Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 8. Mittwoch, den 11. Januar. 1899 (Nachdruck uerdoten.) Herrn �ickendrnth s ZAenfionöre. L�I Roman von O. Eugen Thosfan. Aber, wie man so sagt, man ließ Gott einen guten Mann sein. Das war er ja wohl auch. Er ließ es nun schon so viel tausend Jahre gehen— es ging ja auch zur Zufrieden- heit. Der Staat war ja da, und die Gesetze— und schließlich hatte die 5tirche ja auch ihr Gutes, für die kleinen Leute, für die Annen und weniger Gebildeten. Für die war es eine wahre Wohlthat, daß so was existirte. Aber selbst machte man sich um die Kirche so wenig Mübe wie möglich. Bei offiziellen Gelegenheiten. Hochzeiten, Kindtaufeu, da mußte die Kirche dabei sein. Das war nun einmal so bei anständigen Leuten. Da lud man auch den Pastor ein und unterhielt sich mit ihm. Die Leute waren ja auch so ganz nett, wenn sie unter Menschen waren; da konnte man einen sehr hübschen Schwatz mit ihnen halten. Aber wenn sie auf der Kanzel standen— nee, lieber nicht! Seit Menschengedenken war Herr Zickcndrath nicht zur Kirche gegangen. Mit Ausnahme des Charfreitags, da ging er selbstverständlich mit der Familie zur Kommunion, das war eine uralte Ueberlieferung. Aber das mußte nun anders werden, unbedingt. Der Direktor hatte unheimlich viel von der religiösen Erziehung geredet. Er hatte ja auch recht. Eine Jugend ohne Religion, eine Erziehung ohne Religion, das war ein Unding. Kinder und junge Leute mußten zur 5cirche. Und wenn man zu ihrem Erzieher bestellt war, dann mußte man niit. Am Sonnabend endlich brachte er eS heraus, nachdem er die ganze Woche dran gewürgt hatte. Es war zu dumm, aber er schämte sich. Und sagen mußte er es doch einmal. „Ich halte das so in meiner Familie: alle vierzehn Tage wird zur Kirche gegangen. Ich verwehre es natürlich keinem, tvenn er jeden Sonntag gehen will. Aber alle vierzehn Tage, das ist so unser Satz. Und dabei wollen wir's lassen." Die Mutter und Mannt hatten keine Zeit, sie waren in der Küche festgehalten. Aber Herr Zickendrath war Mannes genug, sie zu vertreten. Er zog den Bratenrock an, setzte den Zylinder auf und schob das Gesangbuch unter den Arm; es war zwar ein altes, das nicht mehr im Gebrauch war, sie hatten vor mehreren Jahren ein neues eingeführt. Aber das schadete nichts. Singen war überhaupt nicht seine Passion. So ging er ab, begleitet von seinen Pensionären. Es war ihm doch lieb, daß ihn hier draußen niemand von früher kannte. Die Spotwögel unter seinen alten Freunden würden schön gelacht haben, wenn sie ihn so gesehen hätten. Es sah ihn aber keiner. Am Sonntag drauf schien niemand ein Bedürfniß zum Kirchgang zu haben. Um neun Uhr lag noch alles in den Federn. Das brachte ihn auf einen gloriosen Gedanken. Schleunigst zog er sich an. „Nanu rief seine Frau erstaunt, als sie ihn schon wieder im schwarzen Staat erblickte.„Schon wieder in die Kirche?" „Ja," antwortete er kurz.„Der Supperndent predigt heute." Und schob ab. Als er die Straße hinter sich hatte, bog er links ab, nach dem freien Felde. Es war zu schön, so in der Frühe draußen zu sein! Schließlich konnte man da auch seinen Gottesdienst halten in der Natur. Als er eine Stunde umherspaziert war, wurde es ihm langweilig. Ob es denn nicht bald läuten wollte zum Vater- unser? Der„Supperndent" machte es aber lange. Langsam schlenderte er wieder der Stadt zu. Und wie er eben um eine Ecke bog, kam ihm Emil entgegen. Er wäre am liebsten weggelaufen. Wenn er nur das dumme Gesangbuch nicht gehabt hätte l Zu fatal! Was brauchte der Esel auch hier herumzustromern. Konnte der nicht zu Hause etwas arbeiten? Nöthig hatte cr's doch wahrhaftig. War zu Ostern erst sitzen geblieben, und wer wußte, was das nächste Mal geschah I Ein richtiger Bummler, Tagedieb l Emil war sehr erstaunt.„Ich dachte, Sie wären in die Kirche," sagte er. „Und ich dachte. Du säßest auf den Hosen und arbeitetest,� antwortete Herr Zickendrath im Tone ernsten Vorwurfs. „Ach nee, am Sonntag! Ich habe alle meine Arbeiten schon gestem gemacht." „Elender Bengell" dachte Herr Zickendrath.„Wenn eS nur wahr ist I" Aber sagen ließ sich nicht gut etwas. Er war eben hineingefallen. Das sollte ihm aber eine Lehre sein. So was Unangenehmes! Und daß Emil es den anderen brühwarm überbrachte, darauf hätte er die Hand ins Feuer gelegt. Ver- flucht! Und alles wäre nicht passirt, wenn's der dämliche „Supperndent" ein bischen kürzer gemacht hätte.