Anlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 252. Mittwoch, den 28. Dezember. 1893 (Nachdmck verboten.) Die Vaveveipe devFÄmilie Hellvik: 16] Von Alfred a f Heden st jerna. Onkel Gustav, der von der Seite nach ihr hinschielte, be merkte ein wenig biffig: „Gute N... N... Neuigkeiten von zu Hause?" „Sie können gut sein, auch wenn sie nicht von zu Hause kommen, lieber Gustav," „So ist D... D... Deine b... b... brave Oberstin vielleicht auf der Heimfahrt?" „Dieser Brief hier ist aus Westervik, Gustav." „Ich weiß nicht, d... daß Du da B... B... Bekannte h-st!" „Nein, aber Du hattest Lust, uns dort welche zu der schaffen." „Emma!" „Onkel Gustav!" Sie waren beide aufgestanden und sahen einander wie zwei richttge zornige Truthähne an; aber dann lachte Frau Hellvik wieder auf, faßte den Alten unter und zog ihn erst in den Park hinaus und dann in einen wenig begangenen Waldsteig. „W... W... Was willst D... D... Du eigentlich?" keuchte Onkel Gustav; aber die Schwägerin lief immer weiter. Schließlich gelangten sie zu einer Bank tief im Walde, wo kein Mensch zu sehen und zu hören war. Da setzte Frau Hellvik sich hin und zog den Schwager neben sich nieder, guckte ihm gerade ins Gesicht und sagte: „Höre, Gustav, glaubst Du, daß Albert und ich und unsere Kinder Dich lieb haben. Du alter Hansnarr?" „Ja, in Eurer W... W... Weise!" „Glaubst Du, daß ims mehr an Deinem Geld, als an Dir liegt? Glaubst Du, daß wir jeden Heller berechnen, den Du ersparst, und Dir keine Freude für Dein Geld gönnen wollen, wenn Du Dir Ivelche verschaffen kannst?" „Aber l... liebe Emma! „Glaubst Du, wir hätten Dir das Glück eines eigenen Heims mißgönnt, nur damit unsere Kinder Dich beerben können? Besinnst Du Dich noch auf die kleine Schwägerin von Probstens, jenes gute, nette zwar vierzigjährige Mädchen, das aber nur wie fünfundzwanzig aussah? Ich lud sie vor einigen Jahren im Sommer zu uns ein, weil ich glaubte, sie paßte für Dich, und es hätte sich so hübsch arrangiren lassen. Die wolltest Du aber nicht haben, obgleich ich genau weiß, daß sie Dich viel glücklicher gemacht hätte, als Du es Verdienst, und damals wäre es für Dich vielleicht noch Zeit gewesen! Und schwieg ich nicht ganz artig in jenem Sommer, da Du davon phantasirtest, ein Kinderheim bauen und dottren zu wollen I Ich dachte, meine Kinder oder die Anderer, daS läuft schließlich auf eins hinaus." „Ja, Du bist eine gute Frau, Emmachen, das weiß ich ja," sagte Onkel Gustav, ohne zu stammeln und drückte die Hand seiner Schwägerin. „Ich bin nicht schlechter, als die Leute es meist sind; aber daß Du. der sein ganzes Leben lang sich nicht um Frauen- zimmer gekümmert hat, plötzlich ganz verrückt hinter diesen Möller's her bist... Ich komme bald zu der Meinung, es war ein Unglück, daß wir hierher gingen. Gott weiß, ob Dir hier die Luft bekommt, Gustav?" „M... M... Möller's sind vort. �. t... treffliche Menschen Emma." „Das sind sie eben nicht, Gustav!" Ich habe mit großer Mühe Auskunft über diese Leute eingeholt. Ich sage Dir, sie sind... aber warum soll ich Dich damit kränken? I Der Zufall hat mich begünstigt und mich in die Lage versetzt, Dir viel einfacher und schneller die Augen zu öffnen... Lies!" Und damit reichte sie ihm das Papier hin, das Frau MWer auf der Veranda aus der Tasche verloren hatte. Onkel Gustav überflog mit erschrecktem Blick und erbeben- der Seele folgende Zeilen: „... Es ist zu köstlich. Malvinchen. unglaublich köstlich. daß Ihr solch' einen alten Prachtkerl aufgegabelt habt! Was thut es denn, daß er häßlich ist! Ihr werdet ja nicht bis in alle Ewigkeit sitzen und ihn anbeten, denke ich. Und sein Stammeln hat wohl noch weniger zu bedeuten, er wird wohl nicht so oft etwas zu sagen haben, der Arme. Aber be- fchleunigt die Sache, das sage ich