Mttthaltungsblatt des Dorwürks Nr. 12. Dienstag, den 17. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Hevvn �ickendVÄks�s Z�onisroniive. 12� Roman von O. Eugen Thossan. Fritze wußte von alledem nichts. Er ging ganz naiv auf das Anerbieten ein, das ihm Frau Zickendrath stellte, ohne sonderliche Dankbarkeit zu zeigen. Es war ja schließlich sein Recht. Sein Onkel zahlte monatlich für ihn, und er war nicht verpflichtet, seinen Wirthen etwas zu schenken. Aber seit es entschieden war, daß er bleiben würde, ging er umher und zerbrach sich den Kopf, wie er ihnen zum Fest eine Freude niachen könne. Endlich hatte er es gefunden. Herr Zickendrath hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Fernwirkungen. Manni hörte noch jetzt aus alter Gewohn- heit und weil er es liebte, auf den Pfiff, mit dem er sie seit der Äinderzeit herbeigerufen hatte. Die Schelle, mit der er zu Mittag läutete, und das Teschin, niit dem er aus seinem Schlafstuben-Fenstcr nach den Spatzen im„großen Garten" schoß, ohne jemals einen zu treffen, waren ebenso viele Werk- zeuge zur Befriedigung des Triebes, der seinem Wesen tief eingepflanzt war. Und Fritze war auf den Gedanken ge- kommen, ein elektrisches Klingelwerk hinzuzufügen. Er zog Manni ins Vertrauen, und sie ging mit Wonne darauf ein. So ein bischen Heimlichkeit war ganz nach ihrem Sinn. Vcrschlviegene Handarbeiten, wie sie andere junge Mädchen vor Weihnachten anfertigen, gab's für sie nicht. So lange die Jungen da waren, fehlte es an Zeit dazu. Im übrigen kosten die Dinger auch Geld. Und sie hatte keins. Fritze allerdings auch nicht. Er nmßte sich bei seiner Anlage mit dem Vorrath an Material einrichten, den er besaß. Seine eigene große Batterie gab er dazu her und stellte sie hinter der Kellerthür neben der Treppe auf. Auch eine einzige Glocke nur stand ihm zur Verfügung. Aber die war groß und hatte einen gewaltigen durchdringenden Ton. Wenn man sie im Hausflur anbrachte, in der Nähe der Stiege, die nach oben führte, konnte man sie durch das ganze Grundstück hören. Was der Anlage erst den rechten Werth verleihen mußte, das war sein Reichthum an Draht, den er verwenden konnte. Draht besaß er in Unmenge, hundert Meter, die er einmal auf eiuer Auktion für ein Dudeldei erstanden hatte. Am Tag vor Weihnachten begann die Arbeit der Montirnng, wie Fritze sich ausdrückte, nachdem im Stillen Alles vorbereitet war. Manni war überall dabei, hielt die Leiter, wenn Fritze darauf stand, reichte ihni Handwerkszeug und Material zu und kürzte die Zeit durch munteres Ge- plapper. Es kam ihnen sehr zu statten, daß Herr Zickendrath mit Beginn der Ferien eine alte Gewohnheit wieder auf- genominen hatte. Oben auf dem Spitzboden stand das Schlaf- sopha aus Karl's Kamnier in einer Ecke, dicht unter das schiefe Dach gerückt. Da lag er und verschlief den ganzen Nachmittag. Währenddessen schufteten die Beiden wie die Heinzelmännchen. Ver-schwenderisch wurde die ganze Wohnung mit einem Ivahren Netz von Drähten überspannt. Von allen Eckei? arrs koiliite man klingeln, von der Hausthüre aus, a?ls der Küche, aus dem Wohnzim?ner, allenthalbe?? waren Drücker angebracht. Und Fritze versprach, eine mlsführliche Klingel- ordnung aufzusetzen, die im Flur angeschlageil werde????nd al?s der man ersehen sollte, wie viele verschiedene Zeichen mit der einen Glocke gegeben werden könnten. Wer von draußen kam, m?lßte dreimal kurz hintereinander drücken, Mutter Zickendrath in der Küche sollte sich durch ein ein- maliges anhaltendes Alarmsig?lal bemerkbar n?achen, und so weiter. Es versprach ein sehr lebhafter Betrieb zu werden. Als das Werk gethan war,?md die beiden Werftneister sich durch eine noch?ilalige eingehende Besichtigung überzeugt hatte??, daß es g?it war, entstand eine kleine Pause. Da faßte -Fritze plötzlich ui?d hastig uach Maiuri's Arm, als ob er fürchte, sie liefe ihin weg. Sie sah erstaunt zu ihm auf. Er hatte noch etwas auf den? Herze??, aber er brachte es i?icht heraus. Der große lange Schlax war verlegen. Ein göttliches Bild l Und Ma??ni fing natürlich an zu lachen. Wc>?n ein Mann befangen ist, werden die Weiber alleinal übermüthig. „Ich... ich möchte noch etwas machen," stotterte er. „Na, was del?n?" „Ich... in Ihrer Kammer." „Ja, was dem? nur?" „Das werden Sie ja sehen, wenn es fertig ist." „In?l?eincr Kannner... Komisch I... Aber meinetwegen... Los I" Das Käminerchen lag nach hinten hinaus, neben der Küche, eine kleine, enge Falle. Sie öffnete die Thüre, und er nöthigte sie, vorauszugehen. Als sie grade auf der Schwelle stand, hielt er sie von hinten am Schürzenzipfel fest und flüsterte: „Ein Glühlicht über Ihr Bett." Sie lachte schon wieder. „Wozu denn das?" „5!?? ja, wei?n Sie schlafen gehen, dann brauchen Sie blos a??f den Knopf z?? drücken... fchwupp! ist es hell. Das ist doch nett... Oder wenn Sie Nachts eil?mal wach werden..." „Th?? ich nicht. Schlafe wie ein' Ratz." .,Wei?n Sie, wenn Sie mal geträu?i?t haben.. „Ich träume nie." „Na... das ko???mt am Ende noch." Das letzte sagte er in der höchsten Noth. Er war u?it seinem Latein am Rande. Jetzt wurde er traurig. „Aber lven?? Sie??icht wollen..." Sie drehte sich schnell uin.