Anlerhaltungsvlatt des Morivärts Nr. 248. Mittwoch, den 21. Dezember. 1898 (Nachdruck verboten.) Die Vsdeveise der Familie Hella ik. 12] Von Alfred af Heden st fern a. Es hatten sich esiva zwanzig Personen eingefunden, und im lebhasten Crescendo tönten die zornigen Stimmen der beiden Mütter und die heulenden ihrer Sprossen durch- einander: „Er hat mir meine Angel zerbrochen"...„Halten Sie Ihre Jungen in Raison"...„Ich habe selbst Angel- geräth"... Sie mögen noch so sehr Bade-Jnspettorin sein. dennoch hat Ihr Junge kein Recht, andere Kinder ins Wasser zu stoßen"...„Die Rotznase"...„Schweigen Sie, ich gehe zum Direktor!"... „Ich schlage Dich braun und blau, Willy..„Mein Mann wird hier Ordnung schaffen, daß Sie d'ran denken sollen..."„Willst Du noch mehr Wichse haben. Axel!..." „Solche Jungen, die gar keine Manieren haben!..."„Ich werd' unserm Peter sagen, daß er Dich durchwichst. Du Bengel..." Den Mienen der Umherstehcnden konnte man ansehen, daß sie aus Mangel an Besserem herzlos genug waren, das Ganze als ein kleines, recht lustiges Morgenschauspiel zu be trachten. Als es schließlich Frau Hcllbik gelungen war, ihren Jungen von dem llnglücksplatz fortzubringen, nach Hause in die Villa Nr. 7, erklärte ihr Gerdachen, daß sie die ganze Nacht Zahn- schmerzen gehabt habe, da sie sich in dem Najadeu-Kostüme erkältet hätte. Anna meinte, wenn Mama ebenso streng gegen die Jungen gewesen iväre, wie gegen die Mädchen, brauchte sie� jetzt nicht mit Axel nach solch einem Schayspiel heim zukommen, worauf Axel gegen sie die Zunge ailsstreckte und schrie: „Dorschkopf! Klatschbase! Alte Bum-Pauke!" Aber da fuhr Mama Hellvik auf ihn los, gab ihm ein paar knallende Ohrfeigen mit ihrer fleischigen Hand, und warf Anna einen Blick zu, der diese veranlaßte, erröthend ihren Kopf zu senken; und dann war der Gehorsam und die Ruhe wieder hergestellt. „Mama," sagte Anna plötzlich. „Gicbt es noch mehr Jammer heute?" „Ich weiß nicht. Sieh' mal den kleinen Karl an. Ersieht so merkwürdig im Gesicht aus." „Herr Gott, das ist ja ein Ziegenpeter! Na, daran stirbt keiner, aber das ist ein reiner Unglückstag. Und Papa schläft und schläft..." „Das thut er min zwar nicht, meine Liebe; ihr macht ja einen Lärm, als wenn ihr das ganze Haus einreißen wollt! Was giebt's denn?" fragte Papa, der im Schlafrock in der Thüre stand und sehr besorgt aussah. Hinter Papa tauchte»och ein Kopf auf, ein fast haar- loser Kopf, eine riesige Billardkugel. W... w... was giebt's denn? Du m... mußt strenger sein gegen den I... Jungen, Emma! Frau M... M... Möller hat ganz recht, sie sagt, Axel m... muß gez... zogen werden 1" „Konnn herein, Onkel Gustav, aber komm nur nicht mit dem, was die Möllers sagen I Die Alte soll nur auf ihre heirathslustige alte Jungfer von Tochter aufpassen, die hier herumgeht und sich rein zum Narren macht. Für meine Kinder sorg ich schon selbst!" rief Frau Hellvik und eilte fast weinend hinaus, um ihren begonnenen Ausgang zu Ende zu führen. Dieser führte sie am Stall vorbei, wo Pluto und Proser- pina einquarttrt waren. Die treuen Thierc drehten die Köpfe nach der Stallthüre herum und wieherten. Peter nahm seine Mütze ab und. seufzte: „Ach ja, ja. ja...!" „Wird Dir die Zeit lang. Peter?" „Ach ja, e bisken. Im Anfang da wär es jo ganz nett, denn es giebt ja hier ganz niedliche Mächen zu seh'n, det kann man ja nich derrede. Aber nu häw ick an vier Abende keene Grütz gekriegt, und de Teufels-Buere schäme sich nich, sechttg Ocre für det Pstind Heu zu nehme, wo hier alle Wiese grün sind, un für de Pferde/ die ihre Friheit gewöhnt sind uff de Weid, is das hier de reene Hölle. Denn sehen Se, Fru, de Sommerweid ist für so e Pferdevieh akkrat det, wat so e Gesundbrunn für de Mensche is. Bliewe wi noch lang hier?" „Nicht so sehr, Peter. In ein paar Wochen reisen wir." „Gott sei gelowt, Fru!" Der Regen fiel noch immer unaufhörlich, aber Frau Hellvik schritt weiter. Schlechte Laune war bei ihr etwas ganz Ungewöhnliches, wenn sie aber von einer solchen befallen war, dann pflegte sie so lange zu laufen, bis sie vorüber und völlig ausgetrieben war. Verdrießlichkeit und Aerger waren wie Gift für Frau Hellvik's Natur, die kräftig dagegen reagirte und immer schnell damit fertig wurde. Plötzlich erhellte sich ihre Miene, und sie begrüßte den Baron Sternfeldt mit ihrein sonnigsten Lächeln. Er war nun einmal ihr entschiedener Günstling. Aber es war schrecklich, wie ernst er heute aussah. „Potztausend, ist Ihnen nicht Wohl, Herr Barons?" „O ja, danke, körperlich fehlt mir nichts," erwiderte er und schloß sich ihr an. „Na ja, man kann nicht immer gleich guter Laune sein. Sonst hat es Ihnen hier recht gut gefallen, nicht wahr, Herr Baron?" „Es war die schönste Zeit meines Lebens, und dafür habe ich hauptsächlich