NnterhaltungsMatt des Vorwärts Nr. 17. Dienstag, den 24. Januar. 1899 Vögel unter dem Himmel und das Vieh und die ganze Erde und alles Gewürm, das auf Erden. kriecht, sie müssen sich während dieser Frist damit begnügen, von ferne zu stehen und des Augenblicks zu harren, da der Eine ihnen wiedergegeben wird. Es ist nur ein Thor, das wieder ins Leben führt, das Examen, und es ist nur ein Pfad, darauf man zu ihm wandelt, das Büffeln. Und die Seele des Präparanden selbst muß sich aller eigenen Regungen ent- äußern. Der vordem ein Mensch war. oder wenigstens viel- leicht auf dem Wege, einer zu werden, er hört auf. ein Mensch zu sein oder diesem Ziele zuzustreben. Er verwandelt sich in ein Reservoir für wisjenswerthe und unwerthe Dinge, in ein lebendiges Nachschlagewerk, in einen Automaten, in den man nur eine Frage hineinzustecken braucht, unr alsbald eine Antwort zu bekommen. Es ist ein schwieriger und langwieriger Prozeß, der derart mit dem Produkt der Natur vor sich geht, und jede Störung von außen oder von innen kann unberechenbaren Schaden anstiften. Fritze war gestört. Er war schon beinahe irre. Irre an sich selbst und an der Welt umher. Er kannte sich nicht mehr aus. Er, der in seiner frischen fröhlichen Geradheit immer so lvundervoll mit allen Menschen ausgekommen war. nun Plötz- lich wie ausgestoßen, gezeichnet, gebrandmarkt! Es war ein- fach nicht zu begreifen. Wie im Traum kam. er sich vor, in dem unangenlchmen, schweißbildcnden Traum, den er wohl manchmal gehabt hatte: wo er friedfertig seines Weges ge- wandelt war und an jeder Ecke Ärakehl gekriegt hatte. Ohne greifbaren Grund, ohne sichtbare Veranlassung; aber ehe er sichs versah, war er drin, hatte er sich mit eniem alten Weibe gezankt, von einem Fremden Prügel bezogen, war von dem Schutzmann arretirt worden. Er war immer heilfroh gewesen. wenn er glücklich wieder erwacht war, und die Sache sich als Traumbild erwiesen hatte. Aber diesmal wollte kein Erwachen kommen. Es wurde im Gegentheil immer toller. Während er mit verkniffenen» Gesicht umherstrich, als ob er den Ozean vergiften wollte. stieg die Lebensfreude der Uebrigen von Sproffe zu Sprosse. Sie wußten bald nicht niehr. ivas sie vor llebermuth bei Tische anfangen sollten. Die ältesten Schulscherze kramten sie aus, um Herrn Zickendrath damit zu ergötzen. Wie den von dem sagenhasten längstverstorbenen Gymnasialdirektor Schuch- Hardt, der noch Dialekt gesprochen hatte. „Ae närrscher Gärl, der Videllius I Der ließ sich ä Gerichde zsamnistelln vun simfhunnert Nachdcgallcnzungen— und des fraß der Matz!" Eigentlich war gar nichts dran, an dem ganzen sogenannten Witz. Aber gelacht hatte der alte Zickendrath, als ob er sich einen Schaden thnn wollte. Drei Tage darauf hatte er auch wirklich emen. Der kam allerdings kaum vom Lachen. Ein Karbunkclchen hinten am Halse, nicht gefährlich, aber doch so, daß er nicht zu Tische kommen konnte. Fritze bildete sich ein, daß die Kerle sich dadurch zu einer Aendcrung ihres Betragens würden veranlaßt sehen. Aber keine Ahnung I Luftig wie zuvor. Sie fühlten sich so sicher, daß es ihnen ganz gleichailtig war, ob sie den Alten in ganzer Figur zum Rückhalt hatten oder nur als Gespenst im Hintergrunde. Sie genirten sich noch nicht einmal, vor Fritzens Ohren faule Witze über seine Krankheit zu machen. Johannes schwang sich zu dem fürchterlichen Kalauer auf, ihre Obrigkeit wäre zur Hiobrigkeit geworden. Fritze saß da und sah sich einen nach dem anderen an. Er hätte sie der Reihe nach erwürgen mögen, so widerwärtig waren sie ihm. Dieses Gefühl des Hasses fing nachgerade an. ihm selbst Angst zu machen. Er hatte irgendwo gelesen, daß viele Verbrecher in allem Ernst und aller Aufrichtigkeit die ehrlichen Leute sammt und sonders für Hallunken und Spitz- buben halten und sich selbst für die einzigen anständigen Menschen. Er traute sich selbst nicht mehr und war fast stoh. als Herr Zickendrath wieder auf der Bildstäche erschien. Seine Anwesenheit mußte ihn doch wenigstens vor Gewaltthätigkeiteu bewahren. lind in dieser Sttnimung auf das Examen ochsen— es war einfach ein Ding der Unmöglichkeit. So oft er es versuchte. einen Anlauf nahm— es ging nicht. Immer schössen ihm andere Gedanken dazwischen. Ach, was für Gedanken darunter — Mann i!... Das waren die schlimmsten und kamen jedes (Nachdruck verboten.) Zzerrn VeufionÄve. 