Mterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 19. Donnerstag, den 26. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) LZevvn Zickvndrakh's Ve»»fionÄVe. Roman von O. Eugen Thossan. In der Diagnose war sie nicht groß. Die wurde von ihr mehr in Bausch und Bogen abgethan. Sie kannte eigentlich nur drei Krankheitsherde: den Kopf, den Leib und die Beine. Der Kopf war's, wenn er heiß war; die Beine, wenn sie kalt waren: und der Leib, wenn er entweder heiß oder kalt war. Ihre Hauptstärke lag in der Krankheitsbeschreibung. Darin war sie aber ganz groß. Sie besaß, wenn sie auf dieses Thema kam, eine phantastische Kühnheit des Ausdrucks, der das Schwierigste auszudrücken nicht versagt war. und eine Bilderfülle von geradezu poetischer Anschaulichkeit und Greif- barkcit. Leibschmerzen beschrieb sie etlva so,„als wenn einem mit faserigen Bindfäden durch den Leib geschnitten würde oder,„als wenn einem jemand mit einem Zwillingsmesser in den Eingeweiden wühlte". Die Spezialität der Beine war es, sich„wie abgehackt" zu fühlen,-und von einem brummen den Schädel hatte sie einmal gesagt, es wäre eine Empfin d«»g,„als ob man ein Orchcstrion drin hätte". Dafür war sie in der Therapie wieder desto einfacher. Alle heilsame Einwirkung auf den kranken Organismus bestand bei ihr im„Zertheilen". Was eigentlich„zertheilt" werden sollte, darüber sprach sie sich gewöhnlich nicht genauer aus. Uncingestandenermaßen stellte sie sich jede Krankheit wie eine Art dicken Kloß vor, der sich irgendwo im Körper festgesetzt hatte und der nun wieder auseinandergetrieben, „zertheilt" werden mußte. Es war unglaublich, wie viele zertheilendc Mittel ihr bekannt waren. In der Praxis aber hielt sie es am liebsten mit Speck, der eingenommen, ein- gerieben und aufgelegt werden konnte. Die Krankhcll ihres Mannes hatte ihre medizinischen Instinkte wieder vollends wachgerüttelt; sie ging umher und witterte Krankheiten. Eines Abends, als Fritze nach dem Abendessen daS Wohnzimmer verließ, hielt sie ihn draußen am Fuß der Treppe an und sagte flüsternd; „Fritze, auf ein Wort! Sie gefallen mir nicht." „Hni l" brummte Fritze unfreundlich.„Kann ich nicht ändern." „Ach, ich meine doch... fühlen Sie sich vielleicht krank? „Keinen Schimmer." Er wollte seinen Weg nach oben fortsetzen. Sic aber ergriff ihn energisch am Arm und ließ ihn nicht. „Herrgott, Sie werden mir doch Rede stehen. Haben Sie kalte Füße?" „Ree." „Oder.. „Ree." „Im Kops auch nicht?" „O ja. im Kopf Hab' ich's. Den Hab' ich voll, aber so Voll. Mahlzeit!..." Und er machte sich mit einer kräftigen Bewegung los. Oben in seinem Zimmer fiel es ihm schwer auf die Seele, daß er sich unverantioortlich flegelhaft benommen hatte. Manni hatte doch nicht so ganz unrecht. Die Frau meinte es nicht schlecht, die noch am allerwenigsten im Hause. Aber Krcuzmillionen— er versuchte sich aufzuraffen— sie hatten ihn in diese Vertheidigungsstellung hineingedrängt. Nun konnten sie auch die Folgen tragen. Dennoch gelang es ihm nicht vollkommen, sein Gewissen zu beruhige». Und der Zweifel, der zurückblieb, machte ihn noch elender, als ihn: schon tvar. XIII. Das„Schriftliche" war vorüber, und Fritze stieg umher' Mit einem Gefühl dumpfer Ergebenheit in sein Schicksal. Es war mäßig ausgefallen, das standfest: wie mäßig, das konnteerst der entscheidendeTag erweisen. Es warja vorher nichts herauszubringen aus den Lehrern! Dicnstgeheimniß I.. Aber so ungefähr konnte man seine Berechnungen anstellen. In der Mathematik, seinem besten Fach, hatte er nur drei! Aufgaben gelöst. Und durch diefe Arbeit hatte er sich heraus- reißen wollen. Denn Latein war nie seine starke Seite ge- Wesen; und Deutsch, damit war es auch so eine Sache. Er war sehr wohl im Stande, seine Gedanken klar und richtig aus- zudrücken; aber damit war es bei dem deutschen Lehrer nicht gethan. Der hatte als ehemaliger Theologe eine Vorliebe für Pastorale Rhetorik, so ziemlich das Einzige, was er auS seiner theologischen Vergangenheit beibehalten hatte. Aber für Fritzen war das gerade das Uebelste. Denn diesen Ton brachte er nicht heraus. Und nun noch das Thenia:„Warum wird Rom die Weltstadt genannt?" Na, wie gesagt, Alles in Allem ein sehr wackeliges Er- gebniß, im besten Fall ein faules Mittelmaß. Eigentlich war das dazu angethan, um sich die Haare einzeln auszuraufen. Früher, als er noch in der Fleischerbudike wohnte, ohne allen Zusammenhang mit„besseren" Elementen, hatte kein Mensch daran gezweifelt, daß er ein tadelloses Examen machen würde. Und jetzt! Wenn es nicht ein Durchfall wurde, wurde es nur ein Durchschlüpfen, so eben noch. Das waren die Früchte der Erziehung, in die er hineingerathen war. Der Teufel hole die Erziehung l Aber nicht einmal dieser fromme Wunsch kam mit der rechten Energie heraus. Er fühlte sich schlaff, müde, unlustig zu jeder Anstrengung, selbst zu einem gründlichen Aerger. Und die Tage, die zwischen dem„Schriftlichen" und dem „Mündlichen" lagen, verschlief er zur Hälfte, in