Mnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 7. Dienstag, den 10. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) LZevrn �ickendenks�s Venfloniive. 71 Rvman von O. Eugen Thossan. Es war ein feierlicher Augenblick. Keiner wagte ein lautes Wort zu sprechen. Emil Schönfeld, der nicht ordentlich hin- sehen konnte, tippte seinen Nachbar Gustel leise auf den Arm und fragte im Flüsterton:„Aeppel oder Kastanien?"— Er meinte die Füllung. „Ich weeß nich," gab Gustel ungnädig zurück. Ihm war an der Füllung gar nichts gelegen. Nach Fleisch, nach Fleisch stand all sein Sinn. Die Spannung war auf's Höchste gestiegen. Herr Zicken drath hob die linke Hand mit der Gabel und stach mit kühnem Schwung nach dem Rückgrat des Opferthieres. Und der (.uniel weiß, wie es geschah— es konnte es nachher keiner richtig erzählen— es machte klitsch I über den großen Teller hinweg und dann klatsch! zwei Meter davon mitten in der Stube. Die Gans war weg, bei der Thür lag sie auf dem Fußboden. Die Füllung hatte sie bei ihrem letzten Fluge über den ganzen Teppich verstreut. Es waren„Aeppel". Zwei Sekunden lang stand Aller Athem still. Dann erhob sich ein furchtbarer Lärm. Gustel war der erste, der in ein entsetzliches Gelächter ausbrach, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es der Gans weiter nichts geschadet hatte. Herr Zickendrath sprang auf und schimpfte wie ein Kümmeltürke, indem er bald die Gabel, bald die Gans, bald den Himmel und bald die Hölle für sein Ungeschick verantwortlich machte. Der kleine Emil rutschte auf den Knien in der Stube umher und fing die Aeppel ein, wobei er wie ein trauriges Hündchen vor sich hinwimmette:„Wie schade, wie schade um die schecnen Aeppel I" Nur Johannes verstummte jäh nach dem ersten unwill- kürlichen Lachansbnich und ging verlegen, mit zögernden, trippelnden Schritten nach der Thür, wo sich Manni mit hoch- rotheni Kopf über das entflohene Geflügel beugte. „Ach. lassen Sie nur, lassen Sie nur gut sein I" sagte er und umsaßte begütigend ihren Ann.„Es wird schon noch schmecken." Es schmeckte auch noch, und sie wurden alle satt. Emilchen hatte sogar einen unerwarteten Vortheil von dem Unglücksfall: er durfte die sämmtlichen Aeppel allein essen. Die übrigen verzichteten darauf, nachdem Gustel festgestellt hatte, daß Haare daran wären, vorn Teppich. IV. Am nächsten Morgen um acht Uhr begann die Schule. Herr Zickendrath, der sich der Größe seiner Nerantwort- lichkeit voll bewußt war, war schon um halb sechs munter und putzte pfeifend seine Stiefeln. Punkt sechs weckte er seine Frau und Mannt zrim ersten Male. Aber erst nach halb sieben hatte er die Genugthuung, die beiden Frauenzimmer auftauchen zu sehen. „Was sollen wir denn schon so früh?" sagte Mutter Zickendrath unwirsch. „Ach, was Ihr sollt!" gab er doppelt gereizt zurück, weil er es eigentlich selbst nicht wußte.„Geschäft ist Geschäft. Und damit basta I" Und um weiteren Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, begab er sich wieder auf den Hof und nahm seine Stiefel noch einmal vor. Von 7 Uhr an befand er sich auf einer ummterbrochenen Wanderung zwischen dem Erdgeschoß und dem ersten Stock- werk. Anfänglich erhielt er auf sein Pochen und Klopfen un- williges Grunzen und Knurren zur Anttvort. Als ihn das nicht abhielt, seine Bemühungen in regelmäßigen Zwischen- räumen zu erneuern, blieb Alles still hinter den verschlossenen Thüren. Die hartnäckigen Schläfer setzten dem Störenfried ein trotzig ablehnendes Schweigen entgegen, das ihn schließlich ganz nervös machte. Er war eben im Begriff, ein heiliges Donnerwetter loszulassen, als Johannes erschien. Das be- sänfttgte ihn wieder für einige Zeit. Nach einer Weile fand sich auch Emil am Kaffeettsche ein. Aber Gustel blieb unsicht- bar. Minute um Minute verrann, Johannes und Emil schickten l sich an zu gehen, Gustel war noch nicht da. Herr Zickendrath kriegte es nnt der Angst. „Nanu, es wird ihm doch nichts passirt sein," sagte er. „Ach, um Gotteswillen," lachte Johannes,„das macht der immer so. Der hat seinen Kaffee noch nie anders als im Stehen getrunken." Herrn Zickendrath schwoll der Kamm.„Also blos Bummelei. Da soll doch gleich..." und er kletterte zum zehnten Mal die Sttege hinan. Als er halb oben war, kam etwas in rasender Ge- schwindigkeit an ihm vorbeigesegt, das sich ihm erst, nachdem es vorbei war, als ein halb angezogener Mensch entpuppte. Die Weste stand noch offen, nur ein Rockärmel war besetzt, während der andere im Zugwind hinterher flatterte, ein Pantoffel sauste durch den ganzen Flur bis zur Hausthüre, ein Buch wirbelte durch die Lust, verlor ein paar Blätter, landete am Fuß der Treppe, wurde wieder aufgerafft— und dann war die Erscheinung im Wohnzimmer ver- schwunden. Herr Zickendrath aber stand noch immer mit offenem Munde. Als er sich von seiner Ncberraschung erholt hatte und das Wohnzimmer betrat, erstaunte