Euch, laßt den Alten nicht zu lange imSalzbad herumplanschen und Gesundbrunnen saufen, denn dann kann es schwer werden, mit ihm auszuhalten, wie Eugenie Wimmermark gestern sagte, als ich ihr erzählte, welch' prächtigen Fang ihr dort unten in Gesundbrunn gemacht habt.. „Pf... Pf... Pf... pfui Teufel!" rief Onkel Gustav und begann langsam wieder zum Bade zurückzuschreiten. „Höre, Emma", fuhr er dann schnell fort, verstnmnite aber und sah die Schwägerin an. „Was giebt's?" „D... Da... Davon reden wir nicht mehr!" „Nein, niemals!" „D... D... Du glauUt doch wohl n... N 1 1 1 nicht, daß ich jemals b... b... beabsichtigt habe, Ernst aus der S... Sa... Sache zu machen?" „Nattirlich nicht!" „S... s... siehst Du, ich w.... w � 7 1 wollte die Kleine nur zum N... arren machen.", „Hahaha! Du bist ein Schelm Onkel Gustav!" sagte Frau Hellvik, die bereitwillig alles that, um defl ehrenvollen Rückzug ihres lieben Schwagers von seinem ersten und letzten Einfall ins Land Arkadien zu decken.-- Aber im Lande Arkadien sind der Touristenverkehr und die Einzüge sehr zahlreich. Ach, warum müssen die„Aus- züge" es auch sein! Um dieselbe Zeit, da Onkel Gustav die Thüre hinter sich für immer zuschlagen hörte, zog ein anderes Paar dort ein. Herr F. H. Nilsson und Fräulein Anna Hellvik waren tiefer und tiefer in den Wald hineingegangen, als sie den mütterlichen Augen der Frau Hellvik entschwanden, so daß Anna schließlich stehen blieb und darüber nachsann, ob sie nicht„allein mit einem Herrn" zu weit gegangen wäre. Aber da begann Herr Nilsson, der bisher ungewöhnlich' chweigsam gewesen war, plötzlich interessant zu werden. Er ah seiner schönen Begleiterin gerade in die treuherzigen, blauen Augen hinein und sagte, freilich etwas plötzlich, aber im übrigen mit weit größerer Klarheit und so zusammen- hängend, wie es sonst bei einem Gespräch dieser Art wohl kaum üblich ist: „Wenn meine Person, meine materielle Stellung und mein vergangenes Leben kein Hinderniß bilden, könnte ich dann zu hoffen wagen, daß Sie meine Gatttn werden wollen, Fräulein Hellvik?" Anna Hellvik hatte keine praktische Erfahrung darin, wie eine Werbung stattzufinden pflegt, aber infolge der An- deutungen von Freundinnen und ihrer bellettistischen Studien nahm sie an, daß Herrn Nilsson's Erklärung sich durch einen ungewöhnlichen Grad von Klarheit und Ruhe auszeichnete. Aber sie liebte ihn wirklich. Er hatte längst einen hundert Mal größeren Platz in ihrem Herzen erobert, als der kleine Pfarrer Fridolin, den er daraus verttieben und dem nur gestattet gewesen war, die Thüre auf ein kleines Spaltchen zu öffnen, und auch das eigentlich nur. weil kein anderer da war, der das hätte thun können. Darum sagte sie nicht nein, lief auch nicht davon. Und noch weniger sagte sie natürlich ja. Die meisten Mädchen verheirathcn sich ja, ohne es zu sagen. Sie schwieg und blickte zu Boden. Da stand eine Bank, und auf diese setzten sie sich. Anna Hellvik war unschuldiger als die meisten Mädchen in ihrem Alter, hatte aber doch eine Ahnung, daß, wenn man eine solche Frage schweigend und im großen Ganzen wohl- wollend angehört hat und sich sttll neben den Fragesteller setzt, etwas... hm... etwas Merkwürdiges geschehen muß, was einem anständigen Mädchen sonst noch niemals widerfahren ist. Aber Herr Nilffon that nichts dergleichen; er sah sie nur mit einem Blick voll inniger Liebe an und begann dann wieder klar und deutlich zu reden: „Ich hätte diese Frage nicht an Sie gerichtet, wenn ich selbst ettvas Beleidigendes darin finden würde; aber für den � Fall, daß Ihre Eltern z. B. darüber anders denken sollten, möchte ich Ihnen Einiges von mir selbst mittheilen. �ch bin aus so guter Familie, wie Sie; aber die Ver- Hältnisse haben mir nicht gestattet, den Traditionen meines Geschlechts zu