Anterhaltungsblall des WrwSrks Nr. 20. Freitag, den 27. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Hevrn Sickend rskl�s ZAenfioniiee. 20] Roman von O. Eugen Thossan. Ihm that das Geschwätz unendlich Wohl. Sein Starrsinn war so ganz und gar gebrochen, daß er weiter nichts wollte, als sich irgendwo anlehnen und sich streicheln lassen. Nach etwas Weichem, Mildem verlangte ihn, das ihm die Seele sänftigte, nach dem Antheil eines Menschenherzens an seinem Wohl und Wehe nach der Vereinsainung der vergangenen Wochen. Und wer hätte ihm das besser bieten können, als ein lieblicher Mädchenmnnd, wenn er auch alltägliche Worte sprach. Wenn er nur überhaupt sprach, zu ihm sprach, nach- dem er so lange Zeit für ihn geschwiegen. Zuerst war er doch ein wenig erstaunt gewesen, als sie sich plötzlich so herzlich und thcilnehmend gab. Aber bald ließ er sich's gefallen, ohne zu grübeln und zu kritteln. Jmnier freier wurde ihm zu Sinn; als ob es gar kein Examen gäbe, war ihm zu Muth; als ob er weiter nichts zu thun hätte, als hier zu sitzen und diesem süßen Wvttgeplätscher stand zu halten. Seine Augen strahlten sie an, und ihre Hände hatten die Rollen getauscht. Jetzt hielt er die ihrigen in seinen Pranken und zermürbte sie, ohne daran zu denken, daß er ihr weh thun könnte. Nur einen Gedanken hatte er, einen herrlichen, prächtigen, unver- schämten Gedanken, der von Sekunde zu Sekunde gewaltsamer nach Verwirklichung drängte... er mußte... mußte... „Mannichen, geben Sie nur einen Kuß l" flüsterte er heiser. Sie fuhr erschrocken zusammen und floh von ihm weg in die andere Sophaecke; aber er rückte nach und ließ ihre Hände nicht los. Dabei nickte er immerzu und sie schüttelte den.stopf. Aber er nickte energischer als sie schüttelte. End- lich fragte er stotternd: „Würde es Ihnen denn das Herz so schwer machen?" Und sie schüttelte immer weiter. Da beugte er sich zitternd über sie. Als er in ihre angstvoll auf ihn genchteten Augen sah, befiel ihn wieder Muthlosigkeit. Aber zurückkonnte er nun nicht mehr. „Sie haben's doch selbst gewollt," murmelte er wie zur Eiltschuldigung. Und dann war es geschehen. Marnü sprang auf, wischte sich den Mund und lief mit einem schwachen Versuch, zu kichern, fort. Er aber fühlte sich kurirt und stieg ins Gymnasiuin mit dem Bewußtsein, allen Eventualitäten gewachsen zu sein. Nachmittags um vier Uhr war die Qual zu Ende. Er hatte bestanden, als zweitletzter. Noch so eben mit durch- gekommen. Denn bei dem Letzten war es eigentlich nur durch ein Wunder zu erklären, oder durch den Umstand, daß er bei einem Professor in Pension war mid jährlich zwölfhundert Mark zahlte. Avor Fritzen war das Alles nun mit einem Male ganz egal. Er war durch, es lag hinter ihm, das war die Hauptsache. Als er aus den: Gymnasium trat, nahm er seine bunte Mütze vom stopf und warf sie mit mächtigem Schwung durch ein offenstehendes Fenster in ein leeres stlassenzimmer. Dann giilg er baarhäupttg nach Hause. XIV. Am Abend wurde das obligate Fäßchen aufgelegt. Das ganze Haus war geladen und— erschienen. Große Ereignisse schwemmen kleinliche Bedenken schnell hinweg. Und ein großes Ereigniß war es obne Zweifel, das erste bestandene Examen in der Pension Zickendrath. Der Chef des Hauses empfand sogar etwas der Dankbarkeit von weitem Äehnliches gegen Fritzen, daß er es nun doch noch geleistet hatte. Als ihm Manni von des Kandidaten eigenen Befürchtungen erzählt hatte, am Vormittag, da war ihm brühsiedcnd heiß geworden. Es wäre doch eine elende Blamage für die Pension gewesen, ein miserabeler Anfang und eine schlechte Empfehlung flir die Zukunft. 2hm aber waren seine Gewissensbisse jäh verflogen, es war alles gut abgelaufen, man konnte Staat mit der Pension machen. Und er spielte mit Würde und edlem Anstand den Wirth an dem Fäßchen, das er nicht zu bezahlen brauchte. Trotzdem ivar es anfänglich ziemlich ledern. Es wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Gustel hatte sich gekränkt in eine Ecke zurückgezogen, weil Mutter Zickendrath mit auf- gehobenem Finger und ivarnender Stimme zu ihm gesagt hatte: „Gustel, nehmen Sie sich ja recht in acht mit dem Trinken I Sie wissen, Sie können nicht viel vertragen." Er machte einen Flunsch und grübelte über das ewige Räthsel, daß der Mensch seiner Vergangenheit nicht zu ent- rinnen vermag. Johannes war ernst und förmlich wie ein Korpsstudent, der in die Gesellschaft von Burschenschaftern gerathen ist. Und Emil sah bedrückt und ängstlich aus. Er lebte nämlich in der beständigen Furcht, die festliche Veranlassung könnte zu einer allgemeinen tiefer gehenden Versöhnung führen. Und das konnte unter Umständen bös für ihn ablaufen. Denn er hatte sich in der letzten Zeit trotz seines Respekts vor Fritzens Fäusten allerlei kleine Klatschereien und Zwischen- trägereien zu schulden kommen lassen... Es hatte aber vor- läufig nicht den Anschein. Erst nachdem der Kantor sich eingestellt hatte, ging ein freierer Zug durch die Versammlung. Zuerst