einem un- ruhigen Hindusseln voll rammdösiger Träume, ohne Erquickung und Erfrischung. Dann kani der große Tag. In der Nacht vorher hatte er keine halbe Stunde in einem Stück schlafen können, und als es nun Zeit wurde, konnte er sich doch nicht entschließen aufzustehen. Am liebsten wäre er ganz liegen geblieben, hätte den Kopf unter die Decke gesteckt und die Anderen machen lassen, was sie Lust hatten. Examen überhaupt— so ein Blödsinn I Die Lehrer kannten ihn nun seit Jahren und wußten, was er leistete. Wozu nun noch diese Komödie? Was sollte er überhaupt mit dein ganzen Zauber. Latein und Griechisch und was es sonst noch war? Er wollte Techniker werden, Ingenieur, Elektrotechniker— was brauchte er da den Schwindel? Ach, war das eine verbohrte Welt l Aber schließlich— also raus! Erst ins Waschbecken und dann in den schwarzen Anzug. Auch so eine Einrichtung, daß nmn schwarz kommen mußte. Wer blos so was befehlen kann? Wenn sie die Kosten bezahlt hätten, die Herren da oben, dann hätte es ja hingehen mögen. Er hatte vorläufig beim Schneider gepumpt und es graute ihm schon vor der Szene, die der Onkel machen würde, wenn er bezahlen sollte. Und wenn er noch gar durchsiel? Ach Du Gerechterl Wie ihm das mit einem Mal auf die Seele drückte! Bis jetzt hatte er sich noch immer gescheut, diese Möglichkeit ernstlich in Betracht zu ziehen, einmal voll auszudenken. Geradezu entsetzlich. Was dann? Und ganz ausgeschlossen war's doch einmal nicht, wie die Dinge lagen. Die Lehrer hatten überhaupt in den letzten Tagen so merk- würdige Gesichter geschnitten, halb bedauernd, halb Vorwurfs- voll, als ob er ihnen was zu Leide gethan hätte. Wenn er sich's recht überlegte-- aber dazu kam er nicht. Es ging nicht. Der arme gequälte Kopf that nicht weiter mit. Zerschlagen ain ganzen Leib ging er hinunter, um Kaffee zu trinken. Das ganze Haus war still. Die anderen Schüler hatten heute frei, des Examens wegen, und sielten sich noch in ihren Federn rum. Auch Herr und Frau Zickendrath ge- nossen die Wonne des Feiertages. Nur Manni war auf und klapperte in der Küche. Er trat in's Wohnzimmer. Der Kaffeetisch war aufgebaut, nur die Kanne fehlte noch. Er ging ein paar Mal auf und ab. Dann fühlte er sich plötzlich zum Umfallen müde und setzte sich. Aber nach einer halben Minute litt es ihn schon nicht mehr auf dem Stuhl. So trieb er's, bis Manni kam und einschenkte. Sie war schon wieder an der Thüre, um hinauszugehen, als sie sich noch einmal umwandte und zögernd fragte: „Fehlt Ihnen etwas? Sie sehen ja so entsetzlich blaß aus". Er hob langsam den Kopf, sah sie mit stieren Augen an und sagte:„Ich falle heute durch". »Ach. so was dürfen Sie nicht sagen I" verwies sie ihm vnd kam wieder zwei Schritte näher. Er nickte mehrmals mechanisch und murmelte:„Ich weiß es, ganz genau weiß ich es. Sie haben ja die ganzen Tage her schon solche Gesichter gemacht, Leichenbittergesichter, die Lehrer, und die müssen's schließlich am besten wissen. Ich werde Wohl miserabel geschrieben haben und heute— das ist blos noch die Hinrichtung. Das Urtheil ist schon fertig". Sie fand im Augenblick keine Worte zur Entgegnung, aber die Theilnahme und das Mitleid mit dem großen Menschen, der so gebrochen dasaß, trieben sie, noch näher zu kommen. Da legte er den Kopf über die gekreuzten Arme au die Tischplatte und stieß unter verzweifeltem Schluchzen heraus:„Ach, wenn ich doch in der Fleischerbude geblieben wäre!" Das traf Manni wie ein Dolchstoß. Eine Plötzliche Bangigkeit überfiel sie, eine jähe Furcht, daß man ihm doch Unrecht gcthan haben möchte in ihrem Hause, daß man ihn doch anders hätte anfassen müssen. Und che sie selbst recht wußte, wie es geschah, saß sie neben ihm auf dem Sopha, hatte seine Hände vom Tisch gezogen, hielt sie fest und redete auf ihn ein. Wirre, banale Trostworte, die aber durch den Klang echt wurden, Versicherungen ihrer Achtung und ihres Zutrauens zu seinen Fähigkeiten, und zwischendurch inimer wiederholte Nöthigungen, zu essen und zu trinken. Das wäre das Allerbeste, das würde ihm wieder Muth geben. Ob sie ihm schnell noch etwas Warmes machen solle, etwas braten? Oder einen Schnaps? Die Mutter hätte einen sehr guten Doppel- kümmel draußen in der Küche. Oder ein paar Eier? Vor allen Dingen aber müsse er Kaffee trinken, ein paar Tassen, recht heiß, das reißt den Körper zusammen und macht den Kops hell. (Fortsetzung folgt.) Ein Äulhmftskvrnttn. An der Schwelle der neuen Zeit, die die Einen befürchten, die Andern erhoffen� Alle aber erwarten, fangen Furcht und Hoffnung an, sich zu Gestalten, Vorstellungen, Träumen zu verdichten; uu! immer zahlreicher werden die Bücher, die diese regellosen Phantasien zur systematischen Darstellung vereinen. Solche Bücher machen es nicht so wie Märchen, denen wir Alles auf Treu und Glauben hin- nehmen muffen und auch wirklich hinnehmen— wer's nicht glaubt, ?ahlt einen Thaler, heitzt es in einem Grimmschen Märchen—, olche Bücher sagen: lieber Leser, sich Dir einmal