Inlerhaltungsblatt des Uorwäris Nr. 22. Dienstag, den 31. Januar. 1899 (Nachdruck verboten.) Dickendrsth's VenNoniive. 22] Roman von O. Eugen Thofsan. ..Tie strampeln wohl mit dem Koppe?" warf Gustel ein. Karl sah ihn mitleidig an. „Gott, Gustel, Sie sind wirklich so duinin, daß Sie einem leid thun können... Ja, sie fahren auch mehr mit dem Koppe, mit dem Gripps, mit dem Verstand. Raffinement haben sie. das ist der Witz. Raffinement!" Und er brachte die Endung mit einem so energischen Nasenlaut heraus, daß kein Sachverständiger an seiner Be- gabung für die französische Aussprache zweifeln konnte. Gustel wußte eS natürlich besscr.>„Raffine mang heißt das", der- besserte er mit ernster Miene. Und Karl wurde wirklich unsicher.„Meinetwegen", sagte er leichthin und ging zu etwas Anderem über. Denn er war keineswegs einseitig. Alles, was sich in der Welt der Nichtsthucr abspielte, war ihm von höchster Wichtigkeit. am liebsten. wenn es einen künstlerischen oder'wissenschaftlichen Anstrich hatte. Um sich stets auf dem Laufenden zu erhalten, las er eifrig die Zeitung und jeden Sonntag brachte er eine frischbackene Neuigkeit nüt, etwas von einer Sängerin, die einen Orden gekriegt, oder von einem Nachtklub, der den Kaiserpreis ersegelt hatte. oder eine Nachricht aus einem Patentburcau, wenn sie recht abenteuerlich war. „Denken Sie mal," schoß er einmal los,„da hat ein Engländer ausgerechnet, wie viel Pferdckräfte man brauchte, um den Erdglobus um einen Fuß zu heben. Haben Sie eine Ahnung?" „Nee." „Na. da will ich es Ihnen sagen." Und er schimrrte eine Zahl mit blödsinnig vielen Stellen heraus, die er auswendig gelernt hatte.—„Das ist nicht schlecht, was?" Triumphirend sah er sich im Kreise um. „Dumm ist das," rief da Johannes erbost,„abgeschmackt dumm, so was auszurechnen. Denn waruni? Es hat gar keinen Zweck. Dieser Schnfskopp von Engländer, selbst wenn er's könnte, er diofte es ja noch nicht einmal. Was glauben Sie wohl, was das herzogliche Ministerium dazu sagen würde, wenn da einer käme und wollte unfern herzoglichen Globus um einen Fuß heben? Nie im Leben würde es seine Erlaubniß ertheilen. Nie. Und es hätte auch ganz recht. Denn man kann ja gar nicht wissen, was das für Folgen haben könnte. Denken Sic blos einmal: die Landwirth- schaft!" Er that so ernstlich entrüstet, daß für einen Augenblick Alles starr war. Dann aber erhob sich ein entsetzliches Gejohle. Es war so toll, daß Karl einen Verlegcnheitsanfall bekam, was sonst nicht seine Art war. Plötzlich sagte Fritze ganz ruhig in das schwächer werdende Gewicher hinein:„Lassen Sie die Kerle nur ulken, Karl I Es kommt eine Zeit, da lachen wir über sie." Karl hatte zwar nichts gegen diese Aussicht, aber er vcr- stand noch nicht, wie und warum. Fritze fuhr kaltblütig und mit harter Betonung fort: „Denn»vir Beide sind doch eigentlich die einzigen nütz- lichcil Menschen in dieser ganzen Gesellschaft. Wir thun praktische Arbeit. Diese anderen Burschen da, die Gelehrten, die halten wir uns blos als Luxus." Die Angegriffenen protestirten mit lautem Hohn. Karl sperrte Mund und Nase auf. Herr Zickendrath schob seinen Stuhl zurück und sagte verdutzt: „Aber erlauben Sie mal, so was Verrücktes Hab ich lange nicht gehört." Fritze schmunzelte vergnügt. „Ja, Herr Zickcndrath, Sie wissen gar nicht, was Sie an mir haben. Wenn Sie mich nicht hätten, dann hätten Sie im Grunde genommen keine höhere Bedeutung für die Mensch- heit, als etwa ein Galanteriewaaren-Händler." „Mahlzeit I" rief Herr Zickendrath wüthend und stand auf. „Das haben Sie großartig gemacht," sagte der Kantor Tripps begeistert und rieb sich in der Freude seines Herzens bald den Bast von den Händen, als ihm Fritze sein Abenteuer erzählte.„Galanteriewaaren-Händler ist famos. Sie hätten auch sagen können Pyrotechniker." Der Kantor hatte eine grimmige Abneigung gegen jede Art von Feuerwerk. Er erklärte es für die barbarischste Volks- bclustigung, die es gäbe, und behauptete, seine patriotische Begeisterung litte durch nichts mehr, als durch die Frösche, die am Scdantage von aller Welt losgelassen würden. Diesen ganzen Abend war es sehr heiter im Thurm. Zu derselben Zeit ging Herr Zickendrath finsteren Blicks unten im Wohnzimmer auf und ab und machte seinem Herzen gegen Frau und Tochter Lust. „Ich danke. Das geht mir nun doch übet die Hutschnur. Statt froh zu sein, daß wir ihn überhaupt nach' dem ziemlich blamabelcn Examen behalten haben, wird der Bengel mit jedem Tag unverschämter. Aber das sage ich Euch: Bei der nächsten Gelegenheit fliegt er." Manni lachte kurz und trocken auf. Der Alte fuhr ärgerlich nach ihr herum.