Nr. 15. Freitag, (Nachdruck verboten.) ZAott�ronÄVe. 15] Roman von O. Eugen Thossan. Als Herr Zickendrath sah, daß von Fritzen ein feierliches Eingestündniß seiner Schuld nicht zu erwarten war, nahm er die Miene des weisen und überlegenen Mannes an, der auf die Thorheitcn der Jugend mit lächelnder Verachtung herab- blickt. Auf eine Kraftprobe mochte er es doch nicht noch einmal ankommen lassen. Fritze aber sah in dieser Taktik nur die Schwäche, nicht die Klugheit, und wurde in seinem Sieger- bewußtsein bestärkt. Als drei Tage so hingegangen waren, klopfte es des Abends leise an Fritzens Zimmer. Er war allein, da er Emil noch zu einer Besorgung in die Stadt geschickt hatte. Die Schmidt's pflegten nicht anzuklopfen, es mußte also ein seltener Besuch sein. Rasch knöpfte er die alte Joppe über daS rothe Wollheind, fuhr in die ausgetretenen Pantoffeln, die er vorher unter den Tisch geschlenkert hatte, und rief herein l Manni!... Donnerwetter! Für Damenbesuch war er eigentlich auch so noch nicht recht angezogen. Die Beinkleider, der Fessel der Hosenträger entledigt, suchten sich bei jeder seiner Bewegungen ihrem Be- ruf zu entziehen, und die Joppe konnte beim besten Willen nicht mehr für salonfähig gelten. Außerdem niußte sie etwas Besonderes haben, sie kam sonst nie um diese Zeit in die Schülerzimmer. Aber da war nun nichts mehr zu machen. Vor allen Dingen mußte dafür gesorgt iverden, daß sie Platz nahm, damit er sich auch setzen konnte. Aber sie dankte. Das war sehr unangenehm. Er half sich indeß, so gut es ging, indem er sich mit seiner Rückseite stramm wider die Kante des Tisches lehnte. So konnte nichts passiren. Also— was ihm die Ehre verschaffte? Von Ehre wäre gar nicht die Rede, gab sie etwas spitz zur Antwort, sondern von seinem Muckschen mit dem Vater. Er müßte doch einsehen, daß das nicht so weiter ginge. „Weshalb soll es denn nicht so weiter gehen? Mir thut das keinen Schaden." Er war auch ein bischen ärgerlich auf sie. In die Mei- nnngsvcrschiedenhciten der Männer sollen sich die Weiber nicht einniischen, das war seine Ansicht. Mannt wurde betrübt.„Aber mir ist es doch so schrecklich." Das gab ihm einen Stich durch's Herz. Es fehlte nicht viel, so wäre er auf sie losgestürzt, um ihr die Hände zu küssen oder sonst etwas Dunimes zu thun. Er besann sich jedoch noch zur rechten Zeit, daß daS in anbetracht seiner BeklcidungSzustände einfach unmöglich war, und blieb steif wider den Tisch gedrückt stehen. Manni nahm seine Regungslosigkeit für Verstocktheit und begann sich nach der Thür zurückzuziehen. Da rief er schnell: „Ja, Fräulein Manni, was soll ich denn thun?" „Was Sie thun sollen? Das können Sie sich doch an den zehn Fingern abklaviren." „Nein, das kann ich wahrhaftig nicht. Sagen Sie's mir! Und wenn's zu machen ist, dann wird's gemacht." „Aber ich bitte Sie! daß man Ihnen das sagen muß, das ist ja gerade das Schlinune. Wird's Ihnen denn nur so schwer?" „Was denn?" „Na— den Vater um Verzeihung zu bitten." Fritze mußte sich mit beiden Händen an der Tischplatte festklammern, um den unumgänglich nöthigen Rückhalt nicht wieder zu verlieren. „Um Verzeihung bitten I Aber wie komme ich denn dazu? Ich habe ihm ja gar nichts zu Leid gethan." „O ja, das haben Sie wohl. Sic haben ihn angeschnauzt, daß es nicht mehr schön war. Wir haben's bis in die Küche gehört, die Mutter und ich." „Aber er hat mich doch zuerst angegriffen. Er hat mich ungerecht behandelt, und das ertrag' ich nicht. Ich ertrage es einfach nicht. Daß er immer Alles mir aufpacken will und den Johannes schont. An dem hat er einen Narren gefressen, ill des Horivärks 20. Januar. 1899 meinetwegen. Er wird schon noch einmal sehen, was er an ihm hat, an dem— na, davon will ich nicht sprechen. Mir kann's ja gleich sein. Aber mich kann er nicht leiden, das weiß ich wohl und deshalb hackt er auf mich ein, sobald es was zu hacken giebt; nur deshalb. Und das laß ich mir nicht gefallen." Manni konnte ihm nicht so ganz Unrecht geben. Sie wußte, daß der Vater gegen ihn eingenommen war und einen Pik auf ihn hatte. Aber sie war gekommen, um jeden Preis eine Versöhnung herbeizuführen. Deshalb fuhr sie ein- dringlich fort: „Und wenn er selbst im Unrecht war, durften Sie ihn doch nicht so anfahren. Das geht einfach nicht." Fritze lachte.„Es ging ganz schön, meine ich. Das ist nun mal nicht anders bei mir: Wer mich haut, den hau ich wieder." Der unbestrittene Sieg, den er damals davongetragen, stieg ihm wieder zu Kopfe. Manni überhörte absichtlich die ungünstige Wendung, die das Gespräch für ihre Absicht nehmen wollte. Sie machte das halb schmollende, halb lockende Frätzchen, das junge Mädchen anzunehmen pflegen, wenn sie in der Verfolgung ihrer Ziele den unfruchtbaren Pfad der Logik verlassen und den Gegner auf die blumige Au ihrer persönlichen Anmuth zu führen suchen. „Thun Sie's doch, bitten Sie ihn doch um Verzeihung!" bettelte sie.