Mnterhaltuttgsblatl des Jorivärts Nr. 23. Mittwoch, den I. Februar. 18S9 (Nachdruck verboten.) Hevrn Jickendrskh's VenfiotlÄre. 23� Roman von O. Eugen Thossan. Ein düsteres Schweigen herrschte rund um. Namentlich fühlte sich Johannes sehr unangenehm berührt, einmal weil er so als Sohn, wenn auch nur als Stiefsohn, einer unzu- rechnungsfähigen und vagabundirenden Frau unter den anderen, mit verqueren Blicken die Schmidt'schen Familien- glieder musternden Menschen sitzen mußte, und dann, weil er fürchtete, das Sommerfest möchte durch diese unliebsame Affäre für ihn gestört werden. Dem alten Schmidt fiel die allgemeine Schweigsamkeit auf die Nerven, was der infernalischste Radau fedenfalls nicht oethan hätte. „Donnerwetter l" polterte er los,„Jungens macht nicht solche miesen Fratzen I Wir werden sie schon noch finden... Nicht wahr, Freund Zickendrath, Sie kommen nach.dem Futtern noch einmal mit? Sie wissen ja, ich möchte nicht allein..." Herr Zickendrath nickte mit gezwungener Bereitwilligkeit. Dann trat Frau Zickendrath ein und fragte halblaut ihren Mann, wie es mit dem Sommerfest werden sollte. Der alte Schmidt gab statt seiner die Antwort. „Natürlich gehen Sie hin! Sie mit dem Fräuleiuchen und Johannes. Und wenn wir unsere Sache erledigt haben, kommen wir nach. Was, Freund Zickendrath?... Um wieviel Uhr geht der Zauber denn überhaupt los?" „Um dreie," warf Johannes schnell ein, ehe jemand anders Auskunst geben konnte. „Um dreie. Schön. Wieviel Uhr ist es jetzt, Johannes?" Johannes wurde roth.„Ich weiß es nicht genau. Meine Uhr... sie geht nicht." „Schon wieder einmal nicht. Ich möchte wissen, was Ihr mit Euren Uhren anfangt. Was fehlt ihr denu? Weshalb geht sie nicht?" Johannes sah seinen Alten unsicher an, dann versuchte er zu lächeln und sagte schließlich frech: „Im Leihhaus wird sie nicht aufgezogen." „Der Deiwel!" rief der Alte und schlug mit der Faust auf den Tisch. Herr Zickendrath rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Das war ihm sehr peinlich. Und an wem lag's wieder? An seiner Frau. Die nie damit einverstanden war, daß die Jungen einen Vorschuß über das ausgesetzte Taschen- gcld hinaus bekommen sollten. Nun hatte der Bengel seine Uhr versetzt, um für das Fest ein paar Kröten in der Tasche zu haben. Der alte Schmidt hatte unterdeffen zwei Thaler aus seiner gestrickten Börse geholt und warf sie Protzig hin. „Hier! Sofort gehst Du hin und lösest die Kartoffel wieder ein. So power sind die Schmidt's nicht, daß sie zu versetzen brauchen. Wir sitzen seit MM auf unserem Hof. Der Deiwel noch einmal!" Herr Zickendrath war ganz klein geworden. Unterwürfig wandte er sich an den grimmig dreinschauenden Bauersmann und sagte: „Wenn wir vielleicht jetzt gleich wieder aufbrächen?" „Ja." versetzte der kurz und stieß seinen Stuhl zurück, daß er krachte. Frau Zickcndrath durchbohrte ihn mit entrüsteten Blicken, aber er bemerkte es nicht. Herr Zickendrath näherte sich seiner Frau und flüsterte ihr zu:„Ich werde gleich meine schwarzen Hosen anziehen, damit ich nachher sofort fertig bin... wenn wir zurück- kommen." „Meinetwegen," entgegnete sie gereizt.