folgen. Ich besitze Kenntnisse, die im allge- meinen ihrem Besitzer das Recht geben, sich einen gebildeten Mann zu nennen; aber ich habe sie in dienender Stellung ausgenutzt. Jetzt besitze ich ein Vermögen, daß unter normalen Verhältnissen die sichere Existenz einer Familie er- möglicht; aber der Gnmdstock dieses Vermögens ist durch — Trinkgelder geschaffen. Fräulein Hellvik! Der Mann, der Sie um Ihre Hand bittet, ist ein— Kellner!" „Mein Gott I... Ein Kell... ner I" Man kann nicht behaupten, daß in Anna Hellvik's Ton sich eine besondere Achtrmg für den Stand des Herrn Nilsson aussprach; aber es war doch vorwiegend die Angst davor, was Maina sagen würde, daß der Mann, den sie liebte, seinen Verstand verloren hatte, denn so thöricht kamen ihr seine Worte vor. „Meine Geschichte ist in Kürze die folgende: Mein Vater hantirte nicht mit Flaschen— wenigstens nicht im Dienste. Nilsson hieß er nicht, sondern Nils Silbergriv. Das ist mein NvMe; ich kann ihn jeden Tckg wieder annehmen, es ruht kein Flecken darauf, kein Fehl, Fräulein Hellvik I Mein Vater starb, und meiner Mutter und meinen'Geschwistern drohte die bitterste Roth— mir nicht, denn ich hatte bereits das Studentcncxamen bestanden. Aber ich konnte die Mcinigen nicht hungern sehen; ich mußte etwas unternehmen, was schnell Geld einbrachte. Das ist nur durch Trinkgelder zu er- reichen, wenn man sie in genügender Menge bekommt und so wurde ich— Kellner, Kellner und Billardmarqueur l Nur im Auslande, Fräulein Hellwik, nur im Auslande, wenn das die Sache etwas mildert. Ja, ja, ich habe auf dieses nachlässige „Pst" hören müssen, ich habe um Trinkgelder Verbeugungen gemacht; aber— meine Mutter starb in einem guten, warmen Zimmer, und meine Schwestern sind gerade so feine Damen, wie Sie, Fräulein Hellvik..." Es begann in Anna Hellvik's Augen feucht zu schimmern, und sie brannte vor Verlangen, die Arme um seinen Hals zu schlingen. Aber da er so steif wie ein Stock dasaß... Die Männer sind manchmal wohl furchtbar wunderlich! „Ich sagte das Schlimmste gleich zuerst. Nun springe ich längst nicht mehr von Tisch zu Tisch; es ist sehr lange her, daß ich das aufgab. Ich habe Geschäfte gemacht und Geld gemacht, ich bin Hofmeister gewesen und ein sehr feiner Herr; aber ich meinte, es wäre am besten, mit dem Anfang zu beginnen. Sehen Sie, ich hielt es nicht für richtig, mich Ihnen als Hotel-Direktor— das bin ich jetzt— vorzustellen, und dann, früher oder später, herniedersteigen müssen und Ihnen zeigen, welchen Weg ich habe machen müssen. Ja, Schlimmeres liegt nicht vor, aber Thatsachen können auch nicht fortgeleugnet werden. Und nun wiederhole ich meine Frage:„Wollen Sie meine Frau werden? Ihr Ja würde mich sehr glücklich machen, denn ich habe Sie unendlich lieb gewonnen und habe zu viel von der Welt und von den Frauen gesehen, um hoffen zu können, daß ich zweimal in meinem Leben auf meinem Wege einem Weibe begegnen sollte, dem ich das Beste meiner Seele und niein ganzes Herz zu eigen geben könnte. Ihr Stein würde mich nicht in dem gewöhnlichen romantischen Sinne „unglücklich" machen; dazu bin ich zu alt. ich habe dafür zu viel durchgemacht und gelitten. Aber es würde mich wieder in den Kampf hinausstoßen, es würde mich zwingen, ohne Ziel zu ringen und ohne Freude zu siegen. Wollen Sie mich wieder in die Welt hinausjagen?" „Nein!" flüsterte Anna Hellvik leise, aber doch völlig hörbar. Denjenigen Freiern, die aus Prinzip es auf eine andere Antwort, als die des Kusses absehen, kann ich die indirekte Art, zu fragen, empfehlen. Vermag ein Mädchen ohne Risiko „nein" zu antworten, wenn es„ja" bedeutet, dann zögert sie niemals. Und dann. dann ging es gerade wie bei einer ge- wöhnlichcn erfolgreichen Werbung zu, und Anna Hellvik's Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Man