17} Roman von O. Eugen Thofsan. So könnte ich mir noch viele andere Sotten von ttchttgen Erziehern denken, und manche habe ich kennen ge- lernt. Nur die eine Att, die ich am neugiettgsten wäre ein- mal zu sehen, habe ich noch nicht zu Geficht gekriegt. Ich meine die, die es einmal mit einer ganz freien Erziehung riskitten, durch und durch frei, wie mein Pastor durch und durch schwarz war. Es ist möglich, daß es diese Art von Er- ziehuug noch nicht giebt. Denn sie ist jedenfalls heutzutage die schivierigste. Aber ganze 5kerle giebt das auch... Nicht wahr, Sie sehen mich an, weil ich immerzu von ganzen Kerlen rede? Ja, ich bin freilich keiner. Und woran liegt's? Ich bin auch bei Quacksalbern in die Schule gegangen. Und so einer ist Ihr Alter unten. So ein halbseidener, nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht schwarz und nicht roth. Nennt bei sich die Pfaffen Heuchler und läuft in die Kirche, um ein gutes Beispiel zu geben; hält in seinem Herzen die Schulmeister für Brummochsen und predigt den Jungen ihre Autorttät; und so weiter mit Grazie. Quacksalber! Kurpfuscher! Schäfer Ast! Pain Expeller! Schweizerpillen k Hoffmanns- tropfen! Schluß!" Er hatte sich ins Feuer hineingeredet. Fritze saß da und bewunderte ihn. Das hätte er hinter dem verhutzelten Männchen nicht gesucht. Der konnte ja höllisch vernünftig reden, wenn er wollte. So vernünfttg, daß man einfach nicht mittonnte. Was sollte man dazu sagen? Es konnte höchstens was Thönchtes werden. Also ftille sein und nicken I Und das that er mehrmals hinter einander. Der Kantor war aufgestanden und gttnste wieder. „Na, nun Hab' ich Ihnen eine lange Rede gehalten, und Sie werden sich stagen: Ob das wohl die ttchtige Erziehung ist, daß er mich gegen meinen Pensionsvater aufhetzt? Darauf aber sag' ich Ihne»: Sie habe» unrecht, dreimal unrecht. Denn erstens bin ich nicht zu Ihrem Erzieher bestellt und fühle auch gar keinen Beruf dazu. Zweitens Hetze ich Sie nicht auf, sondern ich kläre Sie auf. Sie brauchen den Mann des- wegen, weil er ein Quacksalber ist, noch lange nicht todt- zuschlagen. Das würde nicht viel nützen, denn die Zunft ist weit verbreitet. Aber Sie brauchen ja seine Pillen nicht zu nehmen. Und drittens hätte ich das Alles auch nicht jedem Anderen gesagt, den» frommen Sänger da unten ganz gewiß nicht." Ftttze fühlte sich geschmeichelt und stotterte ein paar Worte des Dankes... überhaupt... für die freundliche Aufnahme... und... Der Kantor unterbrach ihn mit seinem boshaftesten Gesicht. „Lassen Sie das mal! Quälen Sie sich nicht unnöthig! Sehen Sie, ich hatte einen Onkel. Wenn ich den besucht hatte und mich bei der Abreise bedanken wollte, dann sagte er jedesmal: Es ist gut, ich weiß schon. Wenn Du es aber unbedingt los werden mußt, dann schreib mir einen Brief und setz' es hinein, aber gleich an den Anfang, damit ich's bon weitem sehe. Ich überspttnge es dann, und wir sind beide zufttedengestellt. Du hast Deine Pflicht erfüllt, und ich habe mich nicht dabei gelaugwellt.. Was? Nicht übel, der Onkel?.. Und meistens pflegte er hinzuzu- setzen: Lieber als ein Bttef ist es mir aber doch noch, wenn Du selbst recht bald wiedettommst und erzählst mir von Euch jungen Leuten. Das ist mir allemal eine große Freude.. Und das will ich auch zu Ihnen gesagt haben." Er drückte Fritze die Hand�und ließ ihn ziehen. Das Examen! das Examen! Es rückte in immer bedrohlichere Nähe und Ftttze konnte sich nicht zum Arbeiten entschließen. Oder vielmehr er entschloß sich jeden Tag mehrmals dazu, und es wurde doch nichts daraus. Um in der ttchttgen, althergebrachten Weise auf ein Examen ochsen zu können, muß nian mit der ganzen Welt Waffcnsttllstand geschlossen haben. Der gesammte Menst- betrieb des Universums wird auf diese Zeit für das Bewußt- sein des Kandidaten suspenditt; alles, was in der Umgebung des Unglücklichen lebt und webt, die Fische im Meer und die Mal, wenn er sie an: wenigsten gebrauchen konnte, wenn er sein bischen Verstand am nöthigsten hätte haben müssen. Nach und nach, je mehr sich der Termin näherte, wurde ihm bang und bänger. Was sollte daraus werden? Er ver- suchte sich damit zu trösten, daß er ja immer ein guter Schüler gewesen war und regelmäßig gearbeitet hatte. Aber es war auch nur ein halber Trost. Auch ein guter Schüler kann vor der Generalmusterung des Büffelns und Einpaukens nicht entrathen. Nur ein Halber- Trost I Die andere Hälfte suchte er in allen möglichen Zer- streuungen. Er ging fleißig hinauf zum Kantor und kohlte mit ihm über Gott und alle Welt; er nahm auch seine alten Beziehungen zu den früheren Freunden wieder auf. Er fühlte sich überhaupt am wohlsten, wenn er die Hausthüre von draußen hinter sich zugemacht hatte. Dann wurde es oft spät, bis er zurückkam. Aber dabei hieß es, sich höllisch in Acht nehmen. Sobald