der Familie Hellvik zu danken, die immer..." „Ach, Herr Baron, keine Schmeicheleien, ich bitte..." „Daß ist auch keine Schmeichelei, Frau Hellvik; das fühlte ich besonders nun, da die Zeit bald zu Ende ist.. „Wie? Wollen Sie schon abreisen?" „Ja, Ansang nächster Woche!" Und dann fügte er plötzlich, halb gegen seinen Willen, aber von einem unwiderstehlichen Impuls angetrieben gegen- über dieser wohlwollenden, mütterlichen Freundin hinzu: „Es macht keine Freude, Frau Hellvik, au eineni Platze zu bleiben, an dem unsere holdesten Hoffnungen in Trümmer gesunken sind, auch wenn es einen des Anblicks beraubt, dex einem.. ,." „£)...?" „Ja," erwiderte er, lüftete schnell den Hut und ver- schwand. Frau Hellvik guckte ihm erstaunt und wirklich ärgerlich nach. Dann ging sie»veiter uird murmelte vor sich hin: »Ja, ja, dieses Mädchen, dieses Mädchen! Hätte Baronin »Verden können, reich»lud einen so guten und liebenswürdigen Mann bekonimen. Natürlich hat er gestern mit Gerda ge- sprachen, ni»d sie hat dem Ae rarsten alle Hoffnung genominen. Aber warte nur, mein Püppchen l Es"könnte ein Weilchen dauern, bis Mama Hellvik ihxs schönste Tochter dem Vieh- dottor giebt..." Dies war»vohl der>?seste und hochmüthigste Gedanke, der seit zehn Jahren die sonst so gütige Seele der Mama Hellvik durchzuckt hatte; aber sie konnte nichts dafür. Hu, es»var fast schon z»l viel vor dem Frühstück. Sie mußte ihren Vorsatz, sich gute Laune zu erlaufen, aufgeben, ging nach Hause, ordnete ein»venig ihren Anzug und begab sich nrit den Ihrigen hinauf in den Eßsaal. Dort oben»var die Verstinrmung und Verdrießlichkeit zienilich allgeinein, sie kainen in kleinen Trupps ui»d unregel- mäßigen Z»vischenräuinen hinein, aßen unter ziemlich allge- nieineni Schweigen und gnigen schnell ihres Wegs. Nachdem Frau Hellvik eine Weile auf der Chaiselongue in ihrem Zinuner gelegen und„gedrusselt" hatte— der Regen strömte noch nnmer herab— fuhr sie plötzlich in die Höhe und sprang auf. Großer Gott, sie hatte ja nun, über ihrem eigenen Ku»»»mer,»vährcnd ganzer zwei Stunde»» völlig das Schreckliche vergeffen, das heute ein paar andern Leuten widerfahren sollte uild von dc»n sie so uilertvartet Kcnntniß erhalten hatte. Konnte sie estvas thun, um es zu verhindern? Sollte sie »vie eine Mutter mit der Oberstin rede»», sie bitten und an- flehen, ihr Wichtgefühl und ihren Stolz anrufen? 'Aber wie konnte sie das? Sie hatte ja das, was bevor» stand, in einer schmachvollen Weise erfahren— durch Horchen... Aber wenn nian einen Menschen in» Begriff sieht, sich in einen Abgrund zu stürzen, gab es dann wohl etwas auf der Welt, was es entschuldigen konnte, wenn man sich nicht ihm in den Weg stellte? Vtach qualvollem einstündigem Kampf zog sie die Gummi- schuht und den Regenmantel wieder an. Die Oberstin wohnte in der Villa Nummer 11, in derselben, in der der Dichter und Assessor Halldelin hauste. Auf dem Wege be- gegnete sie dem Onkel Gustav, der sonst schlechtes Wetter schlimmer, als die Sünde haßte. Er kam unter einem Regen- schinn und mit aufgekrempelten Hosen in Gesellschaft der Möllerschen Damen dahergestolpert, die, trotz des Regens, sehr ausgeputzt waren. Onkel Gustav blieb mit verlegener Miene stehen. „Ach... D... D... Du... E... E... Emma I Was t... t... tausend willst Du in d... diesen: schlechten W... W... Wetter draußen? Na, willst Du m.. m.. mitkommen, da Du nun einnml d... d... draußen bist?" „Wohin?" „Liebste Frau Hellvik," nahm Fräulein Möller das Wort, „der Herr Landrichter war so überaus frcuudlich, Mama und mich zum Besuch der Konditorei einzuladen. Sie sind wohl erstaunt, uns so draußen im Regen herumtraben zu sehen?" „Gewiß nicht I Mein Sohn Axel behauptet immer, dann beißen die Fische am besten an... Ich danke, lieber Gustav, ich trinke niemals eine Stunde nach dem Frühstück Chokolade..." Das war ein reiner Unglückstag k--- Die Oberstin war zu Hause, auch allein, und kam ihrem Besuch ein wenig unruhig und nervös entgegen. Im hinteren Zimmer stand ein halbeingepackter, eleganter Koffer. Frau Hellvik wußte nicht, wie sie sich Verhalten sollte. Sie schämte sich und konnte doch nicht schweigen. Die Oberstin wollte sie offenbar so schnell wie möglich loswerden. Das Gespräch gestaltete sich sehr abgerissen und einsilbig. Aber plötzlich konnte sich Frau Hellvik nicht länger be- herrschen, mit ausgebreiteten Armen segelte sie auf die Obcrstin zu, drückte sie an ihre Brust und schluchzte: „Theuerste Frau Oberstin!... Liebes, geliebtes Kind, t h u n Sie es doch nicht I Um Gotteswillen, denken Sie doch an Ihr heiliges Gelübde, an den, dem Sie es gegeben, an Gottes Gericht, an Ihr Gewissen und an die Zukunft! Thun Sie es nicht, Frau Obcrstin! Unterlassen Sie es, liebe Freundin I"(Fortsetzung folgt.) lNachdruck verboten.) Grüne