Interhaltungsblatl des Worwürts S!r. 4. Donnerstag, den 5. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Heven Äickendvnkl�s Z)enfioniive« 4] Roman von O. E u g'e n T h o s s a n. „Gewiß, gewiß, die Erfahrung, die Erfahrung.. „Jawohl, ohne Zweifel. Die Erfahrung ist ein weiteres unumgängliches Erforderniß. Und doch, lieber Herr..?..?" „Zickendrath." „.... lieber Herr Zickcndrath, mit der Erfahrung selbst ist es auch noch nicht gethan. Ich will gern glauben, daß Ihnen eine gewisse Erfahrung in dieser Beziehung nicht ab geht... Sie haben selbst Kinder?" Herr Zickendrath nickte blos. Er war schon wieder über seinen Rededrang hinaus. „Schön. Also— aber sehen Sie, die Erfahrung an und für sich, eine ungeordnete Menge einzelner Erlebnisse, nicht wahr? ich möchte sagen, ein Chaos, ein Tohuwabohu. Was diesen Dingen erst den erzieherischen Werth verleiht, das ist die Ucbersichtlichkeit, die Ordnung, wir Schulmänner sagen: das System. Das System allein schützt vor Willkürlich leiten, vor Fehlgriffen, mit einem Wort: vor dem Dilettantismus in der Pädagogik. Denn, sehen Sie— was wir mit dem Vcrhältnitz von Analyse und Synthese bezeichnen, ich meine den inneren Zusammenhang zwischen der erworbenen Wissenschaft der Erziehung und der praktischen Anwendung ans das Erziehungsobjekt, das Verständniß für diese gcheimnißvolle und doch so unendliche wichtige Wechsel- Wirkung, das ist es eigentlich, was den Erzieher macht. Aus dem System ergicbt sich ganz von selbst dasjenige, was wir Pädagogen die Methode nennen." Der Direktor sprach das Wort„Methode" mit solchem Nachdruck aus, daß Herr Zickcndrath aus seinem Hindusseln auffuhr. „Jawohl, die Methode", sagte er kleinlaut. Und dann ließ er den Direktor weiter reden. Das machte sich der denn auch in ausgiebigem Maße zu Nutz und sprach und sprach. Herr Zickendrath aber versank je länger je tiefer in einen Abgrund von Traurigkeit. Er verstand nicht den zehnten Thcil von dem, was der Mann da auskramte, aber das eine verstand er nur zu gut: der Direktor wollte nicht, er der- weigerte seine Unterstützung. Und mit ungewohnter Hellsichtigkeit sah er in einem Augenblick die Folgen voraus, sah er tief hinein in die schreck- liche Perspektive, die sich vor der Familie aufthat. Vielleicht hatten die Mutter und Mannt inzwischen schon eine Wohnung geuliethct, und darin konnten sie dann zu Michaeli ohne Schiiler sitzen und an den Fingern saugen, und zu Neujahr war keine Miethe da, und dann kam der Gerichtsvollzieher und nahm die Möbel— er vergaß vollständig, wo er war, und wischte sich quer über die Äugen, weil sie überzulaufen drohten. Das sah der Direktor, und es brachte ihn total aus dem Konzept. In sein System drang plötzlich ein Fremdkörper ein, etwas rein Menschliches, ganz und gar Unwissenschaft' liches, eine Mischung von Mitleid und Neugier, die sein Lehr- gcbäude von Gmnd aus aufweichte. Er brummte einiges vor sich hin, was einen Uebcrgang vorstellen sollte und sagte dann in einem weniger lehrhasten Ton:„Darf ich mich nun etwas nach Ihren häuslichen Verhältnisse»! erkundigen?" Herr Zickendrath gab Auskunft, zuerst zögernd, zurück- haltend, in dein Bestreben, von seiner bürgerlichen Wohl- ansehnlichkcit so viel zu retten, wie zu retten war; als aber der Direktor auf seine Auseinandersetzungen einging und mit allerlei Fragen nachhalf, da verrieth er denn so nach und nach doch alles, die ganze Misere und die ganze Hoffnung der Familie. Der Direktor sah sinnend zum Fenster hinaus. „Hm... Ja, das ist ja alles recht schön... ich wollte sagen, das ist ja recht traurig... Hm... und Sie nieinen, wenn Sie vier Schüler hätten, könnten Sie durchkommen?" Herr Zickendrath schöpfte wieder Hoffnung.„Für den Anfang. Herr Direktor. Später... Gott, dann wird sich ja schon Alles machen.'� „Hm l... Ja... Ich werde sehen, was sich thun läßt. Darf ich mir Ihre Adresse nottren?" Der Bleistift war abgebrochen. Herr Zickendrath sprang diensteifrig mit dein Stümpfchen herbei, das er sich in die Westentasche gesteckt hatte. Der Direttor stand aus. Herr Zickendrath war gleich stehen geblieben. „Ich werde sehen, was sich thun läßt." wiederholte der Direktor.„Die Verhältnisse sind ja wirklich derart, daß man helfen muß. Und dann habe ich doch auch aus unserer Aus- spräche vorhin die Ueberzeugung gewonnen, daß ich es mit einem Manne zu thun habe, der für pädagogische Dinge ein lebhaftes Interesse hat. Wenn Sie sich in zweifelhaften Fällen an mich wenden»vollen"— Herr Zickendrath nickte schnell drei Mal hintereinander—„ich stehe jeder Zeit zur Ver- fügung." Er reichte Herrn Zickendrath die Hand hin.