Herr Zickendrath dieser Neigung zum Auskneifen und Ausbleiben auf die Spur ge- kommen war. Paßte er auf wie ein Hastelmacher. Na, man konnte ja klettern l Der„große Garten" hinter dem Hause wurde auf der einen Seite von einem schmalen Durchgang begrenzt, einer sogenannten Schlippe, die vorn nach der Straße zu durch eine alte Bohlenthür abgeschlossen war. So dachte eigentlich niemand mehr an diese verschollene Kommunikation. Aber für Fritzen's Zwecke war sie großartig geeignet. lFortsetzung folgt.) Div drei Veihvvfcdevn. sDramatischcs Gedicht von Hermann Sudermann. Erste Auffnhning im Deutschen Theater wn 21. Januar.) Reiherfedern bedeuten Glück. Für den Prinzen Witte aus Goth- land, an dem sich das Märchenschicffal im neuen dramatischen Gedicht Sudermann'S erfüllt, bedeuten sie den Zweifel und die Pein. Denn Prinz Witte ist»lehr noch als es Sudennann's Johannes war, der Mensch der großen Sehnsucht, der langen, qualvollen Erwartung. Als vor zehn Jahren unsere neuen Dramatiker mit trotzig- frohem Lärm auftraten, da hätte man nicht verinuthet, daß die jugen Kampfcstöne so bald, so rasch der elegischen Klage und müder Schwerniuth Iveichen werden. Die Revolte war von kurzem Athem. Sie war voll von vcrhcißuugsreichen Ansätzen; wenn aber jetzt die Dichter die Summe unserer Zeiterfahrungen zur großen, Welt- bildlichen Darstellung zusammenfassen wollen, so versagt das Per- mögen; und es entstehen die scheu verzagten, die wcichmüthigen Melodien, die auch in den„Drei Rciherfederu" erklingen. Diese Ideendramen haben nichts mehr mit dem Geist der Einpönmg gemein, sie haben nicht einmal aufrichtende Kraft. Sie säen nicht dte Saat der Unzufriedenheit; die Muskeln krampfcn sich nicht straff zusammen, wenn man diese Dichtungen hört; sie lösen sich vielmehr. Auf die sehnsüchtigen Fragen antwortet die sanfte Resignation oder der Dichter vertröstet die begehrliche Menschen- natur mit irgend einem kargen Ausgedinge, darin sie sich beschcide. — Wäre der Polizeistaat nicht so kunstsremd, als er m der That ist, er würde diese crdenflüchtigc Poesie mit ihren bänglichen Ver- zückuugcn fördern, statt daß er ihr, wie im„Johannes" von Sudcr- mann, entgegenträte. Ob ein frischer Windzug die jüngsten, nebelschweren Melancholien bald wieder verjagen werde, wer möchte das heute vorausbestimmen? Wird es den Dichtern nicht ergehen, wie den Helden ihrer Dichtungen selber? Nicht von ihren Thaten, sondern von ihren Hoffnungen werden d i e genarrt. Nicht der ewige Widerspruch zwischen dem Gewollten und dem Erreichten stimmt sie müde; sie tummeln sich auf Irrwegen, sie ahnen eine neue Bahn und können sich nicht hindurchtasten. Ihre Hoffnung wird der Flnch ihres Lebens. Als es zu spat für ihn war, erkannte Johannes seinen Messias; und der Glückszanbcr in den Rcihenfedern Ivar das Verhängnitz deS Gothcnprinzen Witte; denn er begriff ihn nicht, ehe er todtmatt zusammenbrach. Mit der angeborenen Farbe der Entschließung, wie Prinz Hamlet sagt, ist es bei dem Gothenprinzen Witte vorbei, als er seine That be- angcn und dem göttlichen weißen Reiher im nordischen Heidenland ie Zauberfcdern geraubt hat. Von da an, dem Eingang zum Drama, ist er das Opfer nie gestillter, auf- und abwogendcr Sehnsucht. Weder kann er seligen Frieden erringen, noch kann er sich höllischer Sünden dennesseil. Ein geducktes, vergrämtes Erdenkiud schweift er dnrch's Dasein. Selbst wo'er sündigt, sündigt er bekümmert, Ivo er siegt, da siegt er unsroh, im letzten Moment, zum Acußersten gedrängt. Wenn unsere Baumeister ihre Gedankcndramen bauen, so geht eS ihnen, wie den Architekten. Sie finden nicht den Stil ihrer Seit, ihrer Kraft; sie zahlen nicht baar, Ivie die„Prinzen ans lenieland", sie borgen von dem und jenem, der vor ihnen war. So vermengen sich Faustische und Hamlet'sche Züge im Ideendrama Sudermann' s, und allerlei Motive und Stimmungen, nordisch-balladcn- hafte, streng und herb bis zu süßlich-lyrischen, ja bis zu zuckrigen Kinderszenen, die mit ihrer Theatralik schon verdrießlich werden, schwirren in dem Gedankenbrci der Dichtung durcheinander. ES gicbt keine Einheit und von den Versen, so viel Kunst auch auf sie verwandt ist, geht nur an seltenen Stellen belebende sinnliche Fülle aus. So kam's, daß die Aufführung der Reiherfedern nur zu einem starken Achtungs- und Freundcserfolg wurde und daß eme nicht unansehnliche Minderheit gegen ein Märchen ohne Märchen- Naivetät, gegen ein symbolisches Drama opponirte, das Welt- räthsel aufgeben möchte und am Ende doch nur flachere Weis- heit birgt. Der Zauber, der in den drei Reihcrfedern