AVeihnnchken. Grüne Weihnachten— weiße Ostern: zwei gleich unerfreuliche Erscheinungen, von denen nach weit verbreiteter Annahme die erstcre gar noch die andere nach sich ziehen soll. Uns scheint nach den Er- innerungen aus der eigenen Kindheit zu einem richtigen Wcihnachts- feste eine tüchtige Portion Frost nebst schimmernder Schneedecke und glatter Eisbahn zu gehören. Die jetzige Jugend wird vielleicht ein- mal anders denken; denn seit einer Reihe von Jahren sind grüne Weihnachten schon völlig auf der Tagesordnung, der Schnee glänzt nur noch im Zimmer von den Zweigen des Tannen- baumes, auf Schlittenfahrt und Eislauf ist vor Neujahr nicht mehr zu rechnen: so spät und unvollkommen gelingt es den Frost- und Reifriesen, sich der Herrschaft über die weiten Land- schaften Westeuropa's zu bemächtigen. Aber nicht nur weil die meteorologischen Zuthaten fehlen, auch in des Wortes eigentlicher Bedeutung ist das Weihnachtsfcst jetzt „grün". Die Natur ist in Feld und Wald noch nicht erstorben überall, wo nur ein geschütztes Plätzchen sich findet, am Graben- bord, am Waldrande, auf der Sonnenseite der Hügel und Berg-. lehnen grünt, ja blüht es luftig fort. Konnte man doch in diesen' Tagen in Berlin zurückkehrende Ausflügler mit Sträußen von blühenden Lupinen und Schafgarben nebst schwellenden Weiden- knospen in der Hand sehen! Ueberall können wir unserem Kanarienvogel ein safttges Frühstück von grünender, selbst mit zier- lichen Blüthenstcrneu geschmückter Miere pflücken, und wer weiß, ob das Osterfest mit den Zwölften an Grün und Blumen- schmuck sich messen können wird. Diese anhaltende Lebensfreudigkeit der Vegetation, die der aufmerksame Naturfreund jetzt alljährlich konstatiren kann, hat ebenso wie die ungewöhnliche Temperatur auch in vergangenen Jahrhuuderteil die Verwunderung mancher Generation erregt und die Chronikschreiber zu Aufzeichnungen veranlaßt. So lesen wir aus dem Jahre 1340, daß es zu Weihnachten so warm war, wie an St. Johannes des Täufers Tag(24. Junis. 1374 war nach der Konstanzer Chronik ein so milder Winter, daß die Apfel- bäume im Februar blühten; eine Reihe sehr milder Winter gab es 1383—1385, so daß der Roggen schon iin April Nehren hatte, und die Trauben am Rhein Mitte August reif waren. 1471 blühten die Blumen bis tief in den Dezember hinein, und im ganzen Winter fehlten Eis und Schnee fast völlig. Auch Legende und Sage liefern ebenso wie Brauch und Sitte des Volkes Anzeichen dafür, daß man dem hoffnungsfteudigen Grün tiefe Bedeuttmg zum Weihnachtsfeste beilegte. In der Weihnachts« Nacht sollte ein geheimnißvollcs Grünen und Blühen der Obstbäume stattfinden, besonders in der Rhein- und Maingegend, und in Eng- land war es der berühmte Weißdorn von Glastonbury nebst seinen zahlreichen Ablegern, dem ein solches Weihnachtswunder nachgerühmt wurde. Man schmückte die Wohnungen und Kirchen mit Tannen- reisig, mit den immergrünen Zweigen von Epheu, Stechpalme, Lorbeer und Chpresscn und hing den Mistelzweig an der Decke auf, alte Gebräuche, die der Weihnachtsbaum jetzt größtentheils ver- drängt hat. Nicht so leicht, wie die„grüne Weihnacht" im Zimmer aus der Vergangenheit, ist sie draußen in freier Natur aus der Wetterlage zu erklären. Betrachten wir vorerst einmal die Weihnachtstage der letztvergangenen Jahre! 1897 befand sich Deutschland im letzten Drittel des Dezember zwischen einem oceanischen Minimum und einem von ihm langsam nach Südost verschobenen Hochdruckgebiet in der Mitte. Infolge dessen herrschten sehr milde Siidwestwinde, die strengeren Frost, selbst in wolkenlosen Nächten verhinderten und die Temperatur in den letzten Tagen des Monats bis auf 5 Grad und darüber steigen ließen, während die Nieder- schlüge minimal blieben. In den WeihnachtStagcn des vorher- gehenden Jahres breitete sich ein Minimum über der skandinavischen Halbinsel aus, was für Deutschland bis zunr Jahresschlüsse feuchten Südwest und etwas reichlichere Niederschläge zur Folge hatte. Die Temperatur der Wcihnachtswoche hielt sich meist über Rull und übertraf die Nornraltemperatur um ein weniges. Ganz ungewöhnlich verlief der Dezember des Jahres 1895, dessen erstes Drittel mit seiner Gcivitterhäufigkeit, seinen Stürmen und lleberschwemmungen wohl noch in frischer Erinnerung ist. Die Tcuipcratur war von be- trächtlicher Höhe und wich von der normalen fast um 4 Grad Celsius ab. Als der im nördlichen Rußland lagernde Hochdruck gegen Ende des zweiten Monatsdrittels nach Skandinavien hinübergriff, so daß die Winde immer mehr nordöstlich wurden, sank das Thermometer und gelangte kurz vor Weihnachten unter den Gefrierpunkt. Da griff denn die seit dem 20. auf den mitteldeuffchen Gebirgen liegende Schneedecke endlich auch auf die Ebene über. Kräftige Schneefälle und scharfen Frost gab es aber nur in Ost- deutschlaud und zwar erst am Jahresschluß: also auch in diesem Jahre grüne Weihnachten, wenngleich stark gefährdete. 