hatte er sich unter allen möglichen Vorwänden geweigert, zu erscheinen. Aber dem Drängen Fritzens hatte er schließlich nicht wider- stehen können. Und das war ein ivahrer Segen. Er war gewissermaßen eine neutrale Persönlichkeit. Und indem er sich's gefallen ließ, daß man ihm zum Mittelpunkt der Unter- Haltung machte, löste er die geheime Spannung, die vorher über dem Ganzen gelegen hatte. Außerdem war das Vier frisch und wohlschmeckend, und das trug auch sein Theil dazu bei, die Geister zu entfesseln. Es war noch keine halbe Stunde verflossen, da hatte Gustel seinen Grimm verwunden und stellte Friedrich den Großen dar. Dann sang Johannes auf vielseitigen Wunsch das Reiterlied, dieSinal, da das Klavier nicht zur Hand war, ohne Begleitung, was den Kunstgenuß bedeutend erhöhte. Mit rauschendem Beifall belohnt, kehrte er auf seinen Platz zurück. Er hatte sich seinen Stuhl zwischen den Ofen und das Kanapee geschoben, da, wo Manni in die Ecke gelehnt saß. Und die Beiden thaten inimer intimer, je höher die Wogen der Lustig- keit gingen. Fritze sah es mit steigender Verwirrung, wie sie mit einander tuschelten, lachten, anstießen und sich dabei ttef in die Augen guckten. Anfänglich war sein Aerger übertroffen worden von dem Erstaunen über dieses Benehmen Manni's. Er verstand sie nicht. Heute morgen noch... und nun so?t Dann war das Stadium der reinen durch keine andere Em- pfindung getrübten Erbitterung gekomnicn, und zuletzt mischte sich wiederum ein anderes Gestihl hinein, eine weiche, nach Thränen lüsterne Wehmuth. Also doch verscherzt! Die Entfremdung konnte wohl auf Augenblicke überwunden werden. zu tilgen war sie nicht mehr.„O du mein zerbrochenes Saitenspiel 1" dachte er mit den stimmungsvollen Lieblings» warten des Kantors. Und das alles um einer Hose willen, die ohne Hosenträger nicht sitzen wollte! Ein plötzlich sich erhebender Lärm riß ihn aus seiner wehleidigen Versuukenheit. Emil hatte ihn heraufbeschworene Angestachelt durch den Beifall, den die Vorführungen seiner Pensionskollcgen gefunden, hatte er sich zu einer gewagten Improvisation hinreißen lassen. Er war auf das Faß ge» klettert, hatte sich rittlings darauf gesetzt und mit dem Ton eines Ausrufers auf dem Jahrmarkt bekannt gemacht, er sei jetzt„Mephistokles" und werde alsbald durch die Decke fahren. Aber sein unüberlegter Scherz rief nur allgemeine Entrüstung hervor. Man erklärte ihn für ein Ferkel und zog ihn gewaltsam von seinem Sitz herunter. Und dann stand der Kantor auf, um eine Rede zu halten. „Verehrte Festvcrsammlung!" fing er an.„Eigentlich bin ich durch Anlage und Neigung mehr ein Einsiedler als ein Gescllschaftsmensch und am allerwenigsten berufen, unter jungen Leuten zu reden, die sich auf der Kulturstufe der Fidulität befinden. Aber au meines jungen Freundes Ehren» tag"— er reichte Fritzen über den Tisch hinweg die Hand■», .kann ich doch nicht umhin, ein paar Worte von mir zu geben."... Bis dahin hatte er sich die Sache vorher überlegt. Von nun an überließ er sich den Eingebungen seiner Laune. „An solchen Tagen Pflegt man erstens in die Vergangen- heit zurückzuschauen, und zweitens ahnungsvolle Blicke in die Zukunft zu werfen. Wenn wir zuerst von der Vergangenheit reden, so ist es hier wie immer gut, daß sie hinter uns liegt. Denn erst dann hat man wirklich etwas davon, erst dann wird das Erlebte unser Besitzthum, wenn es vorbei ist. Das ist so, wenn die Vergangenheit erfreulich gewesen ist, und ist auch so, und in noch höherem Maße, wenn sie nicht gerade köstlich war. Und das war sie bei unserem jungen Freunde eigentlich nicht— wenigstens oft nicht." Der Redner machte eine effektvolle Pause. Verschiedene Köpfe neigten sich etwas beschämt über den Tisch. Der Kantor sah es mit Befriedigung und fuhr fort: „Wir wollen hier nicht untersuchen, woran das gelegen hat und wen dabei die meiste Schuld trifft. Wir wollen uns lieber zur Zukunft wenden. Und da fassen wir alle unsere Wünsche zusammen in den einen, daß es ihm vergönnt sein möge, sich so zu entwickeln, wie es seiner selbständigen und echt männlichen Natur angemessen ist. Das ist die große Erziehungsniethode, die das Schicksal bei den Menschen an- wendet, die es lieb hat." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die neue Mhetttbrncke bei Venn. Vierzehn Projekte waren für die feste Straßenbrücke über den Rhein bei Bonn eingereicht worden. Für die Aufstellung des mit dem ersten Preise ausgezeichneten Entwurfes der„Gutehoffnungs- Hütte" waren für deffen Bearbeiter, Prof. Krohn, folgende Gesichts- punkte maßgebend: Während die bis dahin erbauten Nheinbrückcn sämmtlich Spannweiten von ungefähr 100 Metern zeigen, war man bei der Ausschreibung des Bonner Wettbewerbes über dieses Maß hinausgegangen, indem man eine mittlere Durchfahrtsvffnung von ISO Metern verlangte. Der Schifffahrtswcg von ISO Metern Breite, der frei gehalten werden sollte, liegt aber nicht in der Mitte des Stromes, sondern näher zum linksseitigen