Nnterhaltungsbi Nr. 6, Sonntag, (Nachdruck verboten.) LZevvn Sickendvolth�s Venfionsive. Roman von O. Eugen Thossan. So ähnlich gedachte er es bei sich auch einzurichten. Es War ihm deshalb nicht unlieb, daß Mutter erklärt hatte, sie würde mit Mannt hinterher besonders essen. Sie hätten keine Zeit, sich großartig an die Tafel zu pflanzen; sie selbst iniisse anrichten, und Manni habe aufzutragen. Das stimmte ja auch alles, es war ja sonst niemand da. Gewiß, wenn es sich hätte machen lassen, daß die ganze Familie zugegen gewesen wäre, es hätte auch sein Hübsches gehabt. Aber er war sich so seiner alles beherrschenden Stellung bei Tische sicherer. Wenn Mutter dabeisaß— man konnte niemals wissen, was sie für Marotten bekam. Sie war manchmal erschrecklich rücksichtslos. Und der Respekt konnte dabei sehr leicht in die Binsen gehen. Mit den Jungens allein aber mußte sich die Sache ganz nach seinem Wunsch abspielen. Um halb eins verschwand er aus der 5tnche und ging nach hinten ins Schlafzimmer, um sorgfältig Toilette zu machen. Dabei entwickelte er eine so teuflisch feine Berech- nuiig, wie sie nur einem fanatischen Verfolger seiner Pläne möglich ist. Die Pantoffeln behielt er bei.«in alles Gc- machte, Ucberoffizielle zu vermeiden; aber von Kragen und ftravatten wählte er das Beste aus— und was er seit Jahren nicht gcthan— er knöpfte lveiße Stulpen ein. Fünf Minuten vor ein Uhr trat er auf den Flur hinaus und schwang eine große Schelle, die früher au der Eingangs- thür seines versubhastirten Hauses angebracht gewesen war und so eigentlich zur verfallenen Masse gehörte. Er hatte sie aber ohne Gelvissensbisse entwendet und mitgenommen, weil er überzeugt war, daß er sie unendlich viel besser gebrauchen könne als der neue Bescher. Nachdem er genngsam geläutet hatte, rief er mehrmals als Erklärung des plötzlichen Lärmens:„Zu Tisch! zu Tisch!" und begab sich darauf in das Wohnzimmer, ivo auf der in blendendem Weiß prangenden Tafel bereits die Suppe dampfte. Als die Jungen herunterkamen, erklärte er ihnen zu- nächst, daß er in Zukunft nur noch schellen, aber nicht mehr rufen werde, lvenn das Essen angerichtet wäre. Das Klingeln sei das unumstößlich giltige Zeichen, daß alles bereit sei. Dann wies er einem Jeden seinen Platz bei Tische an, steckte die Serviette in den Halskragen und füllte die Suppe auf. Damit fertig, sah er sich die Jungen der Reihe mit prüfenden Blicken an und sagte schließlich in ernstem Ton: „Johannes,»vollen Sie mal das Tischgebet sprechen." Johannes»nachte ein paar unnatürlich große entsetzte Augen, als ob ihm et»vaS Unerhörtes zngeinnthet»väre, und sagte kein Wort. Herr Zickcmdrath nahm einen Anlauf,»im seine Anf- fordcrnng mit den» gehörigen Nachdruck zil»viederholcu. Als er aber dieses»veit aufgerissene Augcup aar starr auf sich gerichtet sah, tvurde er ängstlich, stotterte, suchte einen Ausiveg, glitt»vciter an der Reihe cutlang und fragte un- sicher!„Oder, Gustav,»vollen Sie so gut sein?" Gustel grinste nur dazu, aber so infam dunnusrech,»vic nur ein Untertertianer grinsen kann, der soeben zun» Belvnßt- sein seiner männlichen Würde und Bedeutung erwacht ist. Der kleine Emil aber rutschte in seiner grenzenlosen Angst, daß die Reihe nun an ihn kommen»viirde, beinahe unter den Tisch, so klein machte er sich hinter seinem Suppenteller. Herr Zickendrath erkannte mit Blitzesschnelle, daß da äugen- blicklich nichts zu machen»var, und daß jeder Versuch, einen Druck auszuüben, die Lage nur noch gefährlicher machen»viirde. Er neigte also kurz entschlossen selbst das Haupt, faltete die Hände über seiner Serviette und sprach: „Liebster Jesu,»vir sind hier—" Da wußte er auch schon, daß er verkehrt angefangen hatte. Tu lieber Himmel, das»var clvig lange her. daß bei ihm kein Tischgebet gesprochen worden»var. Als Manni noch in den ersten Jahren die Schule besuchte, hatte sie mit kind- licher Hartnäckigkeit stets daran erinnert, eingedenk der Er- Mahnungen ihrer Lehrerinnen, und dann selbst ihr Sprüchlein vergnügt hergeplappert. Aber nach und nach war das alles eingeschlafen und in Vergessenheit gerathen. tt des vorwärts 8. JüttUllr. 1899 Und nun saß er alter Kerl da mit seinem dicken rothen Kopfe und wußte nicht weiter. Er hatte sich eingebildet, das kleine Gebetlein, das er so oft gehört hatte, noch so zu stände bringen zu können; aber es ging nicht. Er konnte sich durch- aus nicht auf den richttgen Anfang besinnen. Als er schon daran dachte, einfach aufzuhören, fiel ihm glücklicherweise noch der Schluß ein:„Und segne, was Du uns bescheeret hast.