Anlerhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 2. Dienstag, den 3. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Herrn Mckendrnkh�s VrnplonÄre« 2] Roman von O. Eugen Thossan. Herr Zickendrath stand wieder am Fenster und qualmte Wider die Scheiben. Mit ordentlicher Wollust sog er die Wolken aus dem schwindsüchtigen pfeifenden Rohr und sah auf den Hof hinab. Es hatte seit acht Tagen geregnet, heute gegen Abend erst hatte es ein wenig aufgehört. Die Fliesen leuchteten in feuchtem Glanz von unten herauf und ein kleiner Vengcl sprang barfuß darauf herum. Er gehörte den Schusters- leuten, die im Hinterhaus wohnten. Ach ja, sein Jungel Für den hatte er was anderes geträumt. Und fürs Mädel auch. Im vorigen Jahr hatte er noch ausgerechnet, daß doch noch für jedes ein paar tausend Mark übrig sein würden, wenn er mal die Augen zuthäte. Aber jetzt— er war zwar ein großer Phantast im Rechnen— aber das konnte er sich nun nicht mehr verhehlen, daß es mit dem Uebrigsein Essig war, aber Holzessig, bitter, bitter, bitter... Und drum war es am besten so, wie er sich's ausge- dacht hatte. Nicht daß er sich vor den Vorwürfen der Bälger gefürchtet hätte. Ach nein, sie waren gute Kinder und würden es den Alten nicht fühlen lassen, daß er ein Esel gewesen war und ein Nichtskönner. Aber— das einzusehen, war das Schwerste gewesen— sie würden ohne ihn besser fertig werden. Die Mutter würde möblirt vermiethen, das thaten hunderte von Wittwen, sie würde auch schon Miether bekommen; das Mädel würde ihr an die Hand gehen, einen Dienstboten ersparen rttld selbst im Hause bleiben können; und wenn der Junge einmal erst sein Gehalt dazu brachte, dann mußte es ganz gut gehen. Wenn sie ihn, den Alten, nicht mit durchzufüttern brauchten. Und das sollten sie nicht, das sollten sie nicht, das sollten-- Er schluckte ein paar Mal heftig. Es war zwar dunkel geworden, und keiner konnte ihn sehen, aber er fürchtete sich selbst vor dem Weichwerdcn. Nur das nicht, jetzt nicht I Die Pfeife war zu Ende geraucht. Er that noch ein paar vcr- zweifelte Züge, aber es kam nichts mehr. Na denn— also I... „Aber Max, was machst Du denn hier im Dustern?" Ach Du Allmächtiger I... Wie er die Pfeife los wurde und die Tasse in die Hände bekam, wußte er nicht. In der Eile verschüttete er die Hälfte, aber einen tüchtigen Schluck crivischte er doch noch. Da war auch seine Frau schon neben ihn und riß ihm das Ding voni Munde. „Was trinkst Du denn da?" rief sie in heller Angst. Woher ihr die Angst kam, hätte sie nicht sagen können. Aber sie war da. Er sagte kein Wort. Er stand und guckte rathlos im Zimmer rimher, in einer gräßlichen Verlegenheit.„Günther Kraatz!" mußte er in eiuemzu denken. Und dann war er wieder fast froh, daß er doch noch einen ordentlichen Mund voll wegbekommen hatte. Am Ende genügte das. Mutter Zickendrath riß unterdessen die grüne Gardine zurück— und da lag der ganze Haufen Schwefelhölzer, alle geköpft, wie sie sich schleunigst am Fenster überzeugte. Da wußte sie alles. Sie sank auf das Schlafsopha. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nicht ohnmächtig geworden, aber jetzt war sie nahe daran. Ein solches Zittern in den Beinen hatte sie noch nie verspürt. „Max l" war das einzige, was sie hervorbrachte. Und das klang so merkwürdig, so aus einer fernen Vergangenheit her- über, daß es ihm weh durch die Seele ging. Plötzlich fing er an zu zweifeln, ob er denn auch wirklich so ganz und gar überflüssig war. Wenn er mrch nichts mehr für sie schaffen konnte, er konnte ihnen doch inimcr noch etwas sein, seiner Frau sicherlich, dielleicht nur eine liebe Angewohnheit, aber man trennt sich ja auch davon nur ungern, manchmal nur mit großen Schmerzen. Es schüttelte ihn wie im Kranipf, aber er würgte es noch einmal hinunter. Frau Zickendrath hatte sich gefaßt. Sie war nicht mehr ohnniächtig, aber sie war immer noch sehr traurig. Das hörte man ihrer Stimme an. „Siehst Du, Max," sagte sie,„wir haben uns das eben drüben überlegt. Eigentlich hatManni den Gedanken gehabt. Und der Gedanke ist gufc Sie ist wirklich ein kluges Mädchen. Siehst Du, wir haben uns gedacht: wir nehmen Schüler, machen eine Pension auf. Draußen beii� Gymnasium sind die Wohnungen nicht so theuer; und wenn wir viere oder fünfe haben, dann kommen wir durch. Und siehst Du, dabei könntest Du Dich auch so schön nützlich machen und hättest Deine Beschäftigung. Du könntest die Stiefel wichsen für die Jungens, es braucht's ja keiner zu sehen. Und könntest die Ausgänge und die Einkäufe besorgen, das verstehst Du doch; und das müßtest Du schon, weil ich Manni doch zu Hause brauche. Und außerdem, siehst Du, ohne Mann ginge das gar nicht, könnten wir's gar nicht machen. Denn ohne Mann ist kein Respekt da, gerade bei solchen Jungen, da würde die Erziehung fehlen. Siehst Du, und dann wäre uns allen ge- Holsen... Max l— Weshalb giebst Du denn gar keine Antwort?" Jetzt war es vorbei mit seiner Standhaftigkeit. Er knickte in die Knie, und während er den Kopf dicht neben ihr in das Schlafsopha drückte, schluchzte er in das zerrissene Blumen- muster hinein:„Ach, Klara, Klara I Es ist ja zu spät l Es ist ja zu spät I" Und als sie ihm beruhigend den Kopf tätschelte, kam es kläglich hinterher:„Ich habe ja schon genug geschluckt von dem Zeugs." Sie fuhr entsetzt auf.