Ufer. Man stand also vor der Wahl, enttveder eine Brücke zu ent- werfen, deren Pfeiler unsymmetrisch zur Strommitte gestellt ivaren, oder mit der Spannweite der Mittelöffiiung über das vorgeschriebene Maß noch bedcntcnd, nämlich bis ans etwa 19S Meter, hinauszugehen und an beiden Seiten eine kleinere Brückenöffnung von etwa 100 Meter Weite anzuschließen. Daß eine Rhcinbrücke' bei Bonn, in unmittelbarer Nähe des Siebengcbirgcs, ein schöner, monumentaler Bau werden müsse und demnach, wenn irgend möglich, symmetrisch auszubilden sei, unterlag von vornherein keinem Zweifel. Es fragte sich nur, ob und wie es möglich sein werde, diese Mittelöffnung von 19ü Metern zu überspannen. Die Schwierigkeiten der Lösung machten sich nach zwei Richtungen hin geltend. In erster Linie kam eS natürlich darauf an, die Kosten des eisernen Ueberbaues in solchen Grenzen zu halten, daß die Aus- fühning nicht durch die nöthigen Geldmittel in Frage gestellt wurde. Da nun der Aufwand an Material bei eisernen Ueberbauten mit wachsenden Spannweiten in sehr gesteigertem Maße zunimmt, so mußte es wohl Bedenken erregen, aus Schönheitsrücksichten über die durch das Programm bedingte, an sich schon bedeutende Weite noch so wesentlich hinauszugehen. Die zweite Frage war die. ob es gelingen werde, für die Ueber- brückung dieser großen Mittelöffnung ein System von Trägern— also eine Form der Eisenkonstruktion— zu finden. das durch seine Linienführung einen schönen befriedigenden Eindruck hervorruft. Die Bogcnform war mithin in erster Linie ins Auge zu fassen. Durch die' Höhcnverhältnisse der Brücke war es ausgeschlossen, die tragende Konstruktion vollkommen unterhalb der Fahrbahn anzu- ordnen. Die für den ausgeführten Entwurf gewählte Lösung kann als durchaus befriedigend bezeichnet werden. Der Obergurt, die bogen- förnnge obere Linie der Eifenkonstrriktion liegt vollständig über der Fahrbahn; dadurch kommt die Bogenlinie klar zur Erscheinung. Der Untergurt setzt unterhalb der Fahrbahnlinie ein und findet in den Untergurten der beiden kleinen Seitenöffnungen seine Fort- setzung. Durch diese Anordnung erreicht man gleichzeitig eine sehr bedeutende Pfcilhöhe, sodaß der Materialaufwand trotz der großen Spannweite nicht übermäßig steigt. Die Seitenöffnungen, von denen jede über 100 Meter Spann- weite hat, erfordern etlva 6000 Kilo Eisenkoustniktion auf jeden Meter Länge, während die Mittclöffnung von beinahe doppelter Spann- weite nur etwa 8000 Kilo beansprucht. Der Kostenanschlag für den gesammten Bau schloß mit der verhältnißmäßig geringen Summe von 2 800 000 M. ab. Zu diesem günstigen Resultat trug neben der Konstruktion die hohe zulässige Beanspruchung des zur Lerwenduug gewählten Flußcifens und ferner, der Umstand bei, »gß zu jener Zeit die Eisenpreise sehr niedrig standen. Nachdem von den Stadtverordneten der den Ban vergebenden Gemeinde von den drei in Erwägung gezogenen Ausgangspunkten für die Brücke— Alten Zoll, Vierecksplatz und Theaterftraße— der Vierecksplatz gewählt war, wurde das ursprünglich für den„Alten Zoll" ausgearbeitete preisgekrönte Projekt der„Gutehoffnungshütte" unter Mitivirkung des mit der Brückcnbaulcitung beauftragten Regierungsbaumeisters Frentzen ftir diesen Ausgangspunkt um- gearbeitet und die Bauausführung der genannten Firma flir die Gesammtsumme von 2 650 000 Mark mit der Verpflichtung über- tragen, die Fertigstellung der Brücke bis zun» 1. Januar 1899 durch- zuführen. Die Höhenvcrhältniffe waren am Vierecksplatz lange nicht so im- günstig wie beim„Alten Zoll". Die Fahrbahn der Brücke mußte 2,30 Meter tiefer gelegt werden, die Brückenrampcn erhielten Steigungen von 1: 30, während im ursprünglichen Entivurf nur Steigungen von 1: 40 waren. Das Projekt erhielt bei seiner Um- arbeitung etwas verkleinerte Spannweiten. Die ausgeführte Mittel- ösfiiung hat jetzt nur 185 Meter Weite, bleibt aber trotzdem die größte Bogendrücke des Rheins, da selbst die neue Ucberbrücknng bei Düsseldorf mit 181, 2S Meter Spannweite um fast ö Meter kleiner ist. Die Vorarbeiten wurden so schnell gefördert, daß schon am 6. April 1896 die ersten Gerüste aufgestellt und mit der Gründung der beiden Strompfeilcr begonnen tverden konnte. Arn 15. Oktober war man bereits in der Lage, in der Baugriibe des Bonner Strom- Pfeiler den Grnndftcin zu legen. Die Gründung der Stroiirpfeiler eines solchen Ricsen-Banwerkes, das den Fluthen des Wassers und dcnr Anprall des Eises dauernden Widerstand leisten soll, muß selbstverständlich mit peinlichster Ge- wisseuhafligkeit erfolgen. Die Art und Weise der Ausführung dieser schwierigen' Arbeit ist interessant genug, um hier kurz erwähnt zu werden. Die äußere Spundwand wurde in der allgemein bekannten Weise in Holz ausgeführt, während die innere, dem Fundament nächstliegende, aus Walzeisen bestand. Diese ciscrncil Spundwände haben sich bereits wiederholt bei ähnlichen Arbeiten gut beivährt. Der Zwischenraum zwischen der inneren und der äußeren Spund- wand