„Also vorläufig... Gott befohlen l... Ich werde an Sie denken. Verlassen Sie sich darauf!" Herr Zickendrath schüttelte mit inniger Dankbarkeit die dargereichte Hand und ging zur Thüre. Unterwegs drehte er sich noch verschiedene Male im Kreise, um dem ihm langsam folgenden Direktor mehrere Abschiedsverbeugungen zukommen zu lassen, und dann ivar er draußen. Er athmete tief auf, als sich die hohe Flügelthür hinter ihm geschlossen hatte. Die Pause war zu Ende, tiefe Sttlle herrschte auf dem Korridor, nur ab und zu von einem lauteren Wort aus den Klassenzimmern unterbrochen. Aber das schreckte ihn jetzt nicht mehr. Er blieb ruhig stehen, bis er sich gesammelt hatte. Dann fiel ihm sein Stummel ein. Den wollte er nicht im Sttche lassen. Aber auf dem Fensterbrett lag er nicht mehr. Er suchte— in den Ecken, auf dem Boden, nirgends etwas zu sehen. Hinausgefallen konnte er auch nicht sein. Mit einem Male ging ihm ein Licht auf. „So ne verwünschten Bengels l Da that allerdings Er- ziehung noth. Mausen thaten sie auch, Zigarrenstummel mausen, wahrscheinlich, um sich Nachmittags im Stadtwald daran gütlich zu thun. Gucke dal Ob man ihnen das mit Methode abgewöhnen konnte?" III. Der Direktor hielt Wort. Anfangs Oktober konnte die Pension mit vorläufig drei Schülern eröffnet werden. Außerdem war noch ein After- miether mit der Wohnung übernommen worden, der Kantor einer. Tripps, der sich nach mehreren Probemittagen auch in ganze Kost bei Frau Zickendrath gab. So konnte man dem Winter wenigstens ohne drückende Sorgen entgegensehen. Die Wohnung selbst lag fünf Minuten vom Gymnasium enffernt in einer stillen Seitenstraße, die nur auf einer Seite bebaut war. Gegenüber befand sich ein großer Garten mit ausgedehnten Rasenflächen und hohen Bäume»». Er gehörte zu dem Klubhaus der Gesellschaft„Konkordia" und war durch ein Eisengittcr auf niedriger Mauer gegen die Straße abgeschlossen. Das Haus, in das Zickendrath's ihren Einzug gehalten hatten, war nicht neu, was den Vorzug hatte, daß die Zimmer ziemlich klein waren und deshalb gut ausmöblirt werden konnten. Außerdem zählte es nur drei Fenster Froitt, trug ein Stockwerk und oben darauf neben dem Spitzboden noch ein aufgesetztes Zimmer, einen sogenannten Thurm. Im Thurm wohnte der Kantor, zu ebener Erde die Familie Zickendrath, und im Mittelgeschoß hausten die Pensionäre. Wenn nicht der Kontratt mit dem Besitzer aller dieser Herrlichkeiten gewesen»väre, hätte sich Herr Zickendrath wieder ftir einen Hausbesitzer halten können. Es»var ihm alles unterthänig, das Haus mitsammt dem kleinen Vorgarten, dem mit Sandsteinen gepflasterten Hof an der Rückseite und der dahinter liegenden grünen Wildniß, die im Miethskontratt den Namen„der große Garten" führte. Was die Pensionäre betrifft, so waren da zuerst die Ge- brüder Schmidt, Johannes und Gustav, genannt Gustel. Sie waren die Söhne eines mittleren Gutsbesitzers aus der Um- gcgend und hatten ihr ganzes Mobiliar selbst mitgebracht mit Einschluß des Stiefelknechts und eines nicht näher zu be- zeichnenden anderen nöthigcn Hausgeräths. Johannes hatte es bereits zum Obersekundaner gebracht, und Gustel beehrte die Untertertta mit seiner Zugehörigkeit. Der Dritte im Bunde war Emil Schönfeld, ein kleiner quecksilberner Kaufmannssprößling aus Damberg an der Saale, wo sein Vater ein Schnittwarengcschäft besaß. Er stand im ersten Stadium der Jndianerschwärmerei. woraus ein Kenner sofort seinen Schluß auf Emil's Klassenstandpunkt ziehen wird. Er hätte auch thatsächlich in Quarta sitzen müssen, wenn man ihn nicht wegen mangelhafter Leistungen in sämmtlichen Fächern noch auf ein Fahr in Quinta zurückgehalten hätte. Aber seine glücklicheren Kameraden hatten ihn über die Kluft zwischen Quarta und Quinta hinüber nnt dem Apachenfieber angesteckt. So war der Hausstand beschaffen, als das Wintersemester begann.(Fortsetzung folgt.) N aku vm issenMÄMiÄze Arbrrfirht. Von Curt Grottewitz. Die Meinung ist jetzt fast zur Alltäglichkeit geworden, dafi die Naturwissenschaft in grojjer Blüthe stehe. Allerdings ist diese Anficht eigentlich erst seit höchstens einem Jahrzehnt eine allgemeine ge- worden. Man blättere einmal die Zeitungen und Zeitschriften der achtziger Jahre durch und man wird staunen, wie wenig Raum die Presse, dieser«Spiegel der Zeit", für Naturwissenschaft übrig hat. Nicht als ob nun gegenwärtig bereits diese Wissenschaft überall die Beachtung gefunden hätte, die sie ihrer doch allgemein zugestandenen Bedeutung nach verdient, aber das ist doch sicher, datz sie heute schon eine grohc Macht besitzt in der Litcrawr, in Vorträgen, ja selbst in der täglichen Unterhaltung. Es ist aber leider eine erschreckend lange Zeit, ein volles halbes Jahrhundert nvthig gewesen, um Dichter, Denker und die Menge des Volkes zu der Ucbcrzeugung kommen zu lassen, datz die Natur- Wissenschaft eine gewaltige unerhörte EntWickelung genommen, die das ganze bisherige Anschaunngssystem umgestaltete. Denn bereits in den zwanziger Jahren begann dieser naturwissenschaftliche Ans- schwnng. Einige hervorragende Männer außerhalb des Faches — nur Zola sei hier genannt— erkannten ihn zwar schon in den sechziger Jahren, aber erst in den achtziger Jahren bricht die Er- kenntniß in der Geisteswclt fast revolutionär hervor, und noch später, eigentlich erst jetzt ist das Bewußtsein einer ruhmvollen Blüthezeit der Naturwissenschaft ein allgemeines geworden. Noch