1894 herrschte während der Weihnachtsfeiertage mit einer Unterbrechung am 26., der stellenweise verregnete, milde, ruhige meist heitere Witterung, die, wenigstens in Norddcutschland, mehr an Ostern als an Weih- nachten erinnerte. Vorher hatte infolge einer tiefen Cykloue im Norden Englands heftige Nordweststürme gewüthet. Die milde Winterwitterung hängt im' allgemeinen von dem Wettcrtypus ab, der nach der Terminologie des Meteorologen Van Bebber als der fünfte Haupttypus zu bezeichnen ist. Er wird durch hohen Lustdruck im Süden oder Südwesten, tiefen Luftdruck im Norden, also durch einen vorwiegend westöstlichen Verlauf der Linien gleich hohen Luftdrucks, der Isobaren, charakterisirt. Er repräsentirt das wanne Westwetter(mit West- und Südwestwinden und den sie begleitenden Niederschlägen. In den Weihnachtswochen der beiden vergangenen Jahre kam dieser WcttertypuS fast völlig zum Ausdruck; er ist es also hauptsächlich, dem wir die grünen Weihnachten ver- danken. Darauf beschränkt sich aber auch unsere ganze Wissenschaft. Weiter zurückzugreifen und das Zustandekommen dieser Wetterlage zu erklären, gestattet der jugendliche Zustand der meteorologischen Wissenschaft noch nicht. Vielfach ist versucht worden, dem Problem, mit dem die grünen Weihnachten zusammenhängen, also dem Auftreten ungewöhnlich milder Winter und ebenso dem naßkalten Sommer, durch statistische Untersuchung großer, Jahrhunderte, ja Jahrtausende umfassender Perioden beizukommen. Aber auch hier scheiterte die Untersuchung an dem jugendlichen Alter der Meteorologie als Wissenschaft: genaue, als sichere Grundlage brauchbare Wctterdnten giebt es erst seit 150—200 Jahren. Daher kommen die Forscher bei Be- Nutzung noch früherer Angaben bisweile» zu den wider- sprechendsten Ergebnissen. Zweifellos ist das gruppcuweise Auftreten kalter und warmer Winter resp. Sommer. So hatten wir z. B. eine Periode heißer Sommer von 1856—1880: seitdem sind die heißen Sommer aber wie verschwunden und haben einer naßkalten Temperatur Platz gemacht, die sich 1887—89, 91, 94 in hervorragendem Maße zeigte. Mit diesen kühlen Sommern scheinen auch die wärmeren Winter eingezogen zu fein; andere Untersuchungen, z. B. eine auf grund der bis 1720 zurückreichenden Berliner Temperaturreihe beruhende, stellen freilich wieder das Gegen- theil als richtig hin. In einem gewissen Zusammenhange stehen die periodisch aufttetenden Gruppen kühlerer Sommer und wärmerer Wintermonate auch wohl mit den bekannten von Brückner festgestellten 35jährigen Klimaschwankungen. Ebenso ist neuerdings eine Ab- hängigkcit von den Sonncnflecken behauptet, und zwar so, daß milde Winter vorherrschend auf Fleckenmaxima folgen sollen.— _ Haus Brendel. Kleittes Fouillekon. —Ick. Zwischen den Buden. Kinderschwärme und vereinzelte Erwachsene zogen den schmalen Weg zwischen den Verkaufsständen entlang. Die Händlerinnen ließen sie ziehen, ohne ihnen_»ach- zurnfen:»Fünf Steinpflaster für'« Jroscheu l"—.Eine Bürsten« Garnitur, Wichs-, Schmutz- und Blantbiirste, nur fünf Jroschen!"— „Für neunzig Fennje ein vollkommnet Porzellan-Service!"— Es war noch Tag. Wenn der schimmernde Schein der Petroleumlampen die Sachen vergoldete, waren sie leichter anzupreisen. Die Händlerinnen unterhielten sich, dabei die Hände an den Kafseetöpfen wärmend. Eine starke, robuste Frau rief ihrer Nachbarin zu:„Wenn't jut jeht, kriegt mein Oller'nen neien Ueberzieher!" Die Nachbarin, eine abgehärmte Person, die ihre Spielwaaren zierlich geordnet hatte, antwortete:„Ich kaufe mir diesmal'n Kleid. Man muß doch auch mal an sich selbst denken!... Und dann wollen wir vor allen Dingen was Ordentliches in Neujahrskarten anlegen.... Ja, man muß jetzt sehen, wie man sich durchschustert. Früher standen wir auf den: Leipzigerplatz. Da machten wir wenigstens noch ein feines Geschäft! das war'n Rausreitzer für's ganze Jahr. Ach. du lieber Himmel I Was schustert man bei der Böttcherei so ein Jahr über ein! Aber durch den Spielwaarenhandel zu Weihnachten konnten wir uns immer wieder hochrappeln. Wenn es diesmal nicht ordentlich geht, dann müssen wir ganz einpacken." Eine junge Frau, die mit ihrem Mann vor einem aus Kisten zusammengebauten Tisch voller Baumbehang stand und in ihren Kaffee blies, rief:„Na, Fritze, wenn wir unsere paar Kröten ein- schustern, dann handeln wir mit Lumpen I Was?" „I gewiß doch, wenn's nicht rechts rum geht, geht's links rum I... Nu, Jungs, jeht weiter!" fuhr er die den Stand um- drängenden Kinder an. Freundlich fragte er eine herantretende Frau: „Was wünschen Sie, Madamchen?" Die junge Frau stellte rasch ihre Kaffeetasse fort und bediente die Käuferin— es schien ihr doch angenehmer zu sein, rechts herum anstatt links herum zu gehen. An die Spielwaarenhändlerin trat ein Mann heran:„Na, was hast Du eingenommen?" „Zwei Mark." „Gieb mir mal eine.