Anterhaltungsblalt des Jorwärts Nr. 247. Dienstag, den 20. Dezember. 1898 (Nachdruck verboten.) Die Vocveeeise de« Isemrilie ücHtnÄ» ii] Von Alfred a f Heden st fern a. Onkel Gustav amüfirte sich auch ganz vortrefflich, meist in der Gesellschaft einer Frau aus Vestervick, die ihre Tochter bei sich hatte. Die Tochter war etwa vierzig Jahre alt, plauderte aber riesig interessant und konnte das Stottern des Landrichters Hellvik so schön anhören, ohne den Mund zu verziehen und mit auffallend freundlichem Ausdrucke in ihren klugen braunen Augen. Schließlich wurde Frau Hellvik doch ein wenig unruhig, aber sie konnte vom Kaffeebuffet nicht fort. Da erblickte sie ihren Mann, nickte, winkte und rief: „Albert!" „Liebste Emma, ich kann nicht mehr! Ich habe nun schon vier Tassen getrunken, aber wenn Du noch eine Ver> stärkung Deiner Kasse brauchst, da hast Du.. „Ach, hier geht es ja brillant; nein, aber guck einmal nach Onkel Gustav, daß er da nicht eine Dummheit anstellt! Gr ist ja seit zwanzig Jahren nicht hinausgekommen, und die Möller'schcn Danien sind ein paar Pfiffige Frauenzimmer. Geh und trink einen Punsch mit ihm, Albert, ja thu es I Unsere Kinder können doch lieber das Bischeu bekommen, was er hat, als solche... Pfui I... Alte Weibsbilder! Mit der Festrede wurden nicht viel Umstände gemacht. Sie wurde einstimmig dem Bischof übertragen, der vom Jordan und Kidron sprach, am meisten aber vom Bethesda- See und feiner merkwürdigen Heilkraft. Nicht daß er gerade die Gesundbrunner Badefrauen mit den Engeln vergleichen wollte, die dort das Waffer rührten, aber viel fehlte daran nicht. Die alten Badeftauen verneigten sich, alle waren ftoh, und dann begann die Jugend im Gesellschaftshause sich umher- zuschwingen. Frau Hellvik war roth und heiß von all' dem Trubel geworden und sie brauchte nicht drinnen zu sein, um nach ihren Mädchen zu sehen. Zu tanzen bekamen sie mehr als zu viel, und sie zu bewachen, war, Gott sei Lob, überflüssig. Sie hatte sie nicht so erzogen. Daher nahm sich Frau Hellvik ein Cape um, ging in den Park und setzte sich auf eine Bank. Still! Veruinimt sie nicht flüsternde Stimmen von der Laube dicht nebenan? Die Stimme der Oberstin? Die Obcrstm Bärfeldt hatte an diesem Tage durchaus kein Amt übernehmen wollen. Ueberhaupt war sie in den letzten beiden Tagen wenig nnt ihren Freundinnen zusammen gewesen, aber uniso mehr mit einem stattlichen, schönen, dunkelhaarigen Fremdling, der seit einigen Tagen in Gesundbrunn zum Besuch da war. Niemand kannte ihn, außer der Oberstin und dem Kurdirektor, und er ließ sich nur im Nothfall, wenn es gar nicht zu umgehen war, ohne unartig zu sein, als „Ingenieur Smith ans Bombay" vorstellen. „Ein Engländer? Ach, du lieber Gott, dann versteht er ja nicht, was man sagt I" flüsterte Frau Hellvik bei der Vor- stellnng der Oberstin zu. Aber die Oberstin lachte und versicherte, Herr Smith wäre ein so guter Schwede, wie einer. Richtig, das war die Oberstin und er, die da in der Laube ganz dicht beieinander saßen. Frau Hellvik konnte deutlich hören, was sie sprachen, und hatte die lebhafte Empfindung, daß sie fortgehen sollte, aber— sie that es nicht; sie beschwichtigte ihr Gewissen und lauschte. „Ja, Evy, es ist nun Zeit, zu wählen. Soll ich beizeiten auf meinem Posten zurück sein, muß ich morgen abreisen. Willst Dn mich allein reisen lassen?" „Ach, Hugo, ich k a n n nicht... Die Verachtung der Welt... Die Familie und er, dessen Namen ich trage... Sei barmherzig! Warte noch ein wenig! Bin ich nicht schon schuldig genug, daß ich mit Dir hier dies Zusammentreffen verabredet. daß ich auf Dich drei lange Woche» ge- wartet Hab?" „Du weißt ja, warum ich zögerte. Du weißt, es war mir unnröglich, früher zu komnieu... Und es war vielleicht auch am besten so. Ich fühle es, es wäre mir unerträglich gewesen, so lange so unter fremden Menschen umherzugehen. Also w i l l st Du, Evy?" „Ja... und nein, ich will, aber ich kann nicht! Sei nicht grausam, Hugo!" Wie bitter seine Stimme klang, als er antwortete: „Grausam! Das ist ein Wort, das Du lieber fortlassen solltest, Evy I Ich könnte mich sonst versucht fühlen, von ihr zu reden, die dem Geliebten, der in die Welt hinauszog, um ihnen ein Heim zu gründen, Eid und Treugelöbnifse gab, von ihr, die nicht vier kurze Jahre ihr Wort halten konnte, son- dcrn sich für Gold, Namen und Rang verkaufte..." „Still! Du weißt. Du lügst! Du weißt, es war die Noth, die meinem Vater drohende Schande, die mich zwangen, Du weißt, nichts Anderes auf Erden hätte mich bewogen, mein Wort zu brechen.. Sie schluchzte leise, er küßte ihre Hände und bat sie um Vergebung; sie wüßte ja, daß Leid und Eifersucht ihm die Besinnung raubten, ungerecht werden ließen. Dann flüsterten sie so leise, daß Frau Hellvik kein Wort verstehen konnte; aber als sie aufstanden und gingen, dankte er ihr. denn nun läge die Welt herrlich und schön vor ihm voll Glück