Mnterhaltlmgsblatt des Vorwärts Nr. 9. Donnerstag, den 12. Januar. 189S (Nachdruck verdaten.) Hevvn �ickendrttth's Z�ettfionsve. V] Roman von O. Eugen Thossan. Das ging so eine gute halbe Stunde. Herr Zickendrath vergaß ganz, daß er auf dem Lauscherposten stand. Er lachte mit, wenn die drüben lachten, und hier und da versuchte er sogar, einen besonders charakteristischen Ton still für sich nach- zubilden. Bis ihm plötzlich das Unstatthafte seines Be- nehmens zum Bewußtsein kam. Auf den Fußspitzen verließ er sein Versteck. Aber erst nachdem er eine Viertelstunde nüt der Erinnerung gekämpft hatte, gewann er sein pädagogisches ) Gleichgewicht zurück. Das durfte so nicht weiter gehen. Wo blieb da die Autorität? Es war einfach unver- antwortlich von dem Kantor, der doch auch Schulmann ge- Wesen war. Herr Zickendrath hatte allerdings nicht mehr viel Nespeckt vor dem Schulmann Tripps, nachdem er mit ihm ein Ge- spräch über die Methode der Erziehung gehabt hatte. Diese Frage beschäftigte ihn nämlich fortivährend, nachdem die Unterhaltung unt dem Direktor sie in ihm mehr angeregt als geklärt hatte. Er hatte sich eingebildet, von Tripps, dem Fachmann, endgiltigen Aufschluß darüber bekommen zu können. Na, ich danke schön; der wußte ebenso wenig davon wie Herr Zickendrath selbst. Er hatte seine Frage mit aller Vorsicht angebracht, so hinten herum, als ob er ja selbst schon seine erprobte und bewährte Ansicht über die Sache habe und nur gern auch ein- mal eine andere hören möchte. Und da hatte der alte Schafs- köpf in seiner bekannten versteckten Weise vor sich hingegrinst und gesagt: „Was ich darüber denke?.. Hm!.. Das will ich Ihnen � verrathen. Es giebt überhaupt nicht eine richtige Methode der Erziehung. Es giebt so viele richtige Methoden, wie es richtige Erzieher giebt. Jeder Erzieher ist selbst seine Methode. Wenn Sie keine Methode sind, dann bemühen Sie sich nur ja nicht, eine zu habe n. Das wäre verlorene Liebesmüh'." Na, Quatsch! Aber das konnte man ihm nicht sagen, mit Rücksicht auf das Geschäft, ebenso wenig, wie man jetzt direkt seinen un- heilvollen Einfluß auf die Jungen unterbinden konnte. Der Mensch war im Stande und zog einfach ans. Das durfte man nicht riskircn. Nein, das mußte feiner angefangen werden. Als man sich zum Abendbrot setzte, war Herr Zickendrath zu einem Entschluß gekommen. Er warf so ganz wie von ungefähr eine Frage nach dem Professor Schuiale hin. Ob er wohl noch nicht daran dächte, seinen Abschied zu nehmen. Er wäre doch schon ein alter schwächlicher Herr. Daran gedachte er dann einige Bemerkungen über die Schwere des Lehrerberufs überhaupt anzuknüpfen und so nach und nach die gedankenlosen Jungen zu einer anderen Anschauungsweise ihren Erziehern gegenüber zu bringen. Aber schon bei der bloßen Nennung des Namens ging ein Leuchten über die drei Gesichter vor und neben ihm. Gustel fühlte sich sosort in sein eigenstes Fahrwasser geschoben. „Oaoh!" kloßte er,„der Herr Professor— da weiter— Schoolmann mit Leib und Seele— da weiter." Die Uebrigen johlten vor Vergnügen, und Herr Zicken- drath selbst konnte sich nicht ganz das Lachen verbeißen. Als aber die Hallunken das erst sahen, da stürzten sie sich über den armen Professor her wie die Hunde über den Fuchs und fingen an, Geschichten von ihm zu erzählen. Dabei über- schrien sie einander, um sich gegenseitig zu verbessern und zu ergänzen. Schließlich behielt Gustel das Wort, weil er ver- möge seines allgemein anerkannten Kopirtalents die Morithaten des Professors doch am wirkungsvollsten vortrug. Es war ja ein zu komischer alter Herr, mit seinen Zwangs- Vorstellungen, seiner Abneigung gegen alle gekrümmten Linien und seiner ewigen Angst vor dem Hintermann. Er ertrug es nämlich nicht, daßjemand längereZeit hinter ihm her ging. Dann wurde er unruhig, sah sich in der Minute zehnmal um und blieb zuletzt stehen, um den Nachfolgenden an sich vorbeizu- lassen. Oder, wenn ihm das nicht gelang— und die nieder- trächtigen Bengel, die es darauf abgesehen hatten, thate» th« nie den Gefallen, sondern blieben auch stehen— dann machte er kurz entschlossen Kehrt und suchte sich einen anderen Weg. Dabei bewegte er sich stets in schnurgraden Linien, ging um jedes Hinderniß in jäh gebrochenen rechten Winkeln herum und blieb minutenlang stehen, um zu überlegen, wie er am besten auf die andere Straßensette käme. Herr Zickendrath nahm die merkwürdigen Erzählungen mit gespannter Neugier in sich auf. Aber er war bemüht, sich nichts davon merken zu lassen. „Das ist eben krankhaft bei dem alten Herrn," warf er in bedauerndem Tone dazwischen. Er that ihm ja auch wirklich leid, der arme, von seinen Einbildungen gequälte Mann; aber anderseits— es war doch zu ottginell, man mußte darüber lachen. So ging es den Jungen ebenfalls. Nur daß sie über die pathologische Seite der Erscheinung noch kühler, mitleidsloser dachten. Sie leugneten es gar nicht, daß es krankhaft sein niochte; aber das hielt sie nicht ab, sich immer wieder mit teuflischein