er noch mehr. So was von Viel- seitigkcit an einem einzelnen Individuum war ihm noch nicht vorgekommen. Gustel stand ttef über den Tisch hinabgebeugt und trank aus der Kaffeetasse, ohne die Hände zu gebrauchen. Die waren nämlich beschäftigt, die Kravatte zu knoten. Und dabei stierte er unverwandt in ein aufgeschlagen vor ihm liegendes Buch und munnelte unverständliche Worte zwischen dem Schlucken. Herr Zickcndrath war zu erregt, um einen wohlgesetzten Veflveis, wie es sich gebührt hätte, zu Tage zu fördern. Er brachte es nur zu einigen abgerissenen Sentenzen über den Segen zeitigen Aufstehens und über die allgemeinsten Formen der Wohlanständigkeit. Gustel merkte erst gar nicht, daß es ihm galt. Als er aber zu dieser Erkenntniß kam, sagte er knurrig, ohne den Blick von seinem Buche zu verwenden:„Na ja, nun sein Sie doch mal stille! Ich muß das hier doch noch einmal durchlesen. Wir haben nämlich das erste Kapitel zu mcmoriren auf," fügte er in etwas nnlderem Tone hinzu,„und ich habe es ganz vergessen." Herr Zickendrath war von dieser Auskunft zwar nicht voll befriedigt, aber er beschloß doch, in anbetracht der be- sonderen Umstände, die Angelegenheit zu vertagen. Man kann ja schließlich so was leicht einmal vergessen, namentlich über die Ferien. Da muß man schon einmal Rücksicht nehmen, fiinf gerade sein lasten. Es waren eben Jungen, du lieber Himmel k Er war ja auch nicht so. Den Pedanten wollte er nicht spielen. Wenn der Bcngel blos noch fertig wurde zur rechten Zeit! Er irippelte um ihn herum und sah aller paar Sekunden nach der Uhr. „Gustel, Sie kommen zu spät!" mahnte er. als der Bursche noch immer keine Anstalten machte, abzuziehen. „Ach was!" kam es gleichmüthig zurück.„Schwänz ich die Andacht." Endlich, zwei Minuten vor voll, klappte der Junge sein Buch zu, sah sich wild in der Stube um und—„meine Stiebe! I" brüllte er. Da I... Nun hatte er noch keine Stieseln an. Herr Zickendrath stürzte hinaus auf den Flur, wo er das Werk seiner Morgenstunde aufgebaut hatte. Als er damit zurückkam, stellte es sich heraus, daß die Strippen beider Stiefeln vermittelst eines Bindfadens sinnreich und fest ver- bundcn waren. Das war natürlich früh noch nicht gewesen. „Johannes, das Luder!" knirschte Gustel, als er den Schaden besah.„Na warte, Kanaille!" Er ergriff das Buttermesser, schnitt den Bindfaden entzwei, ftihr in die Langschästtgen, riß alles Mögliche vom Tische an sich: Bücher, Mütze, Frühstück, und rannte ohne Gruß zur Thüre hinaus. Herr Zickendrath aber blieb eine ganze Weile, in tiefes Sinnen verloren. mitten im Zimmer stehen. Dann hob er den Kopf: Nun ja, da konnte ja das Erziehnugswerk beginnen! Ja... die Sache hatte doch ungeahnte Schwierigkeiten. Herr Zickendrath ging die folgenden Tage wie im Tranm umher. Schwierigkeiten, die nicht nur in dem Charakter und den Sitten der Jungen lagen. Bei sich selbst mußte nran an- fangen. Man mußte wahrhaftig erst selbst anders werden. Die Geschichte mit dem verunglückten Gebet ging ihm immerzu im Kopf heruni. Da lag so eine Schwierigkeit. Seit er erwachsen war, lebte Herr Zickendrath gottlos. Mit Bewußtsein und ohne Gewissensbisse. Seine Art von Gottlosigkeit war in den Kreisen, in denen er früher gelebt Hatte, ganz allgemein gewesen, die echte Gottlosigkeit des „freisinnigen" Bürgcrthums. hervorgegangen aus Selbst- Zufriedenheit und Dünkel. Sie war nicht laut und offen gewesen. Nur wenn man sich unter Gesinnungsgenossen wußte, erlaubte man sich wohl einmal einen derben Scherz. Sonst— war man vorsichtig. Man konnte nicht wissen. Diese Kerle, die Pfaffen. hatten ihre Ohren überall. Und das konnte Unannehnilichkeiten im Gefolge haben. Nachgedacht hatte Zickendrath über derartige Dinge eigentlich nie. Es lohnte nicht der Mühe. Es war eben dummer Schnack. Das heißt, natürlich— einen Herrgott gab's ja Wohl, das hielt man einfach als anständiger Mensch fest. So weit konnte man nicht gehen. Das unter- schied einen von den Rothen, die gar nichts nichr glaubten. (Fortsehung folgt.) Das Märchen tum den dunklen Eednronden. Seit etlvos mehr als einem Jahre spulen in manchen Zeitungen lind in den Köpfen vieler Leichtgläuliigen die dunklen Erdmonde, die ein Haindnrger Prophet und gottbegnadetes Genie entdeckt haben will. Anfangs Ivar nur von einem zweiten Monde die Rede, bald aber folgte ein dritter und sogar ein ganzes System von Monden, die unsere Mutter Erde begleiten und sie in den verschiedensten Richtungen umkreisen. Die Astronomen setzen diesen sogenannten Entdeckungen, welche von einigen lonfnscn Köpfen als eine der hervorragendste» Großlhatcn unseres Jahrhunderts ver- herrlicht werden. zwar hartnäckigen Unglauben entgegen und erkläre» die Erscheinungen, um die es sich handelt, in wesentlich anderer Weise i aber die Astronomen sind eben Fachleute, meinen der Entdecker und seine Anhänger, und das Urthcil von Fachleuten ist