Mterhattungsblatt des Horwärls Nr. 1. Sonntag, den 1. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Herrn Sickendrnkh�s VrnfionÄre. Roman von O. Eugen Thossan. I. Herr Zickendrath machte leise die Thüre hinter sich zu. Dann stand er einen Augenblick still und horchte. Drüben im Wohnzimmer raisonnirtc seine Frau weiter, mit ihrer hohen hellen Stimme, die in der Erregung leicht kreischend wurde. Er hörte, daß sie ihren Gedankengang soeben wieder von vorn anfing. Wie die meisten Weiber. Von allen Kunstmittrln der Rhetorik halten sie das der Wiederholung für das wirksamste. Herr Zickendrath hätte an und für sich nichts dagegen gehabt. Er kannte das; in seiner scchsundzwanzigjährigen Ehe hatte er sich daran gewöhnt. Wenn nur das eine nicht gewesen wäre, dieses entsetzliche Gefühl, das ihn nun schon seit acht Tagen würgte, dieser eine elende niederträchtige Gedanke, der ihm früher nie gekommen war, der Gedanke: Sie hat Recht. Sie hatte Recht! Und deshalb war es ihm Bedürfniß gewesen, eine gewisse Entfernung zwischen sich und sie zu legen. Er stand noch immer dicht hinter der Thüre. Es wurde ihm schwer, zu überlegen: aber er mußte doch. Ob er ab- riegelte? Das alte Schloß hatte die thörichte Angewohnheit, so übermäßig laut einzuschnappen. Wenn das die Frau hörte, aufmerksam wurde und herüber kam, dann war alles vorbei. Und wer konnte wissen, ob er so bald wieder in der Stimmung sein würde, seinen großen Plan auszuführen, wie gerade jetzt? Indessen— es war kaum anzunehmen, daß sie kommen würde. Soweit er ihre Naturgeschichte kannte, brauchte sie jetzt noch niindcstens eine Viertelstunde, bis sie ihrem rcdneri- scheu Drang genügt hatte. Und in einer Viertelstunde— war alles geschehen. Er riegelte also nicht ab. Es war eine öde halbleere Kammer, in die er sich zurück- gezogen hatte. Links vom Fenster stand nur ein altes Schlaf- sopha, durch dessen Blumenmuster die Zeit mit gütiger Unter- stützung jugendlich-lebcndiger Stiefelabsätze tiefe Furchen ge- rissen hatte, und rechts ein Büchergestell, welches mit einem Vorhang von grünem Zitz seine ausgeräumten Fächer bedeckte. Früher hatte Karl, der Sohn, hier gehaust. Aber seit er zu einem Kaufmann in die Lehre gekommen war und im Geschäft schlief, waren das Bett auf den Boden und die Bücher zum Antiquar gewandert. Es war jetzt nicht mehr gerade sehr gemüthlich in dem kleinen Raum. Aber Herr Zickcndrath fühlte das nicht. Er langte hinter die grüne Gardine und holte eine große, weiße Porzellantasse ohne Henkel hervor. Die trug er sorg- fältig zum Fenster und setzte sie auf dem Fensterbrett nieder. Dann rührte er lange und umständlich mit dem kleinen ver- bogenen Blcchlöffel drin herum. Und plötzlich, mit einem heldenhaften Entschluß, klopfte er den Löffel auf dem Rande ab, ergriff die Tasse und führte sie zum Munde. Aber mitten auf dem Wege hielt er nnt einem leichten Schauder inne, schüttelte sich noch einmal und setzte das Gefäß wieder hin. Er schämte sich, schämte sich erbärmlich seiner Schlapprig- keit: aber es war doch verflucht schwer, so mit einem Male... wenigstens ein paar Minuten mußte er sich noch gör.icn, noch einmal Luft schnappen. „Jawohl, Luft schnappen! Wie Günther!kraatz Als ob ihm das jemand zugeflüstert hätte, der hinter ihm stand und sich über seine Feigheit lustig machte. Er sah sich scheu um und trat schnell ein paar Schritte ins Zimmer zurück. Aber es half nichts, die Erinnerung war da. Günther Kraatz war eine Jugendbekanntschaft, ein Nachbarssohn, der von seiner Mutter höllisch knapp im Taschengelde gehalten wurde. Eigentlich mit Recht; denn er war ein richtiger Lumprian, wenn er ivelches hatte. Aber Günther war anderer Ansicht; und er wußte sich zu helfen. Regelmäßig jede Woche einmal hing er sich auf, Ivo es gerade paßte: auf dem Boden, im Keller oder im Holzftall, das war ganz egal; wenn nur die Alte in der Nähe war und sein Röcheln und Stöhnen hören mußte. Und regelmäßig kam die Alte dazu; wenn er scheinbar zum letzten Mal nach Luft schnappte, schnitt sie ihn ab, haute ihn durch und gab ihm einen Thaler für das Ver- sprechen, daß er es nicht wieder thun wollte. Ein halbes Jahr lang hatte das ganze Nest über den verrückten Kerl ge« lacht und sich darauf gespitzt, daß er eines schönen Tages ein- mal den Anschluß an die Alte versäumen und richtig hängen bleiben würde. Aber den Gefallen that ihnen Günther nicht, dafür war er zu schlau. Herr Zickendrath wischte sich mit dem Aenncl den Honig- dicken Schweiß von der Stirn. Ihm war kläglich zu Muthe. Er und Günther Kraatz in einen Topf geworfen l Ein ekel- hafter Gedanke! Er war doch ein reifer gesetzter Mann, beinahe schon ein alter Mann, stark in den Fünfzigern und vom Leben mitgenommen wie ein Siebziger. Und er meinte es verdammt ernst mit dem Tode. Seit drei Tagen war er damit beschäftigt gewesen, sich den letzten