„Wenn Du sie erst durch die ganze Stadt geschleift hast, werden sie ja nett aussehen." Er zog sie aber doch an. Er hatte so lange nicht die geringste gesellschaftliche Rolle niehr gespielt, daß er sich auf das Sommerfest freute, wie ein Sekundaner auf seinen ersten Ball. Das bedeutete seinen Wiedereintritt in die Well, nun, nachdem er sich wieder ein bischen in die Höhe gerappelt hatte. Die Schmidt'sche Angelegenheit kam ihm daher fo I ungelegen wie möglich. Abschieben konnte er sie sich nicht, nach dem Zwischenfall bei Tische schon garnicht mehr; aber sobald die ausgerissene Frau gefunden war, wollte er auch auf dem Platze sein. So zogen die Beiden ab. Kurz nach ihnen entfernte sich Johannes, um seine Uhr einzulösen. Er war noch nicht drei Minuten fort, da kam ein kleiner Junge und brachte seine frischgeplättete Wäsche für das Fest, in Zcitungspapier eingeschlagen. „Ich habe den jungen Herrn gleich hier an der Ecke ge- troffen. Er läßt Ihnen sagen, Sie möchtens doch einmal für ihn auslegen." „So! Na natürlich. Was macht's denn? Fünfundachtzig Pfennige? Deine Mutter macht's wohl mit'nem goldenen Plätteisen, daß es so thcuer ist? Die paar Stückchen!" „Nee," antwortete der Junge prompt,„mit euer Kohlen» plätte macht se's. Und das ist sehr ungesund, wenn euer den ganzen Tag am Brette steht. Meine Mutter hört schon gar nicht niehr uf mit Husten." Als er weg war, machte sich Frau Zickendrath Luft. „Nu läßt mich der infame Beugel schon wieder auslegen! Und eben hat er zwei Thaler von feinem Alten gekriegt. Sie legen's reineweg darauf an. Einen auszuziehen. Und wenn man's hinterher auf die Rechnung setzt, ist es an keiner Ecke recht. Brut! Mit ihrem Hof von 1430. Mag'ne schöne Budike sein. Und ihr Geld ist immer erst vom nächsten Vierteljahre." Sie fühlte sich wie ein Vulkan, der ausbrechen möchte und nicht kann. Daß ihr Mann da uiit umherzog, die närrische Frau zu suchen, war gar nicht nach ihrem Sinn. Aber mau brauchte die Leute. Da mußte man einen Pflock um den anderen zurückstecken. Und den Johannes brauchte man heute auch. Man konnte doch nicht wissen... Mannt kannte so gut wie niemand. Und schimmeln sollte sie nicht. Ach, war das ein Leben! Als aber gegen drei Uhr Mannt in vollem Putze bei ihr antrat, nahm sie die Last des Lebens wieder vergnügt auf ihre speckigen Schulten! und verließ als stolze Ballmutter das Haus. Johannes in seiner frisch geglätteten Wäsche schloß sich ihnen an. An das ausgelegte Geld schien er nicht mehr zu denken. Als es auf sieben ging, kam Fritze aus seiner Schlosserei. Sobald er in die Straße einbog, schallte ihm die Musik aus dem Konkordiagartcn entgegen. Er ver- langsamte seine Schritte, blieb dann ganz stehen, besann sich eine Weile und machte wieder Kehrt. Es war ihm plötzlich der Gedanke gekommen, daß er noch einen kleinen Spaziergang machen könnte. Er war sehr stolz auf die bedächtige Ueber- legung, deren Resultat dieser Beschluß war. Sein Herz war jetzt so friedlich, so ohne Groll gegen jedermann, daß es ein Leicht- sinn gewesen wäre, diesen Seelenfrieden aufs Spiel zu setzen. blos um das bischen Musik zu hören und die hellen Mädchenkleider unter den Bimmen umherflattern zu sehen. Nein, das war so viel besser. Nachher, wenn es dunkel wurde, zog sich die Gesellschaft so wie so in den Saal zurüch dann wollte er nach Hause gehen. Als er sich zum zweiten Male seiner Behausung näherte, war's immer noch ein bischen zu früh. Aber»och einmal umkehren, wollte er nicht. Man darf auch nicht feige sein. Eben war er im Begriff, die Hausthüre zu öffnen, da hielt hinter ihm eine Droschke. Nanu— wer kam denn da?.. stieg Herr Zickendrath aus. In einer über alle Maßen traurigen Verfassung. Das Gesicht zcrschunden und blutrünstig, der Anzug von oben bis unten mit dem mehligen Staub einer ungepflasterten Straße bedeckt und das eine Hosenbein gerade über dem 5knie fast