„Ich sage ja — die Pfaffen I" V. Es war ein Element im Hause, das Herrn Zickendrath's erzieherischen Absichten hinderlich war. Darauf hätte er schwören mögen, wenn er es auch nicht direkt beweisen konnte. Und dieses Element war der Kantor emsritus Tripps. Schon— wenn ein Mensch den Titel nicht hören mag, der ihm von Rechtswegen zukommt, das ist schon bedenklich. Der alte Kerl konnte sackgrob werden, wenn man ihn mit „Herr Kantor" anredete. „Ich heiße Tripps," Pflegte er dann zu sagen,„Emmanuel Tripps. Das ist ein sehr schöner Name, und ich bin vollkommen damit zufrieden. Weshalb sie mir noch den Titel zu- gelegt haben, das weiß der liebe Gott und das Ministerium. Ich habe in meinem Leben keine drei Töne Hintereinder richtig singen können." Um seine Mißachtnng noch deutlicher zu zeigen, hatte er seinem Hunde, einem ruppigen, schmutziggelben Pintscher, den Namen„Kantor" gegeben und rief ihn damit vor allen Leuten au. Wenn er ganz besonders sarkastisch aufgelegt war, sagte er sogar zu dem Köter:„Na, warte nur, mein Hündchen! Wenn wieder Herzog's Geburtstag ist, wirst Du Kollaborator." In Wahrheit �wollte er mit dieser Schimpfimng seines Prädikats nur der Regierung etwas am Zeuge flicken, � die es ihm verliehen hatte, als sie ihn pensionirte. Denn bei dieser Penfionining war es nicht ganz mit rechten Dingen zu-' gegangen. Was eigentlich dahinter steckte, wußte niemand mit Be- stinnntheit zu sagen. Die Leute erzählten sich, er habe damals gehen müssen, weil er bei einer Trauung in der Kirche statt eines Chorals den Donauwalzer aus der Orgel intonirt hätte. Das war aber natürlich dummes Zeug. Thatsache war, daß er sehr früh, schon mit fünfzehn Dienstjahren, in den Ruhestand versetzt worden war, ob- gleich ihm nicht das Geringste fehlte. Er war gesund wie ein Fisch im Wasser, trotz seiner lächerlichen Abneigung gegen alles, was frische Lust hieß. Frische Luft und Zugluft, das war für ihn ein Begriff. Niemals durste in seiner Gegenwart ein Fenster geöffnet werden. Und wenn er ausging, trug er an den wärnisten Sommertagen einen wollenen Shawl um den Hals und hielt sich unausgesetzt ein Taschentuch vor den Mund. Er ging aber überhaupt nur selten aus. Fast den ganzen Tag saß er oben in seinem Thurm, qualmte und be- trog den Staat um sein Geld, wie Herr Zickeudrath sich aus- drückte. Denn er brauchte jedenfalls nicht mehr für seine Person, als seine Pension betrug. Obgleich er viel besser hätte leben können, wenn er gewollt hätte. Er besaß ein recht hübsches Vermögen, von dem er kleine Kapitalien an Bekannte aus- lieh. Und die Buchführung über diese kleinen Geldgeschäste. die er mit peinlicher Genauigkeit betrieb, war seine einzige Arbeit. Im Uebrigen ging er umher und machte sich über alle Welt luftig. Ueber alles, was anderen Leuten heilig und unantastbar war, lachte er. Oder vielmehr— er lächelte nur darüber. Seine Opposition, die sich gegen alles Bestehende richtete, war nie gewaltsam und lärmend, sondern still und halb versteckt, wie sein ganzes Maulwurfsdasein. Und zu dieser seltsamen Kreatur fühlten sich die Zicken- drath'schen Pensionäre wie an unsichtbaren Stricken hin- gezogen. Stundenlang saßen sie im Thurm, und das laute lustige Gelächter, das von Zeit zu Zeit herunter scholl bewies, daß sie sich unbändig wohl da oben fühlen mußten. Herr Zickcndrath zerbrach sich lange Zeit den Kopf darüber, was sie wohl an diesem Umgang Verführerisches finde» möchten. Die miserabeln Zigarren, die der alte Kerl rauchte, konnten sie doch unmöglich locken. Außerdem war er noch nicht einmal freigebig damit. Wie er denn überhaupt knickerig war. jNur was das Mittagbrot anging, da machte er Ansprüche, da spielte er den Feinschmecker und ließ sich's etwas kosten. Deshalb hatte er auch mit Mutter Zickendrath innigeFreundschaft geschlossen. Aber das hätte Herrn Zickendrath weniger genirt. Daran war er gewöhnt, daß seine Sympathien und diejenigen seiner Frau auseinander liefen. Sie war ja auch eine alte Person, und ihr konnte des Kantors boshafte Weltbetrachtung keinen Schaden mehr thun. Aber die Jungen! Die konnten geradezu vergiftet werden. Wenn er nur gewußt hätte, was sie trieben bei ihren täg- lichen Zusammenkünften l Zuletzt hatte er sich entschlossen, einmal zu horchen. Das konnte ohne jede Gefahr der Ent- deckung bewerkstelligt werden. Er brauchte sich nur auf dem Spitzbodcn hinter die angelehnte Thüre zu stellen; dann hatte er des Kantors Stubcnthüre gerade gegenüber. Dazwischen lag nur ein ganz schmales Stück Korridor, und die Thüren schlössen überall im Hause nicht luftdicht. Anfänglich hatte er geglaubt, unter völlig fremden Menschen zu sein. Dann war er dahintergekommen, daß sie alle mit verstellten Stimmen sprachen. Und zwar inlitirten sie ihre Lehrer. Er erkannte sie alle wieder, nachdem er sich erst daran gewöhnt hatte. Er kam sich vor, als ob er im Theater wäre. Namentlich Gustel war groß in der Nach- ahmung des alten Professors Schmale. Wie er dessen künstlich gerundete Kloßtöne herausbrachte und jeden Satz mit dem stereotypen„Da iveiter!" beschloß, das