„Was hast Tu denn zu lachen?" Aber Manni hatte keine Angst vor ihm. Kaltblütig ant- wortcte sie: „Ich denke eben daran, daß Mutter ihn am Examen- tage selbst ordentlich flehentlich gebeten hat, zu bleiben. Und nun soll er froh sein, daß er nicht hinausgemußt hat." Herr Zickendrath setzte sich knurrend wieder in Bewegung. Als er das erschütterte Gleichgewicht zurückgetvonnen hatte, blieb er wieder stehen. „Bei Dir weiß man aber auch wirklich nicht, was Du willst. Einmal muckschest Du wochenlang mit ihm und dann redest Du ihm wieder das Wort". Manni blinzelte nackdenklich vor sich hin. „Ich iveiß es wahrhaftig selber nicht, wie das kommt". „Da ist mir doch Johannes zehnmal lieber", polterte der Alte weiter. Manni nickte, immer noch sinnend. „Ja... Angenehmer ist er. Man iveiß wenigstens immer, wie man mit ihm d'ran ist.. Mit 5iarl, dem Sohne, ging von diesem Tage an eine Wandlung vor sich. Er bekam Respekt vor sich selbst und seiner Kaustnannschaft. Für den Urheber aber dieser wohl- thucndcn Selbsterkenntniß erwuchs in seinem Herzen eine an Zärtlichkeit grenzende Schwärmerei. „Fritze und ich", diese Doppelfirma der nützlichen Menschen spielte seitdem eine große Rolle in seinen Gesprächen. Der 2V. Juni war's. Ein ewig denkwürdiges Datum in den Annale» der Pension Zickendrath. Es giebt solche Tage, an denen alle Geister der Hölle losgelassen scheinen, ohne daß etwas davon im Kalender steht. Versprengter Walpurgiszauber. Sie kommen unversehens wie die Diebe in der Nacht. Wenn stimmungsvolle Gemüther ihre Schrecken vorauszuahnen glauben, an Freitagen und am 13. des Monats, dann bleiben sie aus; und wenn man sie am wenigsten erwartet, sind sie da. Wie die kritischen Tage von Falb. Der 26. Juni war einer erster Ordnung, ohne daß ihn Jemand angesagt hatte. Mit herrlichem Sonnenschein fing er an. Zur tiefen Be- trübniß des Kantors. Die Gesellschaft„Konkordia" hatte für diesen Tag ihr erstes Sominersest im Garten ihres Klubhauses gegenüber der Zickendrath'schen Wohnung angesetzt, und am Abend sollte ein Feuerwerk abgebrannt werden. Seit dem frühen Morgen tvaren die Raketenmenschen beschäftigt, ihren Apparat unter den Bäumen des Gartens aufzubauen, Sonnen und Rakctengarbcn und sinnreiche Transparente. Der Kantor sah ihnen vom Fenster seines Thnrmes zu und wiederholte inimerfort seinen grausamen Wunsch, die ganze Pnlverkiste möchte durch irgend einen Zufall jetzt in die Luft gehen. Dann hätte er die Sache mit einem einzigen Schlage überstanden. Es geschah aber nichts dergleichen, und den Himmel trübte kein Wölkchen. In den unteren Regionen des Hauses war eitel Freude und Seligkeit. Herr Zickendrath hatte sich vor Kurzem mit seiner Familie in die„Konkordia" aufnehmen lassen, und Mannt sollte heute zum ersten Mal mit zum Tanze gehen. Johannes war ebenfalls mit einer Einladung bedacht worden, damit für alle Fälle ein sicherer Tänzer da war, und steckte feit 86 Crci Tagen In geheimnißvollen Vorbereitungen. Fritz hatte, als es bei Tisch erzählt ivurde, mit überlegenem Lächeln Kenntnis; davon genommen und war heute früh um sechs Uhr Zu seinen Feuerspritzen gegangen wie alle Tage. Ihn ging der ganze Krempcl nichts mehr au. Seinetwegen konnten sie andrehen was sie wollten. Um zehn Uhr trat der alte Schmidt durch die Haus thüre. „Sie ist fort!" schrie er Herrn Zickendrath entgegen, der ihn bewillkommte. „Wer denn?" „Na die Alte? Meine Frau." „Fort? Wohin ist sie denn?" „Das weiß der liebe Gott. Deshalb bin ich ja hier, um sie zu suchen." „Ja... aber i I weshalb...?" „Weshalb? Weil sie verrückt ist. Einen anderen Grund hat sie nicht.... Sie wissen doch, sie hat's ein bischen im Koppe. Nicht viel, aber sie hat's; so quartalsweise. Und dann reißt sie mit einem?Nal aus." Herr Zickendrath schlug die Hände Zusammen. Beruhigend fuhr der alte Schmidt fort: „Sie brauchen keinen Schrecken zu kriegen. Ich kriege auch keine». Die Sache ist halb so schlimm, hier in der Stadt ist sie, das steht bombenfest. Da hat sie so sünf, sechs Verwandte. Bei einem von denen find' ich sie auf alle Fälle... Aber Sie könnten nur einen Gefallen dabei thun. Ja?... Also... Sie könnten mit mir kommen. Wenn ich alleine komme, macht sie allemal einen Heidenradau, als ob ich ihr was thun wollte. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe sie noch nicht hart angefaßt. Aber unangenehm ist es mir, wenn sie so spektakelt. Wenn aber ein Anderer dabei ist, den die Sache weiter nichts angeht, dann hält sie's für ein zu- fälliges Zusammentreffen. Und wenn man es dann schlau anfängt, geht sie ohne Widerrede wieder mit nach Hause. Ein armes närr'sches Ding! Aber was will man machen? Man spielt ihr eben die Komödie vor. Also ja?... Kommen Sie mit?" „Aber natürlich. Ich will nur gleich..." „Na ja, das können Sie machen. Aber vorher wollen wir einen Schnaps trinken. Haben Sie einen da?"