und Leben.... Papa Hellvik war schon vor einer guten halben Stunde zur Villa Nr. 7 gegangen und hatte sich zur Ruhe begeben. Er war bereits eingeschlafen und lag mit seinem grauen Kopf, das kindlich gute Gesicht der Thür zugewandt, auf dein Kissen, als seine Emma bleich und erregt hereinkam. Sie zog ihre Schuhe, ihr Kleid und ihre Taille aus und setzte sich dann auf den Bettrand und sah init feuchten Augen den Gutsbesitzer und Dr. xlül. Albert Hellvik an. „Du. Albert!" Er schlug widerstrebend die Augen auf und murmelte: „Erkälte Dich nicht, Enqnal Leg' Dich lieber hin." Da umschlang sie seineu Hals mit ihren Armen, küßte ihn und sagte: „Albert, hast Du jemals darüber nachgedacht, welch' ein Glück diejenigen genießen, deren Herzen zusammenpaffen und die sich im Lenz des Lebens finden und besitzen, und einander lieben und alles für einander zu opfern bereit sind während der langen Lebenszeit, ohne Neue, ohne andere Sorge, als die, daß der eine von dem andern fortgehen muß?.. „Ja, gewiß habe ich das! Gott segne Dich, Emma! Aber nun leg' Dich nur hin!" „Dn bist ein Stockfisch.?llbcrt?" „Ja, gewiß, gewiß. Liebste," murmelte Papa Hellvik, drehte sich nach der Wand um und schlief sanft ein. VII. Frau Hellvik war am Abend des großen Tages der Bade- frauen ziemlich zufrieden mit sich selbst und der ganzen Welt emgeschlafen, ausgenommen mit den Plänen der Frau Oberstin, sowie daß es ihr nicht möglich gewesen war, ihren schläfrigen Albert in ihre weiche, warme Stimmung hinein- zuziehen. Aber als sie am nächsten Morgen erwachte und hörte, daß ein kalter, unangenehmer Regen von einem endlos grauen Himmel herniederströmte, und daran dachte, daß sie ihren feinen, seidenen Shawl draußen vor dem Eishause, d. h. der Behausung der Najadcn, vergessen hatte, und zu- gleich ihr voll Schrecken die Oberstin einfiel, die doch eine so gute und liebe Frau war. wurde ihr ganz ängstlich zu Muth, und sie zog sich um halb neun Uhr mit einem Gefühl an. als wäre sie am liebsten daheim auf Hultuna, wo die Leute jetzt wahrscheinlich eine ganze Menge Thorhcitcn und Verkehrt- heiten anstellten. Als sie dann, mit Gummischuhen, Regenmantel und Regenschirm ausgeriistet und unter Ausschürzung eines nicht gerade eleganten Baumwollkleides sich in unerklär- licher Unruhe in den Park hinaus begab, drang vom Bach her an ihr Ohr fürchterliches Geschrei, in dem ihr zärtliches Mutterohr bald die Stimme ihres Axel unterschied. Als sie, so schnell sie ihre alten Beine tragen wollten. zur Unglücksstätte kam, fand sie den jungen Herr Wasser- triefend, zerrissen und ganz erdärmlich anzusehen, am User stehen, aber doch schon muthiger, als die Nothrufe von vor- hin geklungen hatieiu Gerade als die Mama ankam, stürzte er wild auf einen andern kleinen Sportsman zu und hieb gründlich auf seinen Schädel los, indem er brüllte: ..So. Du willst mich in's Wasser stoßen! Wirst Du mir meine Angelruthe bezahlen! Ilud meine Kleider zerreißen I Na, warte.. Aber nun war die Vadeinspektorin in anstrengendem Galopp und kaum völlig angekleidet unter dem Gummimantel angelangt, hatte den Ueberfallenen, der offenbar ihr Fleisch und Blut war, mit ihren Armen umschlungen und rief: „Menschen, rettet denn niemand mein armes Kind vor dem Zuchthauskandidaten!" „Wie... wie... ivie nennen Sie meinen Axel?" zischte Frau Hellvik. „Ja, ja, ich nehme nichts zurück. Sehen Sie meinen Willy an l" lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.) Müsch. Mit Beginn der kalten Jahreszeit sieht man alljährlich gewisse Stoffe wiederkehren, welche durch ihr pelzähnliches Aussehen den winterlichen Anstrich unserer Kleidung vervollständigen. Bald treten uns dieselben nur als Besatzftrcifen entgegen, bald liefern sie den Stoff zu ganzen Kleidungsstücken. Es sind dies die Plüsche und Krimmerstoffe, welche in den verschiedensten Farben und Musterungs- formen hergestellt werden. So finden wir glatte Plüsche in allen möglichen Farben außer zu Besatzstreifen zu Pelerinen, Jackets, ganzen Mänteln und nicht selten auch zu Baretts und Kapotten, Fuß- taschen und Muffen. Obwohl also diese Stoffe eine so ausgedehnte Verwendung finden, ist im allgemeinen die Kenntniß der Herstellungsweise selbst in Fachkreisen noch so wenig bekannt, daß man fast glauben könnte, es handle sich um ein Produkt unserer jüngsten Zeit. Und doch finden sich schon Plüsche unter den textilen Erzeugnissen des grauen Alter- thums. Die Herstellung der bekannten Smyrnateppiche läßt sich sehr weit zurück verfolgen, ja man darf sie vielleicht als die Vorläufer unserer heutigen Plüsche ansehen. Beiden Erzeugnissen ist das Merk- mal gemeinsam, daß zur Hervorbringung ihres eigenartiges Effettes kurzgeschnittene Fadenstückchen senkrecht stehend auf einem Grund- gewebe befestigt sind. Ob diese Fadenstückchen nun auf das Grund« gewebe geknüpft oder durch andere Kunstgriffe befestigt sind, ändert am Charakter der Stoffe