später! Vielleicht zu spät I Denn am Ende ist die Blüthe- zeit der Naturwissenschaft bereits voriwcr? Ohne Zweifel sind ja noch in den letzten Jahren weittragende Entdeckungen gemacht worden. Röntgcn-Strahlcn. die Entdeckung neuer Gase in der Atmosphäre, die Entdeckung des Planeten Witt sind interessante zum Theil glänzende Thaten, aber Thatcn, wie sie auch in früheren Jahr- Hunderten spontan vollbracht worden sind, ohne daß man darum von einer Blüthezeit der Naturwissenschaft geredet hätte. Rein, ohne Zweifel war mit dem Erscheinen von Darwin's Hauptwerken der Höhepunkt dieser Wissenschaft erreicht, ein Höhepunkt, so unendlich groß, daß nichts auch nur verhältnißmäßig Gleiches darnach auf- kommen konnte. Fast alle iiaturwissenschaftlichcn Disziplinen, vor allem Botanik, Zoologie, Paläontologie thun im Wesentlichen nichts Anderes mehr, als ihr Gebäude nach Darwin's Lehren auszubauen. Etwas allerdings Gleichwerthigcs brachte die Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts neben der Darwin'schen Lehre, ja sie machte selbst diese erst möglich: das ist die sogenannte exakte Methode. Es scheint uns heute fast selbstverständlich, daß man alles Wissen nicht aus sich heraus, sondern aus der treuen Beobachtung schöpft und diese Beobachtung eventuell durch das Experiment auf ihre Stichhaltigkeit prüft. Aber die Männer, die diese Methode zum ersten Male anwandten, die Baer, Rathke, Johannes Müller, Leop. v. Buch. Charles Lyell thaten die? im ausgesprochenen Gegensätze, ja zum Theil im Kampfe mit der bisherigen sogenannten Natur- Philosophie, jener romantischen Reaktion, die die Ratnr ans ihrem mit allerhand Aberglauben erfüllte» Geiste heraus konstrniren zu können glaubte. Die exakte Methode war es, die jenen ersten kolossalen Ausschwung der Naturwissenschaft hervorrief. Den Forschern war gewissermaßen die Binde von den Augen ge- nommen. Sie tonnten sehen und hatten nichts Anderes zu thun, als in das große Reich der Natur hineinzublicken und aufzuzeichnen, was sie da sahen. Denn damals war alles neu, alles noch ungesehen. Daher kam jene ungeheure Fruchtbarkeit der Naturwissenschaft, jene Schlag auf Schlag' folgenden, sich förmlich überstürzenden, die ganze Natur umfassenden Entdeckungen. Es war eine Ernte sondergleichen, ein frohes arbeitsvolles, durch keine Vorurtheile getnibtes, wahrheitsliebendes Schaffen, das diesen Pfadfindern der Naturwissenschast eigen ist. Und wie Darwin's Lehren weit über den Rahmen der Naturwissenschaft hinaus alle Forschung, das ganze Denken und Dichten der zivilisirten Welt beeinflußten, so ging auch die exakte Methode, oft unter dem Namen des„Rcalis- müs" ans alle anderen Wissensgebiete, ja auf die Kunst und die Denkweise des Volkes über. Ein drittes Moment in der naturwissenschaftlichen Glanzzeit liegt in dem Einfluß, den die Naturforschung auf die Technik ausübte. Hier kommen allein die Chemie und Physik in Betracht. Diese Gebiete haben trotz der zahlreichen und glänzenden Entdeckungen doch nicht eigentlich fundamentale geistige Probleme gelöst, lieber die Natur der Moleküle oder gar der Atome, ja über deren Vorhandensein hat die Chemie bisher nicht das Geringste zu sagen gewußt und auch über das Wesen der Wärme, Elektrizität, Anziehungskraft u. f. w. sind wir von der Physik nicht aufgeflärt worden, wenn auch manche Forschungen wie die von Hertz, der die Identität von Licht und Elektrizität annahm und beide als Wellenbewegungen auffaßte, ein Problem zu lösen versuchten. Trotzdem kann man auch der Physik und Chemie ihren Antheil an dem Ruhm der naturwissenschaftlichen Blüthezeit sehr wohl lassen, denn die technischen Fortschritte, die jene ins Leben ge- rufen, haben das Aussehen unserer großen Städte ganz und gar umgewandelt. Zwar sind das platte Land und die Arbeiterviertel noch ziemlich unberührt geblieben von den segensreichen Errungen- schaften der Technik, aber das liegt an Zuständen, für die die Naturwissenschaft am wenigsten veranttvortlich gemacht werden kann. Wenn Chemie und Physik weniger befruchtend auf das Geistes- leben außerhalb der Naturwissenschaft gewirkt haben, so sind sie es vielleicht auch, die noch am wenigsten einen Stillstand zeigen. Mit großen allgemeinen Problemen weniger beschäftigt, verfolgen sie noch jetzt Schritt für Scbritt speziell in ihr Fach einschlagende fragen. Daß dabei noch immer viel Neues abfällt, beweisen eben ntdcckungen wie die der X-Sttahlen, vieler neuer Elemente, die künstliche Darstellung organischer Stoffe, wie z. B. die der Zucker- arten. Es spricht sogar manches dafür, daß Physik und Chemie nicht nur nicht in ihrer Entwickelung nachlassen, sondern vielleicht ihrem Höhepunkt erst entgegengehen. Der Enthusiasmus der Chemiker, der erst jüngst bei einer Rede I. H. van'tHoffs auf der letzten Naturforscher-Versammlung in Düsseldorf«lieber die zunehmende Bedeutung der anorganischen Chemie" zum Ausdruck kam, hat etlvas außerordentlich jugendlich Hoffnungsvolles. Allerdings hat speziell die Chemie dadurch, daß