Anterhaüungsblatt des Jorwärts Nr. 21. Sonnwq, den 29. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Merrn ZtckendvAkl�s Z�enfioniive. 21Z Roman von O. Eugen Thossan. Große Pause. Herr Zickendrath ist bei dem Wort „Erziehungsmethode" ein klein wenig zusammengezuckt. Fritze träumt mit großen feuchten Augen vor sich hin in die Weite. Es thut ihm wohl, gefeiert zu werden, aber es steigert auch die wehe Empfindung, die in ihm wallt. Der Widerspruch zwischen seiner Vortrefflichkeit und der ablehnen den Haltung Manni's wird ihm immer fühlbarer. Mannt ist etwas verlegen geworden und sucht es zu verbergen, indem sie sich zu Johannes hinüberbeugt und ihm etwas in das Ohr flüstert. Dem Kantor entgeht nichts. Er lächelt wie zehn „Mephistoklesse" und spielt seinen letzten Trumpf ans. „Einem Wunsch aber müssen wir noch besonders Ausdruck verleihen, einem Wunsch, der mehr uns selbst gilt als ihm. Nämlich... unseren jungen Freund, den wir in der kurzen Zeit, da wir ihn kennen, alle schätzen und lieben gelernt haben... wir wollen ihn behalten. Wir hoffen und wün scheu, daß er auch nun, da er die Schule verläßt und in das Leben tritt, unter uns verweilen, unser Haus genösse bleiben möge. In der Ueberzeugung, daß Sie alle darüber eines Sinnes mit mir sind, fordere ich Sie auf, Ihre Gläser zu erheben und.. Alles steht auf und stößt begeistert mit dem Kantor und mit Fritzen an. Das Hoch klingt elementar. Die Meisten sind froh, daß es überstanden ist. Mutter Zickendrath aber versichert Fritzen nochmals ausdrücklich, sie halte es für ganz selbstverständlich, daß er bliebe. Und sie meint es ehrlich. Nach den Erkundigungen, die sie eingezogen hat, steht es faul mit etwaigem Ersatz nach Ostern. Es sind noch fast keine An Meldungen eingegangen. Dann legt sich die Aufregung, alles nimmt wieder Platz. Fritze aber ist stehen geblieben. Die rechte Hand, in der er das frischgefüllte Glas hält, zittert, und das Bier schwappt in kleinen leckenden Wellchen über den Rand. Er sieht's nicht. Seine Angen hängen an der Decke und nut leiser, umflorter Stimme fängt er an: „Ich danke Ihnen, Herr Kantor... entschuldigen Sie, Herr Tripps... von ganzem Herzen... für Ihre trostvollen Worte: aber... und ich danke Ihnen Allen... von ganzem Herzen!... aber es waren doch schöne Stunden, die ich hier verleben durfte, manchmal... nianchmal,. Die Zuhörerschaft wird unruhig. Das gicbt einen Um fall. Der Redner giebt sich einen innerlichen Ruck. „Aber wenn ich nun ins Leben hinausgehe, wie mein Herr Vorredner sagte... und... dann will ich auch lieber ganz hinausgehen... so schwer es mir auch wird, bitter schwer, das können Sie glauben... bitter schwer"— das klingt schon fast wie"Schluchzen—„Alles hinter mir lassen, was mir Werth und thcuer war"— es fallen einzelne Zwischenrufe, dann erhebt sich ringsum Ge- munncl, wird immer allgemeiner, nian hört nur noch ab- gerissene Worte, die Fritze mit Anstrengung herausstößt: „Lebewohl sagen... herzlichen Dank für alles Gute... in gutem Andenken behalten..." bis Frau Zickendrath ängstlich fragt:„Aber Fritz, wollen Sie denn wirklich ausziehen?" „Ja.. das will ich..." und dann sitzt er auf seinem Stuhl und heult, heult wirkliche Thränen. „Er ist voll," sagt Johannes halblaut zu Manni. XV. Er blieb natürlich doch. Ganz stillschweigend. Kein Mensch redete weiter davon. Nur der Kantor konnte sein Erstaunen nicht vollkommen unterdrücken, daß der Erfolg seiner Rede so wenig seiner Absicht entsprach. „Wissen Sie, mein lieber junger Freund"— anders nannte er ihn überhaupt nicht mehr—„eigentlich wundere ich mich doch über Sie." „Aber Herr Tripps," entgegnete Fritze verlegen,„Sie haben doch selbst..." Der Kantor unterbrach ihn.„Ich? Nu ja, natürlich. Aber wer sagt Ihnen denn, daß Sie sich nach mir richten sollen?" „Ich thu's aber doch gerne." „Nach mir soll sich kein Mensch richten. Ich bin ein ver- drehtes altes Huhn. Wenn ich Bisquittorte sage, dann meine ich allemal sauren Häring. Haben Sie das noch nicht gemerkt? Immer!.." Er wußte übrigens sehr wohl, woran es lag. Und er folgte der Iveiteren EntWickelung der Komödie mit grenzen- losem Behagen. Mit all seinen geheimen Organen lag er auf der Lauer, damit ihm ja keine noch so unbedeutende Wendung der Dinge entging. In solchen Sachen war er auch Feinschmecker. Eine ganze Weile blieb es still. Fritze zog allmorgendlich vor sechs Uhr ab, in seine Schlosserei und fabrizirte Feuer- spritzen. Wenn er ging, lag noch alles in den Nestern, zu Mittag hatte er nur eine Stunde Pause, und wenn er des Abends heimkam, war er so hundemüde, daß er sich um keinen Menschen mehr kümmern mochte. So war fast jede Gelegen- heit zu Zusammenstößen, freundlichen wie feindlichen, aus- geschlossen. Auch Manni hütete sich wohl, noch einmal in der Frühe als Kaffeespenderin aufzutauchen. Das war ein für allemal verabredet: Der.Kaffee wurde bereits Abends gekocht und in der Grude in heißem Wasser aufbewahrt. Da holte er ihn sich früh selbst und ging dann seiner Wege, ohne jemanden gesehen zu haben. Und merkwürdig, dieses Verhältniß zu Manni oder besser dieser Mangel jedes Verhältnssses zu ihr, drückte ihn je länger je weniger. Er hatte gar keine Zeit zu sentimentalen Träume- reien. Formen, gießen, löthen, schmieden, es war eine ganz neue Welt, die sich vor ihm aufthat, die Welt der Arbeit, und sie nahm ihn gefangen. Mit rauhen, sehnigen Armen um- schlang sie ihn, hielt ihn mit rußigen schwieligen Händen, aber fest. Das Schulleben hatte ihn doch zu wenig aus- gefüllt zuletzt, seine Kraft zu wenig in Anspruch genommen. Nun ging er auf in seiner Arbeit und in den Zielen, die allmälig vor ihm emporstiegen. Nur die Sonntage gaben jetzt noch Raum zur Einkehr und zu Betrachtungen. Und auch sie bekamen nunmehr für ihn einen eigenen Reiz, der von den alten Neigungen ablenkte. Er fing an, sich an diesen Tagen zu pflegen. Er wandte seinen Händen, seinen Fingernägeln, seinem Haar einen Grad von Aufmerksamkeit zu, den er früher nicht gekannt; und er begann sich mit peinlicher Sorg- falt zu kleiden. Wie alle Menschen, die am Wochentag in Schweiß und Staub und Ruß arbeiten müssen, lernte er den Luxus des Ruhetages schätzen mit seiner Sauberkeit, seiner weißen Wäsche und seinem besonderen Anzug. Und er spann sich ganz ein in die Behaglichkeit dieses Sich-als-Kulturmensch-fühlcns. Der größte Theil des Vormittags ging bei der Toilette drauf, und das Mittagbrot, bei dem er nicht zu hasten und zu Hetzen brauchte, wurde ihm ein Fest. Nachmittags machte er einen Spaziergang in vollem Staate, ganz ohne die Absicht, die Augen seiner Mitmenschen auf sich zu ziehen, sondern rein nur um eine Pflicht gegen sich selbst zu erfüllen, dem eigenen Werthbewußtsein zu entsprechen;. und die Abende brachte er meist bei dem Kantor zu, rauchend und seinen geistigen Horizont erweiternd. Er genoß die ganze Wonne des Ge- fühls, als nützliches und berechtigtes Glied der menschlichen Gesellschaft eingereiht zu sein. In diesem Dasein war kein Platz für eine unglückliche Liebe. Mit dem Osterfest bekamen die Sonntage noch eine neue Besonderheit. Karl Zickendrath, der Sohn, hatte aus- gelernt, war zum Handlungsgehilfen befördert worden und nahm von jetzt ab an den sonntäglichen Mahlzeiten in der Pension theil. Er war eiK langaufgeschosscner, aber schmalbrüstig gebliebener Bursch von siebzehn Jahren, mit unver- hältnißmäßig großen Füßen und Händen an dünnen Annen und Beinen, die Hände außerdem noch bcmerkenswerth durch ihre saftige Röthe, und mit dem lauten, schnüffeligen Gebahren aller jungen Kommis. Die Schmidt's nannten ihn unter sich nur den„Schwung" und erklommen mit dieser Bezeichnung den Gipfelpunkt verächtlicher Menschenbewachtung. Der„Schwung" machte es ihnen übrigens leicht, sich ihm gegenüber als Wesen höherer Art zu fühlen. Er war thatsächlich zum Schreien in seiner plump koketten Wichtigkeit. Er wollte sich um jeden Preis von einem gewöhn« lichen Häringsbäudiger unterscheiden und spielte sich deshalb mit krankhaften Anstrengungen auf den gebildeten Kaufmann hinaus. Das Bewußtsein, sich in gelehrter Gesellschaft zu befinden, mochte außerdem noch anfeuernd auf ihn wirken, und so sprach er über Alles und Jedes mit der ergötzlichsten Dummdreistigkeit und stritt bis aufs Blnt über Dinge, von denen er keinen blassen Dunst hatte. Die Schmidt's ent- wickelten eine satanische Findigkeit, ihn auf unsichere Gebiete zu locken. Und er kroch mit unglaublicher Bereitwilligkeit au jeden Leim. Gewöhnlich fing die Tischunterhaltung mit dem Geschäftlichen an. „Nun, Herr Kommerzienrath", interpellirte Johannes den alsbald die Ohren spitzenden Handelsjüngling,„wie steht's mit den Rosinen?" „Ja. lachte Karl dann mit behaglicher Ueberlegen- heit.„Das sagen Sie so leicht hin. Als ob das mit ein paar Worten abgethan wäre. Rosinen.. das ist ein sehr knifflicher Artikel." Und nun setzte er weitläufig auseinander, wie man Rosinen kalkuliren müsse, und redete so lange, bis die gesammte Tafelrunde in ein mordsmäßiges Hohngelächtcr aus- brach. Dann sah er sich ganz erstaunt um, zuckte die Achseln und meinte: „Ihr versteht eben alle nichts davon. Sonst würdet Ihr darüber nicht lachen. Das sind sehr wichtige Fragen im Handelsleben." Sein Interesse am Handelsleben und seinen wichfigen Fragen war indeß bis zu einem gewissen Grade eine schand- bare Heuchelei. Er sprach hauptsächlich davon, um seinem Alten gegenüber den„tüchttgen jungen Mann" heraus- zukehren. Sein Herz gehörte eigentlich der Welt, die zu leben verstand. Darunter begriff er die Leute, die noblen Passionen huldigten, besonders die Sportsmenschen. Er selbst trieb keinerlei„adelige" Ucbungen. aus naheliegenden Gründen. Aber er that, als ob er in allen Zweigen des modernen Sports daheim wäre. Von jedem Radrennen war er auf das Ge- naueste unterrichtet, dieNamen Lehr, Büchner, Arens, Bourillion, und wie die Strampler alle hießen, kamen so geläufig aus seinem Munde, als ob er mit ihnen allen einen Scheffel Salz gegessen hätte. „Donnerwetter, die Franzosen!" rief er über den Tisch weg.