� „Aber, Du weißt doch.. „Nu mach!" sagte er mit den Allüren eines kleinen„Herrn", der Böttchemeistcr Sack. „Nu bleib' doch wenigstens mal'ne halbe Stunde hier. Ich spüre schon wieder, wie mir die feuchte, kalte Lust in die Glieder zieht. Zum Fest habe ich wieder die Influenza.... Das ist nun immer meine Weihnacht I" „Es hat ja doch keinen Zweck, daß ich hier stehe. Frauen ver- kaufen viel besser! Nicht wahr, Frau Schmoll?" „Jh. Sie Schlaukopf! Machen Sic nicht meinen Fritz rebellisch! Der nmtz mir helfen. Der hat keine Zeit zum Kneipen." Dem Böttchermcistcr einen schelmischen Blick zuwerfend, fügte sie hinzu: „Aber wahr ist es eigentlich; Frauen verkaufen viel besser!" „Du, wenn Du'mich, überhaupt die Männer schlecht machen willst!..." Damit kniff ihr Mann sie in den Arm. Während sich die jungen Leute neckten, ging der Böttchenneister durch den engen Raum zwischen den Buden. Seine Frau sah den jungen Leuten lächelnd zu, während ihr einzelne Thränen über die eingefallenen Backen liefen.-- -ss- Zur Geschichte des Aluminiums macht die„Zentral- Zeitung für Optik und Mechanik" eine Mittheilung, die beweist, daß ivahrscheinlich schon im Altcrthum einmal ein Verfahren zur Ge- winnung dieses Metalls gefunden worden war. Es handelt sich um eine Stelle in der Naturgeschichte des Plinius, die wenig bekannt ist, obgleich schon der Begründer der modernen Aluminium- Industrie, der französische Chemiker Deville, der auf der Pariser Welt-Aus- stellung 1855 die erste» Aluminium- Barren ausstellte, auf sie hingewiesen hat. Plinius erzählt. daß einst im Palast des Kaisers TiberiuS ein Metallarbeiter erschien und ein metallisches Gefäß zum Geschenk anbot, das äußerlich wie Silber aussah, aber auffallend leicht ivar. Der Kaiser fragte den Arbeiter, wo dieses Metall zu finden wäre, und erhielt die Antwort, daß jener es aus einer thonhaltigcn Erde hergestellt hätte. Tiberius fragte weiter, ob noch sonst jemand um das Vorhandensein und die Herstellung des Metallcs wüßte, worauf der Arbeiter zu seinem IIn« heil erwiderte, daß außer ihm nur Jupiter das Gchcimniß kenne. Der Kaiser nämlich war von dem Argwohn erfaßt, daß das neue Metall den Werth des Goldes und des Silbers schädigen möchte, und ließ daher die Wcrkstätte des römischen Aluminium- erzeugers sofort zerstören und diesen selbst cnthanpten. so daß die Erfindung vollkommen verloren ging. Die Erzählung, so wie sie Plinius giebt, läßt wohl kaum enien Zweifel daran, daß das in Rede stehende Metall nichts anderes als Aluminium gewesen sei. Man muß sogar soweit gehen, anzunehmen, daß jener römische Arbeiter ein einfacheres Mittel zur Herstellung des reinen Aluminiums gefunden hatte, als wir es heute kennen, denn das schwierige und umständliche Verfahren, das jetzt an der Wende des IS. Jahrhunderts zur Aluminimnerzeugung benutzt wird, ivar für die technischen Hilfs- mittel des Alterthums s'chlverlich ausführbar. So nehmen wir viel- leicht heute noch an dem Verluste theil, den die Habgier und der Unverstand eines römischen Kaisers vor 18>/z Jahrhunderten der Welt beibrachte.— Theater. Das Neue Theater der Frau Butze, das gemüthlich in dünnen deutschen Lustspiellvässerchen plätschert, hat am Montag sich zu einer Novität aufgeschwungen. Man gab eine Komödie,„ D i e Barbaren", die irgendwo, in Deutschland mit einem Preis ge- krönt wurden. Die Barbaren von S t o b i tz e r sind nicht von der Art, wegen derer man im Reichstag einen Ordnnngsruf erhält. Es' sind vielmehr zwei preußische Ulanenoffizicre, an Heldenhaftigkeit wie ritterlicher Güte gleich große Jdealgestalten, die im Winter von, 1870 französische Vorurtheile über die germanischen Barbaren widerlegen und zugleich die beiden Töchter aus stanzösischem, adelsstolzem Hause heirathen. Herrn Stobitzcr's Rezepte sind einfach; daß sie schön wären. kann man nicht behaupten. Unzweifelhaft hat es in Frankreich läppische Vorstellungen über Deutschland gegeben. Aber am Ende sollten wir unserer Chauvins gleichfalls eingedenk sein. Wir hatten Gelegenheit genug, während des Dreyfus'handels ihr Treiben zu beobachten. Zudem ist es so unfein, sich in scheinbarer Be- scheidenheit zu blähen: Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen! Es ist eine Bescheidenheit, die dem geckenhaften Prahlhansenthum verteufelt ähnlich sieht. Wozu aber heute noch eine unedle Renommisterei dem Ueberwundcnen gegenüber? Das sind indessen thörichte Erwägungen und Fragen. Die Schauspieler waren mit Eifer bei der Sache, und das liebe Publikum sonnte sich vor eitler Lust, wenn nur der