Mnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 13. Mittwoch, den 25. Januar. 1899 (Nachbruck verboten.) Hevtm Iickendvskh s NettfiouÄve. 18] Roman von O. Eugen Thossan. Wenn er erst über die Mauer rüber war— und das ging ohne übertriebene Schwierigkeiten— dann war er so gut wie im Haufe. Denn die Hinterthür nach dem Hofe blieb regelmäßig offen. Er brauchte dann blos noch die Stiefel auszuziehen und sich in Strümpfen geräuschlos die Treppe hinauf zu schleichen. Emil wagte nicht zu klatschen, wenn er vielleicht auch manchmal Lust dazu hatte. Fritze hätte ihn auch ohne Umstände todtgeschlagen, niausetodt. Wenigstens sagte er ihm das, als er eines Abends erst nach zehn ankam, und Emil dummdreist fragte, ob Herr Zickendrath um den laugen Urlaub wußte. Das ging so eine Weile ganz gut. Bis Herr Zickendrath wieder einmal ein Karbunkel bekam. Der alte Herr zeigte plötzlich eine auffallcndeNcigung, dergestaltwieder auszuschlagen. „Das kommt vom guten Leben," sagte er selbst. Es ging jetzt wirklich ganz gut und man leistete sich mehr, als man seit langem gewohnt gewesen war. Aber der Mensch soll nicht üppig tverden. Nun mußte er das gute Leben in dieser Art an seinem Leibe büßen. Es war ja nicht weiter gefährlich, nicht einmal sehr schmerzhaft. Aber das Dumme war, daß er, weil er nicht sitzen konnte, fast den ganzen Tag im Bett liegen mußte. Und da ihm sonst nichts fehlte, so machte ihii das nervös und unruhig, so daß er die halbe Nacht nicht schlafen konnte. Sein Bett stand nahe anr Fenster, und das Fenster ging dicht neben der Hintcrthüre auf den Hof. Und eines Abends. als er so dalag, hörte er plötzlich ein Geraschel in den Stachelbeerbüschcn, die längs der Gartenmauer wuchsen, und ein dumpfes Aufschlagen, als ob etwas von der Mauer herabgefallen wäre. Gleich darauf aber ging leise, leise die Hofthüre. Da wurde es mit einem Schlage hell in ihm. Ei Du verwünschtes Ääsekeilchen, das war einer von den Jungen I Und wer es war, blieb für ihn außer allem Zweifel. Er konnte indessen nicht schnell genug aus dem Bette kommen, um den Missethäter abzufassen. Aber das Handwerk sollte ihm gelegt werden. Warte nur. Du Spitzbube, ich will Dich lehren, über die Mauer steigen und ins Haus schleichen wie der Marder auf den Hühnerstall. Am nächsten Tag sagte er zu niemand ein Wort von seiner Entdeckung. Aber als es Abend wurde, kraxelte er mühsam aus seiner Falle und wandelte nothdürftig bekleidet in der Küche umher, deren Thüre immer offen stand. Und richtig, in dem allgemeinen Rummel, der auf den Schluß des Abendbrotes folgte, verließ Fritze das Haus, nach seiner Meinung natürlich unbemerkt. Mit grimmiger Befriedigung kroch Herr Zickcndrath wieder in sein Bett und lag und wartete. Es schlug neun, und Manni verschloß die Hausthüre. So lange war es den Schülern erlaubt, auszugehen. Was nun noch kam, war Kontrebande. Fritze war selbstredend nicht zurückgekehrt. Es wurde zehn, es wurde elf, Mitternacht— noch immer nichts. Herrn Zickendrath's Spannung stieg aufs höchste. Erzitterte unter seiner Decke.„Ich glaube, ich habe Fieber," knurrte er ingrimmig vor sich hin. „Was sagst Du?" fragte seine Frau besorgt von ihrem Lager herüber. „Ach. Donnerwetter." gab er überrascht zur Antwort. „Du schläfst noch nicht? Nun wird's aber höchste Zeit." Frau Zickendrath warf sich herum und seufzte tief. „Was hast Du denn?" fragte er ärgerlich. „Ach... Max... ich glaube. es ist noch einer draußen." „Das glaub ich auch. Deshalb paß ich ja auf. Ihr habt doch die Hofthnr nicht wieder aufgeriegelt?" „Die Hofthür?" „Na ja. ich habe sie doch abgeschnappt. Den infamen Bengel will ich schon kriegen." In Frau Zickendrath's Bett entstand ein erhebliches Getöse. � �,, „Was willst Du denn?" rief er.«Daß Du mrr ia liegen bleibst! Das bitt' ich mir aus. Das kann ich doch wohl noch verlangen, daß meine Anordnungen respektirt werden." Frau Zickendrath ergab sich, abermals seufzend, in ihr Schicksal. „Was sie nur hat?" grübelte er.„Sie wird doch dem Burschen nicht aus der Patsche helfen wollen. Sie hat doch zuletzt selber eingesehen, was an ihm ist." So lagen sie noch über eine halbe Stunde und horchten, und keiner muckste sich. Da— es ging schon stark auf eins— wurde vorsichtig auf die Klinke der Hinterthüre gedrückt. Mit einem Satz war Frau Zickendrath aus dein Bett. Aber ein wüthendes„Du bleibst liegen!" von Seiten ihres Mannes scheuchte sie wieder in die Kiffen zurück. Dann erhob er sich so fix, wie es sein Zustand erlaubte. Draußen ivurde noch einmal probirt; dann, als derVer- such wieder fruchtlos blieb, hörte man ein dumpfes ärgerliches Knurren, und plötzlich ergriff der Ausgesperrte wie in einem Wuthanfall die Klinke und zerrte nut aller Macht daran herum, daß die schütternde Thür wie verrückt in ihrem Rahmen herumsprang und mit ihrem Getöse das schweigsame Haus