Behagen an den Absonderlichkeiten des Professors zu weiden. „Nee, wenn er emeir Brief zur Post bringt, das ist zum Schreien. Dann schiebt er erst dreimal am Kasten vorbei und wirft nur einen ganz kurzen verstohlenen Blick zur Seite. Mtt einem Male schießt er drauf los, wirft den Brief hinein» steckt die ganze Hand hinterher und krabbelt wie verrückt in dem Spalt herum. Dann geht er langsam ab. An der nächsten Ecke bleibt er plötzlich stehen, kehrt um, saust wieder an dem Kasten vorbei, macht noch einmal Kehrt, tritt an den Kasten ran, hebt den Deckel auf und- guckt rein. Darauf kriegt er einen Schrecken, sieht sich rund um, ob ihn keiner beobachtet, guckt noch einmal in den Kasten, und segt von bannen." In der Schule wurde er natürlich furchtbar bemogelt. Das war ein Kapitel für sich. Besonders spaßhaft deshalb, weil er selbst es für ganz unmöglich hielt, daß jemand es fertig brächte, ihn zu betrügen. „Haltet mich doch nicht für so domm, ihr Jongen l Ich kriege alles raus." Dann wollte die Klasse ersticken vor unterdrücktem Lachen. Wenn er ein Zimmer betrat, hängte er seinen Ueberzieher in die eine Ecke, den Hut in die andere, den Stock stellte er in die dritte. Und überall mußte ein gefülltes Waschbecken zu seiner Verfügung sein, in dem er sich von zehn zu zehn Minuten die Fingerspitzen naß machen konnte. In dem Restaurant, wo er Skat spielte, mußte der Kellner sein Bier stets auf dieselbe Ecke des Tisches stellen, der von seinem Platze am weitestens entfernt war. Nach jedem Spiel stand er auf, ging durch das Lokal, trank einen verschwindend kleinen Schluck, steckte die Finger ins Wasch- decken und kehrte zu seinen Karten zurück. Wenn ihn irgend etwas zwang, in diesem Programm eine Aenderung eintteten zu lassen, so wurde er ungemüthlich. „Oaoh-, ich will meine Bequemlichkeiten haben," sagte er er dann:„Sonst kann ich ja auch zu Hause bleiben— da weiter." Die Jungen, die alle diese Geschichten seit Jahren kannten, wurden nicht müde, sie immer wieder auszukramen und zu belachen. Was Wunder, daß Herr Zickendrath, der sie zum ersten Mal hörte, ganz davon überwältigt wurde und seine ursprüngliche Absicht vollständig vergaß. Das Abendbrot endete unter allgemeinem Halloh, daS sich noch die Treppe hinauf bis ins obere Stockwerk fortpflanzte. „Verfluchter Kerl!" sagte Herr Zickendrath, der allein zurückgeblieben war. Er meinte Gustel, dessen schauspielettsche Fähigkeiten ihm geradezu imponirt hatten.„Das hätte ich hinter dem Nickel nicht gesucht!" Ein paar Tage später wurde allerdings seine Meinung von dem Werth dieser Talente bedeutend hcrabgestimmt. Er erwischte den Komödianten nämlich gegen Abend, wie er im Hofe auf und ab spazierte, die grüne Schürze vorgebunden. die Ballonmütze auf dem 5?opfe, und munter pfeifend die Be- wegungen des Sttefelwichsens ausführend. Zuerst fühlte er den heftigen Drang, sich auf den infamen Missethäter zu werfen und ihn nach Noten durchzuwalken. Dann hörte er aber die Stimmen der beiden anderen« die eben zu ihren Fenstern herauslehnten und vor Vergnüge» quiekten. Da hielt er es für besser, sich unbemerkt wieder zurückzuziehen. Aber er nahm sich fest vor. sich keine Geschichten wieder erzählen zu lassen. iFortsetzung folgt.) Die Tvallettlkeitt��viloüie.*> Das hundertjährige Bühnenjubiläum der Wallenstein-Trilogie hat der Freien Volksbühne zu einer Aufführung des letzten Thcils derselben, zu„Wallensleiiüs Tod", Anlas; gegeben. In Hinsicht auf den innerlichen Zusammenhang der verschiedenen Thcile ivärc jeden- falls die Aufführnng des gesannuten Dramas für die Zuschauer von grosserem Nutzen gewesen. Da solches aber für eine nichtständige Bühne nuherhalb des Bereichs der Möglichkeit liegt, so wollen wir zum Verständnis; dcS Ganzen nicht unterlassen, auch noch von dieser Stelle aus die Grundgedanke» des Schiller'schen Dramas in de» wesentlichen Punkten zu erörtern. Es sei vorausgeschickt, dasi der Wallcnstcin Schiller's als Charakter mit dem historischen nichts gemein hat. Der Dichter hat ihn als einen grohcn Menschen geschildert, der allein durch die Zeit- Verhältnisse auf die abschüssige Bahn gedrängt ist, der wohl bewußt den Berrath an seinem höchsten Kriegsherrn begangen hat, aber nur um Größeres dadurch zu bezwecken, nämlich durch eine Verständigung mit den Schweden, den Feinden des Kaisers, dem unglücklichen deutschen Vaterland de» Frieden zu bringen. Dieser niit einem wcitschnuendcn Blick begabte, von edlen Motiven beseelte Held war Wallenstein Bichl, sein Charakter Ivar niemals edel, von einem grenzen- losen Ehrgeiz und der kältesten Nachsucht erfüllt, lebte er nur sich und seinein blutigen Handwerk. Eine solche Gestalt, der kein poetischer Zug anhaftet, konnte Schiller unmöglich zu neuem Leben ertvecken, da er die Bühnen grundsätzlich als Erziehungs- Institut ansah. Von den Brettern herab wollte er das Evangelium der Freiheit und Menschlichkeit predigen, den Menschen in seinem höchsten Gattungstypus. in seiner Größe und in seinem Edel- sinn als