... Zum Mittag waren die beiden Männer> nieder zurück, ohne die Frau gefunden zu haben. Ueberall, wo sie hin gekommen waren, war sie gewesen und wieder weggegangen. Herr Zickendrath war von dem Unheimlichen dieser Menschen- jagd schon ganz angegriffen, wollte sich aber nichts merken lassen. Trotzdem theilte sich seine Stimmung wie von selbst der Tischgesellschast mit. lFortsctzung folgt.) Aviitophsmes im Menen Theakev. Zwei Novitäten, weit über 2000 Jahre alt, das ist immer etwas Besonderes; und eine dieser Novitäten hat derart gefallen, daß im Zeitungsjargon von einem starken Heitcrkcitserfolge gesprochen werden könnte. Das ist die derbe Burleske„Die Ekklesiazusen" deS Aristo- phancS, die neben der phantastischen Posse vom Bogclstaat durch daS Komitee für historische und moderne Festspiele Sonntag Mittags im Nene» Theater aufgeführt tvurdc. Während der Aufführung der„Ekklcsiaziiscn"(des Weiber- staatS) horte ich ein paar Damen neben mir flüstern:„Aver das ist gar nicht so grob, wie man sagt; und es richtet sich die Satire nichl gegen die Jrauenemauzipation, sondern gegen die Sozialdcmo- kratic." WaS das Eine betrifft, so meinten die Damen die Ausgelassen- hcitcn und llngebundcnhcitcn des Aristophancs. Auf dein Theater des größten komischen Dichters der Antike war aber mir für Männer Platz, das muß man bedenken, um die Ungezogenheiten des Aristophancs zu verstehen. Bei uns haben das dienstwillige Komitee und die Polizeizensur dafür gesorgt, daß der„gcrpinigle" Aristo- phanes kein keusches Frauenohr verletzt. Der Hinweis auf die Sozialdemokratie erleichterte ganz offenbar das Herz der Damen, die gehört haben mochten, daß eine solche Respektsperson, wie Aristo- phanes sich gegen die bürgerliche Franenbewegnng kehre. ES wäre widersinnig, ein Werk, daS vier Jahrhunderte v. Chr. entstanden ivar, auf ein Parteiprinzip von heute hin anzusehen; und lven» im burlesken Wciberstaat manche Stelle Erinnerungen an Bebel'S Buch von der Frau erweckt, so hat Aristo- phanes doch durchaus nichts mit den Fragen des Frauenrechts, mit den kommunistischen Anschauungen unserer Tage zu schaffen. Viele Leute, wenn sie über Sozialdemokratie sprechen, machen sich einen Zukmiftsstaat»ach dem Bilde der Richter'schen Spar-AgneS oder nach ZcitnngSphrasen zurccht und meinen: So und nicht« anders malt sich die Welt in den Köpfen von Sozialdemokraten. Die Ekklcsiazuseu des AristophaneS find aus ihrer Zeit zu begreifen. Die Athener, denen der Kamm übergroß geschwollen war, die über Karthago und Italien zu herrschen gedachten, lvaren wiederum nach dem peloponncsischcn Kriege lleimirnthig geworden. Es lag in der Art der athenischen Polis, des demokratischen Bürgerstaats, heute himmelhoch zu jauchzen, morgen zunl Tode betrübt zu sein; und je mehr das feste demokratische Stadtgefüge entartete, desto lebhafter war eine üble Demagogie am Werke und ließ das Volksgemüth nicht zur Besinnung kommen. Dieser Art. die sich in äußersten Widersprüchen bewegte und„wie eine Metze immer dem letzten Buhlen folgte", trat Aristophancs als Mann der Opposition, als Warner und Geißler entgegen. Seine Kraft wurzelte in der Vergangenheit. Er war ein Konservativer im alten Wortsinn, ein Erhalter, nicht ein Reaktionär. Er wollte alte Tüchtig- kcit, alte Gläubigkeit erhalten wissen; und feinem durchaus realen, auf Stetigkeit bedachten Sinn waren die beständigen Zuckungen am athenischen StaätSkvrpcr seiner Tage, die nebelhaften Prophezeiungen, die demagogischen großen Worte ohne thatsächliches Vermögen her- haßt. In der kummervollen Zeit Athens, als Hochmnth sich in tiefste Niedergeschlagenheit und politischen JudifferentisinuS gewandelt hatte, da tauchten die Utopien, die ZukunftS- Projekte, die Träumereien vom Staat der Glückseligen zu Dutzenden ans, und ihrer spottete Aristophanes im„Weiberstaat". Da ni Athen die Männer zu Krippenreitern geworden, so ziehen die Weiber die KrokoSröckchen(die Saffranklcidcr) aus und kleiden sich in Männerinäntcl. Sic nehmen den Stock und die rauhen sparta- nischen Holzschnhe und ziehen in die Ekklesia(Volksversammlung. daher der Titel der Komödie Ekklcsiaziiscn). Dort heckt die schneidige Führerin Proragora ihren Znkuiiftsstaat aus, mit dem Gemeingut, mit den gcmeinsanien Staatsküchen. mit der gemei»- sanicn Kindcrerziehung und niit dem geschlechtlichen Komnuinismiis. Auf die letzte Forderung hauptsächlich zielt die Satire deS Aristophanes. Der Weiverstaat hat dckretirt, daß die jungen Männer sich erst der Alten annehineii, che sie selber zur weiblichen Jugend gelangen und liingekchrt: daraus entwickelt sich der grotcsk-komische Widersinn. Ein athenischer Jiiiiifliiig harrt seines Mädchens, und vier Vetteln, eine hcrcnhaftcr als die andere, raufen