erfüllte. Einen Augenblick stand Herr Zickendrath wie vom Donner gerührt. Dann klapperte er mit den Zähnen vor maßloser Erregung. „Warte... warte!" Weiter brachte er nichts heraus. Dann humpelte er, so schnell er's vermochte, auf den Flur. Den starken Stock, der während seiner Bcttlägerigkeit immer am Stuhl lehnte, nahm er mit, er wußte selbst nicht, ob mehr als Stütze oder mehr als Waffe. Bor Angst erschauernd setzte sich Frau Zickendrath im Bette hoch. Sie hörte, wie ihr Mann den Riegel zurückschob und öffnete. Und nun erwartete sie, daß sich ein Mords- spektakel erheben mußte. Aber es blieb Alles still. Nur ein paar ganz kurze halb- laute Worte wurden gewechselt, die sie nicht einmal verstand. Dann stampfte der Ausbleiber unbehelligt die Treppe hinauf, und Herr Zickendrath kam zurück. Seine Frau hatte unter- dessen Licht gemacht. Ihm war das garnicht recht und er warf ihr einen strafenden Blick zu. Aber zum Sprechen langte es nicht. Er blieb mitten zwischen den Betten stehen, fuchtelte mit dem Stock und schnappte nach Luft. „Er war wohl ganz betrunken?" fragte seine Frau und sah ihm angswoll in das verzerrte Gesicht. „Wen meinst Du denn eigentlich?" herrschte er sie an. „Nun, Johannes... Oder war er's nicht?" „Natürlich war er's," sagte er. nun mit einem Mal in gleichgilttgcin Ton.„Du hast es also gewußt, baß er draußen war?" „Nun ja, gewiß. Er war schon ein bischen angetrunken beim Abendbrot. Und ivollte mit Gewalt noch einmal weg. Ich habe mir den Mund fusselig geredet. Aber er war nicht zu halten. Und Du weißt ja, bei Schmidt's, nicht wahr? Man darf nicht viel sagen. Der Alte steht immer seinen Jungens bei. Und verlieren mag man sie doch nicht. Wenn er nicht geklappt ist, ist es ja auch egal." Herr Zickendrath brummte Zustimmung. Dieser prakttschen Logik war nicht entgegen zu treten. Er hatte auch gar keine Lust dazu. Da es nicht Fritze gewesen war, war ihm der ganze Spaß verdorben. Johannes— das war eine ganz andere Sache,-�ein Johannes l Aber daß ihn dieser Fritze hinters Licht geführt hatte!... Und er fing ihn doch noch! Jetzt gleich wollte er feststellen, ob er zu Hause war. Er hatte ihn doch fortgehen sehen. Und auf normalem Wege war er nicht wieder einpafsirt. Also... Ohne seiner erschrockenen Frcktt eine Auskunft zu geben, trollte er wieder ab, zog sich am Geländer die Treppe hinauf und öffnete mit gewaltsamem Druck Fritzen's Stubenthüre. „Weinold I" rief er mit starker Stimme in das Dunkel hinein. „Was ist denn los?" kam es aus dem Hintergrund. Also doch! Der elende Geselle war da: wie er hinein- gekommen, war ein Räthsel. „Was ist denn los?" gröhlte Fritze noch einmal im Tone höchster Ueberraschung. '..Sind Sic zu Hause?" fragte Herr Zickendrath in seiner grenzenlosen Verlegenheit. „Na. ich dächte", gab Fritze ironisch zurück. Herr Zickendrath klappte die Thüre wieder zu. Er lvuszte nicht weiter. Die Niederlage war zu dumm. Er hörte noch etwas von„nächtlicher Ruhestörung" und„verbitt' ich mir", aber selbst diese offenbare Ungezogenheit konnte ihn nicht bewegen, noch einmal umzukehren. Wenn er nur gewußt hätte.. Emil wußte es, daß Fritze eine Viertelstunde vorher erst durchs Fenster eingestiegen war. nachdem er sich am Abfluß- rohr in die Höhe geschrotet hatte. Und es drückte ihm bald das Herz ab, daß' er es nicht sagen durfte. Aber er Ivagte es nicht. Dieser Fritze hatte einen Griff wie ein Schraubstock. Er hatte ihn bis jetzt nur im Spaß gefühlt. Und ihn verlangte nicht nach einer Uebersetzung in den Ernstfall. Psui Deiwel! Er war überhaupt nicht so fürs Körperliche. Xii. Mutter Zickcndrath war eine Kapazität in der populären Medizin. Keinen größeren Genuß gab es für sie, als über Krankheiten zu sprechen und Krankheitsgcschichten zu erzählen. Sie that das nicht aus grausamer Lust am Schlimmen, sondern weil sie überzeugt war, durch eine derart aufklärende Thätigkeit den scheußlichen Feinden der Menschheit immer mehr Boden zu entziehen. Die Absicht war durchaus edel; nur die Art, wie sie ihre Absicht zu verwirklichen strebte, er- regte allzu leicht in ihren Zuhörern jenes fatale Lächeln, das überhaupt in unserer bösen Zeit dem Edclmuth zu folgen pflegt wie die heimtückische Hyäne der stolzen Karawane. Ein Glück war es, daß Mutter Zickendrath davon yichts merkte. Sie wirkte unentwegt weiter. lJortsetzung folgt.) Thiove Als TrAnspovlmikkel« Eines der wichtigsten Erfordernisse in der Kulturentwickelung der Menschheit bildet die Verbeperung der FortbcwcgungSinittcl. Schon stich hat sich der Mensch neben den Naturkrästcn die schnell- füßigen Thicre dienstbar gemackst und sie als Mittel zu seiner Fort- bewcgung verwenden gcicnit. Wenn wir vom Pferde absehen, dessen unendlicher Nutzen als Transportmittel keiner besonderen Erwähnung bedarf, so nimmt daS Kamecl durch seine Verwendung als Lastthier und durch den