rund herum entzweigeplatzt. Nur in der Kniekehle hingen Unter- und Oberschenkel noch durch eine schmale Landenge zusammen. Er wollte schleunigst ins Haus schlüpfen, da rief der Kutscher: „Nu nee, verehrter Herr, mein Geld!" „Was? Noch nicht einmal Sic hat er bezahlt?" „Wer? Der andere Herr mit dem närr'schen Mensche? Nee. Keenen Pfen'g." Mit einem unterdrückten Fluch griff Herr Zickendrath in zwei Taschen zugleich. »Was kriegen Sie?" „Fünfimsiebzig Pfenge, wenn Se nischt dergegen Haben." Herr Zickendrath reichte ein Zwennarlstilck auf den Bock hinauf. „Hier l Geben Sie mir heraus 1" In demselben Augenblick begann im Konkordiagarten das Feuerwerk. Ein Kanonenschuß bildete die Eröffnung, und ein wahnwitziges Naketengerassel folgte unmittelbar darauf. Dessen hatte der Droschkengaul sich nicht versehen. Er bekam einen entsetzlichen Schrecken, sprang einmal hoch empor, wie er seit fernen Jugendtagen nicht mehr gethan, und lief dann spornstreichs davon, indem er Wagen, Kutscher und Zweimarkstück ungewcchselt mit sich nahm. Herr Zickendrath sah verblüfft hinterher. Als aber das Gefährt ohne anzuhalten, um die Ecke rasselte, trat er mit einem furchtbaren Gesicht ins Hans. „Was haben Sie denn nur gemacht?" fragte' Fritze, der bis dahin vor Erstaunen nichts hatte sagen können. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verVoten.) Mukermes-s. Von Anton Tschechow. Morgens um gl/s Uhr hatten sie die Stadt verlassen. Die Chaussee war trocken, die schöne Sonne leuchtete warm vom Himmel herab, in den Gräben und im Walde aber lag noch der Schnee. Der lange, rauhe Winter hatte noch kürzlich sein Szepter geschwungen, und der Frühling war über Nacht gekommen. Allein Maria Wassiljewna, die jetzt im Wagen dahinfuhr, war gleichgiltig gegen diese Wärme, gegen diese niatten, vom Frühling'shauch er- wärmten, durchsichtigen Wälder, die schlvarzen, über die ungeheuren, seeartigen Pfützen hinziehenden Vogelschwärme. Sie sah theiluams- los in den Himmel, diesen herrlichen, unendlichen Himmel... Seit dreizehn Jahren war sie Lehrerin. Unzählige Mal hatte sie seitdem diesen Weg nach der Stadt zurückgelegt, um dort ihr Gehalt in Empfang zu nehmen, und ob es Friihling. war, wie heute, ob der feuchte Herbstwind über die Felder strich, oder alles Leben im Winterschnee und Eis erstarrte— ihr war es einerlei — sie hatte nur den einen Wunsch: möglichst schnell an ihr Ziel zu gelangen. Es Ivar ihr, als ob sie schon lange, lange Zeit, wohl hundert Jahre, in dieser Gegend lebte. Hier lag ihre Vergangenheit, hier ihre Gegenwart und sie vennochte sich auch keine andere Zukunft vorzustellen, als die Schule, den Weg nach der Stadt und zurück, und wiederum die Schule und wieder der Weg... An jene Vergangenheit, die ihrer Lehrthätigkeit voranging, dachte sie immer seltener— und vcrgatz sie säst ganz. Einst hatte sie Vater und Mutter besessen, sie lebten in Moskau am Rothen Thor in einer großen Wohnung— aber dieses Lebe» hatte in ihrer Erinnerung nur ein unbestimmtes, verschwommenes Bild hinterlassen, als wäre es ein Traum gewesen. Der Vater war gestorben, als sie zehn Jahre alt war, und bald darauf starb die Mutter... Sie hatte auch einen Bruder, der Offizier war. Anfangs korrespondirten sie miteinander, dann hörte der Bruder auf, ihre Briefe zu beantworten— sie entfremdeten sich. Von den Sachen aus ihrem Elternhause besaß sie nur noch eine Photographie ihrer Mutter; die Feuchtigkeit in der Schule hatte dies Bild ganz unkenntlich gemacht. Als sie etwa eine