„Es ist doch eine Sache. Unsere deutschen Fahrer, es sind ja große Kerls. Aber sie machen Alles mit den Beinen, Alles mit den Beinen. Die Franzosen dagegen..." (Fortsetzung folgt.) SonukÄgsplandevet. Der fromme Herr Schädler vom Zentrian ist neulich in seinen Besorgnissen entschieden zu weit gegangen. Das war, als man um 60 000 M. für das Stratzburger Goethe-Denkmal bat. Er meinte, es könnte dann der und jener im Reichstag für irgend ein anderes Dichter-Denknial„plädiren"; und wer im Hause hätte nicht seinen LieblingS-Dichtcr? Mit solchen Kümmernissen hätte sich Herr Schädler doch wohl nicht beladen sollen. Er hätte sich im Kreise seiner eigenen, mann- haften Schaar nur umthun und auch sonst seine Blicke auf andere unentwegt trotzige parlamentarische Gruppen wenden sollen. Da hätte er dann erkannt, daß die Gefahr, durch überfeinerte Geistes- kultur oder Dichterverehrung zu verweichlichen, in unserer rauhen Zeit nicht allzugroß sei. Aus echten Männerkehlcn hätte er die Wahrheit vernehmen können, daß ein Mensch, der als Streiter im politischen Lebensernst „voll und ganz aufgehe", keinen Lieblingsdichtcr kennt, und überhaupt, wozu brauchen wir die Dichter? Die Tage sind vorüber, da wäh- rend einer Verhandlungspansc ein Abgeordneter seinen Landsmann, der eine Maß Bier trinken ging, erwiderte:„Ich will inzwischen ein paar Seiten Goethe lesen I" Solcher Sonderling dürste heute wie ein unangenehmer Geistesprotz auffallen. In Zeiten, da die närrischen Verächter aller geistigen Verwcich- lichung obenauf sind, haben die Dichter, die niemals recht in Reih' und Glied stehen mögen, einen schwerni Stand. Daß sie den Nc- gicrunqcn leicht lästig fallen können, wird Jeder von vornherein begreifen. Sie fallen in der That. um bei der sorgsamen Unter- scheidnng zu bleiben, die Herr v. d. Recke in der Ausweisungsfrage aufstellte, in doppelter Weise lästig. Einmal subjektiv, dann objektiv. Subjektiv. indem sie ganz persönlich erhöhte Empfindung auslösen, agitatorisch zu Gedanken anregen, objektiv, indem sie das Phlegma der Ordnuugsmenschen, die von ihnen durchaus nichts wissen wollen, dennoch in Unruhe versetzen. Sie stecken eben Andere, oft die nächsten An- gehörigen der Ordnungsleute mit ihrem Firlefanz und ihren Träumereien an. Aber auch andere mannesstolze Seelen, allzeit anstecht und ge- strenge, werden heutzutage barsch erklären:»Wir brauchen keine Dichter". Als daS liberale Geschlecht noch jugendlich und zukunftS- stoh war, da sog es aus den Werken eines einfachen Romanschreibers, des Friedrich Spielhagen, eine Fülle von Anregung und bewegter Freude. An Festtagen! wenn der Dichter wieder einmal einen besonderen Geburtstag feiert, wird das auch von allerernstestenLeuten und Würden- trägern, wie etwa die Helden und Sprecher von Bezirks- vereinen sind, in gehobenem Brustton anerkannt werden. Aber sonst, wenn diese leidige Festpflicht gethan ist, wird dieser Pathetiker gravitätisch einherftolziren, sich seine nimmermüde Rührigkeit vor dem Halleschen Thore oder im Potsdamer Viertel ins Gedächtniß zurückrufen und dann überlegen lächeln. Hat er nicht die Wankenden im Liberalismus gestützt, die Müden mit seinen ermunternden Worten aufgerichtet? Wer kann den Vorrath von einem guten Dutzend von Schlagworten so tapfer und energisch in die freie Mannesrede verweben, wie er? Dichterlein, Dichterlein. Verkrieche dich beschämt I Herr Schädler, der Fromme, hätte auch getrost sein Sprüchlein wider den nnheiligen Goethe hersagen dürfen. Wozu erst die Angst, als Bildnngsfeind und Philister angesehen werden zu können? Viele seiner Mitfrennde, die im arbeitsschweren Dasein und im Hochgefühl ihrer politischen Verantwortung keine Gelegenheit fanden, den verstorbenen Goethe durch ihr Studiuni zu ehren, hätten ihm sein Sprüchlein ohne weiteres Besinnen aufs Wort geglaubt und bei de» anderen maßgebenden Elementen wird man gewiß nicht gleich als Bildungsfeind verschrieen, wenn man gegen einen Dichter spricht, der seine Hofraths- und Exzcllenzwürde so weit vergaß, daß er nicht blos an der posittvcn Gläubigkeit rüttelte, sondern auch sonst noch allerhand Teufeleien und mephistophelischen Unfug trieb. Es ist wahr und durch nichts zu beschönigen. In dieser Hinsicht stand's um Goethe heidnisch schlimm; und er kann seinem Schöpfer danken, daß er nunmehr bald an die siebzig Jahre in der kühlen Erde ruht und es niemals mit einen: Strasrichtcr aus der Gegen- wart zu thun hatte. Wer nicht nachdenklich ist und durch keinen Zweifel seine Seele gefährdet, der kann