Hlnterhaltmlg Nr. 16, Sonntnq, den (Nachdruck verboten.) AZcwn �ickendvnth's Z�enfioniirc. I�I Roman von O. Eugen T h o s s a n. Er gab seinem weichen Filzhut vermittelst dreier Stecknadeln die Form eines Dreimasters. Den setzte er sich tief in die Stirn, riß die Augen auf, bis sie kugelrund waren, zog die Mundwinkel tief hinab und stützte sich auf einen Krückstock, den er aus den Weihnachtsferieu mit- gebracht hatte. Und das Gewächs, das aus diesen verschieden- artigen Anstrengungen rcsultirte, nannte er„Friedrich den Großen." Es war wundervoll. Emil fügte sich dein Ensemble ein, indem er Herrn Zicken- drath ohne Entgelt den„Waldläufer" aus seiner Bibliothek zur Verfügung stellte, das Prachtwerk seiner Sammlung, mit Illustrationen. Die übrigen Werke kosteten Stück für Stück fünfundzwanzig Pfennige. Die wagte er vorläufig Herrn Zickendrath noch nicht anzubieten. Fritze aber saß einsam auf seinem Zimmer und fraß sich voll Menschenhaß tmd Verachtung, statt auf fein Examen zu arbeiten. X. Näthselhaft war es, woher der Kantor emsritug Tripps seine intime Memitiiiß von den Dingen nahm, die sich außer- halb seines Thurm es vollzogen. Er ging fast nie ans, er empfing kaum einmal Besuch, und dennoch wußte er Alles, waS bei den Bewohnern der Straße vor sich ging. Indem solche Stubenhocker die Sinuc, die ihnen zur Ans- nähme der Natur und naturlicher Tinge verliehen sind, mehr »ind mehr verkümmern lassen, müssen sie eine ganze Menge geheimnißvoller Organe ausbilden, mit denen sie das Innen- leben der Hänser erfassen, lind diese Organe besaß der Kantor in unglaublicher Feinheit und Schärfe. Der über Fritze Weinold verhängte Boykott hatte noch nicht vienmdzlvanzig Stunden bestanden, da war er schon so genau darüber unterrichtet, als ob er von sämmtlichen Bc- theiligten beschworene Zeugenaussagen erhalten hätte. Und nun ging er in seinem Thurm auf und ab und rieb sich die Hände. Das war so gerade lvas für ihn, cm gefundenes Fressen. Nichts war ihm amüsanter, als wenn die Thorheit der Menschen sich in der Gestalt unnöthiger und kindischer Feindseligkeiten offenbarte. Wenn's aber gar die Masse war, die sich gegen den Einzelnen lvandtc und ihn mit ihrem Gelvicht zu erdrücken dachte, dann war fein Vergnügen vollkommen. Denn der Einsame lvar für ihn immer der Bcffere. Wenigstens besaß er alle seine Sympathien. Zlvischen Fritze und dem Kantor hatte bis dahin nur eine kühle Grußbekanntschaft ans der Ferne bestanden. Der Kraft- incnsch in dem Primaner fühlte sich nicht hingezogen zu dem kleinen vertrockneten Schulmeister mit dem clvigen spöttischen Grinsen, das sich in seinem Gesicht so eingenistet hatte, daß es überhaupt nicht mehr daraus zu vertreiben lvar. Aber jetzt wurde das anders. Der Kantor hatte Fritzen ans der Treppe zu treffen gemußt und ihn ohne Barmherzigkeit auf seinen Horst geschleppt. Dort mußte er sich auf das knüppelharte Ledcrkanapee setzen, sich eine strohtrockene Zigarre anziinden, und nun saß der Kantor eine ganze Weile stumm vor ihm und umfaßte seine starkknochige Gestalt mit lvohlgefälligen Blicken. „Der wird der Bande schon tüchtig zu schaffen machen," ninriiielte er schließlich vor sich hin. „Wie meinen Sie?" fragte Fritze, der von dem sonder- baren Gehaben seines Gegenüber ein bischen in Verlegenheit gesetzt wurde. Aber der Kantor gab keine Antwort. Er erhob sich wieder und trippelte suchend in der Bude umher. Endlich zog er aus einer Ecke eine kurze Pfeife hervor, die zum linterschied von anderen ihrer Gattung merklvürdig viel scharfe Ecken aufwies. „Ich werde mir so eine anstecken, wenn Sie nichts da- gegen haben. Das Ding bringt mich in die richtige Stim- mung, in der ich mit Ihnen schwatzen möchte." Er lachte höhnisch auf und hielt die Pfeife in die Höhe. „Patentpfeifc! Gesetzlich geschützt. Von einem höheren Militär konstruirt, wie der Fabrikant in seiner Anpreisung sagt. Ich habe mir das Möbel blos kommen lassen, um mich itt des Horwarls 22. Januar. 1899 zu überzeugen, daß es thatsächlich Schund ist. War auch so. Aber von einem höheren Militär konstruirt I Ist das nicht zum Schreien?" Fritze lvar zu wenig in der inneren Politik bewandert, um vollkommen verstehen zu können, weshalb der Kantor sich über den angeblichen Erfinder seiner Pfeife so erboste. Ersah ihn deshalb nach Auskunft forschend an. Aber der � achtete nicht darauf. Ihm war es ganz einerlei, ob der Beugel das jetzt schon kapirte oder erst später. Er war»licht mehr in der Schule und von Berufswegen verpflichtet, die Unlnündigen systematisch aufzuklären. Er lvollte nur seinen Spaß haben. „Na." fuhr er fort,„Sie haben das Einjährige in der Tasche. Da werden Sie auch gewissermaßen einmal zu den höheren Militärs gehören. Und das ist sehr gut. Ausgezeichnet ist das, sag' ich Ihnen. Die höheren Militärs machen heutzutage Alles. Sie regieren ein Reich ans dem Handgelenk, rcfor- miren die Post ohne allen Apparat, und nun konstruiren sie auch noch Pfeifen, die keine Lust haben. Zivilisten braucht man jetzt eigentlich»nir noch zum Steuerzahlen. Und auch das machen sie nicht zur Znsriedeuheit." Er hielt inne und stellte mit teuflischer Befriediguitg fest, daß sein Zuhörer total Vcrlvirrt lvar. Er schlvieg also noch eine Zeit lang und weidete sich an seinem Werke. Fritze aber fand bald wieder festen Boden.