„Aber natürlich will ich. Reden Sie doch??icht so lange l Da m u ß man ja immer wieder etivas drauf sagen." „Ja?... Eine?? Äugenblick I Ich hole den Krempel von oben. Ich habe alles schon zugerichtet." Und er raste die Treppe hinauf. Unter seinem Bette stand ei?? besonderer kleiner Kasten, den er selbst vor E?ml's Augen gehütet hatte. Und Emil wußte sonst Alles. Eine eigene kleine Batterie, aus zwei Sardinenbüchsen hergestellt, eigens angeschaffte rosa übersponnene Drähte, eine Birne aus roscnroth angehauchte??? Glas und was so??st noch dazu ge» hörte, das Alles barg die Gcheimkiste. Er holte sie aus ihrem Versteck und sprang mit ihr wieder treppab. Untci? war lvährenddessen Manni verlegen gewesen. Es ist zu d??i??in, wenn man so allein gelassen wird und sich eine Sache überlege???nnß. Der lange Me??sch in ihrer Kammer.. das gii?g eigentlich nicht. Sie konnte sich zwar keine genaue Rechenschaft darüber geben, weshalb es nicht ging; aber genirlich lvar's. Und wenn der Vater dazu kam, gab's sicher- lich Rada??. Zu ärgerlich! Was ihn nur a??f die dumme Idee mit den? Glühlicht gebracht hatte? Ordentlich böse konnte ?na????ran ihm deshalb sein. Und als Fritze?nit seiner Kiste eintrat, erhielt er einen so vorwurfsvollen Blick, daß ihm gleich wieder das Herz in die Schuhe siel. So standen sie sich eine Mii???te in bitter- böser Befa>?ge>?heit gegei?über, bis ihn? zu??? Glück die Leiter ei??fiel. Natürlich, das war's! Die hatte ihnen gefehlt. Die alte, gute, brave, herzige Leiter, die sich so zur rechten Zeit in ihren Geda??ken einstellte und aller Verlegel?heit ein schnelles Ende?nachte. Sie brachte wieder Leben in die Bude. Mannt ?nußte selbstverständlich mit hii?a??s und die Leiter anfasse«. Sie wurde zu Häuptei? des Bettes aufgebaut, und Fritze stieg hina??f. Dann war Ma??ni's U??tcrstützui?g unbedingt er- forderlich. Sie mußte sich einen Stuhl an die a??dere Seite rücke?? und darauf stellen. Und dann klopften sie und bosselten an der Wand her?????. Mit einem Male fiel der Hanuner heru??tcr, auf ihr weißes Kissen. „Oh!" machte Fritze, tödtlich erschrocken, als ob er ihr selbst weh gethai? hätte. Schnell kletterte er ein paar Sprossen herab und griff nach dein Hammer. Sie hatte sich auch schon danach niedergebeugt— und plautz! trafen die beiden Köpfe zusammen. Das ivar ein wahres Glück. Denn damit>var eine Erklärung für ihre beiderseitigen stark gerötheten Gesichter geschaffen. Und außerdem konnte?naii einmal lachen. Fritze aber lvar zu taperig. Kaum hatte er den Hals aus einer Schlinge gezogen, als er ihn ganz unbeivußter dämlicher Weise sofort wieder in eine andere steckte. Der Hammer hatte nämlich eine tiefe runde Kühle auf dem Kissen gebildet. Und Fritze sagte lächelnd, auf die Vertiefung deutend: „Gerade als ob Ihr Kopf dagelegen hätte I" So'ne blödsinnige Bemerkung I In dieser Situation I Er hätte sich selbst ohrfeigen mögen, als sie heraus war. Und Mannt machte ein Gesicht wie eine in ihren heiligsten Gefühlen Getroffene. Wenn sie sich nur überhaupt nicht auf diese verwünschte Montirerei in ihrer Kammer eingelassen hättel Fritze überflog das ganze Gemach, mit gierigen Blicken nach einem anderen Gesprächsstoff suchend. Und fand keinen. Es war aber auch wirklich zu wenig drin, und nichts Be- sonderes, Auffallendes, über das man eine halbwegs vernünftige Bemerkung hätte machen können. Außer dem schmalen Bettchen nur noch ein Waschtischchen, dem sie mit ein paar bunten Kattunrestcn eine entfernte Aehnlichkeit mit einer„Toilette" verliehen hatte, eine Garderobe in der Ecke mit einem Vorhang von demselben Kattun und ein Stuhl, das war die ganze Ausstattung. „Es ist überhaupt sehr nett hier bei Ihnen," ließ er sich endlich vernehmen. „Ach Gott l" sagte sie. Er aber meinte es aufrichsig.