Hlnlerhaltuitgsblalt des vorwärts Nr. 24. Donnerstag, den 2. Februar. 1899 (Nachdruck verioten.) �evvn Äickenvrskh�s Veu�onÄve. 24] Roman von O. Eugen Thossan. Herr Zickcndrath beachtete gar nicht, wer es war. der ihn fragte. Er schrie seine grenzenlose Empörung nur so zu seiner eigenen Befreiung in den hallenden Flur hinein. „Sollte man so was für möglich halten? Dieser Kerl, dieser Schmidt, dieser Bauerl Schleppt er mich da den ganzen Tag umher, von Pontius zu Pilatus, hinter seiner Frau her. Und versichert mir ein über das andere Mal, wenn ich dabei wäre, ginge die Sache vollkommen glatt ab... Na, ich danke, glatt I Als wir sie endlich erwischt hatten— das heißt, wir hatten sie eben noch nicht— wir sahen sie nur, und sie sah uns. Fängt das Wesen an zu schreien Hilfe I Feuer! Mörder I alles durcheinander... und rennt, was sie die Beine tragen. Mitten in der Sttaße. Wir hinterher, der alte Schmidt und ich. Mit einem Mal schlägt sie einen Haken wie ein Hase, kommt uns quervor entgegen und will an uns vorbei. Ich springe zur Seite, um sie zu halten— da lieg ich. Die Visage aufgeschunden, die schwarzen Hosen zerplatzt, der ganze Tag verloren... und die Droschke hat er auch noch nicht einmal berappt." «Wer? Mein Alter?" fragt da eine etwas bedippertc Stimme. „Wo kommen Sie denn her?" Wir aus der Erde aufgestiegen, stand Johannes da. „Ich denke, Sie sind drüben in der stonkordia!" „Ja, da war ich auch. Aber... es gefiel mir nicht... oder eigentlich... mir war nicht recht wohl..." „Mir ist auch nicht wohl," pfiff ihn da Herr Zickendrath an. Dann trat er ins Wohnzimmer und schlug die Thür krachend hinter sich zu. Gleich darauf rauschte Frau Zickendrath herein, die von drüben den Wagen hatte halten sehen und nichts Gutes ahnte. „Was ist denn...?" rief sie außer Athem. „Ach... ein kleines Malheur hat Herr Zickcndrath gc- habt. Es ist nicht so schlimm..." „Max...!" Und sie verschwand ebenfalls im Wohnzimmer. Fritz schüttelte den Kopf. Es kam ihm vor, als ob die ganze Welt um ihn herum den Kopf verloren hätte. Und eine eigenthümliche Luft schien das Haus zu erfüllen, dick, schwer, drückend, als ob es noch mit Unglücksstoffen geladen wäre, die in jedem Augenblick explodiren könnten. Langsam stieg er neben Johannes die Treppe hinauf. „Es war nämlich grauenhaft öde da drüben," sagte der. „Da bin ich einfach weggelaufen. Mir soll einer noch ein- mal kommen mit dieser Konkordia! Langweilige Spießer- ktiquc I" In Wirklichkeit hatte er sich von Minute zu Minute überflüssiger gefühlt, weil Mannt großartige Trirunphe feierte. Man riß sich um sie, lauter respektable ansehnliche junge Leute. Dagegen konnte ein Pennäler nicht aufkommen. Zumal auch ein junger Gymnasiallehrer sich um Mannt bemühte, der Dr. Oberländer, Ordinattus der Quinta. Von wüthender Eifersucht gepeinigt hatte sich Johannes davongestohlen und war gerade recht gekomnien, um Herrn Zickendrath's Lobrede auf seinen Alten noch zu genießen. Nichts als Unannehmlichkeiten heute, auf allen Seiten, als ob es einer darauf abgesehen hätte, eine recht verrückte Komödie zusammenzubrauen. Als Fritze seine Stubenthür öffnen wollte, war sie von innen verriegelt. ... Nanu? 1 7'. Emil!" Alles still..... Emil!"' Kein Laut. Und der Bengel war doch drin, daran war kein Zweifel. Von außen abgeschlossen konnte die Thür nicht sein. Denn es existtrte gar kein Schlüssel dazu. „Eniil!" Als-"noch nichts erfolgte, wurde Fritze ungeduldig und sing an, mit den Fäusten wider die Füllung zu trommeln. Ohne Erfolg. Noch einmal. Und als er diesmal den Wirbel plötzlich jäh abbrach, vernahm er ganz deutlich, wenn auch wie aus weiter Ferne, Emil's Stimme, die sich in einem unverkeun« baren Hohngequäke erging. Emil lag nämlich im Fenster und sah dem Feuerwerk zu. Er hatte Fritzens Anruf gleich beim ersten Male gehört, aber es war ihm nicht eingefallen, sich zu melden. Er wollte doch nichts von dem seltenen Schauspiel versäumen. Und je stürmischer Fritze wurde, desto mehr verstockte sich Emil's Herz. Er hatte überhaupt„dies Zusammcnwohnen mit dem Schlosscrgesellen satt. Schließlich war seine Bude keine Schlafstelle. Denn seine Bude war es von Anfang an ge- Wesen, ehe Fritze überhaupt vorhanden war. Und er wollte sie wieder für sich allein haben. Sein Vater bezahlte doch nicht daftir, daß er noch einen bei sich beherbergen mußte! Als Fritze zu trommeln begann, füllte sich der kleine Schädel drinnen mit lustigem Uebermuth. Das machte ihm Spaß. Nur feste! Immer noch einmal I Aeäh l Er niachte mit seinen Beinen rücklings spötttsche