„Oder sagen Sie ihm wenigstens, daß es Ihnen leid thut— oder sagen Sie nur überhaupt was, es ist ja ganz gleich, nur ein gutes Wort!" Aber der Dickkopf war nicht so leicht mürbe zu kriegen. „Wenn er mir zuerst Unrecht gethan hat. dann muß er auch zuerst mir ein gutes Wort gönnen. Nachher komm ich an die Reihe." In Manni stieg der Aerger wieder hoch. So ein Brummbär! Nicht einmal auf den Ton reagirte er. Eigentlich schon mehr Flegel. Aber sie beherrschte sich noch einmal und sagte milde: „Er ist doch so viel älter als Sie." Damit aber hatte sie ganz daneben geschossen. „Nee, Fräulein Manni," entgegnete er mit dem ganzen Selbstbewußtsein seiner neunzehn Jahre;„das zieht bei mir nicht. Mann ist Mann. Die Jahre machen dabei gar keinen Unterschied. Ich habe in meinein Leben schon viel alte Esel kennen gelernt, daß ich vor dem Alter an und für sich noch lange keinen Respekt habe." Er meinte es wirklich ganz allgemein. Aber sie hörte nur die Beziehung auf ihren Vater heraus. Sie war wüthend. „So?" rief sie.„Also so kommt's raus I Ich danke schön! Das ist auch eine Ansicht. Und meine Meinung will ich Ihnen nun auch sagen: Ein eingebildeter dummer Junge sind Sie— und weiter nichts. Damit Sie es nur wissen!" .„Schrumm— war sie raus. Vor der Thüre wartete sie einen Augenblick, ob er nicht hinter ihr hergestürzt käme. Aber er konnte ja nicht. Selbst wenn er gewollt hätte. Und er wollte gar nicht einmal. Er wußte überhaupt nicht, wie ihm geschehen war. Er war starr. So hatte er sich den Ausgang nicht gedacht. Er hatte sich nur nicht so ohne Weiteres klein kriegen lassen wollen. Hinterher, wenn sie noch ein Weilchen recht schön gebeten hätte, vielleicht— aber so? Nee I Und eine elende Wuth packte ihn, gegen sich selbst, gegen Manni, die dumme Gans, gegen den alten Zickendrath, den verbohrten Kerl mit seinem Erziehungs» datterich, gegen alle Welt. Die Wuth erstickte ihn bald, er mußte sich Luft der- schaffen. Es half alles nichts, er mußte abräumen. Er legte den rechten Arm lang ausgestreckt auf den Tisch und kehrte mit einem mächtigen Schwung Alles auf die Erde, was darauf lag: Bücher, Tinteufaß, Federn und Bleistifte, Hefte und die Hosenträger. Nur die Lampe schonte er, soviel Uebcrlcgung wußte er sich zu bewahren. Aber daß er sie zu schonen genöthigt war, das raubte der Erleichterungskur ein gut Theil von ihrer Wirkung. Er mar noch nicht gesättigt. Da kam Emil, das Unglückswurm, nach Hause. Ueber ihn ergoß sich nun der ganze Wildhgch seines Zornes� Wo er so lange geblieben wäre? Hätte sich natiirlich wieder rum- etrieben und Geschäftchen gemacht. Nächstens flöge die ganze eihbibliothek zum Fenster hinaus. Er solle sich nach Hause scheren, wenn er seine Besorgung gemacht hätte. Seit einer halben Stunde warte er auf ihn und sein elendes Packet Tabak. Und in der Zwischenzeit rückten ihm die Frauen- zimmer auf die Bude und machten ihm Szenen. Wenn er dagewesen wäre, hätte das natürlich nicht geschehen können. Und so weiter und so weiter. Emil erwiderte kein Wort. Aber in seiner kleinen Seele erstarb in diesem Moment der letzte Funke der Freundschaft für seinen Swbenkollegen, die vordem in so hellen Flammen gebrannt. Allerdings hatte in den letzten Tagen die Klug- hcit den Brand schon stark gelöscht. Man mutz es nie mit Einem balten, wenn man es dadurch mit allen Anderen ver- dirbt. Er war aus Damberg, und sein Vater war Geschäfts- mann. Von da an herrschte eine laute fröhliche Einigkeit zwischen allen Gliedern der Gemeinde Zickendrath mit Airs- fchlutz Fritzens. Das Klavier war angekommen, und Johannes drosch der: ganzen Tag darauf hemin. Es hatte irur einen dünnen, zirpenden Ton wie eine Zither; aber der Spieler wutzte dieses Manko durch fortgesetzte Anwendung des Pedals und sorgfältige Vernreidung des Piano nahezu auszugleichen. Zuletzt fing er auch noch an zu singen. Seine Spezialität war ein Reitcrlicd mit vierzehn Strophen. Gegen das Ende jeder Strophe kam ein hoher Ton vor, bei dem ihm jedesmal die Stimme überschnappte. Aber das schadete nichts. Alle fanden es wunderschön und freuten sich der neuen Errungenschaft. Auch Gustel glaubte etwas Besonderes thun zu nrüssen, um seine schmachvolle Vergangenheit zu sührren. Obgleich es gar nicht nöthig gewesen wäre. Herr Zickendrath trug schon längst keinen Groll mehr gegen ihn. Aber immerhin war seine neueste mimische Nummer bei ihrer ersten Vor- führung von solchem Erfolg begleitet gewesen, daß er sie seidem bei jeder Gelegenheit wiederholte. Uicker allgemeinem Jubel."