Trank„anzusetzen", ohne daß jemand etwas davon merken sollte. Es war kein leichtes Stück Arbeit gewesen I Dutzendweise hatte er sich die Schwefclhölzer aus der Küche zusammengemaust, bis er es auf drei Schachteln gebracht hatte, die rothen Köpfchen abgeschabt und in schwarzen Kaffee geschüttet, zum Auflösen. Das mußte wirken. Er hatte es hundertmal in der Zeitung gelesen. Mit einer Schachtel war es schon oft mißglückt. Aber mit dreien — das hielt kein Pferd aus! Und nun, wo die Arznei fertig war, nun hatte er nicht die Kurage, sie auszutrinken. Es war zu dumm. Und wie seine Augen verlegen in der Stube umherliefen, fielen sie auf die halblange Pfeife, die in der Ecke zwischen dem Fenster und deni Büchergestell lehnte. Da ergriff ihn eine ttefe Rührung, ein gewaltiges Mitleid mit sich selbst. Alles, was noch schön und behaglich gewesen war an seinem� armen Dasein in diesem letzten schrecklichen Jahr, das schien beim Anblick der Pfeife wieder in ihm wach zu werden, sich lockend vor ihm aufzubäumen. Die Stunden, in denen er von dem lieben Qualm umhüllt den ganzen Jammer vergessen hatte— er konnte nicht widerstehen. Mit zitternden Händen griff er nach dem dünnen Rohr, faßte er nach dem kleinen Kopf mit dem himmelblauen Vergißmeinnichtstrauß. Der war noch fast bis zum Rande gestopft. In der Aufregung der vergangenen Tage hatte er nicht einmal ans Rauchen gedacht. Mechanisch holte er sein Feuerzeug aus der Tasche, fuhr mit dem Hölzchen behutsam an der Rückwand seines baufälligen Hosengebäudes entlang, und schon gaukelten zwei drei blaue Ringe durch die Kammer. Wie eine ungeheuere Erleichterung kam es über ihn, wie eine Befreiung. Als ob ein furchtbares Unglück an ihm vorbei- gegangen wäre. Es war ja zwar nur hinausgeschoben, die Katastrophe; aber zehn Minuten hatte er ja wohl noch Zeit. Länger hielt der Tabqk so wie so nicht aus. Es war am Ende auch würdiger so. Man konnte doch nicht so aus dem Leben gehen, wie ein Sttick Vieh, ohne sich gewissermaßen noch einmal klar geworden zu sein, was man that. Er that's doch nicht in der Uebcreilung-, es war ein wohl über- legier und wohl vorbereiteter Schritt l Und friedlich, ohne Groll sollte es doch geschehen; er wollte ja niemand damit kränke», wahrhaftig nicht, nicht einmal seine Frau. Das lag ihm ganz fern, das wäre kindisch gewesen. Obgleich sie es eigentlich nicht nöthig gehabt hätte, ihm das immer wieder vor den Kopf zu sagen, was er selbst deutlich genug fühlte; daß er nämlich überflüssig war, aber total überflüssig auf der Welt im allgemeinen und in seiner Familie im be- sonderen. Er war keine Stütze für sie. nun, da das Unglück hereingebrochen war, sondern nur noch eine Last mehr. Er wußte es ja. In den letzten acht Tagen hatte er es sich eingestanden, nach unir nach nur, und wider- strebend, wie ein Ertrinkender, der sich an jeden Strohhalm klammert. Aber zuletzt war er doch versunken, in der fürchtcr- lichen Welle der Erkenntniß: Sie hat Recht. Deshalb stand er ja hier und hatte den schwarzen Kaffee vor sich.„Dem Hausherrn" stand mit blauer Schrift auf der Tasse. Das war wie Hohn. Aber, was war dabei zu machen? Es war eben ein Unglück. An der Erziehung lag's. Es lag überhaupt alles an der Erziehung. Wenn man das früher gewußt hätte! Aber da hatte es sein Vater an ihm verfehlt. Er hatte ihn sozusagen überhaupt nichts lernen lassen. Es war ein glücklicher Mensch gewesen, der alte Zickendrath. Oder vielleicht hatte es an der l Zeit gelegen, die so ganz anders geworden war. Jedenfalls war ihm immer alles mögliche Gute zugefallen, ohne daß er sich sonderlich darum bemühte. Er hatte, wenn man's rechi überlegte, niemals selbst etwas unternommen; es war alles über ihn gekommen, wie die Gewinne in der Lotterie, und er hatte sich gut dabei gestanden. Von Hause aus war er Schlosser, und anfangs nichts als Schlosser, bis er. eigentlich mehr durch Zufall, mehrfacher Hausbefttzer wurde. Das war geradezu gegen seinen Willen geschehen. Die Budiken waren ihm aus dem Halse hängen geblieben, als die Besitzer krachen gingen. Er hatte sie nur genommen, um nicht mit seinen Hypotheken auszufallen. Aber nach und nach hatte er sich an seine neue Würde gewöhnt und schließlich sogar die ganze Schlosserei an den Nagel gehängt, um sich vollständig dem bequemeren Gewerbe des Hausbesitzerthums zu ergeben. Solange er lebte, war die Rechnung auch glatt aufgegangen; nicht gerade glänzend, aber es gab damals auch noch nicht das bitterböse Scherzwort vom Fünfgroschen- rentier. Ein Hausbesitzer war damals an und für sich eine sehr„respektable" Persönlichkeit gewesen. Der Sohn war dann so allmälig in den Beruf des Vaters hineingewachsen und hatte sich nach dem Tod des Alten auf Lebenszett dann eingettchtet. Und hatte sich ebenfalls wohl in seiner Haut gefühlt, anfangs, heißt das. In seinen Häusern herumsteiaen, nach den