Bewegungen nach der Thür und starb bald vor Vergnügen. Mit einem Mal erstarb auch draußen der Lärm. Ganz ruhig ertönte Fritzen's Stimme: „Emil, wennDu jetzt nicht gutwillig auftnachst, brecheich auf." Da in diesem Moment der letzte Buchstabe der ttans» parenten X()KKX)KDI� auf einem Puff erlosch, entschloß sich Emil zu öffnen. „Warum hast Du abgeriegelt?" „Ich hatte mir die Füße gewaschen." Die Wasserlache ließ diese Behauptung glaubhaft er« scheinen. „Warum hast Du denn nicht gleich aufgemacht?" Die Ruhe, mit der Fritze seine Fragen stellte, verleitete Emil zu einer Unbesonnenheit. „Ach, ich will überhaupt von jetzt ab mein Zimmer wieder allein haben." Klapp! Schwapp? gings. Es waren zwei Ohrfeigen, wie sie Emil in seinen schlimmsten Träumen noch nicht besehen hatte. „Warte, mein Sohn!" Mit diesen Worten sprang Fritze nach der Ecke, wo sein Stock stand. Jetzt erst begriff Emil. Entsetzen und Januner quollen in ihm auf und ein durchdringendes Geschrei ausstoßend, floh er auf den Korridor. Fritze ihm nach. Noch zweimal sauste der Knüppel dem Flüchtling über die Rückseite, dann hatte er das kleine Thürchen erreicht, das neben der Treppe auf den gesichertsten Ort des Hauses führte. Hinein— ratsch l den Niegel vor. Aufathmend stand Fritze füll. Unten wurde es lebendig. Die Wohnstube öffnete sich, Stimmen, Tritte die Treppe herauf. Auch in der Höhle der Schmidt's regte es sich. Bald war die gesammte Bewohnerschaft des Hauses vor dem ge- heimnißvollen Thürchen vereint. Fritze erzählle mit wenigen Worten. Frau Zickendrath sing an zu jammern. „Auch das noch! Mußten Sie sich denn gerade diesen Tag aussuchen, wo schon so viel passirt ist?" Fritze lachte rauh. „Mir ist noch gar nichts passirt. Ich habe gearbeitet wie jeden Tag und wollte in meine Stube, auch wie jeden Tag. Und ivas dem kleinen Satan Passirt ist, das müßte ihm von Rechtswegen viel öfter Paffiren. Damit ihm der Gift auS- getrieben wird." „Was macht er denn nur da drin?" „Er will doch ein Zimmer für sich allein haben", höhnte Fritze. „Ach Du lieber Gott 1�1", Emilchen!. I I So komm doch wieder raus! Er darf Dir nichts mehr thun." Todtensttlle. Dann versuchte Herr Zickendrath sein Heil. Alles der» gebeus. Johannes rüttelte, Gustel klopfte. 7*5 Todtensttlle. Allmälig wurde die Sache ängstlich. „Er wird sich doch nichts zu leide gethan haben? „Ach Unsinn, wie soll er denn...?" Ein dumpfes Schweigen lagerte sich mit einem Male über die ganze Sippe. Ein gemeinsamer Gedanke ließ all» Herzen still stehen.«X Fritze stand plötzlich mit einem Stemmeisen vor der Thüre. Er setzte es an.,. krach!... die Thür sprang auf ~ Emilchen stand unversehrt dahinter. Mutter Zickendrath nahm ihn in die Arme. „Schwindler I Komödiant!" knirschte Fritze. Herr Zickendrath aber schoß unverinuthet herum und fauchte Fritzen ins Gesicht: „Morgen ziehen Sie aus!" „Das thu' ich aber ganz gewiß."'entgegnete Fritze ohne die geringste Ueberraschung zu zeigen. Dann begab er sich mit dröhnenden Schritten über den Korridor nach seinem Zimmer..., (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Mttkevmegs. Von Anton Tschechow. (Schluß.) .Borsicht Wassiljelvna!" Wieder ein steiler Aufstieg. Aus Roth war sie Lehrerin geworden, ohne eine besondere Neigung zu diesem Beruf zu fühlen,' und nie hatte sie über ihren Beruf und den Nutzen der Bildung nachgedacht. Immer hatte es ihr geschienen, daß nicht die Schüler und ihre geistige Entwrckelung, sondern die Prüfungen die Hauptsache in ihrer Lehrthätigleit seien. Und wann sollte sie auch an ihren Beruf, an den Nutzen der Bildung denken? Lehrer, unbemittelte Aerzte und Feldscheerer haben nicht einmal den Trost, zu denken, daß sie einer Idee oder dem Volke dienen, da ihr Kopf beständig mit Gedanken an das tägliche Brot, an Holz, schlechte Wege und Krankheiten angefüllt ist. Em mühseliges, freudloses Leben I Auf die Dauer ertragen konnten es nur Lastthiere, wie Maria Wassiljelvna eins war, die Anderen aber, die lebhaften, nervösen, eindrucksfähigen Menschen, die von ihrem Beruf, von einem Leben im Dienste einer Idee sprachen, ermüdeten bald und wurden fahnenflüchtig. Semen suchte nach dein trockensten und kürzesten Wege, stihr bald durch einen Hinterhof, bald über eine Wiese, doch überall stellten sich ihm Hindernisse in den Weg: hier erlaubten die Bauern nicht durchzufahren, jenes Stück Land gehörte dem Popen, hier war keine Durchfahrt gestattet; dann mar ein breiter Graben gezogen— fortwährend mußte man Kehrt machen. Sie kamen endlich nach Nishneje Gorodischtsche. Am Gasthof, auf dein schon gedüngten Boden, ans dem noch der Schnee lag, standen Fuhren; man verlud große Flaschen mit Oel. Im Gasthofe waren viele Menschen— alles Fuhrleute. Es roch nach Branntwein, nach Tabak und nach Schaffellen. Es wurde laut gesprochen, die Thür krächzte beständig in ihren Angeln. Nebenbei im Laden spielte jemand ohne auszuhören Harmonika. Maria Wassiljcwna trank ihren Thee, ain Nebentisch saßen vom Thee und der im Raum herrschenden Schwüle erhitzte Bauern bei Branntwein und Bier. .Höre, KusmerT erschollen verworrene Stimmen.