Werst zurückgelegt hatten, wandte sich der alte Semen, der Kutscher, um und sagte: „In der Stadt ist ein Beamter verhaftet worden, man bat ihn verschickt. Es hat � sich das Gerücht verbreitet, er habe in Moskau mit Deittschen falsches Geld verfertigt." „Wer hat es Dir gesagt?" „In Iwan Jouoiv's Schänke hat man es in der Zeitting gelesen." Und wieder trat langes Schweigen ein. Maria Wassiljewna dachte an ihre Schule, an'das Examen, das nächstens stattfinden sollte, zu dem sie vier Knaben und ein Mädchen vorbereitet hatte. Und gerade als sie darüber nachdachte, holte sie der Gutsbesitzer Chanow in einem Vierspänner ein, derselbe, der im vergangenen Jahre ihre Schüler geprüft hatte. Als er an ihr voriibcrfuhr, er- kannte er sie und grüßte höflich. Chanow, ein Mann in den Vierzigern, mit verlebten Gesichts- zögen und trägen, Ausdruck, begann zu altern, war aber immer noch schön und gefiel den Frauen. Er lebte allein ans seinem großen Gute, hatte keinerlei dienstliche Verpflichtungen, und man erzählte sich, daß er zu Hause müßig den Tag hinbringe. Auch sagte man, daß er stark trinke. In der That, im vorigen Jahre, lvährend der Prüfungen, rochen sogar die Papiere, die er mitgebracht hatte, nach Parfüm und Wein. Damals war er in nagelneuer Kleidung er- schienen und hatte Maria Wassiljewna sehr gefallen. Sie ivar an ernste, strenge Examinatoren gewöhnt; dieser aber konnte sich keines einzigen Gebets entsinnen, wußte gar keine Fragen zu stellen, war außerordentlich fiedestsswirdig und gab den Kmdern die besten Stl'Jmh „Ich fahre zu Bakwitt," sagte Chanow, indem er sich an Maria Wassiljewna wandte,„man sagt aber, daß er nicht zu Hause seil" Sie bogen von der Chaussee auf einen Nebenweg ein, Chanow voran, Semen hinterher. Das Viergespann ging im Schritt, mit Mühe den schweren Wagen aus dem Straßenköth ziehend.., Maria Wassiljewna dachte immer an die Schule, ob wohl die Prüfungs- arbeit eine schwere oder leichte sein würde? Sie ärgerte sich über die Gemeindeverwaltung, in deren Bureau sie gestern wieder niemand getroffen hatte. Was dort für eine Unordnung herrscht! Seit zwei Jahren fleht sie. man möchte den Schuldiener entlassen, der faul und grob ist und die Schüler mißhandelt. Niemand leiht ihr Gehör. Der Vorsitzende ist sehr selten im Bureau anzutreffen und wenn er da ist, so bethcuert er mit Thränen in den Augen, daß er keine Zeit habe; der Schulinspektor besucht die Schule einmal in drei Jahren und versteht nichts von der Sache, da er früher Accffen- beamter gewesen und das Amt eines Schulinspettors nur durch Protektion erhalten hat; der Schulrath hält seine Sitzungen sehr selten ab, und nie weiß man, wo sie stattfinden; der Schul- kurator, ein ungebildeter Bauer, Inhaber einer Lederfabrik, ist dumm, roh und der beste Freund des Schuldicners— Gott weiß, an wen man sich da mit einer Beschwerde oder um Auskunft wenden soll! Er ist wirklich hübsch I— dachte sie, nach Chanow hinblickend. Der Weg wurde immer schlechter und schlechter... Sie fuhren in den Wald hinein. Hier gab es keine Möglichkeit, vom Wege ab- zubiegen, die Radspuren waren sehr tief, in ihnen floß und rieselte das Wasser, stechende Zweige schlugen den Fahrenden ins Gesicht. „Ein schöner Weg I" sagte Chanow und lachte. Die Lehrerin sah ihn an und konnte nicht begreifen, warum dieser Sonderling hier lebte? Was hatte er in dieser Einöde, diesen« Schmutz, dieser Langeweile von seinem Gelde, seinem interessanten Acußeren, seiner feinen Erziehung? Das Leben bietet ihm