hätte den Professor selbst an seiner Identität irre machen müssen. Und der Kantor that mit, als ob er dazu gehörte. Er hatte es besonders auf den Direktor abgesehen. Herr Zicken- drath mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht herauszn- platzen. (Fortsetzung folgt.) lNachdruck verboten.) Ein TVohlthÄkev! Bon Richard Schreiter. .Kästner 1� .Donncrlvcttcr, Herr Kästner, hören Sie denn nicht, Sie müssen doch reineweg schlafen. Zum dritten Male rufe ich sie, und Sie geben keine Antwort. Was ist das für eine Wirthschaft in letzter Zeit mit Ihnen. Sie träumen mit offenen Augen den lieben langen Tag. Wie steht's mit dem Auftrag, den ich Ihnen gestern früh erth eilte?" „Entschuldigen Sie tausendmal, Herr Rath, daß ich Ihrem Rufe nicht gleich Folge leistete. Ich war gerade bei dem Zusammenziehen der Außenstände, also bei Ausführung Ihres Befehls von gestern früh, und wollte soeben mit der Liste der säumigen Zahler m ihrem Privatkomptoir erscheinen." „Das ist gar keine Entschuldigung. Die Arbeit konnte schon gestern Mittag fertig sein, Sie haben ja so den ganzen geschlagenen Tag nichts zu thun. Im übrigen zeigen Sie mal her. was Sie gemacht haben. Höchst wahrscheinlich blos wieder die Hälfte, wie gewöhnlich." � Während dieser Worte riß er dem bor ihm Siehenden, der bereits bei den ersten Worten seines gestrengen Chefs zusammen- geknickt war, das Verzeichniß der säumigen Schuldner ans der Hand. Kästner wußte es, Widerspruch duldete fein Herr Chef nicht, auch wenn er gleich noch so im Unrecht war. Einen einzigen schüchternen Versuch hatte er einmal gewagt, ihn, zu widersprechen. Auf der Stelle hatte man ihn entlassen und mitleidslos auf das Straßenpflaster geworfen, ihn, den einarmigen Krüppel— und nur vieles Bitten und Flehen hatten endlich den Herrn Rath betvogen, ihn wieder in seine alte, nicht gerade gut dotirte Stellung einrücken zu lassen. „Kästner." hatte er damals in barschem Tone zu ihm gesagt, „ich war bisher gut, zu gut mit Ihnen, das werden Sie wohl eingesehen haben, denn außer mir würde es niemand einfallen, einen Mann zu beschäftigen, der nicht das Salz in die Suppe verdient. Ich habe es nur Ihrer Familie zu Gefallen gethan, weil ich Mit- leid mit ihrem Elend hatte. Mit meiner Nachsicht Ihnen gegenüber ist es vorbei. Ihnen fehlt blos der gute Wille und die nöthige Lnst zum Arbeiten. Also geben Sie sich in Zukunft etwas mehr Mühe und strengen'Sie sich ein wenig mehr an. De» jungen Mann, der' bis jetzt die wenige Arbeit mit Ihnen gethcilt, habe ich entlassen, weil ich nicht Lust habe, zu gleicher Zeit zwei Faullenzer zu bezahlen". Bei dem Worte„Faullcnzer" hatte es ihm damals in dem rechten Arm gezuckt, aber er hatte sich bezwungen! es hätte ihm ja doch nichts genützt. Ja, Ivcnn er zwei Arme gehabt hätte; aber so, er— ein einarmiger Krüppel? Und so war es gebliebe» bis auf den heutigen Tag. Kästner mußte die Arbeit, die vielleicht für drei Mann vollständig gereicht hätte, ganz allein thun. Was er am Tage bei angestrengtester Arbeit nicht fertig zu bringen vermochte, machte er in der Nacht. Er war es seiner zahlreichen Familie schuldig, auszuharren auf diesem verlorenen Posten, denn dieser brachte wenigstens noch so viel ein, um dem furchtbaren Gespenst des Hungers zu entgehen, das schon so oft in seinem Leben seine dürren Krallen verlangend nach ihm ausgestreckt, von seiner Familie fernzuhalten. An die so viel in der Ocffentlichkeit gepriesene Wohlthätigkeit seines Chefs glaubte er schon längst nicht mehr, er war eines Besseren darüber belehrt, aber er mußte schweigen, er gab ihm ja Lohn und Brot, zwar bitteres Brot, aber doch Brot. Alles dies zog mit Blitzesschnelle an seinem Geiste vorüber, während der„Herr Rath"— anders durste man ihn nicht mehr nennen, seitdem er diesen Titel anläßlich einiger wohlthätigcn Samm- lungen erhalten— mit finsterer Miene die Lifte der Schuldner musterte. „Wie gesagt, Herr Kästner, blos wieder die Hälfte haben Sie aus dem Hauptbuche herausgezogen. Genau wie ich mir's gedacht habe." Erschreckt fuhr Kästner ans seinein Hinbriiten empor. „Ich könnte mich nicht besinnen, jemand vergessen zu haben", stammelte er endlich mit fichtlicher Mühe hervor. „Daß Sie sich ans nichts besinnen könne», das ist'S eben. Nun ich Ivcrde Ihr Gcdächtniß wie gelvöhnlich cttvas ausfrischen! Da fällt mir z.B. der Nanic Sauer ein. Wo steht der auf der Liste? he! Sie brauchen mich nicht so verdutzt anzusehen... jaivohl, Sauer, sogar Witttvc Snncr, wenn es Ihnen angenehm ist, Herr Buchhalter. Nun reden Sie doch I Sie haben lvohl auch die Sprache verloren?... Die Person meine ich, die hier händeringend und weinend vor mir. vor uns Beiden stand und ein langes Lamento anstimmte von Gott weiß alles! deren warmer