nichts. Wir wollen uns jedoch hier auf die glatten Plüsche beschränken. Wie schon vorher angeführt, verdanken die Plüsche ihr eigen- artiges Aussehen den auf ihrer Oberfläche in mehr oder minder starker Gedrängtheit plazirten Fadenstückchen(Flor); die richtige Befestigung, das Verweben dieser Florstückchen, ist die Hauptsache bei Herstellung derarttger Gewebe. Die Anordnung ist gewöhnlich der- artig, daß mehrere Fäden einfacher baumwollener oder gezwirnter Fäden als Grundkette mit einem Faden Mohair, Seide oder einem sonstigen Material, wie Bouvette, Chappe, Ranie zc. abwechseln. Die baumwollene Grundkette ist straff aufgespannt, und webt gewöhnlich in einer Taffetbindung im fortlaufenden Grundgewebe. Die den Flor bildende Kette wird nur lose gespannt und immer nach einigen Grundschüffcn durch die baumwollene Kette nach oben gebracht; in dieses entstandene Fach wird an stelle des Schußfadens ein Stahl- oder Messingstäbchen eingetragen. Dieses Stäbchen wird ganz wie ein Schuß behandelt, das Fach wird hinter demselben ge- wechselt, d. h. die Kette oder Poilfädcn werden wieder in das Unter- fach zurückgebracht und ein neues Fach für einen Grundschuß ge- bildet. Infolge der lockeren Spannung der Poilkette giebt dieselbe beim nächsten Fadenanschläg soviel nach, daß sich das eingetragene Stäbchen, auch Ruthe genannt, über das Grundgewebe hochdrückt und den Grundschuß an den vorhergehenden herantteten läßt. Dadurch arbeitet das Grundgewebc gleichmäßig weiter und die herausgedrängten Florbogen stehen nach Entfernung der Ruthe scheinbar frei auf dem Grund- gewebe. Dieses Herausdrängen der Florbogen wird häufig noch dadurch kräftig unterstützt, daß man den Schuß vor und den ersten Schuß hinter der Ruthe in dasselbe Grnndfach fallen läßt. Dadurch pressen sich diese beiden Schuß dann sehr fest gegen einander und geben dem aufrechtstchenden Florbllschel eine senkrechte und sichere Stellung. Die eingetragene Ruthe ist auch maßgebend für die Höhe des Flors, welche bekanntlich in ziemlich weiten Grenzen schwanken kann. Man hat langflorigc Plüsche, aber auch solche, deren Flor so knrzfadig ist, daß er sich nicht seitsivärts drücken läßt, viel- mehr stets bürftenartig gerade aufsteht. Je nach der Dichtigkeit des Flors, nacki der Ruthcnzahl, die auf ein bestimmtes Maß geschlagen ist, muß auch die Forin der Ruthe sich etwas richten! bei sehr dichter Waare, also einer hohen Ritthenzahl, müssen letztere äußerst schmal sein, da sie sonst keinen Platz nebeneinander finden würden, wenn mehrere Ruthen hintereinander eingeschlagen sind. Es ist eben nicht möglich, die eine Reihe schon wieder zu entfernen, wenn die nächste eingeschlagen Werden soll, da die immerhin lose Verbindung der Florkctte mit dein Gnrndgewebe dies nicht gestattet? man hat meist vier bis sechs Ruthen im Gewebe, bei mechanischen Stühlen sogar häufig sechzehn bis zwanzig, ehe man anfängt, die erste wieder zu entfernen. Die Form der Ruthe ist in diesen Fällen einem spitzen Dreieck ähnlich, dessen kleinster Winkel nach unten steht; die diesem gegenüberliegende kleinste Seite hat einen Schlitz, in welchem das zum Aufschneiden der runden Locken gebrauchte Schnittmesser seine Führung erhält. So reiht sich Ruthe an Ruthe, ivobei aber sehr genau acht gegeben werden muß, daß die einzelnen Entfernungen stets dieselben bleibe», da sonst unverwffchbare Querstteifen entstehen. So einfach im ganzen ein Stück glatter Plüsch aussieht,� so viel Aufmerksamkeit und eigene Behandlung verlangt seine Herstellung. Besonders bei den besseren, zu ganzen Mänteln verwendeten Futter- Plüschen spielen scheinbare Kleinigkeiten eine große Rolle. Es ist durchaus nothwendig, soll die Waare gut ausfallen, daß nur Material bester Qualität Verwendung findet. Die Grundkctte darf nicht ans offener Baumwolle lWatergarn) genommen sein, sondern aus bestem Zwirn(Dübel)! das Material zur Florkette muß für diese Waare ganz ausgezeichnet genommen werden, das Mohair muß einen guten Glanz haben, sehr gleichmäßig und möglichst wenig haarig sein. Durch alle stärker auftretenden Stellen in der Grundkette werden die Florkcttenfäden auseinander gedrängt, ebenso durch stärkere Schuß- stellen, nur mit dem Unterschiede, daß erstere Streifen in der Längsrichtung, letztere in der Querrichtung marttren. Um dem Mohairfaden zum Arbeiten niehr Festigkeit zu geben, werden diese Ketten meist geleimt; auch dabei muß sehr sorgfältig verfahren iverdcn. Der Leim darf nicht zu heiß sein, und die ge- leimten Ketten müssen straff aufgespannt werden, damit sich keine Schleifen bilden. Das sind gewiß recht viele Kleinigkeiten, aber die geringste Vernachlässigung entscheidet darüber, ob die Waare gut oder mindcrwerthig ausfällt. Bei gestreisten Stücken kommt es vor, daß einzelne Partien nicht aufgeschnitten iverden, vielmehr die Locke rund zusammen- hängend bleiben soll; in diesen Fällen ist die Ruthe ohne zn