steckt, wird dem Prinzen durch die schicksalskundige Begräbnißftau enthüllt. Die wohnt an der Küste Samlauds und Ivartct ihres Amtes, das den Menschen den letzten ewigen Frieden bringt. Dem jungen Gothen- ftirsten verkörpert das Glück die Erfüllimg seiner Sehnsucht in der Gestalt einer Frau, deren Reinheit selbst das Unrecht in Recht wandelt, deren Ergebenheit rührt und doch besiegt. Wird er die erste der Federn verbrennen, so verkündet die Schicksalsftau, dann wird er sein Glück im Bilde schauen. Wirft er die zlveite Feder ins Feuer, dann wird ihm das Glück, die leibhafttge Frau nachtwandlerisch erscheinen. Weiht er die letzte Feder der Flamme, so stirbt endlich, die sei» Glück gewesen Ivar. Orakel sind trügerisch; und in dem Gothenprinzen hat das Orakel der Begräbnißfrau nur die nimniermüde Unrast, die Hoff- nung auf das Wunderbare zurückgelassen. Prinz Witte kommt zur Burg der schönen, cdclfinnigcn Königin von Bernstcinland. Dort wohnt sein Glück. Er achtet aber seiner nicht, und seine Träume jagen ihn unruhig in unbestimmte Fernen. Nicht den Eidbruch scheut die Königin in der Gewalt ihrer Liebe zu dem Gothenfürsten: Aber seine Verblendung läßt es nicht zu. daß er hier eine Erfüllung seines Wunsches sehe. Sie schwor Hand und Reich dem Manne zu, der über den Gegner im Zweikamps obsiege; und wiewohl der sonnige Gothenfürst dem düsteren Gewaltmann, dem Herzog Widwolf unterlag, so folgte die Königin dem höheren Recht ihrer Liebe, daS über alle Gewalten siegt, aber das Glücks- bewnßtsein will sich beim Prinzen nicht einstellen. Sein sonniges Wesen ist' getttibt. Die Liebe seines Weibes wird ihm zur Last. In seinem Hanse fühlt er sich als Verwalter, nicht als Herr. Ein Erbe ist ihni versagt; und aus ihrer ersten Ehe hat die Königin ein jftndlein. In seiner sehnsüchtigen Pein verbrennt der Prinz die zweite Feder. Die Königin, sein Weib, erscheint; nachtwandelnd sagt sie: rufst Du mich, mein Herr? und der Prinz, der verblendete Thor, erfaßt erst nicht, was ihm verheißen ivar. Er schilt die Königin, die wie ein cifersucht-geplagtcs Weib seine Gesichte störe. Von nun an kehrt er sich von seinem Weib und lebt sardanapalisch mit der schönen Magd Goldhaar und ihren Frauen. Aber die weiche Luft macht ihm das Leben noch ekler; einmal noch rafft er sich zur That auf und erschlägt den grinimen Widwolf, der die Königsburg be- stürmt. Daun zieht er mit seinem treuen, aufrechten Knecht, dem Lorbaß, ins Elend, bis er nach fünfzehn Wanderjahre», ein Ver- zweiselndcr. wieder ins Reich der Bcgräbnißftnu kommt. Nun e»t- äußert er sich der letzten Feder und damit zugleich aller qualvollen Sehnsucht. Als die Feder im Feuer verzehrt wird, da entflicht zugleich das Leben der Königin. Nu» wird's dem irrenden Fürsten blitzgleich klar, wer alle Zeit sein Glück war. An seinem Herd hat er's gc- halten und in Ncbelformen hat er's gesucht. Zu spät! Die Be- gräbnißfrau harrt seiner. und seines dahingeschiedene» Glücks. Fortivährcnd in gebrochenen Tönen zu sprechen, fortwährend in Melancholien sich ergeben, und das Publikum dennoch nicht zu ermüden, ist schauspielerisch eine Aufgabe, die fast nicht zu bewältigen ist. Herr Kainz hat sie diesmal nicht bewältigt; er wurde monoton. Die dankbare Kraftgestalt des Knecht Lorbnß gelaug Herrn Nissen schauspielerisch am wirksamsten. Auch der gedämpft-elegische Ton der Äönigin-Duldcrin, die von Frau Teresina Geßner gegeben wurde, mußte schließlich einförmig wirken. Kleines Feuilleton. — st—. Das gute Beispiel.„Ja, Frau Klink, da muß ich erst mit meinem Mann sprechen. So gern ich Ihnen den Gefallen thun möchte, in solchen Dingen will er immer erst gefragt feilt," meinte Frau Großkaufmann Hillgcr bedauernd. Frau Klink strich verlegen ihre nasse Schürze:„Ach bitte, legen Sie für mich ein gutes Wort ein. Es sind ja nur sechs Mark. Der Erste ist ja bald da, dann können Sie es ntir wieder abziehen... Ach, es ist zu schrecklich, wenn der Mann krank ist I" „Ja, ja... na. nun müssen wir aber wieder fleißig sein!" Damit ging Frau Hillgcr hinaus, in ihren behandschuhten Händen zwei große Vasen haltend, die sie auf dem hinteren Flur abstauben wollte. Frau Klink hockte sich rasch wieder hin und wischte unter dem großen Büffet den Staub fort. „Ist Ihr Mann immer noch krank?" fragte das Dienstmädchen, das die Möbel abwischte. „Er ist nicht immer noch krank, sondern schon wieder krank. Das Asthma kehrt ja stets zurück. Ja, wenn er nicht die schwere Arbeit machen brauchte. Aber nun immer am Ambos stehen und die schweren Eisenstangen regieren, und dann am Schmiedeherd.. � das hält doch ein