wurde mit Kies, Mutterboden und Lehm ausgefüllt. Die Baugrube selbst baggerte man mit dem Greifbagger fünf Meter tief aus und hierauf wurde mit den Betoninmgsarbciten be- gönnen, und diese in vierzehn Tage» in ununterbrochener Thätigkcit beendet. Es waren zur Füllung der Gruben 2000 Kubikmeter Beton erforderlich. Die mit Zementmörtel aufgeführten Pfeiler brauchten je von Flußsohle bis Brückenbahn 3500 Kubikmeter Mauerwerk. Die Spitzen der Strompfeiler find ans Basaltlava-Werksteinen, an den Seitenflächen befindet sich in Cyklopenmancrwcrk Basaltlava und das Innere der Pfeiler besteht aus Tafelbasalt, lieber der Fahrbahn sind die Pfeiler thurmartig ausgebaut. In der Zeit vom 23. Juni 1897 bis zum LI. Oktober 1393 fand die Montage der Eiscnkvnstruktion statt. Die großen Stromöffnungen wie die mittlere der Bonner Brücke sind zweifelsohne für die Schifffahrt und für die Wasscrverhältnisse ungemein günstig. Nachdem nun die Ausfühning der Rheinbrücke bei Bonn gezeigt hat, daß derartig große Ocffnungen auch bei be- schränktcr Konstruttionshöhe in ästhetisch befriedigender Weise und ohne übermäßig große Kosten überbrückt werden können, ist es verständlich, daß die Strombauvcrwaltungen bei Neubauten auf die Anlage von möglichst wenig Pfeilern und großen Durchfluß- weiten hinwirken; hierbei werden jetzt Anforderungen gestellt, die über die früher üblichen Verhältnisse ungemein weit hinausgehen. Bei der Montage der eisernen Ueberbauten bieten jedoch die großen Durchfahrtsöffnungen große Schwierigkeiten. Die Aufstellungs- arbeiten müssen, wenigstens wenn die Verhältnisse so oder ähnlich wie bei den Brücken des Rheinstromes liegen, auf festen Gerüsten ausgeführt werden. Die Eisenträger überspcunren mm gerade den Schifffahrtswcg, und durch die Montagegcrüstc wird mithin gleichzeitig ein großer, wenn nicht der größte Theil der Schifffahrtstrnße gesperrt. Dieser Umstand bildet nicht mir ein Hinderniß für den Verkehr der Schiffe auf dem Strom, sondern er bringt zugleich sehr ernste Gefahren für die Montagearbeiter mit sich. Das Anfahren oder Antreiben von Schiffen und Flößen gegen die Rüstungen ist nicht mit Sicherheit zu vermeiden. Jedoch ist die Montage der großen Brückenbogen bei der Bonner und bei der Düsseldorfer Brückenanlage trotz der großen Schwierigkeiten glücklich durchgeführt worden, sodaß ähnliche Unternehmen zweifellos in gleich erfolgreicher Weise zur Ausführung gelangen können. �Am 8. Dezember 1898 erfolgte die Probcbelastnng der neue» Rheinbrücke zwischen Bonn und Beuel, die befriedigende Resnltatc ergab, und am 17. Dezember fand dann die VerkchrSübcrgabe des Ballwerkes statt.— Die Brückenanlage bei Bonn gehört mit zn den beachtciiSwerthcn und interessanten Arbeiten, die deutsche Jngemeurkunst in Verbiiidung mit der unernliidlichen Ausdauer vieler fleißiger Hände am Ende des zur Neige gehenden Jahrhunderts vollbracht haben. Die Art>md Weise der Bauausführung dieses Riesenwerkes läßt die berechtigte Hoffnung zu, daß es die Stürme von Jahrhunderten übcrdanern und der Nachwelt verkünden wird, in tvelch' erfolgreicher Weise die Technik unserer Tage verstand, selbst die rebellischen Fluthen des Vaters der großen deutschen Ströme, des gewaltigen RheinfluffeS, durch Ucber- brückuiige» unter das Joch des Menschen zu beugen.— P. M. G r c nr p e. Kleittes Feuillekon. Um eln neues Verfahren in der Aquarellmalerei führt der Maler F. R. Fleischer einen zähen, leidenschastlichen Kampf, der auch weitere Kreise interessiren dürfte. Es handelt sich um eine Technik, die vorerst Herrn Fleischers geistiges Eigenthum ist.. Herr Fleischer hat eine Ausstellung seiner Gemälde. die nach seinem neuen Verfahren hergestellt sind, in seiner Kunst- Werkstätte, Wilmersdorf, Uhlandstrahe 124, veranstaltet. Sie ist für jedermann auf vorherige Anmeldung geöffnet.— Wer die Aquarelle gesehen hat, wird thatsächlich durch die technische Erfindung des Herrn Fleischer betroffen. Die künstlerische Bedeutung der Bilder selbst soll hier nicht berührt werden. Technisch wird es deutlich, daß die Malereien Fleischer's eine wärmere Lcncht- kraft haben, als sie sonst vom Aquarell ausgeht, das; die Farben- töne weicher in einander verschmelzen. Die Arbeit kann unter- krochen und wieder aufgenommen werden, ohne das harte Ränder übrig bleiben. Dabei versichert der Erfinder, dafi sein weniger sprödes Verfahren durchaus nicht mehr Arbeitsaufwand und Zeit erfordere, als man für die bisher übliche Technik verwandte, und dah er sich keiner anderen Wasserfarben, als der im Handel gebrauch- lichen, bediente. Danach wäre für die Aqnarelltechnik gclvifi ein Fortschritt gc- schaffen. Ob der Aquarellmalerei überhaupt dadurch so wcrthvollc Anregungen erwüchsen, ob die Bereicherung etwas Wesentliches für die Kunstiibung im Allgemeinen bedeute, namentlich im Hinblick auf die vorherrschende Ocltcchnik: das zu entscheiden wäre Sache der zünftigen Maler. Darüber führt nun Herr Fleischer Klagen, wie sie nur ans