ungeschoren durch die Welt von heute laufen. Sonst aber mag er sehen, daß er nicht„subjektiv und objekttv" die sticdlichen Zirkel der Frommen im Lande störe. An einer Stätte, wo die Unruhe sonst schweigt, ist dieser Tage ein Fall vor- gekommen, der auf den Geistesfortschritt in der Gegenwart ein höchst bemerkcnswcrthes Licht wirst. Ein Arbeiter trauert am ftischen Grab. Der Sarg mit den Resten einer theuren Person ist herabgelassen der Arbeiter wirst ein paar Erdschollen nieder und ruft vernehmlich Friede mit Dir! Auf Nimmerwiedersehen! Das Wort: Auf Nimmerwiedersehen! verletzte den Pastor und einige Andere, die der Szene beiwohnten, dennaße», daß der Ar- beiter sich vor dem Richter zu Verantivorten hatte und zu einer Haft« strafe verurtheilt wurde. Nicht einmal das erwogen hatte die Gläubigkeit, daß in Monienten solcher Erregung, wie der betreffende Arbeiter sie durch- zukostcn hatte, die Worte,' wie unwillkürlich sich ans die Lippen drängen; daß also, was gesprochen, was geklagt wird, halb u n- bewußt sich ans bewegtem Gemiith losdrängt. Der orthodoxe Eifer fand den Glauben an ein Wiedersehen iin Jenseits gekränkt, und für diese Kränkung verlangte er unuachsichtlich seine Genug- thuung. Herr Schädler hätte wirklich getrost Herz und Nieren des großen Wolfgang auf Gläubigkeit prüfen können; im Parlament des Landes der Dichter und Denker hätte er in der gegenivärtigen Lage außerhalb seiner Parteigemeinschaft Zustimmung und Hörer genug gefunden. Daß Goethe eine kosmopolitische Größe geworden, was geht das uns an, könnten die Nationalisten uns ertvidern. Sie sind ohnedies immer mit den Ermahnungen bereit: Die Deutschen sollten endlich einmal aufhören, hinzuhorchen, was die Fremden von ihnen und ihrem Wirken sprechen. Wollte man im Geiste derer, die über den Arbeiter am Grabs ungehalten waren, jene Werke der Weltliteratur revidircn, die ein geistiges, völkerveremendes Band bilden, welcher Denker, welcher Dichter bliebe verschont? Hat nicht ein armer Mann, wie Hamlet war, schon gezweifelt und sprach nicht er schon vom Reich des Jen- eits,„aus des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt?" So lange hat sich der Dutzendbürger unter uns mit den Errungen- ichaftcn naturwissenschaftlicher Erleinitniß, mit der glänzenden technischen Entfaltung mochte er selbst auch an ihnen nicht den geringsten Antheil gehabt haben, selbstzufrieden getröstet, daß er es nicht' beachtete, welch' ironischen Gegensatz hierzu die Freiheit der Geister zur Wende des IS. Jahrhunderts abgebe. Man will nicht !ern entbehren. Man wird ungeduldig, wen» irgend eine technische Erleichterung, eine neue Bequemlichkeit nicht alsbald verbreitet wird. Aber mit dem geistigen Hunger steht es wescnrlich anders. Im Großen, wie im Kleinen. Daß einer geistig entbehre. daß er mit einem Knax im Innern heruinlnufc und Demüthigung umDemiithignng erttage, darüber erregt man sich nicht sehr, wenn er nur zureichendes Futter erhält. Bis in kleinbürgerliche Kreise hinein ist das geistige Abhängigkeitsgefühl so sehr gewachsen, daß man sich der Gnaden tröstet, wo man um ein Recht zu kämpfen hätte. So kann man gegenwärtig manchem Biedermann begegnen, der über die Forderungen des Königs Scherl ivohl auch seinen Mißmuth äußert, dann aber den Finger an die bedenkliche Nase hält und meint: Aber die Ausgesperrten haben doch verdient I So fürchterlich groß schreiben sie das Wort»Verdienen", so sehr gehen sie im Ge- danken von dem gnädigen Herrn auf, dajj sie um des Verdienstes willen alle Mannbarkeit, alle Selbstbestimmiing preiszugeben bereit sind. Bände ihnen wer einen dünnen Bindfaden um den Hals und zerrte daran, sie würden wund gerieben und sckrien. Finge man sie aber geistig mit einem armdicken Tau ein und schnürte ihnen die Kehle so eng zu, daß sie kaum frei athmen könnten, sie schrien nicht, sie beschwerten sich nicht. Denn sie sind geistig demüthig gemacht und haben ini geistigen Sinn niemals mit dem Faust der Geduld fluchen ge- lernt; und doch zetert ein dummer Teufel selbst, wenn man ihn gebannt hat und er vor dem geweihte» Zeichen nicht entweichen kann; und doch haben dürftige Schweizer Bauern vor einem Hut, dem Sinnbild herrischen Uebermuths, die Reverenz verweigert. Wenn der Biedere auf dem Theater seinen„Tell" hört, ja, da wird er gerührt und seine Pulse schlagen rascher. Hier hat aber ein moderner Zeitungs- könig kraft absolutistischen Wahns seinen Hcrrenhut aufstellen lassen. und derselbe Biedermann schleicht scheu vorüber in dem Hinlveis auf die jämmerliche Spruchweisheit des Satzes: Wess' Brot ich esse, defl Lied ich singe.