alter Mensch nicht mehr aus. Ueberhaupt, wenn er so schon krank ist." Frau Hillger kam zuriick. Die drei Frauen arbeiteten hastig. Abends sollte Gesellschaft sein. Da mutzten die Vormittagsstnndcn gut ausgenutzt werden. Hatte es doch Frau Hillger übers Herz ge- bracht, heute einmal ftüh aufzustehen und selbst niitHand anzulegen. Das heitzt, mit Handschuhen. Sie war nun mal von der Anschauung durchdrungen, datz man den Untergebenen, den Dienstboten, über- Haupt dem Bolke, mit gutem Beispiele vorangehen müsse. Sie waren noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit, da kam Herr Hillger schon nach Hause. Sie hatte geglaubt, er würde heute nicht früher wie sonst kommen. Aber du lieber Gott! Es war doch wahrlich genug, wenn er feinen Leuten an den anderen Tagen mit gutem Beispiel voranging. Das schlechte Beispiel, das er heute gab, durften sie eben nicht, befolgen. Das Volk hat sich überhaupt nur immer nach dem guten Beispiel zu richten! Frau Hillgcr fürchtete, datz er ärgerlich sein werde, weil nirgends eine gemüthliche Ecke geblieben war. Aber er war ganz entzückt, datz sie es nicht unter' ihrer Würde gefunden hatte, seibst thätig zu sein, zu zeigen, datz auch vornehnie Leute uicht die Arbeit scheuen, ja, datz sie auch arbeiten können:„Siehst Du, Lotte, das ist brav von Dir!" sagte er ftcndig.„ Immer seinen Leuten mit gutem Beispiel vorangehen, dann geht die Arbeit noch mal so gut und wird viel sauberer und besser. Ja, so was, das spornt an!" Er sah in den Ecken herum, noch mit dem Hut in der Hand und ohne den Mantet abzulegen:„Hm, hm, sehr sauber, sehr nett! Ja, siehst Du, das freut mich! Ja"... und er zivinkerte mit den Augen...„dafür habe ich auch unterwegs feine Sachen gesehen! Oh... solche feine Sachen!" Sie lachte:„Ja, gesehen!" Dabei kam sie ihm näher und fatzte in seine Taschen. Schnnmzclnd holte sie ein kleines Leder-Etni heraus. Als sie es aufgedrückt hatte, blitzte ihr eine schmale Vor- stecknadel aus eiiieni mit Brillanten besetzten Goldstreif entgegen.„Oh, so fein I" sagte sie. Da fiel ihr Blick auf Frau Klink. Und in einer guten Regung sagte sie zu ihrem Mann:„Ach, Joseph, Frau Klink wollte Dich noch bitten, ihr sechs Mark Vorschutz zu geben..." Sein fröhliches Gesicht verzog sich... Jetzt, in der vcr- gnügten Stimmung mit solchen dummen Sachen zu kommen l „Aber Lotte, Du weitzt doch, datz ich grundsätzlich keinen Vorschub gebe. Ich zahle pünttlich aus... da können die Leute auch mit ihren» Gclde auskommen." Er Ivendcte sich mehr zu Frau Klink: „Ich lveitz nicht, können denn die Menschen nicht rechnen? Man giebt ihnei» doch kein schlechtes Beispiel! Wir müssen doch auch mit unserem Wirthschaftsgelde auskommen! Oder nicht?" fragte er seine Frau. „Gewitz!" „Und ivieviel bekommst Du jeden Monat?" „Vierhundert Mark." „Na, sehen Sie, davon mutz meine Frau die ganze Wirthschaft erhalten. Und tvas ist das für eine Wirthschaft I Da soll antzer dem Essen fiir uns beide noch das für das Dienstmädchen und Sie abfallen. Dann kommt die Gasrechnung, und die Heizung bezahlst Du ja wohl auch?" „Nein, das kommt mit auf die Rechnung für's Geschäft; das Gas auch." „Na, ja... jedenfalls konimt es bei uns nicht vor, datz Ivir mal nicht reichen. Dann schränkt inan sich eben ein paar Tage ein.... Aber ich werde es Ihnen noch mal geben. Nur kann ich es durchaus nicht verstehen, datz Sic so garnicht rechnen können. Wenn nian noch ein schlechtes Beispiel geben würde!"— — Der Fischreichthum dcS BodcnsecS. Schon als die Römer ihre Besitzungen am.Bodcnsee hatten, Ivnr dort der Fisch- fang sehr ergiebig, nnd er ivnrde auch verhältnitzinätzig rationell betrieben; ebenso geschah es, wie ans vielen in Klosternrknnden niedergelegten Nachrichten zu ersehen ist, als auf der Reichenau, in Arbo» und anderwärts das Mönchsthnn» in Blnthc. stand— wie das ja auch Scheffel in seinen»„Ekkehard" schildert. Von den» Fisch- reichthnn» des Bodcnsces und der Ergiebigkeit des Fischfanges im „SchN'äbischcn Meer", wie der See ja znbenanut ist, erhält man ein Bild durch die Thatsache, datz in den letzten Monaten des abgelaufenen Herbstes von de» sehr beliebten Blanfelchen— ein äutzcrst schmackhafter Fisch mit ziemlich weichen» Fleische— allein in» Oberste nach den Berechnnngei» der Fischervcrbände der dortigen Ortschaften etiva 40(XX) Stück gefangen wurde», von denen das Stück durchschnittlich ein Pfund wiegt. Danach würbe» nur dem einen Theil des Sees in der genannten kurze» Frist 4n der herbere Zug in den kleinen Stücken zu statten.