„Was giebt's!— Iwan Dementitsch, das kann ich l— Herrje! Paß auf!" Ein Bauer von untersetzter Gestalt, mit schwarzem Bärtchen und Pockennarben, der schon längst angetrunken war, stutzte plötzlich und begann häßlich zu schimpfe, i. „Was schimpfst Du da!" rief ihm Semen ärgerlich zu. der weiter abseits saß.„Siehst Du denn nicht daS Fräulein hier?" „Ein Fräulein?" äffte ihm jemand nach. „Alte Krähe I" „Ich wollte ja nicht.. stammelte der Bauer verlegen.„Ver- zeihung I Ich bezahle ja meinen Groschen so gut Wie das Fräu- lein... Guten Tag I" „Guten Tag I" crividerte die Lehrerin. „Danke ergcbenst!"" Maria Wassiljetvna trank mit Behagen ihren Thee, wurde selbst so roth wie die Bauern und dachte' wieder an. den Wächter, an das Holz... „Ach, wart' mal, Bruder I" tönte es vom benachbarten Tisch herüber.„Das ist ja die Lehrerin aus Wjasowja. Ich kenne sie ja, fie ist ein gutes Mädchen." „Ja, ein tüchtiges Mädchen." Die Thür schlug auf und zu, man kam und ging. Maria Wassiljelvna saß da und dachte innner ei» und dasselbe, und der einförmige Sang der Harmonika tönte nebenbei ununterbrochen fort... Anfangs spielten die Sonnenstrahlen auf dem Fußboden, dann glitten sie über die Bänke an der Wand entlang immer höher und höher hinauf, bis sie schließlich ganz verschwunden waren. Die Sonne hatte also schon die Mittagshöhe überschritten. Die Bauern rüsteten sich zum Aufbruch. Der Bauer mit dem schwarzen Bärtchen kam etwas schwankend auf Maria Wassiljewna zu und reichte ihr die Hand. Seinem Beispiel folgten die anderen, einer»ach dem andern ging dann hinaus, neunmal fiel die Thür ins Schloß. „Wassiljewna, mach Dich bereit!" rief Semen. Sie fuhren tvieder, und wieder ging es Schritt vor Schritt. „Kürzlich ist hier in Nishnhe Gorodischtsche eine Schule gebaut worden," erzählte Semen, indem er sich umwandte.»Wieviel Sünden daran hasten I" .Wieso?" „Man sagt, daß der Vorfitzende sich Tausend Rubel in die Tasche gesteckt habe, der Kurator auch Tausend, und der Lehrer Fünfhundert." „Die ganze Schule kostet ja nicht mehr als Tausend. Es ist nicht nett, die Menschen zu verleumden, Alter! Das ist ja alles Unsinn!" „Ich weiß nicht,— ich sage nur, was die Leute sagen." Es war Aar, daß Semen der Lehrerin nicht glaubte. Die Bauen, glaubten ihr überhaupt nicht. Sie meinten immer, daß sie ein zu hohes Gehalt bekäme— 21 Rubel monatlich!(fünf Rubel wären auch genug gewesen) und daß sie den größten Theil des Geldes, das sie von den Schülern für den Wächter und die Heizung einkassirte, für sich behalte. Der Kurator war der gleichen Meinung wie alle Bauern. Er verdiente auch etwas an diesem Holz, erhielt obendrein von den Bauern, hinter dem Rücken der Behörde, ein be- sonderes Gehalt für sein Kuratoramt. Endlich war der Wald zu Ende. Jetzt breitete sich bis Wjasowja ebenes Feld aus. Sie hatten nur noch eine kurze Strecke zurückzn- legen: zuerst den Fluß und dann den Eisenbahndamm zu über- schreiten, dann waren sie in Wjasowja. „Wohin fährst Du denn?" fragte Maria Wassiljewna Semen. .Fahre rechts über die Brücke." „Warum? Wir kommen auch hier hinüber I Der Fluß ist hier nicht sehr tief." „Nimm Dich in Acht! Daß das Pferd nur nicht ertrinkt!" „Ach was I" „Da fährt Chanow über die Brücke", sagt Maria Wassiljewna, als sie in einiger Entfernung das Viergespann erblickt.„Sticht tvahr, das ist er doch?" „Jawohl! Wahrscheinlich hat er den Bakwitt nicht zu Hause getroffen. Dieser Schafskopf! Du lieber Gott! Warum ist er denn über die Brücke gefahren I Hier ist es ja um drei Werst näher!" Sie kamen an den Fluß. Im Sommer war es ein kleines Bächlein, das man leicht überschreiten konnte und das im August gewöhnlich ganz austrocknete, jetzt aber, nach der Ueberschwemmung, ivar es ein reißender, trüber, kalter Fluß von ungefähr sechs Faden Breite. Am Ilfer sah man stische Wagenspuren— man war also hier durchgefahren. .Vorwärts I" rief Semen ärgerlich, indem er stark die Zügel anzog und mit den Ellenbogen schlug, wie ein Vogel mit seinen Flügeln.