davon bedingten Einfluß auf die Zivilisation eine hervorragende Stellung ein. Es vermittelt in den Wüsteneien in der Sahara die Verbindung guer durch den Sandozean, zwischen den Kulturländern entgegengesetzter Lage, eine Verbindung, die ohne seine Genügsamkeit, ohne seine Fähigkeit, lange Zeit dcS Wassers cntrathen zu können und ohne seinen schnellen Gang gar nicht möglich wäre. Ohne das Kamee! würden die>>ordasrikanischcn Staaten von den Ländern jenseits der Sahara abgleschuitten sein. In der Sahara, wo wasscrlose Strecken von sechs bis acht Tagcinärschcn nicht selten sind, muß das Kamee! eine große Marsch- geschlvindigkeil habe». Hier sehen wir Kamcele mit hohen und dürren Beinen und verhällnißmäßig kleinem Körper. Das Thier marschirt mit erhobenem Kopf, frißt niemals lvährend dcS Marsches und trägt 15V bis 2CKZ Kilo. Dieselben Eigenthümlichkeitcn wie diese? Kamecl, nur in ver- stärktem Maße, zeigt das Mehari oder Reitkameel. Das Mehari macht im Schritt sechs Kilometer in der Stunde. Im Paßgang kann es Geschwindigkeiten von zwölf bis zwanzig Kilometer erreichen. Es find ganz bedeutende Leistungen von Meyaris bekannt geworden. So haben im Mai 1892 zwei Mcharis der Chaambal- bon- Aonba in Algier einen Marsch von 360 Kilometer in 52 Stunden zurück- gelegt. Rechnet man zwölf Stunden auf die Ruhe und das Pack- gcschäft, so bleiben 40 Marschstunden übrig, d. h. neun Kilometer für die Stunde. Das riefigstc Reit- und Lastthier hat sich der Mensch im indischen Elcphanten erzogen. Ein solcher Elephant kann bei einer Belastung von 1000 Kilogramm täglich 80 Kilometer zurücklegen. Sein ge- wöhnlicher Lauf ist nicht' schneller als der des Pferdes: aber an- gestachelt nimmt er eine Art Paßgang an, der an Schnelligkeit dem Galopp gleichkommt. Sein Z�tt ist außerordentlich sicher und vor- sichtig und nur in den seltensten Fällen kommt es vor, daß er strauchelt. In früheren Zeiten wurde der Elephant bekanntlich auch im 5triege verwendet, indem er einen Thurm mit fünf bis sechs lanzenbewaffneten Soldaten auf seinem Rücken trug. In der römischen Kaiserzeit spannte nian sogar zwei Elcphanten vor den Triumphwagen eines aus dein Kriege zurückkehrenden Imperators. Gegcnivärtig dient der Elephant noch in Indien auf Reisen. Er trügt dann auf seinem Rücken ein kleines Traggerüst, die so- genannte„Handah", das für zwei oder drei Personen Platz ge- wahrt. Der Astika-Reifendc MengeS ist der Ueberzcugung. daß der «frilnnischc Elephant der Kultur ini„dunkeln Erdthcil" nicht minder schätzbare Dienste leisten könnte, als sie der indische Elephant ge- leistet hat und noch leistet. Im Ostsudan und Rordabessynien find die Elephantcn genöthigt, weite Märsche von Wasser zu Waffer zu machen, und es gilt dort als Regel, daß sie auch in der heißesten Jahreszeit nur jeden ziveiten Tag trinken. Da ihnen gerade an den Wasscrplätzen besonders nachgestellt wird, so besuchen sie denselben Wasscrplatz selten zweimal hintereinander. So sind sie beständig auf der Wanderschaft begriffen; und die Schnelligkeit, mit der diese Riesen- thicre gewaltige Strecken zurücklegen, spricht am besten für den Nutzen, den der afrikanische Elephant gerade in Mittelafrika bei Durch- kreuzung wasserloser Strecken gewähren kann. Wo das Kamcel gedeiht, ist eS als Lastthier allerdings dem Elephantcn vorzuziehen; denn vier bis fünf Kamcele tragen so viel wie ein Elephant und sollen weniger Mühe, Arbeit und sachverständige Ueberwachung verursachen. Neben dem Kamecl spielt das Rind als Transportmittel in Afrika eine wichtige Nolle. Im Sudan besitzt das Rind bei einzelnen Stäinnten zwar eine außerordentliche Bedeutung, aber doch nur seiner aninialischen Produkte und nicht seiner Arbeitsleistung wegen. Da- gegeit treffen wir weiter südwärts in dem portugicschen Angola an der Westküste auf ein Gebiet, das in der intensiven Verwendung des Rindes für Zwecke dcS Transportes kaum seinesgleichen auf Erden finden dürfte. Wißmann schreibt hierüber anläßlich seiner ziveiten Durchquerung Afrika's:„Mit dein prachtvollen Reitthier der West- küste, dem Stier, der alle Gangarten geht, springt und in schwierigem Terrain durch kein anderes Thier zu ersetzen ist, bin ich bis zum Tanganyika gekommen." Ebenfo empfehlen Rogge und Buchner aufs Wärmste den Rcitsiicr. Die Steppengebiete des südlichen Afrika'S endlich sind der klassische Boden für den Ochsenwagen-Verkehr. Dieses Verkehrsmittel hat hier den Reit- und Packochsen abgelöst, dessen sich zu Vasco de Gama's Zeit die Hottentotten bedienten, um die Gerüste ihrer Hütten in dem baumlosen Lande von Ort zu Ort mit- führen zu können. Auch die Europäer nahmen zunächst diesen Ge- brauch an. Aber schon 1663 trat der erste Ochsenwagen in Dienst und gewann von da au eine sich mehr und mehr steigernde Be- dentung. Das Dasein der Trekburcn, des wichtigsten