hier gar nichts, wie Semen führt er im Schritt auf diesen abscheulichen Wegen und erträgt mit ihm dieselben Un- bequemlichkeiten. Wozu hier leben, wenn man die Möglichkeit hat, in St. Petersburg oder ini Auslände zu leben? Und was würde es ihm ausmachen, diesen schlechten Weg in einen guten zu verlvandeln, um- sich selbst nicht zu quälen, und die unglücklichen Ge- sichter des Kutschers und Semens nicht zu sehen? Er lacht nur! Ihm scheint Alles einerlei zu sein, er bedarf wohl keines besseren Lebens I Er ist gutmiithig, weichherzig, naiv, versteht dieses plumpe Leben nicht,' Iveiß nichts davon, wie er auf dem Examen rnchts von den Gebeten wußte. Er stiftet für die Schule Globen und ist der aufrichtigen Ueberzeugimg, ein mitzlicher Mensch, ein Förderer der Volksbildung zu sein. Was wohl seine Globen hier .nützen sollten!— „Halte Dich fest, Wassiljewna," rief ihr Semen zu. Der Wagen neigte sich stark ans die Seite— fast wäre er UM- gestürzt. Auf Maria Wassiljewna's Füße fiel etlvas Schweres— eS waren ihre Einkäufe... Jetzt ein steiler Aufstieg auf lehmiger Erde, rechts und links sttömen lärnrend Bäche zu Thal, das Wasser hat den Weg unterwühlt— und hier soll man fahren! Die Pferde keuchten.— Chanow verließ den Wagen, um am Rande des WegeS zu Fuß hinauf zu gehen. Er trug einen langen Ueberzteher.— Ihm war so heiß. Wie finden Sie den Weg?" begann er wieder und lachte.„Es wäre kein Wunder, wenn der Wagen zerbräche!" „Und wer heißt Sie in solche einem Wetter ausfahren!" sagte Semen mürnsch.„Sie hätten doch zu Hause bleiben können I" „Zu Hause ist es so langiveilig, Alterl Ich sitze nicht gern zu Hause." Neben dem alten Semen erschien er wohlgestaltet und jugend- frisch, aber in seinem Gang lag kaum bemerkbar etivas, das ihn zu. einem vergifteten, schwachen, dem Verderben gciveihtcn Wesen stempelte. Es war, als ob es plötzlich im Walde nach Wein roch.— Rchricr Wassiljewna wurde so Iveh ums Herz I ES that ihr leid um diesen Menschen,' der verkani, ohne daß man wußte warum und weshalb, und da kam es ihr plötzlich in de» Sinn, daß, wenn sie seine Frau oder seine Schwester wäre, so würde sie ihm ihr ganzes Leben weihen, um ihn vor dem Verderben zu retten. Sie. seine Frau? Das Schicksal hatte es so gefügt, daß er dort in seinem großen Hause allein lebte und sie allein in diesem öden Dorfe, und doch erschien ihr der Gedanke, daß sie einander nahe stehen könnten,,»»möglich, widersinnig. Das Leben ist so sinnlos, und die menschlichen Be- zichuugen so zweck- und verständnißlos geknüpft, daß es einem ;anz bange wird, und das Herz still stehen will, wenn man daran )cnkt.—. „Hier müssen wir nach rechts abbiegen," sagte Chrniow, indem er sich wieder in den Wagen setzte.„Adieu I Wünsche Ihnen alles Gute!"-- Und wieder dachte sie an ihre Schule, an das Examen, an den Diener, den Schulrath, und als-der Wind das Geräusch des sich entfernenden Wagens zu ihr herüberttug, vermischten sich diese Gedanken mit den anderen. Es war so schön, von den ichonen Augen, der Liebe, von. einem Glück. daS inj unerreichbarer Ferne lag, zu träumen... Seine Frau--- Morgens ist es so kalt und sie hat niemand, der rhr den Ofen anheizen'könnte, demr der Diener ist ausgegangen. Die Schuler kommen schon, wenn der Morgen graut, bringen Schnee und Schmutz mit und länye'n. Alles ist so unbeguein und so ungcmüthkich l T>e Wohnung besteht auS einem Zimmer, da? zugleich Küche ist. Räch der Schule täglich Kopfschmerzen, nach'dem Mittagessen Sod- brennen. Sie mufe bei den Schülern