Hlxlerhaltungsblalt des Vorwärts Nr. 253. Donnerstag, den 29. Dezember.' � 1838 (Nachdruck verboten.) DieVsdeveise devFsmilie Hellvik. 17t Von Alfred af Heden st fern a. IX. Man war nun ziemlich weit im August, die Tage begannen kürzer zu werden, die Nächte kälter, die Krebse schmeckten nicht mehr so prachtvoll, wie in den ersten Wochen, da sie der nienschlichen Gefräßigkeit Preisgegeben waren, und die Fräulein Ohlson, Karlson und Brandtson, die schon seit sieben Jahren nach Gesundbrunn kamen, hatten zum siebenten Mal jede Hoffnung auf die jungen Herren verloren. Waller's reisten, und mit demselben Boot fuhr auch der Assessor Halldelin ab, der jetzt mit Frau Hellvik völlig vcr söhnt war. nachdem sie geduldig ein feines Gedicht„Weih nachten im Armenhause", das der junge zukunftsreiche Dichter in den Hnndstagcn gedichtet hatte, airgehört und darüber auch etwas geweint hatte. Die Möllcr'schen Damen waren ein halbes Dutzend Male gekommen und hatten den Onkel Gustav mit sich hinauslocken wollen. Es hatte Frau Hellvik dabei ein großes Vergnügen bereitet, ihren Schwager ganz allein und unbewacht auf der Veranda zu lassen, damit sie hören konnten, wie bestimmt und selbstbewußt er sein:„N... n... nein, ich glaube. wir b... b... bleiben lieber hier," vorbrachte, oder sich auch damit entschuldigte, daß,„wie die Damen wohl wüßten: „ein alter M... M... Manu nicht soviel vertrüge!" Frau und Fräulein Möller protestirten lebhast gegen die Einrangirung des Landrichter Hellvik unter die„alten Männer" und erinnerten an all' die Jugendlichkeit, die er im Anfang ihrer Bekanntschaft an den Tag gelegt hätte; aber Onkel Gustav saß, wo er saß. Keine Vormittags-Chokolade I Kein Nachmittagskaffee! Schließlich ließ Frau Möller durchschimmern, wie alt„der kleine Wildfang"(der eigentlich um die Weihnachtszeit Ende 1850 geboren war)„morgen, am 11, August", würde. Als die beiden Damen am nächsten Morgen Onkel Gustav mit einem prachtvollen Bouquet in der Hand gerade auf sich zusteuern sahen, klopften ihre Herzen stürmisch in neuerwachter Hoffnung, ihre Augen lachten, und ihre Gesichter legten sich in die sanftesten Falten, die sie ihnen zu geben vermochten, und ihr Morgengruß klang wie das„Hosiannah I" in einer Pension für„höhere Töchter". Aber Onkel Gustav ferttgte sie ganz kurz ab und sagte: „Entschuldigen Sie, aber ich muß hinunter zum Dampf- boot und m.... mich verabsch... sch... schieden von Frau P... P... Peerson!" Die Smaaländer haben zähe und vertrauensvolle Naturen, aber dies war doch zu viel; zwei Tage später reisten die Danien ab nach Vefterlvik. Ohne Sträuße.-- Selbst Axel war mit Gesundbrunn fettig. Es gab hier keine Planke, an der sich nicht seine Hose eingettssen hatte, keinen Stachelbeerstrauch, von dem er nicht fottgejagt, keinen Jungen, mit dem er nicht auf Tod und Leben gekämpft, kaum ein Haus, in den» sein Ball keine Scheibe zerschmettett hatte. Nun wollte auch er nach Hause. Und siehe, da zeigte es sich, daß alle die Jungen, mit denen er gerungen und sich gehauen hatte, von tiefer Wehmuth ergriffen wurden und wie aus einem Munde cttlätten, Axel wäre ein„furchtbar netter Junge"; und der Willy der Bade-Jnspektottn, der keinen Tag während Axcl's Aufenthalt seine Hände nicht in Axel's Frisur gehabt hatte und ständig arff seinem Gesicht die Spuren der Hände Axcl's trug, schlich sich in die Speisekanimer seiner Mutter ein, entwendete eine ganze Büchse Erdbeettompott, die die Jungen oben im Walde mlsnaschten; und dann um- armten sie sich, weinten über die Trennung und schworen ein- ander ewige Freundschaft. Nun mußte aber Axel wahrlich schleunigst seine Fetten- arbeiten erledigen, wenn er damit bis zum Beginn des Unter- ttchts fettig werden sollte. Fettenarbeiten, das ist doch wirklich etwas Schreckliches, und Frau Hellvik iitterpellitte auch den einen Staatsrath darüber. Was das für eine dumme Einttchwng wäre, die die ganze Ferienfreude der Jungen zerstörte? Der Staatsrath that ein wenig von oben herab, wie es alle großen Staatsmänner zu thun Pflegen, und fragte, in- wiefern die Sommerfreude des jungen Herrn Hellvik denn wirklich zerstört wäre? Er, der Herr Staatsrath, hätte nichts davon bemerkt. Der junge Herr Axel wäre ihm meist so er- schienen, als wenn keine sonderlich schweren Sorgen seine Seele dttickten. Frau Hellvik nahm ihren Ausdruck zurück.„Zerstört" wäre vielleicht zu viel gesagt. Jungen sind Jungen; aber stören thäten die Ferienarbeiten in jedem Fall.