wird selten einen Hotel-Direktor finden, der zu blöde ist, um zu »nehmen". Als Anna Hellvik an diesem Abend in Villa Nr. 7 zu Bett ging, war sie weit klüger und unterrichteter als ein paar Ctflttden vorher-—■ � Sie wußte, was der mystische Herr Nilsson für ein Mann war; d. h. sie glaubte zum mindesten es zu wissen, wie wir alle es an unserem Verlobungsabend von unserer anderen Hälfte glauben. Und ferner wußte sie, wie es ist, wenn um einen ge- warben wird. Hätte man sie darüber befragt, hätte sie, wenn sie sich an die Wahrheit halten wollte, nur sagen können, daß es„unbeschreiblich schön" wäre, aber„etwas umständ- licher", als sie es sich gedacht hatte. Na, meist geht es ja auch rascher. Sie wußte sogar, was das F. H. vor dem Namen Nilsson in der Kurliste bedeutete. Er hatte es ihr zwischen ein paar Küssen gesagt. Das bedeutete Franz Henrik, und der erste dieser beiden Namen kehrte während der Julinacht, die diesem wunderbaren Tage folgte, häufig in Anna Hellvik's lebhaften Träumen wieder. (Fortsetzung folgt.) Meue LuPkfpiele. In Paris hat jüngst ein Kunstkritiker geklagt, daß man es in diesem Halbjahr bereits auf mehr als zwanzig Premieren gebracht habe. Denkt man dabei an den großhändlerischen Thcatcrbetrieb Berlins, so ist das verhältnißmäßig wenig, und dabei sollen uns noch zwei dramatische Gesellschaften beglücken, von denen die eine frisch, frank und floh sich zunächst an Aristophancs„macht". Ein manierlicher Aristophnnes, dem vielleicht aus sittciipolizeilichen Gründen die dreistesten Zynismen ausgebrochen worden sind, das kann ein Genuß werden! Zwanzig Pariser Premiären bedeuten freilich niehr Arbeit für das Theater, als eine entsprechende Zahl von Berliner Vorführungen. Das macht der größere kunstgewerbliche Fleiß, die traditionelle größere Solidität, die von Kennern staiizösischcr Theaterzustände bereitivillig anerkannt wird. Die Theaterschriststcllerei ist arg zurück- gegangen, wenn das spielerisch- anmuthige Werk von Cyrano der literar-poetische Hauptgewinn der letzten Jahre werden konnte. Aber die gute Eigenschaft ist zum großen Theil noch erhalten geblieben; man arbeitet, man feilt sorgsamer, man hält mehr Proben, als bei uns, bis das Bühnenbild ausreift. Das ist im allgemeinen ge- sprachen, und hat mit der oder jener besonderen Thcaterdirektion, die etwa in Paris lottriger, in Berlin sauberer schaffen könnte, nichts zu thun. Die stupcnde Maffcnhaftigkeit in Berlin, die reichere städtische Gliederung Deutschlands und Oesterreichs mit dem Markt-Vorort Berlin, der Bestand von Theatern, die manchmal in einem Halbjahr ihr Genre völlig zu ändern gezwungen sind, unterstützen den Hang zur lockeren Arbeit. Biel und billig, kann man ein bekanntes Wort variircn. Das zeigte wieder die Weihnachtszeit mit den Lustspielen, die sie brachte. Als zynisches Bckcnntniß, wie der Massen und Markt- betrieb auf die geistigen Arbeiter zurückwirke, hat vielleicht die Komödie„Die Lustspielfirma" von Wather und S t e i ns, die am Schauspielhaus gegeben wird, einigen Werth. Walther und Stein machen sich über sich selbst, über ihre eigene Firma Instig; und das ist immerhin etwas in einer sonst durchaus banalen Koniödie. Sie decken ganz ungenirt auf, wie die Firmen- und Handclskomödien entstehen und wie das„Geschäftchcn" zwei Gesellschafter, die auseinander streben, wiederum zusammenführt. Der Wiener Zyniker Nestroy that einmal den Ausspruch:«I mag kau Lorbeer; uct in der Supp' und nct am Kopf I" Solche galligen Worte können unsere guten Firmendichter freilich nicht prägen, aber angedeutet ist das modische Gcschästsprinzip, mit dem Publikum frivol umzuspringen. Eine gewisse Meisterschaft in dieser frivolen Manier hat Oskar Blumenthal erlangt, Deutschlands beliebtester Bühnen- schriftstellcr, der in den jüngsten Jahren mit der Zahl von Auf- fnhrungcn seiner Stücke Shakespeare samnit Schiller, Ibsen sammt Hauptmann schlägt. Gegenivärtig beutet er die landschaftlichen und städtischen Verschiedenheiten Deutschlands aus und für das jüngste Opus, den Mathias G o I l i n g e r, der im L e s s i n g- Theater aufgeführt lvird, hat er sich den Münchener Rechtsanwalt B e r n st e i n zum Firmcn-K'ollegen ansersehen.