der Verbitterung hervorgehen. Er hat eine Broschüre:„Mein Kampf ums Recht" heraus- gegeben. Darm erhebt er Vorwürfe gegen die Akademie, die Zunftgcnosscn und die AusstellungS- Kommissionen. Diese Vorwürfe könnten leicht widerlegt werden. Der Erfinder kann die Akademie nicht zwingen, sein Verfahren zu kaufen, ohne das; die Akademie es nicht genau kennt. Sein Geheimnifi Ivollte Herr Fleischer nicht preisgeben. Das ist seine Sache. Aber eine Er- klärung des Beauftragten der Akademie, des Herrn Professors Bracht, der mit Fleischer verhandelte, könnte den Anklagen Fleischer's die Spitze abbrechen. Fleischer ruft in seiner Broschüre: Gutachten heraus! Es soll nämlich ein Bericht Bracht's für den Senat der Akademie eine gutachtliche Grundlage abgegeben haben. Der Bericht kann aber doch nur sich auf die augenfälligen Erfolge der Flcischcr'schen Technik und nicht auf ihr Wesen beziehen. Es ist billig, dafi man den Erfinder hierüber aufklärt.— Was das AÜSstcllungswcscn anlangt, so nimmt Herr Fleischer an. dafi man ihn allgemein boykottire. Wir haben in Berlin eine solche Konkurrenz von Ausstellungssälen, eine solche Ilebcrfüllc von ausgestellten Kunstobjektc», dafi diese Annahme geradezu ungc- heucrlich erscheint. Die einfachste Widerlegung tväre es. das; man sich in einem oder dem anderen öffentlichen Kunstsalou cnt- schlösse, die Kenntnis; von der Technik Fleischer's der Presse und einem ivcitcren Publikum zu vermitteln. Die öffentliche Erörterung wird dann in diesem RcchtS- und Kunststreit mehr Klarheit schaffen.— dg. Berliner Handel im Mittelalter. Berlin blickt als Handelsstadt auf eine ziemlich lange Vergangenheit zurück. Die erste Grundlage für sein raschcS Anfblühen ivar das Marktrccht, verbunden mit der Nicderlage-Gcrcchtigkcit und der Zollfrciheit in fast allen märkischen Städten. Die Niederlage, die in einer Urkunde von 1298 schon ein altes Berliner Recht genannt tvird, bestand darin, das; alle die Stadt passirenden Waarcn in derselben eine Zeit, meist „drei Sonnenscheine", d. h. drei Tage, feilgehalten Iverden mußten. Nebe» dem„Stättegcld" hatten die Händler hierfür noch ein nach Werth und Menge der Waaren berechnete Abgabe zn zahlen, die der Stndtkassc zufloß. Der älteste Berliner Stättcplatz befand sich ans dem Mühlcnhof. Da der reisende Kanfinann die mit der Niederlage bc- günstigtcn Städte nie umgehen durste(wenn er andere als die gc- schlich vorgeschriebenen Handelsstraßen einschlug, verlor er Hab und Gut)„ wurde Berlin infolge seiner Gerechtsame, bald reich; denn an seinen Thoren führten sechs Handelsstraßen vorüber. Außer für die Waaren mußte der Händler auch noch für Schiffe, Karren, Wagen zc., also für das Transportmittel eine„Niederlage" zahlen. Ein Magdc- burger Schiff(Elbkahn) gab 32 Pf., ein„Einbaum", d. h. ein ans einein Baum gemachter Kahn, 4 Pf.(1 Pfennig-=- ca. 2 Groschen). Daneben hätte der fremde Kaufmann auch noch die Wer- pflichtung, seine Güter von einheimischen Arbeitern vcr- ladcir zu lassen. Jahrinärkte hatte' Berlin drei, Kölln zwei. Jeder Markt wurde eingeläutet, und alsdann in seiner Mitte ein großes Kreuz errichtet. Wer unter seinem Zeichen Streit begann, Ivurde als Fricdensbrecher bestraft. An Stättegcld zahlten die Märker 2 Pf., die„außer der Mark sitzen" 16 Pf. Das höchste Stättegeld zahlten die Gewandschneider, nämlich 2 Schilling Pfennige, d. i. I.THlr. 1 Sgr. SVz Pf. Sie hatten dafür allerdings auch ihre besonderen Kaufhäuser. Für die Krämer, d. h. die Klein- Händler, die sich wescnlich vom„Kaufmann" unterschieden, stand am Neuen Markt ein„Lkramhaus". Die Urkunde sagt:„Welcher Krämer in dem Kramhnuse steht, hat er beschlagen zwei Gebinde szwci Bänke), so giebt er davon 1 Schilling Pfennige, steht er zwischen drei Ge- binden, so giebt er 2 Schillinge, da soll Gnade dabei sein." Neben der Niederlage und dem Stättegeld hatten die Händler auch noch den„Herrenzoll" zu enttichten, d. h. den Zoll an den Landes- Herrn, den Berlin indessen für eine Abgabe gepachtet hatte. Mit besonderen Abgaben waren der Holz- und Weinhandek belegt, der erstere mußte von den schockweise ausgestellten Kloben ein Platzgeld zahlen. Die städtischen Holzplätze lagen in der Stralauer- und zwischen Roß- und Grünstraße. Jeder Wein, der eingeführt wurde, mußte vor dem Verkauf vom Rath— geprüft werden. Neben der Abgabe hatte dieser von« Weinhändler auch noch ein Geschenk von— Konfekt zu fordern. Ueberhaupt durfte der Wein nur im Nathskeller verschänkt und, einmal eingeführt, nie wieder exportirt iverden. Von anderen Importartikeln' sei noch das Bier und der Höring er- ivähiit. Das erstere kam aus Bernau und der Altmark, der Höring über Anklam und Stralsund. Sehr streng bestraft wurden die Schab- oder Schcinkäufe. Wurde ein„alter Finanzer"(Bezeichnung für Betrüger) dabei ertappt, so wurde er auf Jahr und Tag der Stadt verwiesen. Für den Hörings-, Honig- und Fischhandel existirten geschworene Makler, die das ganze Geschäft zn überwachen hatten. Der Salzhandel lag in den Händen zweier Salzmcister, die ver- pflichtet tvare», stets genügendes und gutes Salz im Vorrath zu halten.