eben durch ihre einseitige Beschäftigung getrübt; in Vorurthcilen befangen besitzen sie nicht die Fähigkeit, neue Entdeckungen, die ihren hergebrachten Vorstellungen widersprechen, unbefangen zu würdigen. Deshalb wendet sich der Entdecker auch an das große. Zeitungen lesende Publikum, um ans diese Weise die Kunde seiner Entdeckung zu ver- breiten und die Kcnntniß der von ihm augeblich neu gefundenen Monde möglichst allgemein zu machen. Die erste Grundlage für die Entdeckung geben alte Nachrichten über merkwürdige. unerklärliche Erscheinungen kam Himmel und vor der Sonne. So hatte ein Legationsrath Lichtenberg in Gotha am IS. November 1702 eine» dunklen Körper drei Stunde» lang vor der Sonne beobachtet, und von ähnlichen zum Thcil leuchtenden Erscheinungen war öfters berichtet ivorden. Zum Theil sind solche Erscheinungen sehr leicht und einfach zu erklären. Es ist bekannt, daß im Welienranmc ungezählte Schaaren Nciner und kleinster Weltkörpcr ihre Bahn ziehen, und daß die Erde olltäglich solchen Meteoren begegnet: in die Atmosphäre eindringend werden sie durch die Luft in ihrer schnellen Bewegung— sie legen 30 bis 100 und noch mehr Kilometer in der Sekunde zurück— gehindert und gcrathcn dadurch in lebhaftes Glühen, so daß sie als Sternschnuppen oder Feuerkugeln sichtbar werden. Zuweilen explodircn bei der gc- waltigen Hitze die in ihrem Innern sich bildenden Gase, und die Bcständthcile des Meteors fallen zur Erde nieder; meist bilde» sie feinen Mcleorstaub und Stücke von wenigen Milligramm und Gramm; doch kommen auch größere bis zu mehreren tausend Zentnern Gewicht vor. Wenn nun solche größeren Meteore von mehr als einem Kilometer Dnrchniesscr in der Nähe der Erde vorbcisausen, oben in die Atmosphäre eindringen und durch ihr Erglühen sichtbar werden, so ist es bei ihrer Kleinheit zwar ausgeschlossen, daß sie durch Zurückiverfung des Sonnenlichtes zu unserer Wahrnehmung kommen, ivie der Mond: doch reicht ihre Größe imnierhin aus, um als kleine dunkle Scheibe zu erscheinen, wenn sie, von dem Standort irgend eines Beobachters aus ge- sehen, zwischen diesem und der Sonne oder dem Mond stehe». Je nach ihrer Geschwindigkeit und ihrer Entfernung werden sie dann in längerer oder kürzerer Zeit sich an der hellen Sonnen- oder Mond- scheide vorüber beivegen. Dringt ein solches Meteor mit einer auf den Beobachter hin gerichteten Bewegung in die Atmosphäre ein, so wird es seinen scheinboren Ort am Himmel fast unverändert bewahren, jedoch an Glanz, Helligkeit und scheinbarer Größe während einiger Sekunden und selbst einiger Minuten rasch zunehmen. Auf diese Weise lassen sich viele der Ivunderbaren Nachrichten'aus früheren Zeiten erklären, namentlich, wen» man bedenkt, wie gern die ge- schäftige Phantasie merkwürdige Erscheinungen ausmalt; betrachtet man die Berichte mit nüchternem Sinne, so wird man sehr oft im Stande sein, die ihnen zu Grunde liegenden Thatsachen zu begreifen. Aber keineswegs wird dies inuner der Fall sein. Wir müssen unum» wunden eingestehen, daß es eine ganze Reihe gut �verbürgter Er- schcinungcn am Himmel oder in unserer Atmosphäre giebt, für die uns zur Zeit noch jede Erklärung fehlt. Wir erinner» nur an die sogenannten Kugelblitze, feurige Kugeln, die eine längere Bahn be- schreiben und unter donnerähnlichem Getöse verschwinden. Der Hamburger Entdecker glaubte nun, indem er Rachrichten solcher Erscheinungen, speziell'der Vorübergänge kleiner dunkler Scheiben an der Sonne, sorgfältig sammelte, hier eine bestimmte Regelmäßigkeit zu finden; er schloß daraus, daß die Erde einen zweite» dunklen Begleiter oder Mond habe, der durch diese Vorüber- gängc an der Sonne sichtbar werde, und berechnete auf dieser Grund- läge seine Umlaufszeit und seine Bahn. Darnach prophezeite er. daß dieser Mond am 3. Februar 1898 an der Sonne vorbeigehen werde und alsdann sicher zu beobachten sei. An dem vorausgesagten Tage, am 3. Februar, wurde zwar nirgends etwas gesehen; aber am folgenden Tage, am 4. Februar. wurde in Greifswald von mehreren Personen der Vorübergang eines dunklen Körpers an der Sonne beobachtet. Sollte der Prophet also doch recht haben, und dieses der berufene zweite Mond sein? Ach nein I hiergegen sprachen sehr gewichtige Gründe, so gewichtige, daß der Prophet ffelbst sich ihnen nicht völlig verschließen konnte. Der zweite Mond sollte sich, wie die Erde selbst, wie der längst bekannte Mond, wie überhaupt alle Planeten und fast alle Monde, am Himinel in der Richtung von Weste» nach Osten beivegen. Die in Greifswald beobachtete Erscheinung ging jedoch in umgekehrter Richtung an der Sonne vorüber. Man sollte meinen, daß diese Thatsache völlig ausreichend wäre, um den Entdecker und seine Freunde stutzig zu machen und zu größerer Vorsicht anzuhalten. Da würde man aber die selbstgefällige Natur solcher verkannten Genies, die es auf allen Gebieten giebt, sehr verkennen; jede