„Ich glaube, Herr Kantor, Sie find ein Philosoph," sagte er nicht ohne einen Schimmer von Ironie. „Allniächttgcr!" rief der Kantor.„Sagen Sie so WaS nicht l Das ist ja geradezu eine Beleidigung. Ich habe in meinem ganzen Leben einen einzigen Menschen gekannt, der sich selbst einen Philosophen nannte und sich von Anderen so nennen ließ. Es lvar ein Kamerad auf dein Seminar. Der Mensch war erstens schwindsüchtig, zweitens schnupfte er heim- lich und drittens bekam er in der Religion nie eine bessere Zensur als die Drei. Und ferner— wenn Sie mir einen Ge- fallen thun wollen— reden Sie mich nicht mit„Herr Kantor" an! Sagen Sie„Herr Tripps" oder meinetwegen auch blos „Tripps", aber nicht den Titel. Der regt mich auf. Ich will � Ihnen auch anvertrauen, weshalb: Ich verdiene ihn nicht. Moralisch verdiene ich ihn nicht. Sehen Sie, als ich auf das Seminar ging, lebte meine Großmutter noch. Die gute alte Seele! Und jedes Mal, wenn ich nach den Ferien wieder fortmußte— ich hatte von unserem Dorfe nur eine Stunde zu Fuß— dann holte die alte Frau das Gesangbuch herbei und las aus dem Anhang das Gebet: Wenn einer aus Rcisci» geht. Die hätte den Titel verdient. Denn er ist und bleibt im Grunde genoinmen doch ein kirchlicher Charakter. Aber ich— sehen Sie, ich bin so ziemlich van dem Gesangbuch abgekommen. Nur manchmal, wenn ich so recht mit mir und meinen Mit' nlenschen zufrieden bin, dann lange ich es mir hervor. Die alte Ausgabe, heißt das, von l82t» ist sie, glaub ich. Darin steht noch der alte schöne Vers: Seht die Heerde der Kamecle! Den lcs ich dann." Fritze mußte laut lachen. Das gefiel dem Kantor. Er schob ihm die Zigarrenkiste näher und sagte: „Nehmen Sie nur I Sie brenn«» ein bischen schnell weg, aber das hat auch sein Gutes. Man ärgert sich nicht so lange über sie." Fritze nahin und machte sich's wieder bequem. Er freute sich darauf, noch ein»vcnig den krausen und künstlich ver- schlnngenen Gedairkengängen des alten Spötters zu folgen. Eigentlich ein ulkiger Knopp, dieser Kantor,, der keiner sein »vollte! Da intonirte gerade unter ihnen Johannes das Reiterlied mit den vierzehn Strophen. Der Kantor wiegte den Kopf.„Auch ein frommer Sänger. Wenig Kunst, aber viel Begeisterung." Fritzens Antlitz hatte sich verfinstert. Das Reiterlied riß ihn jählings aus seiner Stimmung. Der Kantor bemerkte es sofort und schmunzelte. „Worüber ärger»» Sie sich? lieber den Sang oder über den Sänger?" Als Fritze eben antivorten»vollte, kam»»nten der hohe M Ton. Oder vielmehr er sollte kommen und kam nicht. An seiner Stelle drang mir ein infames heiseres Gequieke durch die Decke. Johannes»var»vicder übergeschnappt. „O Du mein zerbrochenes Soitenspiel!" rief der Kantor und that, als ob fein musikalisches Feingefühl verletzt wäre. Er hatte aber selber keins. Er trachtete damit nur seinem Besuch innerlich näher zukommen. Und es gelang ihm auch. Fritze ging aus sich heraus. „Ja," sagte er verächtlich,„singen kann er nicht gut, aber dafür hat er einen schlechten Charakter." „Ich weiß," nickte der Kantor,„sie haben einen Ring gegen Sie geschlossen. Das ist ja lächerlich. Die dummen Jungen! Wissen nichts Besseres zu thun, als mit einem alten Dummkopf gemeinsame Sache zu niache». Aber der Alte, der ist nur Dummkopf im Nebenamte. Im Hauptamt ist er— soll ich es Ihnen sagen— ein Erzichungsquacksalber ist er, ein pädagogischer Kurpfuscher." Fritze wußte nicht recht, was er sich darunter vorstellen sollte. Deshalb neigte er nur den Kopf langsam wie zu einer bedingten Zustinnnung und schwieg. „Er hat übrigens viele Kollegen", fuhr der Kantor fort. „osfizielle und inoffizielle, und zu den schlimmsten gehört er nicht. Er läuft eben mehr aus Verzweiflung mit." Weil er sich nicht zu Helfen weiß, wie der berühmte Greis auf dem Dache. Aber zu der Zunft gehört er. Und er ist auch nahe dran, es selbst zu wissen.... Wie? Was ich darunter verstehe?... Na, passen Sie auf! Darunter versteh' ich Leute, die nnt Mitteln erziehen wollen, an die sie selbst nicht glauben... Punktum!"