„Vortvärts!" Das Pferd versank bis zum Bauch im Wasser und blieb stehen. Alle Kräfte anspannend ging es dann weiter. Maria Wassiljewna fühlte Kälte an den Füßen.«Vorwärts I" rief auch sie, indem sie sich erhob.„Vorwärts!" Sie erreichten das Ufer. Semen rückte das Geschirr zurecht und brummte ettvas in den Bart. Maria Wassiljewna's Gummischuhe und Stiefel waren voll Wasser, der Rand des Kleides und des Pelzes und der eine Aermel waren so naß, daß das Wasser in Strömen von ihnen herabfloß. Der Zucker und das Mehl waren feucht geworden— das war am allerärgerlichsten, und, verzweiflungsvoll die Hände erhebend, sagte Maria Wassiljewna nur: „Ach Semen, Semen! Was bist Du wirklich für einer!" Der Schlagbanm war herabgelassen, als sie an den Eisen- bahndnmm kamen, der Kourierzug wurde erwartet. Maria Wassiljewna stand an der Uebcrfahrt und wartete, bis er vorübergefahren sein würde. Sie bebte vor Kälte.. Man konnte Wjasowja schon sehen, die Schule mit de», grünen Dach und die Kirche, deren Kreuze in der Abendsonne stmkclten. Die Fenster des Stationsgebäudes funkelten auch, rosa Rauchtvölkchen stiegen aus der Lokomotive.... Ihr schien es, als ob alles vor Kälte zittere. Da hielt der Zug. In den Fenstern spiegelte sich die Sonne so leuchtend, wie aus den Kreuzen der Kirche. Der Anblick that fast den Augen weh. Auf dem Perron eines Wagens erfter Klasse stand eine Dame und Maria Wassiljewna streifte sie mit ihren, Blick. Die Mutter! Was für eine Aehnlichkeit! Die Mutter hatte auch so volles Haar gehabt, dieselbe Stirn, dieselbe Kopfbewegung. Und zum ersten Mal in all den langen Jahren stellte sie sich lebhast, mit greif- barer Deutlichkeit die Mutter vor, und dann den Vater,_ den Bruder, die Wohnung in Moskau, das Aquarium mit den Fischche», kurz alles, bis auf die geringste Kleinigkeit. Sie glaubte plötzlick Klavier- spiel zu hören, die Stimme des Vaters zu vernehmen, sie fühlte sich wie damals jung und hübsch.— Ihr war, als sei sie in einem freundlichen, wannen Zimmer, im Kreise der Ihrigen.— Ein Gefiihl der Freude und des Glücks überkam sie— vor Entzücken preßte sie die Hände an die Schläfen und flüsterte zärt- lich, flehentlich: „Mutter!" Sie weinte— warum, wußte sie nicht. In diesem Augenblick kam gerade Chanow borübergefahren und als sie ihn erblickte, euch fand sie ein nie geahntes Glück, sie lächelte, nickte ihm zu und glaubte, daß am Himmel, in den Fenstern, auf allen Bäumen ihr Glück leuchte und ihr Triumph.... Ja, Vater und Mutter waren garnicht gestorben, niemals war sie Lehrerin gewesen,— das war alles ein langer, schwerer, sonderbarer Traum, und nun war sie erwacht.,, „WaMjewna, steig einl* Und plötzlich war Alles verschwnndew— Langsam Holl sich der Schlagbaum. Maria Wassiljewna setzte sich bebend, vor Kälte er- starrt in den Wagen. Das Viergespann fuhr über den Eisenbahn- dämm, hinter ihm her fuhr Semen... Der Aufseher zog die Mütze. .Da ist Wjasowja.— Wir sind am Ziel."— Kleines �euillekon. — d. Der Lockvogel. Die Tafel wurde aufgehoben. Lachend und scherzend standen die MaSkirten auf und traten an die Seiten des hellerleuchteten Saales. Die Kellner legten die Tische zusammen und schoben sie hinaus. Mit grohcn Besen wurden die Knallbonbon- kapseln und Papierblumen, sowie die verspielten Zuckerftiicke auf- gefegt. 'In die ruhigen Gruppen kam plötzlich Bewegung. Eine Bacchantin lief durch die übercinandergestapelten Stühle einem Jakobiner nach. Er hielt in seinen Händen einen goldgelben Ball hoch über seinem Kopf und schrie:„Ich habe ihn I Ich habe rhn! Mir gehört die Bacchantin!" Sie zog ihr leichtes 5lleid fest und haschte nach ihm:„Meinen Ball will ich I Meine Melone!" „Ha, sie läuft mir sogar schon nach I" rief er aus. Da hatte sie ihn am Nockzipscl erwischt. Und er lieg sich gern fangen. War sie doch das schönste Mädchen unter allen. Zwar schon etwas reif und voll, aber er liebte das Reife. Außerdem war sie ja auch die Tochter des Fabrikanten Ledcrcr. Es war doch gewiß eine große Bevorzugung, als junger Student von ihr so ausgezeichnet zu werden! Und— nian konnte gar nicht wissen... Sie hatte denn auch richtig seinen Ann genommen und spazierte mit ihm an den Gnippen vorbei. Wie er sich in die Brust warf. So ein Mädchen I Diese weiße», vollen Anne, dieser weiße glatte Nacken! Die Musiker saßen wieder auf dem Podium und stimmten ihre Instrumente. Mehrere Reihen jüngerer Leute zogen im Saal umher, auf den Beginn des ersten Tanzes mit innerem Fieber Ivartcnd. Er ging mit seiner Bacchantin immer noch allein. Na, daS mußte doch auffallen I Besonderen Spaß machte es ihm, an ihrem Tisch- hcrrn vorbei zu gehen. Das war ein Geschäftsfreund ihres Baters, noch in hcirathsfähigem Alter; zivar schon ein bischen zu voll, wie der Student bei sich dachte— aber die Eltern der Bacchantin schienen es gern zu sehen, wenn sie diesen überreifen Mann mehr beachtet hätte, als ihn. Der alte Lederer runzelte ärgerlich seine Stirn. Auch der Geschäftsfreund, im Kostüm eines Ritters, verzog das Gesicht. Ja, die Bacchantin war eben z» feinfühlend für den. Sie ging lieber mit ihm, dein jungen Studenten. Und vor Freude drückte er ihren Arm. Sie lächelte.