� Den hängte er in seiner Verlegenheit ohne jeden Uebergang an den verpfuschten Anfang und schloß mit einem lauten „Amen!" seine verunglückte Produktion als Vorbeter. Mehrere Sekunden herrschte ein peinliches Stillschweigen rings uin den Tisch; bis sich die Spannung in ein fröhliches Tcllergeklapper auflöste. Herr Zickendrath war zwar froh, daß er noch so davon- gekonunen war; aber ein leises Gefühl der Beschämung ver- anlaßte ihn doch, sein Gesicht dicht über den Teller zu hängen und seine ganze Aufrnerksainkcit auf die Sagosuppe'zu richten, die Mutter wieder eiuinal großartig geinacht hatte. Suppen »varen ihre Forsche. Plötzlich klang ein dünnes feines Pfeffen über den Tisch. Herr Zickendrath fuhr verblüfft in die Höhe. Da saß Gustel. in seinen Stuhl zurückgelehnt, plätscherte nachlässig in der Suppe und erzeugte zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen die unmanierlichen Töne, die Herrn Zickendrath so erschreckt hatten. Sein ganzes Gesicht zeigte dabei einen »mverkennbaren Ausdruck von Verachtung. Er mochte keiuen Sago. Der PeusionSvater und Tischvorstand wußte sich im ersten Moment nicht zu rathen und zu helfen. Er»vollte nicht gleich zu Beginn seiner Erzieherchausbahn Skandal machen; ander- seits aber»var das Benehmen des BengelH, der keinen Sago mochte, so aufreizend, daß er sich nur»nit Mühe be- herrschte. In diesem Zwiespalt der Gefühle kam ihm ein Bundes- genösse von einer Seite, an die er nie gedacht hätte. Johannes nämlich, der den ungünstigen Eindruck von vorhin zu vertvischen wünschte, rannte den Missethäter mit brüder- licher Nachdrücklichkeit in die Seite und schnaubte ihn an: „Na.»virst Du nun bald das Plempern lasse»» und anständig esse»?" „Das ist doch nieine Sache!" entgegnete Gustel höhnisch. „Wenn ich essen»vill, dann ess ich; und weuu ich nicht will, lasj' ich's bleiben." „Du schämst Dich Wohl gar nicht. Was soll Herr Zicken- Prath von Dir denken?" Gustel streifte den znin Zeugen seiner RnPPigkcit an- gerufenen Hausvater mit einen» Blick, der nichts»veiliger als bange Ehrfurcht ausdrückte, nur so ganz obenhin, als ob er sagen»vollte:„Wohnen da auch noch Leirte?" und gab einen Laut von sich, der ebenso gut für ein unterdrücktes Niesen »vic für ein halb innerliches Hohnlachen gelten konnte. Johannes sah die Ehre der Familie Schmidt durch die Frechheit seines Bruders bedenklich gefährdet und»vurde grob. „Paß auf, meii» Sohn!" knirschte er und versetzte dem Un- botmäßigen einen zweiten Stoß in die Rippengegend. Gustel ließ den Löffel in die Suppe falle»», daß es über den ganzen Tisch spritzte, und»vandte sich wuthentbrannt gegen den A>»- areifer. Und es wäre ganz bestimmt zu einer solennen Keilerei gekoinmen, wenn nicht Herr Zickendrath, der sein'' ganzes Ansehen schlvinden fühlte, mit aller Macht den Griff seines Tranchinnessers auf die Tischplatte gestoßen hätte, dreiinal hinter einander. Die beiden Kampfhähne erschraken und ließen von ein- ander ab. Jnnnerhin»väre abzu>varten getvcsen, ob die Er- nüchterung von dauernder Natur war; wenn nicht das Auf- treten Manni's sofort die ganze Situation verändert hätte. Sie brachte nämlich die Gaus. Eine Gans,»veni» sie schön braun gebraten anf den Tisch kommt,»virkt allemal versöhnlich. Wenigstens auf alle die- jenigen.»velchc Aussicht haben, ctivas davon zu bekommen. So geschah es auch diesmal. Gustel löffelte in der Eile noch die Hälfte seiner Suppe aus, Johannes vergaß die bedrohte Schmidt'sche Familienehre, der kleine Emil setzte sich wieder in sein natürliches Größenverhältniß zum Tische und Herr Zickendrath reckte die mit Messer und Gabel bewehreten Ar»», daß die frisch gestärkten Stulpen lustig klapperten. Das Zerlegen der Gans bei offener Tafel war nämlich die Hauptnummer seines Programms, von der er sich die größte Wirkung versprach. Er hatte lange darüber nachgedacht. Er sollte gewissermaßen eine symbolische Handlung sein, durch die er sich der ihm anvertrauten Tafelrunde als fürsorgender, gerecht dertheilender Tischvorstand vorstellen wollte. Mit seiner Frau hatte er natürlich erst wieder endlose Auseinandersetzungen gehabt, ehe er seine Glanznummer durchgedrückt hatte. Die Frau hatte absolut keinen Sinn für die tiefere moralische Bedeutung des ganzen Pensionsverhält- nisses. Sie sah Alles nur unter dem geschäftlichen Gesichts- punkte. Hierbei hatte sie wieder ein Langes und Breites geredet, daß es doch viel vortheilhafter wäre, das Fleisch in der Küche aufzuschneiden und zertheilt auf den Tisch zu bringen. Dabei könne man die Größe der einzelnen Stucke sorgfältig berechnen, eine bestimmte Anzahl anffchneiden und wenn's dann aufgegessen war, war's eben aufgegessen. Mehr gab's nicht. Während der in Lebensgröße auf dem Tisch zur Schau gestellte Braten den Appetit der Bengels immer wieder anreizen mußte. Und so lange noch was da war, mußte man ihnen dann geben. Dabei konnte man keinen grünen Zweig kommen. Erst als Herr Zickendrath ernstlich grob geworden war, hatte sie sich zu einem Kompromiß herbeigelassen. Sonntags sollte er drin in der Stube aufschneiden dürfen, in der Woche aber würde sie soviel Fleisch hineinschicken, wie ihr gut schien. Manni hatte die Gans Vor ihrem Vater niedergesetzt. Er schuf sich mit einigen resoluten Bewegungen Raum, steckte sich die herabgerutschte Serviette wieder tief in den Hals und räusperte sich. Die Jungen machten