ein nachzueiferndes Beispiel dem Publikum vor- führen. Diese Charaktere kehren in allen Schillcr'schcn Stücken wieder, so verschiedenartig sie auch sonst gezeichnet sind und so ver- schieden auch das Milieu, in dem sie sich bewegen, gestaltet ist. Von solchen Beweggründen geleitet. sah sich Schiller genöthigt, die wirklichen historischen Begebenheiten wesentlich zusammcnzu- drängen, den verschiedenen Untcrnehninngen Wallenslcin's gegen den Kaiser. den kleinlichen und niederträchtigen Mitteln. mit denen er seine Machtstellung begründet hat, höhere Motive zu unterschieben. Auch mußte der Charakter des Helden größer und mächtiger ge- staltet und selbst den Nebcnfignren Absichten und Ideen angedichtet werden, die sie nie gehegt haben. Diese dichterische Umwandlung der Charaktere genügte aber für die Durchführung des Haupt- gedankenS noch nicht. es mußten auch Konflikte geschaffen werden, die den Fortlauf der Handlung bedingten und die dem Zuschauer die Gestalt des Helden menschlich näher rückte. So vcrwob Schiller in dem Drama die Politik, die in ihreni kühl berechnenden Wesen nie wärnicrcn Gefühle erwecken kann, mit der Liebe; es entstanden die Figuren des Max und der Thekla, deren Durcharbeitung er sich mit besonderem Eifer angelegen sein ließ. Es war das alte, für eine Bühnenwirkung äußerst dankbare Motiv der Schicksalstragödie, das in„Nonieo und Julia" seine höchsten Triumpse feiert: wenn die Eltern in tödtlichem Haß ergrimmen, dann erglühen die Kinder in leidenschaftlicher Liebe zu einander. Max Piecolomini ist eine frei erfundene poetische Figur und ähnlich rncch Thella. Wallenstein halte zwar eine Tochter gehabt, die aber aus dem Grunde schon in deni Drama ihres Vaters keine Nolle spielen konnte, weil der Gegenstand ihrer Liebe, der Sohn Oktavios, eine Fiktion war. Beide an sich grundverschiedene, nebeneinander laufende Hand- kungen. die Staatsaktion und die Liebestragödie, hat Schiller in den beiden Haupttheilen«Die Piecolomini" und„Wallcnftein's Tod" zu einer Gesammtakrion derart vereinigt, daß niemals die eine über die andere zur entschiedenen Herrschaft gelangt. In dieser Verquickung der Konflikte, die ineinander begründet sind und die ihre Lösung in dein tragischen Untergang beider Helden sindcn. ist die Bedeutung des Dramas zu suchen. Die trockene Entwicklung der Staatsaktion allein tvürde den Zuschauer ivenig befriedigen, hätte nicht Schiller durch die seinen Gestalten de§ Max und der Thekla das gefühlvoll lyrische Monicnt in die Dichtung getragen und jene nüchterne brutale Welt dadurch gleichsam mit einem idealen Zweck erfüllt.— In keinem direkten Zusammenhang mit der Handlung dcS DramaS sieht das Vorspiel„Wallensteins Lager". Der Dichter führt dem Zuschauer ei» Sittenbild vor Augen, das ihn mit jener wild- bewegten Zeit vertraut macht, schildert das Milieu, in dem sich Gc- stalten wie Wallenstein, Octavio Piecolomini, Buttler entwickeln konnten. Diese bunt zusammengewürfelten Schaaken, die nichts fürchten und respektiren, bilden Wallenstein's,„des Lagers Abgott und der Länder Geißel", Werkzeug, mit dem er seine Pläne durchzu- führe» gedenkt. Insofern ist eine Bekanntschaft mit ihnen die un- •) Dieser Artikel ist nnS aus den Kreisen der„Freien Volks- bilhne" mit der Bitte um Veröffentlichung zugegangen. Die Redaktion. erläßliche Voraussetzung, um seinen Charakter zu verstehen, daS ge» fürchtete Lager ist die Macht, mit der er seine Feinde in Schach hält. Das Lokalkolorit nach dem Maßstab der modernen realistischen Bühnenkunst gemessen, ist im„Lager" nicht zur Wiedergabe gelangt. Die gereimte Verssprache allein schon berührt uns fremdartig, sie ist nicht dos rechte Ausdrucksmittel für die Stimmungen der rohen Soldateska, nur in der Kapuzinerpredigt, die nach der Art der Zeit mit vielen lateinischen Floskeln gespickt ist, erhöht sie die groteske komische Wirkung. Durch diesen wutschnaubenden Pfaffen, der über die Sittenverderbniß der Soldateska weidlich schimpft und selbst dem Abgott des Tages den Text liest, werden wir im übrigen auf die bevorstehende Katastrophe leicht hingewiesen. Die eigentliche Exposition zu„Wallenstein's Tod" ist in den „Piecolomini" gegeben. Hier werden die Fäden angesponnen, die den Untergang des Helden herbeiführen. Wallcnstcin tritt, obgleich sich die Handlung um seine Person dreht, noch nicht als Hauptaiteur auf, er hat die That nur erst gedacht, zwar ist er bereits in Unterhand- Inng niit den Schweden getreten, aber noch schwankt er in seinem Entschluß, vom Kaiser abzufallen. Schiller macht die Generäle Terzky und Jllo zu den intellektuellen Urhebern des Hochverraths, um seinen Helden von dem furchtbaren Verbrechen zu entlasten. Sie bringen es zu Stande, den Herzog von der Nothwendigkeit eines schnellen Abfalls zu überzeugen, und um ihm auch der Treue seiner Eeüeräle zu vergewissern, verschaffen sie ihm eine Art Huldigungsadresse, in der Letztere sich eidlich verpflichten, bis zum letzten Blutstropfen ehrlich und getreu zu ihm zu halten. Um