kolonisatorischen Elementes Südafrikas, ist heute mit dem Ochseiüvagen unzertrennlich verknüpft. WaS das Kamecl und Rind für Afrika, das ist das Lama für den Peruaner. Zwar wird es zum Ziehen und zum Reiten selten gebraucht. Dafür aber ist es ein sehr geschätzter Lastcnträger auf den riefigen Hochflächen der Kordilleren. Mit Heelden dieser Saum- thierc von 300 bis 500 Stück und darüber ziehen die Indianer über das Gebirge, in dessen dünner Luft andere Thicre es nicht aushalten würden. Außer dem Kamecl, dem Rind und dem Lama hat die Orb- nnng der Wiederkäuer noch eine ganze Reihe Ivenigcr von Reit-, als von Zug- und Lastthicren geliefert, so daS Zebu und deu Dak. Letzterer ist in Tibet ganz uiieutbehrlich als Last- und Rcitthier. Nach den Berichten Schlagintlveit's trägt der Dal 100 bis 120 Kilo- qramnr mit Leichtigkeit aus den schtvierigsten Pfaden, über Schnee- selber und 12- bis 16000 Fuß hohe Pässe. In den nordischen Gegenden hat sich der Mensch noch zwei andere Thiere als Transportmittel dienstbar gemacht: das Reim- thicr und den Hund. Durch das Rennthicr ermöglichen ganze Völkerschaften ihr Leben und Bestehen. Es ist für die Lappen und Finnen Iveit nothwendigcr. als für uns das Rind oder das Pferd oder für den Araber das Kamecl; denn cS muß ihm die Dienste aller anderen Hansthiere verrichten. Es gicbt Fleisch und Fell, Knochen und Sehne» her, um feilten Herrn zu kleiden und zu nähren. Es schleppt ferner auf leichtem Schlitten die FamUie tmd ihre Gcräthschastcn von cinctn Ort zum anderen und ermöglicht so das Wanderleben der nördlichen Völkerschaften. In jenen Gegenden, die im Sommer nur Moräste, im Winter ein einziges Schnee- selb sind, erlauben die breiten Hufe der Rciimhierc ebenso über Sümpfe und Schneedecken hinwegzugehen, ivie an steilen Bcrafcldern umherzuklettern. Nicht die Lappen und Finnen allein, sondern auch fast alle Völkerschaften des nördlichen Nußlands und Sibiriens haben Rciinthierheerden. In Lapland benutzt mair daS Reimthicr meist nur zum Fahren, die Tongusen aber und Koröcken reiten ans stärkeren Rennhirschen, indem sie den Thieren den Sattel gerade über die Schulterblätter legen. Von größtem Nutzen endlich ist im hohen Norden als Trans- portmittel der Hund. Zwar wird der Hnnd auch bei ims als Zugthier verwendet; aber seine Dienste sind nicht so iiothwcndig und wichtig wie unter hohen Breiten. Der berechtigte Wirkuugs- kreis für die Verwendung des Hundes als Zugthier sind zweifellos die übereiften Einöden des hohen Nordens, wo der Sonnen- schein des kurzen Sommers keine Futterpflanzen mehr hervor- bringt und der nachgebende Schnee keine schweren Thiere mehr z»'tt-agen vermag.' Mit merkwürdiger Intelligenz und der Fähigkeit begabt, sich den äußersten Extremen des KstmaS und der verschiedenartigsten Rahrung anzupaffen. scheint der Hund ganz be- sonders geeignet als Gehilfe des Menschen in Gegenden, wo deffcn Dasein mit den härtesten Strapazen und Entbchrmigen verbunden siiid. Im nördlichen Sibirien, in Kamtschatka. Grönland sind die Hünde de», Menschen ebenso ivesentlich für den Transport der Handelsartikel, wie für die Herbeischaffung vo» Lebensmitteln. Frobischcr erzählt schon im Jahre 1577 die Thatsache, daß die Schlitten der Eskimos von Hlinde» gezogen wurden und diese haben sich auch in neuerer Zeit bei Polarreisen als die unentbehrlichsten und zuverlässigsten Zugthicre bewährt. Ein gutes Gespann besteht auS etwa zwölf Hunden. Ihr Geschirr ist aus Bärenhaut gefertigt, die Zügel aus Büren- oder Seehundshaut. Dem vordersten Schlitten in einem Zuge ist immer noch ein weiterer Hund beigegeben, der die Stelle des Führers vertritt und eine besonders' sorgsame Dressur erhält. Er wählt immer die Spur, die am wenigsten Gefahr bietet. In dunlelen Nächten oder wenn die schauerliche Einöde durch einen Sturm, undurchdringlichen Nebel oder blendendes Schneegestöber verdunkelt wird, wird ein guter Leithund sicher die noch so tief ein- geschneite Hütte finden, wenn er nur einmal dort gerastet hat. Die Aufgabe, diese wolfsartigen Hunde zu kutschiren, ist natürlich sehr schwierig und verlangt große Geschicklichkeit und Entschlossenheit. Der Schlittenführer muß jeden Augenblick zum Herunterspringen entschlossen sein, wenn er seine Sicherheit gefährdet sieht. Ein langer Stab, an dem einen Ende mit einer eisernen Spitze, am anderen mit Schellen und Glöckchen versehen, dient ihm zur Er- Haltung seines unsicheren Sitzes auf dem schaukelnden Schlitten und um seine Stimme bei der Llnfeuerung des Gespannes durch das Schellengeklingel zu unterstützen. Die Leistungen der arktischen Hunde auf große Entfernungen sind geradezu überraschend. So legte Wrangell auf seiner Heim- reise manchmal hundert Werst täglich zurück. und erhielt eine mittlere tägliche Geschwindigkeit von sieben geographischen Meilen auf eine Strecke von 750 