lange Hälse und sogen schnüffelnd den Duft ein. lFortfetzung folgt.) Sotmlagsplsuvevei. Seit dem neuen Jahr ist im Bürgerthum Berlins die Kunst im Werth gestiegen. Ob der Orden durch den Künstler geehrt wurde, ob er die Künstlerschaft aneifern solle, wie der alte Menzel selber der Ehrenabordnung des ftünstleroereins sagte, darüber denkt der Bürgersmann nicht gerne nach. Dieser ehrbare Durchschnitts- Berliner war eben verblüfft. Der Name Menzel wurde für ihn förmlich zum neuen Begriff. Noch wurzeln im Unter- grund seines Bewußtseins alte Vorstellungen, und die soll er nun plötzlich revidiren? Kunstübung hat für ihn innner den Beigeschmack des Possirlichen, ja Ueberflüssigen gehabt. Dicht bei einander wohnten für ihn künstlerische Genialität und tolle Exaltation, und einer von den merklvürdigcn Käuzen sollte nun leib- hastig Herr des schwarzen Ordens sein? Unter Fürstlichkeiten und Generälen rangiren? Ersprießlich war eS danim, daß man den Verblüfften einige Beruhigung gewährte. Die Fassungslosen hätten sonst nicht gewußt, woran sie sich zu halten hätten, weim alte Ordnung also aus den Fugen geht. Das läßt sich hören, wenn die Kunst in vaterländischen Diensten steht und einer ihrer Besten so gekrönt wird. Das ist dann freilich etwas Anderes, konnten die Leutchen bei uns getrost sich gestehen. Der Alp war von ihnen genomnien. Dienst ist Dienst. Das begreift sich. Ob mit dem Säbel, ob mit dem Stift und Pinsel: das macht nicht so sehr viel Unterschiedliches aus. Eine freie, trunkene Kunst, losgelöst von Menschcndienst und Unterthanen- pflicht, wem von den Guten sollte die wohl einleuchten? So aber sieht»ran doch, warum, wofür. Aus rauher, kärglicher Jugend hat der„kleine Menzel" sich en, Porgerungen, bis er der große, anerkannte Meister wurde. In solchen herben Kämpfen wird manches Stück Freudigkeit und reiche Lebensharmonie verloren. Auch Menzel, der kleine greise Junggeselle, hat's an sich und seiner Kunst erfahren. So reichbewegt, so sicher, so lebensvoll sein Können ist, so treffend und durchdringend seine Beobachtung: Jauchzender Enthusiasmus ist ihm fern und bitter tvnhrhaft wird er, wenn er, der männische Künstler, das Weib malt, das ihm während seines ganzen Lebens nicht viel zu sagen wußte. Menzel hat Ncichthümer iin arbcitschweren Dasein gesammelt, und trotzdem blieb ihm dcrHang zu kärglicherLcbcns- führung eigen. Ein großzügiges Dasein zu führen, wie es manchem Künstle'rfürsten vor ihm möglich war, das ist ihm nicht gegeben. Etwas von spröder Enge liegt in seinem Wesen wie in seinem Genie, trotz alledem und alledem. Irrungen blieben dem aufrechten Männlein fremd; aber auch jeder Ueberschwang im menschlichen Leiden, in menschlicher Lust. Es wäre thöricht, den bedeutenden Künstler in irgend ein Parteischcma zwängen zu wollen. Um so kleinlicher berühren einzelne Fragen, die an die Ordensverleihung geknüpft wurden. Heute schaaren sich unsere Nattonalisten um ihn, den„eminent Vaterländischen". Und doch hat er keine Kriegshistorie aus Mlier Zeit genialt, und Lenbgch ist Bismarcks künstlerischer Herold geworden. Man meint ihn ganz besonders zu ehren- lvenn man ihn den Prcußenmaler par excellence nennt. So klebt man am Stofflichen und begreift nicht einmal, wie man den inneren Reichthum des Künstlers schmälert. Und doch hat der» selbe Menzel einmal als junger Mann ein Bild geschaffen, das den Leichenzug der Märzgefallenen vor dem Schloß darstellt. Der er- greifende Moment hat ihn gepackt. Er wäre eben kein deutscher Künstler gewesen, so deklamirt man, hätte er sich für irgend einen nichtdeutschcn großen Mann erwärmen können. Aber wir haben in der„deutschesten der Künste", in der Mnfik, ein Beispiel. Das ist das mächtige Orchesterstück Eroica von Beethoven.„Auf Bonaparte" ist die Eroica geschrieben von dem schroffen Beethoven, der einmal im Teplitzer Bad, als eben fürstliche Herrschaften vorbeigezogen kamen, erfüllt von seinem Künstlerwerth, zum gemesseneren Goethe sprach: Exzellenzen können sie machen und Barone. Aber über Kerle, wie unsereiner, haben sie keine Macht. Allerdings hat sich mancher schon an diesem Bonaparte der Eroica gestoßen; und in eincin Berliner Konzertsaal hat der ver- storbene Hans v. Bülow, der Redelustige, im Winter 1892 eine An- spräche gehalten, worin es hieß:„Die Quintessenz der Beethoven- schen Gedanken ist der Held gewesen. Deshalb widme ich die Eroica dem deutschen Helden, dem Fürsten Bismarck!" Die Arbeit des Wiedertäufers war vergebens. Die Becthovcn'sche Widmung gehört der Kunstgeschichte an. Wer aber vermöchte einem Beethoven das Deutschthum zu rauben? Menzel in Berlin hat den höchsten preußischen Orden bekommen; und aus Rußland, wo man eben den Polendichtcr Mickiewicz so sonderbar ehrte, kommen eigcnthümliche Gerüchte über den Grafen Tolstoi. Seine Wirksamkeit ärgert die russische Regierung. Dem greisen Ketzerrichter Rußlands, dem mächtigen Parteihaupt der russischen Orthodoxie, Herrn Pobjedonoszew, ist Tolstoi