zu diesem Ziele zu gelangen, stellen sie, da sie selbst nicht mehr an die unbedingte Ergebenheit der Generäle glauben, das Schriftstück in zwei Exemplaren aus. Das eine, dem die Klausel:„Soweit nämlich unser dem Kaiser geleisteter Eides er- tauben wird," eingeschoben ist, wird den Generälen auf einem Festmahl verlesen, das andere, dem die verhängnißvolle Klausel fehlt, wird ihnen zur Unterschrift vorgelegt. In der weinseligen Stimmung gelingt der Betrug vollkommen, alle haben sich dem Herzog verschrieben, nur Max nicht, ihm ist diese sonderbare Manipulation unverständlich, er begreift nicht, daß es überhaupt einer schriftlichen Bestätigung der Treue zu dem von ihm hochverehrten Feldherr» bedarf. Der alte Piecolomini dagegen unterschreibt mit vollem Bedacht die Eidesformel, er, das Haupt der Gegeuvcrschlvörnug. der bereits im Besitz der Achtcrklärung des Herzogs ist und seine Ernennung zum Höchstkommandirenden in der Tasche trägt, darf jetzt am allerwenigsten das.blinde Vertrauen Wallenstein's erschüttern, denn bevor er die Acht an ihm vollstrecken kann, muß er einen that- sächlichen Beweis seiner Schuld erbringen. Damit setzt die Haupthandlung des Dramas ein. Inzwischen hat sich auch das Liebcsverhällniß des Max zu Thekla an- gesponnen. Max. von seinem Vater in dem Komplot eingeweiht, wird in einen heftigen Konflikt gestürzt, sein ehrlich reiner Sinn sträubt sich gegen die Rolle, die ihm jener zugedacht hat. Mit inniger Freundschaft ist er dem Herzog verbunden, er liebt ihn als den zweiten Vater, für ihn ist er der Inbegriff alles Großen und Edlen und nun knüpft ihn auch noch die Liebe zu Thekla an das Haus Wallenftein. Er kann das Ungeheuerlichste nicht glauben, Wallcnstein kann unmöglich zum Verräthcr werden, er wird ihn daher selbst auffordern, die künstlichen Gewebe, die die Hofkabale um ihn gesponnen hat, mit einem geraden Schnitt zu durchreißen. Max, der die ideale Verkörperung einer besseren Welt ist, den der Dichter mit feinem Bedacht in ein inniges Verhältniß zu Wallcil- stein gestellt hat. zu dem der rauhe Feldherr sich als das Ab- bild seiner reineren Jugend, seines besseren Ichs, durch geheimnißvolle Bande hingezogen fühlt, wandelt nicht die krummen Wege der Politik:„O, diese Staatskunst, wie verwünsch' ich sie I... Ja, ihr könnt ihn, lveil ihr ihn schuldig wollt, nur schuldig machen."— Nunmehr ist Max vor die Alternative gestellt, entweder den Freund oder den Vater zu ver- leugnen und in diesen Konflikt mischt sich weiter der Streit der Liebe und der Pflicht.— Die Lösung vollzieht sich im letzten Thcil der Trilogie in„Wallensteins Tod". Das Verhängnis; reitet schnell. Wallenstein's Unterhändler Sesin ist von den Kaiserlichen abgefangen. Damit ist der vollgiltige Beweis seiner Schuld geliefert. Es giebt keinen anderen Ausweg mehr, er m u ß die That vollbringen, weil er sie gedacht. In eincni gedankenreichen Monolog ergeht er sich in Betrachlungen über den Doppelsinn des Lebens und sucht nach Gründen, um seine That vor sich selbst zu vertheidigen, und zögernd tritt er in die Unterhandlung mit den Schweden:„Noch ist er rein — noch I Das Verbrechen kam nicht über diese Schwelle noch— Und immer neue Zweifel tauchen in ihm auf, er kann die Be- dingungen der Schweden nicht annehmen, ein Verräther an deutschen Landen will er nie werden, sein Heer ivohl, das kaiserlich sich nennt, das sich heute für diesen, morgen für jenen Herrn schlägt, kein Vaterland hat, kann er getrost zum Feinde führe», aber Prag darf der Schtvede nicht erhalten. Man sieht, wie der Dichter ängstlich bestrebt ist, alle Momente zusammenzutragen, um seinen Helden zu entlasten, und von großen Gesichtspunkten geleitet, begeht er die ruchlose That, mag ihn die Welt auch vcrurtheilcn. er konnte nicht anders handeln, um vor sich selbst bestehen zu können. Der geschicht- liche Wallenstein kannte solche Skrupel nicht. Während sich Wallenstein mit den Schweden verständigt, spinnt auf der anderen Seite der verschlagene Octavio Piecolomini die Fäden zu seinem Untergang weiter, eS gelingt ihm. Jsolam und Buttler für seine Sache zu gewinnen, auch sein Sohn Max bleibt des Kaisers Sache treu, wie er nicht anders kann. Aber mit twfer Bekümmernitz steht Octavio, datz nur die Pflicht den Sohn an Oester- reichs Fahnen gefesselt hat, sein Herz hat anders gewählt. Für Max tst der einzige Ausweg aus diesem Dilemma der Tod, an der Spitze seiner Pappenheimer will er sterbend siegen. Octavia ahnt diesen Ausgang und ruft erschüttert aus:„O Max, ich seh' dich niemals wiederkehren I"—„Unwürdig deiner wirst du nie mich sehen." Damit giebt Max seinen unexschütteo-ichen Willen kund und Vater und Sohn trennen sich für inuner, nachdem sie einen lauen Frieden geschlossen haben. Im dritten Akt hat fich die Situation so weit zugespitzt, datz eine Katastrophe eintreten mutz. Das Lager, Wallenstein's Stützpunkt, ist ins Wanken gerathen, die Generäle fallen von ihm ab, die Regimenter folgen, Lutter, den er seinen Freund wähnt, bereitet den feigen Mordanschlag vor. Auch der nächste Schlag bleibt ihm nicht erspart: Max kehrt zurück, um mit ihm zu brechen. Er mutz die Geliebte noch einnial sehen, ehe er in den Tod geht. „Warum der Väter unversöhnter Hätz auch uns, die Liebenden, zer- reitzend scheiden?" ftagt er bewegt. Nach einer ergreisenden Szene reitzt er sich von der Geliebten, die ihn auf den Weg der Pflicht weist, und von Allem, was ihm bisher lieb und theuer war, los— dem Untergang entgegen.