige»» Lächeln.„Wir haben ja aber alles Mögliche in unserem Artikel auf Lager..Hiuideleder" ist freilich viel getragen worden..."„O, aber getragene Handschuhe wollte ich allch nicht haben," gab sie scheinbar mißverstehend zur Ailtwort.„Ich»vußte nicht, daß Sie abgelegte Sachen vcrkauftei». Haben Sie denn nichts Neues ans Lager?" Sein Lächeln wurde ein wenig matt; noch aber erhielt er es muthig aufrecht.„Wir führen alle Ne»>heiten der Saison", er- widerte er.„Wie wäre eS denn mit einem schlvedischcn Handschrlh?" —„Schwedische Handschuhe klingt gut", antlvortete sie.„Was be- deutet der Ausdruck?"—„O, es ist nur ein technischer Ausdruck für eure gewisse Sorte Handschuhe", gab er ausweichend zur Antwort. Wer konnte wissen, was für einen neuen Einivand sie dagegen erheben mochte?—„Schwedisch bedeutet also nicht, daß sie von irgend einem Thiere herstamincn?" vergewisserte sie sich.— .Ich glaube nicht." gab er vorüchtig zurück.—„Schwedisch klingt so geographisch," fuhr sie fort..An» Ende konunen diese Handschuhe aus Schivcdcn?" Er flüchtete sich hinter seine ursprüngliche AuSrcde.«Diese Gc- schäftsausdrücke bedeuten eben nichts lveitcr als— hin— als Geschäftsausdrücke. Wem» Sie mir gestatten wollen..." Und er stellte einen geöffneten Kasten vor sie hin.„Vielleicht gefallen Ihnen diese?"—„Nein, dies Grau ist mir zu dunkel." Er holte einen anderen Kasten mit grauen Handschuhen herunter, die ihr zu hell waren. Er tailchte unter den Ladentisch und förderte rehbraune zu tage, die zu dunkel sein sollten. Darauf klon»»»» er aus der Leiter iir die obersten Regionen seines Repositoriums nach andern rchfarbigcn, die sie für zu hell erklärte. Als er noch eine Weile herumgesucht hatte, spielte sie die Gütige. Sie wolle nicht, daß er sich ihretwegen Umstände mache, sö»verde sie diese nehmen. Also doch wenigstens ein Geschäft zu »»»achen! Das Lächeln stellte sich wieder auf dem Antlitz des Kauf- mannes ein.„Wie Sie befehlen. Diese Sorte kostet das Paar sieben Mark fimszig."—„Schön, dann bitte einen."—„Ein Paar, meinen Sic?"—„Nein, bitte, einen Handschuh, den rechten."— Das Lächeln erstarb von neuem auf seinem Gesicht.„Das läßt sich schlechterdings»»»cht machcn," erklärte er ihr.„Wir reißen nieinals ein Paar auseuiandcr."—„Auseinandergeriffene Handschuhe würden Ihren Kunden freilich nicht viel nützen," gab sie ihin schnippisch zur Antlvort.„Ich aber brauche einen Handschuh, einen unzerrissenen, neuen— den rechten."—„Aber sehen Sie denn nicht ein, daß ein einzelner Handschuh für mich von gar keinein Nutzen ist?" stellte er ihr halbvcrziveifclt vor.—„Fällt mir ja anch garnicht ein, Hand- schrihe zu I h r e in Nutzen kaufen zu»vollen ," meinte sie etwas schnodderig,»vie ein echter Backfisch.„Ich brauche die Handschuhe für einen unglücklichen Mann, dein eine Hand ampntirt»vorden ist. Sie werden also einsehen, daß z>vci Handschuhe für ihn von keinem Nutzen sind."—„Ja, da kann ich Ihnen nicht helfen," erividerte er, vor verhaltener Wuth halb außer sich.„Aus- eiiiandcrreißcn können»vir eben kein Paar."—„Es versteht sich natürlich von selbst," äußerte»roch»vie nebenbei das Schnlmädchen, indem es sich zum Gehen anschickte,„daß ich für den einen Handschuh den Preis des ganzen Paares bezahlt hätte." Der Main» an» Ladentisch richtete sich von seinen wieder ein- geordneten Handschuhen auf.„O, das ist freilich ctivas Anderes," sagte er.„Dann bitte. Der rechte Handschuh»var's jaivohl?"— „O nein, nun danke ich Ihnen anch," anttvortetc sie kühl.