unsere politischen und sozialen Zustände an, die unmöglich so bleibe» können; und dann denke nur an die ungeheuren technischen Fortschritte, Er- findnngen und Entdeckungen, die in letzter Zeit gemacht wurden und die immer mehr alle unsere alten Vorstellungen über den Haufen werfen; dann ist überhaupt nichts mehr unmöglich oder auch nur unwahrscheinlich I— Es kommt nur darauf an. welcher Gebrauch von dieser Neigung, dem Menschengeiste auch das Wunderbarste zu- zutrauen, gemacht wird, wie lveit der einzelne Schriftsteller, der solche Zukunftsträume aufS Papier bannt. die Möglichkeit seiner Gestalten und Gestaltungen auf unseren Glauben an die Wissen- schaft oder auf die Wissenschaft selbst stützt. Ein neues Buch auf diesem Gebiete ist eine„Erzählung aus der kommunistischen Weltepoche" von Carl Volle:«Jausos Gruß."(Verlag von Steiger u. Cie., Bern.) Bolle stützt sich vor- nehmlich auf die Zustände des heutigen Klassenstaates, die nach voll- ständiger Umgestaltung schreien. Die Umwälzung geschieht bei ihm nicht aus dem Klassenstaat selbst heraus, sondern durch das Ein- greisen einer fremden, bisher de» Menschen unbekannten Macht: des Volles der Kosmier. Diese, nach ihrer eigenen Sagengcschichte von einem fremden Planeten stammend, hatten schon auf ihrem Mutterplancten eine hohe Stufe der Kultur erreicht. Der vor- geschrittene Stand ihrer Wissenschaft ermöglichte es ihnen auch. nach einem unglücklichen Kampfe gegen andere Völker des- selben Planeten eine Reise in das Weltall zu Ivagen, um der drohenden vollständige» Vernichtung zu entgehen. In kunst- reich konstruirte Projektile eingeschlossen, gelangen sie nach mehr- monatlicher Fahrt durch den Weltenraum zum Planeten Agab, womit in der krausen Benennungsart des Verfassers unsere Erde gemeint ist. Nicht alle Projektile treffen auf die gleiche Stelle der Erdober- fläche. Die späteren Kosmier, die dann der ganzen Welt das Heil ihres Kommunismus bringen sollen, sind eigentlich zwei sich selbst- ständig entivickelnde Kulturvölker; das eine, die Waniten, bewohnt ein unterseeisches Reich, das andere, die Alfiten, die Gegenden des Polarmeeres. Von diesen beiden erreichen die Alfiten die höchste Kultur, in die aufzugehen sie unter Androhung der vollständigen Vernichtung die niedriger stehenden Waniten gezwungen haben. Beide zusammen bilden jetzt die Kosmier. Ihr Staat oder Bürger- Vereinigung oder wie man eS sonst nennen will— auf Nanicn legen fle, wie Bolle sagt, keinen besonderen Werth— ist ein kpjMWiftischer,' Produktionsmittel, Produkte, Konsum sind gemeinschaftlich. Jeder Bürger hat das Recht und die Pflicht ans Arbeit; daß er die seinen Anlagen und Neigungen ge- nchmste wählen kann, liegt im System der öffentlichen und gemeinschaftlichen Erziehung. Alle Kinder, ohne Unterschied des Ge- schlechts, werden von frühester Jugend an gemeinschaftlich von Staats- wegen erzogen; eS wird ihnen in der Schule alles das beigebracht, was jeder Kosmier unbedingt wissen muß, um jemals vollberechtigter Bürger werden zu können. Eigentlich kommen die Kosmier niemals so recht aus der Schule heraus. Denn obwohl alle Kosmier in ihrer niateriellen Lage der Rawr der Sache gemäß vollständig gleichgestellt sind, so giebt es doch verschiedene Grade unter ihnen, die zu ge- wissen Aemtern nothwendig sind. Alle diese Grade sind nur durch gut bestandene Prüfungen zu erreichen; da aber alle Kosmier in den gleichen niateriellen und geistigen Verhältnissen auferzogen tverden. ist für jeden die Möglichkeit gegeben, sich vom„Säugling" zum „Kaiser", wie die geschmackvollen' Titel lauten, durch alle Examina zu winden. Erst von einem bestimniten Titel wird man mündig und zu den höchsten Aemtern wahlfähig.„Nicht alle können über alle Zweige des Ivirthschaftlichen, administrativen und gewerb- lichen Lebens ausreichend unterrichtet sein. Jeder hat seine Spezial- fächer, in denen er Bescheid weiß. Ihm darüber hinaus Stimm- rechte einzuräumen, hieße Nichtivissende über das ihnen Unbekannte entscheiden lassen. Es giebt bei uns überhaupt keine legislatorischen Abstimmungen, an denen gleichzeitig alle Volksvertreter theilnehmen. Wenn ein Gegenstand zur öffentlichen Diskussion gebracht wird, so konstituirt sich die Kommission, in deren Fach die Angelegenheit fällt, als eine Art Richtcrkolleginm, welches Alle anhört. Alles untersucht und schließlich darüber entscheidet", n. s. f. Man sieht, lauter Dinge, die für die gegenwärtigen Verhältnisse unmöglich anwendbar sind. An dieser Unmöglichkeit knüpft auch Bolle den ganzen Plan seines Werkes an. Die Kosmier dringen nach Europa ein und bringen nach und nach das ganze Land unter ihre Kultur. Jeder Fremde, der sich ihnen nicht anschließen will, kann unbehelligt das in Arbeit genommene Gebiet verlassen. Sie Paktiren mit Niemandem, Abgesandte der Republik werden ebenso gut hinausgeworfen wie die des Papstes. Man»lacht ihnen den Vorwurf, sie wollen alle Verhältnisse nach der von ihnen entworfenen Schablone zustutzen; das