■ Berlin und München sollen nämlich gegensätzlich geschildert werden. In Wahrheit handelt es sich nicht um Berlin und nicht um München. Längst sind beide Großstädte über die typischen Vor- stcllnngen hinausgewachsen, die in den Köpfen der Bequcmlichkeits- Philister hüben und drüben spuken. Aber das Geheimniß der Blumenthal'schen Erfolge liegt wesentlich darin, an Borstellungs- reihen anzuknüpfen, die dem Dümmsten geläufig sind, weil sie ver- altet und von der Wirklichkeit überholt sind. Kein Kyritz oder Pyritz in Deutschland, das nicht über Blnmenthal's„Großstadtlust" lachen durste I Natürlich. Die Kleinstadt in der Form, wie sie da verspottet lvird, giebt's eben nicht mehr. JmtGollinger stoßen die überlegene, scharfgeistige Intelligenz von Sprecathen und die gntmüthig-scntiinentale, aber täppische Bier- chrlichkcit von der Isar gegeneinander. Aber zum Schluß giebt's doch einen harmonischen Klang. Schon um den Liistspicltitel zn rechtfertigen. Herr Gollinger ist Slltmiinchncr Brauer von echtem Schrot und Korn, seine Tochter, die Rest, heirathet nach Berlin, und so kommt der alte Gollinger auch einmal nach der Kaiserstadt. Aber dort geht's ihm schlimni, denn er hat zwar ein sehr gutes Gemiith, aber,„nöt recht hell is er auf der Platten"v ick mit seinem Vortrag des Klavierkonzertes in C-rnoll völlig hinein. Wer etwa seinerzeit den ersten Satz dieses Konzertes von— ich glaube Arthur Fricdhcim fast ums Doppelte zu schnell spielen hörte, konnte über das ruhige Tcnlpo, das diesmal genommen wurde, seine besondere Freude haben; auch das Finale kam maßvoll heraus, vielleicht allzu maßvoll. Dürfen wir die Klassizität einer solchen gesammtcn Aufführung»nit der ebenfalls„klassischen" Art des Joachim-Qnartetts vergleichen, so mag jene immerhin etwas mehr Kraft und Glanz enthalten, dürste aber doch hinter dem feinen Schattirungsspiel dieser durchaus nicht „Modernen" zurückstehen.— Das Publikum war{auch abends, wie berichtet wird) so entzückt, wie selbst in derartigen Konzerten selten. Noch eine Sängerin nnd ein Sänger versuchten kurz vor Weihnachten ihr Glück. Jene war eine Inderin, S a f f i r a h P r a d j a i h, die aber, abgesehen von ihrem Namen und ihrem nur wenig angebräunten Teint, ganz als Europäerin vor uns trat, übrigens auch schon auf europäischen Bühnen gesungen hatte und das Deutsche anscheinend zur Genüge beherrscht. Ihr Auftreten, am 20. im Römischen Hof, lvar ivohl nur ein Abstecher ans ihrem eigentlichen, dem dramatischen Gebiet in das ihr ziemlich ftcmde lyrische. In großen Räumen durch gelle hohe Töne und nicht zuletzt durch ihre machtvolle Erscheinung zu wirken, wird ihrjvcrmuthlich besser gelingen als im Konzertsaal, wo die verschiedenen Unvoll- kommcnheitcn sich leichter vcrrathen— auch wenn man erst, wie es neulich wohl sein mußte, eine kleine Heiserkeit abrechnet. Als die letzten Nummern eines sonst wieder recht unbrauchbaren Programms {dessen Text noch dazu weniger nachlässig sein konnte) kamen Moszkowski's„Schlaflied", das später als Zugabe wiederholt wurde, und das vielleicht alles Vorhergehende überglänzende„Ständchen" von R. Strauß.