„Sie haben mir ja mehrmals erklärt, Sic können die Paare nicht aus- cinanderreißen. Nun, dann behalte» Sie sie. Ich»verde meinen Handschuh andersivo kaufen, wo man den Künden mehr entgegen« komint." Damit war sie aus dem Laden hinaus... Nachdcn» der Karrfinann eine Zeitlang»vie rasend unter seinen Handschllhkästcn hcrnnigearbcitct hatte, trat eine andere Kundin zu ihm ein, die ganz enttüstet sagte:„Da habe ich doch eben draußen ein halbwüchsiges Schulmädchen mit einer Büchertasche gesehen, das muß wirklich vollkommen betrunken fein. Es lacht innncrzu ganz laut und»»»»bändig vor sich hin, daß schon" alle Leute stehen bleiben und ih»»» nachsehen. Jetzt eben ist es in die Pferdebahn ge- spruugen." „O, bctrnnkeir ist die hoffnungsvolle Person nicht," gab der Kaiifmann wuthschnanbend zurück,„sie hat nur ihre Mittagspause dazu angeivendet, sich auf ihre Weise zu aiuüsire», und ich bin das Opfer gelvese»»."-- Literarisches. —„In Freien Stunden". Bon dieser»»» Verlage der Bnchhandlnug Borivärts erscheinenden illustrirtcn Wochenschrift für das arbeitende Volk liegt»uis der ziveite Halbjahrsband für 1888 vor. Er einhält den Roman„Die Elenden" von Victor Hugo. Heber den Roman haben wir»ms bereits in dem Feuilleton„Die Anncn und Elenden" lUnlcrhalttmgSblatt Rr. 174) ausgesprochen. Der künstlerische Schmuck des B»ichcs rührt von I. D a m b e r g e r in München her. In den Jllnstrationen, die den Gang der Erzählnng begleiten, sind die malerisch»virksanien Szenen mit scharfein Blick hera»isgeholt, so daß sie»vohl geeignet sind, die Wirkung zu steigern. Sie sind nach kräftigen realistischen Fcderzeicknnngen hergestellt. Das ansprechend gelrniideiie Werk (Preis 3,50 M.) eignet sich als Weih»achtsgesche>»k.— Geographisches. — D er hvchsteGipfel der An den- Kette. Der„Franks. Zeittmg" wird geschrieben: Wie wenig die Gebirgskunde von Süd- amcrika nach den grundlegende»» Neisebcobachtungcn Alcxander'S von Humboldt fortgeschritten ist, beweist der Umstand, daß die Frage nach dem höchsten Gipfel der Anden-Kettc bislang noch nicht end- giltig entschieden war. Jnsgei»icin wurde den» nordöstlich von Sanliago gelegenen A c o n c a g u a die größte Höhe zugesprochen, und auf der von Dr. Paul Eifert in dem großen Dcbeö'schen Atlanten gelieferten Karte von Mittel-Südamcrika wird diesem Berge die Metcrhöhe von 6070 zugeschrieben, während die beiden dieser Erhebung an» nächsten to»»mc»deii Gipfel. der I l l a in p n und der I l I i m a n i in Nordlvest- Bolivia, die Höhcnzahlen 6550 und 6470 erhalten. Wie dein„TeinpS" soeben aus La Paz in Bolivia berichtet»vird, hat der Engländer Sir Martin Eoiiivay bei einer jüngst vorgenommenen Besteigung des Jllanipu den Gipfel»licht erreichen könne»», in der Höhe voi» 24 000 Fuß hinderte ihn eii»e Schlucht an»»veitcren Vor» dringen. Den Rest glaubte er ans etlva 300 Fuß abschätzen zu müssen, so daß die Gesmnmthöhc gegen 7406 Meter beträgt, 634 Meter niehr als der geivaltigc Nachbargipfel des Jlliniani, den Convcy vorher bestiegen und auf 6772 Meter Höhe berechnet hatte. Somit ist der höchste Anden-Gipfel nicht mehr in dem Hauptstock, sonden» in der bolivianischen Nebenkctte zu suche»». Zur endgittigen Feststellung der Höhe des Jllampu wird übrigens der Engländer seine Besteigung im nächsten Jahre wiederholen.