längst schon verhaßt. Man ließ den Dichter gewähren, nach der Anschauung: Dichter sind harmlose Narren, die man ftei herumlaufen lassen könne. Nun hat indessen Tolstoi's unchristlicher Altruismus in russischen Volkskreisen Wurzel gefaßt. Das ist begreiflich. Eine entmündigte, dürftige Menschenmenge, vom modernen Geist völlig abgeschnitten, lcchzi nach einer mitleidigen Verheißung. Ohnedies neigt das geknechtete Volk zur Seftenbildung. So kommen denn die halb Verzweifelten zu dem alternden Tolstoi und erbauen sich an seinen inbrünstigen Schwärmereien, an seinen weltflüchtigcn Ge- danken und seiner Vertröstung auf das Jenseits. Eine starke Knlttir- feindschast lodert in den ncnesten Predigten Tolstoi's, in seinen litcrar-agitatorischen Schriften wider Wissen und Küinien, in seinem Lob auf die Armuth im Geiste. Allein auf welchem Boden anders konnte diese Persönlichkeit und seine Agitation entstehen, als auf dem des Elends und der geistigen Unterdrückung? Ucbcr ungeheure Gewaltmittel verfügt die russische jVertvalttmg, und sie konnte nicht einmal die Sondersckte der Duchoborzen mit Stunipf und Stiel ausrotten. Man hat die Duchoborzen zur Ans- Wanderung gezlvimgen und ihr Anhang erneuert sich und lebt doch weiter. Und Tolstoi wird verdächtigt, die Duchoborzen durch seine Lehren indirekt zum Widerstande zu ermuntern. Was soll nun mit dem unbequemen Mann werden? Neulich erst ist er 70 Jahre alt geworden und in der ganzen Kulturwelt hat man des Geburts- tages gedacht. Als das Friedensmanifest erschien, hieß es von einigen Seiten: Tolstoi sei ein Lieblingsschriftsteller des Zaren und der Zar ri durch Tolstoi's Dichtungen beeinflußt. Wie würde sich ein Reim dazu stnden, wenn man den alten Tolstoi dazu zwänge, sich im Ausland vor„unbequemer Aufsicht und Jnternirung"— das klingt schöner als Haft— Schutz zu suchen? Ucberall hat man die frohgemuthen Staatsmänner, die un- bekümmert um äußere und innere Verwickelungen feste um sich hauen. Im Reichstag, der ja nächstens wieder zusammentritt, wird über das Thema mancherlei gesprochen werden. Vielleicht, daß der bleiche Reichstag jetzt nach den Ferien wieder mehr Warmblütigkeit aufweist, als in der Borsession. Vielleicht daß das Parlament trotz der lau diplomatisirenden Temperatur im Zentrum und trotz des gar schneidigen Präsideuten zu frischerer geistiger Auffassung sich erhebt. Allzu strenge Herren pflegen sich bald auszugeben. Jetzt lst des Grafen Ballestrem Machtbeivußtsein noch jung, und er hatte keinen strafferen geistigen Widerstand der verschiedenen Parteien niederzuhalten. An einzelne Ausdrücke klammerte er sich und er- theilte seine Ordnungsrufe. Es giebt aber geistige Höhen im Kampf, wo derlei Mittelchen versagen. Dann kann kein Kürassierkonnnando Wahrheit oder inneres Pathos im Lauf aufhalten; dann tvird man in der Bevölkerung weit mehr wieder auf die Verhandlungen im Parlament aushorchen, als es thatsächlich in der jüngsten Zeit geschah._ Nleinvs„Feuillekon. tc. Wie alt ist das Fahrrad?. Es wird allgemein an- gettotrnnen, daß das Fahrrad noch verhältnißmaßig jnntj ist, und daß man in der berühmten„I)nu8MB" den ersten Versuch zur Her- stellung eines Fahrrades zu erblicken habe. Diese Annahme ist aber durchaus nicht richtig, denn nach den Berichten eines alten Geschlchts- schreibers muß man dem Fahrrad ein Alter von über 1/00 Zähren zuerkennen, und zwar gebührt danach den allen Romern der Ruhm, zuerst.geradelt' zu haben, wenn auch ihre Fahrzeuge etwas anders als unsere modernen Räder ausgesehen haben müssen. Der Besitzer des ersten Fahrrades wird wohl der römische Kaiser Commodus gewesen sein, der in der Geschichte wegen seiner sinn- losen Verschwendungssucht bekannt ist und im zweiten Jahrhundert nach Christi gelebt' hat. Ihm folgte der Soldatenkaiser Pertinax, und in der Geschichte dieses Kaisers wird zum ersten Male das Fahrrad erwähnt. Pertinax lies; nämlich alle beweg- liche Habe seines Vorgängers Commodus verkaufen, und bei der Aufzählung wird erwähnt, dost sich auch einige Wagen oder Gefährte ganz eigenthümlichcr Art vorgefunden hätten, die ohne Be- nntzung von Zugthieren lediglich durch einen kunstvoll koustruirten Mechanismus, der mit den Rädern in Verbindung stand, in Bewegung fiesetzt wurden. An einem der Wagen habe sich auch noch eine be- ondcre Vorrichtung befunden, die dazu diente, uin die Länge des zurückgelegten Weges zu bestimmen.