— Fritze wollte aus Höflichkeit eine Bemerkung dazwischen werfen. Aber der Kantor ließ ihn nicht dazu kommen. Mit erhobener Stinnne rief er: „Ich versichere Sie, als ich noch auf dem Dorfe Lehrer war, hatte ich einen Pastor, schwarz, sag' ich Ihnen. wie die Nacht, schwarz durch und durch, man sah ihm die Schwärze ordentlich durch die Haut schimmern. Es kann aber auch am schlechten Rasiren gelegen haben. Das ist ja egal. Dieser Mann also— ich habe Ihnen schon erzählt, daß ich so nach und nach davon abgekommen bin, und ich habe, so lange ich unter ihm wirkte, so manchen Tanz mit ihm gehabt— aber ein ganzer Kerl war's, das Schwarz war echt, und seine Jungens sind lauter ganze Kerle ze- worden. Der eine davon, der zweite, hat Medizin studirt. Glaubt jetzt nichts mehr, aber garnichts— und für den Alten geht er durch'L Feuer. Sehen Sie, das ist Er- zichung... (Fortsetzung folgt.) SomikaKsplnttdcvei. Unsere nnncn, armen Reichen? Nichts geht ihnen nach den, Wille». Selbst die Natur ist wider sie. Die ungehörig Ivarinen Winter beeinträchtigen alle„vornehme" Geselligkeit. Drei Wochen vor Fastnacht und die linden Lüfte sind wie von Frühlingsstimniung erfüllt oder feiner Regen rieselt hernieder. Das ist nichts, wenn man mitten im Fasching drin steckt, Ivo sich das„gesellschaftliche Leben Berlins" am üppigsten entfalten sollte. Wozu alte Melodien über den Berliner Karneval wieder- holen? Das weiß jedes Kind, daß es bei uns zn keiner allgemeinen Narrheit kommen kann, weil jeder Einzelne seine besondere Narrheit so fürchterlich ernst nimmt. ES giebt aber doch für die Besitzenden den äußeren Abglanz eines Karnevals sei» Flimmern und Schimmern, seine Übergoldete Pracht, sein bachanalischcS Getriebe mit vielem Lärm und so wenig befreiender Lustigkeit. Diesem Lebemann- karneval sind die allzu gelinden Winter ebensolche„Schreckgespenster", un, den neuesten, nach Herrn v. Frege's komischer Auslegung, un- parlamentarischen Ausdruck zu gebrauchen,— wie für die Sieger und Siegerinnen der Eislaufplätze, der willkommenen Stätten, auf denen sich„Anknüpfungen" so leicht von selbst ergeben. Es fehlt in solchen Tagen die volle Freude am Kontrast. Es ist etlvas Anderes, wenn man aus rauher, eisiger Luft it, die üppig arrangirtcn Räume" eines Fcstgcbcrs tritt. Draußen möchte»»an sich in Pelze hüllen, und drinnen dekolletirte Damen in leichten Gewändern. Selbst auf den reinen Bergnügungsbörsen unserer Lebe- welt will das, was man Berlinischen Karneval nennt, besser auf- kommen, wenn derSchnce draußen unter den Füßen knirscht. Ob man im Wintergarten den karnevalistischen Maskenball feiere, ob in Theatern, die den llebergaug zun» Tingeltangel bedeuten, tvic im Metropol- oder im Olynchia-Theatcr,— selbst diese Art von Vergnügen gedeiht besser bei winterlichem Klima. ES ist ja wahr, es geben sich hier nicht gerade die edelsten Elemente ein Stelldichein; die Liebeshändlcrinncn lassen ihre Acuglein erst gar spekulativ um und um gehen, che sie an einen eitlen Gauch oder an einen lvürdigen Menschen gerathcn, der sich sein wildes Amüsement nicht verdrießen läßt, auch wenn es erkauft und blos erkauft ist. Den Leuten ist alles Gefühlsduselei, lvas sich nicht mit schweren Batzen erhandeln läßt und so sind sie am Lude nur konsequent, wcnit sie sich in ihrem Amüsement durch harte Bedenken nicht stören lassen. Da wandern die blaßblonden Rautendelein-Feen, die iminer noch modisch sind, aber sie sehnen sich nicht, wie im Hauptmann'schen Gedicht, nach jungen, armen Menschenkindern. Sie suchen viel», ehr ihre guten, älteren Nickel- männer, denen es auf ein paar Goldfüchse mehr oder weniger nicht anionmit. Wenn dann der radau-karnevalistischen Lust in den Cafös beim Schlummerpunsch ein Ende gemacht werden soll, so will das richtige Wesen dieses Vergnügens auch nicht ganz aufkommen. In diesem karnevalistischen Getriebe kann man das alkoholische Feuer eben nicht entbehren: ohne diesen Stachel und Ansporn wäre die ganze Sache in ihrer kläglichen, inneren Nüchternheit gar zu dürftig und reizlos. In eine Art von Betäubung müßten sich Licbcshändlerinnen und Lebemänner erst versetzen, um den ge- schminkten Spuk sammt allen, Flitterkram für Zauber zu nehmen. Und das alkoholische Feuer geht lebhafter ein, wenn es winterlich saust und stürmt. Den besonders Gutsituirtcn, die sich heutzutage das ganze Jahr zu einen, ewigen Frühling gestalten können, ist überdies ein schwerer Kumnier bereitet worden. Au der Riviera wie au allen südlichen See- gestaden ist es nicht anders als bei uns selber. Nizza hatte am Frei- tag eine geringere Morgenteniperatur, als Berlin. Zu Zeiten war es bis nach Neapel hiii rauher, als hier in der norddeutschen Tiefebene. Da geht es denn nicht gut an, seine» gewohnten Aufenthalt an winterlichen Kurorten im Süden zu nehmen. Man jammert in der That auf vielen Plätzen über die schlechte„Winter- saison" dieses Jahres. Man sollte die wirthschaftliche Bedeutung der neuei, Mode ja nicht einmal unterschätzen. Mit den winterlichen Kurplätzen ist die Frcmdenindustric im letzten Jahrzehnt ganz er- hcblich gestiegen. Für ganze, verarmte Gegenden will das aller- dings nicht allzu viel sagen. Für die Mehrzahl der Bewohner, für die Mitläufer und Tagwerker in der Frcmdcnindustrie fällt von der kapitalistischen Uebcrfüttcruug