schneiden, seitwärts herausgezogen worden. Andere Effette erreicht man, indem man hohe und niedrige Ruthen abwechselnd ver- wendet; dadurch stehen einzelne Stellen über der Umgebung hervor. und je nach der Art der Musierung lassen sich mit dieser Methode die wunderlichsten Figuren erzielen; treten später noch die geeigneten Appreturverfahren hinzu, so ist es manchmal wirklich schwer, in dem fertigen Plüsch die ursprüngliche Rohwaare wieder- zuerkennen. Man mllß im ganzen der Appretur gerade in dieser Fabrikatton einen großen Thcil'der Effette zuschreiben; nicht allein ist dieselbe zumeist für den Ausfall der fettigen Waare überhaupt Verantlvott- lich, ganz gleichgiltig, ob dieselbe einfarbig oder bunt hergerichtet wird, sondern sie hat auch gewisse Verfahren, die aus derselben Roh- waare die verschiedensten Artikel fertig stellen, zwischen denen nach- her eine Aehnlichkeit nicht mehr zu konstatiren ist. Einer der bekanntesten und zeitlveilig gesuchtesten Appretur« effette war früher das„Spitzen". Das in einem bestimmte» Grundton ausgefärbte Plüschstück wurde später mit einer Beize oder einer anderen Farbe nochmals behandelt, und zwar derart, daß nicht das ganze Stück derselben ausgesetzt wurde, sondern nur ein Theil des Flors. Das Stück wurde n» Farbe- Walzen vorbeigefiihrß die nur das oberste Ende der Florspitzcn berührten. Je nachdem das Stück der Walze näher gebracht wurde, nahm durch tieferes Ein- dringen der Farbe oder Beize in den Flor die Intensität der zweiten Färbung zu. Eine solche Waare zeigt bei späterem Faltcnwnrf reizende ChangeäntS; bei einem Bogen nach hinten vom Beschauer aus ttitt fast lediglich die Spitzfarbe in die Erscheinung, indem durch das Zusammen- drängen der Florspitzen die untere Grundfarbe fast ganz Über- deckt wird; daran schließt sich nach vorn das Gemisch von Grund- und Spitzfarbe, und an einem nach vorn gehenden Bogen spreizen sich die Spitzen soweit auseinander, daß fast nur die. Grundfarbe durchscheint. Man ging sogar soweit, Plüsche, besonders Streifenwaarcn, durch Schablonen zn spitzen; neben den reizenden Changeants waten dann auch noch direkte Muster auf. Ebenso interessant, wie dieses Verfahren, ist eine tigerfellartige Färbung. Die Rohwaare wird zu diesem Zweck an vielen Stellen mit einer Schnur unterbunden, ungefähr derart, daß man mit dein Finger eine Beule aus der Rohwaare herausdrückt und dann so ver- 'ährt, als wolle man den Finger in dieser festschnüren, eine Puppe anbinden. Zieht man den Finger darauf zurück und schnürt recht fest, o kann die Farbe, in welche'das so behandelte Plüschslück nachher gebracht wird, an den geschnürten Stellen die Waare nicht so intensiv durch- dringen, wie an den losen und die Folge davon ist, daß die Schnür- stellen Heller bleibenmüsscn. Je nachdem die Puppen enger oder lveiter bei einander geschnürt sind, Ivird das Stück verschieden gefleckt aus- 'allen, und es ist gciviß nicht zu bestreiten, daß mitunter recht reizende, an Natürlichkeit grenzende Effekte dabei herauskommen. Eine französische Fachzcttschrist berichtet über ei» merkwürdiges Ver- wahren, durch welches ein Herr Felix Dehan dem Zcugdruck Konkurrenz machen will. Sein neues System besteht nach diesem Bericht darin, daß man die Stoffe vor dem Färben in regelmäßige oder unregel- mäßige Falten legt, das so vorbereitete Gewebe fest zusammenpreßt und bindet, und es alsdann dem Färbeprozeß unterwirft. Beim Färben 'oll man darauf achten, daß sich die Manipulation nicht zu lange aus- dehnt, damit nicht doch etwas von der Farbbrühe in die Falten ein- dringt. Wenn der französische Kolorist behauptet, daß auf diese Weise ganz originelle Muster erzielt werden könnten, so mag er ganz recht haben, aber eS ist zu bemerken, dast dies Verfahren den »orher geschilderten ziemlich ähnlich sieht, die Neuheit also eigentlich schon etwas veraltet ist. Ein Appreturestekt anderer Art sind die in den letzten Jahren so stark in Mode gewesenen Astrachans. Die Rohwaare war in den ersten Jahren des Auftauchens eine solide, nicht zu niedrige„Steh- waare". Die Konkurrenz unterbot jedoch bei der Aufnahme diesen Artikel bald so stark, daß die Qualität zusehends bergab ging, und infolge dessen die Maare heute fast nicht mehr zum Ansehen ist. das graue, aus schlechtester Baumwolle hergestellte Grmidgewebe kommt an vielen Stellen unverhüllt zun: Ausdruck. Der Astrachan- Effekt wird erreicht, indem die Waare künstlich zerknittert und in dieser Stellung durch warme Behandlung fixirt wird. Ein ähnliches Produkt bilden die Wirbelplüsche, welche auf plattem Plüschgrund kreisförmige Figuren zeigen, in denen die Flor- fäden, scheinbar um einander gedreht, gewirbelt sind. Diese Waare bildet den Uebergang zu den gewöhnlichen Preßplüschcn. Als„Triumph" unserer Industrie mag noch ein Stoff erwähnt werden, welcher ebenfalls als Plüsch in Umhängen uud Jacketts in den Handel gebracht ivird, aber