— — Die Elektrizität im Fahre t8S8. Die Elektrotechnik, so berichtet die„Wiener Zeitung", hat im Jahre 1898 nickt weniger Errungenschaften zu verzeichnen als im vorangegangenen Jahre. Äußer der rasch zunehmenden Verwendung des elektro- motorischen Betriebes in der Industrie und bei Straßen- und Voll- bahnen sind im letzten Jahre durch Verbesserung der Akkumulatoren die elektrischen Automobile in Nordamerika, England und Frankreich zahlreich zur Einführung gelaugt. Im Telegraphen- und T e l e p h o n w e s e n ist es gelungcn, nach dem System Marconi bis auf 18 Kilometer drahtlos zu telegraphiren. Ferner hat Professor Z i ck I e r in Brünn seine vielversprechenden Versuche mit der von ihm ersundenen lichtelektrischen Telegraphie gemacht, welche, wenn sie sich praktisch bewnhr-t, das Telegraphiren auf weit größere Distanz ermöglichen würde, wobei außerdem noch der Vortheil besieht, daß das Depeschen- Geheimntß gewahrt werden kann, was bei Marconi nicht der Fall ist. Die Elektrochemie hat in diesem Jahre große Fortschritte gezeitigt, besonders in der Reinigung der Metalle von anderen Bcstandtheilen. In Amerika sind Fabriken errichtet worden., in welchen täglich 1150 Kilogramm Silber und jährlich 2040 Kilogramm Gold auf' elektrolytischcm Wege gewonnen werden. Die meisten Erfolge hat die Elektrotherapie anfzuiveisen. Ob die Wirkung der lichtelektrischcn Bäder den Wärnusstrahlen oder den Lichtstrahlen oder beiden zusammen zuzuschreiben ist, darüber werden jetzt an der Wiener Poliklinik durch Professor Wiuternitz umfangreiche Versuche angestellt. Die Röntgen-Strahlen haben' sich dnrch die Verbesserung der Crooke'schen Rohren als besonders erfolgreiche Hcilfaktvren bei Lupus und Hant-Tnberkulose erwiesen. Die schädliche Wirkung der Strahlen auf die gesunden Hautstellen hat Professor Niels Findscn in Kopenhagen dadurch beseitigt, daß er ein gewisses farbiges Licht in den Strahlen abzu- lenken' verniag. Seitdem haben sich die Röntgen-Strahlen auch als t ö d t l i ch für die B a k t e r i e n ertviesen und werden bereits im Münchener hygienischen Institute als Desinfektionsmittel angewendet. Aus Frankreich wird sogar neuestens gemeldet, daß die Einwirkung des elektrischen Lichtes auf und dnrch den Körper sich als sehr heilsam für gewisse Krankheiten erwiesen hat. In der Be- leuchtnngs-Elektrizität sind noch zu nennen die neuen Glühkörper von Nernst und Auer, die sich durch große Lichtstärke auszeichnen sollen.— Musik. sz. Aus den verschiedentlichen literarischen Hilfen zur Vor- bereitung auf das Anhören nmsikalischer Werke ragt der«Führer durch den Konzertsaal" von Hermann Krctzschmar (Leipzig, Breitkopf u. Härtel) schon durch seine große Anlage her- vor. 1886 zuerst erschienen, hat er jetzt seinen ersten Band auf die dritte Auflage gebracht. Hier sind„Symphonie und Suite" ein- schließlich der Programmmusik und zwar seit dem Ende des 16. Jahr- Hunderts bis aus Misere Tage behandelt. Der zweite Band enthielt bisher die kirchlichen und weltlichen Chorwerke. Was noch fehlt — die kleineren Konzertschöpfungen— soll in einein 3. Band nach- getragen iverden. Das Buch hat sich von vornherein einen doppelten Zwitterstand, einerseits zwischen historischem Bericht und kritischer Werthnng, andererseits zwischen Rücksicht ans das„heutige Rcperloir" und auf die„knustgeschichtliche Bedeutung" ausgesucht. Die Rücksicht auf das Repertoir,' d. h. also ans den in der Lcfsentlichkcit herrschenden Ge- schmack, steht leider allzusehr voran. Eine Stichprobe! In einem Absatz, der beginnt:„Merkinirdig bald ist die Herrschaft der Mendclssohn'schcn Schule erloschen, wird u. a. Julius Zcllner'S „Melusine" erwähnt— das Einzige, was Kretzschmar über diesen Komponisten zu sagen weiß. Ist dies zunächst gegenüber den erfolgreichen symphonischen Werken dieses Meisters gerecht, auch nur in Rücksicht ans daS Repertoir? Und bringt es nicht den Verfasser in den Verdacht einer vom herrschenden Geschmack abhängigen llnkenntniß oder leichtfertigen Eernachlässignng dessen, was von dem genannte» Tvukünstlerthatsächlich vorliegt, so daß ein etwaiges ablehnendes Nrthcil über den Werth des Vorliegenden überhaupt noch nicht in Betracht kmnc? Eine größere Gerechtigkeit als von der doch meist nur vorhandene Erfolge ver- stärkenden Oeffentlichkeit könnte wahrlich von einem Werk erwartet werden, das auf eine Fülle von Material, auch von neuerem, sonst so sorgfältig eingeht— so sorgfältig, daß im Uebrigen die Breite der einzelnen Erläuterungen gegen eine eingehendere Rücksicht auf die geschichtlichen Zusammenhänge und auf die schaffenden, vielleicht auch auf die nnchschaffenden Künstlerpersönlichkeiten zurücktreten könnte. Dringend zu wünschen wäre nchh eine bessere Uebersichtlich- keit des Ganzen.— Kunst. —Kl. Im Bürgcrsaake des Rathhauses wird die zweite Aus- stellnng der„Bolksthümlichen Kun st- Aus st eilungen' heute eröffnet. Sie kann diesmal als sehr gut gelungen bezeichnet iverden. Es ist ein„Berliner Saal" zu Stande gekommen, der sich auch in großen allgemeinen Ausstellungen wohl sehen lassen könnte. Hier genügt es, die wichtigsten Werke zu nennen. Von Liebermann ist ein ausgezeichnetes Bild einer Frau am Strande in hellen, lichten Farben da, von Ludwig von Hofmann zwei der besten Bilder ans seiner letzten Ausstellung bei Keller und Reiner, die auch an dieser Stelle erwähnt wurden. Von Walter L e i st i k o w ein„Winter in, Walde" in feinem blauen Ton: von Dora Hi tz ein Kinderportrait und ein schönes Bild„Clematis", und von Curt Hermann ein