gleichsam nur ein Almosen ab. Aber, wenn die Roth so arg ist, daß selbst das Bettelgeld ins Gewicht schlägt, so begreift man, warum an den winterlichen italienischen Kurplätzen über die Saison, die begouncn hat, so gejammert Ivird. Es ist weit gekommen in, schönen Italien! An seinen herrlichsten Plätzen, an verschwenderisch bedachten Schaustätten der Natur erheben sich in ewig gleichem Elend die dürren, abgemagerten Bcttelhände der Einwohuer und harren der wenigen Soldi, die ihnen von fremden Protzen, vom Ueberfluß ausländischer Reichen zugeworfen werden. Man schreit aber rniseria, rniseria, Elend über Elend. wenn selbst diese paar kupfernen Soldi ausbleiben. So berührt sich höchster Ueberfluß, der winterlichem Frost wie sommerlicher Schwüle gleichmäßig entslichen kann, mit tiefstem Mangel, für den es auch in paradiesischer Landschaft nur einen elvig gleichen cinförniigcn Banii des Elends giebt. An diese Schreckgespenster haben sich die herrschenden Mächte Italiens gewöhnt. Man ist gegen sie stumpf geworden und darf sie auch parlamentarisch erwähnen. Im deutschen wohldiSziplinirtcn Musterparlamcnt ist das anders. In Pest, in Wie», da giebt es überall parlnmcntanschc Ranhbeiue, und selbst in, französischen Senat klirrten die Worte ivürdigcr Seuatorcu neulich zornig gegeneinander. Im schämig-züchtigen Berliner Parlament ist das ganz anders. Da zuckt ein Präsident gleich jüngfcrlich scheu zusammen, lvie am Freitag der Vize- Präsident Frcge im Reichstag, als Fritz Zubcil von Schreck- gespenstern sprach. Im gläubigen Dunstkreis, den Zentrum und Konservative um sich verbreiten, soll mau wirklich nicht von Ge- spenstcrn reden. Das ist unangenehm. Man hat ztvar allseitig und' herzlich gelacht, als Herr v. Frege in gerechter Entrüstung die Schreckgespenster des Zuchthansgesctzes als»uparlamentarisa, von der Schwelle des Sitzungssaales wies. Aber Herrn v. Frege's Zartgefühl bleibt doch verständlich. Gespenster sind Gespenster. Die soll man ruhen lassen. Gespenster wecken Vorstellungen von un- heimlichen, gruseligen Gestalten, und Kinder, wie die Frommen des Landes, fürchten sich in, Dunkeln. Nur keine heftigen Worte, meint der nervöse Präsident. Nur keine llcberstürzung, nur keine Hast, sagen die brav gesinnten Depntirtcn, sobald es sich un, soziale Arbeit handelt. Sachte auf- treten, hübsch sachte und bedenklich! lind jeden Groschen dreimal angesehen, ehe man ihn sozialer Fürsorge opfert. Diese Leisetreter und Bcschtvichriger fand man sonst eher unter Hofräthcn, als unter Abgeordneten im Reichstag. Sie glauben eine Flamnie zu dämpfen, wenn sie saust in sie hineinblasen.„Wir lvolltcu und wir sollten und wir möchten ja ganz gern ein Tänzchen auf dem Gebiet sozialer Fürsorge wagen: aber unsere altersmüdcu Großvatcrbeinc können nicht recht vorwärts. Zu eine», altväterlichen, langsamen Menuett reicht's noch mit Anstand, aber nicht zu einem flolten Walzer oder Galopp!" Wozu erst das anständige Gethue mit„tvir möchten noch und dächten doch". Da sind die derben Rücksichtslosigkeiten unserer Großpatroue deutlicher. Man ivciß. woran nian sich zn halten hat. Da sitzt der Herr und Meister über so viele arbeitende und schlvivcnde Menschenkinder auf seinem Thron unnahbar in seinem Herren- bcw'ußtscin, lvie ein Fürst des Orients, wie ein japanischer Mikado. unsichtbar für das gemeine Volk. Was kümmern ihn erkämpfte geistige Rechte? In seinem streng abgegrenzten Königsbezirk sind die Rechte ans anderer Welt,»nd wäre eS der moderne Staat, aufgehoben. Eine ivillfährige ivlinisterschaar umgicbt den Größpatron, wie die Sonnen eine Zentralsoune uin- gebe». Keine profane Klage, leine mißtönende Beschwerde dringt direkt an des Zentralgewaltigen Ohr. Wer in dies festgefügte lleine Reich eintritt, der lasse alle Begehrlichkeit des Willens und des Geistes draußen. Er hat seine Nahrung mit vergnüglich-breitem Lächeln entgegen zu nehmen. Wehe den Unzufriedenen! steht am Thore des Herrcnpalastes angeschrieben! Nach unzufriedenen Ge- danken wie nach unzufriedenen Menschen wird gejagt; und in dem engen Staatsgetriebe ist eine ganze Anfsichtsverwaltuiig eingerichtet, ein Rädchen greift ins andere, und was von Unzufriedenen gedeutet und getuschelt, geflüstert und gesprochen wird, das sammelt sich an, wo der oberste der Minister, das große Ohr des absoluten Herrn, seines Amtes waltet. Unzufriedenheit, der segens- reiche Förderer menschlicher Kultur, wird hier zum Malheur, wenn nicht zum Verbrechen. Sich bescheiden können und nicht murren, ist hier Verdienst. Selbst der Strohkopf mag noch hingehen, wenn er sich duckt und in seinem„gesunden Stumpfsinn" selbstgerecht und vergnüglich lächelt. Wer sich aber beschivcrt, und wär's im engen Kreis seiner Kameraden, am Wirthshaussisch, de» verjagt man aus dem Ort, der nach der Herren Annahme ein Paradies ist. Er soll nicht glaube», daß man ihn nicht höre. Das Ohr des Herrn ist groß und der Herr hat viele eifrige Diener.