— Herr Bonn hatte mit dem komödiantischen Geiger eine dankbare Episodenrolle gewonnei». Fulda's Komödie», streifen gleichfalls an eniste Dinge. Die Eine endet trübe, die Andere findet einen lustigen Ausweg. „Die Zeche" erinnert an die französische„Doubourcnse", das schmerz- hafte Einlösen einer aufgehäuften Nechnnng. Für ein langes Lotter- leben zahlt der Ol jährige Baron Steigersdorf seine Zeche. Eine ver- lassene Jugendgeliebte findet er; um an ihr eine Pflegerin zu haben, macht der Gichtbrüchige ihr eine»» Heirathsantrag. Aber sie dankt und überläßt den Alten der Vereinsamung. Herr Klein faßte de» Alten nicht undiskret; allein gerade in so nichtigen Stücke» fällt eine gewichtige, gedehnte Spielmanicr auf die Nerven. «Ein Ehrenhandel" ist eine kleine Schnurre; man könnte sie eine Hmnoreske für ein Fainilicnblatt nennen.„Zwei Kützchen" iverden getauscht. Herr v. Techwitz küßt im leichten Champagner- Spitz die Frau eines Majors, worüber es beinahe zun» Duell ge- konunen wäre. Zum Glück ist die Frau des Herrn v. Tcchwitz eine kluge Käthe. Sie übt Vergeltung»ach den» Satz„Zahn um Zahn" inid lätzt sich vom Major wieder küssen. Ei» bischen aufdringlich ist das selbst für eine Schnurre.—— kk. — r. Das T h a l i a- T h e a t e r ist am Sonntag mit einer von» Publikum recht beifällig aufgenommenen Neuerung hervor- getreten. Unter der Führung von Emil Thomas tragen Künstler und Künstlerinnen eine stattliche Reihe von Kouplets vor, die nicht allein von„Schlagern" strotze», sondern sich auch recht ansprechender Melodien erfreuen. Am meisten Applaus erntete ein Vortrag, in welchem Herr Kaiser und Fräulein Wünsch als Dnettiste'npaar das moderile Spezialitäten- Theater überaus drollig paro- diren. Datz Herr Thomas nicht zu kurz kam', lätzt sich begreifen; schon die Fülle der Kalauer eigenen Fabrikats hätte genügt, ihn» einen Bombenerfolg zu sichern. Als Verfasser der Kouplcttexte wird Herr Alfred Bender genannt; die Musik ist von Herrn Mannstädt. Dieser Herr hat auch einen verbindende», Text z»» den Kouplets geschrieben und so beinahe eine Handlung zu stände gebracht. Herr Thomas tritt als Flickschneider Schiddcbold auf und seine beiden kecken Töchter, in deren eine sich ein reicher Narr vergafft, sind seine Engel; macht zu- saimne», wie auf den» Theaterzettel ausgerechnet steht: „S ch i d d e b o d' s Engel". Datz die Serie vo,', Lko»lplets und Kalauern so einen Ramei» erhielt und überflüssigcrweise als Posse bezeichnet wurde, könnte als Konzession an das Althergebrachte ge- rügt werden; da sich aber niemand durch das bischen Handlung gestärkt' fühlte,»nag diese kleine Rückständigkeit getrost hingehen.— Musik. Während unser alteS Opernhaus durch sein fortwährendes An» kündigen von Neuheiten und Neueinstudinnigen, die dann gemüthlich verliegcn, die Entrüstung des Publikums verdient, gebührt dem Theater des Westens für sein eifriges Zurückgreifen in der Musikgeschichte und Vorwärtsgreifen in neue Schätze lebhafte Auer- kennung. Seine letzte Darbietung waren.Die vierzehn Nothhelfer", eine zweiaktige Komische Oper des in Berlin wirkenden Lehrers der Musiktheorie und Musik- Schriftstellers Max Loewengard. Der Text ist einer bekannten Lorlage entnommen und ist nicht zum erstell Male musikalisch verwerthct. Er enthält sowohl an Dramatischem als auch an Lyrischem so wenig, daß von seiner Benutzung von voniherein abzurathen wäre. Ritter Hans von Haltcnbach hatte in einer Gefahr den als die„vierzehn Roth Helfer" bekannten Heiligen ihre Bildnisse gelobt und hat diese beim MalerKonrad Lenz bestellt. Deraber kommt mit seiner Arbeit nicht vor- wärts und malt vielmehr sein weibliches Ideal neben einenHeiligeu. Der Ritter setzt ihn arbeitshalber auf seinem Schlosse fest, dort aber erkennt Konrad in des Ritters Tochter Susanne seine Geliebte, was dann den unvermeidlichen Ablauf im Licbesduett und in der Be- friedignng Aller findet. Die Sprache des Textbuches verdient ob ihrer Vernünstigkeit und Anmuth Anerkennung. Sonst aber ivar bereits zu vernmthen, daß der Komponist es schwer haben werde, aus diesem Inhalt ein wirklich musikalisches Drama zu schaffen. Daß ihm dies trotz mancher schöner Einfälle im Ganzen nicht eigcnt- lich gelungen sei. ist der Grundzug in dem Bericht meines Vertreters über die Erstaufführung vom 21. d. M. Eine gewisse Trockenheit sei der Musik nicht abzusprechen. Daß sie gut gemacht ist, brauche nicht eigens hervorgehoben werden und sei bei einem so anerkannt tüchtigen Lehrer der Komposition ohne weiteres anzunehmen. Die Mängel der Musik wären je- doch weniger hervorgetreten, wenn der Ltomponist vom Orchester besser unterstützt worden wäre, und Ivenn der Chor seine Sache besser gemacht hätte. Als hervorragender Vorzug der Musik sei aber ihre treffende„Deklamation", im Sinne der genauen Airpassimg air den Text, zu erwähnen.