(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die arme UViktnic. Von Otto V r e i t m a n n. (Schluß.) Erschreckt lenkte sie ein:«Ach, lieber Herr Wachtmeister! Be- denken Sie doch I Ich bin eine alleinstehende Frau, und das Geschäft geht so schlecht und Sie werden mich doch nicht ruiniren wollen? Äch Gott, ach Gott! Wenn doch blos das Geschäft besser ginge; ich würde ja gerne noch eine Stube miethen, damit die Leute eine ordentliche Schlafstelle haben... Aber sehen Sie da drüben, mein Konkurrent, der hat mir die ganze» Kunden weggenommen." „Aber Sic beschäftigen doch noch vier Leute... Wie ist's denn mit der Arbeitszeit?" Bestürzt sieht sie ihn an. Dann blickt sie hinaus. Die Gesellen sind fertig mit dem Holzabladcn. Wenn er die nur nicht verhört! Rasch zieht sie ihn in die Stube und sagt bittend:„Ach machen Sie es doch nur gnädig mit mir, liebster Herr Wachtmeister! Ach, ich bin eine von schwerem Unglück verfolgte Frmi! Mein Mann, mein liebster Mann ist mir zn früh gestorben I... Glauben Sie denn nicht auch, wie schwer es ist, ein Geschäft zu erhalten, wenn kein Mann da ist? Unsereins kann ja gar nicht so hinterher sein. Und die fremden Leute.. Bedenken Sic doch nur, ich bin eine arme Wittwe. Und dann habe ich solch Unglück mit meinem Kind.. es ist nicht recht klar im Kopfe. So'» klein bischen schusselig.. Ach. Sie können sich gar nicht denken, was es heißt, so.. ein.. Unglückskind.. zu.. ha— a— abcn!" Sie schluchzt und wimmert:„Äch Gott, ach Gott, ach Gott! Ich bin ja'ne arme Wittwe. Lassen Sie's doch blos»och dies eine Mal: Ich will ja Alles machen lassen; morgen.. übermorgen.. in acht Tagen soll Alles nach Vorschrift sein." Er wird schon wankend. Doch um gesetzmäßig zu bleiben, sagt er rauh:„Nein, das geht nicht!" „Ach, liebster, bester Herr Wachtmeister! Sie können sich fest darauf verlassen, ufClasse Alles machen.— Stürzen Sie mich doch nicht noch tiefer ins Unglück. Ich bin doch nur'ne arme Wittwe!" „Ja, das kann ich Ihnen aber sagen, ist in acht Tagen nicht Alles in Ordnung.. Sie haben doch die Verordnung seiner Zeit be- kommen?.. Na, also; ist es in acht Tagen, vergessen Sie nicht: acht Tage!.. dann»uiß Alles fix und fertig sein I Ich komme selber nachsehen!" Er ist schon in der Thüre. Sie lächelt dankbar und nickt, als wenn es eine Beleidigung wäre, ivenn er an ihrem Versprechen zweifeln würde, Die acht Tage find mn. ES ist noch kälter geworden. Selbst die Fenster, hinter denen den ganzen Tag geheizt wird, find fast ganz mit Eis bedeckt. Die Menschen gehen noch rascher als vor einer Woche. Es ist, wie wenn sogar die jungen Damen und Kinder Gewohnheitstrinker wären: Aller Nasen sind geröthet. Ja, manchen ist das ganze Gesicht wie mit Karmin bestrichen. Ihren Hauch zerstreut ein stößiger Wind. In dem Hause, wo die Bäckcrwittlve wohnt, sind fast alle Fenster mit Eisblumen bedeckt. Nur das Fenster ihrer Stube ist ziemlich klar. Der magere Kopf ihrer Tochter erhebt sich dahinter. Sie sieht stumpf zu, wie die Gesellen wieder eine Karre Holz ab- laden. Ganze Schichte nehmen sie aus ihre Anne und werfen sie rasch in den Keller, daß es kracht und poltert. Das Mädchen sitzt mit offenem Munde da und verfolgt jede ihrer Bewegungen. Doch so starr und verständnißlos, als wenn sie eine mechanische Puppe wäre. Ueber dem Zusehen hat sie vergeffen, an ihren Fingernägeln weiter zu knabbern, trotzdem sie die Hand noch an die Lippen hält. Da schellt die Ladenklingel. Das Mädchen schreckt auf und sieht nach, ob ein Käufer gekommen ist. Der Wachtmeister steht im Laden und fragt nach der Mutter. „Mutter?" lächelt das Mädchen.„Mutter ist weg." „So, wo ist sie denn?" Das Mädchen wird mißtrauisch:„Ja... kann ich ihr nicht be- stellen?... Sie kommt bald wieder." „Bestellen können Sie das nicht." Er sieht sie forschend an. Hm... so sehr häßlich ist sie nicht. Und dann ist sie auch gerade in dem Alter, wo die Mädchen amlieblichsten aussehen... achtzehn... zwanzig Jahr wird sie sein.„Ach, Sie sind ja auch sogar schon verlobt!" sagte er überrascht. Sie wird roth.„Ja, ich bin verlobt!" sagt sie stolz. „Dann ist wohl bald Hochzeit?" „Ja... in acht Wochen.... Darum ist ja Mutter weg." Sie wird zutraulicher.„Sie bringt die Wäsche zur Stickerin. Für beinahe zweitausend Mark Wäsche. Äch ja, Mutter ist gut. Möbel kaust sie uns auch noch, und dann kriegt mein Bräutigam noch neuntausend Mark, damit er sich ein Geschäft einrichten kann. Er ist nämlich Schneider. Da habe ich denn nicht so viel zu thun. Da brauche ich keine Kunden bedienen." Der Beamte hat das Letzte kaum gehört.