«Wirklich; ich habe es mir immer so gewünscht, eine Schwester zu haben. Das muß prachtvoll sein." Sic war geneigt, sich versöhnen zu lassen. „Meinen Sie? Mein Bruder Karl findet das nicht. Der räsonnirt blos inimer." Er sah sie ungläubig an. „Das sagt er blos so. Ich könnte mir nichts Schöneres denken. Ach ja! Jchhabc inmeincmLebennochniemandengehabt, der mir gehört hätte. Meine Eltern sind gestorben, als ich noch ganz klein war. Und da bin ich denn so bei fremden Leuten aufgewachsen. Das heißt, Verwandte warcn's ja, aber Verwandte— wissen Sie, was man so Verwandte nennt, so Onkels und Tanten, ich habe nichts dafür übrig. Da war's eigentlich noch hübscher, als ich hierher auf die Schule kam und bei wirklich fremden Leuten untergebracht wurde. Fünf und ein halbes Jahr Hab ich in der Wallgasse gewohnt. Fleischcrslcute waren's und sie meinten es so weit ganz gut mit mir. Zu essen gab's auch genug, aber es schmeckte nicht. Das können Sie glauben: niemand versteht sich schlechter drauf. Fleisch zuzubereiten, als Fleischersleute. Halb roh haben wir alles runtergeschluckt. Aber sonst war's sehr nett. Blos ein bischen sehr rumpelig war die alte Bude; wissen Sie, so eine Giraffe von einem Haus, zwei Fenster Front und vier Stockwerke. Ich wohnte unter dem Dach, rechts neben mir der Geselle und links Minna. Das war das Dienst- mädel nämlich. Die schnarchte fürchterlich. Mich störte es nicht. Aber die Gesellen, die wechselten öfters. Und viele konnten das Schnarchen nicht vertragen. Da gab's Szenen da oben I Denn Minna ließ sich nichts gefallen. Sie war schon zehn Jahr int Haus, eine alte Schraube. Aber gut! Ich mochte sie gern leiden, obgleich sie sackgrob sein konnte und fürchterliche Ausdrücke am Leibe hatte. Schrecklich! So was dürften Sie nicht hören... Wie?.. Na. ja, fein war's da oben nicht. Dachkammern! Und dann roch es immer so vom Schlachthaus herauf. Aber im Allgemeinen war's doch ganz hübsch da. Man war wenigstens sein eigener Herr. Bis es zuletzt nicht mehr ging. Ich mußte ausziehen." „Was war vorgekommen?" fragte Mannt ungeduldig, als er Sckluß machen wollte. „Na. ja!.. eine dumme Geschichte. Ein neuer Geselle.. und eines Abends, ich weiß nicht, was er wollte.. und.. da hat ihn Minna geschubbt, oder wie es war.. und.. kurz und gut, er fiel die Treppe hinunter und brach ein Bein. Ein Lehrer von uns, der nicht weit davon wohnte, erfuhr es .. und da mußte ich'raus. Der Direktor machte einen fürchterlichen Krach.. aber ich konnte doch nichts dafür, nicht wahr? Es wäre ja'ne ivahre Mördergrube, oder was er sagte. Das war natürlich dummes Zeug. Es war das einzige Mal, daß einer ein Bein gebrochen hatte, so lange ich da wohnte. Aber es half niir nichts. Ich mußte raus... ein halbes Jahr vor dem Examen noch einmal umziehen. Aber nun bin ich froh, daß es so gekommen ist. Sonst hätte ich Sie doch nicht kennen gelernt." Sie hörte gar nicht auf die Schmeichelei, die er mit kistigem Zwinkern vorbrachte. Sie war ganz erfüllt von dem Bilde, das er vor ihr entrollt hatte, „Das ist ja schrecklich I" sagte sie endlich mit gepreßter Stimme und großen entsetzten Augen. (Fortsetzung folgt.) ttttir Coea (Schauspiel von Björn st jerne Björnson. Erste Aufführung am 15. Januar in der„Neuen Freien Bolksbühn e".) Die jüngsten Dramen Björnson's gleichen Lebensbilanzcn, wie sie das forschende Alter zu ziehen Pflegt. Erst vor ein paar Monaten ist des Dichters neueste Arbeit:„Paul Lange und Tora Parsberg" erschienen. Die erste Ausführung auf öffentlicher Bühne in Deutsch- land steht in München bevor. Hier haben wir es mit einem Versuch am Ostend-Theater zu thun. Dramatische Bekenntnisse, die weitumspannende Lebenserfahrungen in sich einschließen, bringen für die Dichter zweierlei Gefahren mit sich. Vorausgesetzt, daß diese Bekenntnisse für die Bühne bestimmt sind. Einmal sprengen sie gern den engen Bühnenrahmen, dann ist es ungemein schwierig. Alles in künstlerisches Leben zu über- setzen. Es bleiben tobte Stellen übrig, die mehr tendenziös- spekulativ, als anschaulich geworden sind.„Paul Lange und Tora Parsberg" umfaßt nicht so viel und greift auch kein so tief wurzeln- des Problem aus. als Björnson's Dramenfolge„Ueber die Kraft". Aus politischen Stimmungen und Verstimmungen ist das Drama „Paul Lange" geboren; die weitere Welt sozialer Gegensätze erfüllt die Dramen„Ueber die Kraft". Ihr Inhalt erschüttert mehr, als der Fall eines Politikers, der sich ebenfalls über seine Kraft vennißt. Ans Hamlet-Problem streift die neueste Dichtung Björnson's. Man denkt bei Paul Lange mit seinem überzärtlichen Gewiffen an eine Hamlet- Natur, die wie ein Herkules einen Augiasstall säubern sollte. Ich bin nicht der Ansicht, daß die Politik für das Theater un- ergiebig und dürr sein müsse. Die Politik nämlich, von der es bei Björnson heißt,„daß sie vor gesunder Brunst brüllen sollte, wie ein Stier". Im„Demetrius"-Fragment Schiller's haben wir einen glanzvollen Beweis, welche grandiosen Wirkungen sich aus politischen Vorgängen ergeben, und das sentimentalische Liebespaar Max und Thekla bedeutet für Werth und Wesen der Wallenstein-Dichtung wirklich wenig. Wenn wir uns enistlich ftagen wollen: was macht junges Liebesleben im vielverwickclten Menschen- dasei» aus, wenn man es mit der Vorherrschaft vergleicht, die es aus unserem Theater ausübt, das aber ini schlimmeren Sinn