— Völkerkunde. kg. Seltsame Amulette Bei den M a o r» S(Neu- Seeland) werden in»„Archivio per l'antropologia e l'etnologia" beschrieben. Sic sind ans Knochen des menschlichen Schädels her- gestellt»md werden ans der Brust getragen. Es sind bizarre Figiirchei» von 56—97 Millimetern Länge und 38—53 Millimetem Breite/ die nieirschliche Gestalten� nnt untergeschlagenen Beinen sitzend, darstellen. Der Kaps ist auf die eine Sebulter ge- neigt; er hat einen ungeheuren Mund, und die Augen treten scharf hervor. Auf zivcie» dieser Figiirchen sind die Augen und der Mund mit rothem Kitt überzogen; eine dritte trägt ein Ornament, wie man es aus Holzgcgenständcn der Maoris findet Die größte Figur zeichnet sich durch einen hervortretenden Nabel und durch einen Einschnitt darunter aus, sie scheint eine weibliche Gc- stall vorzustellen. Diese Amulette— Hi-Tiki genannt— sind noch heute bei den Maoris sehr beliebt; sie sind Andenken von ihren Borfahren und haben alle ihre besondere Geschichte.— Gesundheitspflege. io. U c b e r giftigen Honig bringt die Dezember-Ans- gäbe der„Therapeutischen Monatshefte" einen werthvolle» Bericht. Die eigentliche Verniilassinig dafür bildet der Krankheitsfall eines Stljährigcn holländischen Rechtsanwalts, der ungefähr ein Viertel- Pfund Honig zu sich»ahm und darauf von eigenartigen Vergistungs- erscheinnngen befallen wurde. Diese bestanden in einem brennenden Gefühl an der Stirn, Gesichtshalluzinationen, Kälte und Blässe derHant, schlvacher und unregelmäßiger Hcrzlhätigkcit und Bciiominenheit, später in Gesichtsverdunkelnng, Bewußtlosigkcit, erschwerter und beschleunigter Athmung und krampfhaften Zuckungen zunächst in den Annen' und darauf am ganzen Körper. Nach Anwendung eines Brechmittels und belebender Arzneien erholte sich der Kranke. jedoch blieb noch längere Zeit ciu Schwächegefühl und ein prickelndes Gefiihl auf der Zunge zurück. Der Honig hatte eine» deutlich bitteren Geschmack besessen. Derartige Vergiftungen sind durchaus nicht selten und werden bereits im Alter- thuni erwähnt. Am bekanntesten ist der Bericht Tenophons in seiner Anabasis über die Vergiftung seiner Leute durch den Genuß von Honig, die sich in Erbrechen, Durchfälle» und einem rauschähnlichcn Zustande äußerte. Die Giftigkeit des Honigs von Trapezunt, um den es sich damals handelte, ist noch später wiederholt, auch in neuester Zeit, festgestellt worden. Weitere Fälle von Honigvcrgiftungcn werden aus Nordamerika, aus der Schweiz (wo in der Stadt Altdorf zwei Leute daran starben) und aus England gemeldet. In England erkrankten in diesen, Jahre mehrere Knaben schwer»ach den: Genuß von Honig ans Nestern der Erdhnniinel. Man hat schon frühzeitig vcrmuthct, das die gelegentliche Giftwirknng des Honigs von seiner Hcrkinift aus giftigen Pflanzen zu erklären sei und die Wissenschaft hat diese Vcr- muthung zur Thatsache erhoben. Für de» gefährlichen Honig von Ttapeznnt sind eine dort wachsende Azaleen- und eine Rhododendron- Art verantwortlich zu machen. Diese Pflanzen enthalten, wie Plügge nachgewiesen hat, einen höchst giftigen Stoff, der in den Gc- wächse» der Erika-Familie nicht selten ist und zuerst in der japanischen Pflanze �.uckromsäa jaxonio» gefunden wurde, woher er den Namen �.nckrornockotoxin erhielt. Die Giftwirknng dieses Stoffes wurde an Thieren unzweifelhaft erwiesen. Plügge hat auch geradezu den Honig von Rhododendron- Blüthen gc- sammelt, indem er ihn nnt sehr feine» Glasröhren aus den Blumen aufsog und so gewisserniaßen den Bienen Konkurrenz machte. Auf diese Weise gelang es ihm. etwa 1 Gramm voll- kommen farblosen und ganz durchsichtigen Honig zu gewinnen, in dem er den Giftstoff chemisch feststellte. Auch der Fingerhut übrigens, sogar der Oleander ist als Lieferant von Gifthonig verdächtig. Wenn die Honigvcrgiftungen auch nicht gerade häufig sind,»och seltener tödtlich Verläufen, so ist es doch gcrathen. mit dem Genuß eines irgendwie ungelvöhnlich schmeckende» Honigs vorsichtig zn sein.