Befürworter Sie waren, ja Sie; der ich endlich, als mein gutes Herz mit meinem Verstand durchging, einige Hektoliter Kohlen vcr- abreichcn ließ— natürlich ohne einen Pfennig Geld; der Sie, schon wieder Sie,»rein Herr Kästner, noch einen Hektoliter mehr aufladen ließen, natürlich nur ans Versehen— das kennen wir schon— und den Sic nachher aus Ihren Mitteln ersetzten. Na, Sic können sich so etwas schon leisten, Sic habcn's ja— aber ich, ich will wissen, wo der Name Sauer geblieben. Nun, heraus mit der Sprache!" „Herr Rath, Sic iverden sich doch erinnern, daß die Wittwe Sauer erst vor einigen Tagen ein Bittgesuch an uns gerichtet hat, worin sie in rührenden Worten Sic anfleht, ihr noch vier Wochen Zeit zu gewähren, da sie das Unglück verfolgt und jetzt ihre Kinder krank darniedcrliegcn. Das Geld für die Kohlen hat sie in die Apotheke tragen müssen und das, was sie verdient, langt jetzt knapp zu, um das Leben zu fristen." „Ach was, ich kenne meine Pappenheimer besser. Man kennt mein gutes Herz für die Annen, und fo sucht man mich auf jede nur irgend mögliche Art und Weise zu beschwindeln. Das muß ein Ende nehmen, sonst gehe ich schließlich noch an meiner Wohlthätigkeit zu GrUnde.... Also verstehen Sic, Kästner, die Fran Sauer mahnen Sic nicht und antlvorten ihr auch nicht auf ihren Bettelbrief, die ivcrde ich direkt verklagen, und Sic sollen sehen, ein paar Stunden später, nachdem sie die Klage erhalten, haben wir unser Geld. Dieses Bettelpack will nur nicht bezahlen. Das ivar schon immer ein probates Mittel und wird auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlen. Kapirt!" „Gewiß, Herr Rath!" „Nun noch eins. Vorhin, als ich an unserem Kohlenlager vor- übersiihr, fiel mir auf, daß sich eine Menge verdächtiges Gesindel, zerlumpte Knaben und Mädchen, dort herumtreibt, das neugierig und niit frechen Blicken mich anstarrte. Kohlensäcke, halb gefüllt, standen hier und da herum. Ich glaube gar, das Gesindel bestiehlt mich am hellen Tage I Was hat dieses Bcttlcrvolk dort zu schaffen? Wissen Sic vielleicht cttvas Näheres darüber „O ja! Herr Rath, da kann ich Ihnen mit genancni Bescheide dienen. Das Eine tvill ich vorausschicken, man bestiehlt Sie nicht im geringsten, auch ist es keineswegs Gesindel, im Gcgenthcil, cS sind nur armer, aber ehrlicher Leute Kinder, die sich zu dem Zwecke am Kohlenlager aufhalten, um die Kohlen, die während der Fahrt vom Wagen herabfallen, zu sammeln, um sie nach Hause zu bringen und so sich und den Ihrigen auch das Angenehme einer warmen Stube zu verschaffen." „Ich verstehe Sie nicht so ganz. Herr Kästner, Sie sprechen doch wohl von Kohlen, die von meinen Wagen fallen. Nicht wahr?" Kästner nickte bestätigend mit dem Kopfe. „Aber sagen Sie mir blos, wie ist es in aller Welt möglich, Kohlen vom Wagen zu verlieren? Säcke voll, wie ich mich selbst überzeugt habe. Wird bei mir so lüderlich gcladeu, daß die halbe Stadt, wenn Sie umsonst feuern tvill, nur hinter meinen Kohlen- tvagen her zu laufen braucht? Und dies Alles unter Ihrer Aufficht? Bitte, wollen Sie mir darauf antlvorten?" „Herr Rath, Sic haben mich mißverstanden, wenn ich mich so ausdrücken darf. Es handelt sich hier nicht»im eine Menge von Kohlen, sondern nur um ganz vereinzelte Stücke, oder besser gesagt, Stückchen, die unfehlbar zu Staub zermalmt lvürden auf den be- lebten Sttaßen, wenn sie nicht von den fleißigen Händen der Kinder mit Eifer aufgelesen und abends im Triumph den darbenden Elten« als kleine Beihilfe zur Linderung der Noth ins Haus gebracht werden.* .Genug davon, Herr Kästner. Sie können dies Volk soviel und so warm vertheidigen, wie Sie wollen, Diebstahl ist und bleibt es, so und auch so. Von morgen früh ab fährt mir kein Wagen aus dem Hofe, von dem auch nur eine einzige Kohle herabfällt. Ihre Stellung hängt davon ab, Sie mache ich verantwortlich, nicht die Arbeiter, die da Kohlen laden. Verstanden I Vor allen Dingen schaffen Sie mir die widrige Brut vom Halse, die von Früh bis Abends die Kohlenschuppen und unser Haus umlagert.* .Ich werde Ihren Wunsch zu erfüllen suchen, Herr Rath.