prächtiges Farbeustück.Im Boudoir", während Hans Hermann einen„Sommcrtag"— ein Junge auf einer Brücke, sonniger und frischer als sonst seine Bilder— und ein Straßenbild von der Potsdamer Brücke beigesteuert hat. Portraits sind vorhanden von Hans F e ch n e r, darunter die gute Lichographie des alten Wilhelm Rabe; ein modernes Interieur von Otto H. Engel zählt zu den besten Bildern dieses Künstlers. Fügen wir hinzu, daß auch Bildhauer Werke gesandt haben— Eberleiws Goethe, � der Schillert Schädel betrachtet, sähe man freilich lieber nicht wieder, und auch Hugo Reinh old's„Streik" berührt in seiner pathetischen Auffassung nicht sympathisch— und daß auch zwei auswärtige Künstler vertreten find, der Miinchener Benno Becker mit einer Landschaft und Gotthard Kühl mit einer Studie, einer„Lübeckerin". die in ihrer breiten, flotten Technik und ihren feinen frischen Farben die etivas zimper- lichen Bilder seiner Kollektivausstellung bei Keller und Reiner schlägt, so ist der Rcichthum der vorhandenen Kunstwerke genügend gekennzeichnet. Sehr erfreulich ist es ferner, daß die bekannten Holzschnitt- blätter E ckm a n n' s nicht nur ausgestellt sind, sondern daß auch ihre Technik durch Vorführung der Werkzeuge und der farbigen Holzstöcke anschaulich erläutert wird. Es besteht auch die Absicht. in künftigen Ausstellungen moderne kunstgewerbliche Gegenstände, Snihle, Schränke u. s. w. zu zeigen. Nach alledem scheint es, daß die.Volksthümlichen Kunst. Ausstellungen" sich in einer sehr günstigen Weise entwickeln ivollen.— Erziehung und Unterricht. — Die Universität El-Hazar in Kairo, so genannt nach der Moschee gleichen NamenS, ist die älteste, berühmteste und reichste Hochschule des Islam. Der Belgier Mnmaert hat ihr einige Seiten seines in diesem Jahre veröffentlichen Buches..De Cciirs et la justice internationale en Egypte" gewidmet. Einem Bericht der.Tägl. Rundschau" darüber entnehmen lvir das Folgende: Dank den reichen Vermächtnissen, die der Universität im Laufe der Jahrhunderte zugefallen sind, verursacht sie nicht allein dem Staate keine Kosten, sondern gewährt auch ihren Zöglingen, deren Zahl sich oft auf 10000 belänst, freie Kost und Unterkunft. Die meisten Professoren begnügen sich mit einem Gehalt von 12—1500 Franken. Täglich werden an die Studircnden 30 000 Brote ausgctheilt, darin besteht aber auch ihre ganze Nahrung. Allzu Nein scheinen die Brote jedoch nicht zu sein, denn wenn die unbemittelten Hochschüler, die auf die Spenden der alwa inater zu ihrem Lebensunterhalt angewiesen sind, sich satt gegessen haben, bleibt von ihren täglichen drei Broten mindestens eins zum Verkauf an die Händler übrig, die immer vor den Thoren tvartcn, bis sie mit den armen Studenten ein kleines Geschäft in dieser Eßivaare gemacht haben. Im Uebrigen thcilen diejenige», Ivelche von ihren Angehörigen mit Geld und Lebensmitteln versehen werden, nach dein Grundsatz der muselmännischen Brüderlichkeit ihre Schätze mit den in dieser Hinsicht weniger begünstigten Kom- militoncn. Aus den verschiedenen Nationalitäten ergänzen sich die Besucher El-Hazars; man findet dort Armenier, Kurden, Syrier, Albanesen, Tripolitancr, Makedonier und Beduiuen aus Arabien wie miS Oberegypten. ES versteht sich von selbst, daß die ganze musel- mäunische Wissenschaft in allen ihren Abstufungen ans der Universität zu Kairo gelehrt wird, aber auch die europäische geht dort keines- Wegs leer aus. Hörsäle gicbt es nicht; in dem geivaltigen Mittel- saal der Moschee sammelt ein Professor an einer Säule seine Schüler um sich. Von Bänken ist keine Rede, man setzt sich auf Matten nieder und das Auditorium ist fertig. Beim Eintritt in die gewaltige Halle klingt ein wirres Durch- einander murmelnder Stimmen ans Ohr, aber es löst sich sofort ans, wenn man sich zu einer der zahlreichen Gruppen niederbeugt. Dann vernimmt man deutlich jedes Wort aus dem Munde des Professors. I» den Nebeuhallcn der Moschee bietet sich dem Besucher derselbe Anblick dar: überall Gruppen von Lehrern und aufmerksam zuhörenden Schülern. Nur muselmännische Studenten haben zu der Universität EI-Hazar Zutritt. Jede Na- ttonalität hat ihre Bibliothek für sich. Die Studenten sind auch, was die Wohnräume anbetrifft, nach ihrer VolkSabstamniung von einander getrennt. Als Lagerstätten dienen einfache Matratzen. In den Arbeitszimmern und Schlafzimmern gicbt es weder Tische noch Stühle. Bei der Arbeit hocke» die Studenten auf dem Boden, ein Tintenfaß neben sich und ein Buch auf den Knien. Was wird ans der Jugend, die diese gewaltige Hochschule verläßt? Sie verbreitet sich nach allen Himmelsrichtungen über die Länder i>c3 JSlam, nl-Z Nichter, Priester. Acrzte und Beamte der der- schiedeiisten SianstiNlfcu vom zukünftigen Minister vis zum einfachen Postbeamte». Ohne Ausnahme sind sie vom mu fein, 5», tischen Geist bis in das Innerste ihres Wesens durchdrungen und bestimmt. ibn nach ihrem Einfluß und ihren Fähigkeiten auszubreiten und