— Der Tenorist Paul S y I b u r g, der am 22. im Vcchsteinsaal vor einem nicht zahlreichen und nicht ebenfalls beifallslustigen Publikum— ivill sagen: ohne den Besitz einer Klique— sang, scheint uns zum theil ebenfalls»nehr für Dramatisches als für Lyrisches zu paffen; wenigstens dürfte sein pathetisches Losfahren auf Kraftstellen eine solche Zwitterstellung an- deuten. Auch sein stark barhtoualer Tenor weist mehr dorthin als dahin, und sein nicht sehr gut tragendes Piano mag ebenfalls fürs Konzert bedauerlicher sein als fürs Theater. Zu seinen besten Eigen- thümlichkeiten gehört wohl der leise bebende Ausdruck, mit dem er znin Beispiel Schmnann's„Allmälig" und Schuberts„Wetterfahne" sang. Unter den Programmnninmern waren neu eine Serenade auS M a s e a g n i' s„Iris"{vergleiche unseren Opernbericht in Nr. 250 vom 23. d. M.), die hübsch, aber auch nicht »nehr lvar, und wohl auch die drei Kompositionen von Ludwig Landshoff a»ls Giraud's{von Hartleben übersetzten) „Pierrot lunaire", die das Mystische daran gut wiedergaben.— Im Metropol-Theater, dem ftühercn Theater Unter den Linden, gab es am ersten Feiertag einen Novitäten-Abcnd, so reich an Inhalt und an Erfolg, daß wir auch nur auf eine annähernd vollständige Nennung des Was und Wer verzichten müssen. DaS an zweiter Stelle aufgeführte Tanzmärchen:„Die Engelsjäger", dürste eines der wenigen Ballette sein, die Phantasie und Vcrnünf- tigkeit vereinen; die an erster Stelle gebrachte Operette„Die kleinen Michu's" ist, gegenüber den sozusagen klassischen Leistungen der letzten Jahrzehnte auf dem Opercttengebiet, eine Epigonenarbeit ohne be- trüchtlichen Kunstgehalt, aber für dieses unglaublich„dankbare" Pu- blikum ein glücklicher Griff. Die Kostüme in beiden Stücken sind allein schon eine Sehenswürdigkeit. Die großentheils von der Rückwand des Zuschauerraums aus gelieferten„Bcleuchtungs- effekte" müßten, wenn es schon be? dieser Unnatürlich- Icit bleiben soll, doch so weit gedämpft werden, daß sie nicht alle Illusion stören und den in diesem Licht spielenden Künstlern nicht die Augen zu Grunde richten.— Unter den in der Operette Mitwirkenden leien Marie Grimm-Einöds- h o f e r(a@.) und Betty Stojan anerkennend hervorgehoben; die schauspielerische Kunst der letzteren könnte allein schon sowohl die Sehnsucht nach neuen Farmen dieser dramatischen Gattung als auch den Wunsch erwecken, Fräulein Stojan möge noch bei Seiten ver- suchen, ihre Singstimme zu retten, ehe sie völlig unerträglich ivird.— sz. Gesundheitspflege. — Die Hygiene des Radfahrens. Wie andere Aerzte hat sich jetzt auch Professor Dr. Schott in Nauheim über den gesundheitlichen Werth des Nadfahrcns ausgesprochen. Er äuszert sich tvie folgt: Nadfahren. Bergsteigen und Turnen verursachen immer eine bedeutende Steigerung der Hcrzthätigkeit und der Athmnng und vermehren die Pulsschläge. Dies führt je nach der Veranlagung in verschieden kurzer Zeit zu einer Vergrößerung des Herzeus, welche sich aber im Ruhezustände nach einiger Zeit wieder zurückbildct. Nur bei übermäßiger BclveguugSarbeit oder wenn die Zahl der Pulsschläge 140 in der Minute erreicht hat, tritt die Rückbildung der ausgedehnten Herzränder nicht immer ein, weshalb auch solche Menschen arg mitgenommen und sehr vcr- fallen aussehen. Bezüglich des Radfahrens ist zunächst in bctracht zu ziehen, daß dabei die Muskulatur fast des ganzen Körpers in Anspruch genommen wird. Bei ansteigender Fahrt pumpt sich der Radfahrer sehr rasch aus, und dies ist die Gelegenheit, wo es zu definitiven Dehnungen des Herzmuskels und deren Folgen kommt. Diese treten um so leichter ein. je älter der Fahrer ist und je Iveuiger elastisch seine Arterien sind. Ferner ist wichtig. daß die subjektive Athemnoth, die beim Turnen und Bergsteigen gewissermaßen als Warnungssigual auftreten. beim Radfahrer sehr verspätet oder garnicht sich einstellt. Ursache hiervon ist der große Lustzug, der bei jeder Athmung dem Radfahrer mehr Oxygcn zuführt als bei anderen Uebungcu. Alles dies kann zu bedenklichen