— Erziehnng und Unterricht. k. W e t t k ä m p f e im Reden an amerikanischen N n i v e r s i t ä t e n. Unter den Einrichtungen an amerikanischen Universitäten sind dem englischen Professor Perch Gardner, der in einer englischen Monatsschrift seine Eindrücke niitiheilt, zwei be- sonders aufgefallen: die Debattirübungen und die Pflege des Sports. Auch die erstere» sind vollständig wie ein Sport organisirt. Wie zum Ringkampf oder zum Fußballspiel wird unter den Schülern ver- schicdcncr Lehranstalten eine Auswahl für die Debatte getroffen. Die gegnerischen Parteien treten sich auf einer Plattform' in einer großen' Halle gegenüber. Zur Diskussion ist schon vorher ein politisches oder' soziales Thema festgestellt worden, daß Argumenten einen großen Spielraum bietet. Je nachdem die Rolle zngetheilt ist, greifen die Gegner an oder vcrtheidigen. Auch ein Richter ist ein- gesetzt, der zu entscheiden hat, Ivelchcr Partei der Sieg zugefallen ist; lediglich die Geschicklichkeit in der Belveisführung ist für sein Urthcil maßgebend, nicht ettva sachliche Gründe. Die Kameraden der siegreichen Partei sind natürlich stolz ans ihren Sieg, Gardner meint, nach seinen Beobachtungen kämen die jugendlichen Redner in der Leichtigkeit und dem Fluß der Rede den englischen gleich oder sie überträfen sie noch, aber sehr ausdrucksvoll sprächen sie nicht. Es schien ihm eher, als ob sie ein sorgfältig vorbereitetes Thema Ivicdcrholten, als daß sie ihren Gegenstand wirklich erfaßten und ihren Gegner zn Boden schmetterten. Und noch ein anderes fiel ihm sehr auf: In Oxford und Cambridge könnte man sicher nicht sechs oder acht Reden hören, die so wenig Ironie, Sarkasmus oder Humor enthielten wie die, die er in Harvard hörte. Jeder der Redner Ivar enist, ernst bis zu einem gewissen Stumpfsinn; Scherz und Humor schicke sich bei einer solchen Gelegenheit nicht, wurde ihm gesagt. Gardner äußerte auch starke Zweifel, ob es richtig ist, einen Studenten zu veranlassen, irgend eine Partei in der Debatte zu er- greifen, ohne daß die persönliche Uebcrzcngung in Frage kommt. Für den zukünftigen Advokaten mag diese Ue'bung ja ihren Nutzen haben, schwerlich aber ist die Geschicklichkeit, eine gegebene These zu verfechten, wünschcnswerth etwa für den, der später im politischen Leben eine Rolle spielen will.— Psychologisches. e. Neue Beiträge zur Psychologie des Traumes bringt der französische' Arzt Dr. Pilcz in den„Annales Medico« Psychologiques". Während des 5jährigen Aufenthaltes als Arzt in einem Institut ivar er in der Lage, geeignete Bcobachtutigcn anzustellen, da das gleichfönnige Leben in diesem ihm Gelegenheit gab, unter ziemlich gleichmäßigen Bedingungen zu leben. Die Beobachtung des Traum- lebens wird durch die bekannte Erfahrung, daß die Klarheit der Erinnerung an Träume sehr starkem Wechsel unterliegt, sehr er- schwcrt. Während Dr. Pilcz sich oft viel später erst an Träume wieder erinnerte, waren andere Träume von großer Lebendigkeit schon nach kurzer Zeit nicht mehr ins Gedächtniß' zurückzurufen, und wieder andere prägten sich für immer ein. Wenn er nach kurzem Schlaf geweckt wurde, so erinnerte er sich gewöhnlich an keinen Traum; war es ihm dennoch möglich, so handelt es sich stets um Ereignisse, die weit zurücklagen, niemals um solche der jüngsten Vergangenheit, von denen er geträumt hatte. Einige Wochen hindurch nahm er vor dem Einschlafen Brom, Paraldehyde, Thce, Alkohol zc., oder er machte sich durch körperliche und geistige Anstrengungen sehr müde. Nach schwerer Anstrengung, nach dem Genuß von Thee, Kaffein oder Alkohol hatte er kurze Träume, die sich fast ausschließlich auf die jüngste Zeit bezogen, nach nicht über« tricbcncn Anstrengungen, nach dem Genuß von Brom und Paraldehyden hatte er entweder einen traumlosen Schlaf, oder es erschienen ihm alte Bilder. Pilcz komnit zu dem Resultat, daß, während eine gewisse Periode oder Regelmäßigkeit in der Intensität der Träume nicht bewiesen werden kann, eine Beziehung zwischen der Tiefe des Schlafes und dem Gegenstand der Träume besteht. Der tiefste Schlaf ist völlig traumlos. In einem ziemlich festen Schlaf erscheinen Bilder, die ältere Erinnerungen wieder auffrischen; Eindrücke der jüngsten Zeit mischen sich erst in die Träume, wenn der Schlaf schon leicht ist. Bei Geisteskranken läßt sich konstatiren, daß ihre fixen Ideen niemals in ihren Träumen erscheinen. Ein Kranker, der überall Stimmen zu hören glaubte, versicherte, daß er nie von seinen Verfolgern träume; er behauptete auch, daß er in der Klinik nie von dieser, sondern stets nur von seinem früheren Leben träume.