rauchenden Oefen sehen, hier und da ein Stück Tapete eigenhändig ankleben, zankende Miether versöhnen, und mit den Handwerkern, die eine Reparatur ausführen sollten, bis aufs Blut feilschen, das hatte er mit ziemlichem Anstand und sehr viel Würde fertig gebracht und war sich als ein recht nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft vor- gekommen. Vis die schlechten Zeiten heranrückten. An allen Ecken und Enden wurde gebaut, die Häuser schössen wie Pilze aus der Erde, und die Miethen fielen wie die reifen Pflaumen. Außerdem hatte man sich doch auch eine andere Lebenshaltung angewöhnt. Man muß mit den Zeiten mit- gehen; ein moderner Hausbesitzer, das ist ein ganz anderes Ding, als so einer vor dreißig Jahren. Du lieber Himmel, darüber läßt sich viel und klug reden, aber es ist nun einmal so. Und da war es denn gekommen, wie es kommen mußte. Ein Haus nach dem anderen war flöten gegangen, er hatte sie nicht halten können. Und nun stand auch sein letztes, in dem er selbst wohnte, seit dem Ouartalswechsel unter der Subhaste. Wenn alles zu Ende war, blieb ihm nichts übrig. Das konnte noch ein paar Wochen dauern. Und was dann V Er hatte sich überall umgesehen und umgehorcht, so unter der Hand, seit er den Ausgang vor Augen hatte, ob nicht irgendwo ein kleiner Posten für ihn wäre, ganz gleich, wo und.wie. Nur daß er ein paar Mark zum Unterhalt der Familie hätte beisteuern können. Aber überall verlangte man Dinge, von denen er keinen Dunst hatte. Entweder sollte er die doppelte Buchführung verstehen oder orthographisch richtig schreiben, oder irgend was anderes, das er nicht gelernt hatte und nun auch nicht mehr lernen würde. Er hätte es vorher wirklich nicht geglaubt, wie gottsjämmerlich wenig er zu gebrauchen war. Er war eben blos zum tausbefitzer erzogen. Und was soll ein Hausbesitzer ohne aus mit seinen Kenntnissen anfangen. Höchstens hätte er irgendwo bei einem früheren Kollegen den Vizewitth spielen können. Aber erstens ging das doch grimmig gegen die Ehre; man kann sich nicht so fies ducken, wenn es einem auch noch so dreckig geht. Und dann— das brachte im besten Fall die halbe Miethe. Mehr kann einer heutzutage gar nicht bieten. Und essen will schließlich ein Vizewirth auch, und ab und zu einen Kleinen trinken und eine Pfeife rauchen— was ist das Leben überhaupt ohne Rauchen? sFottsetzung folgt.1 Sonnkalgsplattdevet« Fahr' hin, man wird dir keine Thräne nachweinen I Verdrieß- liche Beklommenheit stand an deiner Wiege und graue Verdrossenheit blieb dir treu bis zum Ausgange. Verklungen ist das Sylvestertteiben; ernüchtert blickt man auf den neuen Tag, das neue Jahr, das letzte deS einst so viel- gerühmten neunzehnten JahrhundettS. Der Rechnungsabschluß ist gezogen; für die Allermeisten von uns heißt er: Nichts von Nichts; und nur eine genüge Minderheit von Unternehmern wie Haus- und Landagranern wird mit dem Minister darüber nachdeicken, ob der modernste wirthschaftliche Aufschwung bereits den Höhepunkt er- reicht habe oder nicht. Wenn man die Hausbesitzer Berlins und seiner Dorott« und wenn man die Flesschvettheuerer vom Lande fragte, sie würden ant-- wotten: Geduld, Ihr tragt es noch 1 Noch find wir im Aufschwung und noch könnt Ihr leicht in Ueppigkeit leben. Man spricht so gern vom Neid der besitzlosen Klassen. Vom Neid der Befitzenden, der den anderen ein fettes Wurstende mißgönnt«der Mordio schreit, wenn einmal ein armer Teufel arbeits-unwillig einen halben Tag blau macht und die Oede seines Daseins übettäubt, spricht man niemals. Als das abgeschiedene Jahr anhub, da hatte die Bürgerschaft vom Besitz arge Verdrießlichleiten. Sie pendelte zwischen Ja und Nein. Jugendettnnerungen wurden wach, an selige Flegeljahre wurde sie gemahnt und man sollte doch ehrbar und gemessen thun. Das Gewissen schlug lebhafter, aber eine greisenhafte Einsicht sagte: Beruhige Dich. Es ist vom Uebel, an unruhige Begierden, an Freihcitssehnsucht und Schwärmerei zu denken. Um die Mitte des lg. Jahrhunderts, da strahlte und leuchtete eS. Die bürgerlichen Pulse flogen, wenn der Rame»IS. Jahrhundert" ausgesprochen wurde. Es war wie ein Rausch. Und am Ende? Wir haben alle das bange Ausweichen städtischer Behörden. die Retirade des Bürgerthums erlebt. Jetzt wieder streiten sie zu Frank- futt a. M., der ehemals„freien" Reichsstadt, um ein Denkmal herum. Ein Denkmal der Freiheit und Einheit sollte es werden; aber von Freiheit will man nicht gern reden hören. So bleibt's denn beim Einheitsdenkmal. Die Demokraten FraukstirtS grollen. Wenn sie es aber im Grunde bedenken: was sollte die steinerne Ironie, die heutzutage an Freiheit erinnern wollte. Es find jetzt rund dreißig Jahre her; da gab es unter den Deutschen gleichfalls ein süß-säuerliches Schwanken. Das absolute Preußen hatte nach ihrer Meinung den Sieg davon getragen und sie standen bei einander, schüttelten