um ihn. Die politische Komödie Ivurde in lustig- parodistischcm Stil gc- geben. Sehr drollig wirkte der Gänsemarsch der Frauen mit dem Holzschichgctrappel. Schneidiger, säuerlicher gleichsam hätte die Propagora sein dürfen; von Frau B u tz e wurde sie mit liebens- würdigem Huinor gespielt. Allein die Proxagora hat eine Zunge wie ein Schwert; sie gehört zu den Danreu, bei denen man das Erstaunen darüber nicht los wird, daß man vom Weib als dem schwächeren Geschlecht spricht. Hatte das realistische Possenspiel, das seine Figuren der klein- bürgerlichen Welt entiiimint, lebhafte Freudigkeit geweckt, so fanden die poetisch tiefere»„Vögel", das gedaukcnschwcrerc Märchenspiel, nur kühl respektvolle Ausnahme. Man laim dabei freilich nicht an Sozial- demokraten und cmanzipirte Weibsen denken; die politischen An- spielnngen sind für uns schwieriger zu verstehen; und nm den bestrickend- süßen Märchenzauber des Gedichts herauSznbriuaen. müßte in der Thal die Sorgfalt und der Reichthnm cineS Weihcspicls aufgewandt werden. DaS ist bei eiiiem llntcriiehnien schwer, daS sich wohl historisch drapirt, im Grunde aber von Dra- malikcrii und Kritikern gemacht ist, deren Eitelkeiten im Gedicht deS Aristophancs selber � eine Stelle verdient hätten. Tritt doch schon nächstens Wolfgang Kirchbach mit seinem„Weihespicl"„die letzten Menschen" nach AriswphancS in die Schranken! In den„Vögeln" hat Aristophanes der athenischen und mit ihr der menschlich- universalen„HybriS", der vermeffeneir Phantastik deS kleinen Menschenhirns ein Denkmal gesetzt. Das baut Luftschlosicr und ein WolkenknckuckSheim und glaubt, die Götter zu überwinden: und es bleibt doch mir bei armseliger Donquixoterie. In den Tagen deS schwellenden Hochmnths in Athen tauchten die Projekten- inacher auf. Man hatte ciiic Flotte entsandt, in Sibirien zu kolo- nisiren und ein Wclttraum-Ficber beherrschte die Polis. Man glaubte, alle Engel im Himmel fingen zu hören.(Auch ein Er- eigniß unserer Tage erinnert von ferne an solche Phantastik. Als Kiaiitfchoii genommen wurde, da wimmelte es von märchenhaften Aiiftheiliiiigspläucn für China.) So gründet der Projekten- niachcr„Herr Rathegnt" mit scincin großen„Hoffcreich" die WolleiikiickuckSburg, die Polis der Vögel. Auch will er die Götter im Himmel ärgern. Denn der iieuiimal Schlaue richrct das Reich der Vögel in der Luftstadt gleichsam als Zwischenreich zwischen Erd' und Himmel auf. Dem Zerfall der hellenischen GlanbenSwelt sah Aristophanes. der Konservative, be- küinmert zu; und dennoch haben feine Götter nnd Heroen selber schon einen frivolen Beigeschmack. So wenig kann sich auch ein kraftvoller Geist den Einflüssen der Umwelt entziehen. Herakles erscheint im Gedicht ricscnstark und riesendunim; und lüstern gefräßig. wie Kasperle in der deutschen Burleske. In der Darftclliingsinaiiier am Neuen Theater winde man manchmal geradezu an Offenbachiade» gemahnt. Aermlich präsenttrte sich daS Vogelgelichter. Es fehlte Farbe und Glanz und Leben trotz allcni Vogelgelärni, das nicht selten störte. So kam cS denn, daß selbst so reizvolle, lyrische Stellen, ivie der Gesang deS Kuckucks im Busch, der die Nackstigal lockt, nüchtern klangen.— ö' Kleines Feuilleton« — Bruder Ztraubinger in Egypte». Der Fmillctmust Karl Eugen Schmidt erzählt in der„Frankfurter Zeitung' von deutschen Handwerksburschen, die er in aller Herren Länder ge- troffen. Von einem Zusammentreffen mit zwei„Straubingern" in Egypten, wo er gegenwärtig weilt, weiß er das Folgende zu be- richten: Eines Tages im vergangenen November ritt ich mit einem Freunde, der in einem Dorfe Geschäfte hatte, über Land. Plötzlich erblickten wir vor uns auf dem ftaubigen Wege zwei Gestalten, die sich hier, Ivo man Kameele, Esel und in fliegende Gewänder ge- hüllte Fellachen gewöhnt ist, sonderbar genug ausnahmen. Die beiden waren europäisch gekleidet, marschirtcn aber barfng und hatten ihre Schuhe auf die Ranzen geschnallt, die sie auf dem Rücken trugen. In der Hand führten sie mächtige Spazicrstöcke mit stählerner Spitze, unverfälschte Ziegenhainer, und beide pafften ans den deutschesten Porzcllanpfeisen, die es je gegeben hat. Wir näherten uns de» Beiden, die rüstig fiirbasz schritten, von hinten und stellten allerhand Vermuthungen über ihre Herkunft und ihr Reiseziel auf. Die Pfeifen konnten wir zwar noch nicht sehen, denn das hätte sofort allen Zweifeln ein Ende gemacht, aber die Ranzen, die Stöcke und die Tuchmützen der Wanderer brachte» uns doch gleich auf den richtigen Gedanken, daß wir da zivei Landsleute vor uns hatten. Gerade als wir sie überholten, kamen von der anderen Seite drei Bauernmädchen mit Reisigbündeln auf den Köpfen an uns vorüber, und nun begannen die beiden Wanderer, nachdem