nichts weniger als Plüsch ist. Der- selbe besteht aus schlechtester Baumwollkette und Shoddyschuß, von dem das Kilo 7S— 80 Pf. kostet. Diese Waare wird gefärbt, gc- wöhnlich schwarz und dunkelbraun, gewalkt und dann gerauht, bis von einem Schuß überhaupt nichts mehr zu sehen ist. Je langfaseriger der Shoddyschuß war. d. h. je mehr alte Strunipfiocken darin sich aufgelöst vorfinden, desto schöner wird der„Plüsch". Nach dem Rauhen wird dieser Strumpfsockenplüsch gepreßt und gewirbelt. Manche Frau fteut sich, einen billigen und schönen Plüschnmhang gekauft zu haben, ohne zu ahnen, was dahinter steckt. Das bemerkt sie erst, wenn der schöne Umhang einmal naß geworden ist, und sie crimicrt sich dann des einst unserer Industrie ertheilten schmeichelhaften Prädikats: Billig und schlecht I— G u st a b Strahl. Kleines Fenillekon. t. Tie chemische Ziisainmcusetznng und der Nährwerth der verschiedenen Käsesortcu. Obgleich zu grinsten des Nährlverthes der Käse schon vieles von wissenschaftlicher Seite geschrieben nmrde, so ist die chemische Zusammensetzung, auf die es hauptsächlich dabei ankommt, durchaus nicht so einfach festzustellen. Einen beachtciiSwerthcir Versuch nach dieser Richtung hat Balland neulich der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt Danach bestehen die gewöhnlichen Kuhkäse bis zu aus Wasser, in den übrigen Theilen find die stickstoff- haltigen Substanzen etwas reichlicher vertreten als die Fettstoffe. Umgekehrt enthalten die sogenannten Sahircukäse z. B. der Neu- chateler mehr Fett als Stickstoff, und das Waffer ist nur zu 50 bis 60 pEt. vertreten. Beide Käsearten geben bei der Verbrennung nur eine geringe Menge von Asche. Die schwachgesalzenen Käse sind' etloas fester, besitzen weniger Fett und hinter- lassen bei der Verbrennung etwas mehr Asche. Die weichen ge- salzcncn Käse haben SO— öOpCt. Masser und 4— S pEt. Aschengehalt. Tie Fett« und Stiästoffbcstaudtheile sind bei diesen Sorten wechselnd vertreten: beim Bnrgundcr-Käsc, Münster-Käse, FromaAS de Brie n»d ähnlichem sind die Fette überwiegend, bei dem Savoyer- käse z. B. die Stickstoffsubstanzen, beim Camembert halten sich beide die Wage. Die Käse, die aus cineni festen Teige bestehen, also der Ehester-, Schweizer-, Holländer- Käse. Roquefort n. f. w. haben eine gleichmäßigere Zusannucnsetzung! Wasser ist in ihnen nie mehr alsSOpCt. enthalten, Stickstoffe und Fette etwa in gleicher Menge, Salz in ziemlich bedeutendem Gewicht bis zu 4—5 pCt. Ratierlich ändert sich die Zusammenstellung etwas mit dem Alternder Käse und auch mit den örtlichen Verschiedenheiten ihrer Herkunft. Der Nähriverth des Käses kann nicht besser veranschaulicht werden als durch den Ver- gleich, daß 100 Gramm eines Käses von mittlerer Beschaffenheit ebenso viel Fett- und Stickstofftheile enthalten als 1 Liter Milch, also mehr Nährstoffe als in 250 Gramm frischen Fleisches enthalten sind, wenn letzteres seinen vollen Wassergehalt von etlva 75 PCt. besitzt.— Musik. Konzerte. Becthoven's Trauermärsche gehören zu den be- kiebtesten klassischen Stücken. Und nun ist zu den allbekannten noch ein neuer hinzu entdeckt worden. Das Verdienst davon gebührt dem populäre» philharmonischen Konzert vom 14. d. M., in welchem diese„Novität" aufgeführt lvurde. Der neue Trauermarsch ist in O-moU, hat vier Sätze und erinnert an die fünfte Symphonie Beethoven's. Dieser Unistand dürfte auch den Jrrthum verschuldet haben, daß die Progranune au dieser Stelle die L!-mo>I-Symphonie verzeichneten. Ein boshafter Zuhörer behauptete sogar, es sei that- sächlich diese Symphonie aufgeführt und nur eben wie ein Trauer- marsch gespielt worden; was wir aber nun einmal nicht glauben konnten.— Im selben Konzert bewährte sich wieder Herr F. Drehschock zunächst durch den Vortrag des Q-äur-Konzcrtes von Beethoven als ein hochachtbarer Beherrscher der Grundlagen der Klavierspielkunst. Einigermaßen erinnert an ihn Maria von Unschuld saus Wien), von der wir am 15. im Bechstein-Saal noch einige Klavier- stücke hörten; die Schlußrcihe, drei Paraphrasen von Lißt, trieb uns weg, da uns das Vorherrschen dieser vielleicht schwächsten und gc- schmackverwirrendsten Leistungen des vielverdienten Meisters allzu traurig berührt. Im Gegensatz zu der Genannten eri..,iert Augusta C o t t l o w, die am 13. in der Singakadeniie gleich der Vorigen einen„bloßen" Klavierabend gab, an ihren letzten Lehrer, Busoni: auch sie versteht den Steinway-Flügel bis züin Donner auszunützen und manches, wie Chopiiös Fis-nroU-Nocturne, auch duftig zu spielen; dessen F-dur-Ballade zeigte allerdings, wie es meistens ge- schieht, eine, besonders dynamische Uebertreibung des„Fresto con kuoco", von dem fast nur der Baß recht hörbar war, und Busoni'S Hauptkunst, seine bis ins kleinste gehende Plastik, kehrt bei der Jüngerin doch nicht wieder. Ein Wörtchen sei auch über die Begleiter am Klavier, zumal die