mit den Köpfen und philosophitten bedachtsam, wie denn das so gekommen sei. Da schrieb David Friedrich Strauß an den Aesthettker Bischer, mit dem er seit 1848 innig befreundet war:„Ich entnehme aus 1386 eine geschichtliche Belehrung. Bis das liberale Prinzip seine Kräfte so weit zusammengefaßt, seine Bekenner so weit unter einen Hut ge» bracht hätte, um einen solchen Stoß gegen den Pattikularisnrns zu führen,(wie er 1866 gefühtt wurde), hätten wir noch lange warten können. Nur darum ist ihm der preußische Absolutismus mit seiner konzentrittcn Kraft zuvorgekommen." Im übrigen lebt in dem Briefwechsel trotz der Bekümmerniß und Einschränkungen doch noch die Hoffnung, das Sehnen eines freien Bürgcrthums im einigen Vaterland erfüllt zu sehen. Heute ist Strauß, der Mann, der einst die religiösen Geister erregte, längst todt und der grobe Schwaben-Bischer auch. Könnte er noch poltern, wie er einst gepoltert hat, er würde vor tauben Ohren poltern. Alle Kraft- und Kernsprache wäre vergebens. Aus eüier Bürgerschaft, die in nervöse Zuckungen verfällt, wenn an ihre Jugendzeit gepocht wird, sind keine zündenden Funken zu schlagen. Kernfeste Leute freuen sich bei der Rückeriunerung an die Jugend nütsammt ihrer Trunkenheit ohne Wein, und mitsanunt ihren Eseleien, die der Humor verklärt. Wie es mit nervösen Aengstlichkeiten begonnen, so schloß daS Jahr in Staat und Stadt. Druck und im höchsten Sinn wirthschast» liche Ohnmacht sind nicht zu trennen; in dem Sinn, daß Wirth- schaft für die Allgemeinheit befruchtet. Die Sieger im Wettkampf um den Profit sind ja heute auch schon vom nervösen Bangen be- fallen: wie lange noch? Und im großen Zug I Wo ist zum Beispiel die Schnellkraft Berlins hin, sobald es sich um hohe Gcmeinschafts- intcressen handelt? Stolz, herbes Vertrauen auf die eigene Ver- waltung, was ist aus ihnen geworden? Wir haben eS in dem ängstlichen Gebahrcn bei der Unglücksftage der EleknzitätSwerke erlebt, und an verfeinerten Kulturniitteln ist es nicht bester. Die künstlerischen Entschlüsse der Stadt pflegen auszugehen, wie die Geschichte der Denkmäler an der Potsdamer Brücke uns gelehtt hat. Man möchte schwungvoll sich geberden, und am Ende plumpst man ins Wasser. Ueberall indessen ist man des Unbehagens voll; und wenn unsere Familienblätter, an ihrer Spitze die„Fliegenden", den harmlos stillen Friedenssegen und Ncujahrsgruß in die Häuser tragen, so bedeuten ihre wohlgemeinten Zeichnungen eine beträchtliche Ironie. In Paris darf das Wott„die Affäre"(Picquart- Dreyfus) nicht ausgesprochen werden, will man keine rauhe, gesellschaftliche Störung verursachen. In Wien bekommen manche Kreise Wuth- anfälle. hören fie das Wörtchen Deutsch fallen, in Italien ist zum Jahresschluß ein soziales Anklagewerk„Das barbarische Italien" von Nicefoco erschienen, das erschreckendes, grauenhaftes statistisches Matenal zur Geschichte menschlichen Elends und menschlicher Ver- Wahrlosung beibringt. Sie haben Wild-Afrika daheim, sie brauchen keine.Kultur" nach Afrika zu tragen. Im Russenreich aber, woher uns die beglückende Friedensbotschaft kam. passirten jüngst Szenen. die in ihrer sWeise ein ganz ausgewachsenes kulturgeschichtliches Dokument darstellen.* In Warschau ist dem Dichter des„Pan Taddens", Adam Mickiewicz, ein Denkmal gesetzt worden. Vor hundert Jahren wurde dieser größte Lyriker polnischer Zunge geboren. Am Ausgang seines Lebens' verfiel er, der einst ein so kräftiger Hasser war, mystizistischen Wahnvorstellungen. Man könnte ja sagen: ES ist immerhin etwas, daß es gestattet winde, dem Sänger Mickielvicz überhaupt auf polmsch-russischer Erde ein Denkmal zu setzen. Denkt man an Denkmalsgeschichten von 1848 und an den«amen HeitmS Heine, man möchte über die Freiheit wie in Rußland staunen. Was ist Heiners zynischer Spott wider einzelne Potentaten gegen das ingrimmige, hahgepeitschte Zarenlied„Muß ich nach Sibirien wandern" aus der„Todteufcier" von Mickiewicz? Indessen, der Dichter ist schon lange todt, Polen ist .pazifizirt", wie man zu sagen pflegt,„beruhigt": Warum sollte man den Polen verbieten, dem Sänger, der der lebhafteste Schilderer polnischer Volksseele wurde, der für den polnischen Schmerz die er- greifendsten Töne fand, ein Denkmal zu errichten. Aber die Denkmalfeier selber! Das Wolff'sche Bureau meldete zu Weihnachten im lakonischen Telegranim: Die Feier ist ungetrübt und ruhig verlaufen. Ach ja, das ist wohl zu glauben. Sie ist sogar unheimlich ruhig verlaufen. Ganz Warschau war auf den Beinen, aber ganz Warschau war stumm. Soldatenketten sperrten große Straßen- zöge ab, wehe, wäre es zur leisesten Unruhe gekommen. Kein Kranz durfte am Denkmal niedergelegt werden,— die Kränze wurden ans Krakauer Polen-Museum befördert— und die Weiherede nmßte in lateinischer Rede gehalten werden, damit sie das Volk nicht aufrege. Ein Hinterbliebener