sie physikalische Kräfte und Errungenschaften sich dienstbar zu machen beginnt, ein äußerst fruchtbares Arbeitsfeld gewonnen. Es ist sogar nicht nn- möglich, daß durch diese Vereinigung von Physik und Chemie eine größere Vereinfachung mancher unserer Anschauungen über chemisch- physikalische Kräfte erzielt wird und daß überhaupt dadurch all- gemeinere Fragen niehr berührt oder gar gelöst werden. Wenn Physik und Chemie wirklich ihren Knlminationspnnkt noch nicht erreicht habe», so kann dies doch nichts an der allgcmcincil Thatsache andern, daß die höchste Glanzzeit der Naturwissenschaft bereits vorüber ist. Darwin's Lehre gab zunächst der Botanik und der Zoologie einen mächtigen Anstoß. Hier galt es, den Stamm- bäum der Lebewesen festzustellen. Aus niedrigen Formen entwickeln sich immer höhere und die Pflanzen- und Thierwclt stellt eine zusammenhängende Kette von Organismcn dar. ES zeigte sich nun srcilich, daß der Stammbaum doch nicht so leicht zu entwirre» ist. Noch heute ist man weit vom Ziele entfernt. Aber die großen Stufen der Entwickclungsreihe sind doch einigermaßen bekannt. Allerdings gicbt es auch hier»och mancherlei Bedenken. Die Wirbclthicrc sind mit den Wirbellosen noch durch kein über allen Zweifel erhabenes Zwischenglied verbunden. Auch die Abstammung der Säugcthicre und Vögel, die nebeneinander entstandene Reihen darzustellen scheinen, ist noch nicht definitiv erforscht. Jetzt will H. F. Osborn (American Naturalists die Stammeltcr» der Säugethicre in der vorwcltlichen Ncptilienordmmg der Thcriodonten aufgefunden haben. Diese Thiers haben zugleich einige gemeinsame Merkmale mit den Amphibien. Auch in, Pflanzenreiche, selbst unter den höheren Pflanzen, stehen mehrere große Gruppen noch völlig abseits von dem großen Stamm- bäum. Die Entwickelung der Gefäßpflanze» geht nach der heutigen Anschauung über folgende Stadien: Moospflanzen, Farrnkräutcr, Bärlapppflanzen, Schachtelhalme, Gnetacecn, Nadelbäume. Cycadccn, Monocotyledone», Dicotyledoncn. Im botanischen Zcntralblatt schlägt jetzt F. Höck eine neue Einthcilung vor, die manches sür stch hat. Er rechnet nämlich die Cycadcen zu den Farnikräntern. In der That haben jene Pflanzen, von denen ein Vertreter durch die bei Bcgräbnißfcierlichkeiten verwendeten Palmwcdcl(oder Cycas- Wedel) bekannt ist. äußerlich viel Achnlichkeit mit Farrnkräutcr». Aber auch ihre Geschlechtsverhältnisse erinnern nach neueren Unter- suchungen weit mehr an kryptogamische Pflanzen als an die Rädel- bäume, denen sie sonst nahcgestcllt Ivorden sind. Auch die letzteren will Höck in eine bereits vorhandene Gmppc einreihen, nämlich in die der Bärlapppflanzen. Wer so einen Bärlapp kerzengerade aus der Erde hervorragen sieht, mit den kleinen dichtanliegenden»adel- förmigen Blättern, der wrrd darin viel Aehnlichkeit mit den Conifcrcn erkennen können. Wenn nun selbst mitunter noch jetzt fundamentale Fragen be- rührt werden, so ist der Weg der heutigen Botanik und Zoologie im allgemeinen doch klar vorgezeichnet. Die Forscher nehmen nun einfach jede Pflanze, jedes Thier vor, untersuchen es genau, verfolgen vor allem seine Jugendentwickelung, womöglich vom Ei an, um dann das betreffende Lebewesen in den Stammbaum einzuordnen. Das ist jjewiß eine nothwendige Arbeit, die geleistet werden muß. Im An- lange gab es auch genug Ucberraschungen, unvermuthete Zusamen- jänge äußerlich verschiedener Formen, merkwürdige Entwicklungs« Itadien und Aupassungserscheinungen. Aber als man die Haupt- typen erforscht hatte und nun Art für Art weiter vorgenommen werden mußte, wurde die Arbeit doch monoton. Zum mindesten hatte sie das allgemeine Interesse verloren. Ob der Regenwunn mehr diesem oder jenem Wurm entwickclungsgeschichtlich nahesteht. hat für einen Nichtzoologen wenig Werth. Aber die heutige Zoologie und auch die Botanik besteht in der Haupffache darin, die embryo- nale Entwicklung eines jeden einzelnen Lebewesens zu ver« ■olgen und dieses dann in das natürliche System einzu- rangiren. Die Wffsenschaft, welche nicht die lebenden, sondern die ausgestorbenen Lebewesen erforschen will, die Paläontologie, ist, im Großen betrachtet, nur eine Ergänzung zur Botanik und Zoologie. Sie Hilst die Lücken im System anssüllen, indem sie die fehlenden Stammbaumglieder durch Formen aus der Vorwelt zu er- ganzen sucht. Ebenso geht die Geologie jetzt mehr in die Breite als in die Tiefe. Noch vor Darvin gelang es Charles Lyell, die Gesetze der Erdbildung zu entdecken.' Indem er vorurtheilslos die Wirkungen beobachtete, die heutzutage das Wasser, das Eis, die Lust, der Wind auf die Veränderung der Erdoberfläche ausüben, fand er die Gesetze, nach denen von jeher, seit Jahrhunderttausenden, der Erdboden ver- ändert, das Antlitz unseres Planeten stetig umgestaltet wird. So erklärte er die Entstehung von Berg und Thal, Veränderungen der Fluhbette, Hebungen und Senkungen des Meeres und des Festlandes auf ganz natürliche Weise. Wenn nun auch Nachfolger seine Lehren hier und da ergänzt oder