— Plötzlich schlug sie mit ihrem Stab den großen Ball aus seiner Hand. Er flog in die Nähe des Ritters. Der stürzte auf den Ball zu, der Student auch. Doch erwischte ihn keiner. Sie kamen zu gleicher Zeit beim Ball an, bückten sich— und hielten sich gegenseitig von ihm ab. Erst stieß ihn der Eine mit dem Fuß weiter, dann der Andere. Zuletzt schlug ihn die Bacchantin wieder hoch:„Wer ihn fängt, mit dem tanze ich 1" Beide liefen hinter her. Da gab sie dem Ball abermals einen Schlag, daß er dem Ritter in die Hände flog. Sie nahm seinen Ann und lächelte dem Ändern bedauernd zu.... Als der erste Tanz vorüber ivar, wollte der Student sie. auf- fordern. Doch da stieg der alte Lcderer auf einen Stuhl und ver- kündete, daß sich seine Tochter soeben mit seinem Geschäftsfreunde verlobt habe. Der Lockvogel hatte seinen Dienst gethan.—--z Theater. Im Berliner Theater, wo Wildenbnich mit seinen Heinrich-Tragödien so lebhafte Siege erfochten hatte, wurde am Dienstag Wildcnbrnch's neuestes Trauerspiel„Gewitter- nacht" zum ersten Male gegeben. Nach dem Titel mußte man diesmal keine Historie erlvartcn. Wildcnbruch, der stramm Preußische, blies aber neuerdings in die getvohnte schmetternde Trompete. In die Zeit der schlcsischcn Kriege führt das Drama, eine Verherrlichung des Preußengeistes und seines sieghaften Vorkämpfers, Friedrichs II., der aber nicht in Person auf die Bühne komnit.— Ihm wird das stockig gewordene, vermorschende alte Deutschland entgegengehalten, ganz besonders in der sardanapalisch-üppige» Hofhaltung zu Dresden, mit ihrem spitzbübischen Minister Brühl, der von Maria Theresia bestochen wird, mit ihren vcrbnhltcn Weibern und lüderiichen Männern. Nur eine Gestalt hebt sich da energisch hervor, das ist die Gestalt der Habsllurgerin Maria Jösepha, der Gemahlin des Königs Friedrich August. Freilich thut auch sie hernach weibchcnhaft verliebt Ivie ein' Backfischchen etwa mit dem großen. Herzen und dem winzigen Hirn. Diese Dame ist um der poetischen Gerechtigkeit willen da; derlei Figuren sollen die Ojektivität des Dichters erweisen; das macht sich immer hübsch. Unter den Verkommenen muß es immer auch einen Gerechten gebe», Wie es im prassenden und prahlerischen Heeresgefolge des Lothringers den tapferen, reckenhaften Obersten Schönberg giellt, der in der ge« witterbangen Nacht vor Hohenfriedberg deutlich erkennt, daß er sammt den Seinen in den Tod geht. In diesen Szenen, in denen sich soldatisches Pathos und empfindsame Melancholie mit einander vereinigen und in denen die preicßisch-patriotische Phrase dröhnend erklingt, wurde das Publikum wärmer, und es kam zu demonstrativem Beifall. Im Allgemeinen hatte Wildenbruch diesmal sein Spiel nicht gewonnen. Vielleicht gerade darum, weil er es verfeinern wollte. Ihn lockte die doppelte Aufgabe: einmal die Kontraste zwischen dem Haus Oesterreich und dem jungen„Adler Fritz" scharf zu beleuchten. Aber dies wird nicht durch direkte Bühnenbilder offenbar, wie in den englisch- französischen Lagerszencn vor Azincourt bei Shakespeare(Heinrich V.), sondern es wird durch Botschafte», Mel- düngen und Erzählungen klar gemacht. Ferner wollte Wildenbruch an einem psychologischen Doppelfall darthun, wie das Alte und Faule, Ivcnn es stürzt, auch edle Naturen mit sich reiße. Da ist der junge Baron Waltram in Schlesien, ein Edelmann vom Wirbel bis zur Sohle. Nur hat er den Genius Friedrichs ver- kannt, der sich sein höheres Recht neu schafft, und hält sich zu Maria Theresien, deren altes Recht gekränkt worden war. Er huldigt dem Sieger nicht, sondern verläßt Heimath, Haus und Hof und nimmt in Sachsen Dienste. In der verhängnißvollen Nacht vor Hohenfriedberg erkennt auch er, welcher tragischen Donquixoterre er nachgehangen und wie er ihr zu Liebe sich zwischen seine Schwester und deren heißgeliebten preußischen Major Winterfeld gestellt habe l Leider ist gerade der Versuch im Psychologischen arg mißglückt und