— Alpha. Kleines Feuillekon. — Ein Volk, das seinen Fürsten regiert. Unter dieser Spitz- marke erzählt die„Frankfurter Zeitung": Zum 2(X>jäHrigen Jubiläum des Fürstcnlhnnis Liechtenstein werden die nach- folgenden heiteren und lehrreichen Mitthcilnngen aus der Geschichte dieses Staats und über das Vcrhältniß zwischen den Liechtensteniern und ihren Fürsten interessiren: Die Großen der Hauptstadt Vaduz wählten schon 1816 eine Deputation an den Fürsten Johann l. und sagten ihm nnt ackcr- und freibürgerlicher Offenheit, daß sie zwar nichts dagegen hätten, sich von ihm regieren zu lassen, aber n i ch t a u ch dafür bezahlen wollten, znnial da er. der Fürst, sehr reich sei. Auch möchten sie die fünfzig Mann und den Trommler — der Fürst war verpflichtet, diese zur Bundesarnice zu stellen— lieber zu Hause behalten, iveilsie hier besser gcbranckit werden könnten bei der Arbeit, als in dem Soldatenthui», das Geld koste und nichts thne. Seine hochfürstliche Durchlaucht war ein außerordentlich reicher. aber auch ein sehr braver Mann uich sagte:„Liebe Kinder, ich brauch' Euer Geld nicht und will gern u m s o n st regiere n. Auch will ich Euch die fünfzig Mann und den Trommler lassen und sie mir aus meiner Tasche anderweit für die Bundesarnice bc- schaffen." Der Fürst ließ von mm an gegen Entschädigung die fünfzig Mann und den Trommler von Oesterreich besorgen und regierte ohne H o n o r a r. So ging's friedlich, freundschaftlich und steuerfrei fort bis 1836, als Fürst Aloysius 1. den Thron seiner Väter bestieg in der Haupt- und Residenzstadt Vaduz. Die Ein- geborenen von Vaduz ließen sich's bei dieser Gelegenheit etwas kosten, bauten eine Ehrenpforte, illnminirten und brannten für mehrere Gulden Feuerwerk ab. Hinterher steckten aber die Weisesten von Vaduz ihre Köpfe znsamincn, nachdein sie dieselben vorher nachdenklich geschüttelt hatten und Huben an, miteinander so zu reden:„Unser erhabener Monarch regiert uns ganz nncnt- gcltlich; das ist ivahr, aber Ihr habt gesehen, Kinder, daß er uns doch noch immer manchen schönen Groschen Geld kostet. Wir haben die Ehrenpforten gemacht, haben ein Fencnvcrk abgebrannt, haben überhaupt bei deii jeweiligen Besuchen Seiner Durchlaucht, bei Jagden und anderen hochfürstlichen Vergnügungen doch nicht unbedeutende Ausgabe», die uns geniren, versäumen dabei Zeit und werden dadurch ail Geschäft und Gewerbe geschädigt! Also haben wir's immer noch nicht umsonst. Jedenfalls macht's i h m aber Vergnügen, u n s zu regieren. Dies hat einen großen Werth f n r i h n und er hat Geld. Stellen wir ihm cinmal die Sache ordentlich vor". Und so wählten die Eingeborenen von Vaduz die weisesten und angesehensten Bürger zu einer Deputation ans und entsandten diese vor die Stufen des Thrones. Hier brachten sie ihre drückende Beschwerde, daß ihnen der unentgeltlich regierende Fürst doch noch K o st c n verursache und daß er sie für sein Vergnügen, sie zu regieren, entschädigen möchte, mit solchem Nachdruck zur Sprache, daß der gute Monarch ordentlich gerührt ward und Entschädigung versprach. Sie wurden nnt ihm über eine jährliche E n t- s ch ä d i g n n g s s u m ni e handelseins, und er bezahlte sie mit mustcr- haftcr Pünktlichkeit. Damit hattcn'S die Liechtensteiner zu einer politischen Stellung gebracht, die tveder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart der Welt ihres Gleichen findet. Statt ihre Regierung zu bezahlen, hatten sie dieselbe nicht nur nmsonst, sondern tvnrden auch noch dafür entschädigt, daß sie sich regieren ließen. Weiter konnten sie's doch unmöglich bringen, O doch! Wer blonde Haare hat, will sie auch noch gekräuselt haben, sagt ein Sprichwort. Fürst Johann II. von Liechtenstein sagte eines schönen Morgens zu sich selbst:„Da ich nicht nur keine Zivilliste beziehe, sondern für meine Arbeit meine Untcrthancn sogar auch noch entschädige, darf ich mir doch tvohl auch die Freiheit»ehmen, wenigstens nach meinem Geschmack und wo ich will zu leben. Diese meine Haupt- und Residenzstadt Vaduz ist sehr langweilig. Ich habe Geld genug und will damit in der Kaiscrstadt Wien leben." Fürst Johann II. zieht also nach Wien, baut sich einen prachtvollen Palast und lebt herrlich und in Freuden darin. Das Regieren und die Entschädigung dafür besorgte er schriftlich und durch einen Minister. Aber da steckten die Liechtensteiner in Vaduz wieder die Köpfe zusammen, nachdem sie diese vorher nachdenklich geschüttelt hatten, und sprachen zu ein- ander:„Wir muffen eine Deputation erwählen, nach Wien schicken und unserem Allergnädigsten unsere Beschwerden vortragen." So war eines schönen Morgens der Fürst kaum aus dem Bette, als sich ein Dutzend der höchsten Vadnzer anmelden ließ. Sie wurden alle ztvölf vorgelassen und sprachen nach Abmachung gehöriger Kratzfüße des Inhalts zu ihrem