modifizirt haben, so war doch früher die Aufgabe der Geologie eine mehr rcgistrirende. Jede einzelne Landschaft der Erde muhte speziell untersucht werden nalb den Prinzipien, die Lyell oder einige Andere gegeben. Aus was für einzelnen geologischen Schichten das Erzgebirge zusammen- gesetzt ist, das ist der Vollständigkeit wegen ivissenschastlich interessant, die Bewohner des Erzgebirges interessirt es ans praktischen oder lokalen Gründen. für andere Mensche» sind diese Spezialkenntnisse jedoch von geringem Werth. Ein naturwissenschaftlicher Zweig, der besondere? Interesse gegenwärtig beansprucht, ist die Biologie, die Lehre von den Lebens- gesctzcn. Ohne Zweifel herrscht hier ein sehr reger Eifer, die Er- schcininigeu des Lebens tiefer zu erklären, als Darwin es vermochte. Es macht sich sogar unter diesen Biologen, deren bekanntester Ver- trctcr August Wcismann ist, eine gewisse Animosität gegen Darwin bemerkbar. Sic finden seine Lehre», wenn nicht direkt unhaltbar, so doch zil plunip und oberflächlich, als dah sie das Zustande- kommen der verschiedenen Lcbciisfonncn erklären könnten. So sei die Aiipassnngslchre nicht geeignet, die Entstehung neuer Formen zu erklären, sondern nur die ohnehin bekannte Existenz gut augepahtcr Thier« und Pflanzen darzuthun. Es mühte im Gegeiitheil gezeigt werden, wie sich die Anpassung physiologisch genau in einem bestimmten Thicre vollzieht. Wenn es nun auch das Verdienst der Biologie ist, ans niancherlei Probleme des Lebens schärfer hinzuweisen, so sind ihre Versuche, jene zu lösen, doch selten über sehr bestreitbare Hypothesen hinausgekommen. Es scheint, als ob die Lösungen des Lcbcnsräthsels, wie sie Darwin gegeben, den äuhcrsten Gipfel der Erkenntnih bezeichnen, zu dem unsere Zeit ge- langen konnte. Tiefer in das Wesen der Sphinx hineinzublicken, das dürfte vielleicht einer neuen Blüthezeit der Naturwissenschaft vorbehalten sein. Und darüber können am Ende Jahrhunderte vergehen. Jetzt aber, wo die Natnrtvisscnschast ihren Höhepunlt hinter sich hat, beginnt die Zeit des Sichtens und Ordnens der reichen Schätze, die sie aufgesammelt hat. Jetzt tritt an jeden die Aufgabe heran, sich mit dem aufgespeicherten Material auseinandcrznsetzen. Denn IvaS in den Fachschriften und Bibliotheken der Wissenschaft verborgen ist, das soll jetzt in den Besitz des Volkes übergehen. allerdings nicht als todtcs Wissen, sondern als lebendige Anschauung. Ist dies geschehen, dann wird es aber jedem leicht werden, auch den einzelnen Ergebnissen der Wissenschaft weiter zu folgen und ihnen, auch ivcn» sie nicht mehr so weittragend sind ivie srüher. das gleiche oder vielmehr ein infolge größerer Kenntnisse getvachsenes Interesse entgegen zu bringe». Das; aber künftig einmal eine völlige Stägiiatio» in der Naturivissenschaft eintreten werde, das ist nicht recht wahrscheinlich. Denn die Natur ist uns nicht mehr wie in frühere» Jahrhunderten bloß ein Garten, in dem wir wandeln, oder gar ein Jammcrthal, in dem wir festgehalten werden, die Natur «st uns heut eine Mutter, noch mehr, sie ist uns Fleisch und Blut.— Nleines FeuMeko«. — Die Glasindustrie in China. Wie die Porzellanindustrie, so haben die Chinesen auch die Glasindustrie selbständig erfunden und bis zu achtenswcrthcr Höhe ausgebildet, nicht in technischer, wohl aber in kunstgctverblichcr Richtung. Bis in die jüngste Zeit erzeugte China. wie die„Technische Rundschau" einem Aufsatz der „Glashütte" entnimmt, ausschlichlich gefärbtes Glas. Undurchsichtiges Glas ivurdc ursprünglich nur in fünf Farben hergestellt, gegen- wärtig werden jedoch auch Farben Ivie Türkisenblau, saatgrün, kicfergelb, schwarz, lila, roth, weih, dunkelgrün, dunkelblau und purpurgold erzeugt. Die chinesischen Glasmacher find Meister im Durcheinanderschmelzen verschieden gefärbter Schichten und im Jmitircn der Farben kostbarer Steine, wie Malachit, Agat zc. Transparent gefärbtes Glas und Glaswaare in blauen, grünen und braunen Schattirungen, Produkte, welche ebenfalls zur Herstellung gelangen, erfreuen sich weniger der Abnahme beim kaufenden Publikum. Opal- und Rubinglas gehört zu den ansprechendsten Glasprodukten der Chinesen. Das Letztere sieht unter reflcktirendcm Licht wie rother Marmor aus und»mter durchscheinendem Licht ist es wundervoll rubin- roth und transparent. Wenn ein Argwohn bestehen sollte, dah diese Produkte der chinesischen Glasindustrie Imitationen der Produkte des Westens seien, so ist derselbe gänzlich ausgeschloffen bei zwei Arten: dem Reisglas und dem„Sprung"- Glas. Das ReisglaS ist ein trübes, Weihes GlaS mit opaken, wie Reiskörner aus- sehenden weihen Puntten, wovon das Glas seinen Namen hat. Unter„Sprung"- Glas versteht man weißes oder gefärbtes Glas mit glatter Oberfläche, das jedoch in seinem Innern scheinend« und leuchtende Sprünge von eigenthümlichem Reiz zeigt, die dem Glas ein Aussehen geben, als ob es durch und durch zersprungen wäre. Es bricht sehr leicht. Infolge der sprichwörtlichen chinesischen Abgeschlossenheit ist natürlich