* Der„Herr Rath" wandte sich zum Gehen. .Bitte, noch einen Augenblick, Herr Rath. Es ist noch ein Schreiben von der Armenbehörde eingegangen mit der Anfrage, ob Sie— ob der Herr Rath wieder wie das vorige Jahr der Stadt Kohlenzettel zum unentgeltlichen Kohlenholen für Anne zum Geschenk machen wollen." .Wie Sie da nur noch fragen können, Kästncrl So was versteht fich von selbst. Schreiben Sie die dreifache Zahl wie im Vorjahre, man soll sich in mir nicht getäuscht haben, das bin ich meinem Rufe schuldig. Im Ucbrigeu passen Sie genau auf. das; zum Verschenken die schlechte Kohle genonimen wird und keine Kohle übers Mast hinaus aus dein Hause kommt, lind sollte gerade etwas im Hofe oder Schuppen zu thun sein, wenn so ein Almosenempfänger kommt, — und Sie wissen ja, zu thun giebt es in einer grosten Kohlen- Handlung immer— so spannen Sie ihn ein und lassen ihn mehrere Stunden arbeiten. Aber»lachen Sie es nicht so öffentlich, Sie ivisscn ja, wie Sie's zu nehmen haben. Sie lassen die Leute warten, haben augenblicklich keine Zeit, und sorgen dafür, dast ihnen so durch Zufall ein Besen, eine Schaufel, ein Beil oder so irgend etwas in die Hände geliefert wird. Haben sie nach Ihrer Meinung lange genug mit diesen In- strumentcn hantirt, so geben Sie ihnen die Kohlen. Aber lvie gesagt, machen Sie es heimlich, dast niemand etwas merkt, sonst kommen zum Schlust»och solche Narren, und deren giebt es leider heutzutage genug, welche behaupten, ich mache mit meiner Wohl- thntigkcil noch ein glänzendes Geschäft. Und das dem nicht so ist, wissen Sie am besten. Nicht lvahr, Herr Kästner?* „Ja!" versetzte dieser seufzend und verabschiedete sich mit einem „Guten Morgen, Herr Rath!" von seinem„Wohlthäter".— Kleines Feuillekon. — Id. ZcitungSkindcr. In der ersten Dämmerung des klaren Wintcrtages flammten die Strastenlateriien auf. Die Schaufenster glühten iln Schein der Lampen. Einzelne Olnuibuslaterneil leuchteten bunt ans dein Dämmerungsduuft. Die»leisten Fuhrwerke zogen noch ohne Licht vorüber. Kaufmann Kretz« stand auf dem Platz, um den die Wagen in unendlicher Kette fuhren. Er konnte nicht über den Dauun und wartete mit einenr Schwärm Menschen, bis eine Lücke in der Wagenrcihe kam, durch die er hindurchschlüpfen konnte. Vor ihm drängten niehrcre Kinder durcheinander, bar- häuptig, dünn und dürftig angezogen. Alle hatten Hanftaschen an den Armen, aus denen das Weist frischer Zeitungen sah. Sie schoben und renipelten sich im Scherz. Zuletzt krochen sie durch die dicht aufeinander geschobene Menschenmenge und versuchten, einauder zu haschen. Kausmann Kretzer, den ein Junge ctlvas unsanft zu Seite schob, schimpfte:„Na, Bengels! Betragt Euch mal austäudig I"— „Wat kriegen wir denn dafor?" fragte der Junge keck und sah ihn' von oben bis»inten an.—„Du!* drohte Kretzer. „Na. vorläufig ist das Spicleu noch nicht vcrboteil!* antwortete der Junge und verschwand hinter den Umstehenden. Der Kausmann war geärgert. Doch als er auf dem Onniibus stand, sagte er zu anderen Fahrgästen:„Solche Jungens werden mal tüchtige, forsche Kerle I Immer den Mund auf dem rechten Fleck, einen offenen Kopf— uud dann immer von früh auf zum Arbeiten augehalten, wie diese ZeitungSkinder l" Sic lächelte» über die Schaar Jungen und Mädchen, die unablässig, ihre Hanftasche voll Zeitungen auf dem Rücken oder»nter den, Ann, hinter dem Omnibus her liefen. Durch Zurufe und kamcradschaft- lichcn Wetteifer spornten sich die Kinder immer lvieder an, mit dem Wagen Schritt zu hallen. Ein peinlich sauberer, altmodisch gekleideter Beamter meinte:„Welch groster Segen, die unnütz vertrödelte Kiudcrkraft nutzbar zu machen I Welch ein Erziehungsmittel must diese Thätigkcit sein I" Da hockten sich einige der Kinder an das Hinterthcil eines Geschäftswagens. Die anderen liefen mit heistem Kopf und offenem Munde, rastlos ihre- kleinen Beine vorwärts werfend, neben und hinter dem Onniibus. Kaufmann Kretz« wendete sich belustigt an den Beamten:„Ja, die da drüben am Wagen, das werden mal die besten. Die wissen den kleinsten Vorthcil auszunutzen! Aber das niuh man auch heutzutage. Sonst schafft man nicht sein Pensum!" Seine Rede wurde von schneidendem Geschrei unterbrochen. Die Wagen stockten. Einer von den Jungen und zwar der, der Kretz« vorhin die kecke Antwort gegeben hatte, war vom Hintertheil des Wagens abgeglitten; seine vcrftorcncn Hände hatten Leu Körper nicht mehr tragen können. Auf dem Pflaster war er ausgerutscht— die Räder des Omnibus hatten seine Beine zer- malmt. Kaufmann Kretzer überrieselte es. Er bekam ein solches Zittern in den Beinen, dast er vom Wagen steigen mustte. Den Beamten lud er ein, mit in eine Restauration zu gehen und einen Kognak zu trinken. Da sprachen sie nicht mehr von dem Nutzen der Kinder- arbeit und den Vortheilen, die man ausnutzen müsse. Kretzer schimpfte:„Diese Jöhrcn l Uebcrall müssen sie'raufklettern I Aber das macht blos ihre Waghalsigkeit und Frechheit!"„Ja, ja I* stimmte der Beamte bei,„das macht die Verrohung! Wozu lassen auch die Elteru ihre Kinder an solche gefährliche Arbeit? 