— Aus dem Thicrlevcn. !o. Eine merkwürdige Bcobcichtung an einem seit noch nicht langer Zeit bekannte» Frosche ans der Jnselgmppe der S e h- schellen, östlich des amerikanische» Festlandes, beschreibt Dr. Brauer aus Marburg. Schon vor einigen Jahren wurde in Venezuela und auf der Insel Trinidad ein Frosch beobachtet, auf dessen Rücken, und zwar war es stets der väterliche Rücken, kleine Frösche im Zustande fußloser schwanzbcgabter Larven sich mit ihre,» Maule fcsthlclten und sich so herumtragen ließen, bis ihre weitere körperliche Entwickelnng ihnen ein freies Leben und eigene Bewegung gestattete. Brauer fand nun im Hochsommer in einem Walde auf der Insel Mahv in etwa 500 Meter Höhe einen alten Farnbaum« stamm am Boden liegen und brach ihn auf, um sein Inneres zu untersuchen. Zu seiner Ueberraschung fand er darin einen kleine» Frosch, der ihm sofort dadnrch auffiel, daß sein Rücken nicht glatt sondern mit einer schwammigen Masse bedeckt war. Als er ihn ergreifen wollte, sprang der Frosch fort, aber gerade in das vorgehaltene Glas mit Alkohol, so daß er fast ganz unversehrt blieb. Braner betrachtete nun die schwammige Masse auf dem Rücken näher und erkannte darin 0 kleine Froschlarven, die am Rücken und an den Seiten dcS elterlichen Thieres aufsaßen. Sie hatten einen langen Rnderschwanz, die Hinterbeine waren bereits in der Anlage erkennbar, die Vorderbeine noch ganz von Haut bedeckt. Sie hielten sich nicht mit dem Munde auf dem glatten Rücken fest, sondern schienen mit ihrem Bauche darmr festgeklebt. Noch nrehr- mals fand Brauer solche Frösche nrit Larven, die sogar nntunter schon viel weiter entwickelt waren, so daß sie bereits ganz ordent- liche Vorder- und Hinterbeine besaßen. Die jungen Frösche lassen sich auf diese Weise nicht etwa nur von einem Tümpel in einen anderen tragen, sondern bleibe» während der größten Zeit ihrer Eni- Wickelung auf dein Rücken des alten Thieres liegen. Man kennt nun seit langem Frösche, bei denen die Jungen schon als Eier auf den Rücken des nräimlichen ThicrcS gebracht iverden und dort auskriechen. Besonders eigenartig und wohl'jedem Raturfrenude bekannt ist das Bild der amerikanischen Wabenkrvte sPipa). Bei dem Seychellen- Frosche kann das nicht so sein, denn Brauer hat einen alten Frosch zwischen feuchten Blättern überrascht, neben dem ein Häufchen Eier am Boden lag, er setzte diese in ein Gläschen, da? mit feuchten Holzstücken gefüllt Ivnrde und hatte die Freude, am nächsten Morgen eine Anzahl Kaulquappen, mit dem Bauch an die Wände des Glases angepreßt, zu finden. Die jungen Larven verlassen die Eihnllcn also jedenfalls auf dem Boden und kriechen dann mit ihren bereits cnt- wickelten Hinterbeinen und dem großen Rudcrschlvauze aus das alte Thier hinauf und halten sich dort mit dem Bauche fest. Besonders wunderbar ist die Thatsache, daß dabei der Klebestosf, mit dem fich die jungen Frösche auf dem glatten väterliche» Rücken an- leimen, nicht von ihnen selbst erzeugt, sondern vom Vater geliefert wird. Brauer beschreibt im„Zoologischen Anzeiger" die Lebensweise des Frosches noch etlvas genauer. Er hält sich aus- schließlich am Boden zwischen feuchten Blättern und in hohle» Baumstämmen auf, das Vorhandensein von Haftscheiben an den Zehen läßt jedoch vcnnnthen, daß er gelegentlich auch auf die Bäume hinmlf kriecht. Seine Nahrung besteht auS Termiten, von dener er große Portionen vertilgen muß, denn Braner fand in einem Frosch- magcn neben de» Resten eines Käfers solche von über 30 der großen Ameisen. An den jungen Fröschen ist es besonders ausfallend, daß sie vcrhältnißmäßig lange Zeit keine Athnmngsorgane besitze», sie müssen so lange lediglich durch ihre Haut athnien. Der lange Schwanz, den unsere Frösche schon in einem ziemlich frühen Eni- wickclnngSstadium abwerfen, bleibt den kleinen Seqchellenfröscheu lange erhalten, wahrscheinlich weil er ihnen unentbehrlich ist, um «uf den elterlichen Rücken zu gelangen und sich dort festzuhalten.— Physikalisches. — Warum tönen die Telegraphen« resp. Telephondrähte? Im„Prometheus" war die Behauptung ausgesprochen worden, daß diese Erscheinung unabhängig vom Winde sei und durch Wind nicht entstehe, da bei' windstillem Wetter die Drähte besonders stark tönen. Darauf antwortet Dr. A. Miethe in demselben Blatte: Ich glaube, daß die Beobachtungen, von ivelchen der Fragesteller ausgeht, ungenau sind, wie man sich sehr leicht ge- legentlich oder absichtlich überzeugen kann. Thatsächlich ist richtig, daß die Drähte bei scheinbar windstillem Wetter unter Um- ständen sehr kräftig tönen, dagegen bei starkem Sturm an Stelle des Töneus jenes bekannte Sausen eintritt, welches diejenigen recht genau keimen, über deren Häuser Telephoulcitnngen ge- ftihrt sind. Bei völlig windstillem Wetter aber findet niemals ein Tönen statt. Der Fragesteller kann fich davon sehr leicht über- zeugen. Er braucht nur an einein der Drähte in der Mitte zwischen zwei Stangen einen leichten Seidenfaden zu befestigen und wird dann finden, daß die Drähte niemals tönen, wenn der Seide, ifadcn senkrecht herabhängt, dagegen sehr laut tönen, wenn er durch einen an der Erdoberfläche mid ohne besondere Mittel über- Haupt kaum nachweisbaren Wind nur wenig