-- Aus dem Thierleben. — Das Aussterben der kleinen Vögel in Frank- reich. Ein Südfranzose, Herr Bidard, hat seit sieben Jahren in den Rieder-Pyrenäen, in der Umgebung von Hendaye, auf einen Umkreis von 40 Kilometern Beobachtungen angestellt und namentlich in der Familie der Sperlingsvögel eine beträchtliche Verminderung gesitiiden. Der Nußhäher ist fast ausgestorben, ebenso der Zann- könig nud die Meise. Nur die Haubenmeise trifft man noch an. Aber die Amseln, Drosseln, Hänflinge, Ammern, die Dompfaffen, die Grasniücken und Finken verschwinden immer mehr. Die Distel- sinket, Ivaren im Jahre t89ö„och sehr häufig in jener Gegend, jetzt findet man nur noch wenige Nester. Selbst die Feldspcrlinge sind in der Abnahme, und nur die scheue Elster vernichrt sich. Schuld an dieser Ausrottung trägt einerseits die fortgesetzte Abholznng der Waldungen, andererseits die 5t»allwuth der Südfranzosen, die schon Daudet in seinem.Tartarin" so drastisch geschildert.— Geologisches. — Natürliches brennbares Gas in Holland nnd in S ü d e n g l a n d. In Europa ist das Auftreten brennbarer Gase, sieht man von der Kohlenwasserstoff- Entwickelmig in Berg- ckbanen ab, selten. Jntereffant ist da? Naturqasvorkonnncn in Nord- Holland. Dort werden, wie im„Journal für Gasbeleuchtung" erwähnt wird, aus hervordringenden, Brunnenwasser breimbare Gase ch, einem Gasometer aufgefangen und entweder im Naturzustande oder karburirt benutzt. Die Quantität des Gases hängt von der Tiefe ab, bis zu der die Brunnenrohre reichen. Ei» ii, Gebrauch y.'-'hVr'■;•- Vexontsvortlicher Redakteur: August Jacobey in Ber befindlicher Brunnen liefert stündlich ans 400 bis 1200 Liter Wasser 40 bis 200 Liter Gas, das je nach dem Baro- meterstande mit verschiedener Intensität aussttömt. Ein genügend Gas liefen, der Brniiiiei, deckt den Lichtbedarf eines Bauern- Hofes. In» Gegensatz dazu hat das natürliche Gas im östlichen Theile der englischen Grafschaft Sussex keine prakttsche Verwendung gefunden. Uebcr das Vorkommen berichtet C. Dawson eingehend in „The Quartcrly Journal of the Geological Society". Das Vor- Handel, fei,, brennbarer Gase in dortigen Gebirgsschichtcn wurde 1875 zum ersten Male beim Messen der Temperatur in verschiedener Tiefe der Bohrlöcher festgestellt. Der zweite Fund wurde 1895 bein» Bau eines artesischen Brunnens»„weit der Bahnstatton Heathfield im Kirchsprengel Waldron in einer Tiefe von 69,5 Meiern gemocht. Letzthin ist man dein, Abdohren eines Brunnens unweit der zweiten Fundstelle zum dritten Male auf das Gas in einer Tiefe von rund 95 Metern gestoßen. Die Spannung des Gases wird auf etwa acht Atmosphären geschätzt. Eine Analyse ergab eine,, auffallend hohen Prozentsatz'(18 pCt.) Sauerstoff; zu fast drei Vierteln (72,5 pCt.) bestand das Gas ans Grubengas. Annnoniak, Schwefel- Wasserstoff nnd Kohlensäure wurden nicht„achgewiesen, dagegen 4 pCt. Kohlenoxhdgas und 5,5 pCt. schwerere Kohlenwasserstoffe.' An- scheinend stanimcn die Gase aus den bituminösen Purbeck- und den mit Petroleum iniprägnirten Kinnneridge-Schichten(oberster weißer Iura), sind in den Klüften des Gebirges emporgestiegen und haben sich unter den verhältnißmäßig luftdichten Gcbirgsschichten angesammelt. Diese Rnsaniinlllng ist dort am stärksten, wo die abschließenden Schichten sich gcwölbcartig aiifs.ttteln. Dawson glaubt hierin einen Fingerzeig zu sehen, wo man die Gase in größerer Menge zu suchen habe.