dumme, französische Teufel eins abbekam. Unser Theater und Knnstveredlung! Narren träumen davon und Lumpen behaupten, es wär' dem so l——ff. Kunst. -hl. In der neuen Ausstellung deS KunstsalonS von Gurlitt ist vor allein eine Sammlung von Zeichnungen, Radi- rungen und Entwürfen von F i d u s sBerlin) von Interesse. Ob- wohl der stille Künstler sich bisher von dem Ausstellnngstteibcn zurückgezogen hielt, hat er durch Zeichnungen, Randleisten und Vignetten, die er in der„Jugend" und in,„Siniplicissimus", im „Pan" veröffentlicht hat, sowie durch künstlerischen Buchschmuck, der besonders den Dichtungen von Franz Evers zu gute kam. die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Wie immer, so erhöht auch hier die Feinheit der Entivürfe, den Eindruck, den die Reproduktionen schon machten. Der Reiz der Zeichnungen von Fidus liegt in ihren Linien; oft giebt er nur die Umrisse der Figuren, und gerade dann lvirkt er am reinsten. Das Gebiet, in dem er un- bestritten der Meister ist, das er recht eigentlich erst erschlossen hat, ist die Darstellung der Körperfonnen des heranblühenden, noch nicht zum Weibe erwachten Mädchens: es ist nicht auszusagen, wie zart bei aller Herbe er sie giebt. Und immer geht ein Hauch von Rein- heit und Keuschheit von seiner Kunst aus, auch da wo er seine Motive aus dem Reich der sinnlichen Liebe nimmt. Die Körper, wie sparsam in den Mitteln er sie auch darstellen mag, haben Leben. Ein Beispiel für die vielen: In einem Titelblatte stellt er einen Ritter dar, der seine Rüstung abgelegt hat und sich nun> anschickt, in die finstere Höhle. die vor ihm in die Felsen hineinführt, einzudringen. Man empfindet das Grauen, das ihn erfüllt, man fühlt, wie ei» Zittern durch seinen Körper länst, man weiß aber auch, daß der Tapfere durchführen wird, was er sich vorgenommen. Und noch eins ist merkwürdig an diesem Künstler, daß er die Tiefe des seelischen Ausdrucks mit der dekorativen Anforderung, die die Anwendung seiner Kunst an ihn stellt, zu vereinen im Stande ist. Seine Vignetten können bei aller psychologischen Feinheit wirklich zn diesem Zweck dienen, und �andererseits entbehren auch die streng ornamentalen Entwürfe nie des philosophischen Gehalts, der für Fidus charakteristisch ist und der sich an die spiritistische Ideen- weit anlehnt.— Es wurde an dieser Stelle bereits erwähnt, daß noch ein neuer Kunstsalon, der„Salon Ribera" in der Potsdamerstratze, eröffnet worden ist. Auch dieser giebt durch seine Ausstattung zu erkennen, daß er nach modernen Prinzipien geleitet sein soll. Leider nur soll. Er könnte geradezu als Musterbeispiel dienen, ivelche Gefahren in den Tendenzen der modernen Zimmerausstattung liegen, soweit diese ans Farbenwirkungen ausgeht. Man hat es sich sehr bequem gemacht; das eine Zimmer ist von der Decke bis zum Fuß- bodcn grün, das andere gelb, ein drittes violett u. s. w.; höchstens sind kleine Aufhellungen des Tons von unten nach oben zu koustatircn. Im übrigen ist die übliche Berliner Zinimerausstattung fast unversehrt erhalten, nur in einigen Zimmern Ornamentfriese hinzugefügt. Selbst höchst unangenehm scharfe Farben sind nicht ver- mieden, besonders in einem violetten und einem grünen Zimmer. In einer so ausgestatteten Privatwohnuug würde es wahrlich kein Mensch, sofern er farbcncmpfindlich ist, aushalten: und auf diesen schreienden Hintergrund hat man die in den Farben so zarten Bilder des Hamburger Malers I l l i e s gehängt I Selbst die W o r p s- weder, die unter den ausstellenden Künstlern das meiste Interesse beanspruchen, die doch überall durch ihre lebhaften Farben die Augen auf sich ziehen, wirken gegen den kräftig grünen Hintergrund der Wände, an denen sie hier hängen, säst grau und stumpf. Nicht anders, wie mit den Farben, verhält es sich mit de» dekorativen Holzarbeiten, die in einigen Zimmern angebracht sind. Einen langen Korridor suchte man durch Holzfüllungen zu beleben, die'in ihrer Linienführung an die van de Veldes erinnern. Aber was bei dem letzteren in konstrukttvem Aufbau, indem ein Glied auf das andere sich stützt,' organisch durchgeführt ist, das wird in der Nachahmung zur Spielerei an stelle der mächtig wirkenden eichenen Füllung ist hier etwas getreten, das wie eine allzu groß sgerathene Laubsäge-Arbeit aussieht. In richtigem Gegensatz dazu wird in einem ziemlich kleinem Znnmer die Decke von einer Balkenkonßrnktion getragen, wie sie in den Blockhnusenl der Wildnitz nicht kräftiger ausgeführt sein wird. Es thut einem leid um die Kunstwerke, die in dieser geschmacklosen Umgebung viel von ihrer Bedeutung verlieren. Von den Worpswedern ist namentlich Modersohn durch eine Reihe tüchtiger Landschaftsstudien vertreten, die in erfreulichem Gegensatz zu den Bildern der letzten grotzen Ausstellung ein gesundes, tiefdringendes Swdinm der Natur zeigen. Dasselbe gilt von Mackensen und H. am Ende. Auch sonst sind eine Reihe tüchtiger Arbeiten da, die aber etwas Neues über die Künstler, von denen sie herrühren, nicht zeigen.