allergnädigsten LandeSvater:„Wir bezahlen nichts an Euere Durchlaucht fürs Negieren, im Gegentheil Euere Durchlaucht entschädigen uns dafür, daß wir uns regieren lassen. Das ist ausgezeichnet. Aber Euere Durchlaucht haben heidenmäßig viel Geld' und lassen halt viel drauf gehen hier in Wien, so daß uns aller Verdienst dabei cnt- zogen wird. Wir bitten daher Euere Durchlaucht, wenigstens alle Jahre sechs Monate in unserem lieben Vaduz zu leben, Iv o b e i w i r z w a r i m ni e r noch V i e l G e I d einbüßen, aber das wollen wir nicht so genau nehmen. Schenken Sie uns also gefälligst wenigstens Ihre halbe Gegenwart und eine kleine Zugabe, nämlich eine Konstitution." Fürst Johann II. bewilligte auch dies und gab eine Konstitntion zu. nach welcher die Liechtensteiner fünfzehn Abgeordnete zu wählen hatten, die vom Fürsten ebenfalls bezahlt wurden.— Kunstgewerbe. — Im L i ch t h o f e des K u n st g e!v e r b e- M u s c u in s ist eine sehr interessante Samnilung von gewebten alten und neuen Stoffen, Spitzen und P a s s e m e n t e r i e- Arbeiten zu sehen. Die Höhere Webeschnle in Berlin, 1874 von der Stadt Berlin begründet und seit 1896 in dem eigenen Gebäude Markusstraße 49, arbeitete bisher ohne einen Lehr- apparat von Stoffproben älterer Zeit. Im Jahre 1898 erhielt das Kunstgelverbe-Museum den Auftrag, eine geschlossene Sammlung für den Unterricht an der Wcbeschule zu beschaffen. Die seit Jahr- zehnten unterhaltenen Verbindungen des Musezims ermöglichten es, die jetzt zur Ausstellung gelangende Samnilung im Laufe dieses Jahres znsammcnzilstcllen; sie enthält, nach den hauptsächlichsten Gruppen geordnet, Webereien verschiedener Art ans koptischen Gräbern in Oberegypten vom 5.— 7. Jahrhundert, orientalische und abendländische Seidenstoffe bis zum 14. Jahrhundert, Spätgothik in ihrem Ucbergang zur Frührenaissance, besonders reich- haltigcS Material aus der Zeit der Iienaissancc, vornehm- sich der italienischen, des Barock, Rokoko, Zopf, dann auch zahlreiche Proben von Arbeiten des Orients, von Persicn, China und Japan, Bordenwirkerei und Fransen ans dem 15. bis 18. Jahrhundert, ältere gefärbte and bedruckte Stoffe und neuere europäische Stoffe. Die Sammlung ist durchaus für die Bedürfnisse des praktischen Unterrichts znsanimengcstcllt. Es ist daher vermieden, historische oder archäologische Seltenheiten zu verwenden. Gesaminclt für die Schule sind vielmehr aus entlegenen Kulturgebieten nur einzelne Proben, die gerade hinreichen, um den Entwicklungsgang und die Arbeit mit primitiven Instrumenten zu zeigen, dagegen aus der Blüthezeit curo- päischer Kunstweberei' vom 15. bis 18. Jahrhundert große Mengen von Proben. Ferner ist auf Stoffe von besonders reicher oder interessanter Technik geachtet. Es galt nicht für nöthig, große Schaustücke zu erwerben, wie daS Museum derer bedarf; Abschnitte, welche das Muster und die Textur deutlich zeigen, weichen in den meisten Fällen genügen. Immerhin ist dafür gesorgt, daß einzelne Stücke, bei denen dies besonders nöthig ist— wie die Stofftapctcn— sich voll entwickeln. Auch einige vollständige Kirchengewänder sind erworben, um die Wirkung in der Verarbeitung darzustellen. An die europäischen Stoffe sind die orientalischen so weit angeschlossen, als sie besonders anregende Zeichnungen und Farben enthalten; die ethnographische Wichtigkeit kam nicht in Betracht. Schon seit längerer Zeit mußte innerhalb der Lehrmittel- Anstalt für den Erwerb moderner Stoffe, einschließlich der Spitzen und P a s s c m c n t e r i e n gesorgt werden, um die Schüler direkt in�dic moderne Praxis einzuführen. Ferner komitc die Stickerei nicht ausgeschlossen werden, da die Muster derselben vielfach in die Weberei übergehen und jetzt von höchst vervollkommneten Maschinen in Art der Stickerei hergestellt werden. Da dies Bedürfniß mit dem der städtischen Fortbildungsschulen zusammentrifft, hat die Stadt Berlin eine größere, für Untcrrichtszwcckc zusammengestellte Sammlung von Stickereien erworben und diese gleichfalls der Webeschnle zur Verwaltung überwiesen.— Archäologisches. — Die österreichischen Ausgrabungen i it E p he- s n s. Wie ans Wien berichtet wird, hat Dr. Otto Benndorf der Akademie der Wissenschaften einen Bericht über die Ausgrabungen des östcrreichijch-archäologischen Instituts während des Jahres 1898 in E P h e s u s erstattet.' Das Hauptergebmß war die Aufdeckung des Theaters, von dem im vorigen Jahre einige Tafeln frei- gelegt waren. Die Orchestra und das Bühnenhaus zeigen jetzt, daß das Bauwerk von den lltöniern im 2. Jahrhundert n. Chr. restaurirt winde und man cS mit einem zweifachen Banstile thun habe. Der Zuschauerraum, einen Halbkreis bildend, vssnct sich in einer Gesammt- breite ücmHOMctcr. Er zähltLö Sitzreihen, welche inZRänge c,cgliedcrt find. Der unterste Rang ist durch zwölf Treppen in elf Keile ge- thcilt, die Sitzstufen sind