Sohn von Mickiewicz lebt in Paris. Er kam an dem Gedenktag für seinen Vater nicht nach Warschau, weil er nicht durfte. Die Familie Mickiewicz hat noch keine Berechtigung zum Aufenthalt in Rußland. Der gewaltige Zarenann trifft eben Kinder und Kindcskindcr. Andächtig entblößten die Polen von Warschau ihr Haupt, al die Denknmlshülle fiel. Andächtig schritten die sozialistischen De- putationen vor dem Bildwerk vorüber: aber kein Ton wurde laut. Ueber Warschau lagerte das Schweigen. Es ist gut, wenn man von Zeit zu Zeit erinnert wird, woher ein Kultur-Gut gekommen. Man braucht nichts weniger, als ein Polenschwärmer zu sein und kann doch begreifen daß in der Weise, wie das Polenthum einmüthig, ohne Klaffenscheidungen seinen Sänger ehrte, etwas Tiefes zun» Ausdruck kam. kvlußten darum die Polen behandelt werden, als lebten fie in Stürmen und in Feindesland? Sind fie nicht nissische Reichsbrüder? Oder gilt für sie der kriegerische Busirahinezustand? Das kam aus dem Zaren-, dem Friedcnsreiche; und Schön- Berthchen, die Suttner in Wien mit dem FncdenSpalniblatt, neigte ihr gedankenschweres Haupt und flötete jüngsthin hysterisch verzückt: des Zaren Friedensmanifest ist die größte That des IS. Jahr- Hunderts. Was doch noch für Schvulletirneiischen an der Jahr- hnndertwende leben.— _ Alpha. Kleines �enillekon. — o— SlenjnhrSbefuch. Frau Harter war auf dem Wege zum Schlächter. Die Straße war an diesem Neujahrsmorgen ebenso be- lebt, wie an anderen Feier- mrd Sonntagen. Ja, die Gesichter der vorübergehenden Menschen hatten sogar etwas ganz außer- ordentlich Feierliches, gerade, wie wenn fie in der letzten Nacht große, bedeutungsvolle Gelöbnisse geleistet hätten. deren Wichtigkeit sie niederdrückte. Eben wollte Frau Harter den Schlächterladen betreten, da rief sie jemand:„Anna! Anna I" Sie war es nicht gewohnt, angesprochen zu werden, denn fie besorgte ihre Wege mit außerordentlicher Eile und Pflegte nicht den allen Nachbaren so angenehmen Klatsch unter dem Hausthor oder im Schlächter- und Kramladen. Sie drehte sich darum nur zögernd um. Aber sie war wirklich gemeint worden. Frau Assistent Rackow stand mit lächelndem Gesicht hinter ihr:„Guten Tag, liebe Anna I Wie geht es Ihnen? Ich wollte nur meine innigsten Glückwünsche zun, neuen Jahre überbringen." Sie faßte Frau Härteres linke Hand, da die Rechte den Korb und den Milchtopf trug.„Möge es Ihnen recht, recht gut gehen, mögen Sie noch lange lelien, ja mögen alle Ihre Wünsche und Hoffnungen noch übertroffcn werden I" Frau Harter war sprachlos. War daö Spott oder echt gefühlt? Sie that schließlich das, was man meist in solchen Lagen zu thun pflegt, sie lächelte gezwungen und wünschte der Gratulantin daffelbe, was die ihr gewünscht hatte. Doch da wurde sie schon wieder von dem freundlichen Redestrom der Assistentin unterbrochen:„Ach, liebe Anna l Wie ich sehe, wollen Sie gerade einholen. Bitte lassen Sie sich durch mich nicht aufhalten. Nein, nein! Ich kann warten. Litte, gehen Sie nur!" Und ehe sich Frau Harter noch recht besinnen konnte, war sie von der Assistentin in den Laden geschoben. Da stand sie, besann sich auf das, was sie kaufen wollte und sah dann in Gedanken zu, lvie der Schlächter die Knochen durchschlug. Was war mit der Assistentin geschehen? War sie Plötzlich ein bischen wirr im Kopfe geworden? Oder hatten die Erlebniffe der Neujahrsnacht so mächtig rhr Gemüth verändert? Bei manchem bringt ja das, was die Rührung der Weihnachtstage nicht erreicht, der Punsch der Sylvester- feier zu stände. Jedenfalls war die Assistentin zur Weihnacht noch nicht so liebenswürdig gestimmt gewesen wie jetzt. Beim Zusammen« treffen in der Wohnung des Onkels der Assistentin und des Herrn Harter halte fie noch deutlich ihre Abneigung jgegen die Familie Harter durch Entrüstung über die DcwtgJttl! der Geschenke der Familie Harter bezeugt und erklärt, daß ein Mann und Familienvater stets das Geld schaffen könne, um feine» Angehörigen eine frohe Weihnacht zu machen. Ihr Männi habe ihr einen Theaterunrhang geschenkt, die älteste Tochter habe ein Rad bekommen, und von den Kleinigkeiten wolle sie gar nicht sprechen. Nein, alles könne sie ausstehen, nur das Prahlen mit den V chenken nicht. Das sei doch zu unfein. Ein vornehmer Mensch verliere darüber kein Wort. Aber sie könne nur die Knauserei nicht leiden; die sei ihr in tiefster Seele verhaßt. Und um ihre Verachtung gegen die Knauserei deutlich zu zeigen, lud sie alle Anwesenden zum Sylvesterpunsch ein, nur die Famille Harter nicht.... Und nun brachte fie ihre Neujahrswünsche persönlich an k Frau Harter hätte in der Benviramg darüber beinahe das Geld liegen lassen, das sie herausbekam. „Ach, das ging ja schnell I" meinte die Assistentin ganz vergnügt, trotzdem es heute dreimal länger als sonst gedauert hatte, da der Laden vollgestopft mit Käufern war. Nach