„So, so, neuntausend Mark bekommen Sie mit?" fragt er gedehnt. Sie sieht ihn blöde an:„Ja, neuntausend Mark. Mein Bräu- tigam meint, meine Mutter müßte noch mehr rausrücken; sie hätte sicher noch mehr. Aber, nicht wahr, das ist doch schon genug, Ivo er doch gar nichts hat und sogar buckelig ist?" „Ja, ja!" sagt er ärgerlich, daß er sich von der Alten so sehr hatte hinters Licht führen lassen. Er stampft mit dem Fuß und zischt: „Verfluchte Hexe I" Das Mädchen sieht ihn verwundert an. „Sagen Sie, laden Ihre Gesellen alle Tage während der Ruhe- pause Holz ab?" „Nein, nur jeden vierten Tag. Mutter meint, man müsse jeden, auch den kleinsten Vortheil mitnehmen... überhaupt, wenn man ein Geschäft hat. Sie sagt, das müsse ich»och lernen." „Aber das ist ja eine grenzenlose Gemeinheit I" fährt der Wacht- meister los, dessen Kopf ganz roth angeschwollen ist.„Sie, hören Sie mal I" sagt er zu den' durchgehenden Gesellen;„ist die Backstube umgeändert?" .Ne." „Und wo schlafen Sie denn jetzt?" „Na... da, wo wir schon immer schlafen mußten— im Loch hinter der Backstube." „Himmelludcr l" Der Wachtmeister erstickt schier vor Zorn.„Na wartet! Das werde ich Euch anstreichen! Solche Schwefelbandel Solche Schwindelbrut I" In der Ladenthür schimpft er noch... Als Frau Paalzow am nächsten Tage ein Strafmandat bekam, fiel sie kreischend über ihre Tochter her, schlug und kratzte sie. Sie tobte sich aus. Dann sah sie das Mädchen an, das nicht verstand. warum es geschlagen wurde. Die Mutter hatte es doch sonst so verhätschelt. Und da umarmte und herzte die Wittwe ihr Kind, das furchtsam lächelte. „Ach Gott, ach Gott! Daß ich auch mit Dir bestraft worden bin!" jammerte die Frau.„Daß ich auch so dumm war. den alten Ekel zu heirathen. Ach, so ein Kind zu haben, so ein Kind zu haben." Sie drückte das Kind an sich und weinte die ersten echten Thränen über das arme Geschöpf, das sie so leidenschaftlich liebte, und aus Reue über ihre Ehe, bei der die Habgier die Kupplerin gewesen war. Aber als sie sich ausgeweint hatte, beschloß sie, nicht gleich die Strafe zu zahlen, sondern gcricht- liche Entscheidung zu beantragen. �# • Die Richter glaubten nicht, was die Gesellen erzählten. Sie hielten das für Uebertrcibung, für böswillige Rachsucht. Frau Paalzow merkte, daß der Gerichtshof ihr günstig gesinnt war und bat recht innig um Freisprechung.„Glauben Sie nur, hoher Herr Gerichtshof, eine Strafe wäre für mich ein unüberwind« sicher Schlag. Ach, uns kleinen Geschäftsleuten geht es ja so schlecht. Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht in der alten Fahne hier er- schienen." Sie hob ihr schäbiges Kleid nnt beiden Händen zur Seite hoch, daß es über die Schranke der Anklagebank reichte. Die Männer in den schwarzen Talaren sahen mitleidig nach ihr hin. Da trat der Wachtineistcr vor. der noch nicht verhört worden war, und der bis dahin an der Barriere des Zuschauerraumes hinter den Gesellen gestanden hatte, und bat, reden zu dürfen:„Ich muß nur bemerken, daß sich alles so verhält, wie die Zeugen angegeben haben und daß Frau Paalzow durchaus keine arme Frau. »Doch, doch!" schrie sie dazwischen. »Durchaus keine arme Frau ist," fuhr der Wachtineistcr fort. »Sie giebt ihrer Tochter neuntausend Mark baares Geld mit." »Schwindler, Betrüger I" schrie Frau Paalzow gellend.»Wer hat das gesagt? I" „Ich muß Ihnen sagen, daß Sie hier nur zu sprechen haben, wenn ich Sie dazu auffordere I" sagte der Vorsitzende. „Die Tochter hat es selbst erzählt," meinte der Wachtmeister ruhig. Sie fühlt, daß sie die Sympathie der Richter schon verscherzt hatte. Aus Wuth hierüber fing fie an zu toben:»Das ist eine Verrückte! Meine Tochter ist unzurechnungsfähig I Und ich bezahle keine Strafe!" „Ich habe mich genau erkundigt i Frau Paalzow ist wohlhabend," sagt der Wachtmeister mit Nachdruck. Sie tobte weiter:„Das ist eine Lüge I Gemeinheit I Nieder- tracht!" Der Richter sagte, als er sich mit den anderen verständigt hatte: „Die Angeklagte ist wegen Ungebühr zu einem Tag Haft vcrurtheilt. Sofort vollstreckbar!" Da bettelte sie:„Ach, bedenken Sie doch! Ich bin eine arme Wittive! Eine alleinstehende Frau!" Sie schluchzte heftig:»Eine arme Wittive!" Doch es half ihr nicht. Sie mußte den Tag absitzen und die Geldstrafe wurde ihr verdoppelt, trotzdem sie betheuerte, sie sei: »Eine arme Wittive".