ver« wciblicht und verweichlicht ist. Bjönison ist selbst politischer Agitator aus Temperament. Zu- gleich aber hat er die verfeinerte Seele des Poeten; politsiche Verstimmungen, der Ekel vor dem Schmutz in der Politik verwunden den Reizbaren tiefer, als den Dickfelligen. Mit einer wchmüthigen Frage schließt Björnson's politische Tragödie. Wann wird die Zeil nahen, so ungefähr fragt Tora Parsberg, da die Guten nicht mehr Märtyrer sein, sondern herrschen werden? Paul Lange ist abe'' streng genommen, nicht Märtyrer seiner Güte, sondern das Opfer«einer Haibheit. Wer ein Volksführcr sein will, darf nicht immer ängstlich um sich horchen, ob man ihm zujauchze, ob nicht. Ist er deniagogisch bedacht, umschmeichelt er seine Leute, so kann er außerordentlich populär, ein allbeliebter Mann der Partei werden; aber ein Führer, der die Richtung weist, und die Dinge vorwärts treibt, wird er nicht, wenn er ohne Eigeukraft nicht stehen und nicht trotzig aus- halten kann, sollte er einmal verkannt werden. Paul Lange ist Minister in einem wirklich konstitutionellen Lande, das heißt, er steht zu den fteisinnigen Richtungen, aus denen er hcrvorgcgaugcil war. Das Verhältuiß zu seinen Freunden möchte er treu bewahren. Aber veränderte Aufgaben. veränderte Verhältnisse niüssen auch seine Erkcnntniß, seine Erfahrung neu bestimmen. Es käme nun darauf an, daß er sich selber treu bliebe, allen parlamentarischen und außerparlamentarischen Gassenbuben zum Trotz. Das reicht über seine Kraft; seine gute ZärtlichkeitS- natur, vielleicht auch ein wenig seine ästhetische Scheu vor dem Schinutz, das ist nicht der Stoff, aus dem man führende Mächte schafft. Björnson erläutert die Schwäche durch den Druck und die Roth, unter der Lange aufwuchs. Das impfte ihm die Scheu, die eivig lauernde Furcht ein. Im Drama haben freilich solche Erläuterungen, die man eben gläubig hinnehmen muß, keinen voll anschaulichen Werth. Der Hörer weiß, wie Paul Lange über Handiverkspolitik denkt. Er ist gewiß nicht antipolitisch, Ivie der joviale Spaßmacher, der Kammerherr im Stück, der alle Politiker ins Meer versenken möchte, wobei fteilich„die Fische krepiren könnten". Aber Paul Lange scheidet das Kleinliche vom Großen. Sein Intellekt und sein Willensvermögcn, seine Erkcnntniß und sein peinlich verschämtes Gewissen gerathen in unheilvollen Widerspruch. Er weiß, was die Phrase für die Gedankcnträgheit bedeutet; als im ziveiten Akt einige StorthingS-Abgcordncte bei- einander sind, hat er ja eine prächtige Auslese vor sich von Neid- hämmeln und Gernegroßen, von Geschäftspolitikerir und Wieder- käuem. Und doch hat er die Geduld der Kraft nicht, diesen Leute» gegenüber auszuharren und zum Schluß Recht zu behalten. Paul Lange hatte sich das Versprechen abnehmen lassen, für „den Alten", den Minislerpräsidenten, in der Kammer, deren Fort- schrittspartei ein Mißtrauensvotum eingebracht hat, nicht einzu- treten. Er bricht sein Versprechen, um vergangener Verdienste des Alten, um der gegenwärtigen Lage, um des allmäligen Fortschreitens willen; außerdem widert ihn die„giftige Menschenjagd" an. Dazu kommt das Verlöbniß mit der reichen. angesehenen Patrizicrin Tora Parsberg, und Paul Lange wird von der öffentlichen Meinung zum Verräthcr und.Freier", das heißt Streber in unserem Sinne, gestempelt. Das ist zu viel für ihn, waidwund geht er zu Grunde. Vergebens hat ihn die Stärkere, die Freie. Tora Parsberg, aufrecht zu erhalten gesucht. Das ist die politische Tragödie nicht des Märtyrers der Güte, sondern des Mannes, der in sich selbst brüchig war. So lvie Björnson selber für den Fall des Scheinverraths seines Helden beim Hörer Gläubigkeit voraussetzt, so verlangt Paul Lange rm- gerechtfertigte Gläubigkeit von seinen Parteifrennden. Man darf vom Alltag nicht Feiertäglichkeit verlangen und von politischen Handwerkern keine große politische Kunst. Vielleicht liegt es an der Verstimmung des Dichters, daß das eigentliche politische Drama durch die Schilderung der gemein-widerwärtigcn Erscheinungen der Tagespolitik fast übcrivuchert wird. Das Publikum folgte den beiden ersten Akten mit lebhaftem Interesse und der Regisseur, Herr Cord Hachinaun, durste für den Dichter danken. Im Schlußakt mit seinen rednerischen Spekulationen und Erläutcrungsversuchen erlahnite die Theilnahme sowie das Leben des Dramas selber. Ueber die Darstellung zu sprechen, wird mir schwer. Herr Cäsar Beck aus Wiesbaden und ein Fräulein Erwin von, Berliner Theater spielten die Titel- rollen. Sie deuteten im Ganzen richtig an, worauf es ankam, die Dame wohl lebendiger, als Herr Beck, der den Paul Lange gleich von Anfang au zu sehr auf den niedergebeugten Weltenpolitiker hinausspiclte. Andeutung, nicht Durchführung ist das Wesen all dieser Vorstellungen mit zusammengewürfeltem Personal. Darum braucht man keine gröbliche Charge zu gestatten, lvie sie einem Herrn aus Oldenburg in der Rolle des Kanunerherrn beliebte. Das ist ein zynischer Spötter, aber nicht etwa ein grober Seebär.