diesen vielen Ueberraschungen war denn Frau Harter auch garnicht verwundert, als die Assistentin sie auf der Treppe bat, ihr den Shlvcsterkuß zu geben. Sie habe eine gar zu große Sehnsucht nach sellfftloser Freundschaft. Und Frau Harter sei die aufrichtigste und beste, die sie kenne. Auch war Frau Harter nicht überrascht, daß die As'istemin die selbstlose Freundschaft gleich auf die Probe stellte und sie um ein Darlehen von fünfzig Mark zur Miethc bat, als sie in der Küche das Fleisch abwusch und in den Kochtopf that. Ja, Frau Harter schämte sich sogar nicht, diesen Freundschaftsdienst nicht leisten zu wollen. Sie behauptete, bei dem Perleiiaufzichen, das sie und ihr Mann, der sogar heute, am Reujahrstaoe, arbeiten müsse, betrieben, könne man nichts zurücklegen; das sei eben nur Saisonarbeit. Ja, Frau Harter hatte noch die Dreistigkeit, als sich die Assistentin mit einem unnahbaren, wegwerfenden: „Adieu, Frau Harter! Leben Sie wohl!" entfernte, das„Du" bei- zubehalten und zu antworten:.Komm' gut nach Hause und grüß' Deinen Maim I" Und dazu hatte fie doch gar keine Berechtigung, denn sie hatte sich doch dessen durchaus umvürdig gezeigt!—(s meinte die Assistentin.-- Literarisches. — il— Ernst Reinhold Jahn: Zwerchfelltupfer, Lustige Geschichten. Dresden und Leipzig, E. Picrson's Verlag.— Kleine Geschichten von sehr spießbürgerlicher Lustigkeit sind da unter einem gerade nicht sehr geschmackvollen Titel vereinigt. Hie und da kann man wirklich lachen, wenn der Verfasser ein drolliges Erlebniß drollig zu geben weiß. Das ist nämlich das Beste daran, daß man die meisten Geschichtchen als Selbsterlcbnisse des Verfaffers empfindet. Daß zum Schluß noch drei sogenannte„Lustspiele" geboten werden, ist gar nicht schöcr. Muß denn heutigen Tags jedes Buch traurig enden?— Archäologisches. — In dem Gräberfelde des ehemaligen römischen Kohorten- lagerS Gelduba, das in dem heutigen Dorfe Gellep am Niederrhein lag. wurde vor einiger Zeit ein kunst- und kultur- geschichtlich interessanter Fund gemacht. Es ist dies ein gnostischeS Goldamulet. daS etwa aus dem dritten Jahrhundert n. Chr. stammt, und das erste dieser Art sein dürfte, welches— ähnliche Funde sind des kostbaren Metalls wegen überhaupt sehr selten— im Rhcingebicte bisher gefunden worden ist. Das Amulet besteht, wie die„Vosi. Ztg." einem«ingehenden Bericht der„Bonner Jahrbücher" entnimmt, aus einer Goldhülse mit drei Oesen, die ein gerolltes Goldplättchen in sich barg, das aufgerollt und geglättet sich als mit griechischen Buchstaben be- schrieben erwies. Zusammen mit der Hüffe wurde ein kleines An» hängsel aus Gold gefunden. daS gleichfalls wie diese als Hals» schmuck gedient und dem Tobten mit inS Grab gegeben worden war. Besonderes Jntereffe verdient der Inhalt des BlättchenS. Dieser wurde als eine Inschrift erkannt, die in griechischer Schrift nur Namen enthält, und zwar Gottesnamen, während kein Berdum und kein Satz den Zweck des Amulets verräth. An erster Stelle find die Planctengeister Babyloniens genannt, in dem gnostischen Gewände der Vokalreihe; von den Juden kommt sodann Jahwe vor, und der Rest der Namen weist auf die Gottheiten Egyptens hin, des klassischen Landes der Magie und des synlretistisckien Religionssystems, das sich aus den verschiedensten Elementen zusammensetzte. Die Verwendung der griechischen Schrift macht es wahrscheinlich, daß das Amulet aus Egypten stammt. An den Niederrbein mag es durch einen römischen Soldaten oder einen fahrenden Händler, die überall die Pioniere der alten Kultur gewesen sind, gekommen und dort von der Trägerin — als Besitzer des Amulets ist eine Frau eher als ein Mann an» zunehmen— erworben worden sein, und nachdem sie es im Leben zum Schutze gegen jede Gefahr getragen hatte, ward es ihr auch im Grabe belnsseu. Der geschilderte Fund muß deswegen als be- sonders wichtig angesehen werden, weil er ein weiteres gewichtige? Zeugniß dafür ist, daß die Bewegung, die man unter dem Namen „Knosis" begreift, und die gerade im dritten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hat. auch an den Rhein gedrungen ist. was man bisher einzig und allein aus einem früheren Funde, dem Silber» täfeichen von Badcnweiler, wußte.— Phstsiologischcs. — lieber die alkaloidenGenuß mittel sprach Dr. A. Blind) in der letzten Sitzung des Naturivisscnschaftliche» Vereins in Köln. Einem Bericht der»Köln. Ztg." entnehmen wir. darüber folgendes.