„Herr Gott, man ist doch nur einmal jung im Leben." Da wußte sich der Staatsrath keinen anderen Rath, als daß er ihr Artigkeiten sagte und die Hoffnung aussprach, die Jugend würde bei den kleinen Hellvik's ebenso lange anhalten wie bei ihrer lustigen, vortrefflichen, unvergleichlich jugendlichen Mutter." „Ich hatte keine Fcrieuarbeitcn zu machen!" fiel Frau Hellvik ein.... »* * Allmalig fing auch das Wetter an unbehaglich zu werden. Der Badc-Arzt erklätte, daß alle Hellvik's nothwcndiger- weise nächstes Jahr wicderkomnicn müßten, da er andernfalls weder für den Magen des Herrn Gutsbesitzers, noch für den Katarrh des Herrn Landttchters, noch für Fräulein Gerda's Neigung zur Bleichsucht, noch für die Skrophcln des kleinen Karl einstände. Aber da nahm Frau Hellvik das Blatt vom Munde und sagte: „Ach Du himmlischer Vater, sind Sie rein verrückt, Herr Doftor? Fttsch und gesund kommen wir hierher— fteilich ist das Klima hier feucht und schmeckt das Waffer abscheulich; aber darum hoffe ich doch, daß wir frisch und gesund auch wieder nach Hause reisen werden! Stellen Sie nicht solche Versuche mit mir und den Meinen an, Herr Doktor, dämm bitte ich Siel Wir kamen nur her, um uns ein bischen zu amüsircn; das sagte ich Ihnen ja schon den ersten Tag" „Nä/ und ist Ihnen das gelungen?" fragte der Doftor belustigt und doch zugleich ein»venig vei-letzt. „Ja. danke l Die Welt und die Menschen sind sich ja überall ziemlich gleich, Herr Doktor, und ich habe mich eigent- lich noch niemals in meinem Leben gelangweilt. Aber hier änd alle so freundlich gegen uns gewesen, und daß es gaiiz gut sein kann, sich ein bischen mehr abzuplanschen, als»vir es zu Hause thun können, das will ich nicht in Abrede stellen. Was Recht ist, muß Recht bleiben!" Frau Berg in Villa Nr. 7»vosite Extrabezahlung für die Bettwäsche haben. Frau Hellvik zeigte ihr ihren eigenen Bttef, in dem stand, daß die Wohnung 400 Kronen für den Somnier kostete inklusive Bettwäsche, wenn man nur eigene Sachen mitbrächte. Darauf begann Frau Berg zu weinen und sagte, eine anne Wittwe, die niemand hätte, der sie vertheidigte, müßte stets gefaßt sein, so behandelt zu werden. Wenn Frau Hellvik auch ihren Mann am Leben und alles im Ueberfluß hätte, wüßte sie doch nicht, ob es ihr nicht noch einmal ganz anders ergehen würde. Frau Berg wünschte ihr es nicht, sie»vünschtc allen Menschen nur Gutes, auch der Familie Hellvik, obgleich sie die Wohnung furchtbar billig gehabt hätten. Aber»venu es doch einmal geschähe, dann sollte Frau Hellvik nur an die Frau Berg und ihre Bettwäsche denken. Da fing auch Frau Hellvik an zu weinen, uiuannte Frau Berg und sagte, sie sei überzeugt, das mit der Bettwäsche »väre nur ein Schreibfehler und sie wollte ihrem Manne sagen, er möchte für die Bettwäsche besonders bezahlen. Darauf lud Frau Berg ihre liebe Emma zu einem Zittonenlimonade ein, um ihr die näheren Umstände vom Tode ihres lieben seligen Mannes zu bettchten. Unter seinen letzten Lebe»rsäußerungen wäre auch die gewesen, daß sie die Zimmer, welche Hellvik's inne gehabt hatten, mit Bett- »väsche nieinals billiger vermiethen dürfte, als für 450.Kronen. Beide Damen erbebten bei dein Gedanken, wie cm» pörend es gewesen wäre, wen« man den Willen eines Vcr» storbcnen gekräntt hätte. Die beiden letzten iibttg gebliebenen akzeptabeln Jung» gesellen— nachdem Onkel Gustav aus ihrer Reihe ausge» schieden war— gingen jeder für sich einsam und wehmüthig draußen im Regen im Kurpark spazieren. Dort saßen auch die Fräulein Berg, Ohlsson, Carlsson Und Brandtson und sahen mit sehnsüchtigen Blicken den beiden einzigen nach, die noch von allen Kavalieren des Sommers übrig waren. Die Fräulein Ohlsson, Carlsson und Brandtson ließen ihre Blicke von einem zum andern wandern; Fräulein Berg konnte infolge der praktischen Konstruktion ihrer Augen beide auf einmal betrachten. Die Mädchen seufzten tief. Und dann flüsterten sie, Assessor Blyvik, der eine der beiden Kavaliere, hätte soviel Schulden, daß Gott jedes arme Mädchen trösten müßte, das sich in ihn verliebte, wenn sie nicht mindestens hunderttausend 5kronen hätte. Der andere Herr, Inspektor Ekenberg, sollte eine Mutter haben, die... na die man sich nickt zur Schwiegermutter wünschte. Und dann seufzten die Mädchen wieder. Die meisten Ehen waren ja unglücklich. Fräulein Brandtson wußte von zweien. Fräulein Ohlsson hatte hier in Gesundbrunn Wand an Wand mit einem Paar gewohnt, das sich in den Nächten schlug, ja sich schlug. Fräulein Berg sprach von vier ehelichen Dramen, von denen zwei mit Wahnsinn, eines mit der Verhaftung des Mannes wegen Unterschlagung und eines mit Scheidung wegen Ehebruches endigte. Fräulein Carlsson wunderte sich höchlichst, daß ein ver- ständiges, braves Mädchen unter solchen Umständen überhaupt noch heirathen mochte. Sie wollte es sicher nicht. Die Fräulein Berg, Ohlsson und Brandtson wollten natürlich auch nicht. Und dann sahen sie sehnsüchtig dem Assessor Blyvik und Inspektor Ekenberg nach und seufzten schlimmer und tiefer als jemals.