verstieße gegen das Recht der Selbstbestimmung, das allen zugestanden iverden müsse. Darauf erwidern die Kosmier: „In Bezug ans Menschenrechte giebt es keine besonderen Eigenthüm- lichkciten, welche die Bewohner eines Landes von denjenigen anderer unterscheiden könnten. Die Menschenrechte find entiveder volle oder partielle, die letzteren erkennen wir nicht an." Den neu gegründeten Saminclpunkten der Kosmier laufen im Anfange nur die minder- werthigen Elemente der europäischen Bevölkerung zu. Aber die Kulturbringcr verstehen eS, ans jenen branchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu machen, indem sie ihnen nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten Arbeit geben, sie jeder Roth cnthcbc» und als vollkommen gleichberechtigt behandeln. Aus Prostituirten und Wer- blechern werden tüchtige Bürger— Alle, die schon zu verderbt sind, um ihre verbrecherische Neigungen ganz abzulegen, kehren von selbst in den„Sumpf" zurück, wie bezeichnender Weise von den Kosmiern der gan�e von ihnen noch nicht kultivirte Thcil der Erde genannt wird. Diese Ansführuugcil gehören zu den gelungensten Partien des Buches; mit ganz anständiger Erzählungskunst und viel sicherem Takt loird die Lösung des heiklen Problems als eine ganz selbstverständliche gegeben. Die von der Kolonisation der Kosmier bedrohten Staaten benützen die günstige Gelegenheit, um mit einem ganzen Heere von Verbrechern und Gefallenen die ncue Kolonie zn überschwemmen— vergebens; Alle fügen sich der Ordnung, in der auch der Einzelne ani besten gedeiht, trefflich' ein. Hingegen ver- hindern die einzelnen Staaten mit aller Macht die Eimvandcnmg besserer Elemente, obivohl die Kosmier immer größere Gebiete mit Beschlag belegen. Mit Gelvalt ist gegen die Kosmiex natürlich nichts auszurichten; sie versügen über so ivundcrbare Waffen und Jnstrimirnte, daß sie iiiit der größten Leichtigkeit seiiidliche Armeen auf unblutige Weise entwaffnen und kampfunfähig machen könne», daß sie im Stande sind, mit der größten Geiiauig- keit auf die weiteste Entfernung hin ihre Geschosse zn richten und ganze Städte in Trümmer zu lege». Mit Jubel iverden die sriedlichen Eroberer von den Stevolutioiiären aller Länder und aller Schattirungen begrüßt. Endlich erscheint ein Abgesandter der Revo- lutionärcn eines Landes, um von den Kosniicr» bewaffnete Unterstützung für eine Erhebung im eigenen Lande zu verlangen. Aber die Kosmier' vettveigeni die Unterstützung. Sie ivisseii, daß sie nicht die Macht hätten, über Nacht das schivierige Werk der Zivilisation zu vollenden, die in Nationalitäten zerspaltene Welt zn tosmischen, d. h. weltbürgerlichen Anschauungen zn bekehren. Der abgewiesene Gesandte erbittet sich die Erlaubniß, bleiben zu dürfen, in der heim- lichen Absicht, vielleicht doch noch sein Ziel erreichen zu können, nämlich, eine Intervention der Kosmier zu Gunsten seiner Partei durchzusetzen. Seine Bitte wird ihm gewährt; aber je mehr er an der Arbeit der Kosmier theilnimmt, je tiefere Einblicke er in ihre Organisation gewinnt, desto klarer wird ihm, daß sie, vorläufig wenigstens, mit ihrer Taktik recht haben. Er selbst'ivird ein angeschencr Kosmier, der die Aufgabe zugewiesen erhält, die einzelnen Besucher aus dem Sumpf, die mit ihren Reforn, Vorschlägen die Kosmier belehren wollen, zu empfangen und abzufertigen. Es erscheint ein Individualist, ein Staatssozialist, ein Bodenreformer, ein Religionssorscher; alle führen längere Gespräche, um die Vor- trefflichkeit ihrer Ideen zu beweisen, müssen aber alle schließlich von dem neu gewonnenen Kosnner, der ihnen gegenüber die sozial- demokratische Lehre vertritt, die in der kosmischen Form nur eine thatsächliche Verwirklichung gefunden, für überwunden bekennen,— Auch dieser Theil des Buches ist geschickt gemacht. Neues ist freilich nicht darin zu finden, aber Alles ist in übersichtlicher, schlagender Weise gruppirt, ohne allzu grosze Opfer an wissenschaftlicher Genauig- keit.— Immer weiter dehnt sich das Gebiet der Kosmicr aus, auch der Zuzug der Gebildeten ist nicht mehr aufzuhalten. In allen Ländern wächst sie revolutionäre Begeisterung, gleichzeitig mit der allgemeinen Roth und der blutigen Herrschaft der ausbeutenden Klassen. Immer lauter werden die Hilferufe der gepeinigten Volks- Massen, immer zahlreicher die Fllchtlinge, die in den kosmischen Sicdelpunkten eintreffen. Aber noch immer lehnen die Kosnüer das Verlangen ab, den Revolutionären hilfreiche Hand zu bieten. Denn ihre Verhältnisss ließen sich nicht so ohne Weiteres auf niedrigere Kulturverhältnisse übertragen. Würden sie dem Wunsche auch nur eines Landes willfahren, so würden sie die moralische Verantivortung für alle Folgen ihres Vorgehens übernehmen müssen. Aus allen Ländern der Welt würden die Proletarier von ihnen die gleiche Gunst erbitten, und sie könnten den Einen nicht abschlagen, was sie den Anderen gewährten. Sie würden den ganzen„Sumpf" in ein blutiges Feld verivandeln, ohne daß die Revolutionäre