ständigen, gesagt. Sozusagen der Stammspieler ist Otto Bake, deni es begrciflicherlveise nicht an Routine fehlt, mit der er so ver- schiedenen'Ansprüchen nachkommt, der aber für höhere Aufgaben, >vie etlva die Begleitung des Tschaikowsky'schen Violinkonzerts sbci Natrowski), sich doch noch künstlerischer entwickeln könnte. Ein be- sonders feinsinniger Partner hingegen ist C o e n r a a d V. B o s, dessen meist nur mitwirkende Thätigkeit diese Kraft nicht unterschätzen lassen soll. Auch Felicia Kirch dorffer, die in dein unten er- wähnten Gordigiani-Kouzert mitlvirkte, wird als Klavierpartncrin gerühmt. Viel Gutes war diesmal von Geigern zu hören. A>n 15. d. M. »lachte in der Singakademie das Publikum die nähere Bekanntschaft Professor Julius Conus' ans Moskau, dessen Violinkonzert in E-rnoII bereits bei den— auch diesmal betheiligten—Philharmonikern gekommen war und jetzt vom Komponisten selbst gespielt wurde. Voran ging die wohl populärste der drei„Suiten" von I. S. Bach, jener schon seinerzeit besonders beliebten Reihen von tanzartigen Stücken für Orchester,, nämlich die erste derer in O-dur. Die„Arie" darin lvurde in einer gebräuchlichen llmschrcibnng für Solovioline, von Conus lvunderschö» und mit einem trotz etwas spärlichen Publikums sehr freundlichen Erfolg gespielt. Tags darauf gab es das erste Austreten eines ganz jungen Geigers, ebenfalls in der Singakadcinie aber ohne Orchester, des Polen Mieczylalv N a t r o lv s k i, der wohl infolge seiner Berliner Studien mehr Publiknnl hatte als sein ausgereifter Vorgänger. Der Genannte bewies mit seinem sehr beifällig aufgenommenen Vortrag des sympathi- schen Konzertes ox. 35 von Tschaikowsky eine treffliche Schulung und trotz mangelnder Wärme die Berechtigung der Aussicht, dereinst noch ein reifer Künstler zu lvcrden, der dann wohl auch zu einem Stück lvie der Ciaccona von Bach alles Nöthige, einschließlich der ihm jetzt begreiflicherweise noch fehlenden rhythmischen Energie, mitbringen ivird. Seine eigenen Kompositionen: drei Lieder, zeugten zwar von keinem Ncuschafse», aber doch von einem geheiinnißvollen Etwas, für das die Ansdrnckslveise Hedwig Kaufmann's— einer besonders in der Höhe gutgebildeten, allerdings noch„verschleierten" Soprnnstinnne, die über eine Heiserkeit sich trefflich hinlveghalf das Richtige zu sein scheint. Ebenfalls einen anmuthenden Vortrag. aber eine weniger sichere Stimmbildung besitzt die Mezzosopranistin Mary Forrest, die mit der Geigerin Anna Rhode am 13. im Bechftein- Saal ein Konzert gab, das reich war an Beifall und an Publikum— bei Schnmann's„Röscleiu" warteten die Klatschcr nicht einmal das Ende des Nachspiels ab. In G i u l i e t t a G o r d i g i a n i' s Konzert im Bechstein-Saal, am 17., sprach schon die Mitlvirkung Joseph I o a ch i m' s für sie. In der That zeigte sie, wie uns berichtet wird, viel Intelligenz und musikalisches Talent, obschon die sehr mangelhafte Stnnme uud das Fehlen jedes ruhigen Tones sehr störten: selbst als Klavierspielerin bewährte sich die Sängerin in dein Klavierpart der Violinsonate H-rnoll von Bach.— sz, Kunstgewerbe. c. n e b e r die indische Töpferei macht die„Gazette des Beaux-Arts" in ihrem neuen Heft interessante Mittheilungen. Der Töpfer, der das gewöhnliche Eßgeschirr, die Statuen der Götter, die Ziegel und Dachsteine herzustellen hat, ist iir Indien eine sehr angesehene Persönlichkeit. In gewifien Gegenden, wie in Dekkan, ist der Töpfer oder Knmbar ein richtiger Beamter, der eiir Jahres- gehalt bezieht und dessen Amt erblich ist. Die gelvöhnlichen Töpfer- waare» werden in Indien wie überall auf der drehbaren Scheibe verfertigt, die durch einen Stoß der Hand in Bewegung gesetzt ivird. Während mehrerer tausend Jahre ist dieses primitive Verfahren »ilbt verändert worden. Die Forme» der Töpfe und Schüssel» sind heute noch dieselben, die man auf den ganz alten Monumenten abgebildet findet. Die vollkommensten Er- zeugnissc der indischen Töpferkunst sind die glasirte» Töpfer- ivaaren von Sind, Delhi und Madure. Im Penjab wird am meisten gewöhnliches Töpferzeug verfertigt. Unter den mehr oder weniger geschmückten Töpferwaaren, die zum Export fabrizirt iverden, sind die rothcn von Travancore, die rothen glasirten von Dinapour, die bemalten von Kotah und die vergoldeten von Amroha hervorzuheben. Die Töpfereien von Azunghar zeichnen sich durch eine ganz eigenarttge Ornamentation aus. Sie sind recht Nuttel- mäßig in der Form und dekorativ ohne Originalität, aber diese Fehler lassen umsomchr die schöne schlvarze Färbung hervortreten. Die Ornamente werde» mit Scheidewasscr auf den einmal gebrannten Thon geritzt, in das ein Zinn-Anialganr hinein kommt. So bringt der Künstler eine Nachahmung der Inkrustation in Metall hervor, die durch den matten Ton des Zinns sehr alt erscheint. Viele haben sich schon täuschen lassen, indem sie die Vase» für Metall hielten., Dieser Jrrthiim wird