grobschlächtig gcrathen. Das braust auf und geberdet sich manchmal, Ivie im„historischen" Sensationsroman. Zumal Fräulein v. Waltram spricht und, fühlt allzeit fortisfimo,'ifDnS fällt endlich auf die Nerven. Ein Fräulein Schubert als Gast that nichts dazu, um hier zu mildern und zu dämpfen. Im Gegentheil. Sie suchte das Exzentrische noch zu überspannen. Das Aufdringliche solcher Spielweise wurde noch fühlbarer durch die reinlichere, zurückhaltende Manier deS Herrn Sommerstorff(Frhr. v. Waltram). Seinen besonderenApplauS holte sich Herr Pittschau(Oberst Schönberg), der den Ton für den gemüthvollen Haudegen glücklich traf. Auch Frau Frauen- d orfer(Maria Josepha) blieb gemessen, menschlich warm und das in einer Rolle, die leicht zu starrer Grandezza verführen kann. Alles in Allem trägt also nicht die Schauspielerei die Hauptschuld an dem unerquicklichen Verlauf des Abends. Fast scheint es, als wäre man der dröhnend-phrasenhaften Manier Wildenbruch's selbst im Berliner Theater müde geworden.— Völkerkunde. — Heber indisches Frauenleben hielt der Missionat! Th. Schreve in Dresden einen Vortrag, in dein er nach einem Be- richt des„Dresdener Journal� etwa Folgendes ausführte: Die Lage der Frauen in Indien ist heute noch fast dieselbe, wie vor hundert Jahren, weil es die Religion und die Sitte verlangt daß die Frauen in dieser Stellung bleiben. Die heiligen Lehrbücher der Hindu lehren die Mißachtung, ja sogar die Verachtung der Frau. So schreiben sie z. B.:„Was ist grausam? Das Herz der Schlange. Was ist grausamer? Das Herz deS Weibes. Was ist am grausamsten? Das Herz der Wittive, und was ist das Thor zur Hölle? Die Frau." Eine eigcnthümliche Einrichtung ist die Kinderheirath. Die Mädchen werden im zarten Alter von 9 Monaten bis zu 10 Jahren an Knaben von 6 bis 16 Jahren durch Beschluß ihrer beiderseitigen Elten: verheirathet. Sic werden dann in der Regel den Eltern des Mannes übergeben, Ivelche die jungen Eheleute zusammen erziehen. Es kommt auch häufig vor, daß ein Mann von 60 Jahren ein Mädchen von 8 Jahren heirathet. Diese Sitte ist 560 Jahre älter, als die christliche Aera und noch heute besteht sie. Sie ist neuerdings nur durch die brittsche Regierung insofern geregelt worden, als daS gesetzliche Alter auf das zwölfte Lebensjahr festgesetzt wurde. Diese Regelung hat aber auch nur den praktischen Erfolg, daß eine früher geschlossene Ehe anfechtbar ist. d. h. sie ist giltig geschlossen, aber die Ehefrau hat das Recht, sich an die Gerichte zu wenden und Auflösung der Ehe zu verlangen, falls der Mann sie zwingen will, zu ihm zu kommen. Es steht also in einem solchen Falle, der auch heute noch häufig genug vorkommen wird, lediglich in dem Belieben der Frau, ob sie dem Wunsche ihres Mannes' folgen will oder nicht. Sie wird aber diesen Wunsch auch heute noch selbst dann erfüllen, wenn sie keine besondere Neigung hat, ihre Lage zu verändern, weil sie im entgegengesetzten Falle die Ausstoßung aus der Familie und ihrer ganzen Sippe befürchten muß. Das Hindugesetz kennt auch keine Ehescheidmtg für die Frau. Der Mann dagegen kann seine Frau beliebig verlassen, er kann sie wegschicken und sie vollkommen ohne Mittel lassen und sich dann wieder verheirathen. Niemand hindert ihn daran. Kinderlosigkeit gilt in Indien als Schande. Infolge dessen geloben die Frauen dem'Gotte Schiwa-Halket häufig ihr erstgeborenes Mädchen, weil sie glauben, daß sie dann mit Kindern gesegnet werden. Ein solches Mädchen darf nie heirathen, sondern muß schon in früher Jugend an der Säule des Götzen Kandowa Nachts Betwachen halten, die hauptsächlich in dem Vor- lesen aus unsittlichen Schriften bestehen. Sie ist infolge dessen der Schande preisgegeben. Am schlimmsten aber ergeht es denWittwen. Durch das Gesetz eines Generalgouverueurs ist zwar bereits im Jahre 1829 die Sitte aufgehoben worden, tvonach die Wittwe den Scheiterhaufen ihres Ehemannes besteigen sollte, um sich mit ihm verbreMen zu lassen. Es sind aber noch im Jahre 1880 Fälle von Verbrennungen der Wittwe vorgekommen, weil unter den Hindus der Aberglaube herrscht, daß im Falle der Verbrennung eine Wittwe 3S0 Mllionen Jahre mit ihrem Manne im Paradiese lebe und ihre Familie bis ins siebente Glied gesegnet würde. Trotz der Ab- schaffung der Verbrennung der Wittwe ist ihre Lage keine wesentlich bessere geworden. Denn Wittwenschast wird als Schande angesehen, als Strafe für im früheren Leben begangene Sünde. Eine Wittwe wird, bevor die Leiche ihres Ehemannes von danuen getragen wird, ihres HaarschmnckeS beraubt, sie