1"-- Geographisches. — Ucber seine dritte Besteigung des Kilimanb- s ch a r o im August 18g3 sprach Dr. Hans Meyer in der letzten Sitzung der„Gesellschaft ftir Erdkunde". Nach seiner 1889 aus- geführten zweiten Besteigung des 6010 Met« hohen Hauptgipfels, des Kibo, waren dem Reisenden noch Zweifel über den vulkanischen Aufbau des Gebirges auf der Nord- und Westseite und über seine Beziehungen zur Tektonik der benachbarten Gebirgsländer, sowie über die Beschaffenheit der Schnee- und Eisdecke, die Ausdehnung der Vereisung, über das Vorhandensein von Gletschern und deren Vorrückung oder Abschmclzung geblieben. Ilm über alle diese Punkte volle Gewistheit zu erlangen, wurde Anfang August von der 1160 Met« hoch gelegenen Station Moshi ans in Begleitung des Malers Platz aus München und dreistig eingeborener Träger der Aufstieg unternommen, der anfangs durch einen breiten Gürtel von Urwald, dann bis zu 4200 Meter durch Grassteppe führte. In dieser Hohe beginnt die erst vegetationsarmc, dann voll- ständig vegetationslose Hochgebirgsregion, aus der im Osten die Pyramide deS S360 Meter hohen Mawensi, im Westen der 700 Meter höhere, in der Formation aber jüngere Gipfel des Kibo emporragt. Der Redner gab ein anschauliches Bild von den Schwierigkeiten dieser Besteigung, bei welcher zahlreiche, radial laufende Erösions- schluchtcn von einer durchschnittlichen Tiefe von 600 Metern zu überwinden waren. Die tiefste derselben, im Nordosten, stellt eine vollstäudige Spaltung des Gebirgsstockcs bis zu 2000 Metern dar, offenbar ein Ergebnist nicht' blos der nagenden Kraft des Wassers, sondern auch tektonischer Vertiefungen. Da dem Reisenden wesentlich an der Besteigung des Kibo von seiner Nordseite aus ge- legen war, so wurde bei der Niederlassung eines ackerbautreibenden Massai-Stammes am Nordabhange halt gemacht, Träger und Gepäck zurückgelassen und von hier aus die eigentliche Hochgcbirgswandernng angetreten, an der anstcr Dr. Meyer nur sein europäischer Begleit«, obgleich derselbe durch vorangegangene Malaria sehr geschwächt war, theilnahm. Erst bei 6000 Meter wurde die Eiskrone des Kibo erreicht, nachdem schon 2000 Meter tiefer deutliche Spuren von früher sich bisher erstreckender Vcrgletscherung aufgefunden worden waren. Die letzte Spur von Vegetation, ein verlümmertes, filzblättriges Kreuzkraut, wurde bei 6120 Metern gesehen. Die Beschwerden dieses letzten Theiles der Besteigung waren bei der dünnen Luft und daraus sich ergebender Athcnmoth ganz austcrordentlich. Endlich wurde bei 6790 Met« der Kibo-Krat« erreicht, in welchem sich gegen den Zustand vor neun Jahren manche Veränderungen zeigten, aber unzweifelhaft ermittelt wurde, dast nicht eine Spur vulkanischen Lebens(Dampfcntwickclnug, heiste Quellen, Solfataren) mehr vor- Händen und das Eis des Kraters kein Gletscher-, sondern Firneis ist. Dagegen entdeckte der Reisende, nachdem er den«krankten Gefährten bei der Begleitmanuschaft in einer grosten Höhle ge- borgen, als er mit einem gewandten Neger von Nordwest her nochmals in die Eisreg'ion aufstieg, an dieser Stelle drei ausgedehnte Gletscher, die bis 4360 Meter herabsteigen und von einer höchst wunderbaren Beschaffenheit des Eises sind, das von der«odirendcn Kraft des Wassers fächerartig in parallele Platten gespalten ist. Nach erfolgt« Feststellung, dast auch die uuzertreunlichen Begleiterscheinungen jedes Gletschers, Grund- und Seitenmoräucn in bedeutender Ausdehnung vorhanden sind, stieg der Reisende über das nach Südwest sich erstreckende Kaluma-Plateau uud das Schira-Gebirge, ein hohes Randgebirgc und wahrscheinlich die älteste Formation, in das südlich gelegene Gebiet der Dschagga- Neger herab. Von dem Wunsche beseelt, seine Kcnntnist des Kili- mandscharo noch durch die Erforschung der Südseite des Hauptgipfels zu vervollständigen, kehrte er jedoch noch einmal um und unternahm eine dritte Besteigung von der Südseite aus: diesmal in Begleitung des Pater Römer uud mit dem glücklichen Erfolge, dast auch auf dieser Seite 6 ausgebildete Gletscher entdeckt wurden, deren Unter- suchung das gleiche Resultat wie auf der HIV-Seite ergab, dast nämlich ein entschieden« Rückgang und Abschmclzung der Gletscher stattfindet. Da Aehnlichcs von einem englischen Reisende» am Kenia beobachtet worden ist, so must es früher in Afrika eine Periode stärkerer Niederschläge gegeben haben. In dem geologischen Aufbau Ostaftikas lassen sich im Wesentlichen drei Richtungen unterscheiden, in denen die Gebirge streichen: eine von nach S. gekennzeichnet u. a. durch den.mittelafrikanischen Graben", eine von NNW nach SSO und eine von NO nach SW. An den Kreuzungsstellen der beiden letzteren� Richtungen hat der Vulkanismus seine stärksten Wirkungen hinter» lassen, wie den Kilimandscharo, den Kenia und den Meru. Wenn auch äusterlich die vulkanische Thätigkeit jetzt ruht, so ist sie darum noch nicht völlig erloschen, wie häufige und starke Erdbeben am Kilimandscharo beweise». Dr. Meyer glaubt, dast der Kibo einst bis 6600 Meter emporgeragt habe, und daß die gegenwärtige Ab- jtumpfung seiner Pyramide von einem Einsturz herrühre.