„So was Dummes!.. Aber Max! ... Gleich legst Du Dich hierhin, aufs Sopha, lang! Und rührst Dich nicht! Max, verstehst Du? Ich laufe gleich rüber in die Kronenapotheke und lasse mir vom Provisor was geben. Aber daß Du Dich nicht rührst! Hörst Du, Max?" Er schüttelte stumm den Kopf und lag wie ein gefällter Baum. Sie stürzte fort. Er blieb in einer seltsam feierlichen Stimmung zurück, wie ein Kind, das die Prügel überstanden hat, vor denen es sich lange gefürchtet„Günther Kraatz!" gings ihm wieder durch den Kopf. Aber er schämte sich nicht mehr. Er fühlte sich überhaupt vollständig frei von allen kleinlichen Regungen, wie sie ihn in der letzten Zeit hin und her geworfen hatten. Als ob die Sonne neu aufgegangen wäre in seinem Leben, so in festliches Licht getaucht lag alles vor seiner Seele. Nur auf Sekunden kam eine leise Befürchtung wie eine kleine graue Wolke über seinen Himmel:„Es wird ja wohl noch helfen, was die Mutter bringt?" Es half noch. Die Angelegenheit wurde in aller Stille abgewickelt, damit Manni nichts merkte. Die Mutter ging nur zu ihr hinüber ins Wohnzimmer, um ihr mitzutheilen, daß der Vater nicht ganz wohl wäre und den Abend drüben iu der Kammer zubringen wolle. Da lag er denn nun nach der anstrengenden Entfernung des Giftes wieder auf dem Schlafsopha, mit der Rcisedecke warin zugedeckt, ein Bcttkissen unter dem Kopf. Und Mutter Zickendrath saß neben ihm und hielt seine Hand. Und sie machten Zukunftspläne zusammen. Das heißt, sie sprach, und er hörte zu und malte sich die Sache nach seiner Art aus. Sie erörterte vorzüglich die praktische Seite ihres Vorhabens. Gleich morgen sollte er zum Gymnasial- direktor gehen, sich vorstellen und um Zuweisung von Schülern bitten, sie wollte mit Manni auf die Wohnungssuche gehen. und zu Michaeli konnte dann die Pension Zickendrath eröffnet werden. Er sah die Dinge mehr von einem höheren Gesichtspunkte aus. Ihm kam es auf die Gelegenheit zu erzieherischer Be- thätigung an. An der Erziehung lag ja alles. Und wenn er irgendwo den reichen Schatz seiner Erfahrungen verwerthen konnte, dann war es hier, auf dem Gebiete der Erziehung. Was an ihm gesündigt worden war. das wollte er so wieder gut machen, gewissermaßen Böses mit Gutem vergelten, feurige Kohlen sammeln. Auf wessen Haupt, wußte er zwar nicht recht; aber in der Sache war er sich klar. Und er kam sich sehr edel und wichtig zugleich vor. Als er mit sich im Reinen war, wollte er ganz fidel auf dem Sopha einschlafen. Aber das litt seine Frau nicht. Er mußte auf und ins Bett. Als er da glücklich festlag und das Licht ausgelöscht war. streckte er sich in grenzenlosem Wohl-, behagen und dachte:... „Es wäre doch.feine kapitale Voreiligketl qeweien.. s« ist doch noch ein weites Feld, auf dem man ersprießlich wirken kann— wenn man mich nichts gelernt hat." II. Es hatte wieder einen kleinen Streit gegeben, ehe er zum Schuldirektor ging. Seine Frau hatte es für ganz selbst- verständlich gehalten, daß er im schwarzen Anzug seine Auf- Wartung machen würde. Und er hatte durchaus darauf bestehen wollen, in seinem gewöhnlichen braunen Ausgeh- habitchcn zu bleiben; einmal aus Bequemlichkeit, und theils auch in der Furcht, zu bittstellerisch auszusehen. Der Bürger- stolz war noch lang'e nicht todt in ihm. Zuletzt hatten sie sich geeinigt, indem jeder eine Hälfte seiner Forderung nachließ: er hatte den schwarzen Gehrock genommen und die braune Hose anbehalten. Das wäre überhaupt der richtige Besuchsanzng für Leute seinesgleichen, hatte er gemeint, als er sich fertig anzogen im Spiegel beschaute. Beamten, die zu ihrem Vorgesetzten gingen, die möchten sich seinetwegen ganz schwarz machen, das Paßte zu ihren Verhältnissen. Aber er hätte keinen Vorgesetzten. Die Frau hatte ihn ohne ein weiteres Wort ziehen lassen und nur hinter ihm her ein wenig den Kopf geschüttelt. Er aber war sehr stolz über seinen halben Sieg die Treppe hin- untergestiegen; und als er um die Ecke war, zündete er sich eine Zigarre an. Es war ein schöner sonniger Vormittag. Nach dem un- aufhörlichen Regen der letzten acht Tage eine wahre Wohlthat. Herr Zickendrath, der überhaupt sehr vom Wetter abhängig war, hatte das Gefühl, als ob dieser Witterungsumschlag eigens für ihn angeordnet wäre. Der Himmel hatte seine Stimmung ausgezeichnet getroffen. So heiter und sonnig sah es auch