—_ Alpha. TNeknes Feuilleton. —8— Die Hauptsache. Tos Stubenmädchen ließ ihn im Korridor stehen:«Warten Sie einen Augenblick, Frau Direktor kommt gleich." Damit gjng sie wieder nach den hinteren Näunten. Er sah sich schüchtern um. I» der einen Ecke des teppichbclcgtcn Raumes stand ein großer Kleiderständer. Pelzmäntel, mit Seihe ge- füttert, Uniformröcke und zierliche Damenjäckchen hingen neben- einander. Die Damenjnckchen strömten einen feinen Hanch, wie Frühlingsdnft, aus. Nebeil dein Kleiderständer erhob sich ein buntes Porzcllangcfäß; Schirme, Stöcke mit silbernen Knöpfen ragte» heraus. An der anderen Seite hing über einem schmalen Tisch ein hoher Krhstallspiegel, in den zwei elektrische Seite» lampe» ihr Licht warfen. Er sah sich in dem Spiegel. Eine jähe Nöthe überflog ihn. In dieser Luft ninßte man ihn ja mcierweit mit der Nase spüren. Dieser muffige Kellergeruch, der seinen Kleidern anhaftete... Da ging die Treppenthnr. Eilie hohe starke Dame nnt energischem Gesicht und grauen Augen kam herein. Frischer Winlcrgeruch mnivchte sie.«Run V* Sie sah ihn fragend an, während sie ihre geflitterten Handschuhe abzog. Ah so! Ja, er hatte gedacht, die Hereinkommenden hätten zu grüßen. Aber natürlich müßte er zuerst grüßen. Das schickt sich so für Bittende, für Arme. Sie hatte ihm gewiß angesehen, Iva» er wollte. «Ach!" machte sie freimdlich und nahm ihren Hut ab. Sie sind gewiß der Mann, den ich herbestellt hatte?.. Sind Sie nicht ein bischen zn früh gckomnien? Na. das schadet ja nichts. Das gefällt mir besser, als wenn Sie zu spät gekommen wäre». Aber waruni hat Sie denn das Mädchen hier aus dem finsteren Korridor stehen lassen? Ja, diese Mädchen!..." Sie öffnete die Thür nach dem Speisezimmer. In seiner Vrrivirnnig ging er vor ihr hinein und ward nun ganz verwirrt, gelähmt über seine Ungeschicklichkeit. Bc- schämt blieb er steif an der Thür stehen. Wie er wohl in dem hellen Tageslicht zwischen den feinen, ge- schnitzten Möbeln aussehen mochte? Das lvar sein Gedanke, während sie ihn ausfragte:«Also Sie sind der Mann, der sich auch um die Stelle beniüht hat? Ja Ihre Schrift und Ihre Sprache haben mir ani beste» gefallen. Es liegt etwas Feines in Ihrer Art. Wenn Sie nur die Stelle annehme» können? Sie werden sich ja denken können, daß wir einem Lercinsbotcn nicht viel bieten dürfen". Sie sprach, ohne auf seine Antwort zu warten, ruhig weiter. Er blickte kaum auf. Nur jetzt ein flüchtiges Blinzeln. Da blieb sein Auge auf Schmuckstücken über dem Divan haften. Zwischen schillernden Auerhahn- und Fasanengchängen zogen sich leuchtende Guirlauden hin. Ans dunklem Lorbeer- und hellerem Orangcugrün strahlten kleine, quittegelbe Ponuneranzen und grelle Zitrone». Darunter hinge» riesige, weintraubcnartige Gebilde, braune und grüne Flaschenkürbisse, blntrothe Beeren zwischen Palmcnblnttcrn. Sie hatte immer weiter gefragt. Sein Schweigen mußte sie wohl als Bejahung gedeutet haben. Jetzt aber wiederholte sie eine Frage:«Nicht wahr, Ihre Kinder sind alle getauft?" Er schreckte aus seineni Traum aus. Nach einigem Nachdenken verstand er ihre Frage:«Nein... nein... die beiden jüngsten nicht," flüsterte er heiser. „Ja, das ist aber schade... Ich hätte Sie so gern für unseren Verein gewonnen.... Nun, Sie begreifen.. das geht nun nicht...." Er ging mit wirrem Kopf hinaus, sich an allen Ecken stoßend. Die Farben der Speisezimmer-Dekoration flimmerten noch vor seinen Augen.-- — Der erste Zylkuderhnt in London. Mr. Hetherington hieß der Kühne, der sich zuerst, am 15. Januar 1797, im Zylinder auf der Straße zeigte. Daß er damit Sensation hervorrufen würde, hatte er ja als selbstverständlich angenommen, aber daß es thatsächlich zu einem gewaltigen Aufstände kam, war ihm doch außer allein Spaß. Uni 11 Uhr Vornuttags also trat besagter Herr aus seinem Laden am Strande, einer der belebtesten Geschäftsstraßen Londons. Aber kaum hatte er zehn Schritte gemacht�, so blieb Alles stehen und starrte das merkwürdige Wunderding auf seinem Kopfe an. Mr. Hetherington aber ging ungeuirt weiter, doch diejenigen, die ihn bisher nur starr vor Staunen angesehen hatten, zogen nun bewundernd hinter ihm drein, und in wenigen Minuten war die Straße mit einer johlenden Menge dicht gefüllt. Ein Zeitungsbericht aus jenen Tagen selbst meldet über das Ereigniß:„Der Modewaareuhändler Mr. John Hetherington vom Strand wurde gestern wegen öffentlicher Ruhestörung und Erregung eines Anfstandes vor den Lordniayor gebracht und zu einer Strafe von 500 Pfd. Sterl. verdonnert. Es ist nämlich erwiesen, daß jener Herr sich auf öffentlicher Straße mit einer Kopsbedeckung gezeigt hat, die er einen Seidenhut nennt, einer hohlen glänzenden Röhre, darauf berechnet, furchtsame Menschen in Schrecken zu setzen. Die Polizei hat bestättgt, daß eine Anzahl Frauen bei diesem ungcwöhn- lichen Anblick in Öhnmacht fielen, daß die Kinder laut ausschrien, Hunde heulten und ein Knabe von der angesammelten Menschen- massc niedergestoßen wurde, so daß er den Arm gebrochen hat. Deshalb wurde der Beklagte verhastet und vor den Lordmayor ge- bracht, wo er sich damit vertheidigte, daß er kein Gesetz des Reiches verletzt habe, da jeder Manu in England das Recht habe, in einer Kopfbedeckung zu erscheinen, die seinem Geschmack entspräche."