— Kleines �enillekon. � Adolf Menzel s Krönnngsbild. Nicht immer, so wird der„Franks. Ztg." aus Berlin geschrieben, hat Adolf Menzel sich von Seiten des Berliner Hofes der Werthschätzung erfreut, die sich in der ihn, unlängst verliehenen Auszeichnung ausspricht. Auch sein großes K r v n u n g s b i l d war Veranlassung zu einem ziemlich heftigen Konflikt, u>!d zivar mit König Wilhelm I. Als Honorar war dem Künstler die Summe von 12 000 Thnlcm bewilligt worden. Der damals— ebenso wie heut— grassircnde Personenwechsel in den ersten Staatsämtcrn bewirkte, daß Menzel— der nun auch jeden neuen Manu auf den, Prunkbild anbringen sollte— nie dazu kam, seinen Entwurf ganz zu vollenden, und immer neue Gc- sichter und Gruppen der Versammlung einzufügen hatte, bis er es schließlich auf ca. 25 mehr oder minder weit ausgeführte Entwürfe brachte. Die ihn, dadurch erwachsende große Mühe und Arbeitslast berechtigte ihn seiner Ansicht nacli zur Forderung eines höheren Honorars, und er stellte deshalb nach Vollendung des Bildes seinen Preis auf 10 000 Thalcr. Wilhelm k. stand aber auf seinem Schein: mit Menzel sei ein Honorar von 12 000 Thaleru vereinbart worden und mehr habe er nicht zu kriegen. Dann, erwiderte der Künstler, würde er das Bild überhaupt nicht herausgeben, sondern es behalten und sich mit de», Bewußtsein trösten, auch einmal für einen k ü n st l e r i s ch e n Z im m e r s ch m u ck viel Geld ausgegeben zu haben. Nach längere». Hin- und Herparlamentiren entschloß sich der König endlich zu einer Konzcssion. Das Bild sollte der Akademie der Künste vorgelegt werden, und diese würde darüber entscheiden, ob es 10 000 Thalcr Werth sei oder nur 12 000. Das aber wollte Menzel erst recht nicht zugeben: Das fiele ihn, g a r n i ch t ein. In der ganzen Akademie sei überhaupt nicht ein Einziger, der die Berechtigung hätte, über das Bild zu Gericht zu sitzen. Entweder gebe man ihn, die verlangten 10 000 Thaler oder das Bild sei ihm g a r n i ch t verkäuflich. Endlich ninßte der König in den sauren Apfel beißen und die 10 000 Thaler bewilligen.— gk. Uebcr das Familiculeben in der Welt der amerikanischen Millionäre schreibt L. de Rorvins in dem neuesten Heft der„Revue des Revucs": Der Muttcrinstinkt ist in den Frauen der anicrikauischcii Gesellschaft nicht sehr stark entwickelt. Woher sollten sie die Zeit finden, Kinder zu haben, wenn ihr ganzes Dasein ausgefüllt wird durch Bälle, Feste, DinerS und Empfangstage? Mutter werden, das würde für sie bedeuten, sich für eine Reihe von Monaten vollständig von der Gesellschaft zurückziehen und so nicht in der Lage zu sein, durch glänzende Toiletten ihre Rivalinnen aus- zustechen. Daher sehen sie die Mutterschaft als eine Last an, und ihr monströser Egoismus verbietet ihnen, diese auf sich zu nehmen. Man gehe, schreibt Norvins, durch die Millionärstraße in New-Aork, die fünfte Avenue, in der man so stolz darauf ist, daß in der Aus- dchnung einer lllleile nur„Multimillionäre" wohnen, und schaue sich die kostbaren Paläste, die an ihr liegen, daraufhin an: Unfrucht- barkeit ist dort die Regel, das Vorhandensein von Kindern die seltene Ausnahme. 45 Paläste kann»,aii zählen, und nur in vieren von diesen giebt es Kinder: William E. Roosevclt hat 4, Jsaac Stern 2, George Iah Gould 5 und' John Jakob Astor 1 Kind— das sind 12 Kinder in 45 Familien k Alle die anderen Familien werden über kurz oder lang aussterben, und die kolossalen Vermögen der Whitman, Stevens, Gerry, Bradley, Ogden Mills, Sloane, Whitney, Belmont werden den überlebenden Familien zufallen, deren Reichthum mit der Verminderung ihrer Zahl ins Ungeheure wachsen wird. Bis dahin amüsirt man sich oder glaubt sich zu amüsiren, und— läßt von sich reden. Das scheint das größte Vergnügen dieser Millionäre zu sein. Norvins schließt seine Studie damit, daß er sagt, er brauche sich wegen seiner Indiskretionen vor der Gesellschaft, in der er selbst steht, nicht zu fürchten. Die Frauen der fünften Avenue kümmern sich wenig um das, was man von ihnen sagt, wem, man nur überhaupt von ihnen spricht.— Kunst. — Im außerordentlichen Etat, der dem Abgeordnetenhause vorgelegt wurde, sind auch einige Ausgaben für K u n st zwecke vor- gesehen, die für Berlin besonderes Interesse haben. Sehr wichtig für Studienzwecke ist die beabsichtigte Errichtung einer S a m m- l u n g von Photographien nach Gemälden, für die ein Betrag von 30 000 Mark ausgelvorfcn ist. Es fehlt, wie es in der Begründung heißt, in den öffentlichen Kunstsanimlungcn der Haupt- stadt bisher an einer systematisch angelegten Sammlung von Photo- graphien nach den bedeutenderen Gemälden in- und ausländischer Galerien. Dies wird in weiten Kreisen der Kunstgelehrtcn, Künstler und Kunstfreunde, denen eines solche Sammlung für ihre Studien unentbehrlich ist, als ein großer Ncbclstand empfunden. Da bei dem Kupserstichkabinct Ansätze zu einer Photographiensamnilung vorhanden sind, wird