in feiner Seele aus. Er stand auf dem Punkte, ein ganz neues Leben zu beginnen, etwas zu unter- nehmen, eine Gründung loszulassen. In dieser Lage hatte er sich noch nie befunden, und es kam ihm vor, als ob das eine viel lustigere Sache wäre, als die vom Vater ererbten Häuser zu verwalten, immer nach denselben ererbten Geschäfts- Prinzipien, derselben ererbten Hausordnung und denselben noch vom Vater herstammenden Kontraktformularen. Heute machte ihm alles Spaß, selbst das lebhafte Gettiebe der Straße, das er doch von Jugend auf kannte und nie für etwas Besonderes gehalten hatte. Heute schritt er tapfer und selbstbewußt mit dem Schwärm der hastenden Menschen, qualmte dicke Wolken aus seiner Zigarre und sah allen Leuten frei und vergnügt ins Gesicht, als ob er ihnen sagen wollte: „Ja, ja, so ist das nicht; ihr müßt euch nicht allein quälen, ich habe auch was vor, einen sehr wichtigen Gang, ein großes Geschäft womöglich." Es war Markttag, und er schwamm so mit im Stronie, bis er aus der Breitenstraße heraus mitten ins Marktgewühl hinein- segelte. Da fiel ihm erst ein, daß das eigentlich nicht sein Weg war. Aber es schadete ja nichts. Vor elf Uhr war der Mann sicherlich doch nicht zu sprechen, und jetzt war's erst zehn. Er schlenderte also durch die Reihen, beguckte und beschnüffelte alles mit Kenneimiene und fing zuletzt an, um einen Oleander- bäum zu handeln, der in einem schönen grüngestrichenen Kübel stand. Die Frau wollte fünfzehn Mark dafür haben. Er bot schlankweg zehne; er wäre ja schon längst aus der Blüthe heraus, behauptete er. Die Frau wollte zuerst grob werden. Als er aber seelenruhig blieb, machte sie Miene, energisch im Preis herunterzugehen.(Fortsetzung folgt.) SJu all. Skizze von F. K. Die Uhr hat soeben zehn geschlagen. Der Fabrikherr Ivalzt sich ein paar Mal im Bette herum und saht sich nach dem Kopf, der etwas schwer ist nach der glänzenden Gesellschaft, die er gestern, am Sylvesterabend, mitgemacht hat. Der starke Wein flog reichlich bei all' den Hochs, die ausgebracht wurden, daß die große Weberei, deren Mitinhaber er war, im neuen Jahre noch größeren Ueberschuß abwerfen möchte, als sie es im alten gethan. Plötzlich fiel ihm ein, daß er gestern Abend, bevor er von seinem Kompagnon schied, versprochen hatte, ihn am Neu- jahrstage auf seiner in der Nähe der Fabrik ge- legenen Villa zu besuchen, damit sie ein wenig den Gewinn des letzten Jahres überschlagen und zugleich die Neujahrswünsche entgegennehmen könnten, die die Arbeiter, nach altem Brauch, an diesem Tage den Fabnkhcrren darzubringen pflegten. In aller Eile sprang er ans dem Bett. Er klingelte und erthcilte dem Diener den Befehl, den Wagen mit den Gummirädern anspannen zu lassen. Bald fuhr die elegante Equipage vor der Thüre vor, und der Fabri- laut nahm darin Platz. Und während der leichte Wagen lautlos auf der Landstraße� dahin rollte, waren die Gedanken des Fabrikherrn eifrig damit beschäftigt, auszurechnen, wieviel menschliche Arbeitskraft die nenerfundene Wevemaschine ersparen komtte. Unter diesen offen-- bar angenehmen Gedanken erreichte er endlich die Villa, vor der sein Wag-n anhielt. Sein Kompagnon begrüßte ihn vom Balkon.„Guten Morgen, lieber Herr Kollege! Frohes neues Jahr l" „Gleichfalls. Uebrigens ein prächtiger Champagner, den Sie uns gestern Abend vorsetzten. Und dann die reizenden Damen... sie geben den Festen doch immer erst den rechten Glanz I" Nach dieser Begrüßung verschwanden die beiden Herren im Komptoir, wo sie sich in die großen Ueberschüsse vertieften, die die Weberei im letzten Jahre abgeworfen hatte. Aber gleichzeitig einigten sie sich darüber, daß es nothwendig wäre, einige der älteren Leute der Fabrik zu verabschieden und jüngere an deren Stelle ein- zustellen.„Es ist ja keine Arbeitskraft in diese» alten Leuten," sagte der Eine. „Ja, und wenn sie in unserem Dienst arbeitsunfähig werden, hat man nur noch Unannehmlichkeiten!" Da klopfte es an die Thüre. Und der alte Thomas, der über ein Menschcnalter als Weber in der Fabrik gearbeitet hatte, trat herein, um namens der Arbeiter den Herren die besten Wünsche zum neuen Jahr darzubringen. „Vielen Dank, Thomas!" rief der Fabrikant.