Konsequenzen für den Radfahrer führen. Im allge- meinen ist nur demjenigen das Radfahren zu empfehlen, dessen Herz, Gefäße und Lunge vollkommen intakt sind. Wer nach vollendeter Tour ordentlich essen kann, kein unmittelbares Schlafbcdürfniß zeigt und die folgende Nacht leidlich gut und ohne unruhige Träume schläft, der hat sich nicht übernommen. Bei der Nervosität, Neu- rasthenie und ähnlichen Leiden darf das Radfahren nur dann in Anwendung gebracht werden, wenn die Krankheitsformcn leichten Grades sind; überhaupt hat man das Radfahren als Hcilfaktor überschätzt. Hingegen wirkt es vorzüglich bei Kuren zur Entfettung und zur Gewichtsabnahme.— Aus dem Thim'ciche. t. Die letzte Brutstätte eines aussterbenden Bogels. Der Riesen-Alk, fälschlich oft auch als Pinguin bezeichnet und nnt dem diesen Namen zn recht tragenden antarktischen Vogel verwechselt, gilt im wesentlichen als ausgestorben. Am häufigsten ist er wohl vor einigen Jahrhunderten auf den Inseln Island und Neu-Fundland gewesen, und besonders auf ersterer Insel legen noch heute einige Ortsnamen Zeugnis; von der ehemaligen Bedeutung des sonderbaren Bogels ab. Gelegentlich find auch noch in diesem Jahrhiindett einige lebende oder tobte Exemplare des Riesen-Alk erbeutet worden, jedoch ist man von den Zeiten, wo der Vogel den Isländern und Grönländern einen ivesentlichen Beitrag zu ihren Fleischspeisen lieferte, weit entfernt, und ein Balg wird heute beinahe mit Gold aufgewogen. Wohl niemand unter den lebenden Forschern hat sich mit der Geschichte dieses jedenfalls fast ausgestorbenen Thiercs ein- gehender beschäftigt als der englische Professor Newton, und sein Haupt- augeumerk war seit Jahren aus die Orkncy-Jnseln gerichtet. Schon 1838 war die kleine Klippe, die den genannten Inseln im Osten vor- gelagert ist, von Buckley untersucht worden und hatte die Ver- muthung erweckt, daß hier der letzte Brutplatz des Riesen-Alk be- stünde, später wurde jedoch geltend gemacht, daß auch auf diesem Fclscneilande keine Stelle für einen solchen Vogel ganz geeignet wäre. Jetzt hat Newton einen solchen Platz ausfindig gemacht, und er hält es für zweifellos, daß der Holm gegenwärtig die einzige Stätte sei. auf die der Vogel sich noch zurück- gezogen haben könne. Allerdings dürften nur noch sehr wenige Exemplare am Leben sein, daß das Thier aber nicht ganz aus- gestorben ist. hat die Erbeutung zweier Bälge vor ivcnigen Jahren erwiesen. Von dem Riesen-Alk lallen gegenwärtig noch folgende Uebcrreste in Museen vorhanden sein: 80 bis 82 Bälge, 23 oder 24 Gerippe, 862 bis 874 lose Knochen, 2 bis 3 physiologische Präparate und 71 bis 72 Eier. Vielleicht gelingt es jetzt, den überaus seltenen Vogel noch einmal aufzuspüren.— ;' Technisches. b. Von einem neuen Fortschritt im Velen ch- tungSwesen berichtet die„Zeitschr. f. Bel.*. Bei den Gas- glühlichtbrenncrn wirken die Glühslrümpfe bekanntlich ähnlich tvie Zugzylinder: die innerhalb des Strumpfes aufsteigende Flamme saugt Lust von außen durch die Maschen des Strumpfes an. Bisher ist nun der Strnnipf stets aus einem Gewebe gemacht worden, dessen Maschen überall gleich eng sind, und da sein Durchmesser nach oben 'jrM- Leraiituwrtlicher Redakteur: August Jacvbcy in Bcr zu abnimmt, wodurch die Geschwindigkeit der in ihm hochsteigenden Gase beschleunigt wird, so saugen sie im Verhältniß zu ihrer wachsenden Geschwindigkeit nicht genügend Luft von außen an. ES zeigt sich das darin, daß die Leuchtkraft des Strumpfes von unten nach oben zu abnimmt. Dieser Nachtheil Ivird durch verbesierte Glühstriinrpfe, die kürz« lich auf dem Londoner Markt erschienen, vermieden. Eine Sötte zeigt neben den Maschen des Gewebes noch besondere in parallelen Kreisen angeordnete Sauglöchcr, deren Abswnd nach oben zu ge- ringerj wird, während ihr Durchmesser größer wird. Bei einer anderen Sötte werden die Maschen selbst von unten nach oben zu allmälig weiter. Je weiter die Gase nach oben steigen, desto mehr Luft sangen sie bei diesen Strümpfen an, und zwar so viel, daß ihrer zunehmenden Geschwindigkeit entsprechend die Verbremmng überall gleich vollständig ist und alle Zcheile des Strumpfes gleich hell erglühen.