ihnen irgendwelche Garantien dafür böten, daß sie nun auch wirklich einen richtigen Kommunistcnstant zu stände bringen wollten oder könnten. Die Revolutionäre könnten es nicht, selbst wenn sie wollten. Nur sie, die Kosinier, selbst könnten allmälig die ganze Erde in einen ein- hcitlichcn Konimnnistcnstaat verwandeln. Doch dazu bedürfte es noch einiger Jahre. Dauerte dies den Nevolutionären zu lange, so könnten sie ja ohne Weiteres in die kosmische Bürgerschaft eintreten. Aber endlich werden die Kosmicr. fast gegen ihren' Willen, doch zum gcwaltsanien Einschreiten genöthigt. Je mehr die eingewanderten Flüchtlinge von den überstandcnen Greueln und Qualen zu erzählen wußten, desto höher steigt die Sympathie der Kosmicr für die Sache der Revolntionäre, und wenn nian auch aus prinzipiellen Gründen eine offizielle Unterstütz»»» vermeidet, so fließen doch reichlich die privaten Hilfsquellen. Auf der ganzen Erde kommt es zu Revolu- tionen und Gegenrevolutionen, langsam entwickelt sich aus blutigen Wh'ren in einem einzeluen Lande ein koinmunistischer Staat, nach dessen Muster die Kosmier, um dem Blutvergießen ein Ende zu machen, die übrige» Länder sich zu organisiren zwingen. Ein vor- läufiges Anskunftslnittel, denn noch ist die kosnii>che Zivilisation der Erde»ncht vollendet, aber es ist wenigstens eine Grundlage gegeben, von der ans nian die Kosinier in ihrem die ganze Menschheit um- fassenden Plane unterstützen kann. Man ficht, das Buch ist im großen Ganzen ans der Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit unserer gegenwärtigen Zustände aufgcba»», und dieser Ueberzeugung ist im Allgcincinen in recht kräftigen und treffenden Schilderungen Ausdruck gegeben. Ungünstiger steht es init der Phantasie und der Fähigkeit, Uebernatürliches als natürlich und möglich erscheinen zulassen. Mit keinen» Worte geht Bolle auf die so gerühmten ivunderbarcn Apparate der Kosmicr ein; er verlangt die Glaubwürdigkeit des Märchens, ohne dessen fesselnde Phantasie zu geben, und, um nach dein schönen M»lster Kurt L a ß w i tz', physikalische Hoffnungen in Wirklichkeit umzusetzei», fehlen ihn» offenkundig die nothlvendigen natnrivissenschaftlichcn Kenntnisse. Jinmcrhin kann nian ja init einein ganz abschließenden UrtHeil zurückhalten, bis die angekündigte zweite und dritte Abthcilung des Roinanzyklus erscheint. Welche Aufgabe, Staaten von Vernunft- Wesen, die nicht menschlicher Gestaltung sind, zu schildern I Freilich muß da Bolle de» philologischen und initnuter recht geschinack- losen Schnlineister schlafen schicken, der in ihm noch die Oberhand hat.—_ phil. Kleines Fenillekon. — Die Bonvet-Jusel. DepBoifftoß, den die deutscheTiefsee- Expedition von Kapstadt aus in die s ü d p o l a r e n Gegen- de ii gemacht hat, war, wie das am Dienstag mitgetheilte Tclegrannn des Kapitäns Krcch der„Valdivia" zeigt, vom Glück begünstigt und verspricht die Beantwortung nianchcr interessanten geographischen Frage,»vie schon die Meldung„Bonvet-Jusel gefunden" verräth. Unter dem Namen„Bonvet-Jnseln" finden wir auf den Karten im Südivesten der Südspitze Afrikas, etiva 20 Brcitegrade südlicher, ungefähr unter dem 54. Grad südlicher Breite und ö Grad öst- licher Länge', eine Gruppe von kleinen Inseln verzeichnet, über die noch viel Unklarheiten herrschen. Sie trage» ihren Namen nach Lozier Bouvet, der auf seiner im Auftrage der französischen„Kompagnie des Indes" unternommenen Fahrt im Jahre 1733 den Reigen in der antarktischen Eisschifffahrt eröffnet hat. Bouvet entdeckte, schreibt die„Nordd. Allgäu. Ztg.". nämlich am 1. Januar 173g, etwa unterm 54. Breitegrad, ein anscheinend sehr hohes und schneebedecktes Land, das er für ein Vorgebirge des damals allgemein an- genommenen großen Südlandcs hielt; das Land erhielt, dem da- malS üblichen Gebrauch zufolge, den Namen des Kalendertages seiner Entdeckung„Laps de la Circoncision"(Vorgebirge der Be- schneidnng.) Dli dichtes Packeis es unmöglich machte, das Land zu betreten, so tonnte sich Bouvet nicht davon überzeugen, daß er nur eine Insel entdeckt hatte. An einem klaren Tage konnte man in- dessen sehen, daß das Land gegen Südosten hin flacher wurde und daß es an schneefreien Stellen mit Buschwerk oder Wald bedeckt schien, eine Täuschung, die vielfach auch die Falklandinseln hervorgerufen haben, indem das Tnffockgras(Poa flabellata) den Eindruck von Gebüsch machte. Die Insel hielt sich vor Cook, Roß und Moore hartnäckig verborgen,»vurde aber im Jahre 1803 wieder von dem Walfischfänger James Lindsay gesehen; dieser gicbt ihr aber eine etwas andere Lage als Bouvet. Im Jahre 1823 fand der Walfischfahrer Norris in der nämliche» Gegend Land, dessen Positionsbestnnmung aber von den Angaben Bonvet's und Lindsay's so stark abweicht, daß man zu der Annahme gelängt, er habe eine andere Insel als seine Vorgänger entdeckt. Er hat auch nicht nur eine, sondern zwei Inseln und ni'chrere Klippen gesehen; er nannte sie Liverpool- und Thompson-Jsland. Letztere, welche von der Mannschaft besucht wurde, besteht aus vulkanischen Massen. ES lag daher der Gedanke nahe, daß die von Bouvet entdeckte Insel gar nicht mehr existire, sondern einer vulkanischen Eruption, gleich der des Krakatoa, erlegen ist. Wie das Telegramm des Kapitäns Krech iveiter besagt, ist die„Valdivia" bis ganz nahe an den süd« lichen Polarkreis vorgedrungen, üidem sie an Enderby-Laud nah» herankam.