——S. Kleines Feuillekon. — Fraucngcmeindrn. Wie Osenbrüggen in seinem Buche .Die Schweizer" mittheilt, steht im Kanton Zürich nach einer älteren Uebung die Wahl der Hebammen entweder der Franengemcinde oder dem Gemeinderath zu. Solche Frauengenieinden haben sich auf dem Lande erhalten. Nach Osenbrüggen ist die Frauengemeinde acht Tage vorher anzusagen. Früher leitete der Bezirksarzt die Versammlung, darauf der Geincindepräsident. Durch geheime Ab- stinlmung wird aus den Kandidatinnen die„wägste" zum Amt der weisen Frau gewählt. Wie weit der Brauch im Kanton Zürich noch besteht, ist uns nicht bekannt. Dagegen steht uns, so wird der »Frankfurter Zeitung" aus Bern geschrieben, aus der Knabcnzeit aus einem Dorf des östlichen Theils des Kantons Zürich, das Weinland genannt, eine solche Hebammengeincindc lebhaft in Erinnerung. Die verhcirathcten Frauen waren sänimtlich auf dem Gemeinde- Hans versammelt. Die Gemeinde, noch heute im Besitze eines Reb- berges, hatte eigenen Wein im Keller, von dein die Gemcindcräthc nach beendigter Sitzung öfter tranken, wie denn auch alljährlich Bürgcrtrünke veranstaltet wurden, zu denen jeder männliche Dorf- angehörige vom 16. Altcrsjahr an Zutritt hatte. Als die Frauen die neue Hebamme erkürt hatten, gingen sie nicht heim zu Männern und Kindern, sondern verharrte» ans dem Geincindchaus, wo nun dem Herkommen gemäß»rauche Maß vom besten rothen Gcmeindewcin aufgestellt wurde. Gar lebhaft ging es zu, eine Anzahl Frauen blieb beim Glas über die Zeit sitzen, so daß ihre beunruhigten Gatten sich ausmachten, sie abzuholen, und sie dann mit ihren Genossinnen selbst Itheil an Trunk und Geplauder nahmen.— — Skelette von Laubblättern kann man, wie längst bekannt ist, dadrirch erhalten, daß man die Blätter in stehendes Wasser legt, das Moos, Algen und andere Wasserpflanzen enthält. Nach einigen Monaten sind dann alle weicheren Theile des Blattes verschwunden und nur die Blattnerven übrig geblieben. Man hat angerrommen, daß diese Veränderung auf der Thätigkeit von Bakterien und Pilzen beruhe. Jedoch lehren Versuche, die Albert F. Woods soeben in der„Science" veröffentlicht hat, daß die Skclcttirungsarbeit Vorzugs- weise von mikroskopischen Wasserthierchen geleistet>vird, nämlich von Muschelkrebsen, jenen kleinen, von einer ziveiklappizen Schale umhüllten Kresbthicrcn, die man fast in jeder einem Teich entnommenen Wasserprobe findet. Die von Woods bei Aquarium- versuchen beobachteten Thierchcn gehörten zur Gattung ctyxrkliopsis. Ihre Schale ist bis 1 Millimeter lang und halb so breit und hoch: die Frcßwerkzeuge sind kräftig und zum Nagen gut geeignet. Bei der Untersuchung des Dannkanals wurden zahlreiche Blattrcste in halbverdautem Zustande geftinden. Hiernach konnten Ivcnig Zweifel über die Thätigkeit der Thicrchen bestehen. lleberzcugend war aber folgender Versuch: Es wurde neben dem Aquarium, in dem sich die Muschelkrebse befanden, noch ein zweites aufgestellt, das Verwesung erregende Pilze und Bakterien, aber keine Cypridiopsis enthielt. In jedes Aquarium wurde eine Anzahl Blätter verschiedener Bäume gelegt. In dem zweiten Aqiiarium(ohne Muschclkrebsc) schritt der Vcrlvcsungs- Vorgang rasch vor, aber noch nach Monaten war kein Anzeichen von Skelcttirung an den Blättern zu erkennen. In dem Aquarium mit Cypridiopsis dagegen begann die Arbeit fast sogleich. An den von einer Flcckenkrantheit befallenen Blättern wurden die tobten Flecke in 24 Stunden skelettirt; in vier Wochen war das ganze Werl vollbracht. Nachdem die weiche Bkattniaffe völlig entfernt ist, be- ginnen die Thierchen, wenn sie hungrig sind, auch die feineren Nerven anzufressen; man thut daher gut, die Blätter nicht länger als nöthig im Wasser liegen zu lassen. Wenn man sie dann zwischen Löschpapier schwach preßt, so erhält man sehr schöne Blatt« slelette.— Theater. Im Berliner Theater ist am Sonnabend ein nencZ Drama aus dem Dänischen,.Die Familie Jensen" von Hoher(Deutsch von Jonas), aufgeführt worden. Herr Hoher ist ein Bühnenpraktikus, kein Poet. Ein Philippi, gleichsam, von etwas besserem Schlag. Mit der naturalistischen Geberde übt er alten romantischen Spuk.— In der verrotteten Familie Jensen, die lumpenproletarische Züge aufweist, läßt man die Tochter Katinka zur Dirne werden, aber zur Dirne im Stil der großen, roman- haften Spannung. Sie ist die soziale Rächerin I Sie wird die Königin des Tingeltangels, ein journalistischer Chroniqueur vergleicht sie mit der Göttin der Wollust, der semitischen Astarte, der opfer- heischenden. Furchtbare Opfer werden ihr gebracht: wie ein Vamphr wird die.Tiugeltangeleuse" dargestellt; und das Tingeltangel er- scheint in satanischer Verklärung als Tempel der fürchterlichen Astnroth. Die übertriebene Pathetik dieser Szenen deckt deutlich die Herkunft des Drama's von der falschen Romantik auf; und das trotz der Schärfe im naturalistischen ersten Theil des Drama's, worin die Familienmisere geschildert ist.