sie sich durch einen schnellen' Seitenblick von unserer Ungefährlichkcit über- zeugt hatten, den braunen Schönen auf die hergebrachte Handwerks- burschen-Manier den Hof zu machen. Dies thaten sie ganz gemüth- lich in deutscher Sprache, wuschen aber dabei so ergötzliche Grimasse» zu schneiden und so ausdrucksvolle Körperbewegungen zu machen, dasz die Mädchen jedes Wort verstanden und mit lachender Gegen- rede einen Augenblick stehen blieben, um sich die fremden Herren näher anzusehen. Als die Mädchen dann unter häufigem Hinschauen nach den kutzlverfendcn Wanderern vorüber waren, sprachen wir die beiden Gesellen an, die nicht im Geringsten erstaunt schienen, hier mit Deutschen zusammenzutreffen, und die auch ihre eigene Anwesenheit für ganz selbstverständlich ansahen. Wären wir ihnen auf irgend einer Landstraße in Sachsen oder ain Sthehi begegnet, die Sache hätte ihnen' nicht natürlicher und alltäglicher vorkommen können. Sie sagten uns, sie känum von Mit-Ganir und seien nach Abu Kebir unterwegs, um von dort über El-Salihiye die alte Karawanen- straffe entlang nach El Kantara zu ziehen, wo diese Straffe den Snezkanal überschreitet und nach der Halbüffcl Sinai, nach Palästina und Arabien lveitcrgcht. „Aber Ihr wollt doch nicht etwa zu Fnff da hinauf laufen?" sagte ich,„da habt Jhr'S doch viel bequemer, wenn Ihr in Port Said den Dampfer nehmt. Für ein paar Groschen bringt Euch der nach Jaffa und dann könnt Ihr zu Fuß nach Jerusalem pilgern." Die Beiden sahen mich mitleidig an. Ter Eine, dessen blonder Bart schon mit grauen Fäden durchschossen war, während sein Begleiter kaum mehr als zwei- oder dreinndzwanzig Jahre zählen mochte, sagte achselzuckend: „Nein, wir gehen lieber zu Fnff," und der Andere fügte lachend hinzu:„Er kann nämlich das Meer nicht vertragen", wozu er eine bezeichnende Grimasse schnitt.• „Ja aber." wandte ich ein,„geht das denn überhaupt? Ich glaube, da müßt Ihr durch ein großes Stück Wüste, wo es kein Dorf, kein Hans, nichts zu essen und nichts zu trinken giebt. Wie wollt Ihr da zu Fnff durchkommen?" Der Aeltere lachte blos, während sein Begleiter sagte: „Tie Karawanen gehen doch durch." „Ja, die Karawanen, aber die haben auch 5kameele und reiten. Zu Fnff geht da kein Mensch." „Hm", meinte nun der Aeltere,„ich weiß nicht, wie das ist. Ich habe den Weg»och nicht gemacht. Aber im schlimmsten Fall— wer hindert uns, das; wir mit einer Karawane gehen und auch reiten? Ich habe zwar noch nie ans so einem Vieh gesessen, aber so schlimm wie so ein Wasserkasten mit seinem Gchoppcl kann das sicher nicht sein." „Dummes Zeug! Reiten I" rief der junge Bursche,„wo so ein Kanieel mit seinen Plattfüßen weiterkommt, da werden wir wohl auch nicht liegen bleiben. Die Schuhsohlen können wir uns ja nicht durchlaufen, so lange es wenig Steine giebt wie hier, so daß wir barfnff gehen können." „Nun gut, aber wohin lvollt Ihr denn eigentlich?" fragte ich weiter. „C," sagte der Alte und holte ein schmutziges zusammen- gefaltetes Papier ans der Tasche,„wir haben da einen Neiseplan, den uns ein Kollege aufgeschrieben hat. Der hat die Reise schon ein paar Mal gemacht. Aber der ist ein Stück mit dem Schiff gefahren. Wir'wollen ganz am Land bleiben. Zuerst nach Jerusalem, dann nach Damaskus, und dann gehen wir immer so bis nach Konstantinopcl. Sind wir erst dort, dann weide» wir schon sehen, ivas ivir weiter machen." Während er sprach, sah ich den Reiseplan an, den er mir gereicht hatte. Er gefiel mir so gut, daß ich ihn sofort buchstabengetreu kovirte. Er lautete: „Port Said nach Jaffa fahren. In Jerusalem deutsches Hospitz, österreichisches Bilgcrhaus Kasa nowa. Zurück nach Jaffa und Ben- ruth von Beuruth nachSchmirna fahren Hülfsverein nach Konstantinopel von da Hülfsverein Galatz von da nach Kronstadt Hermanstadt von da nach Belgrad-Semlin. Da fechten schnb nach Budapest Baff ver- stecken verloren Kommissär nach Putapest Konsulat da»» weiter nach Sachsen nach HauS nicht anders Amen so mach ich es."— Musik. Aus der Woche. Wieder haben wir über reiche Erlebuiffe auf dem Gebiet der Kammermusik zu berichten. Zwar liegen radi- kale Neuernngsversnche nicht eben unmittelbar vor uns. Zwei solche können wir mittelbar erwähnen. In Wien ließ Direktor Mahler in einem philharmonischen Konzert ein Bcethovewsches Streichquartett (bVSIoll) mit verstärkten— ich glaube 20fach verstärkten— Stimmen, also vom vollen Streichorchester spielen, wie es sonst höchstens mit einzelnen unterhaltlichen Qnartettsätzchen geschieht, und hatte das Experiment schon vorher als den'„Beginn einer ganz neuen Aera der Konzert-Literatur" zu rechtfertigen gesucht. Ju' Berlin war vor einigen Wochen die Einführung des Hannonimns in die Praxis der Kammermusik