Thatsache und jede Erscheinung, mag ihr' Ver- lauf sein, wie er immer wolle, muß dazu dienen, ihre ivunderbaren Entdeckungen ins rechte Licht zu setzen. Der zweite Erdmond ivar in Greifsivald nicht beobachtet worden, das war ja klar; denn der zweite Mond sollte rechtläufig sein(d. h. sich von Westen nach Osten beivegen), während die Greifsivalder Er- schcinung rückläufig war(sich in umgekehrter Richtung bewegt hatte). War es also nicht der zweite, je nun, so mußte cS ein dritter Erdmond fein, und so hatte der glückliche Prophet schnell eine neue bahnbrechende Entdeckung geinacht, die eines dritten Mondes unserer Erde, der sich entgegengesetzt wie die anderen be- Werste. Schnell war der Entdecker nun dainit zur Hand, frühere Erscheinungen dieses Mondes nachzuweisen, seine Umlaufs- zeit und Bahn zu berechnen und seine künftigen Er- schcinunge» anzukündigen. Diesen Monden schlössen sich dann bald andere an; und es giebt jetzt überhaupt keine auf- fällige Erscheinung, die nicht sofort als neuer Erdmond gedeutet wird. Geht er nicht an der Sonne vorüber, sondern bandelt es sich nni irgend eine Lichtcrschcinung in der Atmosphäre, so hat der an sich dunkle Mond plötzlich die Eigenschaft gewonnen, in Phos- phoreszirendcm Lichte zu leuchten, und dergleichen mehr. Natürlich haben olle diese Monde auch Einfluß aufs Wetter, auf die Magnetnadel, ans die Polarlichter 2C.. und so wird unser Entdecker bald auch als Konkurrent Falb's austreten, der nur nach einem Monde das Wetter niacht, während der neue Prophet ein paar Dutzend zur Ver- ügnng hat. Ist dann daS Wetter anders, wie es vorausgesagt wird,— je nun, so hat ein noch unbekannter Mond störend gewirkt, und die Wissenschast ist wieder um eine neue Entdeckung reicher. Ohne auf solche ausschweifenden Phantasien einzugchen, kann man doch ivohl die Frage auswerfen, ob aus den vielen beobachteten Erscheinungen nicht doch soviel hervorgehe, daß zwischen Erde und Mond noch ein kleinerer Mond sich um die Erde bewege, der uns giweilc» sichtbar werde. Die Astronomen bestreiten das auf das Entschiedenste. Die in Greifsivald wahrgenommene Erscheinung gehört zu den Räthseln. die wir bisher nicht deuten können. Ab- gesehen von ihrer Rücklänfiglcit, war sie nur in einem kleinen Gebiete sichtbar. Zu Pola am Adriatischen Meer und sogar in dem sehr viel näheren Jena ivurde zur selben Zeil die Sonne orgfältig beobachtet, aber nichts trübte ihren hellen Glanz. DaS GreijSwalder Phänomen gehört aber sicherlich den niedrigsten Schichten der Atmosphäre an, ohne daß wir näher aiigebei, �können, um was es sich handelte. Daß eine größere als Mond anzusprechende Masse sich in der Nähe der Erde nicht befindet, außer dem allbekannten guten Monde, schließen die Astronomen ans mehreren Gründen. Selbst eine sehr geringe Leuchtkraft, die er seiner Größe entsprechend doch haben müßte und»ach seinem Entdecker auch haben soll, müßte ihn bei stunden- langer Einwirkung auf die photographische Platte verrathcn. Außerdem müßte er seine Anwesenheit durch die Wirkung seiner Schivcre verrathen. Es ist ja bekannt, daß der Planet Neptun vor 52 Jahren durch die Wirkungen seiner Anziehungskraft errechnet wurde, ehe irgend ein menschliches Auge ihn erblickt hatte. Das Verdienst, eine ähnliche Leistung vollbracht zu haben, ninnnt unser Entdecker für sich in Anspruch. Mit dem sicheren Tone der Unfehlbarkeit wird dem Publikum, das davon nichts wissen kann, vorgeredet, die Bewegungen unseres MondeS weichen von seinem berechneten Gange deutlich ab, und diese Abweichungen würden durch die neue Entdeckung erklärt. In der That aber schliefen sich die wirklich beobachteten Bewegungen des Mondes so genau an seine berechnete Bahn an, daß gerade die lieberein- stimnnnig der Erfahrung mit der überaus komplizirtcn Theorie— auf die Bewegung des Mondes wirken die Sonne, die Erde und sämnitliche größeren Planeten ein— den Astronomen die unumstößliche Gewißheit gewährt, daß eine unberücksichtigte Masse, ein zivciter Erd- mond etwa, nicht vorhanden ist. Natürlich ist damit nicht gesagt, daß nicht irgend ein größeres Meteor, dessen Einwirkung zu schwach ist, um wahrgenommen zu werden, an die Erde gefesselt ist und sie umkreist; so etwas ist sicherlich nwglich, doch ist es bisher durch Vorübcrgänge an der Sonne oder dem Mond nicht bewiesen. Immerhin wäre es wünschcnswerth, wenn auch die Laien(Nicht- fachleute) auf astronomischem Gebiete alle merkwürdigen Er- schcinungen, die ihnen begegnen, möglichst nüchtern beobachten und darüber an Sternwarten oder astronomische Vereinigungen berichten. Die Kcnntnitz vieler meteorischer und atmosphärischer Vorgänge, die gegenwärtig noch recht gering ist, könnte dadurch nur gefördert werden.