aufrecht- zuerhalten. Jedes Jahr ziehet, aus den Thoren El-Hazars neue Derwische gen Süden. Sie brauchen keine Boote zur Fahrt auf dem Nil, denn sie wandern zu Fuß durch die endlose Wüste. Zur Nahrung genügt ihnen trockenes Brot. Hitze und Entbehrungen fechten sie nicht an, daran sind sie gewöhnt, und überall finden' sie freundliche Aufnahme. Volkskunde. — Aberglaube in Ostpreußen. Der„Slönigsberger Hartung'schen Zeitung" wird geschrieben: Ist ein Kind am Donnerstag geboren, so darf es nicht Sonntags getauft werden, sonst sieht es Geister. Dem Neugeborenen muß, wenn es ein Knabe ist, der Bater den ersten Kuß geben, damit er einen ordentlichen Bart bekomme, der das Miidchen verunzieren würde. Dieses bekommt deshalb den ersten Kuß von der Mutter oder sonst einem weiblichen Wesen. Jungen Mädchen soll es Glück bringen, wenn sie zum ersten Mal bei einem Knaben Gevatter stehen, besonders aber, wenn sie diesen über dem Taufbecken halten. Das Kind darf vor der Taufe nicht beim Namen gerufen, auch nicht aus dem Hatise getragen werden, ebenso darf die Mutter vor ihrem Kirchgang nicht Besuche machen, es würde sonst allerlei Unglück nicht ausbleiben. Auch bei Trauungen sind getvisse Gebräuche wohl zu beachten. Während des Ganges zur Kirche sowohl wie auch in dieser selbst darf von den Brantlcnten keines sich umsehen, denn es sieht sich dann schon nach einem ziveiten Gatten um, und der neben ihm stehende muß bald sterben. Die Braut tbut Ivohl. sich in einen Schuh ein Stück Geld zu legen, damit sie im Wohlstände bleibe rejp. in denselben komme. Ein Stück Brot von der Hochzeitstafel, anfbeivahrt beim Brautkranze, bclvirkt, daß die Eheleute später ihr Brot haben. Die meisten abergläubischen Ge- bräuche giebt es bei Stcrbesällen. Ist für den Schwerkranken ersichtlich der Augenblick des Sterbens gekommen, so wird schweigend ein Fenster oder die Thüre geöffnet, damit die Seele einen Ausgang habe. Der Tod eines Familienmitgliedes, besonders aber des Hausherrn oder der Hausfrau tvird, selbst in der Nacht, allen Hansthieren, auch dem Bich und den Pferden im Stalle angezeigt. Sollte diese Anzeige miterbleiben, so würde sicher das Gcthicr bald von Krankheit Heini- gesucht werden. Ist der Gestorbene Bienenzüchter, so muß, soll der Bienenstand nicht eingehen, attch den Bienen von dem Verlust des Pflegers Anzeige gemacht Iverdcn. So lange die Leickie im Zitniner steht, wird der Spiegel verhängt. Die Stühle oder Bänke, worauf der Sarg gestanden, müssen, sobald der Sarg emporgehoben ist, um hinausgetragen zu werden, sofort umgeworfen werden, wenn nicht bald wieder eine neue Leiche auf denselben stehen soll. Ver- lassen die Leidtragenden nach dem Begräbmß den Kirchhof, so deutet man aus der letzten Person, ob ein Kind oder ein Erwachsener zu- pächst sterben wird.— Ans dem Thierleben. lieber Rothfärbung des Wasser? in Fisch- teichen hat Dr. Otto Zacharias von der Biologischen Station in Plön Untersuchungen angestellt und zwar an der Hand von Wasser- proben, welche ihm von Besitzern von Fischteichen eingesandt ivurden. Dr. Zacharias berichtet darüber in der«Deutschen Fischcrei-Zeitung": «Ein zweiter Fall von Rothfärbung eines Fischteiches ist mir durch Herrn Bergrath Behrens unterm 24. Juni 1897 aus Herne sWestsalen) gemeldet worden. Ich erhielt auch von daher eine größere Wasierprobe übennittelt und war somit im Stande, die Natur des fraglichen Wesens, welches da« Wasser in Blut verivandelt zu haben schien, festzustellen. In Herne handelte es sich ebenfalls um einen kleineren Karpfenteich. Nach der Beschreibung des Herrn Behrens zeigte sich hier die Kalamität in dem Vorhandensein einer mehr oder weniger dicken auf dem Wasser lagernden Schicht, welche sich bei Eintritt der Dämmerung oder bei trübem Wetter grün färbte, wogegen sie unter dem Einflüsse des Sonnenscheins ihre purpurrothe Färbung allmälig wieder gewann. Die mikroskopische Besichtigung ergab nun die interessante Thatsache, daß der eben charaiterisirten Erscheinung kein Schwefelbakterinm, sondern ein zur Gruppe der Geißclinsitsorien gehöriges Wesen zu Grunde lag. welches sich in einer ganz ungeheuren Anzahl vervielfältigt hatte. Das eingehendere Stiidinm führte zu dem weiteren Resultate, daß dasselbe mit .Astasiu haernatodes identisch sei, worunter man sich einen Orga- niSmus von spindelförmiger Gestalt vorzustellen hat, der vorn ein zugespitzeS Ende besitzt. Die Länge desselben ist 0,120 Millimeter bei einer Breite von 0,034 Millimeter. Die auffällige Färbung des Thierchens rührt von vielen kleinen blutrothen Körnchen her, welche durch die Körpermasse desselben vertheilt sind. Ein Geißclfaden ztir � Fortbewegung im Wasser ist nicht vorhanden. Die l�tasia hat aber das Bermögen, ihren Leib in der wunderlichsten Weise znsantmcn- zuziehen und wieder auszudehnen. Der Jnfusorienforscher Chr. G. Ahrenberg entdeckte diese plasia baematvcles im Jahre 1829 auf einer Reise mit Alexander v. Humboldt in einer sibirischen Steppen- «lache. Innerhalb Deutschlands ivar sie bisher noch nicht aufgefunden worden. Nun ist auf einmal ihr stauncnswcrth massenhaftes Vor- ckommen in einem westfälischen Teiche nachgelviesen. Nach einer neuer- lichen Mittheilung des Herrn Bergraths ivar im Sommer 1987 " Peraiitworfiicher Redakteur: Angust Jacobe? tu Ber die Menge der A stasien in Herne so groß, daß dem davon heimgesuchten Tcichvcckcn große Wassermassen aus der Ruhr zugeführt werden mußten, um nur die oberflächliche hautartige Schicht fortzuschwemmen, die ans lauter dicht zusammengcschaarten rothen Lebewesen bestand. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit nahm die Jnfusorienzahl mehr und mehr ab, bis gegen September hin keins davon mehr vor- gefunden werden konnte. Auch im Sommer 1898 hatten sich die Bluttbierchen in dem gleichen Teiche wieder eingesimden, aber— wie der genannte Gewährsmann meldet— ist ihre Anzahl jetzt bei Iveitem geringer gewesen, als im Vorjahre. Ein auffälliges Sterben von Fischen ließ sich zur Zeit der stärfften Entfaltung dieser infusoriellen Wasserblüthe nicht konstatiren, wohl aber ein sehr übler Geruch, den die an der Oberfläche flottirenden und dort absterbende» rotheu Massen verursachten.— Humoristisches. — Selbstgefühl. Michelbauer(der allein mit seiner Alten auf den soeben einfahrenden Bahnzug wartet):«Siehst D', Urschl, w i r sau do' no' wer— setz muß der große Zug z'weg'n U n s anhalt'n l"— _— Zu lang.«Wie koinmt eS denn, daß die Verlobung von Fräulein Lina mit dem Herrn Assistenten zurückgegangen ist?" «Ja wissen&, das Fräulein hat schon zehn Jahr' auf den Assistenten gewartet: jetzt hat er geschrieben, er käin' zur Hochzeit mit der S e k u n d ä r b a h n, und schauen S', s o lang hat s' halt auch mmmer warten wollen."— — Ans dem Aufsatzhefte einer höheren Tochter. .,..Was wäre der Mensch, wenn er keine Zeit hätte I?"— («Flieg. Bl.") Notizen. — Unter dem Titel:«Das Narrenrad" ist im Verlag des «Narreuschiffes"(Berlin) ein Album fröhlicher Nadfahr-Bildcr heraus- gekommen. Einige der Zeichnungen sind sehr lustig und haben schon Mancken ergötzt, als sie im.Narrenschiff" erschienen. Das Album kostet 2.60 M'.— — Richard Skowronnek ist ans dem Amte eines Dramaturgen des Schauspielhauses geschieden. Er versah es bisher nur«provisorisch". Als Kandidaten für dieses Amt sollen Ludwig Fulda und der Bremer Dramaturg Heinrich Bult- Haupt in Frage kommen.— —«Das liebe Ich' von E. Karlweis wird die nächste Neuheit des L e s s i n g- T h e a t e r s sein,— — B j ö r n st j e r n e B j ö r n s o n's neues Drama«Paul Lange und T o r a P a r s b e r g" wurde vom M ü n ch e n e r H o f t h e a t e r zur E r st a n f f ü h r u n g in Deutschland am 3. Februar angenommen.— — Der Reinertrag der vorjährigen Großen Berliner K u n st a u s st e l l n n g beträgt 50 000 Mark.— — Nach einem anderen Bericht über die Borgänge im„Verein Berliner Künstler" hat Anton von Werner die Ansschließimg von Sezessionisten ans der Berliner Akademie in seiner Rede gegen diese nicht verlangt. Er stellte aber die Behauptung auf. die Herren, die sich jetzt im Widerspruch mit den Satzungen befänden, müßten nun eigentlich auch auf die ihnen verliehenen Medaillen ver- zichten! Auf die Form kommt nicht viel an. Thatsächlich soll Prof. Körner«wegen ArbeitShänfnug" eine Wiederwahl nicht an- nehmen wollen niid Anton von Werner sein Nachfolger werden.— — In dem Wettbewerb für einen Umschlag der«Berliner Architekturwclt" waren 100 Entwürfe eingegangen. Den ersten<500 M.) und den zweiten Preis(2ö0M.) erhielt der Berliner Maler und Zeichner F. N i g g.— — Im laufenden Winterhalbjahr sind an deutsch eji Universitäten, einschließlich der Akademie Münster, 32233 Studenten immatriknlirt, das sind wieder über 1000 mehr als im vorigen Wintersemester.— — Literarische Matineen für die Schüler der Pariser Schulen hat ein Herr Riequier in's Leben gerufen. Zur Unterstützung des Unternehmens hat der Pariser Geniemderath in sein Budget für dieses Jahr eine Snmmc von 15 000 Franks eingestellt. Diese Einrichtung besteht schon seit 1882. Bis Ende 1898 Ivurden 940 solcher Matineen in Paris und 470 in den Vor- orten gegeben. Ucbcr 1 150 000 Kinder nahmen mit ihren Eltern daran thcil und wurden in die französische Literatur eingeführt. Es knüpften sich daran auch Vorträge über, allgemeine Themen. Außer- dem erhielten die Kinder in jeder Sitzung Broschüren über den Gcgeustnnd des jeweiligen Vortrages.— — Die Brüsseler«Sociätö d'Etudes Coloniales" fhat von einem Ungenannten 50 000 Fr. erhalten, um die geeigneten Mittel zur Bekämpfung des S u m p f f i e b e r s zu erforschen. Der leitende Ausschuß der Gesellschaft hat den bereits uu kougostaatlichcu Dienste bewährten Arzt Van Campenhout mit diesen Arbeite» beauftragt.— t. Nach einer Wiener Meldung soll die unter Verwaltung des österreichischen Staates stehende Arlberg-Bahn elektrischen Betrieb erhalten.—_ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.