— Völkerkunde. fi. Ein nordamerikanisches Totem-Monument- er Nähe von Weybridge ist auf der Besitzung von Charles Buxton kürzlich ein seltsames Monument errichtet worden, das mit der umgebenden Landschaft in einem eigenthllmlichen Kontrast steht. Es stammt aus dem Haidadorfe Masset auf den Königin Charlotte- Inseln(Westküste von Nord-Amerika). Es ist aus einem behaue neu Zedernstamm hergestellt und erhebt sich jetzt 41 Futz über dem Erd- boden. Früher soll es noch 10 Futz länger gewesen sein; aber das untere Ende, das im Erdboden steckte, wurde abgehauen, und der erhaltene Theil ruht jetzt, von einem Eisengerüst unterstützt, auf einer massiven Grundlage. Nur der vordere Theil ist mit Bildwerken geschmückt, der Hintere ist ausgehöhlt. In den Haidadörfern sind an allen Hänser» vorn solche Totem- Pfähle errichtet. Ost stnd diese auch mit einer ovalen Oeffnung versehen, die als Thür dient. Aus der Entfernung macht Xjn solches Dorf mit seinen Totem-Pfählen den Eindruck eines Hasens. dem zahllose Schiffe mit Masten liegen. Diese Monumente stehdn in Beziehung zu dem eigenartigen totemistischen System der HmVis, das Prof. Edward Ty'lor in der englischen anthropologischen Zeit- schrift ausführlich beschreibt. DaS ganze Volk zerfällt in zwei grotze Gruppen, die nach dem Adler und dem Raben benannt sind, und in diesen sind wieder einzelne Gruppen mit besonderen Totems unter- schieden. In der Adlergruppe sind solche Totems Adler, Rabe, Frosch, Biber, Mond, Ente, Stockfisch,-whaski(fabelhafter Walfisch) und Eule; in der Rabengrnppe sind es Wolf, Bär, Roche, Berg- ziege, Seelvwe, tsamaos(fabelhaftes See-Ungeheuer), Sonne, Mond, .Regenvogel" und„Gewittervogel". Datz der Rabe der Adlergruppe augehören kau», ist seltsam und unterscheidet diesen Toteinismus von dem sonst sehr ähnlichen derTIingit auf dem nahen Alaska. Dadurch datz die Glieder derselben Gruppe eng zusammengeschlossen sind, hat das System auch bei den Haida's noch heute seine soziale Bedentuug, wenn auch bei ihnen, im Gegensatz zu anderen Indianern, die Zu- geHörigkeit zu einer Gnippe auch schon durch Adoption erlvorben werden kann. Die Haida's glauben freilich nicht mehr, datz sie Nachkommen der Thierbilder sind, die sie ver- ehren, sondern datz die Ahnen nur in de» Kindern wieder- geboren werden; denn der Mensch kann nur als solcher wieder» geboren werden, ein Thier nur als Thier. Die Thiere, die einer Gruppe als Totem angehören, Iverden nur als Verwandte und Be- schiitzer angesehen. So beten die Indianer zum Wolfe:„Wir sind eure Verwandten; thut uns kein Leid an!" Die Totem-Thiere dürfen zlvar nicht gegessen werden, aber es ist nicht verboten, sie zu tödten. Sie werden auch wie alle anderen Thiere gejagt. Die Haidas glauben, datz der menschliche Ahnherr ihrer Gnippe mit irgend einem mystischen oder fabelhaften Wesen in Beziehung ge- standen und von diesem zur Erinnerung das Totembildj erhalten habe, das dann in seiner Gnippe erblich wurde. Auf dem oberen Theil des MoiuimenteS befindet sich nun eine Gruppe von drei sitzenden Figuren, deren Rang durch den eigenthünilichen Hut, den „Häuptlingshut", gekeinizeichiiet wird. Die originelle Form dieser Kopfbedeckung erinnert an den eigenthümlichen Hut der Ein- geborenen, der nur bei zeremoniellen Tänzsu getragen wird. Er weist verschiedene Abtheilungen auf, deren Zahl den Rang des Trägers anzeigt. Dieser Hut spielt schon in der Sintflnth- Mythe der Haidas eine grotze Rolle: Der Oheim des göttlichen Detel überschwemmte die Erde, um sich für die Ermordung seiner Brüder an Detel zu rächen. Sich selbst hielt er durch seinen Hut über dem Wasser. Da aber flog Detel zum Hinimel auf und drückte den Hut seines Oheims herunter und ertränkte diesen. Unter den drei Häuptlingen auf dem Totem-Pfahl ist ein Bär mit seinem Jniigen dargestellt, der einen Frosch fritzt. Weiter nach unten folgt die oft wiederholte Szene zwischen dem Bär Hoorts und dem Jäger Tvivats: Der Jäger ging einmal zur Höhle des Bären, traf ihn aber nicht zu Hause. Nur dessen Weib traf er an, und er machte ihr den Hof. Als der Bär zurück- kam, tvar seine Frau sehr verwirrt, und er vermuihete BöseS. Als sie dann nach Holz und Wasser ging, band der Bär einen magischen Faden an ihr Kleid, folgte ihr so und überraschte sie mit dem Jäger. Die Szene stellt nun dar, lvie der Eifersüchtige den Jäger tödtet. An der Basis deS Totem-Pfahls finden sich noch zwei Figuren ab- gebildet; die eine ist der Wolf, die andere vermuthlich der'„Walfisch- tödter" oder Skana, der bei den Haidas als grotzer Geist verehrt wird. Die Indianer glauben von ihm, datz er ihre KanoeS zerbricht, sie selbst ertränkt und dann in Walfische verwandelt.