—(„Prometheus.") Hnmoristisches. — H ö ch st c r Triumph. Eine Theatergescllschast gicbt in eine», Dorfe Schillcr's„Räuber". Der Charakterdarsteller Reißer spielt den„Franz" so realistisch, daß die darüber empörten Baiiern ihn, nach der Borstellniig auflancrn und ihn ordentlich durch- hauen. Ganz entzückt über diesen schnnspielcrischcn Triiunph, ruft Reißer, während die Schläge»och auf ihn niedcrregnci,:„Ich danke Ihnen, ineine Herren l Sie bereiten nnr die schönste S t n„ d e nr e i n e s Lebens!" — Der angehende Luftkurort..... Also im nächsten Frühjahr, Herr Bürgern, cister, tritt Ihr Dorf in die Reihe der Luftkurorte?" „Ja. und in drei Monat' wer'n ma auch a' Klima hab'n."— — Heimgezahlt.„Ihre Ohren, Herr Karl, werden aber jeden Tag größer!"—„So?' Ich glaube meine Ohren und Ihr Bcrjtmid, das gab' einen famosen Esel!"—(.Flieg. Bl.") »vermischtes vom Tage. — Der Erfolg der„B e r l i n e r S e z c s s i o n" ist doch b e- d e n k l i ch geringer, als er zuerst dargestellt wurde. Es ist ihr. wie von de», Geschäftsführer des„Vereins Berliner Künstler" mit- gctheilt wird,»nr eine eigene Vorjurh gewährt lvorden; sie hat dann ihre Kmisttverke noch der gewählten Ausstelllings-Jnry zu unterbreiten.— In W a n d s b e k e r f r o r ein 48 jähriger Arbeiter, der auf einem Wagen im Freien übernachtete.— y. Ein polniscver Hafenarbeiter in H a>„ b„ r g feuerte auf seine F r a u, von der er getrennt lebte, sechs Revolverschüsse ab, von denen vier trafen und die Frau lebensgefährlich verletzten.— — In Darmstadt stürzte ein Neubau ein. Wahrscheinlich sind Bodcnscnkniigei, die Ursache.— — Die Weinernte auf den Rebenhügeln Stuttgarts ist vollständig m i ß r a t h c„. Die geringen Eritte-Ailssichteii find durch Hagelschläg vernichtet. Ein Aufruf von Bürgern und Beamten der Städt fordert auf, die in Roth gcratheneu Weingärtner zu unter- stützeii.— c. e. Uebcr H i n t e r w i l im Kanton Aargau stieg vor einigen Tagen plötzlich eine mächtige, röthlich schimnienide Rnuchsäulc auf, offenbar das Zeichen eines großen Brandes. Sofort n, achten sich in den angrenzenden Ortschaften sechs Feuerwehrmannschaften mit ebenso vielen Spritze» auf, n», das Feuer zu löschen. Als sie jedoch an der vermeinten Brandstätte eintrafen. war keine Spur von eine», Feuer zu findeii. Die Leute hatten sich durch eine Luftspiege- lu„g täuscheu lassen.— — Bei einer zweiten Operation, der sich in Pari? eine Frau unterziehe» mußte, entdeckte man im Leibe eine 25 Zentimeter lange Sonde, die bei der etsien Operation vor zwei Jahren ver- g e s s e u worden war.— — Unter den britischen Truppen in B a„ g a l o r e(Indien) brach die Pest aus. Ein Soldat ist gestorben.— — Infolge einer Kesselexplosion ist der Dampfer„J. Walker' bei S a i, F r a n c i s c o in die Luft geflogen. Der Kapitän und fünf Mann sind todt, fünfzehn Personen s ch>v c r verletzt.— — Von einer australischen Goldbergwerks-Gesellschaft wurde ein K k n m p e n von verhüttetem Golde nach Europa verschifft, der 5913 Unzen(167.6 Kilogrami») wiegt und über 400 000 Mark Werth hat. Er soll in der Bergwerks- Ansstellling zu Carls Court (London) und später in Paris gezeigt werden.— in. Druck mw Bertaz von Max«ading in Berlin.