„Aber wissen Sie, lieber Thomas, obschon Sie alle Zeit Ihre Pflicht gethan und Ihre Arbeit zu unserer Zuftiedeuheit ausgeführt haben, sieht die Fabrik sich doch genöthigt, an Ihrer Stelle einen jüngeren Mann einzustellen. Und dann, Sie wissen ja, Ihre Wohnung müssen Sie in einem Monat räumen 1" Es sauste vor den Ohren des alten Thomas. Es war, als sollte er in die Erde sinken. Tausend Gedanken durchkreuzten sein Hirn. Und indem er sich nach der Thiire tastete, murmelte er mit kaum vernehmbarer Stinrme vor sich hin: „Ver.. ab.. schie.. det!" Niemals ivar der Heimweg von der Fabrik dem alten Weber so schwer gefallen wie an diesem Neujahrstage. Vor vierzig Jahren war er in der Weberei eingestellt, und in diesen vielen Jahren hatte er sie wachsen und größere und größere Ueberschüsse abwerfen sehen, während er selbst ein abgenutztes Wrack geworden war, das nun— mit dem Abschied belohnt wurde. Er selbst konnte den schweren Schlag wohl tragen; aber wie sollte er es seiner alten Frau erzählen, die in all den Jahren ihm getreulich im Kampf gegen die Armuth beigestanden hatte, daß nun alles vorbei wäre? Wie sehr sie auch gerungen halten, mußten sie nun doch ihre alten Tage im Armenhaus verbringen. Ach, wie langsam kam er doch von der Stelle l Nun lag das kleine arme Häuschen vor ihm, wo seine liebe, alte Mutter froh auf sein Kommen wartete; sie ahnte nicht, welche traurige Neujahrs- botschaft er heimbrachte. Dann blieb er draußen vor der Thüre stehen, um sich ein wenig zu fassen. Es war so unbegreiflich. Alles war so plötzlich gekommen, und dazu an diesem Tage, an dem alle Menschen sich ein gutes neues Jahr wünschen I Er drehte den Thürgriff und stand im nächsten Augenblick vor seiner alten Frau, die sogleich, als sie die Verände- rung sah, die mit ihrem Manne vorgegangen, ausrief: „Gott, Vater! Was ist geschehen?" Und der alte Mann flüsterte kaum vernehmbar, während ihm die Thräncn an den Wangen hcrabliefen: „Verabschiedet I"_. Die beiden Alten sanken nebeneinander auf einer Bank nieder. In ttefcr Verzweiflung dachten sie an ihr armes, liebes Häilschen, in dem sie nun vierzig Jahre gelebt hatten, wo jedes Plätzchen ihnen heilig war, das sie nun aber binnen kurzem verlassen sollten. Nur weil er zu alt geworden war... Später am Tage klopfte es an die Thüre und zwei Kameraden des alten Webers traten in das kleine Haus ein, ans dem die Freude so plötzlich verschwunden war. „Wir hörten heute bei einer Zusammenkunft," nahm der eine das Wort,„daß die Herren dort oben Dich von der Fabrik ver- abschiedet haben, weil Du zu alt seiest. Da Du aber alle Zcrt ein braver Kamerad gewesen bist, beschlossen wir gleichzeitig, daß Du von nun an bei uns, Deinen Kameraden, den Lohn erheben sollst, den Du bisher von der Fabrik bekommen hast. Und nun wünschen wir Dir und Deiner Alten ein frohes, neues �ahr! Da wurde es wieder Licht in dem Häuschen der Alten. Der Neujahrswnnsch der Kameraden war der beste, den sie jemal empfangen hatten.... Oben in der Villa trank man Chan, pagner auf den großen Jahresübcrschuß und ermittelte, welches der nächste alte Arbeiter wäre, der verabschiedet werden sollte.— Mleines Feuillekon. br. Nürnberger WirthShanSnamcn. In alten Städten hat sich manch' seltsames Witthshausschild erhalten, viele, ja die meisten freilich sind dein Moder und Rost zum Opfer gefallen und nur wenige werden in der Obhut der Museen künftigen Gcschlemtern aufbewahrt. Wo aber auch das Schild in Staub zerfallen ist, ist doch der Name der Nachwelt oft erhalten geblieben. Und gllr selt- same Namen sind es. die sich Wirthshäuser z. B. in der alten Stadt Xurnberg erhalten haben. Einige seien hier angeführt: Zum historischen Hof. zum Schwarzbaudrnhof, zu den zivei blauen Schlüsseln, zum Mohrenkopf, Brativurstglöcklein, Bratwursthnzlc, Bratwurstschuh, zum Nunnenbeck, zum Luftsprung, zun, Batzenhänsl, zum Schmausengarten, zum Süßengarten, zum Baileinhutter, zum Hippel, zum Eckcrla, zum Zahnsgarten, zum Doktorshof, Vater Abraham, zum Göckerla, zur böhmischen Haube, zum Grübet, zum rothen Oechslein, zum gläsernen Himmel. Neben diesen Namen, die zun: großen Theil noch aus der Zeit stanimen dürften, wo Albrecht Dürer im Brativurstglöcklein den zinnernen Hunipen schivang, hat Nürnberg Wirthshäuser mit folgenden Namen: zum Zola, zum Kapitän Dreyfus, zur neuen Welt, zur Wilhclmshöhe. zur Stadt Ranch, zur Loreley, zum letzten Nickel, zur Schraubenfabrik, zum Radfahrsport, zum Acetylenlicht, zur elektrischen Zentralstation und ähnlich. So grenzt in Nüniberg Altes und Neuestes eng aneinander.— Theater. —hl. In der Freien Volksbühne wurde am Sonntag der letzte Theil der WaNenstein-Trilogie Schiller's,„Wallen- st ein's Tod", aufgeführt. Es fällt dem Rezensenten schwer, die Aufführung von Stücken, wie dieses, das mau oft und in guter Aufführung gesehen hat, von dem man eine fest umrissenc Vor- stellung schon mitbringt, ruhig zu beurtheilen. Das Drama S chillcr's erfordert eine ausgebildete Schauspielkunst, vor allem die Fähigkeit, Verse richtig zu behandeln, eine Kunst, die den meisten bcutigcn, an den Konversationston gewöhnten Schauspielern abgeht. Man konnte unter diesen Umständen nicht mit großen Erwartmigen ins Friedricki-Wilhelmstädtische Theater gehen; es ist leider zu konstatiren, daß es noch schlimmer kam, als man bc- fürchtet hatte. Das Drama übte denn auch in dieser Gestalt keine rechte Wirkung auf das Publikum.