— B. Borchardt. Kleines Feuilleton. — Der Vogclmord in Italien. Zu diesem Thema erhält die„Frankfurter Zeitung" eine weitere Zuschrift aus Rom, aus der wir das Folgende entnehmen: Die römische Küste � betrieb(auch bevor die„roecoli" hier eingeführt wurden) den Massenfang ebenso gut, Ivie die Provinz der Märken. Außer dem Wachtelfang an der Küste giebt es auch den„Fang am Brunnen". Wasser ist be- kanntlich in der Kampagna selten. Um die wenigen Brunnen vcrsnnmielt sich daher Abends viel gefiedertes Volk. Plötzlich schlägt über dem Brunnen ein Schlagnctz zusammen. Was diese Mörder übrig lassen, fällt den Jägern zu», Opfer. Die Jagd in der Kampagna ist frei; wer die Jagdsteuer zahlt, kann Alles schießen, was kreucht und fleucht. Vom Kreuchenden existiert aber nichts mehr, und so geht es auf die Vögel los. Darum ist auch die Kampagna so still, lautlos still. Was an Sonntagen auch nicht Alles zur Jagd hinauszieht! Proteste nutzen nichts; denn auch die gebildeten Römer spotten über die„Sentimentalität" der Nordländer und behaupten, Singvögel am Spieß gebraten seien die höchsten Leckerbissen einer römischen Tafel. Der unsinnigen Raub- jagd haben wir es auch zu verdanke», daß Obst in Rom ein Luxus- arlikel ist.— c. Der Ursprung des NamcnS„John Bnll" für die eng- lische Nation ist eine Frage, für die trotz vieler Versuche eine end- giltige Lösung noch nicht gefunden ist. In dem soeben erschienenen „Archiv für das Studium der neueren Sprachen" wird nun eine neue Hhpothcsc darüber aufgestellt, die viel für sich hat. Der Name„John Bull" taucht zum ersten Male auf in der bekannten politischen Satirc von Arbnthnot:„Die Geschichte von John Bull" aus dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Da eine frühere Quelle für de» Namen nicht aufzufinden ist, so wird Ivahrscheinlich Arbnthnot selbst die Erfindung zuzuschreiben sein. Wie er dazu kam, läßt sich aber folgendcrriiaßen erklären: Eine Hauptfigur der Satirc ist „Nie. Frog", der Frosch,(der de» Holländer darstellt. Daß Holland als eine Art von Sumpf mit vereinzelten trockenen Stellen«nd die Bewohner als amphibienartige Geschöpfte aufgefaßt werden, war namentlich in der französischen Literatur damals ganz gewöhnlich. Arbnthnot war mit dieser gut bekannt, hat also auch wahrscheinlich die Fabeln von Lafontaine gekannt, da sie auch im Ausland einen großen Erfolg hatten. Die dritte Fabel des ersten Buches handelt nun von dem Frosch, der sich ebenso groß machen will wie der Ochse. Arbnthnot, der ja den Spitznamen„Frosch" ans die Holländer anwandte, kann durch diese Fabel sehr wohl auf den Gedanken ge- bracht sein, den Nanicn„Ochse", Bull, auf sei» eigenes Volk a»zu- wenden, um das Größenverhältniß zwischen Holland und England zu charaklcrisiren. Bei der politischen Tendenz seiner Satire wäre diese Deutung wohl möglich.— Mufik. AuS der Woche. Die Räumlichkeiten, in denen wir unsere Knnsteindrücke empfangen sollen, tragen weit mehr, als es zunächst scheint, zur VoNkommenheit dieser bei. Am schlimmsten ist es, wenn sie zu groß sind; die Grenze, an der sie anfangen zu klein zu sein, schlvankt hinwieder nach dem Bedürstiiß. Für eine genügende Zahl und für eine richtige Größenvertheilung der Konzertsäle zu sorgen ist. zumal in einer Stadt des musikalischen Ueberflnsses ivie Berlin, eine dringende und dankbare Aufgabe. Von diesen Er- wägungen aus wurde die Neu-Ausslattung unseres umfangreichsten, leider noch immer etwas„winkligen" Konzertgebäudes, der Philharmonie, gekrönt durch die Herstellung des neuen Beethoven- Saales in ihr. Am 2. und 3. d. M. fand unter Aufbietung alles „gesellschaftlichen" Glanzes seine„Einweihung" statt, eine von vorn herein außerhalb der Kritik stehende Angelegenheit. Vom nächsten Tag ail begann dort die Reihe der AlltagSkänzerte ebenso gedrängt wie in den übrigen Sälen— bereits ein Beweis des Bedürfnisses nach einer solchen Ergänzung. Das erste dieser Konzerte war der Klavier-Abend von Moritz Maher-Mahr, am4. d. M. Der Saal reicht über die Mittelgröße eines Konzertsaales hinaus, tu weist sich jedoch als gut akustisch und wird dies wohl bei höherem Alter noch mehr werden. Seine geräumigen Sitze und die zahlreichen Eiugangsthllren an jeder Längsseite, die freilich den Uebelstand eines kühlen Zuges mit sich bringen, verdienen noch besondere Anerkennung; die künstlerische Ausstattung blieb allerdings in manchem Unechten befangen. In jenem Konzert hörten wir(bei Mitwirkung von A. W i t e k und H. G r ü n f e l d) das ziemlich neue Eis-rnoll-Trio von P h. Scharwenka, ein gut gemachtes und im letzten Satz auch eigenkrästig anmuthendes Werk, und dann auS Schümanns„Kreisleriana" die zweite Nummer, die unseres Erachtens denn doch beträchtlich anders vorgetragen werden müßte. Ist eS die Berliner Atmosphäre, die selbst tüchtige Spieler da ver- sagen läßt, wo etwas wie eine andere,„mystische" Welt beginnt? Tags darauf war dort der erste, der Beethoven-Abend des„Bö'hmi- schen Streichquartetts"; nach dein, was über diese Ver« einignng längst bekannt ist, und was unser Vertreter