englischen Meilen, obgleich die Hunde mehrere Tage ohne Futter blieben. Das Rennthier findet allerdings eine weit vielseitigere Verwendung und gewährt einen mannigfaltigeren Nutzen als der Hund. Indessen kann nran es nur da halten, Ivo' noch Gräser und Flechten vorkommen, und wo der Schnee nicht allzu tief ist, so daß die Thiere noch ihre Nahrung im Winter darunter suchen können. Allein über unabsehbare Strecken Landes in den Polargegenden sind fast alle Nahrungsmittel und Handelsartikel, wie das so nothlvendige Brennmaterial nur mit Hilfe der Hunde zu erlangen. Der Hund ist den Anwohnern jener arktischen Gebiete ebenso unentbehrlich wie das Nennthier den nordischen Nomaden, wie daS Kameel den Bewohnern der Wüsten Afrikas und Asiens oder das Lama den Bewohnern der südamerika- nischen Anden, und nützt seinem Herrn nach seinem Tode noch durch sein Fleisch und seinen dichten, zottigen Pelz.— („Kölnische V o l k s- Z e i t u n g.") Kleines Feuillekon. — Die Denunziation in der Literatur. Vor nahezu zwei Jahren, am 7. Februar 1897, erschien in der„Franks. Ztg." sein Aufsatz„lieber das Denunziren" von Otto Julius Bier bäum, der großes Aufsehen erregte. Der Artikel hatte folgende Vorgeschichte: Ein junger Schriftsteller, Herr B ö r r i e s Freiherr v. Münch- h a u s e n, damals in Göttiugen, hatte eine Gedichtsammlung Richard Dehmel's bei der Staatsanwaltschaft als„unsittlich" denunzirt, und ans Grund dieses seltsamen Vorgangs ver- anstalteten die Herren Bierbaum und Meyer-Gräfe bei den deutschen Autoren eine Umfrage dahingehend, ob die Denunziation ein berechtigtes literarisches Kampfmittel sei. Die Ergebnisse dieser EnguSte, die begreiflicherweise für den Herrn in Göttingen nicht sehr schmeichelhaft waren, wurden in dem oben erwähnten Artikel der„Frankfurter Zeitung" veröffentlicht. Herr v. Münchhausen strengte gegen O. I. Bierhäum und Meyer- Gräfe die B e l e i d i g un g s kla g e an, aber die Sache zog sich hin, bis endlich jetzt vom Berliner Amtsgericht die nachstehende Entscheidung gefällt wurde, mit der d a S D e n u n z i a n t e n- t h n m in der Literatur gerichtet erscheint: Beschluß. In der Privatklagesache von Münchhausen gegen Bierbaum und Genossen, 147 B. 191/98, wird unter Ablehnung der Er- ösfiiung des Hauptverfahren s der Privatkläger mit seiner Klage k o st e n p f I i ch t i g z u r ü ck g e w i e s e n. Dadurch, daß die Beschuldigten aus Anlaß der vom Privatkläger gegegen den Schriftsteller Dehme! erstatteten Denunziation eine Umfrage unter den Standesgenossen über eine derartige HandlniigSweise hielten und diese Umfrage demnächst ver- öffentiichten, haben sie lediglich im S t a n d e s i n t e r e s s e gehandelt und gegenüber dem Vorgehen eines Einzelnen ein generelles Urthetl darüber herbeisühren und bekannt geben wollen. Aus dem inkrimiuirten Artikel geht in keiner Weise hervor, daß sie etwa auS Wuth über die einem Freunde widerfahrene Denunzia- tion, wie Privatkläger es darstellt, die Person des Letzteren nun ihrerseits beleidigen und verunglimpfen wollten. Sie wollten viel- mehr lediglich in sachlicher Weise gegen die Ansicht, daß im Schriftstellerstande ein derartiges Kampfesmittel als erlaubt an- gesehen würde, Verwahrung einlegen. Jedenfalls steht den Angeklagten der Schutz deS§ 193 d e S Strafgesetzbuches durchaus zur Seite. Berlin, den 8. Januar 1899. Königliches Amtsgericht I. Abth. gez. Karsten. Musik. Aus der Woche.— War einst das allermeiste künstlerische Leben ein Stück kirchliches Leben� und zwar so. daß nicht nur die Kirche die Kunst, sonder» auch d'ie Kunst die Kirche beeinflußte, so können wir jetzt seit Langem eine immer größere Abwendung der Kunst von der Kirche oder vielmehr von den Kirchen bemerken. Ist die Kirche hier die eigentlich Schuldige, so ist sie es auch bei einem speziellen Fall dieser Abwendung: bei dem Auseinanderfallen der kirchlich und selbst kirchlich gearteten Musik überhaupt und der that- sächlich noch von der Kirche verwendeten Musik. Man sehe einmal nach, welche beengenden Anforderungen heute die katholische Kirche an ihre Musik stellt, und wie viel von der kirchlich gemeinten Musik sie aus ihrem Kreis verbannt: man wird einsehen, daß da für die eigenthüm- liche Entfalttmg der Musik nicht viel übrig bleibt, und daß gerade unsere klassischesten Tonkünstler als zu„weltlich" abgewehrt werden. So sind heute Hervorbringung und Wiedergabe religiöser und selbst kirchlicher Werke großentheils an das weltliche Kunstleben gewiesen und schweben sozusagen frei in der Lust, also daß wir ihrer Zukunft nicht zuversichtlich entgegenzusehen vermögen. Und doch konnte unsere Zeit noch Derartiges hervorbringen und wiedergeben, wie eS die„Vier heiligen Stücke" des italienischen Alt- meisters Verdi sind, die am 19. Januar der Philharmonische Chor unter Siegfried Ochs aufgeführt