— Frau Prasch-Grevenberg brauchte ihre Tingcltangel-Zaza nur„finsterer, dämonischer" zu schminken, und das„Geschäft war richtig". Das.Publikum war von Schauer und Spamuiug erfaßt und applaudirte aus voller Kraft. Musik. MS im Winter 1884/85 zu Paris Lamoureanx Richard Wagner'S .Tristan und Isolde" einstudirte, wurde als sein Helfer Alexis E m a n u e l C h a b r i e r genannt. Bald darauf trat dieser mit einigen eigenen Opern hervor. 1886 wurde seine„Gwendoline" in Briissel, 1887 sein„I-s roi malgre Im" in Paris zun» ersten Male aufgeführt. In Deutschland fand dann die erstgenannte Oper einen theilweisen Eingang und Erfolg; von Berlin blieb sie unseres Wissens fern. Im Konzertsaal sind hie und da seine„Spanische Rhapsodie" (vergl. Bericht vom 28. v. M.), seine Luits xastorals" und das Vorspiel zum zweiten Akt der.Glvendoline" zu hören. Sein letztes Werk blieb ein Bruchstück: der Tod ließ ihn nicht über den ersten Alt hinauskommen. Dieses Werk:„Die Braut v o n K o r i n t h.(B r i s e i S.)(Drama in drei Akten von Ephraim Milhael und Catulle Mcndös. Deutsch von Emma Klingcnfeld. Musik von Emanucl Chabrier". Paris. Enoch u. Cie. Henry Litolf's Verlag Braunschweig) wurde am 14. d. M. in unserem Opernhaus als Einakter-Fragment mit ziemlich freundlichem Erfolg aufgeführt. Inhalt: Ungefähr 106 Jahre nach dem Auftreten Christi lebt bei Korinth ein Brautpaar, Hylas und Brisers. Sie haben sich Treue geschworen(„Hohe Kypris, bei Dir u. s. w."); aber die Mutter der Braut, eine Ekstatische, gewinnt ihre Tochter für das Christen- thuin. Briseis will sowohl ihrer Mutter wie ihrem Geliebten das Versprechen halten; sie nimmt den Schleier, erdolcht sich und er- scheint ihrem Hylas, wie sie es ihm geschworen:„... Dann aus der eisigen Gruft konimt Brisels, die bleiche, Daß sie lächelnd Dich wiedcrschaut." Sie zieht ihn zu sich ins Grab. Schließlich findet die Mutter in der wiedergcöffncten Gruft die Beiden, sich noch im Tode umschlungen haltend. Die Musik, wie sie uns zur Exposition dieser Handlung vor- liegt, zu beurtheilen, ist nicht leicht, speziell wegen mangelnder Weitcrführung, dann aber auch wegen des immer wiederkehrenden allgemeinen Ucbelstandes, das über eine reichhaltige Komposition, ohne irgend eine Vorlage zu ihrem Studium, auf einmaliges Hören hin ein Urtheil abgegeben werden soll. Gerade hier macht das Ge- hörte gespannt soivohl auf seine Wicdcrverwerthung in den späteren Akten, die es erst zur rechten Geltung bringen soll, als auch aus seine nähere Bekanntschaft durch gemachliche Einsicht in die Partitur oder wenigstens in den Klavicrauszug. Denn so weit sich aus dem Vorgeführten vermuthungswcisc ein Bild des Ganzen gewinnen läßt, handelt es sich um ein höchst einheitliches Werk und um eine reiche Welt streng zusammenhängender Einzelheiten. Die schon er- wähnten, musikalisch besonders schönen Stellen sollen eben bei ihrer Wiederkehr mit neuer dramatischer Gewalt lvirken; desgleichen wohl die melodiöse, fast heilsarmceartige Stelle der verzückten Mutter:„Daß am Tage der Erntefeier dort in der Herrlichkeit" u. f. w., die schon im ersten Akt durch ihre Wiederholungen immer eindringlicher wirkt. Im Ucbriaen ist die Musik, im Gegensatz zu der neulich gehörten neu-italienischcn Orchcstermusik, zunächst Gesangs- musik, zwischen neu-italicnischer Deklamation und Melodienfreude eine sympathische Mitte haltend, und ist auch Stimmungsmusik, wo- zu u. A. schon die vorwiegend sehr hohe Lage der Rollen des Braut- paareS beiträgt. An Charakterisirung, insbesondere in den zahl- reichen langen melodramatischen Episoden, und an Bemühen, dem durchaus idealistischen oder symbolistischen, nach Natürlichkeit und Wahrscheinlichkeit nicht viel fragenden, zugleich durch effektvolle Bühnenbilder wirkenden Text gerecht zu werden, fehlt es eben» falls nicht. Die Ausführung zeigte vor Allem das gleiche Bemühen; zumal die„Stimmung" kam durch sorgfältige Szenerie gut heraus. Jnimer» hin wäre es nicht nöthig, durch das ewige steife Erheben der Arme „Nassisch' zu wirken, und jedenfalls könnte manches deutlicher zu Gehör dringen— die prächtige Leistung des Orchesters unter Strauß steht vielleicht zu sehr im Vordergrund. Frau G o e tz e als Mutter Themafto dürste zunächst zu nennen fein, dann etwa Herr Knüpfer als der alte Diener Stratokles, der Repräsentant des bedrängten Glaubens an die alten Götter; auch Herr Hoffmann wirkte in der christusartigen Rolle des„Katechisten" eindrucksvoll. Herr G r ü ii i ,i g und Frl. H i e d l e r hatten als Brautpaar undankbar- schwierige Rollen; wenn hinter ihren tüchtigen Gesangsleistungen die schauspielerischen zurückblieben, so mag daran nicht nur der zicnilich passive Charakter dieser Figuren, sondern auch ein gut Stück klassicistische Operntradition Mitschuld sein.