mit Marmorplattcn verkleidet. Eine innrmorne Wand schneidet die Sitzreihen von der Orchcstra ab. Das Bühnenhaus erhebt sich auf einer mächtigen Tcrrainanschllttnng und zeigt als Hanptramn einen Korridor, der 40 Meter lang, 2,95 Meter breit, 3 Meter hoch und in zwei Stockwerke gethcilt war. Drei Stnycnrcihen tragen das aus Marmorplatten hergestellte Podium, das von außen durch zwei Rampen, von der Orchcstra aus durch schmale Treppen an beiden Enden und in der Mitte zugänglich ist. Zwischen der Höhe dcS zweiten Geschosses erhebt sich die reich ausgestattete Zierarchitektur der scaenas trons. Die Säulen und Pfeiler derselben erheben sich auf Sockeln von 9 Meter Breite und 4 Meter Tiefe. An Skulptur- u n d I n- fchriftenfunden bot das Theater eine reiche Ausbeute. Zu dem im Fahro 1897 ausgegrabenen Torso eines Mannes wurde nun- mehr der Kopf gefunden.' Ferner ivnrdcn mehr als 500 Relieffragmente ans dem HanptfrieS gefunden, welcher Eroten auf der Jagd und im Kampfe mit wilden Thicren darstellt. An der Außenfront des Theaters Ivurde eine mit großen Platten ge- pflasterte Straße freigemacht. An drei umfangreichen Blöcken befand sich die Fortsetzung des Briefes von Marc Aurel und L. Berus an den Logisten Illpius Eurykles. An zwei Quadem waren Dekrete der Epheser zu lesen, lvelche zumeist Biirgcrrechtsdiplonie behandeln.— Kulturgeschichtliches. gk. D i e Apotheker im Mittelalter. Bei de» Griechen und Römern standen die„Apotheker" iir einem sehr schlechten Rufe; Horaz z. B. stellt die„Salbcnköche" mit Gauklern und Bettlern auf eine Stufe. Im Orient wußte man die Kraft der Apotheker besser zu schätzen, schon im frühen Alterthum beschäftigte man sich dort mit pharmaceutischen Studien. Als Geburtsstätte der eigentlichen Apotheke gilt Bagdad. Wie Hugo Maubach in seinem neuen Buche:„Das Charakterbild des Apothekers in der Literatur" ausführt, wurden auch durch die Araber diese Apotheken nach Europa. zunächst nach Spanien, verpflanzt. Bon dort gelangten sie nach Italien. Hier erlebten sie eine Glanzperiode, in der mit kostbaren, mit Bibelsprüchen und Blumen bemalten Basen, wie sie noch heute das Museum von Florenz bewahrt. ein großer Luxus getrieben wurde. Danials bildeten die Apotheker eine eigene Zunft, die Banner und Wappen führten. In Deutschland .Führen die ältesten Erwähnnngen von Apotheken nicht über die erste 'Hälfte des 13. Jahrhunderts hinaus. Jnr Jahre 1238 wird z. B. ein Gorardue apotliecarius in Lübeck erwähnt, der, wie öfter, ein Geistlicher gewesen zu sein scheint. Der Ausdruck„Apotheke" be- zeichnete in Süd- und Westdeutschland bis zum 14. Jahrhundert � etwa dasselbe wie Gade oder Kramladen; so wird im Jahre 1301 ; ein Tuch laden eine apotheca genannt, und 1290 findet sich ein Be- - richt, daß sich in eine m Hause 21 Apotheken befänden. Daß auch schon jene Apotheken unter Aufsicht der Aerzte standen, wird zuerst ans Ulm(1436) gemeldet. Bon Einzel- cheiten ist aus jener Zeit noch erwähiienswerth, daß dem Berliner Apotheker 1488 das Privileg ertheilt wurde, daß außer ihm niemand in der Stadt mit Konfekt oder gefärbtem Wachs handeln dürfe; andererseits wurde 1648 dem Apotheker zu Stendal die Verpflichtung auferlegt, zu jedem Neujahr den beiden Bürger- meistern Marzipan und Zucker zu liefern. Abraham a Santa Clara, der das Gute der Apotheken durchaus anerkennt, bringt auch einige starke Beschwerden gegen sie vor: man finde bisweile» bei ihnen auch„Fallcntia, d. i. alte verlegene Spezies und Waren, ivelche mehr dem Patienten schädlich als nützlich sind. So geschieht es nicht selten, daß in einer Büchsen, auf welcher Alchcrmcs geschrieben, mir eine geschimmelte Holler-Dolgcn klebet, die doch der gemeine Mann glcichlvohl teuer bezahlen muß... Item sind wohl einige zu treffen,' die ganz gewissenlos die Arznei zu teuer geben, und etwann 1 Handvoll Heublumen für einen Reichsthaler vcr- silbern..— Physiologisches. — Vermehrung des Körpergewichts ohne N a h r u n g S- o d c r G c t r ä n k- A u f n a h ni c hat Eh. Bouchard seit drei Jahren bei seinen Studien über die Variationen des Körpergewichts in den Zwischenzeiten der Mahlzeiten bei Menschen und Hunden festgestellt. Er glaubte Anfangs das Opfer einer Täuschung geworden zu sein, überzeugte sich aber dann mittels einer sehr genauen, von Radier konstruirtcn registrirenden Waage, daß ein Mann von 86 5lilogramm Gewicht innerhalb einer Stunde 10. 