-- Am Bachufer entlang schritten Anna Hellvik und Herr- Franz Henrik Nilsson zur Villa Nummer? hinauf und sprachen leise mit einander: „Aber Franz, Du brauchst doch auch nicht alles zu sagen. Sieh' mal, Papa hat so seinen Kopf für sich! Sprich von Deiner Familie, Deiner Ausbildung, Deiner letzten Stellung, und daß Du Dich mit hundertrindfüufzigtausend Kronen zurück- gezogen hast und eine Besitzung kaufen willst, aber... nicht von dem anderen... „So schämst Du Dich doch meiner?" „Nein, Franz, ich nicht! Niemals! Aber was braucht das alles wieder aufgewühlt zu werden?" Nilsion sah erust, fast streng aus, als er antwortete: „Darum, liebe Anna, weil ich und die Deinen vielleicht zusammen eine kleine Reise hiiurns in die Welt machen könnten und ich mit dem Zufall rechnen muß, daß ein Geck, dem ich bei der Table d'hote das Salzfaß reiche, lächelt und zu mir sagt:„Danke sehr; aber es scheint mir so, als wenn es nicht das erste Mal wäre, daß Sie mir serviren?" Ich könnte dann, ohne vor Deinem Vater oder Deiner Mutter erröthen zu müssen, antworten:„Nein, das letzte Mal war es im Monopol-Hotel in Brest," oder:„Letztes Mal geschah es im Westminster-Hotel in Edinburg."... In der Villa Nr. 7 lies alles gut und glücklich ab. Herr Hellvik sah in Nilsson's Energie eine sichere Garantie für seine Zukunft in materieller Hinsicht, und er hatte in der Zeit ihres Beisammenseins ihn achten und schätzen gelernt und erkannt, daß er ein wirklich gebildeter Mann wäre. Frau Hellvik hätte es vielleicht lieber gesehen, wenn die hunderwndsünfzigtausend Kronen ihres Schwiegersohnes in einem kaufmännischen Geschäft oder bei einem Konsulat ver- dient worden wären; aber darum nahm sie ihn doch nicht unfreundlicher auf. Gerda aber paßte im Nebenzimmer den Moment ab, ihrer Mutter in's Ohr zu ftiistern: „Na, wenn er die Anna bekommt, dann werde ich wohl auch nichts Verächtliches mehr über Eduard zu hören be- kommen, der ja doch ein„studirter Mann" ist, wie Onkel Gustav zu sagen Pflegt!" Da wurde Frau Hellvik sehr ernst, fast wehmüthig und sagte: „Du hättest Baronin werden können. Gerda, und er war ein so reizender, feiner Mensch. Um ihn werde ich trauern, so lange ich lebe, und was Nilsson anbetrifft, so hat er sich doch wenigstens nur mit Menschen abgegeben." Der neue Bräutigam wollte natürlich gleich mit nach Hultuna kommen, und sowohl er als Anna meinten, daß sie nicht sich zu trennen brauchten, da in dem„Familieuwageu" noch Platz wäre. Aber Frau Hellvik hatte ihre Prinzipien, an denen sie festhielt. Die Verlobung sollte ja nicht hier bekannt gegeben werden, und wie würde es dann wohl aussehen, wenn sie einen jungen Mann auf dem Wagen mitnahmen! „Es bleibt dabei, wie ich gesagt habe! Franz muß mit dem Boot oder Zug fahren. Ich sehe die Fräulein Ohlsson, Karlsson und Brandtson stehen und über uns lachen, wenn wir abfahren, und sagen:„Frau Hellvik ist hier gewesen, um sich einen Eidam zu beschaffen, und ist so besorgt um ihn, daß sie ihn gleich mit aufgeladen hat!" Nein, danke!" Gegen eine Entscheidung der Frau Hellvik gab es keine Berufung; aber als am nächsten Tage alle Hellviks in dem Familienwagen eingepfercht saßen, und ihre Freunde ringsum standen, um Abschied zu nehmen, und Anna's warmer Blick den desjenigen suchte, den sie von Herzen lieb hatte, und selbst Peter seinen Theil an den Abschieds- Ehren fiir sich in Anspruch nahm, indem er sagte:„Ich dank Ihne allerseits," Frau Hellvik aber sehr ausdrucksvoll rief:„Also, leben Sie recht herzlich wohl, Herr Nilsson!"— da fuhr der Teufel in den glücklichen Bräutigam, er warf sein Schnupftuch unter die Achsel, verbeugte sich und rief diensteifrig:„Komme sofort!" X. Ein Freudenschimmer und strahlende Augustsonne lag über dem Hultuna-Hof. Die ehrwürdige Lindenallee, die zu dem großen, Weißen, zweistöckigen Wohnhause hinaus führte, trug freilich bereits den Farbenschimmer des Herbstes in ihren Kronen, und lange Reihen von Rvggenhocken auf den um- liegenden Feldern verkündeten in ihrer Weise das Herannahen der Zeit, da die Natur sich ihres Festgewandes" entkleidet; aber der Tag war schön und außerdem so feierlich, denn„wir kommen um die Kaffeezeit", hatte Frau Hellvik ihrer getreuen, stets hilfsbereiten