— Völkerkunde. — Kommunismus in Neu-Gnknea. In dem neuesten Heft der«Nachrichten über Kaiser Wilhelm-Land und den Bismarck- Archipel" macht der rheinische Missionar A. Hoffmann interessante Mittheikimgeil über einen theilweisen Kommunismus, den er unter den Eingeborenen dieses Schutzgebietes im Dorfe Bogadjim bei Stephansort wahrgenommen har. Dieser Kommunismus umfaßt nicht alle Torfcinwohncr in gemeinsamem Verbände, sondern herrscht in Familie»verbänden vor, aus denen sich die Dorfgcnossen- schast zusammensetzt. Es besteht nämlich kein fest geordnetes Gemein- Wesen unter einem gemeinsamen Oberhaupt, sondern es bestehen kleine Familicnverbände mit einem Familienoberhaupt(Lanro koba). In einen solchen Fannlienverband können auch Fremde aufgenommen werden, Kinder durch Adoption, junge Männer und Wittiven durch Hcirnth. Mehrere Familienverbände bilden gewöhnlich eine Dorf- gcnosscnschaft; sie verbindet ein den Papuas der Aftrolabebay ge- mcinsamer G e h e i ni I u l t. Asa. Der für die Feierlichkeiten dieses Geheiinkults bestimmte Platz und das darauf errichtete Haus sind Gemeingut des Dorfes, die in diesem A?a-Haus aufbewahrten Gegen- stände aber sMasken, Hörncr und Klappern) Privateigcnthum. Der Kommnnismus in diesen Familicnverbänden gestaltet sich nun folgender- maßen: Gemeinsames Eigenthum jedes Verbandes sind: 1. der Landbesitz, der genau von dem eines anderen Familicnverbandes ab- gegrenzt ist, 2.' die Fischercigerechtigkcit an bestinnntcn Thcilen der Flüsse und des Meeres, 3. die Jagdgerechtigkeit, 4. die Bestände an Sagopalmen, 5. die Junggesellen- und Männerhäuser und die zu Versamnllmlgszweckcn dienenden Häuser, die von allen Männern des Verbandes benutzt werden, 6) die großen Holztronnneln. Die Wohnhäuser sind Privatbesitz. Die Plantagen der Eingeborenen werden entweder von der ganzen Dorfgcnossenschaft oder dem ein- zelnen Familienvcrbande angelegt. Auch das Bäumefällen, Roden und Brennen in de» Plantagen geschieht gemeinschaftlich; dann aber werden diese in Parzelle» getheilt, die den einzelnen Familien zu« gewiesen werden, und die darauf gezogenen Früchte dem Eingeborenen und seiner Familie, doch muß er bei Festlichkeiten im Familienverband ciiicn Theil davon beisteuern. Obwohl der Landbesitz Gemeingut des Familienverbandcs ist, gehören die darauf stehenden Frucht- bäume doch den einzelnen Personen und gehen nach dem Tode des Besitzers an dessen Kinder und Verwandte über. Der Eingeborene darf sein Vieh nur füttern und mästen, aber nicht selbst schlachten und essen, sondern liefert es, wenn es zum Schlachten für gut be- funden wird, gewöhnlich an seine Verlvandten mütterlicherseits ab. Er kann aber trotzdem das Vieh nach Belieben verkaufen. Nach seinem Tode wird ein Theil des Viehbestandes beim Leichengelage aufgegessen. Einen Theil erhalten die Verwandten mütterlicher- seits iind den Rest die Kinder, die aber, wenn nicht genug vor« Händen ist zur Befriedigung der Verwandten, an diese nachzahlen müssen. Was der Eingeborene in seinem Wohnhaus aufbewahrt, ist sein Privatcigenthum; die werthvollsten Hausgeräthe aber, die Holzschüsseln, die besten Speere und Pfeile, sowie die KleidungZ- stücke, erben die Verwandten von mütterlicher Seite. Die Kinder erhalten»ur je einen Kochtopf, eine Holzschüssel, einen Lendcngnrt, einen Speer, einen Bogen und einige Pfeile und außerdem die Ge- räthc zum Fischfängen' und die Werkzeuge(Beile und Spaten) aus dem väterlichen Nachlaß. Ganz wie bei uns werden auch bei den dortigen Eingeborenen die Schmucksachen sehr geschätzt, und zwar gelten als solche die Armbänder, der Tanzschmuck, der Brustschmuck und die zu mancherlei Schmucksachen verwandten Hundczähne. Diese Gegenstände ersetzen im Handelsverkehr die Stelle des Geldes. Auch davon erben die Kinder nur je ein Stück, alles klebrige die Ver- wandten mütterlicherseits. Die Frau wird vom Mann gekauft, kann aber nicht vererbt werden. Sie kann nach dem Tode des Mannes im Hause wohnen bleiben oder zu ihren Verwandten zurückkehren; bei einer abermaligen Heirath erhalten ihre Verlvandten einen neuen Kaufpreis. Stirbt' die Frau vor dem Mann, so erben nicht der Mann, sondern die Töchter und Verwandten mütterlicherseits ihre Habseligkeiten, und stirbt ein Kind, so erben dessen etwaige Hinter- lasscnschast ebenfalls die Verwandten von mütterlicher Seite.