demonstrirt worden. Die letzte Woche hingegen brachte viel Neues imSinne des noch Unbekannten, aberkaum etwasNenes imSiiine einer Vermehrung bisheriger Qualitäten. Am ehesten war von einer solchen die Rede bei der Sonate für Klavier und Violine, E-äur, op. 24, von Sylvia Lazzari. Sie wurde am 25. d. M. im letzten Sonaten-Abend der Herren B o s und van Veen gc- spielt. Sie versetzt uns, nach den landläufigen Alterthttmern und Neuigkeiten der Konzerte, wie in eine andere Welt: in eine Welt der starken Stimmungswechsel, ähnlich der Dramatik Wagner's, in eine Welt ohne Konvention, in eine Welt, wo für uns noch nichts in die Finger und ins Ohr geht. Immerhin hört sie sich flüssiger an als eine Musik von Bruckner und hat auch mehr Fignrativcs, als bei diesen, und bei Wagner vorkommt; an einer ziemlichen Breite leidet sie allerdings. Lazzari(ge- boren 1860) ist in Belgien und Frankreich bereits wohlbekannt als einer der„Neufranzosen", von denen wir Chabrier vor Kurzen, in unserer Oper kennen gelernt hatten. Jene Daten sind den, da- maligen Programmtexte entnommen, einem der wenigen, die sich durch dankensiverthe Auffchlüsse auszeichnen. Während'diese Sonate kehr lebhaften Beifall fand, gewann die vorausgehende in �.-moll. Tip. 33, von Oskar Straus(geb. 1870) geringeren Beifall. Sie war als Gegenstück zu jener typisch: sie wechselt nicht Stimnumgen, sie geht in's Ohr und in die Finger, sie bringt viel konventionelle Figuration, doch auch sympathische Themen niit manchem Innigen und Graziösen. Gespielt Ivurde sehr tüchtig, und selbst als Herr Bos einen Mozart verspielte, indem er nur so dahinschnellte und nicht einmal für Deutlichkeit sorgte, war's schwer, ihm zu grollen. Sonntag begann ein neuer Zyklus der Kammerinnstk-Matinecn von Halir und Genossen, und zwar gleich mit zwei neuen Werke»: einem Strcichtrio in K-moU, op. 69, von Wilhelm Berger, und einem Klavierqnartett in.A-moll von Robert Kahn; jenes ein scrcnadenhaftes Stück mit ein paar lieblichen Themen und sonst viel simplen Spielereien, dieses eine Leistung spezifisch rythmischer Art mit gutem Schwung und guter Mache. Beide Male niit Beifall; die„Bergerinncr" haben wir schon, die„Kahnianer" kommen nach. Und das Bessere? I Reichlich konventionell war auch, was am 26. vor einem lebhaft interessirten und bcisallswarmem Publikum Xaver Scharwenka bot. Er hatte ans Amerika ein neues Konzert von sich für Klavier und Orchester, in Eis-moU, mitgebracht und spielte es, inmitten älterer von seinen Stücken, selber. Man konnte hier von ihm wenigstens sagen:«es fällt ihm etwas ein", und gut ineinander- gearbeitet ist es auch. Am 29. hörten wir zwei Sangeskünstler, die Welte» weit aus- einandcrliegen und doch ein Wunderbares mit einander gemein haben: die Verwendung feinster Stimmnnancen für die Darstellung der textlichen Inhalte. Der Eine war Professor U d e I aus Wien mit den Genossen seines Humors. Die alten Wiener— man heißt nicht umsonst Udel, Hörbeder u. s. w.— brachten ein ganz neues Pro- gram»,; Quartette(mit Klavierbegleitung) von Josef Pibcr und eine Umschreibung dcrZaubcrflöten-Ouverture für Vokalstimmen, die allein schon eine ganz einzige Gcsangstechnik verlangt, waren wohl das Beste. Und wie es Udel verstand, den Titel eines seiner Solo- vortrüge anszusprechcn:„Eine Ballade I"... Nun zu Dr. Ludwig W ü l l n e r, dem Mann ohne„Stinnue", dem Mann des er- greifendsten Gcsangsvortrags, dem Tragiker des Konzertsaales! Er gab am 29. den zweiten seiner vier historischen Schubert-Liedcr- abende, mit einem seiner würdigen Klavierbegleiter, Pro- fcssor H. R e i m a n n. Möchte doch die folgenden Abende jeder anhören, der noch an eine tiefernste Kunst glauben will, an etwas, daS hoch hinauslicgt über den Durchschnitt unserer Abende mit den mindestens sechs gleichzeitigen Konzerten (wie sie z. B. der gestrige Montag bringen sollte) oder gar über den— großen P h i l h a r m onischen Konzerten. Nein: in das letzte dieser Konzerte(am 23.) gingen wir ebenso wenig hinein, wie in viele selbst besser angelegte andere dieser Woche; und was wir darüber hörten(ausgenommen etwa eine neue Lustspiel-Ouvcrture von Karl Ä I e e m a n n, die ganz nett gewesen sein soll), erweckte uns keine Reue. Mögen hier Modistinnen an de» „Dainen" im Publikum stndiren, wie man am tiefsten ausschneidet; Tnö�cn nlt diese ein ebenso gnteS Geschäft mocben, wie es jcszt die jioiijZcrte selbst in» Gegensatz gegen frühere Zeiten thnn, als noch nicht die raffinirteste Programinwirthschaft waltete: die Gnnst dieser Llbendc benn Pnbliknui ist auch eine Tragik, aber eine ganz andere als die der Kunst Wiillner'S. Etwas solider sind die S h in p h o n i e- K o n z e r t e der königlichen K a pelle. Vom siebenten hörten wir die Hanpt- probe. Auch hier könnte man sich konzertwidrige Stücke wie Wagner's Mcistcrsinger-Vorspiel ersparen. Neues kam diesmal nicht. Das Hauptstück war von Litzt„Eine Symphonie zu Dante'S Divina Eoincdia für Orchester und Sopran- und Alt-Chor"(Sopran- solo: Frl. Destinn). Herr Weingartner dirigirte mit der hier passenden rythmiscben Wucht.