beabsichtigt, das Vorhandene durch eine einmalige Auf« Wendung so weit zu ergänzen und zur öffentlichen Benutzung herzurichten, daß den interessirtcn Kreisen das nothwendigste Studienmaterial geboten werden kann. Ferner soll die S t o f f- s a ni m l u n g d e s K u n st g e w e r b e- M u s e u ni s, die als die reichhaltigste aller Sammlungen dieser Art einen Ueberblick über die Entwickelnug der Kunstiucbcrei vom fünften Jahrhundert bis in die Gegenwart' bietet und deshalb von großer wissenschaftlicher und praktischer Bedeutung ist, durch eine nach einenr einheit- lichen Plane angelegte Publikation weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Zur Herstellung des Werkes ist ein Staatszuschuß von 75 000 M. erforderlich, von denen 15 000 M. in den Etat eingestellt sind. Der Fond zum Ankauf von Kunst- werken für die Ratio ualgalerie sowie zur Förderung der monumentalen Malerei und Plastik und des Kupferstichs, der im vorigen Jahre von 300 000 auf 350 000 M. erhöht war, ist auch in diesem Etat auf 350 000 M. festgesetzt.— Archäologisches. c. Eine assyrische Abbildung der hängenden Gärten der Semiramis. Von dem Wunderwerk der antiken Gartenbaukunst, den hängenden Gärten von Babylon, von dem die Alten so viel zu rühmen wußten, hatte sich bisher in der keilinschristlichcn Literatur keine Andeutung gefimden. Daß es trotz- dem bestanden hat, wird jetzt auch durch ein assyrisches Relief be- wiesen, das sich, wie Bruno Meißner in der»Wiener Zeitschrift ftir die Kunde des Morgenlandes" mittheilt, im Kellcrraum des Britischen Museums, unter noch größtcntheilS unveröffentlichten Reliefs aus dem Palast Asurbanipals befindet. Wir erhalten dort sehr interessante Illustrationen zu seinen Kriegen gegen die Elannter, Araber u. s.>v. Auf zwei Alabasterplatten wird ferner Babylon dargestellt. Auf der einen ist die Stadt eingeschlossen von ihren beiden Mauern und von einem Kanal umflossen. Auf der anderen Platte hat man nun zweifellos eine authentische Abbildung der be« rühmten hängenden Gärten vor sich. Man sieht auf der linken Seite auf einem natürlichen Hügel einen von Säulen getragenen Tempel. Ein Götterbild steht daneben, zu dem ein breiter Weg aus der Ebene, au einem Altar vorüber hinaufführt. Ihm gegen- über, auf der rechten Seite, sind die hängenden Gärten dar- gestellt, eine gewaltige, aus Quadersteinen aufgeführte, drei Spitzen bildende Subkonstruktion. auf der sich ein Garten mit Pappeln(oder Cypressen) und Weinstöcken erhebt. Zu diesem kann man nur auf einem Pfade gelangen, der über einen natnr« lichen, an den Garten anstoßenden Berg führt. Einige Schwierig- leiten macht nur die Zeitfragc. Das abgebildete Bauwerk muß schon zur Zeit des assyrischen Königs Asurbanipal, ja sicher schon früher bestanden haben, während Bcrossus, der sonst viel Vertrauen verdient, sie dem Nebukadnezar zuschreibt, der diese Anlage seiner aus Medien stammenden Gemahlin zu Liebe habe machen lassen. Jedenfalls wird aber Nebukadnezar de» bei der Zerstörung Babylons(048) ver« wüsteten Bau von neuem aufgebaut und erweitert haben, sodaß man ihm diese Gründung zuschrieb. Der Erfinder derartiger Garten- anlagen ist er sicher nicht gewesen; denn auch ein anderes Relief, lange vor seiner Zeit, aus dem Palaste Sanhcribö zeigt einen Garten mit allerlei Bäumen, der von mehreren Säulenreihen getragen wird.— Aus dem Pflanzenlebe«. — Geschlechtsbestimmung im Pflanzenreiche F. Hetzer hat im Garten des Landwirthschaftlichen Instituts in Halle Untersuchungen über die Regelung der Geschlechtsverhältnisse bei verschiedenen Pflanzen angestellt. Für die Kultur der Pflanzen in gänzlich verschiedenen Bodenarten stand ihm eine geräumige Bodens — 60 fläche zur Verfügung, die in ziuei gleich grofze Beete getheilt wurde. In einem wurde der Buden bis zu einer Tiefe von 22 Centimeteru ausgehoben und dann mit Saud ausgefüllt. Es wurden hierzu drei Theile Flutzsand und ein Theil Komposterde verwandt, um dem rein ausgewaschenen Flusjsaiide der Saale die nöthigen Nährstoffe beizu- geben. In dem anderen Beete wurde die fette Gartenerde belaffen. Um auch eine verschiedenartige Beleuchtung zu erzielen, wurde über jedem Beete zur Hälfte ein mit Leinwand überzogener Nahmen an- gebracht. So erhielt Hcyer zu seinen Versuchen vier Abtheilungen: beschatteten und unbcschattcten Gartcnbodcn, beschatteten und un- beschatteten Sandboden. Aus der großen Reihe der Hcyer�schen Versuchs- pflanzen sei da? Bingelkraut herausgegriffen, weil gerade von diesem auch an verschiedenen Standorten in Wildheit erwachsene Pflanzen berücksichtigt werden konnten. Die bemerkenswcrthen Schlüsse, zu denen Heh'er auf dem Wege sorgfältiger