� Nl? srntiloiie bezeichnet man qewisse Pflanzenbasen von meist sehr giftiger und heilkräftiger Wirkung, die für die Medizin von großer Bedeutung sind, chemisch jedoch verschiedenen Klossen von Verbindungen angehören. Die für das gewöhnliche Leben wichtigsten: Kaffein(= Schein) und Theobromin zeigen eine nahe Verwandtschaft zur Harnsäure. Das meiste Kaff«» enthält der Thee, nämlich durchschnittlich 2,02 pCt, i Kaffee hat nur 1,21 pCt. und Kakao 1,56 pCt. Theobromin. Man nimmt an, daß diese Stoffe ebenso wie der Zucker(wahrscheinlich Traubenzucker) und das vor- handene Kali an eine Gerbsäure gebunden sind. Wichtig ist noch die große Menge Fett(49,32 PCt.), die der Kakao enthält. Es ist dies eines der am leichtesten verdaulichen Fette, da der Magen nur ö pCt. davon nicht aufnimmt. Beim Brennen des Kaffees spalten sich die gerbsauren Salze, und ihre Bestandtheile sprengen, da sie mehr Raum einnehmen, die Zellwände. Das Fett tritt aus und überzieht zum theil die Bohnen; das Zellwasser verdunstet, und der Zucker ver- wandelt sich in Caramel. Ueber die Vorgänge bei der Bereitimg der Theeblätter sind wir noch wenig unterrichtet; nur scheint sicher, daß der Thclngehalt ziemlich unverändert bleibt. Ebenso zeigen sich kaum quantttattve Veränderungen beim Rösten der Kakaobohnen, nur wird behauptet, daß die Verdaulichkeit abnehme. Die Behandlung des Kakao mit Pottasche und Magnesia, um ihn leichter löslich zu machen, wird von vielen Chemikern verworfen, denn das Pulver wird nicht leichter löslich, sondern hält sich nur besser schmeckend in der Flüssigkeit; außerdem soll ein Theil der Gerbsäure verseifen und eine nachtheilige Wirkung auf die Verdauung ausüben. In einem AuSzuge von IS Gramm Kaffee genießen wir 3,82 Gramm Extrakt, darunter V4 Gramm Kaffeln und'/» Gramm Kali, während ein Auszug von S Gramm Thee 12/S Gramm Extrakt, darunter 0.07 Granu» Kaffeln liefert. Aus dem geringeren Mcngeverhältnisse ist wohl die schwächere Wirkung des Thees zu erklären. Bei beiden Gettänken wirken nämlich das warme Master und das Kalium be- lebend auf die Herzthätigkeit, das Kaffeln erregend auf die Nerven- zentren, und hieraus erklärt sich das angenehme Gefühl, das man beim Genüsse dieser Getränke besonders nach starken Mahlzeiten empfindet. Eine wohlthätige Einlvirkung auf die Verdauung haben fie nämlich nicht, da die Gerbsäure das Pepsin des Magen- sasteS niederschlägt und mit gewissen Eiweißstoffen unlösliche Ver- bindungen eingeht. Von einem Nährwerthe des Kaffees oder eines seiner Surrogate sprechen zu wollen, ist durchaus unstatthaft. Dagegen ist Kakao als ein anregendes Nahrungsmittel zu betrachten. Die flüchtigen Stoffe, wie Kaffeln und Theopyllin, die den an- genehmen Geruch erzeugen, haben, wie die neuesten, mit großer Vorsicht angestellten Versuche von Lahmann und Wilhelm zeigen, durchaus keine Einlvirkung auf den menschlichen Körper. Ebenso fehlt bei allen Surrogaten, mag ihnen auch Kolanuß- oder Sakka- kaffee(Fruchtfleisch des Kaffees) zugesetzt sein, die angenehme, nerven- erregende Wirkung. Für den Kaffee ist die Zahl der Surrogate ungemein groß; das wichtigste bleibt noch immer Zichorie. des deutschen Kaffeeverbrauchs ist Zichorie. Thee unterliegt ge- legentlich Verfälschungen durch Zusatz anderer Blätter. So wird der Steinsame(Lithosperrnurn officinale) in Böhmen unter dem Namen lllhoa chinensis angebaut, und seine Blätter kommen als böhmischer Thee in den Handel. Kakao enthält vielfach medizinische Zusätze, weil diese so dem Körper leicht einverleibt tvcrden. Hierhin gehören Nährsalz- Kakao, Malto- Leguminose- Kakao, Eichel-Kakao, Saccharin-Kakao, Kola-Chokoladc und ähnliche. Die Verfälschungen bestehen hauptsächlich in Zusatz von Mehl, Zusatz von Kakaoschalen, Ersetzen der Kakaobutter durch schwerer verdauliche Fette, wie Rindstalg oder Kokosnußöl. Der Werth sowohl des Kaffee's und Thee's als auch des Kakao's wird nicht durch den Gehalt an Kaffeln oder Theobromin bestimmt, da die beiden Sorten oft sehr Ivenig, schlechte dagegen viel davon enthalten. Auch kann uns die chemische und mikroskopische Analyse bezüglich der anderen Stoffe wohl über die Reinheit, nicht aber über die Güte der drei Genußniittel unterrichten. Der Werth des Kaffees, Thees und Kakaos läßt sich auch heute noch mir von erfahrenen Fach- kgU�leuten, und zwar hauptsächlich durch den Geschmack bestimme».— Aus dem Thierleben. — Unter dem Titel„Gesellschaftsinstinkte bei den Vögeln" schreibt ein Mitarbeiter dem„Prometheus":„Im Süden der Stadt Dortmund befindet sich neben der Stade'schen Brauerei ein zu dieser gehöriges, mehrere Morgen großes Wäldchen mit etwa Affährigem Bestand,' das, obwohl an einer Seite von einer Hänser- reihe begrenzt, seit sechs Jahren allherbstlich den Staaren als Sammelplatz vor ihrer Abreise dient. Die Brnuereigebäude sind von einem Kranze alter, hoher Schwarzpappeln umrahmt. Schon Ende August treffen einzelne kleine Schwärme Staare zum llebernachten ein, Anzahl und Stärke derfelben nehmen gegen den Herbst hin zu, so daß schließlich hunderttausende dieser Vögel des Nachts die An- läge bevölkern. Während die Thiere anfangs erst nach 6 Uhr abends eintteffen und direkt ihren Schlafplatz auffuchen, erscheinen sie in den letzten Wochen vor der Abreise, meist zu größeren Schwärmen vereiuigt, ich» ssch 4, tthc«od halten bei günstigem Wetter bis zum Eintritt der Dunkelheit große Flugübunge« über der An- läge und deren nächster Umgebung ab. Im vorigen Herbste machte' ich, durch großes Geschrei eines dieser Schwärme aufmerksam geworden, die Beobachtung, daß die PeragtWrtlichec Nedakteur! August Jacobey in Ber Thiere zu einem dichten, dunklen Bai! zusammengedrängt wetterflogen. während sie sonst stets im Fluge Abstand halten. In der Nähe be« findliche Schwärme schlössen sich gleichfalls unter lautem Lärm an, der große Ball theilte sich in zwei kleinere und diese zogen, immer noch lärmend, der eine nach Osten, der andere nach Süd» Westen ab. Was war geschehen?