nichts über die Herstellungsweise dieses Glases bekannt. Die Arbeitsmethoden sind sehr von den in Europa und Amerika üblichen abweichend. Glasblasen ist in China erst später bekannt geworden; alle früheren chinesischen Glasprodukte wurden gegossen, dann geschnitten und weiter verarbeitete Aus diesem Grunde find die chlnesischen Glasartikel natürlich auch sehr dick und schwer. Die Chinesen erzeugen aus Glas fast alle Artikel und Utensilien, welche wir gewöhnt sind, aus Metall zu verfertigen: Glocken, Juwelen, Ringe, Annbänder, Ohrringe, Gürtelschnallen, Mundstücke für Pfciscn, Knöpfe, Haarnadeln, Kästchen, Tassen, OrnamenP für Hutschmuck, Erinnerungsstücke, Spielsachen zc. Alle diese Gegen« stände werden in einem Stück verfertigt. Das Glas wird in eine Form gegossen, welche die ungefähre Gestalt des herzustellenden Gegenstandes hat. Dann wird die Oberfläche glatt gemacht und andertveit verbessert. Die Ecken von Platten, Auhenseiten, von Flaschen zc. werden facettirt. Wenn glatter Schliff genügend ist, und das Gefäß nur durch Farbe und Gestalt auffallen soll, wird es mit verschieden gefärbten Füßen, Stielen, Henkeln zc. versehen, häufig in den lebhaftesten Kompositionen. Das Gießen erfolgt theil» iveise in gut gearbeiteten Fonne», in welchen« Falle das erzeugte Gefäß nicht weiter bearbeitet wird. Die Dekoration des Glaies ist in China von großer Verschiedenheit. Selten ist das Flachrelief der wohlbekannten chinesischen Ornamente, wie man sie auf chinesischen Porzellanmalereien findet. Es giebt Glasartikel, welche mit dem Diamant gravirt sind, wobei die Gravirung vergoldet ist. Sie sind im Relief ausgeschnitten und mit verschiedenen Farben in Eniaille gemalt. Sie sind auf schwarzem oder Hellem Grunde emaillirt oder mit Tropffarben bemalt, oder verschiedenartig gefärbte Dekora- tionen, Blumen, Blätter zc. sind a«lf das gefärbte Glas gegossen, oder das Glas ist geschliffen. In der letztgenannten Kunst sind die Chinesen Meister. Man bearbeitet das Glas, indem die oberen Schichten derart herausgeschliffen werden, daß die unteren zrun Vorschein kommen und so als Grund dienen. Eine Variation wird dadurch gewonnen, daß man die oberen Lager in verschiedener Stärke oder zusammen Herausschleist. wodurch man das untere Lager in einzelnen Figuren und verschiedenen Schattirungen durch« scheinend macht. Besonders wirksam ist diese Dekoration, wenn der Glaskörper aus gesprenkeltem Material mit verschieden gefärbten Oberflächen besteht. Es findet sich auch Glas, das zwei oder mehrere Male Übergossen ist, auf dem die eingeschnittenen Figuren in Lagen, von verschiedener Farbe erscheinen. Endlich existirt noch eine Dekoration, welche darin besteht, daß man den Grund mit verschieden gefärbten, oneinandcrgrenzenden Glas- nnhäufnngen versieht und aus diesen Figuren schneidet. Auf diese Weise werden kleine rothe, gelbe, blaue oder grüne Fische auf weißem Gnmde erzeugt. Der Schliff zeigt die vollständige Sicherheit in der Handhabung der Werkzeuge; die Zusaininenstellung der Farbe beweist ausge- zeichneten Geschmack, auch Form und Dekoration der Gefäße geben Zengniß vom Verständniß des Schönen. Die Höhe der chinesischen Älasgefatze ist gewöhnlich nur sehr gering, indein sie selten 3 Zenti« metcr übersteigt, indessen giebt es eine große Verschiedenheit in der Gestaltung. Dickbauchige Flaschen ohne oder mit Füßen, Flaschen in der Form von Aepfeln und Rüssen, Fäßchen?c. und Flaschen von phantastischer Gestalt werden hergestellt. Ein charakteristisches Pro« bukt der chinesischen Glasindustrie sind kleine Schnupftabaksflaschen. deren Stöpsel aus gefärbtem Glas oder Metall bestehe»; ein laiiger Löffel zum Herausnehmen des Tabaks ist daran befestigt. Als dcko- rativer Vorwurf dienen Pflanzen- oder Thicrfigurcn, religiöse Sym- bole, Gottheiten, Drache» zc. Alle Artikel sind mit einer das Alter anzeigenden Handelsmarke versehe».— ie. Eine dem Untergang geweihte Stadt. In Indien ist unter dem Titel„Jndian Medical Record" eine neue Fachzeitschrist erschienen, die sich in ihrem ersten Leitartikel mit der Zukunft von Bombay beschäftigt. Die darin ausgesprochene, dort herrschende Ansicht ist einer kurzen Wiedergabc Werth. Es heißt da: Bombay befindet sich seit dem August 1896 in den Klauen der Pest»nd ist jetzt in die dritte Epidemie eingetreten. Vom Oktober 1896 bis Febniar 1897 sind 398 000 Menschen aus Bombay geflohen. Die Zurückgebliebenen haben sich allmälig mit der Pest vertraut gemacht, so daß bei dem letzten neuen Ausbruche keine allgemeine Flucht mehr stattfand. Viele der vorher Geflohenen aber haben nicht gewagt, zurückzukehren, da die Epidemieen zu rasch aufeinander folgten. Hinter alledem steht die schreckliche und unheilbar ungesunde Lage der Stadt. Trotz aller Be- mühungen der britischenGesundheitsbeamten und derAusgabe ungeheurer Geldsummen seit einer Reihe von Jahren ist der heuttgeStand d'erDinge der folgende: Das Gnmdwasser von Bombay befindet sich in beständigem Steigen und erreicht mit jedem Jahre