Geld für die Heizung und für den Diener sammeln und es dem Kurator abgeben, um nachher ihn, den satten, frechen Bauer anzuflehen, daß er doch um Gottes Willen Holz schicken möge. Und in der Nacht träumt sie von Prüfungen, von Bauern, von Schneehaufen-- Solch' ein Leben hat sie alt, roh, häßlich, eckig, ungeschickt ge- macht, es ist, als ob sie Blei im Leibe hätte; vor Allem fürchtet sie fich; fie erhebt sich in Gegenivart eines Vorstandsmitgliedes oder des Kurators, sie ivagt nicht, sich zu setzen, und wenn sie in ihrer Abwesenheit von ihnen spricht, so drückt sie fich stets sehr ehrerbietig aus. Niemandem gefällt sie, und das Leben fließt dahin, langweilig, ohne Liebe, ohne freundschaftliche Theilnahme, ohne interessante Be- kanntschafteii. Wie entsetzlich, sich in ihrer Lage zu verlieben! sSchluß folgt.) Kleines Feuillekon. — Bäder in Japan. In der Monatsschrift„Ost-Nsien" plaudert Prof. O. Loew über die Bäder in Japan: Japan ist das klassische Land des Badens, selbst der Aermste nimmt wöchentlich ein- oder mehrmals ein heißes Bad. In erster Linie sind diese 49—50 Grad Celsius heißen Bäder Gesundhcitsniaßregelir, keines- Wegs ein Vergnügen. Wer das japanische Klima kennt, mit den im Winter monatelang dauernden scharfen, trockenen Nordwinden, der wird anch den Zusammenhang mit der in ganz Japan verbreiteten Gewohnheit, sehr heiß zu baden, bald erkenne». Sie ist eine vor- beugende Maßregel gegen den Nhcnmatismus, welchen das Klinia mit sich bringt. Darum greifen auch alle Europäer in Japan gar bald zu diesem, in Japan seit uralten Zeiten auf- gefundenen Mittel. Kein anderes Land der Welt kennt diese wohl begreifliche Gcwohnheit. Fast jedes Haus hat ein Badezimmer. Die Badewanne ist so eingerichtet, daß der kleine eiserne Ofen sein Rohr) zum Heizen des Wassers im Wasser der Badcwaimc selber steht. Anch die öffentlichen Bade-Anstalten, welche für wenige Pfennige anch dem Aermsten das Baden ermöglichen, sind sehr zahlreich. Allerdings baden da Dutzende von Leuten nacheinander in dem- selben h'eißgehaltenen Wasser. Das erste, was man einem Gaste in eiiieni Hotel anbietet, ist ein heißes Bad. Steigt man in ein solches heißes Bad, so empfindet man den Stoß des wieder in die Haupt- kapillaren strömenden Blutes wie lauter Nadelstiche. Bleibt nian länger als 10 Minuten darin, so kann das für nianche Personen Ge- fahren mit sich bringen; ich wurde zweimal bei solchen Gelegen- heiten bewußtlos, als ich ans dem Bade stieg. Es ist deshalb die Vorsichtsmaßregel ain Platze, den Kopf während des Bades mit kaltem Wasser zu begießen. Auch die in Japan zahlreichen Bade-Orte mit alkalischem, salzigem oder schwefelwasserstoffhaltigem Wasser werden stark frcqnentirt. Manche dieser Gewäffer sind sehr heiß und Geysirs. Thenre Preise und luxuriöse Einrichtungen kennt man in ihnen nicht. Auch der Acrniste kann dort unaenirt die Bäder genießen und ans die billigste Art leben. Sogar mitten im Winter sind manche Thermen, wie die von Atnmi, voll von Bestichern. Von den theuren Hotels in europäischem Stil bis zu den einfachsten Gast- Häusern japanischen Stils finden sich alle Alfftufungen. Zu den Thennen, welche als heilkräftig bei Hantkrankheiten gepriesen werden, gehören besonders die 50 Grad heißen Waffer von Kusatsu. Da es die größte Ueberwindung kostet, in ein so heißes Bad zu steigen, hat die dortige Bade- Verwaltung ein streng militärisches System eingeführt, dem sich jeder fügen muß. Mit einer Trmnpete wird das Signal zum Ein- steigen