— Physiologisches. Die physiologischen Wirkungen sehr tiefer Temperaturen hat Raoul Pictet untersucht und ist zu dem Ergebnisse gelangt, daß diese hohen Kältegrade in vorzüglicher Weise Heilzwecken dienstbar gemacht werden können. Pictet hat einen Raum hergestellt, den er Kälteschacht nennt, in dem die Temperatur leicht bis auf 100 oder 110 Grad unter Rull erniedrigt werden kann. Thiere, die in dicke Pelze gehüllt in diesen Raum gebracht wurden, zeigten nach kurzer Zeit eine merlliche Erhöhung ihrer Eigenwärme, und erst nach Verlauf von mehr als einer Viertelstunde stellte sich ihre normale Temperatur wieder ein. Manche Thiere können bis zu 40 Minuten völlig erfroren bleiben und kehren doch wieder zum normalen Leben zurück. Bei Fischen ist ein Erfrieren unter Kältegraden von 20 und 30 Grad ohne Schaden für den Wieder- eintritt des Lebens nach dem Ansthauen; Frösche. Blindschleichen, Rmipen und die Eier der Seidenraupen ertragen Kältegrade bis zu 40 Grad. Weinbergschnecken wurden zehn Tage lang einer Temperatur von— 100 Grad ausgesetzt und gelangten nach dein Ansthauen wieder zum Leben. Mikroben und die Samen gewisser Pflanzen ertrugen ohne Schaden sogar Kältegrade von— 213 Grad. Bei Versuchen am Menschen, die fünfzehn Minuten in dem Kälte- schacht ausharrten, dabei jedoch die äußere(warme) Luft athmctcn. zeigten sich Reaktionen, die bei Krankheiten der Verdauungsorganc, bei schwerer Diabetes und Neurasthenie sich als gcsundheitsförd'crlich erweisen. Ucbcrhaupt findet sich, daß die tiefen Temperaturen eine rasche Erhöhung der Körperwärme und der Pulserrcgung erzengen und die Niercusekretion erheblich beeiuflußen. Pictet ist überzeugt. daß die Anwendung tiefer Temperaturen ein vorzügliches Mittel ist, um das Ernährungssystem beim Menschen anzuregen, und glaubt. daß diese Methode sich besonders bei Nenrnstheuie. Magenkrampf und ähnlichen Krankheiten bewähren wird. Er bezeichnet sie als Frigo- therapie.—(.Köln. Ztg.*) s Aus dem Thierreiche. — Das„geheimnißvolle" Thier von Pata- g o n i e n. Ans London wird der„Franks. Ztg.* berichtet: Eine Expedition des Forschungsreisenden S. H. Cavendish und des Zoologe» Edward Dobson, die soeben nach Patagonien abgegangen ist, erweckt in zoologischen Kreisen außergewöhnliches Jntercfle. Vor einiger Zeit, so schreibt der„Manchester Guardian*, erregte die Mittheilnng Aufsehen, daß im Gebiete von Santa Cruz in Patagonien ei» mysteriöser Vierfüßler existire, der in Höhlen lebe, die er sich in die Erde grabe und aus denen er mir zur Nacht- Seit herauskomme. Die Indianer erzählten. eS sei ein selt- ames Thier mit langen Krallen und von schrecklichem AnS- sehen, und es sei unmöglich, es zu tobten, weil sein Körper nicht von Gewehrkugeln, noch von anderen Geschossen durchbohrt werden könne. Diese Mittheilungen wurden nicht fiir eine leere Fabel gehalten, weil vor mehreren Jahren der verstorbene Ramon Lista, ein in der wissenschaftlichen Welt wohlbekannter Reisender, gemeldet hatte, er sei aus einer seiner Reisen im Inneren von Süd- Patagonien auf einen Vierfüßler gestoßen, den er trotz aller Bc- mühungen nicht habe fangen können, verschiedene Schüsse hätten das Thier nicht zum Stillstehen gebracht, und es sei dann im Gebüsch verschwunden. Kürzlich hat nun F. Amegliino, ein bekannter Natur- forscher in Buenos Aires, einige weitere Einzelheiten mehr greif- barer Art mitgetheilt. Dieser gelangte in den Besitz eines leider un- vollständigen FellcS, das, wie er auf Grund guter wissenschaftlicher Erwägungen annimnrt, einem Exemplar der Vierfüßler- Art, die Lista sah, gehört hat. Er hält das Thier fiir den letzten Vertreter einer für ganz ausgestorben gehaltene» Gruppe, welche dem Riesenfaulthier oder Megatherium verwandt ist. Nachdem Professor Aineglimo'S Bericht bekannt geworden war, wurden von englischer Seite her iveitere Erkundigungen ein- geleitet, und daraufhin erhielt man hier ganz kürzlich überraschende Mmheilungen über das Vorkommen und die Lebensgewohnheite» des Thieres, die von Indianern herrühren. Herr Cavendish hat sich bereit erklärt, eine Expedition zur Aufsuchung des seltsamen Thieres auszurüsten, und er hat sich zu diesem Zwecke mit dem Zoologen E. Dobson verbunden. Alle Informationen, die das Britische Museum besitzt, hat man den Forschungsreisenden zur Verfügmig gestellt, und diese haben sich unverzüglich auf die Reise begeben, da auch zwei nichtenglische wissenschaftliche Expeditionen nach Patagonie» ab- gcgangeu süld.