Köchin Christina geschrieben. Baumwollkleider und Hemdsärmel waren in Menge in Bewegung sowohl bei der Veranda als auch bei der Hofpforte, Massen von Laub waren angefahren, die schönsten Herbstrosen waren der Hand der Stuben- Johanna zum Opfer gefallen, und kam man näher, so vernahm man ein Durcheinander- summen froher Stimmen. Eine Ehrenpforte sollte errichtet und die Veranda mit Guirlaudcn geschmückt werden. Die Liebe hat ihre mehr oder minder bereitwilligen und mehr oder minder bewußten Sendboten überall. Als Doktor Langberg am 16. seine gewöhnliche Runde bei den Thieren in Hultuna machte, hatte der Großknecht Anders plötzlich mit einem ziemlich anzüglichen Lächeln seine Mütze adgenonunen, nachdenklich sich den Kopf gekratzt und gesagt: „Am Freedag könimt de Herrschaft to Hus, da müsse der Herr Doktor gut ufipasse!", Laugberg erröthete über diese Bemerkung, so groß und lang er war; aber er fragte lebhaft: „Anders, wissen Sie vielleicht, um welche Zeit?" „Ick Meente so ut dem, wat de Stine sagt, zu verstehe, datt se um de Grogtid anknmme, wie der Herr Landrichter zu segge pflegt." Und am Donnerstag war das Stubenmädchen Johanna dem Pastor Fridolin begegnet, der Gemcindebesuche machte. „Grüß Gott, Johannchen I Wissen Sie vielleicht, wann die Herrschast nach Hause kommt?" fragte der Pastor. „Morgen um die Kaffeezeit. Herr Pastor!" sagte Johanna. Morgen! Endlich! Wenn sie nicht in ihrer jugend- lichen Verirrung sich bereits allzu fest gebunden hatte, würde Anna Hellvik vielleicht noch aus den Krallen der Vertreter der Eitelkeit und des leichtsinnigen Weltlebens, die sie in Gesundbrunn umflatterten, befreit werden können. Das wäre ja wie„ein Scheit mitten aus dem Feuer gerissen." Rein, pfui, der Vergleich wäre doch zu herabsetzend für Fräulein Anna. Sagen wir lieber„wie ein geborgenes Lamm", dachte der Pastor, und es breiteten sich ganze Büschel von Sonnen- strahlen auf seinem Gesichte aus. Daher kam es, daß Langberg am Nachmittag des feier- lichen Freitags kaum Zeit gefunden hatte, sein Jacket ab- zuwerfen, den Oberbefehl über die festlichen Anordnungen zu übernehmen und oben in der Ehrenpforte ein mächtiges „Willkommen" anzubringen, als sich eine sanfte Stimme hinter ihm vernehmen ließ: „Verzeihen Sie, lieber Bruder, daß ich mich so in Ihre Anordnungen hineinmische, aber sollte da nicht lieber stehen: „Gott s e g n e E u ch I" „Der häwt ooch immer Mai to mäkle l" brunlNlte Anders, der vor seinem Seelsorger keine sonderliche Ehrfurcht hegte. „St. Anders! So was vom Herrn Pastor zu sagen!" meinte die Stuben-Johanna. Der Doktor und der Pastor thaten, als wenn sie die Worte nicht gehört hätten. Langberg erwiderte nur kurz: „Ja, vielleicht. Herr Pastor; aber nun ist.es zu spät dazu." (Schluß folgt.) Neue Düchee. In seinen Erzählungen„Mcnschenwege"(Verlag von S. Fischer. Berlin, 18S9) nimnit Emil Strauß den ganzen Zauber zu Hilfe, den fremde Länder, in diesem Falle Brasilien, aus- üben, mit ihrer seltsanieu Natur und ihrer Bevölkerung, der die um- gebende Natur den Stempel des Sonderbaren aufdrückt. Und dazu gewinnt Strauß noch ein wirkungsvolles Moment, indem er in die fremde Umgebung deutsche Landslcute versetzt und ihre Schicksale in Beziehung zu der abenteuerlichen Natur bringt. Es kommt also vor allein darauf an. ob eS Strauß gelungen ist, das Märchen- hafte Brasiliens zur treffenden Darstellung zu bringen: das ,nuß unbedingt bejaht werden. Die Naturschilderungen Strauß' sind wahrhaft' künstlerisch: bei aller plastischen Deutlichkeit weiß er stets auch die sanften, in einander verschwimmenden Töne des snd- lichen Himmels zu geben. Da es ihm aber auf die Menschen und nicht auf ihr Milieii hauptsächlich ankommt, so vcrivendet er seine Gabe mit Weiser Beschränkung. Die Natur ist nur soweit da, als sie im Menschen Enipfindungen und Thaten auslöst. Auch die Menschen sind trefflich gezeichnet, ihre merkwürdigen Charaktere muthen in der merkwürdigen Umgebung zu gleicher Zeit befremdend und doch so wohlvertraut an. ihr Leben ist schlicht und darum umso wirkungsvoller erzählt. Das Ganze macht den Eindruck des Selbstcrlebtcn. sodaß auch die Jch-Fvrm der Erzählung ihre Be- rechtiguug hat. sehr zum Unterschied von den gewöhnlichen Ich- Romanen, wo umgekehrt der Schein der unmittelbaren Wirklichkeit cms dieser Form gewonnen werden soll. In dieser Stärke liegt aber auch eine kleine Schwäche der Erzählungen: sie sind dem Zweck der LebenStreue zuliebe mit zu viel Beiwerk ausgestattet, so daß die klare Kon, Position darunter leidet. Am auffälligsten macht sich