— Die Sänger hatten keine leichte Aufgabe, waren jedoch mit Hingabe bei ihrer Sache. Frau Burrian- Selinek war in Spiel und Gesang reizend und hatte an Herrn ribb einen tüchtigen und passenden Partner: beide ernteten mehr- mals Anerkennung auf offener Bühne. Fräul. Detschy sollte den Ton mehr„vorne" haben; ihre Rolle ist wenig dankbar. Der Beifall war anhaltend, konnte aber den 5lompouisten nicht zum Hervor- treten bewegen. Die darauf folgende Wiederaufführimg von Mascagni's einaktiger„Cavalleria rusticana* ging unter dem neuen Kapellmeister B. Sänger vor fich, der mit dem hier er- freulich wirkenden Orchester seine Aufgabe trefflich löste. Herr Alfred Rittershaus spielte als Gast den Turidn und ergriff durch sein prächtiges Spiel; das schöne Organ schien diesmal, wohl durch eine Indisposition, nicht ganz mif der Höhe des Könnens zn stehen. Frau S ee b old als Santuzza spielte und saug sehr lebens- voll und wahr, und auch die übrige» Sänger zeigtet» sich von guter Seite.— sz, Psychologisches. gk. Die Farbenvorstellungen der Blinden. Eine selbst von ihrem dritten Lebensjahre an Erblindete, Aitna Poctsch. theilt in einer sehr interessanten Arbeit, die in der„Zeitschrift für Psychologie»md Physiologie der Sinnesorgane" veröffentlicht ist, ihre eingehenden Beobachtungen über ihre eigenen Farbenvorstcllnngci» mit und stellt diese mit den Erfahrungen anderer Blinder zusammen. Es handelt sich bei den Farbenvorstellungen der Blinden mehr um Ersatzbilder, Surrogate, die mit größerer oder geringerer Anlehnung an die Wirklichkeit in dem Bewußtsein der Blinden enfftehen. Zu scheiden ist dabei, ob jemand spät erblindet oder blindgeboren oder früh erblindet ist. Der Späterblindctc knüpft mit seinen Vorstellungen an die Wirklichkeit an; er hat die Farben als Erinnerungsbilder im Gedächtniß und er bewahrt besonders treu die Erinnerung an die sie begleitenden Lust- und Unlustgefühle. Der Blindgeborene oder Früherblindete besitzt keine solchen bewußten Farbe-Erinnerungen; wie er sich Surrogate schafft, dafür bringen die Aussagen der Anna Poetsch ein reiches Material bei. Ihre Farbenvorstcllungen beruhen auf Afiociationen, sie knüpfen theils an Gehörsempfindnngen, theils an Tastempfindungen an. Be- sonders tritt der Gehörssinü hervor. Beide Gruppen scheinen aber in der Art der Gefühle, die sie hervorrufen, parallel zu gehen: kalte, in der Klangfarbe abweisende Menschcnstimmen erscheinen ihr z. B. als weiß, und ebenso vermuthet sie eine tveiße oder wenigstens eine lichte Färbung bei kalten oder glatten Tastempfindungen, also be- sonders bei gewiffen Papiersorten, bei Kattun, bei Leinenstoffen. Gelb verbindet sich ihr auf beiden Gebieten mit der Empfindung von etwas unangenehm Grellen; Brau» scheint ihr das zu sein. was ftir ihr Gehör oder Gefühl etwas Verschwommenes, llndent- liches hat. Solche Vorstellungen lehnen sich oft an bestimmte Erfahrungen an. Weil einem gewissen Blau mchnnals eine weiche Tastempfindung entsprach— das erste Mal war es bei einem Puppenkleide— war diese Farbe stets für sie mit der Vorstellung von etwas Weichem verbunden. Dunkel- grün hat für sie immer etwas Auftegendes: sie hatte in ihrem vierten Jahre einen grünen Augenschirm tragen sollen und fich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt. Was die Tastnerven beunruhigt, namentlich gemusterte Stoffe in Krimmer, Plüsch und Sammet, pellt fie fich heute noch als grün vor; auf dem Gebiete des Gehörsinnes repräsenttrt, in deutlicher Anlehnung an Erfahnmgen, das Waldhorn das Grün. Bei durchbrochenen Stoffen glaubt Anna Poetsch Rosa Ivahr- zunehmen, ebenso bei heiteren schelmischen graziösen Tönen, etwa von eine»» Glockenspiel oder den Stimmen nbermüthigerMenschen, besonders von Kindern. Auf die Bildung ihrer Begriffe von Schivarz und Grau scheint eine ihr gebliebene schwache LichtcmpfindlichkeU nicht ohne Einfluß zn sein; sie glaubt sich in engen dunklen Gassen oder in überfüllten Zimmern von diesen Farben umgeben, während sich ihr eine ausgeprägte Erinnerung an Weiß aufdrängt, wenn sie große freie Plätze überschreitet. Bei der Beurtheilung von Menschen find die Blinden in Hohem Grade von den Farbenvorstellungen abhängig, die durch Gchörsenipfindungenhervorgerufc» werden. Anna Poetsch berichtet, daß ihr die Stimme eines Dienstmädchens, das ihr viele Gespenster- geschichten erzählte, als intensiv schwarz erschien. Eine Dame, die fie kennen