hat. Diesen Werken gegenüber mag die kurze Kritik genügen: sie sind höchst werthvoll und wirkten gewaltig. Hervorheben möchten wir das„Tedeum". mit reichem Orchester und vielstimmigem Chor? dem Vorwurf äußerlicher Effekte ist es nicht entgangen— unseres Erachtens ergiebt sich, was derart getadelt wird, so natürlich aus dem im ganzen Werk liegenden Gefühlsschwnng, daß von„Effekt" und„Aeußerlichkeit" höchstens dann die Rede sein kann, wenn auf das, was die Musik hier ausdrücken will, nicht Rücksicht genommen wird, wenn man ihr also von vornherein unrecht thut. Und noch eins konnte uns dieser warmblütige Verdi lehren. Voran gingen in der Aufführung drei Werke von Brehms, die zumeist unter seine besten gerechnet werden. Wie wurden selbst diese tüchtigen Leistungen durch das Nachfolgende in Schatten gestellt— in den kühlen Schatten, in den wohl fast alles Schaffen dieses Komponisten gehört I Das Hauptstück unter den drei Werken waren die„Vier ernsten Gesänge für eine Baßstimme", op. 121, gleich jenen vieren von Verdi der„Schwanengesang" ihres Schöpfers. Der vierte Gesang enthält als Text die bekannl'e Stelle von Paulus „... und hätte der Liebe nicht.. Da heißt es u. A.:„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Worte, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich's stückweise, dann aber werde ich's erkennen, gleichwie ich erkannt bin." Nun muß doch fiir jeden an dieser Stelle Jnteressirten der hier gemeinte Gegensatz zwischen mittelbarem, reflektirtem und unmittelbarem, anschaulichen« Erkennen klar sein. Wenn der Komponist diesen Gegensatz nicht fühlt und verwerthet; wenn er den ganzen Passus mit der gleichen geistvoll reflektirten Musik versieht, die er auch sonst fast immer schreibt, und nicht einmal jenen die unmittelbare Anschauung hezeichnenden Worten eine entsprechende Musik zu widmen vermag: wenn er dann den Ausdruck jener Gedanken noch außerdem durch ein Figurationsspiel auf„gleichwie" verwischt: wenn endlich kritische Stimmen diese Leistung so hoch stellen und die dem Komponisten fehlenden direkteren Ausdrucksmittel Verdi y vornehm abthun: so stehen wir eben vor einem verkünstelten Zustand des Geschmacks.— Auch die Aufführung läßt sich kurz kritisiren: meisterhast. Möchte doch Herr Ochs für eine baldige Wiederholung sorgen, und möchte die für 4. Februar bevorstehende Aufführung von Verdi'S„Requiem" gebührende Würdigung finden! Wir brauchen wohl nicht erst in die Erinnenmg rufen, daß Verdi'S jüngere Werke weit über seine alten Opern hinansliegen, ganz anders als es etwa bei Rossini's„Ltabat Ilatsr" war, das eben nur wieder den alten Rossini zeigte--- Ltabat Musica dolorosa juxta fugern lacrimosa! Auch die Aufführung von K i e l' s Oratorium„C h r i st u 3" am 20. d. M. durch die Singakademie unter ihrem verdienten Direktor Blumner führte uns in die auf eigene künstlerische Kraft angewiesene moderne Kirchenmusik hinein. Kiel(1821—1885) gilt als der eigentliche Fortführer der„klassischen" Musik, in einigem Gegensatz zu den„Romantikern". Im„Christus" ist es Bach, dem er selbständig nacheifert, und ist die Ersetzung der in früheren Oratorien ständigen Figur des episch wirkenden Evangelisten durch deu direkter wirkenden Christus selbst ein Stück Fortschritt innerHaiti dieser Kunstform. Kiel wird auch trotz seiner anerkannten Kammer- musikwerker, wenig gespielt: der„Christus" freilich ist seit seiner Ent- stehung(1871—72) gerade in Berlin heimisch. Die diesmalige Auf- führung war im Gänzen eine sehr gediegene Leistung, allerdings gegenüber den frischeren und feiner nuaneirten Wirkungen des Phil- harmonischen Chors etwas„konservativ". Unter den übrigen Konzerten dieser Woche ragten hervor: der Beginn von Wülluer's„Vier historischen Liederabenden", auf deren Fortsetzung rühmend aufmerksam gemacht sei; dann Engen d'Albert's, eines in Berlin noch zu wenig beachteten Kompo- nisten. Vortrag seiner neuen 4 Klavierstücke, die jedenfalls mehr sind als Virtuositätsproben: endlich Magda von Dulong's Lieder- abend, der uns eine sehr tüchtige, nur in der Höhe nach größerer Festigkeit und Fülle bedürftige Sängerin kennen lehrte. Auch Elsbeth Heine bewährte, wie uns berichtet wird, gute Stimm- bildung und temperamentvollen Vortrag, der nur nicht das Stück durch zu viel Nuaneirung zerreißen sollte: von dem Liederabend der Selma Nicklaß-Kempner wird berichtet, daß sie sich als Meisterin ihrer Kunst zeigte und überreichen Beifall erntete. Die Violinistin Anna H e y n e r bewies, wie ich höre, neuer- dings ihre prächtige Technik und ihre individuelle Feinheit. Weich- hcit und Wärme im Vortrag; auch ihre GesangSpartnerin Elsa Siebert gefiel. Was ich von der Klavierspielerin Elise A s ch n e r anhören konnte, berechtigt mich zu dem Rath, sie möge vor allem ruhig spielen lernen— ein Rath, der gerade weiblichen Klavierspielern