von jenem Abend berichtete, können die noch folgenden Abende jedenfalls dein Besuch em- pfohlen werden. Gleiches gilt von dem„Klavierhumoristen" O. L a m- borg, der am 2. d. M. im Bechstein'schen Saale auftrat und am nächsten Sonntag seine Kunst und seine Künste noch einmal wirken lassen ivird. Mit besonderer Anerkennnng spricht unser Vertreter von T i l l y K o e n e n, die am 3. d. M. im selben Saal ein inter- essautcS nnb gut verzeichnetes Programm sang; sie sei weitaus eine der tüchtigsten der in letzter Zeit aufgetretenen Sängerinnen. Von diesem, einem der kleinsten unserer Konzertsäle wenden wir uns zu dem wohl kleinsten. dem im Römischen Hof. Dort hörten wir am 8. d. M. die Vorträge auf zwei Klavieren von Louis und Susanne Ree. Beide spielten gut und niit der in dieser Spiel- gattnng naheliegenden. vielleicht zn großen Zurückhaltung; so gut ivie neu war wohl eine„Suite chanipbtre" von Louis Roe, in gefälliger, vorwiegend älterer Kompositionsweise, aber echt«zwei- klavicrig" angelegt. Auch ein Rezitator, von der Ropp, machte seine Sache gut. Vom kleinsten in den größten Saal, in die eigentliche„Phil- Harmonie" I Der richtige Raum für moderne Orchestermusik. Im 6. Philharmonischen Konzert vom 9. d. M., dessen Probe am 8. wir hörten, kam von dem durch den„Verein zur Förderung der Kunst" wiedcrentdeckten und aus dem freiwillig aufgesuchten Arbeiterstand zurückgeholten jungen Komponisten K a r T G I e i tz seine noch ungedruckte„Fata Morgans", eine„symphonische Dichtung", eine Progrnnmmlusik, aber in der geläufigen Symphonienform und ohne die Absicht der Einzelmalerei. Das' Werk ist jedenfalls eine werthvollc und ursprüngliche Leistung, auch mit viel Wohlklang; die reichliche Füllung der Holzbläser trägt dazu noch besonders bei. Der Erfolg war damals beträchtlich, allerdings mit Zischen gemischt; doch schienen es die Zischcr mehr auf Ulk als auf eine aus tiefer Ueberzeugung kommende Behütung der Kunst abzu- sehen. Daß d'Albert's Klavierkunst, zunächst mit seinem ein- sätzigcn E-dur-Koiizert, wieder großartig wirkte, braucht wohl nur erwähnt Iverden. Recht ungeeignet ist hingegen dieser weite Saal für Kammer« musik und lyrischen Gesang. Der Ton verliert sich wie hinter einen Schleier, selbst wenn ein G u r a singt. Aber doch erhöhte sein Lieder- und Balladen-Abend vom 3. d. M. wieder die Freude, mit der wir für März seinen drei populären Abenden entgegensehen. Nur möge das Publikum, auf das anscheinend ein solcher Saal ebenfalls ver- gröbernd wirkt, nicht wieder das Nachspiel des am Klavier Mit- wirkenden, des würdigen zweiten Ich von Gura, deS Professors Heinrich S ch w a r tz. niedcrklatschcn. Pfui l— Auch das letzte populäre Konzert der Kanimermnsik-Vcreinigung Barth u. s. w. am 5. litt unter der Raumweite; selbst Schubcrt's Oktet, von ersten Künstlern und in getreuer Vollständigkeit gespielt(der 2. Satz wohl z» langsam), erreichte unseres Erachtens nicht den so unsagbar zarte» und seligen Eindruck, auf den es eingerichtet ist. Unser bcst-akustischer, seit Menschenaltern„eingespielter" Saal. die„Singakademie", brachte uns diesmal einen bewährten Cellisten und eine neue Geigerin. Jener, Heinrich Kiefer, mußte wegen Verhinderung eines Mitwirkenden eine Hauptnummer ausfallen lassen; aber schon in dem Konzert von Dvorak bewährte er sich als ein Künstler, der ins Instrument eine Persönlichkeit hinein- zulegen vermag, und auf dessen Wiederkommen wir uns ebenfalls freuen. Seine Gcsangspartncrin, einer der nicht gerade häufigen echten und richtig gebildeten hohen Soprane, Luise B. Voigt, sang leider nur Opcrn-Arien. Daß doch dieser Import in unseren Konzertsälen endlich aufhören wollte!— Anna H e g n e r, die wir am 5. hörten, ist eine gute und sympathische Violinvirtuosin; mit der Zeit werden wohl auch ihr To» und ihr Vortrag größer werden. Auch sie kehrt zu unserer Freude bald wieder. In dem gemiithlich engen Zentral-Theater gab es am 7. Januar einen weiten Ausblick auf einen Fortschritt in der Gattung der Operette.„Die Puppe" von A u d r a n enthält zwar noch manche Leiernummern, überraschte uns aber durch eine dramatisch und insbesondere dialogisch so charakteristische Musik, daß wir zn ihrem großen äußeren Erfolg auch noch den inneren eines musikgcschichtlichen Verdienstes feststellen können. Und M i a Werber als Puppe bedarf nicht erst unseres Lobes, nur unseres Wunsches, diese anstrengende Rolle möge sie nicht zu Grunde richten I— sz. Erziehung und Unterricht. g£. Er müdungs Messungen bei schlv achsinnigen Kindern. Die Wirkungen der Ermüdung durch den Unterricht, die auch bei nonnalen Kindern häufig vorkommen, treten natur- gemäß bei schwachsinnigen Kindern viel stärker auf; oft haben sie epileptische Krämpfe zur Folge. Um nun festzustellen, wie bei dem Unterricht dieser Kinder jede Ueberbürdung vermieden werden kann. hat Dr. Heller nach einem Bericht in