und nüchterner Beobachtung gelangte, sind nach seinen eigenen Worten: Die Vertheilung der Ge- schlechter bei Bingelkraut ist keine zufällige, sondern das Verhältnis; der männlichen z» den weiblichen Pflanzen ist an allen Standorten eine feststehende Größe. Die Entstehung der Geschlechter ist daher unabhängig von äußeren Einflüssen, sie erfolgt nach einem inneren Gesetz. Bei einer Zählung von 21 lXX) ivildgelvachseuen Pflanze» ergaben sich auf je 100 Weibchen 106 Männchen. Das Geschlecht der zukünftigen Pflanzen ist bereits iin Samenkorn entschieden und kann durch äußere Einflüsse nicht mehr abgeändert werden. Die Möglichkeit einer willkürlichen Regelung des Zahleuverhältniffes der Geschlechter erscheint hiermit abgewiesen.— Physikalisches. — In der letzten Sitzung der Polytechnischen Gesellschaft hielt 3. Niehls einen Vortrag über ein neues hochgradiges Q u e cks rlb er- Th erm o in et e r bis 575 Grad Celsius. Bisher konnten nur Temperaturen von höchstens 550 Grad Celsius mittels Quccksilber-Thermomcter gemessen werden. Es müssen dabei diese hochgradigen Thermometer resp. deren Quecksilbersäule stets unter einem hohen Drucke stehen, weil sonst die ungehinderte A»ö- dehnung des Quecksilbers die Glasröhre zersprengen würde. Bei den aus Borofilikatglas gefertigten, bis 550 Grad Celsius zu be- nutzenden Thermometern beträgt dieser Druck, der durch hydraulisch in die Röhren eingepreßten Stickstoff erzeugt lvird, 20 Atmosphären. Einen höheren Druck verträgt dieses Glas nicht. Der Bor- tragende hat eine Härteskala für GlaS ausgestellt, die a»S acht Härtestufen besteht; nach dieser Skala fällt das Borofilikatglas unter Stufe 6. Es hat nun der Gedanke nahegelegen, daß sich aus härterem Glase auch für noch höhere Temperaturen brauchbare Thermometer herstellen lassen würden. Die Versuche, die der Vortragende aber mit böhmischem GlaS von Kavalier fBöhnie»), das Härle 3 besitzt, gemacht hat, sind sämmtlich fehlgeschlagen, weil dieses GlaS zu leicht entalaste, und, trotz der besten Feinkühluug, die daraus hergestellten Thermometer zersprangen. Dagegen gelaug es ihiil. wie die„Vosfische Zeitung" berichtet, aus Jenaer Hartglas von etwa gleicher Härte, das von Dr. Schott und Genossen derart hergestellt war, daß sie ein lveites Jenaer Verbrauchsrohr zu einem Kapillarrohr ausgezogen hatten, welches die Thermometerröhre abgab, einige vollkommen haltbare Thermouieter herzu- stellen, die nach dem von der Physikalisch« technischen Reichs- anstatt ausgestellten PrüfuugSschein erst bei 583 Grad Celsius die ersten Spuren der Erweichung des Glases durch Auf- Weiterung des Quecksilbergefäßes aufwiesen, bis 575 Grad Celsius aber durchaus sicher benutzbar sind; Anzeigefehler betrugen bis 650 Grad nicht über 1 Grad Celsius. Der Vortragende hat ge- fimden, daß sich Stickstoff zur Unterdruckhaltung des Quecksilbers über Temperaturen von 360 Grad Celsius nicht mehr recht eignet. und verlveudet dafiir Kohlensäure, die er aus den bekannten, von Bierbruck-Apparaten benutzten Kohlensäure-Flaschen mit einem leicht am Manometer abzulesenden Drucke von 30 Atmosphären in die zuletzt genannten Thermometerröhren preßt. Für Laboratorien und technische Zwecke bedeuten die von Niehlls konstruirten hochgradigen Thermometer einen sehr wesentlichen Fortschritt. Ein Ersatz deö Quecksilbers durch Kali-Natrium-Legirungen hat sich praktisch»licht bewährt.— Technisches-! — NeueS Glas-Walzverfahren. Stärkere tafeln werden heutzutage durch Gießen und Auswalze»« hergestellt, und zwar wird die flüssige Glasmasse auf einen eisernen Tisch gegoffen und mit einer eisernen Walze überfahren. Eine be- achtenswerthe Neuer-nng hat sich P. Th. Sieverl in Dresden patentirei» lassen, indem er nicht eiserne Fläche»» zun» Walzen ver- wendet, die der Glasplatte ein rauhes, gehänimertes Aussehen ver« leihen, sondern»veiche und nachgiebige Flächen,»velche»vasser- durchlässig sind und fortgesetzte Wasserverdampfung gestatten. Neben Holz eigne»» sich hierzu verschiedene Faserstoffe,>vie Asbest, Holz« oder Papierstoff. Aus diesen werden durch Einbinden in eiserne Rahmen Platten oder Walzen hergestellt, welche entweder hohl oder mit Kanälen durchzogen sind, uin fortgesetzt Waffer zuzilführen und sie damit gleichmäßig feucht zu erhalten, oder das Wasser wird von «uche» unter gleichmäßigem Zufluß auf die Oberfläche aufgebracht. sWird nun die heiße Glasnlasse zwischen so vorbereitete Fläche» ge- ' rächt, so wird unter lebhafter Wafferverdampfung der vorher aus- gequollene Faserstoff zrisammengepreßt und es entsteht eine dichte und glatte Oberfläche. Der Erfinder meint, daß die Danipf- spannung hierzu erheblich