— < ,, Technisches.' ! Ein neues Telephon. Aus Paris wird der„Magd. Zeitung" geschrieben: Der Genfer Phhsikprofessor Dussaud führte im Hause des„Figaro" einem Publikum von Sachverständigen und von Musikfreunden seine sehr interessante neue Erfindung des ohne Apparat vernehmbaren Telephons vor. Die Zuhörer waren im obersten Stockwerk im Fechtsaal versammelt, den der „Figaro" für seine Redakteure hat einrichten lassen, und die aus- übenden Künstler zwei Treppen unterhalb. Ein Telephon verband beide Räume. In einer Ecke des Fechtsaales stand der sehr kleine, einfach aussehende Apparat, und ohne einen Schallbecher ans Ohr zu setzen oder auch nur das Gehör besonders anzustrengen, hörte jeder Besucher die Musik Note für Note. Ausgezeichnet klangen Flöte, Oboe und Klarinette, recht annehmbar die Fraiienstinimen, und mir für die Männerstimmen erwies sich die Uebertragung weniger günstig, obschon zwei hervorragende Sänger der Oper und der Komischen Oper zum Experiment aufgeboten worden waren. Pro- fessor Dussaud sprach sich in seinem erklärenden Vortrage über eine ähnliche Erfindung des Franzosen Germain in anerkennender Weise aus. Der Kostenpunkt ivird entscheiden, welches der beiden neuen Systeme den Sieg behalten wird. Man envartet, die Erfindung werde namentlich der Industrie des Theatrophons einen neuen Auf- schwuug geben. Humoristisches. — I m Eifer. Zum Herrn Pfarrer kam eine arme Frau und bat ihn, ihren Jüngsten zu taufen. Da Ehrwürden sehr an den Schätzen hing, die Motten und Rost fressen, fragte er:„Könnt Ihr mir auch ein Tansgeld geben, liebe Frau?" „Nein, Herr Pastor, wir sind sehr arm." „Dann taufe ich auch Eure Krabbe nicht," sprach der erzürnte Pfarrer. Einige Wochen später traf Ehrtvürden dieselbe Frau auf der Dorfstratze. Er sprach sie an: „Habt Ihr jetzt das Geld beisammen, um Euer» Buben taufen zu lassen?" „Js»ich mehr nöthig, Herr Pastor." antlvortete die Frau. „Wir baten den Herrn Pastor aus B., unfern Jungen zu taufen, und der hat's umsonst gethan." „Na. dann ivird's auch danach sein," rief der er- grimmte Pfarrer und ging seines Weges.—(„Simplic.") — Ein Geschäftsmann. Käufer:„Wie viel wollen Sie für die Uhr?" �. Händler:„Werth ist se zehn, ich verlange aber nur acht; bieten Se mir jedoch vier, dann nehm' ich auch sechse!"— � Im Zweifel. Trudi:„Was siiuiirst Du denn so lange, Minna?' Minna:«Ich weitz nicht, soll ich schließen: ewig die Deine. oder nur: Deine treue Freuudüi; ich kann sie nämlich nicht aus- stehen."—(„Jugend.") Vermischtes vom Tage. — Auf der O sts e e ist bei Westlich-Neufähr ein Fischerboot gekentert. Die drei Insassen des Bootes ertranken.— — Durch Einathmen von Kohlen oxydgas sind die Frau und der erlvachsene Sohn eines Hofbesitzers in S t e i n b u r g bei Itzehoe erstickt. Der Mann liegt schwer krank darnieder.— — In Siegendorf(Schlesien) fiel ein zweijähriges Kind in einen Mühlgrabe». Der es beglefteiide Haushund rannte zu der Mutter und veraiilatzte diese durch Kratzen, Bellen, Voranlaufen und sein ängstliches Gebahre», ihm zu folgen. Die Mutter kam auf diese Weise noch rechtzeitig zur Rettung ihres Kindes herbei.—. — Im Granitsteinbruch in Cölln bei Meißen hatten vier Steinbrecher sich mit einem ihrer Kollegen einen Scherz er« landen und ihm seinen Schnaps wegtrinken wollen. Unglücklicherweise erwischten sie die Flasche mit Sprengöl, die ans Unachtsamkeit oder mit Absicht an die Stelle gestellt worden ivar, Ivo sonst die Schnapsflasche stand. Alle tranken davon. Wenige Stunden darauf waren die noch jungen Männer todt.— — Bei den Ausgrabungen im ilt ö m e r l a g e r zu N e n tz wurden eine Prätor- Wohnung, mehrere kleine Kasernen, ein größeres Lazareth-Ziminer und darin verschiedene chirurgische I n st r u m e n t e gefunden.— — In Mannheim haben eine Prostituirte und ihr f33jähriger Zuhälter zwei Kinder der erstere» vergiftet; sie wurden verhaftet.— — In der„A u g S b u r g e r A b e n d- Z e i t u n g" findet sich folgendes Inserat:„Das versiegelte 6. und 7. Buch M o s i s, das Geheimnitz aller Geheimnisse... Glück und Segen, dauernde Gesundheit, Heilung aller Krankheiten der Menschen und Thiere, sicherer Wohlstand und langes Leben. Zahlreiche Dank- schreiben. A... G..., Nürnberg."— Und alles um drei Mark!— — Bei einem Apotheker in O st e n d e erschien ein ehemaliger Seemann und versetzte jenem einen tödtlichen Dolchstich. Der Seemann Ivurde verhaftet. Er behauptet, die That begangen zu haben, weil der Apotheker ihm vor einigen Monaten giftige Pillen gegen Rheumatismus verabreicht habe, die sein Leiden statt verbessert noch vermehrt hätten.—__ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.