einen um etwa 8 Zoll höheren Stand. Vor elf Jahren befand sich die Grundwasserfläche etwa 12 Fuß unter der Erdoberfläche, im vorigen Jahre nur noch 4 Fuß. Zwei Ursachen haben dazu beigetragen: erstens die ursprünglich ungenügende Entwäfferung und zweitens die Sinstihrung einer reichlichen Wafferversorgung ohne — 16 eine genügende Kanalisation. Da sich so die zugeführten Wassermassen anhäuften und den Boden durchtränkten,' envies sich die Wasserversorgung nicht als ein Segen, sondern als ein wahrer Fluch. Die bankrotte Lage der Stadt infolge des langen geschäftlichen Stillstandes lägt keine Hoffnung übrig, daß dieser unterirdische Ansteckungsherd beseitigt werde, uiid früher oder später wird der letzte Bewohner der Stadt vernichtet oder ausgetrieben werden.— Musik. Theater d e S Westens. Wie kommt daS schlichte zarte Blümlein unter die großen, üppigen Ziergewächse? Wie kommt Paul Geisler's einaktige Oper.Wir siegenl", die am 3. d. M, im Theater des Westens zum ersten Male gegeben wurde, inS Jahr 18S9 und noch dazu quer über die Bahn einer der jüngst- italienischen Opern? Wie ist das denkbar, daß heutzutage die Güte einer dramatischen Musik von der des Textbuches unabhängig ist, daß zu einem Libretto, von dem wir lieber gar nichts sagen wollen als: es behandelt eine Episode aus dem siebenjährigen Kriege und verwendet mit Glück alte lyrische Texte, daß dazu oder' besser darüber hinaus eine so liebliche Musik geschrieben ist? Woher diese Musik mit ihren frommen halben Noten der Choralweisen. mit ihren deutschen Volksliedklängen auch im Liebesduett und selbst an recitativischen Stellen,'mit ihren typischen Neinen Zierfignren, häufig synkopirt, meist lebensfroh auf- steigend, manchmal zu größeren Harfenglissandos ausgedehnt? Eine Epffode aus bewegten Zeiten mit reicher Kunst musikalischer Zeit- stimmung— eine Episode auch für unsere Zeit! Der Kompomst, geboren 1856 und durch Kleineres wie eine Phantasie„Der Rattenfänger von Hameln" im Konzertsaal nicht ganz fremd, dirigirte selbst. Er hatte damit seine gcivaltige Plage. Dergleichen genügend cinzustndiren, der musikalischen Lyrik ihre un- entbehrliche Ergänzung durch die Lyrik des szenischen Eindrucks zu geben, Sterne wirklich aufgehen, den Mond wirklich durch Wolken verdunkeln zu lassen u. dergk, das schien der Theatcrleitung für einen solchen unmodernen Einakter zu viel zu sein. Theatralisch wie die„Handlung" waren zumeist auch die Darsteller. Doch seien rühmend hervorgehoben Herr Oskar Brau n als Korporal Gotthold, trotz feiner angemeldeten Indisposition, nnd insbesondere Hedwig Pini, anscheinend eine ganz junge An- fängerin, die das Bauernmädchcn Lina sehr sympathisch verkörperte. Der äußere Erfolg war, wenngleich nicht stürmisch, so doch groß; auch der Komponist konnte zum Schluß ein paar Mal hervortreten. Fürchten darf man freilich, daß auch dieser Einakter, wenn ihn nicht seine bequeme Einschiebbarkeit und das Schlnßbild niit den historischen Figuren rettet, in dieselbe Versenkung hinabgelassen wird, in der Otto Lohse's widerwilliger Prinz so bald verschwinden mußte.— 8Z. Erziehung nnd Unterricht. kg. Ueber die K o st e n der VolkS-Hochsch ulkurse in England geben die„Neuen Blätter aus Süddcutschland für Erziehung und Unterricht" einige interessante Daten. Sehr ansehnlich find die Honorare für Professoren: für einen sechsstündigen Probe- kurs werden 500 M. gezahlt; für 12 Vorlesungen werden in Oxford im Durchschnitt 852' M, gefordert; in Cambridge macht man Unterschiede im Preise: ein Hauptredner kostet 1000, ein gewöhn- ftcher Dozent S00 und ein jüngerer 700 M. Die durchschnitt- lichen Kosten eines zivvlfftündigen Kursus belaufen sich in Oxford nnd Cambridge auf 1200—1400 M.. in London und sonst etwa 200 M. weniger. Der Gesammtaufwand für diese Kurse wurde in England im Jahre 1891 aus 410000 M. berechnet, lim die Reisekosten herabzudrücken, hat man Kurskreise gebildet, indem Städte, die nahe beieinander liegen, gleichzeitig dieselben Bor- lefungen halten lassen. Die Taxe' beträgt in Oxford für einen ganzen Sominerkursus(1894) 30, für eine Hälfte 20 M.; für besondere Klassen, Laboratorien sind besondere Honorare festgesetzt. In Cambridge kostete ein Kursus im Sonnner 42. zwei Kurse 63 M. Vereine nnd Stiftungen sowie beträchtliche Stipendien der Universitäten und Beiträge aus staatlichen Mitteln tragen zur Deckling dieser Kosten bei. Gesundheitspflege. �»-DaS Zahnen der Kinder geschieht oft ohne sonder- kiche Beschwerden; am ehesten werden solche noch durch die beiden Backenzähne veranlaßt, wobei Schmerzen und Entzündungen der Mundschleimhaut vorkomnien. Indessen treten, tvie der„Prakttsche Wegweiser"(Würzburg) schreibt, auch sonst zuweilen beini Zahnen allerlei Störungen des Befindens auf, die auf vermehrten Blnt- andrang zu der Schleimhaut und zum Gehini, sotvio auf Reizung des Nervensystems beruhen. So sind auch gesunde Kinder ivährend dieser Zeit nicht selten reizbar und übellaunig, oder matt, schlaf- süchttg, im Wachen unruhig nnd