beiträgt; richtiger ist es aber, ihr den Hauptautheil an der Glättung zuzuschreiben, denn die Dampf- schickst zwischen Walze und glühendem Glas wird offenbar keine Unebenheiten erzeuge»». Die Glasfläche erhält ein glattes, polirtes Aussehen, und raiche oder gehämmerte Stellen, welche durch Berührung»nit Metall e>»tstanden sind, werden geglättet. jj>iefe Neuerung läßt sich unmittelbar zur Herstellung von Glasplatten ver- weiiden oder auch in Verbindung urit Metallflächen, inden» man die heiße Glasinaff'e zuerst auf eine Metallplatte ausfließen läßt, an die sich die durchnäßte Faserstoffplatte anschließt. Uin eine Abnutzung der Faserstoffflächen zu verzögern, können dieselben intpräguirt»verde»; cnipfehleiislverth ist es a»lf jeden Fall, die Flächen aus einzelnen, leicht ausivechselbaren Theilen zusammenzusetzen. Will»nan die Faserstoffflächen nur zun» Glätten der Glastafeln benutzen, so »valzt mai» die Glasmasse in bisher üblicher Weise ztvischen Metall- flächen a»>s, zieht dann die noch heiße Glastafel auf eine an- schließende durchnäßte Faserstoffplatte und walzt mit einer ebenfalls ans Faserstoff bestehenden nassen Walze so lange, bis alle rmihen Stellen verschiviliiden sind, oder preßt die Glastafel ztvischen zivei feuchten Faserstosfplatteu. Mit dem eben beschriebeneu Nachlvalzen oder Pressen vorgewalzter oder vorgepreßter GlaStafelu läßt sich eine Herabminderung der GlaSstärke erreichen, da sich die»och heiße, teigige Glasmasse ausziehe»! läßt, ein Umstand, der von besonderer Bedeutung ist, da sich ztvischen Metallflächen nach den» gebräuchliche»» Verfahren nur Glasplatten von einer für Fensterglas nicht brauch- baren Dicke herstellen lassen.—(„Technische Nuudschau.'y Humoristisches. — Falsch verstanden. Dame(zmn Bergführer):„Sind Sie nicht auch»nnncr wie berauscht bei diesen» herrlichen Anblick?" Führer:„Manchmal schst, aber hcunt hau i no nix trunka."— — E i n Räthsek. Chorus der Sonntagsjäger (eiiien todten Hasen in» Kreise»»»»stehend):„Wie mag das Thier nur ums Leben gekoinmen sein?"— — Ein Stoiker. Frau(wütheiid):„WaS ihiist Du denn da, während ich zu Dir rede?" Manu:„Ich stenographire die Gardinenpredigt— ich will mal D eme gelainulelle» Werke herausaebeii." („Meggend. hmn. 81.") Notizen. — In einer Zuschrift an ein Berliner Blatt äußert sich W a l t e r Lseistikow. der Schriftführer der„Berliner Sezession", über deren Ziele:„Die kleinen Kuuitsalons iveirden sich an ein kleines, tvohl- habendes Pitblikum, das Geld und Zeit übrig hat, alle drei Wochen die sänrmtlichen SalonS abz»lsuchen. Unser Ehrgeiz geht weiter. Wir wollen das große Ptlbliknm. Wir wollen nicht imr gekauft werden, wir wollen a»tch verstanden»verde» von den breiteren Massen, tvir wollen diesen Vielen Gelege>lheit geben, Gutes zu sehen, Kunst lieben und verstehen zu lernen. So fassen wir eine kulturelle Auf- gäbe au. Und hierin wünschen tvir und hoffen wir auf den Beistand Aller, die es ehrlich meinen mit Kunst und Kunstgesittting."— — Die nachgelassene Oper Lortzing's„Regina" wird im Frühjahr anf der Bühne des O p e r»» h a u s e s erscheinen. Das ur° sp»-üiigliche Libretto war aber zu revolutiouär; nnd so hat beim Adolf L'Arronge auf Bestellung ein neues geliefert. Di« Geschichte spielt jetzt, statt im Jahre 1843. in der Zeit der Befreiungs- kriege. Der Lortzing hat ja glücklicheriveise nichts mehr zu sagen.— — Goldmark's neue Oper„DieKriegsgefangene" wurde in der Wiener Hofoper ziun ersten Male aufgeführt und sehr günstig anfgenommei».— — In Hamburg, M ü n ch e n nnd einigen anderen größeren Städten Deutschlands beabsichtigt man, ebenfalls„Bolls- t h ü m l i ch e Kunstausstellungen' zu veranstalten.— — Im Berliner K u n st g e>v e r b e- M u s e u m ist gegen- tvärttg eine Sonderausstellung von gewebten Stoffen zu sehen.— — DaS deutsche Gesuch. Ausgrabungen a,n Orte des alten Babylon vornehmen zu dürfen, wurde von der Pforte genehmigt. Die Erpedition unter der Leitung von Dr. K o I d e>v e y »st bereits unterwegs.— — Im Gartengestränch bei den städtischen Krankenhäusern an der Ebertsbnlcke zu Berlin hält sich zur Zeit eine s ch»i e e w e i ß e Drossel auf.— — Eine fünfsprachige Monatsschrift für Ge« f l ü g e l z n ch t erscheint seit dem 1. November 1303 in PeterS« bürg.— t. Die größte Ei s»nb ahn brücke der Welt wird die Brücke der sibirischen Eisenbahn über den Jenissei sein, die bereits iin Mai nächsten Jahres eröffnet werden soll. Ihre Baukosten belaufen sich ans 2 279 960 Rubel.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 22. Jaimar. rst'/' Verantwortlicher Redattear: August Jacobey in Berlin, Druck und Verlag von stkiax Badiug in Berlin.