— Theater. — r. Schiller-Theater. Man braucht nicht immer schon den guten Willen für die That zu nehmen und kann doch einer Theatervorstellung, die von der höchsten Stufe der Vollendung be- trächtlich weit entfernt ist, das Prädikat„gut" zuerkennen. An der vorgestrigen Othello- Aufführung im Schiller-Theater mochte im Einzelnen auszusetzen sein, daß der Mohr des Hern» G r e g o r i zuiveilen mehr fanatisirter Grübler als der Mann der alles zer- malmenden Leidenschaft war. daß der Jago des Herrn F r o b.o s e allzu gemüthlich mit der im Konversations-Lnstspiel üblichen Ver- schlagenheit kokcttirte, und daß etwas weniger bleiche Passivität der von Fräulein Wieke gespielten Dcsdem'ona sehr zu statten ge- kommen Iväre. Aber diese Mängel wurden verdeckt dadurch, daß sich alles schicklich eins ins andere zu fügen wußte. Niemand ging seine» aparten Gelüsten»ach, um im klassischen Stück zu zeigen',>vas für ein stark talcntirter Held er auf de»» Brettern sei; und dieser klugen Unterordnung unter den Willen einer umsichtigen Regie ist es zu danken, daß immerhin eine Vorstellung zu stände kam, die sich in Ehren sehen lassen konnte.— Völkerkunde. Kx. GotteS urth eile bei den Dajaks in West« Bornco. Um in einer Streitsache das Recht zu finde»», ist es nach der Anschauung der Dajaks nicht nothwendig, daß durchaus Beweise herbeigeschafft werden müssen. Wenn die irdischen Zeugen auch fehlen, irgend einer der himmlischen: Sonne, Mond und Sterne, die Geister der Ahnen oder die hindu-javanischen Gottheiten, die sich hinter dajakische» Statue» verstecken, wird den Schuldigen schon kennzeichnen und dafür sorgen, daß ihn die Strafe treffe. Säumen die europäischen oder inländischen Richter nach seiner Meinung gar zu sehr, so nimmt der Dajak sich auch wohl selbst sein Recht und scheut selbst vor dem Morde ilicht zurück, wenn durch das Gottes- urtheil der Schuldige überführt ist, so fest vertraut er auf dessen Richtigkeit. Ucber die eigenartigen Formen der Gottesurtheile bei den Dajaks ist jetzt nach einem Bericht des„Internationalen Archivs für Ethnographie" durch die Forschungen des Holländers Kühr Ge- naueres bekannt geworden. Bei Diebstählen wird von den Semaruwa- Dajaks der„boadji" angewendet. Unter Beobachtung gelvisser Zeremonien lvird für jeden der beiden Gegner ein Stück R i n d e n f a s e r s ch n n r in eine mit Wasser gefüllte Tasse getaucht; derjenige, dessen Schnur an der Oberfläche bleibt, ist unschuldig, der, dessen Schnur sinkt, schuldig. Bei all' den Gottesurtheile» ist es charakteristisch, daß sie abgehalten werden, wenn die Sonne im Zenith steht. Früher»vurde bei einer Anzahl von Stämmen in Fällen von Ehebruch und Diebstahl von hohen» Werth, besonders wenn es sich um einen Häuptling oder eine wohlhabende Person handelte, die Tauchprobe, das selam aer, zur Anwendung gebracht. Nicht die Gegner selbst, sondern zwei Stellvertreter führten sie aus. Diese stiegen ins Wasser»nd steckte» den Kopf unter ei» Brett, das einen Theil der' Oberfläche bedeckte. Derjenige galt dann als der Schuldige, dessen Vertreter zuerst Ivieder den Kops herausbrachte, nn» Athen» zn schöpfen. Das gegen- wärtig bei allen Stämmen im Westen Borneo's gebräuchliche Gottes- urtheil ist der Hahncnkampf, das„njabung manuk". Ein Kampfhahn wird daher fast in jeder Familie gehaltei». Unter den Ot-Vanea ist ferner die Harzprobe, nepak njatung apoi, gebräuchlich. Der Beschuldigte schlägt mit der Handfläche auf heißes Waffer oder glühend heißes Harz, das über ein plattes Holzstllck aus- gebreitet ist. Verbrennt er sich dabei nicht oder nur wenig, so ist er unschuldig. Bei der Laufprobe müssen die beiden Gegner einen Wcttlnuf veranstalten; die Bahn ist einigermaßen geebnet,»in- gcfähr 2 Meter breit und 100 Meter lang. Wer zuerst ans Ziel kommt und eine am Ende des Weges in den Boden gesteckte Lanze ergreift, ist unschuldig, und komnieii beide zugleich an, so ist es der, der den höheren Punkt an» Lanzcnschaft ergriffen hat. Nach der z»ir Verwendung gelangenden chinesischen Kupfermünze wird ein letztes Gottesnrtheil bepjtie8 genannt. Zwei Münzen, von denen die eine blank geputzt ist, werden in einen Topf Wasser geworfen, das durch Asche getrübt ist. Der Beklagte ist unschuldig, wenn er das gereinigte Stück herausholt. Eine ergötzliche Geschichte, erzählt Kühr, sei einmal bei einem solchen Gottesgericht in einem Liebeshandel passirt: Ein Mädchen verschwieg den Namen ihres Geliebten hart- näckig, obwohl sie die Folgen nicht mehr verbergen konnte, und behnuptete. von einem Geist im Traume umfangen zu sein. Ein Gottesgericht wird angewendet, und sie ergreift— die blanke Münze.