„Man sagt, er wollte sterben", berichtet später der schwedische Oberst der Geliebten.— Wallenstein, der ftunn erprobte Held, zeigt sich in der Stunde des Unglücks und Ge- fahr in seiner ganzen Seelengrötze, er hätte den Freund mit Gewalt zurückhalten können, er verschmäht das kleinliche Mittel aber und lätzt ihn von dannen ziehen.— Nim ist sein guter Stern gesunken. In Eger, wo die beiden letzten Akte spielen, empfängt er die Todesnachricht.„Die Blume ist hinweg ans meinen: Leben, und kalt und farblos seh' ich's vor nnr liegen. Denn er stand neben mir, wie meine Jugend, er machte mir das Wirkliche zum Traum." In diesen Worten hat der Dichter der Tiefe der Empfindung Wallenstein's zu Max den prägnantesten Ausdruck verliehen, er hat in sinniger Weise das LcbcnSschicksal beider mit einander verknüpft, ein gleich esVerhängnitz waltet über ihren Häuptern, dem sie sich beugen müssen und dem sie schlietzlich zum Opfer fallen. Das Leben' Max Piccolomini's ist makellos dahin- geflossen, weil er nicht auf eine einsame Höhe wie Wallenstein gestellt war, er durfte wenigstens für eine gute Sache sterben. Nicht so der andere, er hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, seinem herben Schicksal konnte nnr durch den Dolch des feilen Meuchelmörders ein Ziel gesetzt weiden. Durch diesen tragischen Ausgang wird für den Helden des Dramas ein Gefühl der Sympathie im Zuschauer geweckt, das er für den lebenden Wallen- stein nicht empfinden konnte. Unsere Zeit kennt kein eigentliches Hcldcndrama mehr; das ge- sammte frisch pulsircnde Leben in allen seinen Erscheinungsformen zu schildern, psychologische Vorgänge zu entwickeln, das ist die Auf- gäbe, die sich die moderne Vühncnkunst gesetzt hat. Dazu bedarf eS nicht der Herrscher und Mächtigen der Erde als Vorwurf, der moderne Bühnendichter mutz äntzcrlich weniger bestechende Figuren zu Trägem seiner Idee machen, will er verstanden sein. Ein Wallenstein aber wird, mag auch der Gehalt dieser Biihnendlchtung dem modernen Empfinden nicht mehr angemessen und die Technik veraltet sein, immer ivicdcr eineit begeisterten Widerhall in den Herzen der Zu- schauer finden. � Johannes Gaulle. Kleines �enillekon, ie. TaS„Pnrcini BeritaS". Ilebcr das„Bureau VcritaS" enthält die neueste„Rivista Maritima" einen längeren Artikel, der über eine der grotzartigftcn Einrichtungen des internationalen Vcr- kehrswcscns manches Nene bringt. ES sei im VorauS daran erinnert, datz das„Bureau Veritas" ein Institut ist, dessen Thätigkcit in Deutschland der„Gcnnanische Lloyd" entspricht. Das älteste Vor- bild für beide war das englische„Lloyds Register", das zu- sammen- mit dem„Bureau Veritas" gegenwärtig noch immer ganz unerreicht dasteht. Letzteres ist ursprünglich in Holland entstanden. Sein Geburtstag ist der 1. Juli 1823, da es in dem damals zu den Niederlanden gehörigen Antlverpeu unter dem bescheidenen Titel eines Nachrichtcnbureaus für die niarifinien Versicherungsgesellschaften eröffnet wurde. Wie sein Rame anzeigte, übernahm es die Pflicht, die Versicherungsgesellschaften von den Qualitäten und deli Fehlern derjenigen Schiffe in Kcnntnitz ?u setzen, die in den Häfen des Königreiches der Niederlande ver- ehrten, und sie autzcrdcm bezüglich der zu zahlenden Prämien und besonderen Bedingungen auf dem Laufenden zu erhalten. Das Bureau ivar also damals nichts weiter als ein Führer für die Versicherungen. Schon im zweiten Jahre seines Bestehens wurde der Stame„Bureau Veritas" angenommen und von derselben Zeit an ein jährliches„Registrc Veritas" herausgegeben, das alle für die Versicherungsgesellschaften interessanten Neuigkeiten enthielt. 1832 verlegte das Bureau infolge des Bombardements von Antwerpen seinen Sitz nach Paris, wo es seitdem beinahe ohne Unterbrechung geblieben ist. Nur 1870 wurde der technische Dienst, um die Werth- vollen Archive während der Belagerung von Paris zu erhalten, nach Brüssel verlegt, während der Verwaltungsrath in Paris znrückblieb. Gegenwärtig hat das„Bureau Veritas" eine wesentlich erivciterte Stellung gegenüber seinen ursprünglichen Zivecken. Es überwacht den Bau und die Reparatur von Handels- und Luxusschiffen, stellt während ihrer Lebensdauer den Erhaltungs- zustand fest, indem es von Zeit zu Zeit den Schiffsrumpf und die Maschinen untersuchen lätzt. Gemätz diesen Untersuchungen stellt das Bureau ein Klassenzengnitz aus, worin eine Zusammenstellung der Mängel und Eigenschaften jedes Schiffes gegeben wird. Der Nutzen dieser Einrichtungen ftir die Versicherungsgesellschaften liegt auf der Hand; sie erfahren daraus, was' ein Schiff Werth ist und welche Versicherungssumme sie für seinen möglichen Verlust zu berechnen haben. Die Besitzer der Schiffe waren anfänglich weniger mit den Untersuchungen ihrer Fahrzeuge zufrieden, sahen aber doch bald ein, datz die Sicherheit der zu verschiffenden Maaren eine derartige Aufsicht verlangte. Seit 18S1 erkannte das Bureau die Nothwendigkeit, für seine Schiffs- klassifikation die Grundlage durch Feststellung der Hauptregeln für den Bau von Holzschiffcn zu schaffen. 