dieser Fehler in der Erzählung„Auswanderer" geltend, in der Strauß eine Episode fast bis zur vollständigen Novelle ausspinnt, um sie dann plötzlich stillschweigend fallen zu lassen. Aber alles in allem zeigt das' Buch von der Arbeit eines Dichters; mehr Lob thut nicht noth Ein Dichter zu sein. glaubt ivohl A. G. v. S u t t n c r, der soeben einen Roman„Tscherk essen"(Verlag von E.Pierson, Leipzig und Wie») veröffentlicht, selbst nicht; aber er ist nicht einmal ein interessanter Erzähler. Auch er möchte gern durch den fremden Boden. auf dem er seine Gcscknckite spiele» läßt, uns Interesse für seine Menschen abgewinnen. Dazu fehlt vor allen, die erste Voraussetzung. die Gabe der Natnrschilderung. Dann ist auch die Charaktcrisirung so rnangelbaft als nur möglich; nach der Art der schlechten Jndiaiicrgeschickitcn für die Jugend sucht Suttncr durch Häufung von Beiwörtern, überhaupt dnrch viele Worte die Anschaulichkeit seiner Charaktere zu ersetzen; aber der„löwenkühne" Ansor, der„edle Inder" Oglu, der „politisch einsichtsvolle" Djantemir sind nicht nur nicht ordentlich getroffen und anseinandergehalte». sondern sie machen nicht einmal den Cindrnck von Personen, die mit ihrer Umgebung verlvachsen und nur aus ihrem heimathlichen Boden begreiflich sind? um ihre schemenhaften Gestalten schlottert die fremde Natur ivie ein erborgtes Kleid. Der Roman hat nach unserer Meinung nicht de» geringsten dichterischen, lnltnrhiitorischcn oder ethnographischen Werth, trotz der preisenden Worte, die der Verlag den. Buche mitgiebt. und die in ihren, Ucberschivang in jedem Unbefangenen durch Heiterkeit ge- milderte Empörung wecken müffen.— Drei neue Theaterstücke.„Der Heilige" von Bauer. „Versorgung" von Steiner und„Der Patriot" von Pfeifer sind'im„Theater der Gegenwart"(Verlag S. Ebering. Berlin) erschienen. Es ist immer mißlich, über Erstlingswerke zu urtheilc». die nicht von vornherein den kiinstigeu Meister zu erkennen geben. Gelvöhnlich sind solche Sachen so. daß sie ebenso gut ein Talent, das sich noch nicht recht gefunden hat, als der talentloseste Schmierer gefchriebeu haben könnte. Am leichteste» fällt uns dies- mal das Urtheil über den„Patrioten" von Pfeifer: Das ist ganz einfach ein schauderhaftes Machwerk, an dem Langeweile »och nicht das Schlimmste ist. damit wolle» wir aber nicht über den Verfasser cndgiltig den Stab breche»; vielleicht zwingt er uns noch ein andermal zu einer besseren Meinung.—„Vcr- sorqnng" von Steiner zeigt ziemlich viel Geschick; ob es angclenit ist,' ob es die einzige gute Eigenschaft des Autors bleiben wird. wagen wir nach dieser einzige» Probe nicht zu entscheiden. Für ein größeres Talent halten wir Bauer, dessen„Heiliger" einzelnes ganz Vortreffliches enthält. Trotz aller Fehler, die diesen, Drama förmlich als Kinderkrankheiten anhaften, glauben>vie dennoch die günstiftsten Erwartungen für die Zukunft aussprechen zu dürfen; hoffentlich enttäuscht uns der Berfas, er nicht.— xbll. Mleinvs Feuilleton. — w— Die Uttglücrliche». Papa Rusch saß in der Sofa-Ecke. Bis jetzt hatte er in der Zeitung gelesen, doch war es zu dunkel geworden, U», noch die Schrift entziffern zu können. Nur am Fenster zog sich ein Streifen Helligkeit hin. Den aber hatte Frau Rusch befetzt. Papa Rusch knurrte:„Nich mal'n bischen Lesen läßt sie eine» I" „Brauchst Du auch nicht!" antwortete sie gereizt. „Ach, Ivas verstehst Du denn davon I" „Kannst auch mal so sitzen!" „Du bist ein ganz abscheuliches Frauenzimmer! Wenn Du Dir noch mal sowas erlaubst, geh ich!" „Meinetwegen gleich! Brauchst überhaupt nicht lviederkommen!" Damit fädelte sie. die Nadel gegen das Licht haltend, den Zwirn ein, ganz ruhig, ohne zu zittern. Papa' Rusch ging nicht. Nun gerade nicht! Er antwortete auch nicht, als ihn seine Frau fragte, ob sie seine Arbeits- hosen auch flicken solle. Mit einem solchen schlechten Weibe sprack er eben nicht mehr. Die verachtete er, die strafte er durch Stillschweigen. «Du bist unausstehlich," schrie ft«;„Du kannst Dir ja Dein Zeug selbst flicken! Ist das überhaupt ein Feiertagsvcrguügen, Arbeitsanzüge zu flicken und zu waschen?... Mach Dir das Zeugs aNein!" Sie stand auf. warf das Kleidungsstück auf den Stuhl uiid ging nach den, Ofen, um sich zu wärmen. Es sah aus, als wenn sie einander a», liebsten geprügelt hätten Ja. es war gar nicht ansgeschloffen, daß sie beide darüber nach- grübelten, wie unglücklich sie doch eigentlich mit ein- ander lebten und ob es nicht besser wäre, sie gingen noch bei Zeiten auseinander. Sie waren beide noch in den besten Jahren, kaum über die