— sz, Psychologisches. o. Nervöse Ermüdung bei Bergbesteigung e'u. Das Bergsteigen ruft ebenso wie das Radfahren, das Wcttnidern, wie große Anstrengmigeii durch körperliche und geistige Arbeit eine „Ermüdung" des Nervensystems hervor. In diesem Zustand hat der Mensch eine Summe von vagen Empfindungen, die sich schwer definiren und noch weniger abschätzen lassen. Die Folge- erscheinungen der nervösen Ermüdung, wie sie bei Berg- besteigungen auftreten, behandelt der italienische Forscher Angela Mosso in seinem vor Kurzem in deutscher Ausgabe erschienenen Buche.Der Mensch auf den Hochalpen". Er erzählt, daß die Reisenden wie die Führer, wenn an stürmischen Tagen der Auf- stieg sehr ermüdend ivar, in einen: so erregten Zustande zu ihrem Ziele gelangten, daß sie berauscht zu sein schienen. Sie sprachen laut und aufgeregt. Andere, die aufs Aeutzcrste erschöpft in die Hütte eintraten, setzten sich hin und erwachten erst nach Verlauf einiger Minuten, nachdem ihnen die erste Hilfe gereicht war, wie aus einem Traume. Einer sagte auch beim Eintritt, er könne nicht gut sehen, und bat Mosso, er möchte seine Augen nntersiichen, da er befürchtete, daß der Frost auf sein Augenlicht schädlich gelvirkt hätte. Er hatte von dem stürmischem Wetter schwer gelitten. Ein Kollege des Forschers. sonst ein ernst angelegter Mensch, schoß Purzelbäume, warf sich dann mit ausgebreiteten Armen auf den Rücken und lachte und schwatzte, als' ob er be- trunken wäre. Auf dem Gipfel des Monte Rosa wurden von Lemercier zwei Engländer getroffen, die knieend mit lauter Stimme .(Zock suvo the Queen" sangen. Bei fortschreitender Ermüdung tritt eine vollständige Gleichgiltigkeit ein, die sich bis zur Bcrachtting des Lebens steigern kann. Mosso bat einmal die Führer inständig. ihn doch auf dem Schnee liegen zu lassen; daß sie es nicht thatcn, erschien ihm als eine große Grausamkeit. Er empfand nicht die Spur einer Todesangst. Dieser Zustand gerade ist einer der hauptsächlichsten Faktoren bei Unfällen in den Alpen. Eine weitere Folge der Ermüdung ist die Unvorsichtigkeit. Gegen Abend sondiren die voranschreitcudeu Führer den Boden nicht mit der gleichen Vorsicht wie am Morgen; obwohl der Abstteg gefährlicher ist wie der Aufstieg, wird bei ihm viel weniger daraus geachtet, daß das Seil mit der nöthigen Vorsicht gespannt gehalten wird; häufig sind Unglücksfälle an relativ leicht überschreitbaren Stellen, wenn kurz vorher«ine schwierige zu über- winden war. Auch das Gedächtniß kann bei Bergbesteigungen leiden. Ein Professor der Botanik vergaß beim Aufstieg allmälig die Namen der Pflanzen und erinnerte sich derselben erst wieder, als er abstteg. Auch die Empfindlichkeit in den Händen wird herabgesetzt, und zwar nicht nur in Folge der Kälte. Der Muskel- sinn erleidet Veränderungen: der schiverfällige Gang, der er- müdeten Personen eigenthiimlich ist, wird dadurch erklärt, daß die Unebenheiten des Bodenö nicht mehr gut mit den Fußsohlen empstmdcn werden. Die Abstumpfung der Nerven kann sich schließlich auf alle sensiblen Nerven erstrecken.' Selbst das Auge kann nicht mehr die Formen der einzelnen Gegenstände gut unterscheiden und die Entfernungen genau abschätzen; die Lichtempfindlichkeit vermindert sich. Weiße Gegenstände schienen Mosso näher, dunkle entfernter zu sein. Auch die Fähigkeit, ein Relief zu erkennen, ist in diesem Zustande verändert. Eine Schncefläche, ein weißer Stein oder eine etwas dunkle Felsschicht nehmen eine Erhabenheit an, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen. Hochgradige Ermüdung kann den Tod her- beiführen. Auf den Alpen sind die Folgen der Erschöpfung noch mehr zu befürchten, als in der Ebene, weil sich dort die Wirkung der verdünnten Lust hinzugesellt und außerdem leicht ein Unwetter eintreten kann. Meist tritt der Tod in diesen Fällen infolge einer Lähmung des Herzens ein, wie ja überhaupt Gcmüthsbewcguugcn die HerztHättgkcit stark zu schwächen vermögen. Mosso glaubt, die physiologische Grundlage der Ermüdungserschcinuugeii in Temperaturvciändenmgen des GehiniS gefunden zu haben. Einer der wesentlichsten Faktoren aber, der gerade bei der nervösen Er- müdung bei Bergbesteigungen in Frage kommt, ist die fortgesetzt an- gespannte Ausinerksamkcit. die den Kräfteverbrauch des Gehirns außerordentlich steigert. Wer bei Bergbesteigungen vorangeht, er- müdet mehr