noS durch die Dauerhnstigkeit der Gefähe begünstigt. Der Ursprung der indischen Tvpferkunst ist in Arabien und Persien zu suchen. Die Hindus haben niemals Porzellan oder Fayence fabrizirt, sondern nur mit Thon gearbeitet. Von de» Mohamedaneru lernten sie, ihre Thongcfäste mit jenen leuchtenden Farben zu schmücken, die mau an den Töpfereien von Sind und vom Pcnjab bewundert. Durch die Eroberung des Gengis Khan kam diese Kunst nach Indien: man sagt auch, daß sie aus China gekommen sei. durch Persien und Afghanistan. Die keramiscbe Kunst trägt in Perfien und in Indien den Rennen„Kasi". Es scheint, daß die glasirten Kacheln, mit denen die Hindus ihre Monumente bekleiden, einen beträchtlichen Absatz in Europa finden. Ein Kaufmann in Kurrachee erzählte, daß er nach Europa, d. h. nach England, viele tausende cxpedirt habe. Diese viereckigen Kacheln, die man hauptsächlich in Bulri und Saidnur fabrizirt/ haben eine Dicke von IL— 20 Millimeter und etwa 13 Zentimeter Höhe; sie kosten einige Pfennige. Aber sie sind schwer, und der Transport verdreifacht ihren Preis. Die Thonwaaren von Sind sind in Europa wenig be- kannt. Sie sind von wunderbar dekorativer Wirkung und von er- staunlicher Farbcichracht. In Hyderabad, Hala. Jatta und Jerruck werden die geschätztesten Töpfereien von Sind hergestellt. Man kennt zwar die Namen einiger Künstler, weiß aber fast nichts von ihnen. In Delhi scheint nian ultramarinenblaue Ornamente auf türkisen-blauem Untergrund zu lieben. Diese Gefäße erimiern durch die Feinheit und die' symmetrische Anordnung der Verzierungen an die Inkrustation des Penjab. Die Technik des Glasirens ist traditione� Es giebt da gewisse Kunstgriffe und Erfahrungen, welche sich vom Vater auf den Sohn vererben; daher komnlt es, daß in jeder Pro- vinz andere Dinge hergestellt werden, und daß jeder Ort eine andere HerstellungSwcise hat, die anderswo nicht nachgeahmt werden kann.-7 Archäologisches.______ — Unter den ältesten egypsischen Tcmpelbauten von Hieracon« p o l i s hatte E. Quibell im Frühjahre eine lebensgroße B r o n c e- sigur hervorgezogen, in deren Höhlung eine kleinere Figur steckte; beide waren von dem englischen Forscher als der Zeit P e p i I., der VI. Dynastie angehörig, erachtet worden. Jetzt, nachdem die dort aufgesimdenen und zusammengehörigen Bruchstücke im Berliner Mufcinn gereinigt und genauer untersucht worden sind, hat nach einem Bericht der„Vossischen Zeitung* die Quibellffche Annahme Bestätigung gefunden, und eS hat sich herausgestellt, daß diese Figuren nicht ans Bronze, sondern ans z u s a m nr e n g e f ü g t e n K u p f e r p l a t t e n von getriebener Arbeit hergestellt worden sind. Die Ränder der einzelnen Stücke sind durch kleine(nicht genietete) Kupfernägcl aneinandcrgeftigt. Die große Figur stellt Pepi I. dar, wie ans einer an derselben Stelle gefundenen Inschrift hervorgeht, die kleinere, die etwa 70 Zentimeter Höhe erreicht und neben der großen Figur befestigt war, kann nur dem Sohne des genannten Königs, MethusuphiS, gegolten haben, den an ihr befindlichen Emblemen zufolge. Diese Figur hat im Museum bereits Aufftellung ge- funden und erregt die Bewunderung aller Besucher. denn sie erweist sich als ein Meisterwerk ersten Ranges. Man hat sie daher nicht mit Unrecht neben der weltberühmten Holzfigur des alten Reichs, dem sog. Schech-el-belled aufgestellt. DaS Gesicht Methusnphis, offenbar mit großer Porträtähnlichkeit zur Ausführung gebracht, nimmt eine eigene Platte in Anspruch und macht einen lebensvollen Eindnick. Der Gesichtsausdrnck verräth die feinsten Modulationen und eine skulpturelle Vollendung, mit der eben nur diejemge des- Schech-el-belled wetteifern kann. Dr. Borchardt ver- muthet, daß die von Tempelräubern ihres Goldbelags beraubten Kupfcrfiguren zerbrochen und an der Fiwdstclle vergraben worden sind. An einzelnen Stellelt der Oberfläche laffen sich noch Goldreste erkenne».— Völkerkunde. — Eine alte Schnupfröhre, deren oberes, doppeltes Ende man an die Nasenlöcher hält, während das untere Ende in das zu schnupfende Pulver gesteckt wird, erhielt Dr. Max Uhle im Juni 18i)S aus den Ruinen von Tiahuanaco(Bolivia). Sie besteht aus einem Hand- oder Fußknochen eines jungen lamaähnlichcn Thicres: daS obere Ende des in zwei Abschnitte zerfallenden Knochens ist mit zwei Bohrlöchern verschen, die mit der Markhöhle des Knochens in Verbindung gebracht sind. Der Knochen ist ringsum stark beschabt und zeigt Verzierungen in verschiedenartiger technischer Ausführung. Die tiefen, kreisrunden Verzierungen bestätigen das hohe Alter der Schnupfröhre, da derartige Verzierungen auf vorspanischcn Knochen- geräthen gewöhnlich waren. Die übrigen, den ganzen Knoche» be- deckenden Einritzungen scheinen neuerer Art zu lein. ES ist»m so wahrscheinlicher, daß sie vorgeschichtlich sind, da die gegenwärtige Bevölkerung Tiahuanaeo's weder diese Ornamente anwendet, noch sie zu deuten weiß.