— Musik. Aus der Woche. Hat man lauste die Unnatur unserer ge- wohnlichen Konzerte geduldig ertragen, so fällt es einem bei außer- gewöhnlichen Beispielen von echter, naturgemäßer Musikpflege ivie Schuppen von den Augen; das kaltgewordene Herz des zum täg- lichcn Urthcilcn verurtheiltcn Musikkritikers wird wieder warm, und er kann mit Freuden das thun, ivas ihm das liebste ist: von Herzen Beifall sagen. Es ist, wie wenn man sich in Bildergallerien, wo e i n Stück das andere schlägt und für keines die zutreffende Atmosphäre waltet, müde geschaut und abgestumpft hat und nun einmal ein einziges groß angelegtes(vielleicht selbst ein weniger vollkommenes) Bildwerk in einer ihm ge- bühreuden Umgebung genießt— mag diese nun eine Welt- liche oder eine tirchliche sein. So war es uns zu Muthe, als wir am 30. Dezember in der Gcdächtnißkirche das Oratorium„Debora" von Händel hörten, das nach seiner erfolgreichen, uns leider ent- gangenen Ausführung im Novcnibcr jetzt wiederholt wurde. Also vor allem e i n Werk am Abend, nicht ein Dutzend Kleinigkeiten; die Um- gebuug eine passende Grundlage für den künstlerischen Eindruck, nicht zuletzt deshalb, weil sie den Beifallslärm, diesen Mord einer inner- lichen Rachwirkung, verbietet; die Aufführung ein Zusammenarbeiten Vieler zu einer über ihnen liegenden Aufgabe, nicht ein Hervor- treten dieses oder jenes zum Zeigen seines Könnens! Und nun das Werk selbst, eines, das wie nur wenige eine über- zeugend innige Verbindung des tönenden mit der dichterischen Unter- läge enthält: diese Unterlage ist allerdings ans einer dem Publikum des 18. Jahrhunderts, zumal dem in Händcl's zweiter Hcimath, in England, viel näher als uns liegenden Welt genommen. Welcher einigermaßen Gebildete von damals kannte und liebte nicht die Bibel einschließlich des Alien Testaments so, daß er beim Namen „Debora" sich sofort jener israelitischen Prophetin erinnerte, die ihr Volk zum siegreichen Kainpf gegen die kanaanitischcn Heiden bc- geisterte?! Einen solchen Vorspnnig zum verständnißvollcn Aufnehmen dieses Kunstwerks haben wir heute nicht, und damit müssen wohl auch die heutigen Anläufe zur Neubclcbung des Oratoriums, dieser eigenthiimlich epischen Musikgattung in halb dramatischer Forin, rechnen, die gerade das Nächstliegende, eine Weiterentwickelung des von Haydn so glücklich eingeführten weltlichen Oratoriums,' ver- säumen. Zu diesem Nachtheil unsererseits kommt noch eins. Wie sollen wir eine Musik aus vergangener Zeit ausführen: so, wie sie damals gedacht war, oder so, wie sie heute zu denken ist? Für eine historische Treue sprechen sich sehr Viele aus, darunter der unr die Wiedererweckung Händcl's verdienstvollste Mann, C h r h s a n d e r. Er bearbeitete Niederschriften des Kom- ponisten, die unvollständig sind, möglichst in der einfachen Weise damaliger Hilfsmittel. Das zog ihm viel Anerkennung und viel Tadel zu. Hier haben wir, obschon im allgemeinen mindestens sehr skeptisch gegen die„historische Treue", nicht zu entscheiden. Die „Debora" wurde in dieser Bearbeitung vor mehreren Jahren in Mainz aufgeführt und so auch jetzt wieder. Man nierkt leicht die Dürftigkeit' der Stimmen im Orchester; man begrüßt eine etwas größere Fülle, namentlich im Hervortreten der wenigen- Bläser- stimmen, bei Höhepunkten des Werks mit einem Aufathmen und freut sich, das alte„Klavicembalo", den letzten Vorläufer unseres Klaviers, als den damals üblichen nächsten Begleiter der Oratoriumsgesänge wieder einnial zu hören(Händel pflegte es selber zu spielen und von da aus das Ganze zu leiten). Die„Debora" ist eines der bisher weniger beachteten Oratorien 'Händcl's und an musikalischer Schöpferkraft nicht eben eins der ersten. Allein seine außerordentliche Schlichtheit, Volksthümlichkeit und Charakterisirung(wie etiva bei den gegensätzlichen Chören der Baalspriester und der Jsrealiten), dann die hinreißende Macht ein- zelner Stellen, ivie„Juda, steh auf für Deinen Gott", endlich die Anpassung selbst des vielen Konventionellen(der Koloraturen und der fchier endlosen Wiederholungen, die sich aber großentheils als Variationen zum Zweck allseitigen Gefühlsausdrucks darstellen) a» die jeweilige Situation: das kann noch immer als„klassisch" im Sinn des für die weitere Musikcntivickelung Vorbildlichen gelten.— Alle die Kräfte, die dem altbewährten Stern's chen Gesangverein hier halfen und denen einzelne Unvollkommenheiten anzukreiden wider die Bedeutung des Ganzen wäre, seien unseres Dankes für ihre ernste Hingebung versichert. Wie bedeutungslos daneben die Unterhaltungs- und Virtuosen« konzcrte gewöhnlichen Stiles! Der vierte Vortragsabend(im Rath- Haus) vom„Verein zur Förderung der Kunst", einem zu guten Zwecken wirkenden, aber weniger dilettantischer Mittel be- dürfenden Verband, brachte am 23.