— Medizinisches. os. Gesichts- und Gehörs st örungen durch den elektrischen Strom. Im»Zeutralblatt für Heilkunde" be» richtet S)r. Kretschmer aus Liegnitz über cinen uier�vürdigen Fall voll Verletzung durch einen elektrischen Schlag Am letzten 14. August wurde ein ESOjührigcr. bis dahin vollkommen ge- snnder Mann von dem herabfallenden Draht der elektrischen Straßenbahn getroffen, als er in einiger Entfernung von den Schiene» stand. In den ersten Minuten hatte er die Empfindung, als seien ihm Glassplitter in die Augen geflogen, doch konnte er noch mit Unterstützung einiger Passanten ein Hotel aufsuchen, wo er dann zu Mittag aß. Erst»ach einer Stunde stellte sich ein schweres Gefühl im rechten Arnie und im rechten Beine ein, und das Sehen wurde undeutlich. Er ging zu einem Arzt, in dessen Sprechzimmer er unter Zuckringserscheinungen der rechten Körperhälste zu Boden fiel. Nach dem Hotel zurückgebracht, klagte er über Finstcnütz vor den Augen. Am selben Abende fand der Arzt das linke Auge vollständig erblindet, während das rechte nur undeutlich im äußersten Gesichtsfelde Lichteindrücke auf- nahm. Die Untersuchung mit dem Augenspiegel ergab außer einer Erweiterung der Adern und dem verschwonnneneu Umriß der Pupille nichts Krankhaftes. Die rechte Körperhälste war gelähmt und un- empfindlich, ebenso auch die linke Gcsichtshälfte. Auf dem linken Ohr konnte der Verunglückte garnichts hören, und Geruch und Ge- fchmack waren in hohem Maße irritirt. Die Lähmung des rechte» Armes und später auch des Beines ging allmälig zurück, die Erblindung und Taubheit auf der linken Seite blieb dagegen bestehen. Auch mit dem rechten Auge konnte der Verletzte erst viel später und auch»nr im äußeren Gesichtsfelde größere Schriftproben erkenne». Nach fast zwei Monaten war er im Stande, mühsam am Stock im Zinnner umherzugehen. Noch immer ergab die Angcnspiegel-Untcrsuchung keine krankhafte Veränderung, und die Umrisse der Pupille waren sogar wieder deutlich geworden. Seit jener Zeit ist der Zustand vollkommen derselbe geblieben, und die Hoffnung auf eine Besserung der durch den elektrische» Schlag herbeigeführten' linksseitigen Blind- hcit und Taubheit kann kaum noch erivartet werden. ES besteht somit die Thatsache, daß ein elektrischer Strom, der einen Menschen mit einer erheblichen Abschwächnna der in diesem Falle ursprüng- lichen Stärke von 500 Volt traf, so schwere Störungen im Nervensystem hervorrufen kann, wie sie hier beschrieben sind. Noch merk- würdiger wird die Erscheinimg dadurch, daß die Folgen erst 1 bis 2 Stunden nach der Verletzung mit voller Schivere eintraten.— Astronomisches. — Vier Planeten a in M o r g e n h i m m e l. Die„Franks. Scilmig" schreibt: Dem Freund der Hinnnelsbetrachtnng möchten»vir rathen, sich in diesen Tagen ein halbes Stündchen, bevor die Sonne aufgeht, den Federn zu entreißen und einen Blick auf den Südosten des Morgenhiininels zu thun, Ivo die Lichtgrüße dreier Planeten ihn für den vcrsämnten Morgentraum entschädigen. Wie eine kleine Sonne überstrahlt einer von ihnen alle anderen Sterne, und man braucht nicht sehr bewandert in der Hiimnclskunde z» sein, um zu wissen, daß dies Venus ist; schon um 5 Uhr geht sie tief im Südosten ans und wirkt sogleich durch ihr helles Licht durch die Dünste des Horizonts. Dicht unter ihr steht ein Stern, der zwar erster Größe aber doch armselig im Vergleich zu Venus zu nennen ist, es ist der Planet Saturn. An räumlicher Größe die Venus 500 Mal übertreffend, kann er doch nur einen so kleinen Theil seines Li-btes uns zustrahlen, da er 1700 Millionen, Leuns aber nur 85 Millionen Kilometer entfernt ist und beide nur in dem erborgten Sonnen- lichte leuchten, das bis zu Satuni den IZfachen Weg zurückzulegen hat, als bis zu Venns. Von Venns und Saturn steht rechts in be- deutend größerer Höhe ein ebenfalls in weißem Licht strahlender Planet, der gewaltige Jupiter, lange nicht so hell als Venus und doch auf den ersten Blick als kein gewöhnlicher Stern erster Größe sich verrathend. Zwischen Venus und Jupiter steht tief der rothe Fixstern Antares im Skorpion und vom Jupiter rechts ober- halb der ganz weiße Haupffteni der Jungfrau, Spica. Wendet man aber dem ganzen glänzenden Bild den Rücken, so erblickt der, der auch freien Nordwesthorizont hat, den drei Planeten gegenüber zum Untergang sich neigend, den Mars, ebenso glänzend wie Jupiter, aber feuerroth, über ihm die beiden Zwillingssterne Castor und Pollux. Selbst der fünfte Planet, den das unbewaffnete Auge zu er- kennen vermag, Merkur steht noch im Morgenhimmel, aber links von Venus, und so tief und dicht bei der Soniie, die dem Aufgange nahe ist, daß ganz besondere günstige Lnftverhältnisse zu seiner Sichtbarkeit erforderlich sind.