1867 begann es sich auch mit den Bauvorschriften für eiserne Schiffe zu befassen, noch später dehnte sich seine Aufmerksamkeit auf Dampfkessel und Maschinen aus und crlietz Gutachten bezüglich der nothivendigen Eigenschaften des für Schiffsbanzwecke verwendeten Stahles, bezüglich der nöthigen Haltbarkeit für Anker und Ketten u. s. w. So wurde das Bureau zu einem Führer für den Schiffsbau überhaupt. Wenn jemand ein Schiff von einem bestimmten Raumgchalt nach den Bauregeln des Bureaus zu haben wünscht, so erfährt er von diesem sofort den Preis, der stch nach der„Klasse" richtet und von der Solidität des Baues bestimmt wird. Ein ganz neues Schiff wird mit der Bezeichnung 3/s in die Liste eingetragen. Ist es dann älter geworden und hat an Widerstandsfähigkeit verloren, so erhält es nacheinander kleinere Bruchtheile als Bezeichnung, also 5/6, 3/4, y'2 u. f. w., was soviel sagen will als: das Fahrzeug besitzt nur mehr den Werth von 3/« oder der Hälfte seines ursprünglichen Werthes. Danach stellt das Bureau Rathschläge auf, zu welchen Zwecken ein Schiff benutzt werden darf, zu Weltreisen, zu atlan- tischen Fahrten, zu grötzeren oder kleineren Küstenfahrten u. s. w. Die fortdauernde Ucbertvachung aller in das Register eingetragenen Schiffe ist eine ausgezeichnete. Ferner hat der Schiffsbau durch das Bureau selbst einen so grotzen Aufschwung genommen, datz alle neuen Erfindungen und Vervollkommnnngen ans dem gesummten Gebiete sorgsam verfolgt Iverden. Gegenwärtig verfügt das Bureau über 260 Ingenieure. Seit 1870 wird alljährlich eine allgemeine Uebcrsicht der Handelsmarine in zwei Bänden herausgegeben, einer für Segelschiffe, der andere für die Dampfer. Darin sind sämmtlichc Segelschiffe der Welt von mindestens 50 Tonnen und alle Dampfer von mindestens 100 Tonnen aufgeführt. Man findet darin die Namen der Kapitäne, des Schiffsbaumeisters und Besitzers, den Hafen und das Jahr des Baues, den Platz der Ausrüstung. das Bausystem, den Tonncngchalt und für die Segelschiffe noch die Art der Bemastnng und die Verhältnisse des Kielfuttcrs, für Dampfer die Grötze der Maschinen, Kessel und der Triebkraft. Endlich er- scheint ans dem„Bureau Veritas" jeden Monat eine Statistik der Schiffsunfälle der ganzen Welt.— Kunst. �— Die„Berliner Sezession",— und zwar eine richtige Sezession, nicht nur wie bisher eine lose Vereinigung,— hat sich nunmehr konstitnirt. Dem Vorstand gehören an:' Max Lieber- m a n n als erster, der Thiermalcr O s k a r F r e n z e T als zweiter Vorsitzender, Walter Lei sti low als erster, Otto H.Engel als zivciter Schriftführer, ferner C u r t H c r nt a n n als Kassirer, Ludwig D e t t in a n n und Fritz K l i m s ch. Die Zahl der Mitglieder beträgt bereits 68. Alle, die unter den jüngeren Berliner Künstlern einen guten Namen habe», sind der Sezession beigetreten, so die Mitglieder der„XI", des Westklnbs, auch die Worpsweder. Nutzer den bereits erwähnten, dem Vorstande angehörenden sind es folgende Künstler: I. Ulberts, Hans am Ende, Hans Baluscheck, Heinr. Basedow, Josef Block, Martin Brandenburg, Prof. Ad. Brütt, I. Christensen, Rudolf Dammeicr, Willi Döring, Wilh. Feldmann, Reinh. Felder- hoff, Phil. Franck, Nicolaus Friedrich, Prof. Richard Friese, Victor Frcudcmnnn, Willy Hammacher, Ernst Hausmann, Fritz Hcinemann, B. Heising, Herni. Hendrich, Dora Hitz, Paul Hoeniger, Ludwig von Hofmann, Ulrich Hübncr, Oskar Kruse- Lietzen- bürg, Carl Langhammer, Hugo Ledcrcr, Reinhold LcpsiuS, Sabine Lepsins, Franz Lippisch, Hans Looschen, Fritz Mackensen, Walter Mcyer-Lübcn, Georg Ludiv. Mcyn, Otto Moder- söhn, G. Mosson, A. Rormann, Hans Olde, Fritz Overbeck, Konstanttn Starck, Karl Storch, Hugo Struck, A. Schmidt-Michelsen, Martin Schautz, Paul Schultzc-Naumburg, Ernestine Schnltze-Naumburg, Friedrich Stahl, Rich. Thierbach. Joseph Uphues, Max Ilth, Charles Fred. Ulrich, Karl Vinnen, H. Vogcler, Ernst Wngcner, Aug. West- phalcn, Ernst Wenck, Julie Wolff- Thorn, Karl Ziegler, Max Züricher.— Der Verein wird bei der AuSstcllungskominission sein Gesuch um eigene Säle und eigene Jury wiederholen. Die Akademie der Künste soll diesen Forderungen freundlich gegenüberstehen.