— Möchte doch die Konzert- tcitung für bessere Zngnnglichkeit der Konzertprog ramme sorgen! sz. Archäologisches. gk. Neber den interessanten M o s a i k b o d e n. der am Zollfelde bei Klage nfurt vor einiger Zeit aufgefunden wurde, bringen die neuesten„Mittheilnngen der k. k. Zentral- kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst-»lud historischen Denkmale'(Wien) nach den eingehenden Untersuchungen des Kon- scrvatorS Dr. O. ftrankl einen genauen Bericht. Bekanntlich vcr- dankte man den für die archäologische Erforschung Kärntens allster- ordentlich iverthvollcn Fund einem glücklichen Zufall: ein Ochse brach bein» Ackern ein.und ninn fand beim Wegräumen des Schllttcs das Mosaikpflaster! fast 2 Meter unter der gegenwärtigen Ackerboden- fläche gelegen, erstreckt eS sich von Westen nach Osten in einer liänge von 6,10 Metern und einer Breite von ö,45 Metern. An der durchbrochenen Stelle ist deutlich der Hohlraum unter dem Estrich wahrzunehmen, wie er durch das römische Bchcizungsshstcm bedingt war; von diesem geben auch die an der südlichen Wand noch bemerkbaren Rinnen Zeugnist. die die hohlen Beheizungszicgel aufgenommen hatten. Das Schema des Mosaik- bodens weist eine in viele Bilderfclder getheilte Fläche auf, die durch eine Bordüre von Kö Centimeter Breite eingefastt ist. Dann folgen eine Kombination von schwarzen Mondsicheln', makedonische Schildchcn ans weistem Grunde, dann schlvarze und weiste Streifen von der- schiedencr Stärke und buntfarbige Mäanderstreifcn. Die inneren Bildfelder sind eingefastt und von einander getrennt durch eine Linie ans Zopfgeflccht, gold- schwarz. Die Figuren in diesen Feldern selbst sind aus Steinchen von Vi bis 1 Quadrateentimeter Oberfläche zusammengesetzt und durchweg polychrom. Sie sind sehr gut gezeichnet und haben jugendliche Gesichter mit heitercin, fast kindlichem Ausdruck. Mit groster Kunst sind die verschiedensten Farbentöne verivendct, um die Linien klar hervorzuheben: die Mäandcrornamente machen in einiger Entfermnig gcradezil den Eindruck von Reliefs. Der Stil zeigt vielfach Aehnlich- keit mit Wandgemälden in Poinpeji: die Entstchniig des Kunstwerkes wird daher in das 1. Jahrhundert n. Chr. verlegt. Gegen die vor- geschlagene Deutung, in den Figuren den Dionysos»nid seine Vc- glciter zu sehen, spricht der U>nstai»d. dast die Römer Götterbilder nicht auf den» Fnhbodcn anzubringen pflegten, sowie die Thatsache, dast die Hauptfigur»vcdcr Stirnbiude noch Ephcu oder Wcinrankcn trägt. Wahrscheinlich handelt es sich hier vielmehr»nn eine Dar- stellung des Tanzes; dafür spricht die schwebende Bewegung aller Gestalten, die'Stellnng der Füße und die Haltung der Kleider.— Völkerkunde. ko. Ein Volk, das nicht bis drei zählen kann. wurde von Hunt, Mitglied der grosten von England entsandten und noch unterwegs befindlichen ethiiologischcn Expedition, in der Torrcs- Straße zlvischen Australien und Neu-Guinea entdeckt: es bewohnt dort die Gruppe der Murray-Jnseln. Diese Menschen kennen nur zwei Zahlen, nämlich»etat— 1 und»eis— 2: höhere Zahlen werden entiveder durch Verdoppelung oder mit Bezug auf einen Körpertheil ausgedrückt. Statt drei sagen die Mnrray-Jnsulancr zweieins(neisne'tat), für vier— zweizwei(neisneisj. Darüber hinaus müssen die Glieder des menschlichen Körpers zur Zahlcnbezeichnung her' halten, und mittels dieses Verfahrens kann sogar bis 31 gezählt »verde»». Wie»vir znkveilen unsere zehn Finger als Hilssinittcl beim Zählen benutzen, so haben die Mlirray-Jiisiilancr noch andere Körper- siellen in ihr System hineingezogen. Sie faiigen am kleinen Finger der linken Hand zu zählen an.' dann kommen die übrigen Finger. dann das Handgelenk, dann der Ellbogen, dann die Achselhöhle, dann die Schriltcr, dann die Grube über dem Schlüsselbein, dam» das Brustbein»nid dann»veiter in umgekehrter Ordnung am rechten Ann hinunter bis zun» kleinen Finger der rechten Hand. Dies ergicbt 21, nnd nun kommen noch die zehn Zehen an die Reihe, so daß»na» bis 31 kommt. Ucber diese Zahl hinaus kennt das Natur- Volk nur den Begriff viel(ßaire). Es»var die höchste Zeit, dieses merkivürdige Zählsystem zu untersuchen und für die Wissenschaft festzuhalten, da jetzt auf den Inseln bereits die englischen Zahllvörter allgemein in Gebrailch kommen.