der„Zeitschrift für Schwach- sinnige und Epileptische" interefiante Versuche angestellt. Die Versuchs- Personen waren ö Knaben, die sämmtlich leichtere Grade des Schwachsinns aufwiesen. Die Knaben wurden an 3 aufeinander- folgenden Tagen nach dem Stundenplan einer HilfSklassc für Schwachfinnige unterrichtet: 3 Stunden vormittags von 8—11 und 2 Stunden nachmittags von 2— 4 Uhr. Die Messung der bei ihnen auf- tretenden Ermüdungserscheinungen erfolgte zu Beginn des Vor- und Nachmittagsunterrichts und am Schluß jeder Schulstunde. Die dabei angewandte Methode beruht auf folgender einfacher Erfahrung: Setzt man auf eine beliebige Stelle der Haut die zwei Spitzen eines Zirkels, so empfindet man nur bei entsprechender Entfernung der Spitzen deutlich, daß zwei Punkte berührt sind. Werden die Spitzen emander genähert, so kommt man schließlich bis zu einer Grenze, wo die thatsächlich doppelte Berührung nur als eine cm- Pfunden wird. Die Ermüdung beeinträchtigt aber die Fähigkeit, feine Unterscheidungen zu treffen, so daß mit zunehmender Er- müdung die Zirkelspitzen immer weiter von einander entfernt werden müfien, wenn sie noch als zwei Punkte empfunden werden sollen. Die Knaben haben bei den Messungen ihr Urtheil abzugeben, ob fie eine einfache oder doppelte Berührung empfinden. Vergleicht man dann die Entfernungen der Zirkclspitzen von einander, inner- halb deren eine Berrührung im ermüdete» Zustand nicht mehr als zweifach empfunden wird, mit den entsprechende» Weiten, die im ausgeruhten Zustand gefunden wurden, so giebt das Verhältniß dieser beiden Werthe em Maaß für die Ermüduugsgröße. Bei dem ersten Schüler zeigten sich schon am ersten Unterrichtstage starke Ermüdungserscheinungen. Die Ennüdungsgröße steigt beträchtlich in der ersten Stunde(Rechnen), fällt kaum wesentlich in der zweiten sSprachlehre) und setzt hoch ab in der dritten(Heimathlunde). Beim Anfang des Nachmittags-Unterrichts ist die Ermiidnng noch sehr groß und steigt ini' Verlauf desselben bedeutend. Die Pause von 11—2 Uhr scheint also zur Erholung nicht zu genügen. Der zweite Schüler zeigte am ersten Tage keine bedeutende Er- müdung, am zweiten war aber schon zu Anfang des Vormittags- Unterrichtes die Ermüdung sehr groß und nahm fortwährend mit unbedeutenden Schwankungen zu. Achnlich verhielt es sich bei de» anderen. Der Fünfstundeu-Unterricht hat danach, selbst mit einer Unterbrechung von drei Stunden, eine Ueberbürdung zur Folge. Heller ist aber der Ansicht, daß das weniger auf die Länge der Arbeitszeit zu schieben ist, als auf die Vertheilung des Unterrichts- ftoffeS auf Lehrstunden. Er hat mit einem halb st undeniv eisen Wechsel der Lehrgegenstände sehr günstige Erfahrungen erzielt. Der Nachmittagsunterricht müßte nach seiner Meinung am beste» ganz vermieden werden; er ist höchsteus für körperliche Uebungen ge> eignet.-» Aus dem Thi erleben. ie. Von zwei Affen erzählt Dr. James Weir im Londoner .English Mechauic" Folgendes: Bor einigen Jahren hatte sich in der Unigebung von St. LouiS ein Kapuzineraffe eine Verletzung seiner Borderpfote zugezogen und ich wurde gerufen, um ihm einen Verband anzulegen. Während das Thier sich in der Genesung bc- fand, lernte es mich genau kennen und that jedesmal einen ver- gnügten Ausruf, wenn es mich zu Gesicht bekam. Sein Wärter ließ »hn dann heraus, worauf er inein Gesicht mit den Pfoten streichelte und zuweilen laute Aeußerungen der Freude hören ließ. EineS Tages. als ich wieder nach ihm zu sehen gekommen war, wollte ihn der Wärter nicht aus dem Käfig heraus- lassen. Der Affe schien darüber äußerst verwundert und verlegen und setzte sich scheinbar in tiefen Gedanken auf den Boden. Plötzlich that er einen lauten Schrei wie in großem Schmerze und begann in feinem Käfig auf und nieder zu gehen. Dabei hielt er die verletzt gewesene, aber schon seit mehreren Wochen völlig gc- heilte Vorderpfote niit seiner anderen Hand und betrachtete sie mit besorgtem Blick. Sowohl dem Wärter wie mir war sofort klar, was der Äffe wollte: er heuchelte eine neue Verletzung, dninit er zu mir herausgelassen würde. Cr sollte sich auch nicht verrechnet haben und seine Klagetöne hörten sofort auf, sobald er seinen Zivcck erreicht hatte.... In demselben Affenhanse befand sich ein Klainmeraffc, der der glückliche und eifersüchtige Besitzer eines kleinen Metall- spiegels war, den er stets sorgfältig in einer seiner Hände trug. Er schien ihn als einen großen Schatz zu betrachten und war außer- ordentlich besorgt, daß die anderen Affen ihn stehlen möchten. Dr. Weir wollte sehen, wie er sich nun während der Fiitterungszcit verhalten würde, da er stet« mit beide» Händen die Speisen zum Munde zu führen Pflegte und veranlaßte den Wärter, eine Schaale mit Siilch und Brot in den Käfig zu stellen. Der Affe warf einen schnellen Blick auf die Fntterschaale, aber sofort fiel ihm ein, daß er mit der freien Hand gegen die anderen Affen, die mit ihm im Käsig waren, zu kurz kommen ivürde. Er rannte einige Male im Käfig hin und her und machte dann plötzlich Halt, indem er sich die Sache reiflich zu überlegen schien. Plötzlich eilte er ans die Vorderseite des Käfigs, streckte seine Hand durch das Gitter und drückte den kostbaren Spiegel dem Wärter in die Hand. Dann machte er sich ungehindert über die Schaale her und begann seine Backentaschen eifrig mit beiden Händen zu füllen.