— Technisches. — Unter den Sehenswürdigkeiten der Pariser Welt- ausstellung soll sich auch eine Wandelbahn befinden. Mit dem System, nach dem sie erbaut werden soll, hat der Techniker de Maucomble, um die Konzession zu erlangen, einen kleineren Versuch ausgeführt, der einen guten Erfolg gehabt hat. Die vor- geführte Bahn bewegt sich auf einem Umkreis von einem halben Kilometer und wird in einer Höhe von ungefähr zwei Metern über dem Boden von einen! Gerüst getragen. Oben auf der kleinen Treppe, welche dahin ftihrt, angelangt, hat der Fahrgast zwei Bahnen vor sich, von denen die eine sich langsam, die andere mit der doppelten Geschwindigkeit der ersten bewegt. Die auf dem Paradeplatze bei Saint Ollen an- �ewandt« Schnelligkeit betrug ungefähr neun Kilometer die Stunde Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Bei für die schnellere Bahn und vicnindeinhalb Kilometer stir die lang- samere, ans ivelche man zuerst den Fuß setzt. Da diese erste Bahn kaum die Geschwindigkeit des gewöhnlichen Schrittes hat, so wird man sich nicht lange darauf aufhalten, unlsomehr als sie eng ist, kaum einen Meter breit. Die zweite Bahn, welche eine Breite von zwei Metern hat, bewegt sich neben der ersten entlang und befindet sich etwas höher über derselben, so daß der Fahrgast sich von der einen auf die andere begeben kann, wie von dem Fahrdamm auf das Trottoir. An, Rande der beiden Bahnen sind in Zwischenräumen eiserne Pflöcke angebracht, welche man nur zu erfassen braucht, um jede Gefahr eines Falls zu vermeiden. Diele Vorsichtsmaßregel ist jedoch bei der mäßigen Geschwindigkeit der Plattformen überflüssig. Die Plattformen bilden übriges' keinen ununterbrochenen Boden, sondern sind ans einzelnen Theilen derart zusammengefügt, daß sie einer Kette gleich nach allen Richtungen Zickzackbewcgungen»lachen und die schärfsten Krümmungen umschreiben können. Die beiden Bahnen iverden»ach den Außenseiten des Gerüsts zu, auf welchem sie sich befinden, von Rollen getragen, die sich auf zwei Schieneil bewegen. Zwei andere Schienen, von denen eine unter der kleinen, die andere unter der großen Bahn angebracht ist, gleiten, durch Elektrizität in Bewegung gesetzt, über paarweise und parallel in gewissen Zwischenräumen' befestigte Räder. Jedes Paar Räder wird durch eine Welle in Beweglma gesetzt, mit dem kleineren Rad korrespondirt natürlich die Schiene des langsameren Wegs. Ziemlich treffend hat man dieses System mit einem umgekehrten Eisenbahn- zng verglichen, bei welchem die unbeweglichen Räder der Lokomotiven die darüber befindlichen Schienen forttreiben, an denen die Platt- forincn der Wandclbahn angebracht sind. Dieselbe wird eine Etage hoch errichtet iverden. Die ganze Strecke wird 3300 Meter be- tragen.— Hnnioristisches. — Bestandene Probe. Antiguitäten Händler: „Sehen Sie, hier habe ich einen abgebrochenen, verschnörkelten Zeiger von einer Kuckucksuhr— was ist das?" Steiles u che n der:„Ein Zahnstocher der Marqnise von Pompadour I* Antiquitätenhändler:„S i e sind e n g a g i r t I"— — Ein Skeptiker. A.:„Eben hat mir der Herr Oberförster erzählt, daß er gestern beim Sonnenuntergang eine Doublctte auf Füchse gemacht hat!" B.„Was, d e r??! I.. Dem glaub' ich nicht einmal, daß gestern Abend die Sonne untergegangen ist!"— — Zeitgemäß.„Wie geht's den» Ihrem Sohn, dem jungen Arzt?" „Ausgezeichnet I Der hat seine erste Patientin, eine reiche Erbin, geheirathet und sich dann zur Ruhe gesetzt." �(.Flieg, öl.") Nr Uzen. — Edgar Steiger hat die Theater-Bericht- e r st a t t u n'g für die„ M ü n ch e n e r N e u e st e n Na ch r i ch ten" übernommen.— — Agnes S o r n, a wird in der ersten Hälfte des Monats März eine» acht Abende innfassenden Zyklus von G a st r o l l e n am Lessing-Thcater geben.— — Der verstorbene französischc Dramatiker d'E n n e r y hat 12 Millionen Franks hinterlassen. Er hat an dem Text von Gonnod's„ F a n st", ferner an den Verne'schcn A u s- st a t t u n g S st ü ckr: n:„Reise um die Welt",„Michael Strogoff" K. mitgearbeitet. Um die Erbschaft ist schon Heller Streit aus- gebrochen.—, �, — Die Sammlungen für ein RichardWagner-Denkmal in Berlin haben cinen Betrag von über hunderttausend Mark er- geben.— — In dem Knnstsalon von B r n n o und Paul Cassirer ist der Ausstellung holländischer Maler eine große Kollektiv- A n s st e l l u n q von Hans Thoma gefolgt, die etwa 50 Ge- mälde und Studien und nahezu alle gedruckten Blätter umfaßt.— —„VerSacrurn", die Zeitschrift der„Vereinigung bilden- der Künstler Oesterreichs"(Wiener Sezession), erscheint jetzt im Ver- läge von E. A. S e e m a n n in Leipzig.— — Thier preise toco Ostafrika: Junges Doppel- nashorn 20—25 000 M.. Giraffe 10—20 000 M.. Gnu 8—10 000 M., Löwe 1000—1500 M. Zebra 1500. M.— u. Die Reste des größten bekannten Thier es der Erde lvurde» von Professor Reed in Juraschichten bei Loramie im amerikanischen Staate Wyoming aufgefunden. Das Thier, das zu der ausgestorbenen Rcptiliengattung der Dinosaurier gerechnet werden muß, muß nach den aufgefundenen Skelettrcsten eine Länge von 130 Fuß besessen haben.— t. Die l ä n g st e T e l e p h o» l i n i e ist kürzlich in den Ver« einigten Staaten von L i t t l e Rock in Arkansas bis B o st o n am Atlantischen Ozean— 3400 Kilometer— eröffnet worden.— in. Druck und Verla» von Max Babing in Berlin._