20, einmal sogar 40 Gramm an Schwere zunahm, daß aber diese GewichtSverinehning niemals länger als eine Stunde vor- hielt. Der Zuwachs konnte offenbar nur durch Gasaufnahme erklärt werden, während man sonst annahm, daß die Sauer- stoffausuahme bei der Athmung dein Körper zwar Kraft. und Wärme verleihe, im Uebrigeu aber zehre. indem die Körpcrstoffe verbrannt, die Berbreuuuugs- Produkte aber anSgeathinet werden. Der Körper müßte also durch Ver- lust von Kohlensäure und Waffcrdampf ans Haut und Lungen bis zur nächsten Zufuhr von Breuustoffen beständig an Gewicht ab- nehmen; aber die Waage lehrte unwidersprcchlich. daß sein Gewicht vorübergehend sogar zunahm. Bouchard erklärte sich daS scheinbare Paradoxon der Gewichtszunahme durch eine Sauerstoffvcrbindung bei der theilweisen Umwandlung von Fett in Lebcrstärke(Glycogen). und die Rechnung in Betreff der Größe der Gewichtszunahme schien diese Annahme zu bestätigen. Auch F. Jourdnin. der bei den der Luft ausgesetzten Eiern verschiedener einheimischer Amphibien, wie z. B. der Geburtshelfer-Kröte, welche die Eicrschnüre um die Füße des Männchens schlingt, eine solche Gewichtszunahme schon vor dreißig Jahren beobachtet hatte, schloß sich dieser Erklärung an. Bcrthclot will jedoch eher an eine Oxydation verschiedener Eiweißstoffe und Bildung neuer Verbindungen daraus zur Erklärung der unbestreitbaren Gewichtszunahme glauben.—(,, Prometheus".) Aus dem Thierreiche. io. Eine neu entdeckte Termiten- Art. Der dänische Entomologe Angve Sjöstedt, der sich seit Jahren vorzugsweise mit der Erforschung von afrikanischen Termiten beschäftigt, hat neulich aus Kamerun eine bisher unbekannte Tenniten-Art beschrieben. Wegen der schwarzen Farbe hat er sie Tcrmcsniger benannt. Es ist eine große ge- flügelte Ameise, deren Länge mit den Flügeln über 4 Centimeterund deren Flügelspannung sogar über 7 Zentimeter mißt. Sie besitzt Fühler mit 19 Gliedern. Sjöstedt hatte schon früher Soldaten und Arbeiter einer Tcrniiten-Art in Kamerun beschrieben, die ebenfalls amKopf undganzen Körper schwarz gefärbt und außerdem von ungewöhnlicher Größe waren; er halt es daher für wahrscheinlich, daß die neue Form nichts Anderes als das vollkommene ausgewachsene Insekt derselben darstellt.— Humoristisches. — Ei u braves Weib.„Dem Sepp sei' Alte is a' gute Frau! Weil der Arme kein Bier mehr trinken darf, gicbt sie ihm sei' Medizin immer im— Maßkrug 1"— — Seine Ansicht....„Genie bleibt Genie, Herr Kam- mcrzicnrath! Mau kann auch ohne Arme ein großer Maler sein I" „Ac Maler vielleicht— aber ä Redner??!— — Ersatz.„... Was fällt Ihnen denn ein, Herr Müller. mit dem Brumm kreiset zu spielen? Ist das eine Beschäftigung für einen Mann?!" „Ja wissen S', Frau Huber, seit mei' Alte gestorben, war's immer so unheimlich still im Zimmer!"—(„Flieg. Bl.") Notizen. — Von„Fuhrmann H e n s ch e l" ist von dem Autor eine der Schriftsprache angenäherte Fassung hergestellt worden; sie ist soeben im Buchhandel erschienen. Die Original- Ausgabe hat bereits die 16. Auflage erreicht.— — lieber die am Donnerstag stattgehabte Erstaufführung'des „Fuhrmann Henschel" am Burgtheater schreibt Spcidel in der„N. Fr. Pr.":„Das Ercigniß dieses Winters ist die heutige Aufführung des Gerhart Hauplmann'schen Schauspiels„Fuhrmann Henschel". Wenn wir Ercigniß sagen, so liegt das mehr am Stücke selbst, das, Ivie allgemein angenommen wird, ein naturalistisches Meisterstück ist, als an der Aufnahme des Stückes. Zwar die Haupt- maun-Geineiude nahm das Werk mit einer so überquellenden Be- geistcruug auf, daß der Dichter nicht oft genug vor der Rampe er- scheinen konnte; aber das eigentliche Burgtheater ist von der Dichtung fremdartig berührt worden. Man fühlte wohl� die Macht der Charakteristik, aber mit dem Milieu des Schauspiels konnte man sich nicht recht befreunden....„Man kann auf das weitere Schicksal des Hauptmann'schen Schauspiels gespannt fein. Etwas paradox kann man sagen: es hat Erfolg gehabt, aber es hat nicht gefallen."— — Philipp L a n g in a n n' s neues Drama„Gertraud A n t l c ß" wird am L e s s i n g- T h e a t e r seine Erstaufführung— vielleicht noch im Februar— erleben. — Clara Bicbig's Schauspiel„Barbara Holzer" gelangt nächstens in Wiesbaden zur Aufführung.— —„ Di c versunkene Glocke" ist von Heinrich Zöllner, lliiiversitäts-Musikdireftor in Leipzig, in Musik gcwtzt worden.— — Die AuS st ellnngS-Kom Missionen der Berliner Kunstaiisstellung 1899 und des Küustlerhauscs habe» Schritte gethan, um die besten Künstler aller Richtungen in allen deutschen Kunststädten zur Theilnnhnie an den Veranstaltinigen zu gewinnen.— — 300 Franks hat die Redaktion des„Weinfteund" in Zürich als Preis für daß beste O r i g i na l- F e ui l l e t o n ausgesetzt. Das Feuilleton(Erzählung, Novelle. Hmnorcske, Plauderei) muß einen Stoff aus der Wciiibranchc bchandel». Umfang: 300 Druck- zeileii.— — Als bestes Mittel zur Verhütung von Rostflecken bei Stahl und Eisen hat sich ein japanischer Lack bewährt, der aus der Büus vemieifera gewonnen wird. Dieser milchfarbige Lack fchützt Stahl und Eisen gegen schädliche atmosphärische Ein- flüsse, gegen Meerwasser, gegen die stärksten Säuren. Dämpfe und Gase und hält vorzüglich den Cinwirkuiigen der höchsten Tempera- turen stand.— Verantwortlicher Redakteur: Nngnst Jacoben in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.