— Mineralogisches. ss. Die kostbarsten Metalle der Erde. Entgegen dem allgeinein verbreiteten Glauben, dast das Gold das kostbarste Metall fei. gicbt es»ach einer Zusammenstellung der„Mining and Scientific Preß" nicht»veniger als 20 Grundstoffe, die Werth volle» Äerai!t.«rtl'/Her Ncdaklenr: Rngnft Jacobeh in Ber sind als Gold. Freilich ist der Werth der zu nennenden Elemente eigentlich ein eingebildeter und übcrha»lpt nur nach ihrer Seltenheit zu schätzen, da bei den meisten von ihnen ein praktischer Nutzen schon»vegen ihres genügen Vorkomineus garnicht bestehen kann. Als der kostbarste Stoff»vird das Element Gallium genannt, das 1872 von de Boisbandran in einer Zinkbleilde aus den Pyrenäen entdeckt und später auch in anderen Zinkerzen gefunden wurde, aber stets nur in ä»isterst geringen Mengen. Am nächsten verivandt ist es dem Aluminium: es ist ein Metall von bläulich- Iveisten» Glänze. Sein Werth»vird von der genai»nten Fachzeitschrist auf 787 500 Franks pro Kilogramm angenommen: es wäre deinnach 230 mal theurer als Gold. Hinter dieser Kostbarkeit bleiben alle anderen Stoffe weit zlirück. Als das»verthvollste Element ist demnächst das Vanadium zu nennen, das in seinen Verbind»uigei» zu verschiedenen technischen Zivecken benutzt»vird, das reine Vanadium wird auf de» Preis von 123 750 Fr. für das Kilogramin geschätzt. An dritter Stelle wird das Rubidimn mit dem Werthe von 112 500 Franks genannt, dann folgen Thorium, dessen Preis aber infolge der Entdeckung größerer Lager in Nortvegen zlveifellos bald sinken wird, mit 95 000 und Glucinium mit 60 000 Fr. pro Kilogramm. Drei»vettere Stoffe iverdcn auf den Preis von je 56 250 Fr. ge- schätzt, diese sind Lithimn, Lanthan»nid Calcium. Man»vird erftalint fragen, warum denn das Calcium, das den Hauptbestandthcil jedes gewöhnlichen Kalkes bildet, so Ivcrthvoll und 18inal theurer als Gold sein soll, aber es»vird noch erinnerlich sein, dast die Her- stellung des reinen nietallischcn Calcium erst in der alleriiencstcn Zeit gelungen ist und ganz außerordentliche technische Hilfsmittel erfordert:»m Handel dürfte man es überhaupt schlverlich schon er- halten, zumal es sich an der Luft sofort verändert. Vier»vcitere Elemente: Indium, Taiitalulm, Jttriuiii und Didymium haben einen Werth von 50 650 Fr. pro Kilogramm. ES»Verden jetzt noch folgei»de Grundstoffe anfznzählcn sein, die sämintlich erheblich kost- barer als Gold sind, nämlich Strontinm(48 200 Fr. pro Kilogram»»»), Erbinn»(42 100), Ruthenium(30 900), Niobhun und Rhodium(je 28 100), Barium(22 500), Titanium(12 650), Zirkon nnd Osmium (je 11940), Uran(11250), Palladium(6430), Tellur und Chrom (ze.5625). Nach diesen allen erst folgt das Gold niit einem Preise von 3444 Fr. pro Kilogramm.— Humoristisches. — E r muckt ans.„Weißt Du, ich bin gewiß ein duldsamer Gatte: habe Deinen Bitten nachgegeben und gestattet, daß Du Dich von dem Hobson küssen ließest,'erfüllte Deinen Wunsch und lauste Dir ein Rad, sogar zu diesen„Reformhosen' gab ich nicine Ein- willigung. aber daß Du zum Reinigen Deines Rades mein Zahnbürstchen vcrlvcndest, dagegen muß ich deirn doch Einspruch er- heben."— — Ein Faulpelz. John(zu seinen» Vater):„Ich wollt'. ich»väre todt!" Vater:„Ja. das möchte Dir so passen. Du Faulpelz, da? ganze Jahr im Sarg liegen und»licht arbeiten I" — G r a b s ch r i f t. Wanderer zieh Deine Mütze, Hier liegt ein Komiker und schlechter Schütze IN diesen» feuchten Loch. Die Witze, die er sagte. Die Hasen, die er jagte, Sie leben alle noch.— Notize»». c. Neue V ü ch e r in England gab es im Jahre 1898 nach einer soeben veröffentlichten Statistik 7516, darunter 6008 völlig neue, 1508 in neuen Auflagen. Unter diesen»varen 1758 Romane, 732 pädagogische, 618 historische, 535 theologische Bücher. Diese Ge- samnltzahl bleibt aber hinter der von 1897 doch um 410 zurück. Man schreibt den Rückgang dem spanisch-ainerikanischen Kriege zu, durch den sich das Interesse ganz den Tageszeitungen zu- wandte.— — Der in Berlin verbotene„Grüne Kakadu" ist nach einer Meldung des„B. B. C." fiir's Wiener Burgthcater— i»»it Acnderungcn— freigegeben»vorbei».— — Das Pariser Theater Porte St. Martin, da§ den Rostand'schen„Cyrauo de Bergcrac" zur Anfführung brachte, hatte eine Steigerung der Einnahmen von 766 134 Fr. im Jahre 1897 auf 2 286 777 Fr. in» Jahre 1893.— — Im Salon Keller und Reiner»vird die diesjährige „Ausstellung der XI" vom 1. bis 28. Februar Ivähren.— — Bei dem Wettbewerb für Bildhauer, den der deutsche Kaiser zur Ergänzung des nntcren, verm, ithlich von einem Gewand verhüllten Theiles eines Aphrodite- To rso's im Berliner Museum ausgeschrieben hatte, sind diesmal nur s ü n f Arbeiten eingegangen. Keiner von ihnen»vurde der Preis ertheilt.— — Der Verband deutscher Illustratoren(Berlin) zahlt zur Zeit 186 Mitglieder.— in. Tcuck und Verloz von tvinx Babing in Berlin.