— Ans dem Thierleben. t. Schlangen und Gefängnißgeruch. Nach neuen Beobachtungen in dem Zoologischen Nationalpark in Washington weigern sich die großen Schlangen, Ratten zu fressen, die in den Gebäuden selbst gefangen wurden, nehmen solche aber sofort, die von außerhalb hergebracht werden. Es genügte, die in den Ge- bäuden gefangenen Ratte» etwa einen Tag in einem Käsig im Freien zu halten, um sie den Schlangen zu einem annehmbaren Bisien zu machen. Aehnlich machen es kleine Schlangen mit Hausmäusen, die sie ungehindert durch ihren Käfig und sogar über ihre Leiber laufen lassen, während sie Feldmäuse sofort ergreifen. ES scheint danach, daß die Schlangen einen besonders feinen Sinn fiir den Gefänginß- geruch habeit.— Technisches. gr, Ein neues Schriftmetall. Dem bisher zur Her- stellung von Lettern verwendeten Metall, das bekanntlich aus Blei, Antimon und Zinn besteht, ist ein bcachtenswerther Konkurrent ent- standen, der vielleicht schon in kurzer Zeit allgemeine Einfühning finden dürfte. Dem jetzigen Metall haste» viele Fehler an, von denen besonders der der Gesnndheitsgefährlichkeit hervorzuheben ist. Alle bisherigen Versuche, einen technisch ebenbürtigen Ersatz zu schaffen, scheiterten: erst neuerdings ist in dem Aluminium, seit- dem es auf elektrischem Wege sehr billig hergestellt werden kann, ein Metall gefunden ivorden, das gegenüber den jetzt benutzten Materialien sogar erhebliche Borthcile darbietet. Von reinem Aluminium mußte man allerdings seiner großen Sprödigkeit wegen absehen, aber man hat eineLcgirung geschaffen, der die Sprödigkeit fehlt und die trotzdem so hart ist, daß sie das jetzige Lcttcrinnaterial hierin bedeutend übertrifft. Die Abnutzung ist daher eine geringere und die Haltbarkeit eine wesent- lich größere. Ein besonderer Vorzug des Aluminimn-Mctalles ist seine große Leichtigkeit; es ist fast ftinfmal so leicht, als das bisher ge- brauchte Schriftmctall. Die Folge davon ist natürlich eine leichtere Bauart der Maschinen, Pressen, Regale und Kästen, mithin eine Verbilligung des Buchdruckcreibettiebcs. Die Aluminium- Legirung nimmt äußerst leicht Farbe an und giebt dieselbe ebenso leicht ivieder ab. Man darf demnach Erspnrniß an Druckerschwärze und verbesserte Abzüge erwarten. Beim Einschmelzen bleibt der Werth der Aluminium- Legirung ein höherer, als der des bisher benutzten Schristmctalles.— Hnmoristischcs. — Zwangslage. Zwei Stunden nach Schluß der Apotheke zieht ein kleiner Junge die Nachtglocke und verlangt:„Forn Sechser Kainillenthee.* Apotheker:«Jimge, den kannst Du doch auch vor 10 kaufen.* Junge:.Nee, zehn Pfennig Hab' ick»ich, ick Hab' blos en Sechser.*— — Reell bedient. Wein reise»der:„Diese Marke kann ich Ihnen ganz besonders empfehlen. Wenn Sie den Wein ge- kostet haben, trinken Sie teiuerr anderen mehr. Auf Wort!'— Kunde:„Schön, den nehme ich." (Drei Woche» später.) Weinreisender:„Nun, hatte ich nicht recht?" Kunde:„Allerdings. Ich trinke jetzt Wasser!'— — Lokalirrthum. Prinzipal:„Ilm Gotteswillen, was arbeiten Sic da oben, Sie Ockisc?* K o m m i s lauf der Stchleiter):„Die Ochsen stehen immer unten, oben ist der Heuboden I"—(»Lust. Bl.*) Notizen. — Die Aufführung des vicraktigen L u st s p i e l S„Unser Käthchen* von Theodor Herzl im Wiener Burg- t h e a t c r ist plötzlich verboten tvorden. Die Proben waren bereits im Gange. Es tomint in dem Stück eine Arbeiter- s z e n e vor. —„Der Richter von Zalamea* von Calderon ist von V i k t o r B l ii t h g e n zu einein Opern-Libretto umgeniodelt ivorden; Kapellmeister Jarno hat dazu die Musik geschrieben.— — Wie zu erwarten war. hat die Kommission für die Große Berliner Kunstausstellung 1899 die Forderungen der Berliner„Sezession* abgelehnt. Die Ausstellung wird am 7. Mai eröffnet und bis zum 17. September dauern. Sämmt- liche auszustellenden Werke sind zwischen dem 15. März und 6. April im Ausslellungsgebäude abzuliefcnr. Es gelten sür die Aufnahme dieselben Bestimmungen wie in früheren Jahren.— t. Eine wichtige zoologische Expedition unter- nimmt Professor Wilson von der Columbia-Universität in Rew-Dork. Der Gelehrte ist nach Europa abgereist, um sich von dort nach Egypten zu wenden. Der Hauptzweck ist die Untersuchung der Eitt- wickelungsgeschichte eines afrikanischen Knochenfisches, des allen Zoologen bekannten Flösselhechtes(?olyptsnis biotur), der als Urahne der Aniphibien betrachtet wird. Der Fisch wurde von Dr. Hunt im letzten Sommer im Nil aufgefunden, konnte aber nicht während seiner Brutzeit beobachtet werden.— — In S ü d w e st- Afrika werden gegenwärtig junge Strauß« zu Zuchtzwecken angekauft.— — Die Kommission zur Ausführung von Grad« Messungen in Spitzbergen hat am Dienstag ihre Thätigkeit begonnen.— — Die Arbeiten im Simplon-Tunnel sind im Monat Dezember um 148 Meter vorgerückt. 124 Meter auf der Nordseite. 24 auf der Südseite. Die Bohrlänge betrug Ende Dezember 415 Meter.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacoben in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.