— Kulturgeschichtliches. — Der erste in Deutschland gedruckte Kalender hat, wie wir einem im neuesten Heft von„Rcclam's Universum" erschienenen Auffatze über die Entwickeluna des deutschen Kalenders entnehme», den„Meister Johann von Gmunden" zun, Verfasser, der 1406, im Alter von 36 Jahren, als Kanonikus der Stephans- kirche in Wien starb. Das im Jahre 1439 gedruckte, als immerwährender Kalender geltende Werk dieses Mannes stellt sich dar als ein Holzschnitt! oder eigentlich sind es zwei Holzschnitte, der eine ist auf die Vorderseite, der andere auf die Rückseite eines großen Papierblattcs auf- gedruckt. Der ganze Kalender besteht also nur aus diesem einzigen Blatte. Die Vordersette zeigt die ersten sechs, die Rückseite die letzten sechs Monate des Jahres. Jeder Monat nimmt eine von oben nach unten verlaufende, also eine Längskolumne, für sich in Anspruch, an deren Kopfe sich das betreffende Monatsbild in Mcdaillonform hübsch präsentirt. Jede dieser zwölf Längskolumnen wird nun. abgesehen von den Bildern mit ihren Unterschriften, je nach der Länge der Monate, von 28 bis 31 seitlich von links nach rechts verlaufenden Qnerkolnmnen durchschnitten, die hanpffächlich angeben, welcher Heilige jedem einzelnen Tage zukommt und wann die unbeweglichen Feste einfallen. Das großgedrnckte A, das zuerst beim 1. Januar erscheint, ist der Sonntagsbuchstabe. Ferner sehe» wir noch, ungefähr in der Mitte jederLängskolumne, die Bilder des Thier- kreises, gleichfalls in Medaillonform. Vorn links stehen jedesmal die großen lateinischen Buchstaben K L mit einem Häkchen, welches die Ab- kürzung andeuten soll. Dies weist hin auf die Herkunft des Wortes „Kalender" oder„collcnder", wie es noch im 15. Jahrhundert heißt. Der erste Tag eines jeden Monats ivard bei den alten Römer» „Calendae" genannt; davon stammt„Calendariurn" ab, was eigentlich nur das Verzeichniß der Zinsen bedeutete, die am ersten Tage eines jeden Monats fällig waren. Lateinisch ist auch noch die Sprache dieses alten Kalenders. In der Lücke am Schlriß des Monats Februar nennt sich der Verfasser.— Biologisches. — Neber die mikroskopische Thier- undPflanzen- Welt eines im Freien stehenden alten Taufbeckens macht der Direktor der Biologischen Statton zu Plön, Dr. Otto Zacharias, im„Zool. Anz." einige beachtenswerthe Mittheilungen. Das fragliche Tanfbcckcn ist 1886 ans der Kirche des Dorfes Bosau am Südende des Plöner Sees entfernt und auf dem Friedhof auf- gestellt worden. Da es unbedeckt ist, so füllt es sich zcitiveilig mit Regenwasser und Schnee. Auch werden gelegentlich frische und ab- gestorbene Blätter in die Höhlung, gelvehi. Dr. Zacharias hat nun mehrere Jahre hintereinander die mikroskopische Thier- und Pflanzen- Welt dieses kleinen Aquariums beobachtet und die Anwesenheit eines sich von Jahr zu Jahr fortcrhaltcnden GrundstammeS von Arten fest- gestellt. Da das Becken zeitweise völlig austrocknet, so nnisscn diese Lebewesen eine außerordentliche Widcrstandsfäbigkcit gegen das Ans- trocknen besitzen. Am mannigfachsten waren mikroskopische Algen vcr- treten; größere Einförmigkeit zeigte die Thicrwclt, tvenn auch die Zahl der Einzelwesen nicht gering war. Dies gilt namentlich für die Geißelinftisorien(Enxlensn und andere) und für eine Räder- thierart(Lbilodina roseoln). Diese sowie eine kleine Amöbenart traten ganz regelmäßig in den verschiedenen Jahren wieder auf. Bon den Räderthieren erhalten sich nach deS Beobachters Unter- suchungen nur die Eier über eine längere Trockenzeit hinweg. Eine ähnliche Fauna fand Dr. Zacharias vor Jahren(1886> in der Höhlung einer Granitplatte, die bei Hirschberg i. Schl. als Steg über einen Graben führt. Dieselbe Thierwelt wurde schon 1852 von Ferd. Cohn in ganz der gleichen Zusammensetzung an dieser Stelle beobachtet, so daß hier eine über 30 Jahre sich erstreckende Gc- schlechterfolge der Lebensformen im engsten Bezirke nachgewiesen worden ist, die zweifellos auch noch bis heute keine Unterbrechung erlitten hat. In gleicher Weise würde sich wohl auch die Organismen- weit in dem Bosauer Taufbecken Jahrzehnte, wahrscheinlich selbst Jahrhunderte hindurch erhalten.— Technisches. »» Ueber sein neues Verfahren zur Erzeugung hoher Temperaturen hielt Dr. G o l d s ch m i d t- Essen im „Verein für Gewerbfleiß" einen längeren Experimentalvortrag. Die „Nat.-Ztg." berichtet darüber Folgendes: Die Methode beruht im Wesentlichen darauf, daß Aluminium verbrannt ivird, aber nicht mit Hilfe des Sauerstoffes der Luft, sondern mit dem an ein Metall chemisch gebundenen Sauerstoff, also z. B. mit einem Oxyd oder Eisenoxhd, gewöhnlichem Sand oder dergleichen. Der Erfolg war ein überraschender. Die Mischung wurde mit einein Streich- holz entzündet und brannte dann unter hellster Weißgluth ruhig weiter. Ein etwa 4 Zoll großer Niet, der mit einer solchen Er- hitzungsmasse umgeben war, ivnrde in wenigen Sekunden glühend gemacht. Um die Ausstrahlung, also Wärmcvcrluste zu verniciden, wurde dann das Experiment in einem gewöhnlichen Holzcimer wiederholt und zwar mit einem 3 Kilogramm wiegenden Niet. Der Eimer war mit einer Sandschicht ausgekleidet, die die Wärme so zusammenhielt,»daß das Holz außen Nicht einmal Ivarm wurde. Nach kurzer Zeit wurde die hochglühende Maffe ausgcstürzt, und nach Entfernung der Schlacken