„Heitere Kunst", darunter neue gut melodiöse Lieder von James Roth st ein. Am 29. spielte in der Singakademie ein bereits bewährter Geiger, Franz Schörg, unter anderem ein Konzert in H-moIl von Saint-Söns; seine weiche innige und doch volle Gesangsweise und sein fast an Holzbläser er- inneruder Ton paßten sehr gut zu diesem anmuthigen, besonders durch das Gegeneinanderspiel der einzelnen Instrumente wirkenden Stück. Am selben Abend hörten wir von Maria Concha Codelli im Bechstein-Saal nur noch die„Zigeunerweisen" Sarasate's und eine kleine Zugabe: danach läßt sich nur eben sagen, daß es sich um eine beginnende Künstlerschaft handelt, bei der gewisse geheimnißreiche und fast bacchantische Züge (auch in der Körperhaltung) je nach weiterer Entivickelung zum Guten oder zum Schlimmen führen können. Die Klavierspielerin M e l a Kurt, an: 28. Dezember im Bechstein-Saal, dürfte zwar für das völlig klar gestaltende Herausarbeiten so gewichtiger Stücke wie der OmoU-Variationen von Beethoven noch nicht hinreichen, er- innerte uns jedoch durch ihren Vortrag einiger Stücke von Domenico Scarlatti(gest. 1767) in erfreulicher Weise an diese immer wieder neu auflebende geschichtliche Größe. Er hat den Grund gelegt zu dem, lvas uns als das typische graziöse Klavierstück seither so arg „über" getvorden ist. Nun brauchten wir nur noch an einem der Feiertage ins„Populäre Philharmonische" gehen, um trotz oder vielleicht wegen des vielen einzclnen Guten dort gerade bei dem Gegensatz zu' jener wirklichen Kunst der„Debora"-Auf- sührung angelangt zu sein.— Kunst. — hl. Im Kunstsalon von C a s s i r e r find in der neuen Aus- stellung Werke von Holländern und von Wilhelm Trübner zu sehen. Es ist wieder eine äußerst glückliche Zu- sannnenstellung. Von den Holländern sind nur die Besten vertreten, an ihrer Spitze der alte Josef Israels, dann B r e i t n e r, der 1888 schon verstorbene M a u v e, Jacob und Wilhelm Maris und B o s b o o m. Von den: allgemeinen Eindruck, den die heutigen holländischen Bilder machen, von ihrem schweren, braunen Gnmdton ist schon oft die Rede gewesen. Dieser Eindruck bestätigt sich auch hier wieder, und doch steckt ein so ungemeiner koloristischer Reichthum in ihren Bildern. Da ist ein Bild von Israels: vorn ein Weg, auf dem zivei Menschen nach Hanse wanden:, eine müde Frau, die sich auf ihren jungen Sohn stützt, dahinter die weite Ebene. Dämmerung senkt sich hernieder, am bedeckten Himmel noch in einem Wolkcnriß ein vergehendes Gelb, vorn liegen schon tiefe Schatten. Das ist ein im Fonnat nur kleines Bild, aber es liegt Größe in der mächtigen Horizontlinie und in den Umrissen der Gestalten, die sich auch ii: dem Dämmen: fein von dem fernen Hintergrund loslösen, eine Größe, die an Millet gemahnt. Vor Millct'S Bildern haben diese hier die Farben voraus, die in den leisesten Nuancierungen außerordentlich feine Reize enthalten. Schlichte Größe und Tiefe des Empfindens ist es vor allem, die auf den Bildern von Israel so stark ergreift» mag er nun spielende Kinder auf einem Wege draußen vorm Dorfe, einen Erdarbeiter, dessen Antlitz die Roth des Lebens verwüstet hat, eine nähende Frau am Fenster oder ein lustwandelndes Liebespaar darstellen. Und etwas von diesem Empfinden lebt in all den Bildern der Holländer, die ausgestellt haben. Es würde aber zu weit führen, sie hier einzeln zu behandeln. Gerade dieses Letztcrc ist es auch, das ihre Bilder von denen Wilhelm Triibner's abhebt, de:s äußerlich gleichfalls eine dunkle Farbcngebung zeigt, sodaß es gut war, sie daneben auSzu« stellen. Es sind ausschließlich die älteren— man muß leider auch sagen: besseren— Bilder Triibner's aus den siebziger Jahren. In der künstlerischen Anschauung, aus der sie geboren, stehen sie allerdings hinter den Holländern weit zurück; wo sich der Künstler an ernste Probien, e herangewagt, wie in seiner Lady Macbeth, versagt er, und andererseits verschmäht er auch ziemlich dumme Witze nicht, wie etwa den„Cäsar", der auf seiner Schnauze eine Kette von Knack- Würsten trägt, die ihn mit den: alten Gladiatorcnruf begrüßen. Trübner hat seine Bedeutung als K o l o r i st, und dabei muß man sich er- innen:, daß diese Bilder schon zu einer Zeit entstanden sind, wo in Deutschland von wirklichem KolorismuS noch nichts zu spüren war. Seine Farben sind glatt, wirken daher auch etwas kalt; sie be- weflen sich zwischen nicht allzu weiten Grenzen, aber sie sind mit außerordentlichem Geschmack, kräftig und doch malerisch fein behandelt. Diese Vorzüge treten besonders in einer Atelier- szene— ein junger Maler und eine Daine sind in eifriger Unter- Haltung— in einem übrigens auch prachtvoll modellirten Porträt- köpf, in einer Kartenschlägerin, in einem in lebhafteren Farben gehaltenen Bild einer„Dame auf dem Kanapee" hervor. Unter den Landschaften erweckt eine ganz in einen blaugrauen Ton ge- tauchte„Fraueninsel"(vom Chiemsee), ein Nachtbild, Stimmung.