ängstlich, wechseln öfter die Farbe und zeigen rothe Flecken auf der Seite des durchbrechenden Zahnes; selbst leichte Fieberbeweqnngen fehlen nicht. Manche Kinder bekommen Durchfälle, sowie Husten und Schnupfen. Bei sonst gc- simden Kindern haben diese krankhaften Erscheinungen der Zahn- Periode wenig zu bedeuten, da sie in einigen Tagen vorübergehen. Bei schwächlichen Kindern dagegen, welche mit einer krankhaften An- läge behaftet sind, kommen ernstere Krankheiten, besonders Gesichts- ausschlage, ja selbst gefährliche Krämpfe zum Ausbruche. Ein Irr- thum dagegen ist eS, alle möglichen Leiden kleiner Kinder nur dem Zahnen zuzuschreiben; vielmehr liegt die Ursache oft in Mangel- hafter Pflege und Vernachlässigung der Kinder. Wie sollen sich die Mütter den zahnenden Kindern gegenüber verhalten? Die Beschwerden gehen erfahrungsmäßig zurück, sobald man den Kopf und den Mund des' Kindes durch öfteres Waschen mit kaltem Wafler kühl hält und für regelmäßige Stuhl- entlccrung sorgt, was am besten durch lauwarme Wasierflyftiere geschieht. Die Zähne selbst erfordern noch besondere Aufmerksamkett und Pflege. Sie können schief und quer, oder an einem falschen Orte hervorbrechen und dadurch das Beißen erschweren oder die Mundschleimhaut reizen, Entzündung und Verschwörung derselben verursachen. Weichen sie nicht zu sehr von der richtigen Stellung ab, so können solche Zähne erst durch länger fortgesetztes Drücken und Schieben in die richtige Stellung gebracht Ivcrden. Gelingt dies nicht, so kann es nöthig werden, sie durch Ausziehen zu ent« fernen, um den Reiz zu beseitigen, oder um anderen normalen Zähnen Platz zu machen. Die verschiedenen Zahnhalsbänder, welche zur Erleichterung des Zahnens augepriesen tverden, sind ganz werthlos.— Technisches. to. Elektrische Bücherträger sind in der öffentlichen Bibliothek in Chikago eingerichtet worden, um die Ab- fertigung des Publikums möglichst zu beschleunigen und die Arbeit des Aussuchens thunlichst zu vereinfachen. Die Anlage ist sehr ein« fach ausgeführt, und besteht aus einem System kleiner elektrisch be- triebener Auftüge, die aber in den einzelnen Etagen auch in horizon- talcr Richtuiur beweglich sind und wovon jeder seine genau bestimmte Stelle aufsuchen kann. Die Einstellung auf die Etage, in welche die Bücher geschafft werden sollen, erfolgt durch einen Hebel, der auf einem Zifferblatt befestigt ist und entsprechend gedreht wird. Die Einrichtung soll tadellos funktioniren und viel Zeit und Arbeit ersparen.— Humoristisches. — Ein Streng-Gläubiger. Bauer(in einen Bücher« laden kommend):„Ich möcht' en Katechismus für min Jungen." Buchhändler:„Einen evangelischen oder einen katholischen?" Bauer:„Wat soll er kosten?" Buchhändler:„Der evangelische 40 Pf., der katholische 45 Pf." Bauer:„Dann gebt en e v a n g e l i s ch e n I"— — Leicht zu finden. A.:„Können Sie mir sagen, Ivo hier in der Nähe ein Zahnarzt wohnt?" B.:„Biegen Sie nur in die zweite Nebenstraße rechts ein, dann werden Sie schon hören."—(„Lust. Bl.") — BoShaft. Dame: ,O. wie kalt ist mir auf diesem Stein- boden an den Füßen!" Geck:„Ach. meine Gnädige, warum bin ich kein Zauberer k Ich würde mich sofort in einen Tiger verwandeln, um Ihnen mein Fell unter die Füße breiten zu können." Dame:„I du lieber Himmel, wozu wollten Sie sich so an» strengen? Es thät's ja auch ein Schaffell!"— Biichcr-Eiulaiif. — Adolf Pichlet' 8 Tiroler Geschichten und Wände- rungcn. Vollständig in 24 Lieferungen* 50 Pfg. Leipzig. G. H. Meyer. Lieferung 1—6.— — Heinrich Sohnrey'SDorfgeschichten. Die Leute aus der Lindenhüttc. Erster Band: F r i e d e s i u ch c n's Lebens» lauf. Dritte Auflage. Mit Buchschmuck von O. Elvel. Leipzig, . H. Meyer. 8,50 M. — H. Büchner, Prof. Dr.. Acht Vorträge ans der G e s u n d h e i t s l e h r e. Aus der Sammlung: Aus Natur und G c i st c s w e l t, Sammlung wissenschaftlich- gcmeinverständ- lichcr Darstcllmrgcn aus allen Gebieten des Wissens. Leipzig, B. G. Teubncr. 139 S., geb. 1,15 M.— — Karl Bolle, Die Kosmier. Erzählungen ans der kommunistischen Weltcpoche. l. I a ü s o's Gruß. Bern, Steiger u. Cie. 4.00 M.— — Edith Gräfin Salburg. Des armen Mannes Liederbuch. Ein Zeitgcdicht. Mit Jllnstrnttoncn von Rudolf Jcttmar. Leipzig, Grübet u. Sommcrlatte. Preis in Originalband 5,00 M.— — Edith Gräfin S a I b n r g. Was die Wirklich kert erzählt. Drei Bücher, die das Lebe» schreibt. Erstes Buch: „Carriöre". Skizzenbuch aus der großen Welt. Leipzig, Gräbel u. Sommcrlatte. 203 S., 3,00 M.— — Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfrcunde. Erster Jahrgang. Berlin. F. Fontane u. Ko. Heft 7.— — Der Kunstgesang, Zeitschrist für Berufssänger und Gesangsfteuude. Herausgegeben von Prof. Schultze-Strelitz, Berlin. Heft 1.—... — Mutter Erde, eine Wochenschrist. Technik, Reisen und nützliche Naturbetrachtung in Haus und Familie. Berlin und Stult- gart, W. Spcemann. Erster Jahrgang. Heft 13.— Verantwortlicher Redalteur: Angnst Jacobetz i» Berlin. Druck und Verlag von Max Babing tu Berlin.