fünfzig hinaus— auch hatten sie sich, wie dieser Austritt beweist, noch gar nicht ineinander gewöhnt. Es mochte sein, daß die Zeit dazu zu kurz gewesen war. Dreißig Jahre sind ja nur ein kleiner Zeitraun, im»ien schlichen Lebe». Sie beobachteten sich wie zwei Todfeinde. die jeden Augenblick gewärtig sind, überfallen zu werden. Doch tonnte keiner die Gesichts- züge des andern erkennen. Plötzlich ging Frau Rusch nach der Kommode, zündete die Lampe an und holte die Arbeitshose an den Tisch, wo sie mit einigen herz- haften Schnitten die durchgescheuerten Knien heraussäbelte und einen Flick aufprobirte. Ihn schien auch das nicht zu versöhnen. Er erhob sich und ging hinaus. Mit den, ganzen Aufwand weiblicher Hingebung rief sie ihm„ach:„Daß Du nicht kneipe» gehst!" Er knurrte etwas, das wie ein Abschiedsgruß auzuhöre» war; es war aber wahrscheinlich zu zärtlich, um es laut und verstäub- lich zu sagen... Sie saß uu» verlassen und einsan, da, ivie das Mädchen, das sein ganzes Leben spann und spann, und zu de», doch kein Freier kam. Ein Gepolter und Geklirr aus der Küche ließ sie auffahren. Sollte Papa Rusch den wilden Mann machen und alles zerschlagen? Er stand mit einem großen Waschkessel an der Wasserleitung. Von Verachtung, Stolz und Ucberhebung war nichts mehr in feinem Gesicht zu lesen. Im Gegentheil. es gliS ganz verzweifelt den, Antlitz eines Menschen, dem ei» Topf Wasser über den Kopf gegossen worden ist. Aber er hatte sich gar nicht naß gemacht. Er war trocken wie märkischer Sand in der Sommersonne. „Meine Kaffeckanue!" kreischte Frau Rufch. „Ich... ich hatte Feuer angemacht...und wollte den Kessel nlnterlangcn", stotterte er.„Warum stellst Du auch das Di»g da rauf?!* fügte er tadelnd hinzu. Sie jammerte, die Scherben auflesend:„Ach Gott! unsere einzige Kaffeekanne! Wo kriege» wir nur eine her?... Ich habe keinen Pfennig mehr übrig. Die Micthe soll bald da sein.... Was Du auch hier herumkramst!" „Das geht Dich gar nichts an! Feuer Hab ich angemacht, damit Du nachher nicht so viel zu thun hast." brummte er.„Wozu Du wohl die Kanne da oben hinauf setzest?!" Und dann bereitete er ihr eine Ueberraschung. Am Heiligabend hatte er eine Mark behalten— zu neuen Lcderpautoffeln in der Werkstatt. Mit einem Male brauchte er die nicht mehr. Sie aber behauptete, die Pantoffel» wären»öthiger wie die Kaffeekamie— und so kam eS den» abermals, daß sie es sich überlegte», ob sie nicht bei Zeiten auseinander gehen müßten— ehe es zu spät ivärc, den» sie konutcu sich durchaus nicht verständigen.-- Theater. — Drei verlorene Anzengruber-Ent würfe. In einem Wiener Lokalblatt tvird wiedergegeben, was Marie G c i st i u g e r von ihren Erinnerungen' an Anzengruber erzählt. Sie war die erste„Anua" im„Pfarrer von Kirchfcld". Sie ver- aulaßtc„Griiber", ivie sich„der ernste, junge Mann von gemesscuer Höflichkeit" in der ersten Zeit als Autor nannte, die Haup'tszene des vierten Aktes niehrfach umzuarbeiten. Von drei Entwürfen Anzen- gniber's zu Baucrnkomödieu. die verloren gegangen sind, weiß sie folgendes zu berichte»:„Nach dem„Pfarrer von Kirchfeld" sagte mir Anzengruber. er möchte wieder ein Stück schreiben, mit einer Hauptrolle für mich. Ich akzepttrtc dankend und konnte ihm die Zu- sichcrung geben, daß wir froh sein werden, eine neue Komödie von ihm zu bekommen. Ich hätte ihm aber, meinte er, so daukenswerthe Rathschlägc gegeben, daß er mich diesmal hören möchte, ehe er an die Ausführung geht. Wir niachten ab, daß ich die Entwürfe kennen lernen werde. Es verging eine Zeit, und ich mußte zu einem Gastspiel nach Leipzig. Dorthin sandte Anzengrubcr mir vier Entwürfe von Bauern- komödien. Ich möge mich für einen entscheiden. Alle vier waren gut. die Wahl that mir weh. Ich entschied mich endlich für einen. Das wurde dann„Der ledige Hof". Ich sagte ihm später rückhalts- los, daß der Entwurf mehr versprochen hat. Er war gar nicht verletzt darüber und gab mir recht, als der Erfolg hinter den, des „Pfarrers" zurückstand." Auf die Frage, welche Stücke ans den anderen Entwürfen wurden, antwortete Frau Gcistinger:„Gar keines! Ich kenne alles, was Anzcngruber geschrieben hat' Die drei Entwürfe hat er nicht mehr verwendet. Er scheint sie vernichtet zu haben. Schade genug darum...