— Archäologisches. — Eine a l t p u n i s ch e Inschrift wurde der Pariser A.cackein!s des Inscriptions im Abklatsch vorgelegt. Es handelt sich um eine Wcihinschrist an die Göttin Tanit und den Gott Baal- Hainmond; als Weihende erscheint eine Frau namens S o p h o n i- b a a l. Darin hat man die Urform eines bekannte» karthagischen Frauennamens gefunden, der bei den griechischen und römischen Ge- schichtsschreibern mit„Sophonisba" oder„Sophoniba" wiedergegeben wird. Diesen Nanien trug eine Tochter des Hasdrnbal, die Ge- mahlin der Nnmidcrkönige Syphax und Massinissa. Ihr tragischer Tod, den sie sich selbst gab, um nicht in Scipio's Hände zu fallen, hat zwei französischen Dichtem, Corneille und Voltaire, den Stoff zu dramatischer Behandlung geliefert.— Ans dem Thierrciche. — Von dem Bericht des Prof. Chun über die bisherigen Er- gebnisse der deutschen Tiefsee-Expedition veröffentlicht der„Reichs-Anzeiger" einen weiteren Thcil. Besonders interessant sind die zoologischen Funde, die auf der Fahrt von Käme r u n nach Kapstadt gemacht wurden. Unterm 25. Gr. 26 Min. südlicher Breite und 6. Gr. 12 Min. östlicher Länge stieß man auf eine bisher unbekannte Bank. Da derartige weit in den Ozean vor- geschobene Bänke meist eine reiche Grundfauna aufweisen, wurde das große Trawlnctz hinabgelassen. Es ergab einen reichhaltigen Fang. Dazu scheint der größte Thcil der gedredschten Organismen — unter ihnen gegen hundert große'Hochrothe Taschenkrebse und eigenartige Äktinien, in die Einsiedlerkrebse sich ein- nisteten— aus neuen, noch unbekannte» Forincn zu bestehen. �Es gelang, das Vorkommen von T i e f e n b e w o h n e r n ans Thierklasse ir nachzuweisen, die bisher aus- schließlich als Oberflächenformen galten. So �konnten z. B. von den zartesten und duftigste» pelagische» Organismen, nämlich den Rippenquallen, zwei eigenartige Ver- Ureter in den Tiefen nachgewiesen werden. Eine große Menge von für die Wissenschast neuen und durch ihren Bau intereffauten 'Formen wurde auf diesem Wege erbeutet. Hierunter fallen namentlich die bizarr gestalteten, meist schwarz gefärbten .Tiefseefische, durchsichtige Tintenfische, große, Hochrothe, bleiche und > blinde Kmstaceeu, einige Wurnfformen, eine sehr abweichend gestaltete Seewalze und eine Reihe von Medusen und Schwimmpolypen. 'Die Untersuchungen in der F i s ch b a i, die nur 25 Seemeilen nördlich von der Mündung des die Grenze des deutsch-südwcst- afrikanischen Schutzgebietes bildenden Flusses entfernt ist. galt besonders den Nutzfischen. Die Bai ist an solchen außerordentlich "reich. Professor Chun berichtet darüber: In erster Linie sei der süd- liche Hering erwähnt. Er dringt in dichten Zügen in die Bai ein und gleicht sehr seinem nordischen Verwandten. Von den Heringen mähren sich(lvie die Sektion ergab) die beiden für den Export in 'getrocknetem Zustande hauptsächlich in Betracht kommenden Nutz- fische, nämlich Loiaena aquila und Dentex rupestris. Die Sciaena aquila wurde gleich am ersten Abend bemerkt, da die s/i bis 1 Meter großen Fische in großer Zahl sich im Umkreise des Schiffes umhertrieben und die massenhaft im Seewasser schlvebenden mikroskopischen Algen zum Leuchten brachten. Das größte der erbeuteten Exemplare maß 1,25 Meter und lvog 30 Kilogramm. Der schön rosa gefärbte Ventex rupestris hält sich tiefer als die Sciaena in der Nähe des Grundes auf. Die beiden zuletzt erwähnten Fischarten iverden allein für den Export her- gerichtet und getrocknet. Indessen wurden in der knapp bemessenen Zeit des Aufenthalts noch einige eßbare Fische bemerkt. Den Heringe» scheinen auch die Wale(wahrscheinlich der Gattung 'Balaenoptera angehörig) zu folgen. Der Reichthum der Großen Fischbai an schmackhaften Nutzfischen findet seine Erklärung in der -erstamilichen Produktivität des relativ kalten Wassers an organischer Substanz. Der Fischreichthum bedingt iveiterhin eine so üppige Eut- ffaltung des Vogellebens, daß man lebhaft an den Vogelreichthum unserer nördlichen Zonen erinnert wird.— Physikalisches. — Das Spektrum des Chlors. AuS der jüngsten Sitzung der mathematisch-naturwiffenschaftlichen Klasse der Wiener Akademie der Wissenschaften theilt die. Chenü ker-Zeitung" folgendes mit: Hofrath V. v. Lang überreichte folgende„Vorläufige Mit- theilung über das Spektrum des Chlors", von Regierungsrath I. M. Eder und Professor E. Valenta. Das Spektrum des Chlors ist bis heute noch wenig bekannt. Die vorliegende» Angabe» von Salet, Plücker, Thalen, Hasselberg, Ciamician n. a. sind unter sich widersprechend, und das ultraviolette Spektrum ist über- Haupt ganz unbekannt. Es ist von Wichtigkeit, das Spektrum des Chlors zu kennen, weil dasselbe sowohl in den �Spektren der Chloride häufig vorkommt, als auch dann auf- Verantwortlicher Redakteur: August Jacodcy in Ber tritt. wenn man die Spektren