gegenüber so oft von Nöthen ist. sz. Erziehung und Unterricht. c. Eine Untersuchung über den A l k o h o l g e n u ß der Schulkinder und dessen Einflufi auf ihre Leistiiugsfähigkeit ist in einer Bonner Volksschule angestellt worden. Die Er- gebnifie waren, wie die„Evangelische Volksschule" mittheilt, recht bedauerlich. Während etwa 16 pCt. der SHilder gar keine Milch tranken und auch nicht trinken mochten, fand sich unter 247 Knaben und Mädchen im Alter von 7—8 Jahren kein einziges, das über- Haupt noch nicht Wein, Bier oder Branntwein getrunken hatte, und »nr 67, also etwa 25 pCt. hatten noch keinen Brmmtwein getrunken. Täglich ein- oder auch mehrnialigcr Genuß von Bier oder Wein fand sich bei 110 Kindern, 20 Kinder, 8 pCt., erhielten täglich von ihren Eltern Branntwein, meist Kognak„zur Stärkung". Es ließ sich leicht feststellen, daß die Kinder, die an den Genuß geistiger Getränke gewöhnt waren, im Allgemeinen mich in der Schule unaufmerksamer Ivaren und schlechtere Fortschritte machten. Die Kinder, die schon vor dem Beginn des Unterrichts morgens früh, zu oder statt der Morgenmilch geistige Getränke erhalten hatten, er- Iviesen sich in den ersten Unterrichtsstunden als hindernder Ballast. Bemerkcirstverth ist auch die Thatsache, daß die Verabreichung von Kognak und Vranntlvein bei Mädchen weit häufiger vorkam als bei Knaben.— Physiologisches. io. Gehirnge Ivicht und G e i st e§ st ä r k e. Noch im,»er ist der Glaube an einen Zusmnmenhang zwischen einem großen Ge- Hirngewicht>md einer großen geistigen Begabung allgemein ver- breitet. Ria» nimmt es als etwas Selbstverständliches hin,»vcnn nach dem Tode bedeutender Männer ei» außerordentliches Gewicht ihres Gehirns festgestellt»vird. Und doch ist es nach den gesammelten Thatsachcn zlveifcllos, daß das Gelvicht des Gehirns keinen Maßstab,»venigstenS keinen ansschlichlichen für die geistige Bedentnng seines Inhabers abgicbt. Simms stellt in der Zeitschrift„Populär Science Monthly" die wichtigsten Erfahrungen der Wissenschaft zusammen. Das schtverste bekannte Gehirn»vnr das eines Londoner ZeiwngsanSträgers, der etlvas geistesschlvach»var» es Ivog 2468 Gramm. Das Gehirn voil Rnstan, einem univissenden' und mieiitwickelteii skandinavischen Bauern, Ivog 2420 Gramm, das einer Jndinner- Zivergfrau 2280 Gramm. Keiner unter den bedeutendsten Männern hat, soweit bekannt, ein solches Gehirngelvicht erreicht Das schlverste Getvicht unter den Gehirnen berühmter Leute hatte das von Turgenjew mit 2130 Gramm, dann folgt der ansgezeichnete schottische Arzt Dr. Abercrombie mit 1955 Gramm und der amerika- nische General Ben Butler mit 1924 Gramm. Das Durchschnitts- gelöscht des menschlichen Gehirns schwankt nach den verschiedenen »vissenschaftlichen Untersuchungen zwischen 1565 und 1720 Gramm. Aber eine ganze Anzahl bedeutender Männer hatte ein Gehirn, dessen Gelvicht erheblich unter diesem Durchschnitt znrückblieb, z. V der Philosoph Huber, der holländische Rcchtsgelchrte Grotins, Justus von Liebig. der Mathematiker Babbage und endlich Gambetta, dessen Gehirn nur 1270 Gramm wog. Gambetta starb bekanntlich in den besten Jahren, und eine Schrumpfung seines Gehirns vor seinem Tode erscheint daher ganz ausgeschlossen. Noch eine Gegenüberstellung sei hervorgehoben:" Das durchschnittliche Gchirngewichtc von 60 berühmten Männern betrug nnr 1585 Gramm, dagegen dasjenige von 10 Idioten und 5 Wahnsinnigen 1800 Gramm... Ilebrigens ist auch die von den Geburtshelfer» oft geäußerte Ansicht, daß der Schädel uiit der geistigen Eittwickelung?c. der menschlichen Ziasse allmälig innner größer wird und daß infolge dessen auch die Geburten fchivcrer werden, wahrscheinlich ganz irrthümlich. Die Schädel. die in den alten Jndianergräbern gefunden worden sind, sind größer als der Durchschnitt der heutigen Schädel, und ebenso sind die Schädel der alten Pompcjaner größer als die der heutigen Neapolitaner.— Aus dem Thierleben. — LS.— W i e Insekten verschleppt werden. Der bekannte Botaniker Mac Dougall legte der Botanischen Gesellschaft ein Exemplar des amerikanischen Insekts Goes tigrina vor, daS bei Liverpool zufällig entdeckt worden war. Man hatte bisher keine Kenntniß von dessen Vorkommen außerhalb Amerika�. Ein Grundbesitzer in der Umgebung der genannten Stadt hatte sich einige Stämme als englische Eichen gekauft, war aber zweifelhaft, ob ihm rnick wirklich die gewünschte Baumart geliefert worden war; er sandte daher eine Probe zur Prüfung, und in dieser fanden sich große Bohrlöcher, die in ihm nicht zu erwarten waren. Diese Gallerien waren sichtlich von einer Jnsettenlarve gebohrt, und in einem der Tunnel fand man mehrere lebende langgehönlte Käfer von etwa einen Zoll Läuge. Die nähere Untersuchung ergab, daß es sich um die große nordamcrikanische Art Goes tigrinä handelte. Es war dadurch erwiesen, daß der Käufer nicht englische, sondern ameri- konisch« Eichen erhalten hatte. Es war aber auch gezeigt, wie leicht ein solches schädliches Insekt heutzutage über' den Ozean wandert. Wäre die Untersuchung nicht vorgenommen, so wäre der Käfer wahrscheinlich plötzlich in größerer Menge in den englischen Eichenbeständen aufgetreten und hätte dort erheblichen Schaden ver- ursacht, ohne daß mau gewußt hätte, woher dieser Käfer nach Eng- land gekommen war.