—(GlobuS.j ', Gesundheitspflege. is. Giftige Ueberröcke. Einen eigenartigen Fall von Vergiftung, wie er wohl noch niemals bekannt geworden ist, be- richtet das„British Medieal Journal* aus Birmingham. Dort stellte im Spätherbste dieses Jahres nach einem Schneesturm die Stadtver- waltung eine große Anzahl von Arbeitern zur Straßenreinigung an und versah sie zu diesem Zweck mit lleberröcken zun, Schutze gegen die Kälte. Bei sämmtlicheu Männern entstanden nun an den Hand- BerantwortNcher Redakteur:' August Jacobcy in Ber gelenlen und dm Knien große schorfbedeckte Wunden,»nd zwar, wie festgestellt werden konnte, durch das von den Aenneln und Beinen abtriefende Waffer. Etwa 60 der Arbeiter brachten eine Klage darüber an die Behörde und wurden dem Krankenhause zugeführt. An den genannten Stellen de« Körpers zeigten sich große Flecken, an denen die Haut mit Schorf von dunkelgrauer Farbe bedeckr und von einem stark entzündeten Rand umgeben war. Die entzündeten Flächm waren sehr stark schmerzhaft und führten in einigen Fällen sogar eine nicht unerhebliche Entzündung der nächstliegenden Lymphdrüsen herbei. Eine Untersuchung durch Dr. Hill, dem hygienischen Beamten der Stadt, ergab eine Vergiftung durch Chlorzink, womit die Röcke wahrscheinlich gelegentlich einer Wiederherstellung behandelt worden waren: er fand große Mengen dieses Stoffes in allen fraglichen Kleidungsstücken. Durch die große Löslichkcit des Zinkchlorids trat es von außen in das Futter der Röcke ein und kam so mit der Haut in Berührung. Die Körperwärme verursachte dann eine Verdunstung und so eine Verschärfting der Lösung, wodurch ihre stark ätzend« Wirkung bedingt tvurde.— Humoristisches. — Abgelenkt. Sie:„Männchen, an Deinem Rock habe ich heute ein Frauenhaar entdeckt.* Er:„Merkwürdiger Zufall: Vielleicht ist es das, daS ich gestern in der Suppe gefunden?*— � Erfreuliches Symptom.„Also die Lähmungen Ihres Söhnchens bessern sich und die normale Beweglichkeit säugt an zurückzukehren?* Bauer: Ja. er kann auch bereits wieder mit den Ohren wackeln!*— — Gesalzen. Gast: Hören Sie, Herr Gasthofbcsitzer, Sie haben da fünfzig Pfennige für Tinte, Feder, Papier und Nadirgummi aufgeschrieben! Ich habe aber nichts davon benutzt!" Hotelier:„Aber ich zu Ihrer Rechuung I" Vermischtes vom Tage. — Bei einem Brande in B r» n s b ü t t e l k o o g bei Hamburg ist eine 78jährige Besitzerin und deren Magd in den Flammen um- gekommen.— — Der Dampfer Aachen der Dampffischerei-Gescllschaft Nord- see ist in der Nordsee untergegangen, zehn Personen sind ertrunken.— — In Feyen bei Trier fand ein Ackerer etwa 100 Kilogramm Silbermiinzen der spätrömischen Zeit. Es ist an- zunehmen, daß diese Münzen um 268 n. Chr. in die Erde gelangt sind. Diese so bedeutende Menge Geld, ungefähr 20 000 Denare, hat offenbar eine Kriegskasse gebildet.— — Ein Komiker in Belgrad imittrte und perftstirte den Erkönig Milan in seinen Vorstellungen: er ivnrde dafür wegen M a j e st ä t s b e l e i d i g u n g zu sechs Monaten Gefängniß ver- urtheilt.— — Zwei Mailänder Bauern haben in zwei Wochen mit ihren Netzen ungefähr neun Doppelzentner kleine Vögel eingefangen, das sind 43 200 Stück I— — Der Dogenpalast in V e n e d i g ist so baufällig, daß Einsturz droht, falls nicht sofort die umfassendsten Reparaturen vorgenommen werden. In den Mauern haben sich große Sprünge und Risse gebildet; die Dachbalken sind gänzlich morich.— — Eine Explosion von Schießpulver zerstörte ein drei- stockiges HauS in Florenz, in dem sich die Wcrkstätte eines Feuerwerkers befand. Der Fcuerlverker lvnrde tödtlich, seine Frau schwer verletzt.— — In Paris stürzte am Soimtag Nachmittag ein im Bau begriffenes Haus ei». Fünf Personen wurden dabei getödtet, 2ö meist schwer verwundet.— — Zivischen den Stationen Melitopol und Michailowka (Rußland) fand ein Zusammenstoß zwischen einem Arbciterzuge und einem anderen Zuge statt. Eine Person ivnrde getödtet, neun Personen wurden verwundet.— — Die erste englische Reichs-Po st marke ist am 5. d. M. von der kanadischen Postverlvaltung ausgegeben worden. Die Marke zeigt das Bild einer Weltkarte, worauf die britishen Besitzungen rvth gedruckt sind. Dabei liest man(natürlich englsich) die Worte:„Kanada-Postmarke. Weihnachten 1893. Wir besitzen ein weiteres Reich, als je bestand.*— — In Peking sah ein Ausländer sechS� junge Menschen, die mit' dem hölzernen Halskragen geschmückt an der Straße fitzen müssen, weil in der Hauptstadt einige Europäer an« gegriffen worden waren. Auf das Dräugen der fremden Gesandten hin hat man nämlich nach bekannter chinesischer Gewohnheit ein halbes Dutzend Kulis gemiethet, die für etwas Geld Buße thuende Verbrecher spielen müssen. Dazu sind es so junge Menschen. daß sie die Ivetten Halskragen mit Leichtigkeit abstreifen können, wenn gerade kein Ausländer in der Nähe ist.—______ in. Druck uui) Verlag von Max Bading in Berlin.�.