bekommt nur eine Mahlzeit am Tage, muß alle Schmucksachen ablegen und ein härenes Gewand tragen. Sie gilt auch als unrein und wird von allen gemieden. Hiervon sind auch die Kinder nicht ausgenommen, die das Unglück haben, Wittwe zu Iverden, bevor sie noch ihrem Manne in sein Hans ge- folgt sind. Ihr ganzes Leben wird durch diese Thatsache vernichtet. Schon dem Ämde wird von den Gespielen zugerufen:„Pfui, Du bist unrein." Flüchtet sich dann das Kind weinend in die Anne seiner Mutter, so findet es auch hier nur selten Trost. Slnch die eigene Mutter schilt das Kind zur Strafe dafür, daß es Wittwe ge- worden ist I Noch heute existirt unter den Hindus für� die Wittiven das Verbot der Wiederverheirathung. Zwar hat ein englischer Gouverneur daS Wiederverheirathungs-Gesctz eingeführt, aber diese Maßregel ist durch die Hindus wieder illusorisch gemacht worden. Denn heirathet ein Mann eine Wittlve, so verliert er nicht nur sein Eigenthum, sondern er wird auch von semer Familie und seiner Sippe ausgestoßen, darf keine Kirche mehr besuchen, aus einem öffentlichen Brunnen kein Waffer schöpfen zc., kurz, er gilt als ge- ächtet. So ist es zu erklären, daß es in Indien 22 Millionen Wittwen gießt, und daß von diesen weit über die Hälfte noch dein Kindcsaltcr angehört. Geographisches. ss. Neber eine Forschungsreise i in Altai- Ge- b i r g e berichtete Elwes in London vor der dortigen Linns'schen Gesellschaft. Die Reise begann in Moskau und ging vom Ural über Omsk nach dem Obiflusse und daim durch eine unendliche und eintönige Steppe nach Biisk, Ivo die Sammelthätigkeit des Forschers begann. Das eigentliche Ziel war das Thal der Jenisei-Onelle, das spärlich bewohnt und sogar den Russen noch fast unbekannt ist. ElweS beobachtete etwa'zweihundert Schmetterlingsarten in jenem Gebiete, von denen er etwa 180 in seinen Besitz brachte, außerdem 80 Arten von Motten. Die Pflanzenwelt des Thales ist durch-russische Forschungen schon im Allgemeinen bekannt; daher sammelte Elwes nur die Pflanzen eines kleineren, besonders eigen- artigen Thalzuges, doch verlor er den größten Theil dieser Samm- lung. Besonders überraschte ihn die Schönheit und Mannig- samgkeit der Alpenpflanzen in gewissen sumpfigen Thälern von 2000 bis 2500 Metern Meereshöhe. Ausfallend war das gänzliche Fehlen von Torfpflanzen und von Farnen. Von dem Plateau der Tschuja-Stcppe ging Elwes südlich in das Hochgebirge, wo er vornehmlich nach dem von dem berühmten PallaS entdeckten wilden Schafe forschen wollte; in der That brachte er drei Exemplare davon in seinem Besitz. Jagdbare Vögel sah er selten, doch fand er zuweilen in Höhen von gegen 3000 Metern den altaischen Fasan, dessen nächste Verwandte ini Himalaya und im Kaukasus leben. In denselben Gebieten war der sibirische Steinbock häufig. In der Umgebung der Bcrgseeu nistete ein der neuen europäischen Samtente verwandter Wasser- vogel. Der große im Altai vorkommende Hirsch ist wahr- scheinlich eine asiatische Abart des bekannten Wapiti, dessen Geweih eine auffallend lange vierte Zacke hat und dieselbe eigcuihümlich zurückgebogene Zacke an der Spitze, die die genannte amerikanische Hirschart auszeichnet und beim europäischen Rothwild nicht vor- kommt. Endlich zeigte Elwes eine Reihe von sibirischen Rehköpfcn vor, um deren Verschiedenheit von den Köpfen des europäischen Rehes zu erweisen.— Technisches. D er größte Hebekrahn der Welt. Um den in letzter Zeit sehr gewachsenen Anfordeningen infolge der stetig größer werdenden Abmessungen von Kriegs- und Handelsschiffen Rechiumg tragen zu können, nahm vor etwa zwei Jahren die Schiffs- werft von Blohm it. Voß in Hamburg die Neuanschaffling eines großen Quaikrahnes zur Montage der Schiffskessel, Maschinen, Masten u. s. w. in Aussicht. Die Erwägungen, welches der be- stehenden Systeme in Anwendung zu bringen sei, führten schließlich zur Anlage eines sogenannten Dcrrick- Krahns.'welcher den gestellten Anforderungen am besten entsprach und außerdem den großen Vorzug außerordentlich geringen Platzbedürsiiisses hatte. Der Bau des Krahnes wurde seitens der Firma der Duisburger Maschinenbau- Aktiengesellschaft übertragen, welche für die Berech- nung und Ausführung der umfangreichen Eisenkonstrnktionen die Mitwirkung der Gesellschaft Harkort in Duisburg veranlaßte. In der Zeit vom 1. April 1897, wo mit der Anfertigung der Zeichnungen begonnen wurde. bis zum 27. Oktober v. I., wo der Krahn zum ersten Male in Thätiakeit trat, wurde das Werk vollständig zu Ende geführt, so daß Konstruktion, Bau und Montage den