von dem Eisenstück erschien der weiß- glühende stauchferttge Niet. Ein fernerer Versuch leitet zur Dar- stellung der praktischen Verlvendung des neuen Verfahrens über, indem deffen besondere Anwendbarkeit zum Hartlöthen gezeigt «wurde. DaS neue Verfahren sindet auch mit Erfolg zum Schweißen Anwendung und bietet erhebliche Vortheile gegenüber dem ekettri- schen Schwcißverfahren. Leicht ist es auch, mit dieser ErwärmungS- maffe durch dicke schmiedeeiserne Platten große Löcher zu schmelzen. Besonders wichttg ist dies neue Verfahren aber für die Metallurgie, indem man dadurch nur durch andere Mischungen direkt reine geschmolzene, kohlefteie Metalle herstellen kann, lvelche in reinem und geschmolzenem Zustande abzuschneiden bisher noch nicht gelang. In erster Linie gehört hierzu das Chrom, von welchem in einem großen Tiegel ca. 3 Kilogramm in wenigen Minnten hergestellt wurden; die im Tiegel befindliche Masse mit einem Stteichholz entzündet, stellte bald einen feurigen Fluß dar, dessen Temperattir auf ca. 3000 Grad zu schätzen war, während die Außenwand des Gefäßes kalt blieb. Eine große Zahl anderer Metalle läßt sich in gleicher Weise abscheiden; vorgezeigt wurden große Stücke von reinem, kohlefteiem Mangan, die sich fast ebenso gut an der Luft halten wie das Chrom; ferner lagen noch Leginmgcn von Ferro- Bor, Ferrotitan, Chromknpfer ic. vor. Die geschmolzene Thonerde, die sich bei dieser Metall- darstelliing bildet, ist ein künstlicher Korund, aber bedeutend härter als der natürliche Korund oder Schmirgel; er kommt unter dem Namen Corubin als Schleifmittel in den Handel. Als Nebenprodukt werden bei dem Verfahren künstliche Rubinen erzeugt. Der Redner zeigte in der Schlacke, die von der Chrom- Herstellung stammte, kleine rothe. durchsichtige Krystalle. die aber in Folge ihrer Kleinheit keinen Handelswerth besitzen. Im luftleeren Raum erglühten sie»ntcr dem Einfluß von Kathodensttahlen ebenso prächtig wie die natürlichen Rubinen. Ferner wurde noch gezeigt, daß ein Gemisch von Aluminium oder auch Calcimncarbid mit Natrinmsnperoxyd schon beim Vermischen verbrennt und daß man diese Reaktion benutzen kann, um z. B. ein Gemisch von Eisenoxyd und Aluminium behufs Abschcidung von reinem Schmiede-Eisen zur Entzündung zu bringen; man braucht also nur die Entzündung her- vorzurufen, die diese große Wärme erzeugt, nicht einmal ein Streich- holz in Brand zu setzen. Bei all' diesen Verfahren ist das Aluminium als Wärme- Alkumulator anzusehen, dessen Heizkraft überall mit größter Leichtigkeit auszulösen; somit ist eine neue vielseitige Ver- wendbarkeit für dieses Metall gegeben.— Humoristisches. — Trauer.„Gnädigste gestatten, Ihnen mein herzlichstes Beileid anszuspreckien." „Ach ja,— aber eigentlich hatten wir uns schon lange mal ciiicn stillen Winter geivünscht."— — A u s Bayreuth.„Schabst Du Schcllo, schäbiger Schuft?' „Nein, ich goge die Gige, geifernder Gauch."— („Simplic.") Notizen. —„Das fünfte Rad" hat H u g o L n b l i n e r sein neue? Lustspiel getauft, das nächstens im Schanspiclhause zur Aufführung gelangt.— Nicht abergläubisch sein, ist Alles, aber wenige Schrift- fteller sind es.— — 14 000 Mark A b st a n d zahlte das„Deutsche Theater' dafür, daß Direktor Ncumann-Hofer vom„Lessing-Theater" Frau Elsa Lehmann stcigab.— c. e. Am Sonntag den 8. Januar ist in Montmorcncy das Rousseau-Museum eröffnet worden. � ES soll alle Andenken und Dokumente vereinige», die an den Philosophen erinnern.— — Finnland hat seine erste nationale Oper erhalten. Sie führt nach der„Voss. Ztg." den Titel„Pohjan neiti" und umfaßt drei Akte. Der Inhalt ist dem finnischen Nattoualepos Kalevala entnommen.— — Zwei bisher unbekannte und noch nicht ausgestellte Werke Arnold Böcklin'S sind im Salon G u r l i t t zu sehen.— — Bei den Ausgrabungen auf dem Forum R o m a n u m entdeckte man am sogenannten Lapis Niger an der Via Facra das von den alten Römern verehrte angebliche„Grab deS Rom» Ins".— — Der in Diensten des Kongostaates stehende Lieutenaitt L e m a i r e hat im Süden des Tanganyikasees einen neuen See, den See Susi, entdeckt.— — In Südaustralien geht die Zahl der Ein« geborenen sehr stark zurück. Im Jahre 1891 lebten in dem ganzen Gebiete— 935 720 Qn.-Km.— noch 3134 Eingeborene. 1897 nur noch 2900.— — In London hielt letzte Woche der Leichenbeschauer Wood die Untersuchung über die Todesursache des 42jährigen, sich bis vor Kurzem kräftiger Gesundheit erfreuenden Charles� Lee ab. Di« Sektion stellte Springen eines Blutgefäßes als Ursache deS jähen Todes fest, ergab aber zugleich die, seltsame Thatsache, daß Lee mit nur einer Lunge geboren worden>var. Die anwesenden Aerzte erklärten, daß ihres Wissens ein solcher Fall in der medizinischen Literatur nicht verzeichnet sei.— t. Die wie ein K ä n n ch e n mit einem Klappdeckel aussehenden B l ü t h e n der Pflanzengattung Ifoxonttto» werden jetzt als Blumen Vasen verweitdet.— Bereutwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von SDiax Babing in Berlin.