gegeben, und ein zweites Signal erlöst den Badegast von seiner Tortur»ach abgezählten qualvollen Minuten. Ein sehr idyllisch gelegenes Bad mit heißen Schwefelquellen ist daS von D u m o t o bei Nikko. Da es bei seiner Gebirgslage inr Winter starken Schneefällen ausgesetzt ist, wird es lediglich im Sommer besucht. Auch dort, weitab im Innern Japans, kann der Europäer Mes nach seiner Weise geboten erhalten. Spekulative Japaner haben es nieistcrhaft verstanden, für ganz vorzügliche Fische, Wild u. s. w., nach europäischer Art zubereitet, zu sorgen. Es findet denn auch ein starker Andrang von Engländern, Deutschen und Amerikanern dort statt. Mancher Deutsche zieht aber vor, in noch entlegenere Bäder zu gehen und dort mit Japanern im japanische» Stile zu leben. Anch die Wasserfälle stehen in hohem Ansehen. In großer Zahl strömen Erkrankte wie Gesunde zu denselben, um sich von der Wucht des oft aus beträchtlicher Höhe fallenden Wassers gleichsam massiren zu lassen. Das Massiren ist überhaupt eine uralte Operation in Japan und dort längst als das beste Mittel gegen rheumatische Leiden erkannt worden.— Musik. 82. Es kommt uns vielleicht garnicht zum Bewußtsein, daß wir mit der gegenwärtigen Kunst des musikalischen LiedcS verhültniß- mäßig gut daran sind. Zunächst sind drei Verstorbeue schon des- wegen zu nenne», iveil ihre Lieder noch lange nicht genug zum vollen Leben gebracht sind: Franz. Cornelius und Ritter, dessen posthume fünf Lieder, modern im besten Sinne, ihn uns abermals näher bringen. Von Lebenden sind etwa einerseits Jensen, Sommer und Grieg, andererseits die. spezifisch Modemen R. Strauß, H. Wolf Und W. Mauke besonders hervorzuheben; anch der 5lompo»ist des „Armen Heinrich", einer Oper, deren Zurücksetzung hinter das uns sonst Dargebotene eine schwere Unbill ist, führt sich allmälig mit sehr bcachtenswerthen Liedern ein. Spürt man in ihnen mehr den Orchesterkomponisten, so deuten die uns jetzt vorliegenden sieben„Lieder und Gesänge" und ein Einzelied„Liebesfrühling" von Hans Richard iW. Sulzer, Mustkvcrlag, Leipzig) mehr auf den Gesangs- künstler; als solcher ist Hans Richard auch pädagogisch sehr geachtet. Seine Lieder find zu melodiös, um schlechtweg der Moderne, und zu eigenartig, um schlechtweg dem Epigonenthum eingereiht zu werden. Kennzeichnen läßt sich diese Eigenart hier kaum; vielleicht genügt die Andeutung, daß Richard, für den das Anpassen der musikalischen Gliederung an die Textesglicderung wohl eine selbstverständliche Forderung gegenwärtiger Liederknnst ist, es noch ganz besonders versteht, auch das nielodiös Hervortretende in die jeweiligen Höhepunkte dieser Gliederungen zu verlegen. So sind seine Lieder in vorzüglicher Weise sangbar und für Konzertgeber wie für Liebhaber ein dankbares, nicht einmal„schweres", wenn- gleich„gewichtiges" Material. Bevorzugen möchten wir das so innige Lied„Glückes genug"(Dichtung von Lilicncron), danit das besonders durch die Kunst des Ausdrucks wehmüthiaer Stimmung hervorragende„Schlmnm'rc Kind"«Eltern. Berlin. Emil Streisand.—, � — Cr r st F. Müller, Dr. phD., Irrenarzt- auf Irr« wegen. Offener Brief an Herrn Univerfitäts-Profeffor und Medizinalrath Dr. C. Wernicke in Breslau, betreffend den Fall Müller- Breslau. Selbstverlag. In Kommission bei O. Damm. Dresden-A.— — Carl Kratz. Planzenheilverfahren. Geschichte der Kräuterluren. Berlin. Schweitzer u. Mohr. 3 M.— da« Nr. 69 Lierantwortticher Redakteur: Hugo Poetzsch in Berlin. Druck und Verlag von Mar Badtng iu Berliu,.