— Meteorologisches. Eine merkwürdige Uebereinstimmung in ihrer jährlichen Regenmenge zeigen die drei Hauptstädte Paris, Wien und Berlin, die, klimatisch betrachtet, doch manche beträchtliche Verschieden» heilen aufweisen; für diese drei Orte beträgt die jährliche mittlere Rcgenhöhe in Millimeter bezw. 579, 574, 574. In den Alpen ist die Menge der Niederschläge am stärksten; darunter leiden natürlich auch die dort gelegenen Kurorte. Lugano's Regenmenge beträgt das Dreifache derjemgen der norddeutschen Tiefebene. Wenn alle Niederschläge, welche die Alpen treffen, die Gestalt von Wasser hätten und nicht zum großen Theile Schnee wären, dann würde die lombardische Ebene wohl niemals das fruchtbare Gelände sein, das sie heute ist. Nach angestellten Berechnungen geben die Gletscher der Alpen im Sommer täglich über vier Millionen Kubikfuß Wasser ab; dazu kommt das Abschmelzen der Schnccfelder, lvelchcs schneller vor sich geht und zur wärmeren Jahreszeit das Auschivellen der Flüsse hervorruft. Von Letzterem ist wiederum die Po-Ebene ihrer Lage nach am unmittelbarsten heimgesucht. Während die Alpen sich nach Norden, nach Deutschland hin allmälig abdache», fallen sie steil nach Italien zn ab; die Schnielzlvässer stürzen also auch schneller und massenhafter dem Po zu. Dabei wirken die aus einstigen Gletschcrfurchen entstandenen oberitalienische» Seen wohlthätig, in- dem sie als zurückhaltende Reservoire wirken. Der Tcsjin würde seine zur Ueberschlvcinmnugszeit auf 5400 Kubikmeter bemessene Wasserabgabe in der Sekunde an den Po bedeutend steigern köinien, wenn nicht der Logo Maggiore mäßigend einwirkte. Zum Vergleiche sei bemerkt, daß der Tiber bei höchster Ueberschtvemmung gegen 2000 Kubikmeter in der Sekunde dem Meere zuführt. Aus diesem einen Beispiele ergicbt sich schon zur Genüge die reiche Wasser» Versorgung des Po, der denn auch bei der nur halben Länge des Rheines diesem deutscheu Strome an jährlicher Wassersülle gleich- kommt.— Hmnoristisches. — Boshaft. Käufer:„Haben Sie das Buch:«Der kürzeste Weg zum Reichthum?" Buchhändler:„Gewiß— hier ist es. Wünschen Sie viel» leicht auch diese»„Auszug aus dem Strasgesetzbnch?"— l. Jugend'.) — Gin Vorschlag. Arzt:„Nim Hab' ich schon alle Mittel vergeblich versucht, und nichts will nützen!" Patient:„Wie wär's, Herr Doktor, wen» Sie'mal mit der Behandlung aussetzen würden?"— Notizen. — Der diesjährige internationale Pressekongreß wird vom 4. April ab in Rom tagen.— — Von der Leitung des Wiener Bnrg-Theaters ist die E r st a u f f ü h r u n g von Gcrhart H a u p t in a n n' s„Fuhrmann H e n s ch e l' auf de» 19. Januar festgesetzt worden.— — Von dem Vorstand dcS Vereins Berliner K ü n st l e r geht den Berliner Blättern die Erklärung zu, daß die Herr» von Werner zugeschriebenen Aeußerungen von diesem Iveder dem In- halt noch der Fonn nach gethan sind.— — Neue Ausstellungen: Im Kunstsnlon Schulte haben jetzt die Münchener„XXlV" znm vierten Male eine Ausstellung veranstaltet.— Eine Samnilnng von Gemälden der H e r m i o» e von P r e n s ch e n ist in dem Hause Potsdamerstr. 129 ausgestellt.— Anfang Februar wird in den Räumen der Ata- d e in i e. Unter den Linden, eine„Ausstellung für k ü n st l e r i s ck e Photographie" eröffnet.— Zum B e st e n der Hauspfleg e haben eine Anzahl Künstler, z. B. Block, Frau Begas- Parmcntier, Dora Hitz, Frau Hedinger, Hans Hermann, Koiier, Frau Koner, Liebermann, Lederer, Lcistikow, Mcyerheiiu, Franz und Cornelia Paczka, Rcinhold, Sicmcring. Sknrbina, Stöving, Hugo Bogel sich bereit erklärt, ihre Ateliers d e m P u b l i k n m zu bestimmter Zeit zugänglich z n machen. Zu demselben Zweck gestatten auch eine Anzahl Kunstfreunde an gewissen Tagen die Besichtigung ihrer Sammlungen.— — Zur Förderung der bakteriologischen Forschung in England hat Lord Jvcagh dem„llsnner Jnstjtutv of Preventive Medicine" 5 Millionen Mark geschenkt.— — Zur Beobachtung deS L e o n i d e n st c r n s ch n« p p e n- fall« wird von der Wiener Akademie der Wissenschaften am 15. November d. I. eine Expedition nach O st in dien cnt- sandt werden.— — In den norwegischen Vogteien Stjör- und Vaerdal, sind im Jahre 1898 nicht weniger als 48 Elche zur Strecke gc- bracht worden. Das häufig befürchtete Aussterben dieser seltenen Thiere steht also im hohen Norden noch in weiter Ferne.—_ .Verantwortlicher Redalteur: August Jacobey in Berliu. Druck und Verlag von Max Babing m Berlin.