— Medizinisches. --EinenFall vonArsenwasfer st off- Vergiftung mit tödtlichem Ausgang theilt die.Oesterreichische Chemiker- Zeitung" mit: In einer chemischen Fabrik, die Zinkasche zu Vitriol und Elsenoxyd verarbeitet, sollte aus Zinkvitriol und Zinkstaublösung Cadmium gefällt werden. Als dies in einem offenen Gefäße vor- genommen wurde, trat eine starke Wafferstoffentivickeluug ein. Da in der Zinkasche Arsen enthalten war. bildete sich Arsenwasserstoff. Zwei Arbeiter und ein Werkmeister, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Mischung im Bottich jedesmal einige Minuten umgerührt hatten, erkrankten Plötzlich au einer Arsenwasserftoff-Vergistung. Der eine Arbeiter verstarb kurze Zeit darauf, der andere wurde gesund, der Werkmeister ist noch nicht hergestellt. Um einem ähnlichen Un- falle vorzubeugen, ist angeordnet worden, den Bottich mit dicht- schließendem Deckel zu versehen, ans dem ein Rohr etwa entstehende Arsenwasserstoff-Gase nach einem kleinen Gefäß leitet, in dem eine ammoniakalische Kupferlösung enthalten ist. Beim Durchgang durch die Lösung wird der Wasserstoff von sdem Arsen getrennt und kann nun ohne Schaden ins Freie gelangen. Die Vergiftung der Arbeiter geschah natürlich durch Einathmung des bezeichneten Gases.— Aus dem Pfianzeuleben. en. Die Wirkung deS Schattens auf das Pflanzen wachsthum hat der amerikanische Botaniker Halsted auf Grmid von interessanten Versuchen festgestellt. Er brachte eine Reihe von Pflanzen, die in freier Erde standen, in den Schatten beweglicher Schutzwände, die aus Holzlatten derart zu- fammenaesetzt waren, daß zwischen jeder Latte ein Zivischenraum von derselben Breite blieb', auf diese Weise wurde demnach die Hälfte der direkten Sonnenstrahlen zurückgehalten. Die mittlere Temperatur hinter dem Holz war wesentlich geringer als in vollem Sonnenschein und zwar um 4 Grad im Mai bis zu fast 8 Grad im August. Die Keimung der Samen wurde im Frühling durch den Schatten verzögert, im Soumier dagegen beschleunigt, woraus man den Schluß ziehen kann, daß die Sonnenstrahlung im Sommer wegen ihrer zu großen Intensität der Keimung hinderlich ist, während sie im Frühling durch ihren mäßigen Vettag beschleunigend dazu wirkt. Von den Nutzpflanzen kann im Allgemeinen gesagt werden, daß sie besser im Schatten stehen, wenn fie der Blätter wegen gebaut werden, dagegen besser in der Sonne, wenn man von ihren Wurzeln Nutzen ziehen will. Rüben, Mohrrüben und Kartoffeln entwickeln nämlich im Schatten einen stärkeren Blattwuchs, aber weniger Wurzeln, dasselbe ist bei Salat, Spinat und Sellerie der Fall, fi'ir die es also sehr von Vortheil ist, der direkten Sonnenbitze entzogen zu sein. Andererseits schadet der Schatten allen den Pflanzen, die man ihrer Körner oder ihrer Frucht wegen zieht, also z. B. den Bohnen, Erbsen, Tomaten und Gurken. Sowohl die Blüthe wie die Reife wird durch die direkte Sonnenstrahlung verzögert, gleichzeitigschießen sie ins jkraut und die Farbe ihrer Blätter ivird dunkler. Bei der Bohne kann jeder beobachten, daß die Stellung der Blätter sich je nach dem Sonnenstande ändert, um eben der zu starken Bestrahlung auszuweichen i bei den in Halbschatten verletzten Pflanzen findet diese Bewegung der Blätter nicht mehr in merllichem Grade statt. Einzelne Pflanzen verändern auch ihr äußeres Aussehen merklich, je nachdem sie im Schatten oder in, Sonnenlichte stehen, die Wasser- sarne z. B. senken im Schatten ihre Blätter, während sie sie in der Sonne fast aufrecht tragen und dann weit weniger schön aus- sehen.— Technisches. — Das höchste Hau 3 der Welt, das Park Row Building n: N e w- D o r k, ist jetzt fertiggestellt und erhebt sich mit seinen beiden Kuppeln bis zu 117 Metern über die Straße. Es ist auf Pfähle gegründet, die 16 Meter tief in den sandigen Boden ein- gerammt'wurden. Die Fahnenstangen ragen noch 17 Meter über die Kuppeln empor, so daß die Gesammthöhe des Bauwerkes 1£0 Meter beträgt. Den auffallendsten Anblick soll das Riesenhaus van der Ann Street aus gewähren, in der seine Front nur 6 Meter lang ist. Sieht man in' dieser sehr engen Straße an ihm in die Höhe, so gleicht es einem ungeheuren, äußerst dünnen Schornstein. 050 Geschäftsräume sind in dem Riesenhaus enthalten, fast alle von stattlicher Größe. Es enthält 8000 Tonnen Stahl und 12 000 Tonnen andere Baustoffe. Die Kosten bettugen nicht ganz 10 Millionen Mark. Die„Technische Rundschau" berechnet, daß den Tag über sich etwa 8000 Menschen ständig zu gleicher Zeit in dem Bau auf- halten.