lernte, schien ihr eine ausgesprochen grelle„gelbe" Sttmme zu haben.bei nähercrBekanntschaft entdeckte sie aber auch warme„rothe"Töne, mit„Roth" bezeichnet sie bei einem Organ Güte, Wohlwolle», unter einem sch>varzen Farbento» stellt sie fich Energie, unter einem hell- blauen Begeisterung vor. Auch Genichsenipfindungen machen sich bei der Bildung von Forbenvorstellungcn geltend: man hört häufig von Blinden Äusrufe wie:„es riecht gelb, grüi»"»». s. w. Aber nicht alle Blinden haben solche Farbeuvorstellungcn, und andere werden fich ihrer nicht klar belvutzt, tvieder andere pflegen den „Farbenunsinn", selbst wo er fich aufdrängt, zu bekämpfen, weil er im prakttschcn Leben Nachtheile bringen kann. Natürlich schaffen sich Individuen mit reger Phantasie leichter eine Farbenwelt als solche, bei denen das Verstandeselement überwiegt.— Aus dem P stanz euleben. — Die Vermehrung der Blatt-Begonien, da? heißt solcher, die uns weniger durch ihre Blüthen, als durch ihre herrlich gezeichneten Blätter erfreuen, erfolgt, wie der„Praktische Wegweiser"(Würzburg) schreibt, durch Stecklinge, die nur je eine Pflanze liefern, vortheilhafter aber durch Einlagen einzelner Blätter in eine mit rein gewaschenem Sand gefüllte, mit gutem Wasser- abzng versehene Samenschale soder Blumentopf). Nachdem die Blätter namentlich an den Adcrgabelungen eingeschnitten find, werden sie leicht mit Sand bestreut, überspritzt. die Schale lvird mit Glas zugedeckt und das Ganze an einen hellen Ort so aufgestellt, daß die volle Zimmertemperatur von 15 Grad R. ihm zu gute kommt. Die gleichmäßige Feuchtigkeit lvird durch häufiges Spritzen mit warmem Wasser erhalten. Faulende Stellen müssen beseitigt werde«. Nach mehrere» Wochen kommen die Pflanzen an den Schnittstellen der Adern hervor, wenn es ge- lang, das Blatt bis. dahin zum größeren Theilc zn erhalten.— Der Vorgang, den wir auch bei anderen sastreichen Pflanzenblättern erzielen, verliert viel von seiner Absonderlichkeit, wenn lvir uns vergegenwärtigen, daß die„Adern" der Blätter Nährstoff-Leitungcn sind, die den Stoffwechsel zwischen Blättern und Pflanzen- stock vermitteln, lvie es die Zweige der Pflanzen ebenfalls thun. Daß wir von Zweigen Stecklinge erziehen, die ans dem sog.„Kallns" Wurzeln bilden, ist ja bekannt genug. Solcher Kallus lvird nun auch aus den» Nährstoff gebildet, der in den durchschnittenen Adern der Begonienblätter der Mutterpflanze zustrebt, während das Blatt selbst die zu seiner Erhaltung nöthige Feuchtigkeit aus dem um- gebenden Saude durch seine Poren aufsaugt. Erst wenn sich der Kallns an den Schnittstellen bewurzelt hat, werden junge Begonien- pflanzchen ausgebildet. So liefert ein einziges Blatt viele selbst- ständige Exemplare; auch größere Theile von Blättern kann man zu jeder Jahreszeit verwenden.— Humoristisches. — Ein T r o st.„Ach, Herr Doktor,— ich glaub', mir wird's erst wieder wohl, wenn ich todt bin." „Nur Mnth, nur Muth, mein Lieber!— ich Iverde mein Mög- lichstes thun l"— — Waserthut. Johnny:„Mein Vater ist Polizeidiencr. Was thut denn Dein Vater?" Jimmy:„Was Mutter ihm sagt."—(„Jugend.") — Von» Regen in die Traufe. In Leipzig stiegen vor Kurzem mehrere' Damen in ein Konpee erster Klasse. Die Reisenden, Männlein und Wciblein, kannten sich nicht,»nid eS dauerte geraume Weile, bis ein geeignetes Gesprächsthema ge« fluiden war. Natürlich kam die Sprache auf das Theater, und eine Dame, welche kürzlich einer Aufführung der„Enryanthe" bei- gewohnt hatte, äußerte sich in sehr abfälliger Weise über Frau Sch., die erste Sängerin.„Finden Sie nicht," wandte sich die Dame mit dem lösen Zünglein an einen ihr gegenübersitzenden Hern»,„daß Frau Sch. viel zu alt für die Rolle ist? Wenn sie zn singen anfängt, glaubt man wirtlich das Schnarren einer verrosteten Schiffswinde'zu hören."—„Sie würden besser thun, gnädige Frau," erwiderte der Angesprochene»nit schneidender Kälte,„das Frau Sch. direkt zu sagen; fie sitzt ja neben Ihnen." Allgemeine Stille. Die Dame schweigt verwirrt»md erröthend. Doch erholt fie sich rasch und ruft, um den Fehler zu verbessern, der Sängerin zu:„Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Daran trägt nur der Kritiker W. die Schuld, der meine selbständige llrtheilskraft verdorben hat. Er be- nützt jede Gelegenheit, um Ihr großes Talent u»d Ihr Können herabzilsetzen, dieser»»nangenehme pedanttsche Mensch!"_—„Alles das können Sie Herrn W. wirklich selbst.sagen," war die Antwort der Sängerin,„er sitzt neben mir."—_ Berautlvortlicher Redakteur: August Jacobcy m Berlin. Druck und Verlag von Niax Babing in Berlin..