— Kunsthandwerk. gk. U e b e r Schweizer und Schlvarz Wälder Bau erntöpfereien bringt die„Dekorative Kunst" in ihrem neuen Heft interessante Mitthcilungen. In Heimbmg bei Thun im Kanton Bern blüht eine uralte Thonindustrie, die in letzter Zeit freilich, als ihre Erzeugnisse bekannt wurden und Absatz fanden, durch die Einrichtung einer Fabrik schon etwas in ihrer Ent- Wickelung gestört worden ist. Ursprünglich dekorirte die Frau des Hauses oder ein Mädchen die Töpfereien, deren Form vom Töpfer hergestellt wurde. Der Schmuck ist kräftig und einfach; die Ränder der Schüsseln iverden durch rhythmisch gegliederte Parallel- striche geschmückt, die Ornamente der Töpfe, vor allem der flachen Schüsseln, sind der heimischen Flora entnoimncn: Blumensträuße aus Edelweiß, Maiblümchen, Bergißmeinincht und Nelke. Die Dekoration erinnert an die persischen und indischen Töpfereien, die Farben sind kräftig und leuchtend, die Blumen von der Mitte aus flächenartig auseinander gebreitet und in den Rand koinponirt. Ganz ähnliche Arbeiten finde» sich im badischen Schwarzwald, in Kandern, ivorauf Professor Grosse zuerst auf- merlsam gemacht hat. Tie Heimbergcr Produkte müssen hier direkt eingeführt sein und vorbildlich gewirkt haben; denn das Edelweiß. das im Schwarzivald nicht zu finden ist, wird hier auch verwendet. und die Art. wie dies geschieht, zeigt, daß es in seiner organischen Struktur nicht ganz verstanden und stilifirt ist, wobei die Erinnerung an die Sonnenblunie mit eingewirkt hat. Hier findet sich auch die Tulpe, und einmal auch ein springendes Pferd zwischen Maiglöckchen, ein uraltes Motiv. Archäologisches. — Ausgrabungen auf S u n i o n. Der„Köln. Ztg." wird geschrieben: Dem von Osten kommenden Schiffer trat das Vor- gebirge Smnon als äußerster östlicher Punkt Griechenlands entgegen; da er aber hier oft mit Wind und Wellen zn kämpfen hatte, so wurde auf der vom Festlande durch eine schmale Landzunge getrennten Höhe schon früh ein Heiligthum für der, Gott deS Meeres erbaut, dem sich dann später das Hciligthum der Athene zugesellte. Zu diesem Tempel gehören die noch heute stehenden neun Säulen. Wie im Alterthnm sind sie auch heute den Schiffern noch ein Wahrzeichen; diese wissen, wenn sie an ihnen vorbeifahren, daß sie in wenigen Stundet« in den Pirnns einlaufen tverden. Im Alterthnm sah der das Kap glücklich Umschiffende von hier ans die goldene Lanzenspitze des Athene-Staiidbildes ans der Akropolis anslcuchtci«. Zur Erforschung dieses Te««pels der Athene und seiner nächsten Umgebung entsandte die griechisch-archäologische Gesellschaft den Ephoren Sta-s. Die Ans- grabungen«md Reinignngsarbcitcn sind jetzt für dieses Jahr fast abgeschlossen, sollen aber in« nächsten Frühjahr fortgesetzt werden. Sie haben das Bild, das der Tempel von Simioi« den« von Laurioil Kommenden bietet, vollständig verändert. Zunächst hat Sta'iS gründlich aufgeräumt. Der Tempel und seine tlingcbmig sind von den Trünimen, und Blöcke,«, die früher ivüst unihcrlagcu, befreit, die schönen Terrassen der Rordseite, von denen man bisher nichts sah, sind ans dem Schöße der Erde hervorgeholt. Das Ganze baut fich jetzt prächtig ans, der Grimdriß hebt sich klar heraus. Die Rc- konstruktion von Professor Dörpfeld(1884) ist durch die Stais'schen Arbeiten durchaus bestätigt worden. Nur ein wichtiger neuer Punkt ist hinzugekonunen: der Tempel hatte zwei innere Säulcnstellnngen, die ihn in drei Schiffe thciltcn. Die Fundamente dieser Säulenreihen, die sehr dicht ai« den Ccllamaucrn standen, sind jetzt aufgedeckt. Auch hat Sta-s den Tempel aus seiner Bereinsainung erlöst und die Freilegung deS heiligen Bezirks begonnen. Ausgegraben sind bis jetzt die Propyläen, die in dem üblichen Schema für solche Bauten gehalten sind, aber einige interessante Einzelheiten bieten, und eine Stoa, die parallel zur Längsaxe des Tempels den großen Platz unterhalb der Tempel- terrasse nach Norden abschloß. Leider ist von beiden Bauwerken, abgesehen voi« den Fundamenten, nur wenig erhalten, aber man kann sich jetzt doch eine Borstellung von der gesammten Anlage machen. Mit der pittoresken Romantik der weißglänzenden Marmorsäulen, die einsam von kahler Felsenhöhe den Schiffer grüßten, — der heutige Name Kap Kolonäs— ist es für den von der Land- seite Kommenden vorbei, jetzt geht die Wirkung der Gcsaurmtanlage über den Effekt der einzelnen Säulen.