— Ein Raubvogelpaar, anscheinend Sperber, hatte von einer der erwähnten Pappeln aus einen Angriff auf die Staare versucht, wurde aber von diesen umzingelt und nun unter großer Begleitung aus dem Manöverfelde gebracht. Die Staare kehrten zurück und setzten ihre Flugübung fort, lvährend die Raubvögel eiligst aus dem Gesichtskreise entschwanden. Das gleiche Schauspiel beobachtete ich einige Tage später, als sich ein einzelner Sperber an einem Schtvarm heramvagte.— Humoristisches. — Vielversprechend. A.:„Nim, Ihr Sohn scheint ja ein bielversprechender junger Mann zu sein?" B.:„Na und ob! Er versprach einem Mädchen die Heirath und jetzt will er nicht mehr, und ich kann 40000 M. bezahlen, damit die Geschichte wieder ins Reine kommt."— — Ein Naturfreund. I.Reisender:„Eine wunder- bare Landschaft I" 2. Reisender:„Gewiß, schade nur, daß die Berge die Aus- ficht versperren!"— („Jugend".) — Einsichtsvoll. Der Kreuzbauernmichl bekommt vom Wirthsftanzl ein paar tüchtige Ohrfeigen. Ohne den geringsten Ver- such zu machen, sich zur Wehr zu setzen, trollt er ganz zufrieden von dannen.— Die Bauernburschen, welche den Vorgang beobachtet, sind ganz verwundert, daß der Michl, der doch dem Franzi an Stärke überlegen, sich dies gefallen läßt.—.Sag' amal, Michl", fragt ihn einer,„warum schlägst D' denn net zua?"—„Ja mei", meint der Michl,„i' doch nur Zwei san, kommet die G'schicht z' oft 'ruml"— Notizen. — Deutscher Buch- und Steindrucker. Graphische Monatsschrift. Herausgegeben von Ernst Morgenstern, Berlin. Preis des Jahrgangs 6 M.— Von dieser Publikation liegt uns ein Doppechest, das 2. und 3. des V. Jahrgangs vor. Es ist außer- ordentlich reichhaltig und sorgfältig gearbeitet und wird besonders dem Fachmann gute Anregungen, geben. Aus dem Inhalt erwähnen wir eine Reihe von Farbendrucken von modernen Plakaten, sowie Aufsätze über die verschiedensten technischen Fragen, die sich vor allem mit dem Buntdruck befassen.— — Ein Zyklus von sechs Vortragsabenden soll im neuen Jahr im Kunstsalon von Keller u. Reiner stattfinden. Sie sollen der modernen deutschen Lyrik und der jungen „Schönheitskunst" gewidmet sein. Eine„Conference" des Schrift- stellers Arthur Möller-Brnck wird den Abend jedesmal einleiten; Richard D e b ni e I hat die Rezitation charakteristischer Proben übernommen. Man will sehr exklusiv sein: nur hundert Eintritts- karten werden ausgegeben und jede soll dreißig Mark kosten.— Warum diese Verschränkung? Es handelt sich um einen Versuch; da braucht man nicht so'ängstlich zu sein. Ein Fchlschlag bewiese rein gar nichts. Jedes Sichnbschlirßen in Kunstiachcn aber führt zur Spielerei.— — W i l h e l m H e g e I e r hat im Verein mit Hans Olden seinen Roman„Nelly's Millionen" in ein Lustspiel um- gegossen. Das Stück erlebt am Neujahrstage am Hamburger Thalia- Theater seine Erstaufführung.— — Die Wiener Wochenschrift„Die Wage" bringt in ihrer neuesten Nummer vier bisher unveröffentlichte Briefe Lndwitzll. von Bayern an Richard Wagner. Das eine Schreiben lautet: „Mein Jnniggelicbter! Eben erfuhr ich durch Pfistermeister, daß Sie wieder völlig her- gestellt sind. O, mit welchem Freudenjubel begrüßte ich diese Knude. Wie brenne ich vor Sehnsucht nach ruhigen, weihevollen Stunden, die es mir vergönnen werden, das langcntbehrte Antlitz des Theuersten der Erde wiederzusehen. Also Semper entivirft den Plan zu unseremHeiligthnm. Die Darsteller ftir das Drama werden heran- gebildet, Brünnhilde wird bald errettet werden durch den furchtlosen Helden. O, Alles, Alles ist im Gange. Was ich geträumt, gehofft und ersehnt, wird nun bald in das Leben treten, der Himmel steigt für uns auf die Erde herab. O Heiliger, ich bete Dich an I Also Tristan, hoffentlich im Mai! O sel'ger Tag. wenn der ersehnte Bau vor uns sich erheben wird, sel'ge Stunden, wenn dort Ihre Werke vollkommen zur That werden.'„Wir werden siegen," riefen Sie mir zu. in Ihrem letzten«heueren Schreiben.„Ja. wir werden I' rufe ich ftoh- lockend zurück., Nicht umsonst werden wir gelebt haben. Ihnen Dank. Heil! � �. Ihr bis in den Tod getreuer Ludwig. S. Jänner 186S."_ in. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.