— Technisches. to. Die Gefahren der Dampfkessel. Einen Begriff von den Gefahren, die selbst heute noch ein Dampfkessel bietet, erhält man durch eine Stattstik über die Zahl der Dampfkessel- Explosionen imd die dabei getödteten oder verwundeten Menschen. Die nachstehenden Angaben beziehen sich auf England, das doch ans dem Gebiete der Technik nicht die letzte Stelle einnimmt, und sind dem offiziellen Bericht des„Board of Trade" entnommen. Die Gesanimtzahl der gemeldeten Kesselexplosionen betrug imletzten Jahre 34, wodurch 37 Personen getödtct und 46 verletzt wurden, zusammen also 83 Personen, während der Durchschnitt der bei Kcsselcxplosionen verunglückten Menschen in den letzten 15 Jahren 90 betrug. Die Mehrzahl der Exploswnen, nämlich 46, ereignete sich an Bord voil Schiffen, wobei aber nur 15 Menschen getödtet und 13 verletzt wurden. Tie Ursache der Explosion war in den mcjsten Fällen die schadhafte Beschaffenheit des Kessel?, ivorauf 34 Explosionen zurückgeführt wurden, während in 27 Fällen die Explosion durch einen unzulässtg hohen Dttick des Dampfes herbeigcfiihrt lvnrde, und nur in 14 Fällen traf die Schuld das Personal, das aus vollständiger Unkenntniß oder Nachlässigkeit die Ursache der Exploston herbeiführte. In den übrigen Fällen ließ sich die Ursache nicht mit Sicherheit feststellen. Bc- nicrkcnswcrth ist die Thatsache, daß 7 Explosionen dadurch entstanden ivaren, daß die Kcffcl überhaupt nicht nntersucht wurden, aber Fehler besaßen, und daß in 2 Fällen die Untcnnchung so niangel- Haft ausgeführt worden ivar, daß die vorhandenen Defekte nicht da- bei entdeckt wurden.— Humoristisches. — Billige Weisheit..„Sie, das ist aber schlecht ein- geschenkt, es ist ja kaum das halbe GlaS voll." „„O mein, man muß Gott für Alles danken!"" „No hören S',— auf meine Kosten brauchen S' nit Philosophie zu studircn!"— — Modern. Dame:„Weshalb haben Sie denn Ihr modernes Drama in Versen geschrieben?" Dichter:„Ja. sehen Sie, gnädige Frau, wenn es mir die Bühnen zurückweisen, da gebe ich es als einen Band lyrischer Gedichte heraus."— — Hie Ehodus, hic salta! Jüngling:„Ach, Fräulein Gelbstern. könnt« ich doch so mit Ihnen durchs Leben schwebe», ich gäbe alle Schätze der Welt dafür!" Tanz m a l t r e!„Bitte, zehn Pfennig für den Tanz I" Jüngling:„Himmel, jetzt habe ich mein Porlemonnaie vergessen I"— i.Luft. Bl.") Notizen. — Hermann S u d e r m a n n' S dramatisches Gedicht„D i e d r e i R e i h e r f e d e r n" ist in der Buchausgabe erschienen und liegt bereits in der 7. Auflage vor.— — Kapellmeister Richard Strauß hat in Paris als Di- rigent und als Komponist— niit der Aufführung seiner symphonischen Dichtung„Also sprach Z a r a t h u st r a"— beim Publikum und in der Presse einen glänzenden Erfolg erzielt.— — A u g u st B ii u g c r t hat der D r e s d e n c r General- direktion der Hoftheater das bollständige Buch nnd einen Theil der Partitur zur„Nansikaa" übersandt. Diese soll jedoch nicht geneigt sein, sie zur Aufführung zu bringen. Grund: die noch un- gedeckten Jiiszenirlmgskosteii der„Kirke".— — Anton von Werner ist. wie zu befürchten war, zum Vorsitzenden des Vereins Berliner Künstler ge- wählt lvorden. Er erhielt 168 von 270 Stimmen. Zweiter Vor- sitzender lvnrde Prof. H o f f a ck e r, Schriftführer die Maler Max Fritz nnd Dr. S e e g e r, Kassirer der Bildhauer Dr. H a r tz e r und der Maler Franz B o m b a ch.— — Der Senat der Universität Gießen hat mit großer Mehr- heit beschlossen, Frauen zum Studiuni. auf Grund einer bestandenen Reifeprüstmg auch zur Immatrikulation zuzu- lassen. Die Zulassung soll jedoch zunächst>u>r in der Philosoph, schcn und juristischen Fakultät erfolgen.— — Ein internationaler Geographen-Kongreß wird in der Zeit vom 28. September bis zum 4. Ottober d. I. in Berlin abgehalten werden.— t. In Süd-China wird ein umfangreicher Handel mit getrockneten Eidechsen betrieben. Im Hafen von P a k h o i wurden im Jahre 1896 87 318 Paar im Wcrtbe von 40 000 M. ver- sandt. Sic»verde» zu einer Art Bouillon gekocht nnd als wirksames Mittel gegen— Schwindsucht verwendet.— — Ein prähistorisches Boot, ein sog. E i n b a u m 21 Fuß lang, 5 Fuß breit, wurde beim Fischen in der Nähe von Segeberg gefunden nnd gehoben. Es ist ans einem Eichen- stamm verfertigt. Die Seitenwände sind 10 Zcnttmcter hoch.— Verantwortticher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.