— Psychologisches. gk. Erröthungsangst. Die gewöhnliche Erscheinung des Erröthens kann in gewisse«« Fällen der Ausgangspunkt eigenthüm- Berantwortlicher Redakteur: August Jacobe») in Bei sicher krankhafter Zustände werden, die in den letzten Jahren vielfach Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung gewesen sind. Im letzten Heft der„Zeitschrift für Hypnotismus" findet sich ein sehr inter- essanter Bericht über die Ergebnisse, zu denen zwei französische Forscher, Pitres und Regis, in ihren Untersuchungen über diese Frage gekommen sind. Es handelt sich hier um eine Zwangs- Vorstellung, die in verschiedenen Graden der Stärke auf- tritt. Bei der einfachen Erröthungsangst besteht nur die Eigenschaft, auch bei de» geringfügigsten Ursachen intensiv zu erröthen, während eine Beunruhigung gar nicht oder nur im Augenblick des Errötheus eintritt. Ein zweiter Grad ist charakterisirt durch außerordentlich häufiges und heftiges Erröthe», durch ein starkes Gefühl der Belästigung, das sich bis zur Zlvangsbefürchtung steigern kann. In den schlimmsten Fällen wird dieser Zustand konstant und wird beständig äußerst peinlich empfunden. Bei den acht Fällen dieser Art. die von den Forschern untersucht wurden, handelte es sich um sieben Männer und eine Frau, die alle erblich belastet waren. Bei großer Kälte und trockener Hitze war der Zustand besser zu ertragen als bei feuchter Wärine, am Morgen besser als abends, und am besten in der Dunkelheit der Nacht. Das Eintreten in öffentliche Lokale, die Roth- wendigkeit, öffentlich aufzutreten, die plötzliche Begegnung mit Bekannten, besonders mit Damen, Gespräche über Vergehen, die von fremden Personen begangen waren, eigene Verstöße oder selbst die Fremder in ihrer Gcgcnivart rufen bei den Leidenden wahre AugftparoxySmen hervor; ständig haben sie die Befürchtung, in falschen Verdacht zu geratheil. Herzklopfen, unwillkürliches Grimasscnschncidcn, allgemeines Zittern gehen oft den Knien voraus. Während der ganzen Dauer derselben erfüllt die Kranken die Angst, lächerlich zn werden. Anlaß zn Spott oder Hohn zu geben; ein Wort oder ein Blick kann sie in namenlose Wuth versetzen. Bc- ständig fürchten sie sich vor dem Erröthen; sie isoliren sich daher. Alle Willensanstrengungen beivirken aber gerade das Gegentheil. Mit allerhand Mitteln versuch«« sie, die aufsteigende Rothe zu verbergen; sie schneuzen sich, sie verstecken sich hinter einer Zeitung, sie bücken fich u. s. Iv. Vom Arzt verlangen sie die unglaublichsten Radikalmittel, sie wollen sich z. B. die Gesichtshaut tätowieren lassen. Es ist merkwürdig, daß besonders die stärkeren Grade dieser Erkranbrna sehr viel häufiger beim männlichen Geschlecht, und zwar in jugendlichem Alter, vorkommen als beim weiblichen. Man führt dies darauf zurück, daß das Gefühl der Verwirrrmg, welches das Erröthen begleitet, für den Mann besonders quälend ist; es scheint bei ihm ein lächerliches Zcugniß von Furchtsamkeit, Schtväche. weibischem Wesen, während es beim Weibe im Gegentheil als größereu Reiz verleihend gilt.— Humoristisches. —„Mit seinem Latein zu Ende." Durchlaucht(in der Opcrnvorftellnng):„Warum thut denn der Kerl da, der Pauken- schläger, nicht mehr mit?" Intendant:„Verzeihen, Durchlaucht, er bat„tacet"!" Durchlaucht:„ T a c e t hat er! Nun. da mag er doch zu Hause bleibe» und zum Negirnentsarzt schicken."— — Eine nette Gemeinde. In Riedersteindorf herrscht unter den Kirchcnbesuchern stets eine derartige Schlafsucht, daß der Pastor während der Predigt von Zeit zu Zeit eine Hand voll Knall- e r b s e n von der Kanzel unter die Schläfer»verseil muß. um sie aufzuwecken.— — Lottchen'sB otanik. Klein-Lotti:„Mania, warum giebt's denn jetzt so oft Apfelmus?" Mama:„Kind, jetzt ist die Zeit, wo Apfelmus am besten ist." Klein-Lotti:«So? Wann blüht denn der Apfel- m u s?"—(„Lust. Bl.") Vermischtes von« Tage. — Otto Julius Bierbaum hat ein Lustspiel voll« endet, das er„Herr Deneke" betitelt.— — Die Violine, die S a r a s a t e spielt, ist eine StradivariuS und soll einen Werth von 800 000 M. haben.— — In R a st e n b u r g(Ostpr.) absolvirt ein Blinder das Gymnasium. Seine lvtntter unterstützt ihn beim Lernen, indem sie alle seine Arbeiten mit ihm zusammen durchmacht.— y. Zwei Knaben in Leipzig, die sich mit Schlitt- schuhen auf das dünne Eis wagten, brachen ein. und er« tranken.— — Durch Kohlenoxydgas siud in Debreczin vier Personen vergiftet worden.— — In Löwen wurde eine Firnis- und Farbenfabrik durch eine F e u e r S b r u n st vollständig zerstört.— — Eine Arbeiterfrau in der Nähe der Stadt A a r h u S verließ ihre Wohnung, nachdem sie Feuer im Ofen angelegt hatte. Als sie wieder heimkehrte, fand sie ihre fünf Kinder an Kohlen» dunst erstickt vor.— r. Beethoven's.Fidelis" erlebt am Freitag dieser Woche seine Premiere an der Pariser Komischen Oper. — Bei Appledore auf der South Eastern Bahn in Eng» l a n d kollidirte ein Zug mit AuSflüglern mit einem Güter» zug. Achtzehn Personen wurden verletzt, davon mehrere lebensgefährlich.—__ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.