und schneller als die Folgenden; ebenso haben diejenigen, die den Montblanc und Monte Rosa zuerst bestiegen, sehr vielmehr gelitten als die spateren. Dazu kommt die beständige Gemüths- bewegung durch die Furcht vor Unfällen, Anderer solvohl wie eigener. Mosso erzählt, wie er mit mehreren Begleitern einmal beim Ueberschreiten eines Gletschers die Richtung verloren hatte. Ein Unerschrockener ging allein voran, um die Gletscherspalten zu er- forschen. AIS sie einige Minuten gegangen waren, verließen den einen der Zurückbleibenden plötzlich die Kräfte; dieser Zustand war durch die Ermüdung veranlaßt, die der Anblick des Gefährten in ihm hervorrief, der ohne mit ihnen verbunden zu sein, auf einem Wege voranschritt, auf dem jeder Fehltritt daS Leben kosten konnte. Sobald der Vormann wieder mit ihnen verbunden war, stellten sich bei dem kraftlos Gewordenen die stühere Muskelkraft und die Sicher- heit des Ganges wieder ein. Während beim gewöhnlichen Gehen die nothwendigen nervösen Prozesse sich in mechanische verwandeln, ist bei schwierigen Aufstiegen zu jedem Schritt eine besondere Wahl und eine besondere Willenshandlung und somit ein Aufwand von Gchirnthättgkeit nöthig, der sehr schnell zur völligen Erschöpfung stihren kann.— Anatomisches. ie. lieber das Gehirn eines Schi ni Pansen hat Taylor der Gesellschaft für medizinische Wissenschaften in Boston eine eingehende Untersuchung vorgelegt. Die Anatonne der menschen- ähnlichen Affen hat in der letzten Zeit viele wissenschaftliche Forschungen beschäftigt, aber sie haben sich zum größten Theile auf die Untersuchung der äußeren anatomischen Eigenthümlichkciten in ihren großen Zügen beschränkt, während nur noch sehr wenige feinere Untersuchungen des inneren Baues vor- genommen sind. Taylor hat eine ganze Reihe von feinen Schnitten aus dem Schimpaiisengehirn angefcrttgt und auf die Unterschiede ihrer anatomischen Eutwickelung von den betreffenden Theilen des menschlichen Gehirns geprüft. Besonders fiel ihm die ungewöhnlich starke Ausbildung derjenigen Gehinithcile auf, von denen die Beweglichkeit des ganzen Körpers abhängig ist. Die grane Gchirnsubstanz hat beim Schimpansen eine eigenthüinliche, von den entsprechenden Verhältniffen im menschlichen Gehirne ab- weichende Zusammensetzung. Von den weitereu Eigenthümlichkeiten sei nur die geringe Zahl der den Gehirnknoten oder, wie es in der Wissenschaft auch heißt, die Brücke des Barolius, zusammensetzenden Fasern erwähnt. Der Schlußsatz in der Abhandlung von Taylor lautet: Es kann nach unserer Uittcrsnchuua sowie nach denen, die vorausgegangen find, keine Frage sein, daß oic Aehnlichkeit zwischen dem Gehirn der menschenähnlichen Affen und dem des Menschen selbst eine der auffallendsten und bedeutungsvollsten Thatsachen ist, von denen wir Kcnutniß haben.— Hmnoristisches. — Boshaft. A:«Denke Dir: bei Wetzler's hat der Blitz ins Haus geschlagen, s i e hat die Sprache und er das Gehör verloren." B.:„Welche grausame Ironie des Schicksals I" A.:«Wieso meinst Du das?" B.:„Ruii hat der M a n n doch gar nichts vom Schweigen seiner Frau!"— Routine.„Ist der Schulze eigentlich ein routinirter Jäger?" „Und ob I Der vergißt nie, den Preiszettel vom Hasen zu entfallen."— — Belehrung. Professor sin der ländlichen Sommer- frische zu seinem kleinen Jungen):„Das Kalb ist kein in sich abgeschlossener Begriff, es wächst sich vielmehr mit den Jahren zum Ochsen auL."— s.Meggend. hum. Bl.") Noti5en. — G e r h a rt H a u p t m a n n hat ftir sein Stück„Fuhr- m an n H e» s ch e l" den G r i l lp a r z e r p r e i S(2400 Gulden) e i n st i in m i g zugesprochen erhalten. Vor drei Jahren erhiett er den gleichen Preis schon einmal für sei»„Hannele".— — Der reiche Brauer Karl Jacob sen in Kopenhagen hat erklärt, er wolle seine Sammlung antiker Kunst« werke, die einen Werth von 8 bis 10 Millionen Mark repräsentirt, d ein Staate schenken, wen» dieser ein passendes Terrain und eine Million Kronen für Aufführung eines neuen Museuins zur Verfügung stelle.— — Ein Observatorium wird von der egyptischen Regie« rung auf den M a k a t t a m- H ü g e l n unweit Kairo ein- genchtet.— — Daß ein Mensch mit nur einer Lunge geboren worden sei, wurde unlängst als Unikum angeführt. Das stimmt nicht. Wie ein Arzt der„Franks. Ztg." schreibt, find bis jetzt IS derartige Fälle bekannt.— n.„Späheleute" heißen noch heute in Nürnberg amtlich siin Verwaltungsbericht der Stadt Nürnberg für das Jahr 188(3, Nürnberg 1898, S. 271) die Geheimpolizisten.— — Die Einwohnerzahl der Stadt R o in hat am 1. Januar eine halbe Million erreicht. Am 20. September 1870, dem Tage des Einzugs der Italiener, betrug sie nur 228<322.—_ Leramwortlicher Redakteur: August Jaeobey in Bcrlüi. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.