ans der Vertikale abgc- lenkt wird. Daß Tclegrnphendrähte von 30 Metern Länge einen hörbaren und zwar im'Allgemeincn nicht übermäßig tiefen Ton durch die Reibung an bewegten Luftschichten von fich geben, ist nur da- durch überhaupt zu erklären, daß der Draht nicht in seiner ganzen Länge vibrirt, sondern Knoten bildet. Erst dadurch, daß er durch Schiving, mgSknoten in mehrere gleich lange Stücke zerfällt, wird die Schwingungszahl der einzelnen Drahtstücke eüie so große, daß ein hörbarer Ton entsteht, während dies nicht der Fall sein könnte, wenn der Draht seiner ganzen Länge nach ohne Knoten- bildung schwinge» würde. Offenbar tritt nun dieses Schwingungs- knotenbilden nur dann ein, ivenn der Wind sehr gleichmäßig und sehr leicht ist. Bei starkem Winde wird eine Knotenbildung voll- kommen unmöglich gemacht, da der Draht gewaltsam zur Seite gezerrt wird und jedenfalls unter den unregelmäßigen Wind- stößen ähnlich schwingt wie ein loses Seil, welches inan an irgend clncr Stelle plötzlich anschlägt wie eine Violin- saite. Ein derartiges Seil zeigt bekanntlich, daß sich die durch den Schlag erzeugte Welle allmälig nach beiden Enden fortpflanzt, Ivobci selbstverständlich kein Ton entsteht. Durch starken Wind wird der Draht gewiß fast immer so stark gereckt werden, daß von dem Zusiandckomnicn regelmäßiger Schivingüiigen in einzelnen Abschnitten desselben nicht mehr die Rede sei» kann. Schließlich ist noch Folgendes zu bemerken: Regelmäßige? Tönen iritt überhaupt u»r dann ein, wenn der Wind ungefähr senkrecht zur Drahtrichtung oder ivenigstens nicht in sehr spitzem Winkel zu derselben ivirkt. Auch dies ist eil, llmstand, welcher zil Irrungen Anlaß geben kann. Wen» beispielsweise eine Telegraphcnleitung von Süd nach Nord gespannt ist, so wird sie bei westlichem Winde besser tönen als beispielsweise bei Nordnordost, und es wird daher eine derartige Leitung zu dem falschen Schlüsse Anlaß geben können, daß bei Wittermigswechsel ein besonders starkes Klingen eintritt, da bekanntlich Plötzlich anftauchcnder schwacher Westivind vielfach ein Vorbote von Witter»iiigsündcrungcn, besonders im Winter, ist. Ferner ist es möglich, daß irgend welche anderen llrsachcn da? Klingen der Drähte zu Wege bringen, speziell die in denselben ver- laufende elektrische Strönumg oder eine Jnduktioiislvirknng des Erd- maguctisnius. Thatsächlich gicbt cS ja sogenannte magiictischc Töne, dieselben treten aber unter ganz anderen Bcdi»gl»igcii und mir imter Auwcudlnig von Kräften ans, die nuciidlich viel stärker sind, als die hier in Frage kviimicndeii.— HnmoristischeS. — Energisch. Tourist:„Sagen Sic einmal, mein Bester, kommt denn heute Nacht kein Mond?" Einheimischer:„Woll, der kinnnt llmen' Elfe I" Tourist:„Sind Sic aber auch sicher Mann?" Einheimischer:«Des glaabst, rauß»maß er l I"— — Ein g e m ü t h l i ch e r Herr. Buchhalter:„Hentc bin ich gerade fünfundzwanzig Jahre bei Ihnen I" Chef(brimunend):„Deshalb hätten Sie doch nicht diesen Morgen f ü n f Minuten zu spät zu kommen brauchen!'— — Druckfehler saus einer Zcitnng). Gestern Abend stürzte fich in einer Anwaiidluiig von Geistesgestörtheit Herr Bäckenncistec Mchlivimn in den hinter seinem Hause befindlichen Teig, aus dem er erst nach langer Mühe wieder herausgezogen werden Konnte.— l.Meggcud. hu,». Bl.") Notizen. — Max K r e tz e r's Schauspiel«Der Sohn der Frau" ist jetzt auch als Buch in E. Piers on'S Verlag in Dresden er- schienen.— — Der Romanschriftsteller und Dramatiker Adolphe Dennery ist, 88 Jahre alt, zu Paris gestorben.— — Zur Feier dcS hundertjährigen Geburtstages von Puschkin sam 2«. Mai) will die Moskauer Stadtverwaltung eine Auswahl seiner Dichtungen herausgeben, um sie an die Jugend der Stadt zu verschenken. Ebenso wird die Moskauer Gesellschaft für VolkSbildmig Werke des Dichters und seine Biographie in populärer Darstellung veröffentlichen. Auch eine Prachtausgabe seiner Werke, von den hervorragendsten Künstler» Rußlands illustrirt, soll zu», Jubiläumstagc erscheinen.— — Von Richard Strauß wird am 22. März im Opern- Hause eine neue Tondichtung„Ein Heldenleben" zur Auf- sührung gebracht werde».— — Bei der Anlage eines StraßenzugeS auf der Insel B r, o n i g r a n d e hat man intereffante Baureste mit M o s a i k b ö d e n, Gemäuer und Resten einer H e i ß l u f t l e i t u n g in einer Länge von 100 Meten, aufgedeckt. In der'rLinischcn Blülhezeit hat dort eine Villenkolonie bestanden.— — In G r o ß b r i t a n n i c ii giebt es jetzt 130000 Lehrerinnen. d. h. etwa dreimal so viel als Lehrer.— — Die russische Moos Waldheidelbeere oder„Kljulttva* soll sorgfältig kultivirt und nach Westeuropa, besonders»ach Deutsch« land exportirt werden.— — Soeben erschienen: Postkarten mit Porträt von Nataly von Eschstruth.— Wo, sagt die Rcdaktton des „B. L.-A."—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 29. Januar._______ Verantwortlicher Ncda'teur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Atax Babing in Berlin.