geringe» Zeit- raunt von nur 19 Monaten erforderten. Der Krahn ist nach einer Mittheilung der„Technischen Rund- sthau im stände, Lasten bis zu 150 000 Kilogramm zu heben, was dem Gewicht von drei bis vier Güterzugs- Lokomotiven entspricht. Perantwonlichcr Redakteur: Anaukt Jacobey m Bcr Da aber nicht immer so große Lasten zti bewältigen sind, hat man den Krahn niit zwei getrennten Hebewerken und Flaschenzügen für Tragfähigkeiten von 100000 und 50 000 Kilogramm versehen. Jedes Hebewerk ist wiederum ftir �zwei Lastabstufungen eingerichtet, wo- durch für die verschiedenen Lasten folgende Geschwindigkeiten erzielt werden: 1. Großes Windewerk: Heben von Lasten bis 50000 Kilogramm gleich 2,6 Meter in einer Minute, über 50- bis 100 000 Kilogramm gleich 1,3 Meter in einer Minute. 2. Kleines Windewerk: Heben von Lasten bis 10000 Kilogramm gleich 12 Meter in einer Minnte, über 10- bis 50 000 Kilogramm gleich 4 Nieter in einer Minute. Beide Hebewerke werden durch eine gemeinschaftliche Zwillings- danipsinaschine von 240 resp. 450 Millimeter Hub mit Klug'scher Umsteuerung in Gang gebracht. Um einen möglichst großen Wirkungsgrad zn erzielen, sind Schneckengetriebe' vollständig vermieden, konische Räder sind nur in beschränkter Zahl verwendet, dagegen die schnelllaufenden Stirnrüder mit geftästen Zähnen versehen. Ferner sind für das die Lasten tragende Stahldrahtseil Trommeln und Rollen von besonders großem Durchnieffer in Anwendung gekommen. Die Ausladung des Krahnes ist keine feste, sie kann vielmehr vom Führerstand aus mittels eines Windlverkes mit angehängter Last beliebig geschwenkt und gehoben werden. Zu diesem Zweck ist der obere Slljeil des Krahns um einen Bolzen drehbar, während die horizontale Drehung des ganzen Auslegers um zwei Zapfen erfolgt, welche von einer' besonderen Gerüstkonstruktion mit dreibockartiger Form getragen werden. Wie erstaunlich leicht der ganze riesige Mechanismus ftmktiomrt. geht schon daraus hervor, daß zur Bedienung des Krahnes nur ein einziger Maschinist nöthig ist. Derselbe befindet sich in einem eisernen, in der Höhe von etwa 7 Meter über dem Fußboden im vorderen Theil des Auslegers angebrachten Schntzhaus, daS gleichzeitig dazu dient, die Dampfmaschinen sowie die sonstigen empfind» liche'ren Maschinentheile gegen die Unbilden der Witternng zu schützen. Zahlreiche Fenster ermöglichen überall hin den Ausblick ins Freie. Seit seiner Aufstellung ist der Krahn in ununterbrochenem Betrieb lind funktionirt tadellos.— HnmoristischeS. — Boshaft. A.:„Der Komponist Dicbler schreibt jetzt nicht mehr allein?" B.:„Rein, er hat jetzt einen Komplizen."— — Sonderbarer W u u s ch. Professor(zu seiner i h m soeben angetrauten, beim Abschiede von ibrcr Mutter in Schmerz aufgelösten Gattin):„Emma sei ein M a n n!* — Er weiß sich zu helfen. Sepp:„Aber Toni. was ist denn das für a närrische neue Mod', Bier aus'm Goldfischglas zu trinken?" Toni:„Ja weißt, Sepp, der Arzt hat mir nach meiner Krank- heit ein Glas Bier erlaubt, und da Hab' i a möglichst großes Glas ausg'sncht".— Notizen. Jnlius Türk hat den Roiiian„Kraft" von Fritz Mauthner dramatisirt. Das Schauspiel soll schon am 7. Februar iin„Neuen Theater" zur Aufführung gelangen.— — Im Berliner Theater wird Jbsen's„B a u- ni e i st e r S o l n e ß" vorbereitet. Die Titelrolle hat Ludwig Stahl.— — Siegfried Wagner's Oper„Der B ä r e il h ä u t e r". die in M ü n ch e n nnd Leipzig mit großen» Erfolge aufgeführt worden ist, soll Mitte März auch in der Wiener H o f o p e r in Szene gehen.— t. Der zweite Sohn von Charles Darwin- Professor George Howard Darwin, ist zinn Vorsitzenden der Astronomischen Gesellschaft in London erwählt worden. Er hat sich neben astronomischen Untersuchnnge» besonders durch wichtige Arbeiten auf dem Gebiete der physischen Erdkunde ausgezeichnet.— — Zwei englische Blumenzüchter haben bei einer Reise im Gebiet des Sikkim-Himalaya eine große Anzahl neuer Pflanzen, darunter besonders prächtige Orchideen, ge- funden.— — Der bekannte Geigenbauer von Mittenwald, Johann Reiter, ist gestorben.— — Gegen den Professor Schenk, den Erfinder der Schenk'schen Theorie über Knaben und Mädchen, hat nach der „Kölnischen Ztg." der Senat der Univerfltät Wien D i s z i pl in a r« Untersuchung wegen seiner Z c itu n g s- R e kla m e ein- geleitet.— — AuSOrizaba(Mexiko) theilt der„Frankfurter Zeitung" ein Leser mit, er habe auf der Zollstation einige Oelgemälde» die er mit sich führte, nach dem G e lv i ch t verzollen »Nüssen.—_ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.