— Humoristisches. — Immer im Geschäft. Kunde:.Ein prächtiger Junge, Ihr Pepi 1... Schade, daß er so krumme Beine hat." Schneidermeister:«Ach— das verbügelt sich!" — Im Delikatessengeschäft.„Geben Se mer e' Päckchen Kautabak!" „Bcdaure, führen wir nicht l" „Was, den führen Se nicht?! E' schönes Delikateß« g e s ch ä f t I"— — Im Zweifel. Alterthumsforscher:„Merk- würdig, merkwürdig, wie doch die Zahlen immer mehr meinem alten Kopf entschlüpfen! Jetzt weiß ich wirklich nicht: ist heute mein Geburtstag oder mein Sterbetag?"— („Flieg. Bl.') Vermischtes vom Tage. y. Das diesjährige Ergebniß des deutschen HeringS« f a n g e S auf höher See ist' s e h r g ü n st i g. Im ganzen wurden von 8ö Loggern und 5 Dampfern 128 758 Tonnen(Seepackung) eingebracht. Im Jahre 1307 verzeichneten 81 Logger einen Fang von 67 662 Tonnen. 1872 bettug der Fang von 6 Fahrzeugen 3735, und noch 1800 von 17 Fahrzeugen 12 126 Tonnen.— — Eine Lehrerin in Sprottau stellte ihren Schülerinnen die Aufgabe, 120 von 3 487 332 so oft abzuziehen, bis die Differenz kleiner ist als 120. Das giebt nicht weniger alsj2S 061 Subtrakrions» cxcmpel!— — Der Stadt Köln ist eine Sammlung von 26 Gemälden alter niederländischer M ei st er geschenkt worden. Ihr Werth wird auf 75-100000 M. geschätzt Die Stadt hat die Schenkung angenommen.— — In Neckara u(Baden) ertränkte sich ein dreizehn« jähriger Junge im Rhein.— — Iii O e st e r r c i ch werden durchsichtige Spiegel in den Handel gebracht. Sie sind bei oberflächlicher Betrachtung von anderen nicht zu unterscheiden, haben aber die Eigenschaft, daß sie es den rückwärts derselben befindlichen Personen ermöglichen, alle Borgänge vor der Spiegelfläche ans das genaueste zu beobachten, ohne von dem Beschauer bemerkt zu werden. Sic haben weiter den Botthcil, daß sie auch eine ungewöhnliche Durchlässigkeit des Außen« lichts ermöglichen, also thatsächlich transparent sind.— — Bei dem Preisausschreiben der„Wage"— 4000 Kronen für das Textbuch zu einem Ballett, das Johann Strauß komponiren will— waren 718 Texte eingelaufen. Für die engere Auswahl wurden von der Jun> 25 Bücher ausgeschieden; drei von diesen wurden dem Komponisten vorgeschlagen, der sich für den Text zu einem Ballett„Aschenbrödel" von Jakob Kol! mann entschied.— — Ein von Wien kommender Personenzug wurde bei N e u h ä u s e l infolge falscher Weichcnstellung von einem Maschinen« zug angefahren. Zwei Passagiere erlitten schwere, drei» zehn leichte Verletzungen.— — Bei der Wahl eines„Fürsten der Prosa", die auf Veranlassung eines französischen BlatteS von Schriftstellern und Literatiirfrcunden vorgenommen wurde, erhielten von 5522 ab» gegebenen Stimmen Emile Zola 2357, Anatol France 1723 Stimmen.— c. e. Die weiblichen Aerzte in Rußland sollen, nach dem Beschluß einer Kommission des„Ministeriums der Volks- aufklärwig", den männlichen in allen Rechten gleichgestellt werden.— — In Plhmouth lief der Dampfer ,. G o l c o n d a" ein und meldete, daß er einen leicht an der Pest Erkrankten an Bord habe. Ter Kranke wurde im Schiffshospttal an Bord belassen.— — Eine 60jährigc Frau in Percy(Ver. Staaten) ist ange- klagt, die s e ch s Ehemänner, die sie gehabt hat. ermordet zu haben. Die Leichen der beiden letzten wurden ausgegraben»nd obduzirt. Bei beiden war die Leber so mit Arsenik angefüllt, daß sie vollständig erhalten war.—____ m. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.