— — Eine Fabrik, welche alte ranzige Butter wieder zu frischer Maare umarbeitet, ist, nach einer MittKeilnng der„Rigaer Land- und forstwirthschaftlichen Zeitung", seit Kurze», in England in Betrieb. Das Verfahren besteht darin, daß die aufgekaufte alte Butter mit frischer Buttermilch zu- sammen gearbeitet wird, bis eine ganz gleichmäßige, dickflüssige Mafle entsteht. Durch diese wird dann ein Strom heißer Lust geblasen, hierdurch wird die flüchtige Buttersänre, welche der ranzigen Butter den charakteristischen Geruch und Geschmack giebt. ausgetrieben. während etwaige andere Unreinigketten zu Boden sinken. Alsdann Verantwortlicher Redakteur: August Jaeobey in»ei 5—• wird ein Strom kalter Luft in Anwendung gebracht, so daß sich die Butter in einzelnen Kügelchen abscheidet. Das so verjüngte Natur» Produkt wird nunmehr mit Waffer geknetet, gesalzen und nöthigen« falls etwas gefärbt, worauf die Waare aufs Neue in den Handel ge» bracht wird.— Humoristisches. — Zensur. F ä h n d r i ch zu zwei Kameraden:„DaS iS 'n Elend, wenn man einen Vater hat, der Profeffor der Nationalökonomie is. Jeden Tag muß ich fein Jefchreibe durchlesen, ob«ich was drin is, das sich mit meiner Stellung«ich vereinbaren läßt."— — Der Schutzherr. Fremder:„Giebt es in Ihrem Kirchspiel auch jemand, der nie in die Kirche geht?" Bauer:„Ei fteili, dös is der Herr Bar ob, unser Kirchen» Patron".—(„Simplicisfimus".) — Eingeseift. Im Gasthause„Zu den drei Linden" Pflegte sich, so erzählt man der„T. R.", allabendlich eine kleine Anzahl von Stammgästen zu versammeln. Das Bier tvar gut, und geschwatzt wurde da viel, und besonders viel Jägerlatein. Darin tvar der alte Forstivart Hausmann unübertrefflich. Der wußte immer etwas Neues zu erzählen, aber andere sagten ihm nach, daß er nie ein wahres Wort gesprochen. Einmal hat er jedoch alle gründlich aufs Glatteis geführt und die Wahrheit gesprochen, als er gerade am allertollstei, im Zuge war, ihnen einen mächtigen Bären aufzubinden. „Ja, meine Herren, es passirt so manches in der freien Natur, wo- von sich die Stubenhocker nichts träumen lassen," fing der Forst- wart an zu erzählen.„Da finde ich eines Tages da draußen an dem Waldessäume einen Todtenkopf und neben ihm einen Fuchs, der weder meine Flinte, noch meine Diana beachtete, sondern ruhig auf seinem Platze verharrte und Siesta hielt. Ich hätte ihm ja eins aufbrennen können, aber da ich es nicht that, unterblieb eS eben, und so verhielt sich denn Mein Köter ebenfalls neutral. Den Todtenkopf aber dachte ich mitzu- nehmen und bückte mich nach ihn,, ohne auf den Fuchs lveiter zu achtem Da geschah etwas, für dessen Wahrheit ich Ihnen bürge l Ja, meine Herren, da erhob sich der Fuchs hoch in die Lust und mit ihm der Todtenkopf, und beide flogen auf und davon auf Nimmerwiedersehen."-- „Lüge Du und der Teufel," fiel ihm der Ortsrichter ins Wort. Der Forstivart aber blinzelte in seinen Krug hinein, bis er leer war, und ftihr dann fort:„Ich habe mein Lebtag noch nicht gelogen. aber hören Sie nur weiter. Da steht mit einen, Male ein Junge, der die Gänse hütete, hinter mir, und was meinen Sie ivohl, was der dazu sagte?"—„Herr Förster." hat er gesagt,„schade, det war'» so'n paar scheen e Schmetterlinge!"— Notizen. — In dem„Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" wird als„ein für jede Verlagsbuchhaiidlimg uiieiitbehrliches Hilfsbuch" eine„Kr i ti k e r- L ist e" augekündigt, d. i. ein„Verzeichniß von Schriftstellen,, die a»S beftimmten Literaturzweigen Bücherbesprechungen übernehmen unter Angabe ihrer Stellliiig zur Hast- Pflicht, sowie Bezeichnung der Zeittmgen, in denen die Besprechungei, Aufnahme finden." Die Liste ist„zur Berseudnug von RezenfioiiS- Exemplaren eingerichtet",— — Adalbert Stifter's ansge wählte Werke" er» scheinen von Ende Januar ab in einer Volks-AnSgabe in 10 Lieferungen ä 35 Pf. bei E. M a r e i s, Linz a. Donau,— — Von Gabriele d'Annunzio werden angekündigt: fünf Romane, ein paar Bände Lyrik, ein Band literarisch- kritische Schriften, ein Novelleiibaiid und acht Bühnenstücke, darnnter eine T r i l o g i e.— Hat der Herr vielleicht den Sack des Fra Galdino gefunden?— — Ein Exemplar der„Mazarin- Bibel" wird jetzt von dem Antiquar Quaritsch in London ftir 100 000 M, angeboten,— —„Die drei Reiherfedern" von Sudermann haben bei den Wiederholungen am Sonntag und Montag im Deutschen Theater eine bedeutend wärmere Auf- nähme beim Publikum gefunden als bei der Premiäre. Aehnliches Ivird aus Dresden gemeldet; dort und in Stuttgart war das Werk an demselben Abend und mit ähnlichem Er» folge wie in Berlin aufgeführt worden.— — Die Stadtvertretung in Preßburg hat beschlossen, ab» wechselnd ungarische und deutsche Vorstellungen zu ver» anstalten. Die Operetteu-Lorstellungen dürfen jedoch nur in unga» rischer Sprache stattfinden.— o. e. Im„Teatro Real" in Madrid wurde Richard Wagner'S „Walküre" zum ersten Mal in spanischer Sprache auf- geftihrt. Das Werk Ivurde vom Publikmu sehr kühl aufgenommen.— — Zwei interessante naturwissenschaftliche Samm- lnngen, die Mineraliensammlung des in Berlin verstorbenen Dr. T a m n a u und das M o o s h e r b a r des Dr. Karl Müller von Halle, die schönste und vollständigste Moossammlung der Erde, sollen durch den preußischen Staat angekauft werden. Die elftere soll ISO 000, die letztere 22 320 M. kosten.— in. Druck und Verlag von lvtax Babing in Berlin.