verschiedener Verbindungen in der Weise untersucht, daß man den Funken zwischen Plattn» elektroden, welche mit der salzsäurehalttgen Lösung befeuchtet wurden, überspringen läßt. Eine Jdcntifizimng des Chlorspektrums war aber bisher auf grund der vorhandenen Wellenlängen-Messungen schwer möglich, und die Verfasser haben deshalb versucht, dieses Spektrum, insbesondere aber im ultravioletten Theile, mit Hilfe ihres großen Gitterspektrographen mit einer den heutigen Anfordernngen ent« sprechenden Genauigkeit auszumessen und sicher zu stellen. Diese Versuche sind in der Weise durchgeführt, daß der Funke, durch Vakuumröhren, welche Chlorgas unter verschiedenem Druck ent- hielten, schlagen gelassen wurde. Es boten sich bei dieser Arbeit viele Schwierigkeiten. Dieselben bestanden hauptsächlich darin, daß die Rohre, namentlich wenn mit größerem Vakuum gearbeitet wurde, sich als sehr lichtarm zeigten; dies machte sehr länge Be- lichtungszeiten nothwendig, wobei das Chlorgas leider sehr rasch absorbirt wird und eine größere Anzahl von Rohren zu gründe geht, bis der Versuch zu Ende geführt ist. Die rasche Absorption des Chlors durch die Elekttoden beim Durchschlagen des Funkens hat auch zur Folge, daß sich der Druck in den Röhren schnell ändert, was ebenfalls störend wirkt. Bei größerem Drucke treten endlich starke Verbreiterungen auf, weshalb in diesem Falle die Messungen der Wellenlängen unsicher werden. Die Verfasser sind im Begriffe, nach Ueberwindung der sich noch bietenden �experi- mentellen Schwierigkeiten das Chlorspektrum genauest sicherzustellen. Vorläufig geben sie eine oricntirende Tabelle, welche die Wellen- längen auf eine Dezimalstelle(Rowland'schcr Einheiten) genau ent- hält und genauere Zahlen rcpräsentirt, als solche bisher in der Literatur zu finden waren. Die definitiven Meffungen. sowie Photo- graphischen Abbildungen der Spektren hoffen die Verfasser in einigen Monaten vorlegen zu können.— Astronomisches. — Neue Planetenentdeckungen. Mr. E. F. Codding- ton, Astronom an der Licksternwarte ans dem Monnt Hamilton, hat, wie jetzt erst bekannt lvird, bereits am 13. Oktober d. I. zivei neue Planetoiden(1898, EB und EC) ans photographischem Wege auf- gefunden, deren Helligkeit der eines Sterns der Größenklasse 11,5 bezw. 12,5 entspricht. Einen dritten kleinen Planeten, 1393 ED, hat, nach der Münchener„Allgem. Ztg.", M. Charlois in Nizza ans einer am 8. Dezember erhaltenen photographischen Platte entdeckt; er ist etwas Heller als die beiden obigen, nämlich 11. Größe. Die Anzahl der kleineu Planeten ist damit auf 466 gestiegen, 15 davon sind im Laufe des Jahres 1393 entdeckt worden.— Humoristisches. — Leidensgenosse. Der Oberniedertupfersepp wird ans dem Wirthshaus hinausgeworfen. I» demselben Augenblick fällt eine Sternschnuppe.„Gelt, Brüderl", sagt er,„ h a st halt auch k e i n' R n h' geb'nl"— — Ableitung. K a st e l l a n:.... Etlvas Gutes haben die Ansichtskarten doch!" Fremder:„Das wäre?" K a st e l l a n:„Die Wände werden jetzt nicht mehr so be- kritzelt I"— — Verfehltes Mittel. Sanitätsrath:.Gnädige Fran brauchen kein Bad zu besuchen I Ich werde Ihnen jetzt eine Medizin verschreiben— die macht Sie mit einem Schlage gesund!" Frau Ockonomierath(für sich):„Da kann er lvarte», bis ich d i e einnehme I"—(„Flieg. Bl." Notizen. — Der„K n n st s a l o n Ribera" bereitet eine Kollektiv-Aus- stcllung von Werken des Malers Hans Baluschek vor.— —„Ver Sacmm." Der zweite Jahrgang dieses Organs der Vereinigung bildender Künstler Oesterreichs(der„Sezession") wird vom Januar 1399 an im Selb st Verlage der Vereinigung erscheinen. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen der Mit- glieder der Vereinigung Hoffinann, Moser und Roller, die Redaktion des literarischen Thcilcs hat Dr. Franz Zlveibrück.übernommen.— — Emile Zola vollendete in L o n d o n ein neues Buch. dessen Titel„I a F e c o n ck i t e" ist.— — Dr. Sven H e d i n rüstet sich„Pctenn. gcogr. Miiih," zufolge zu einer neuen Expedition nach Tibet. Er lvird wiederum von Kaschgar ausgehen und diesmal die Wüste Tnkla- Makan auf neuer Route dnrchivandern, im nördlichen Tibet über- wintern und dann das Land von Norden nach Süden durchkreuzen, um nach Indien zu gelangen.— — Eine N i c s e n k a r t e. Ein kartographische? Institut in Petersburg ist gegenwärtig mit dem Druck einer Ricscnkartc des europäischen Rußlands beschäftigt. Die Karte wird 159 Qnadraiarschin messen(ein Arschin— 9,71 Meter) und nicht allein alle Dörfer, sondern auch Meiereien und Gebäude verzeichnen.— — In dem Kirchthurm zu Bortfeld befindet sich ein altes Brett, das folgende Klage eines Kantors als Inschrift trägt: klon fiabeo Gänse neque Rinder Nisi viele kleine Kinder (Zui clamitant den ganzen Tag, Da, pater, nobis panem satt.— in. Druck und Verlaz von Atax Babing in Berlin.