Interhaltttttgsblatt des Worwärts Nr. 26� Sonlltag, den 5. Februar. 1899 (Nachdruck verboten.) Heven IickondvÄkh�s �enfioniive. 26) Roman von O. Eugen Thossan. „In fünf Minuten wird er zur Stelle fein. Ich lebe hier wie der Sultan." Es dauerte zwar zehn Minuten, aber der Kaffee war dafür desto besser. Die Frau Meistern hatte schon erfahren, daß Fritze Besuch hatte, und sich besonders angestrengt. Seitdem besuchte Karl seinen Freund regelmäßig des Sonntags und zwischendurch noch manchmal in der Woche nach Feierabend. Fritze blieb so stets auf dem Laufenden über die EntWickelung der Pension Zickendrath. Es war erstaunlich, wie sie gedieh, seit er ihr den Rücken gewandt hatte. Es kam ihm selbst manchmal der Gedanke, ob diese beiden Dinge nicht am Ende in einem ursächlichen Zusammenhange stünden. Für-Herrn Zickendrath war das über allen Zweifel erhaben. „Der Kerl hat mir die ganze Methode gestört", sagte er mehr als einmal.„Jetzt, wo wir ihn los sind, geht alles wie am Schnürchen." Noch mitten im Sommersemester wurden zivei neue Pensionäre aufgenonimen, die in ihrem früheren Gewahrsam nicht hatten gut thun wollen. Das Vertrauen des Direktors in die erzieherischen Qualitäten Herrn Zickendrath's schien von Tag zu Tag zu wachsen. Zu Michcli mußte thatsächlich eine andere Wohnung gc- nommen werden, weil die alte nicht mehr ausreichte. Man miethetc in derselben Straße, zwei Häuser weiter, eine große erste Etage und ging mit dem stattlichen Bestand von sieben Zöglingen in den Winter hinein. Ein Dienstmädchen wurde angenommen, das von Herrn Zickendrath konsequent„unsere Köchin" genannt wurde, obgleich es keine Tasse Kaffee brauen konnte; und Frau Zickendrath konnte einen lange gehegten Lieblingswunsch erfüllen und sich Portieren in die Wohnstube kaufen, die seit der Uebersiedelung in das neue Logis offiziell das Speisezimmer hieß. Für das eigentliche intimere Familien- leben war noch ein kleines Stübchen hinter der Küche vor- handen. Am wenigsten wurde zwischen Karl und Fritzen von Mannt gesprochen. Fritze fragte nicht und Karl, obgleich er oft eine innere Nöthigung dazu verspürte, wagte nicht davon anzufangen. Bis ein großes Ereigniß diese künstliche Schranke zwischen den beiden Freunden einriß. Manni verlobte sich— mit dem Gymnasial- Oberlehrer Dr. Oberländer. Das geschah kurz vor Ostern. Fritze hatte sich in den Feuerspritzen und damit in der ganzen niederen Schlosserei soweit vervollkommt, daß er nun mit gutem Gewissen und einer soliden Grundlage des Polytechnikum beziehen konnte. Der Holzkoffcr war schon gepackt, als Karl an einem Sonnabendmittag Fritzen die Verlobungsanzeige in einem geschlossenen Umschlag zuschickte. Am Abend kam er selbst. Er setzte sich ans den einzigen wohlerhaltenen Stuhl, den die Stube aufwies und zog in sichtlicher Verlegenheit an einer tiefschwarzcn Zigarre, die ihm sein Chef zur Feier des Tages geschenkt hatte. Fritze lag wieder auf seinem Feldbett, hatte, gleichsam um seiner vollkommenen Seelenruhe einen äußerlich sichtbaren Ausdruck zu geben, die Beine schräg aufwärts wider die Wand gcstennnt und wartete darauf, daß Karl den Diskurs beginnen sollte. Der entschloß sich denn auch schließlich dazu. „Weißt Du, offen gestanden, ich hatte immer gedacht, Du.." „Was denn?" „Na ja. es>väre was zwischen Mann! und Dir." „Es war auch was zwischen uns." „Und „Ja, es war eben etwas dazwischen." Es entstand eine Pause voller Spannung. „Du willst es nicht sagen." fing Karl dann wieder an, etwas bekümmert über Fritzen's Mangel an Vertrauen. „O ja, ich»vollte schon. Aber ich weiß nicht recht, wie ich es anfangen soll... Ich will versuchen, es Dir an einem Gleichniß klar zu machen, aus dem Technischen. Wenn wir eine Wasserleitung angelegt haben, darf sie nicht eher in Gebrauch genonunen werden, als bis sie geprobt ist, ob sie auch den Druck aushält. Abdrücken nennen wir das. Ich bin noch nicht abgedruckt, siehst Du. Und deshalb hatte sie kein Zutrauen zu nur... Hast Du das kapirt?" „Nee." „Na, denn nicht." Nach einer abermaligen Pause sagte Karl mit aller Be« stimmtheit: „Du, das hast Du vom Kantor." Fritze nickte, erstaunt über Karl's Findigkeit. „Allerdings. Das heißt den Gedanken. Das Gleichniß ist von mir." „Darauf brauchst Du Dir nicht viel einzubilden. Und darauf, daß Du den Gedanken dem Kantor nachschwatzest, auch nicht. Ich weiß nicht, ich an Deiner Stelle..." Er hielt es doch für gerathener, zu verschweigen, was er gcthan hätte. Wenn man von der eigenen Schwester spricht, hat das fein Mißliches. „Jedenfalls paßt mir diese Verlobung nicht so recht. Ich denke mir, nun wird die Schulmeisterei zu Hause noch immer toller iverden." Fritze lachte vergnügt. „Das wird sie wohl. Die Methode werden sie wohl jetzt inimer besser rauskriegen." Karl vermochte sich noch nicht mit zu freuen. „Scheußlich!" knurrte er. „Na, ein Gutes hat die Sache ja doch auch. Du siehst doch, es geht, es geht geradezu glänzend. Paß mal auf, das wird von Jahr zu Jahr noch besser. Und wenn Dein Alter dabei ein Stück Geld zurücklegt— was?" Karl schüttelte immer noch den Kopf. „Schade ist es aber doch. Ein gutes Mädel ist sie." „Ja, das ist sie," stimmte Fritze aus vollem Herzen zu. „Und deshalb sollten wir uns eigentlich freuen, daß cS so gekommen ist. Denn weißt Du, so eine ernstliche Liebe und wir... dazu sind wir doch noch zu... wie soll ich sagen?... zu sehr, junge Hunde." „Erlaube mall" rief Karl fast böse. � Er hatte nämlich auch schon so was Heimliches, aber für's Leben. Seine Ent- rüstung legte sich indeß bald wieder und machte einer leichten Ironie Platz. „Nun ja, das kennen wir ja schon an Dir. Du hast ja schon immer so eine erwachsene Art gehabt, so was Bedächtiges Klugschnackiges. Du spielst Dich eben gern ein bischen auf den Philosophen hinaus." „Um Gotteswillen I" wehrte Fritze mit beiden''Händen und dachte an den Philosophen, von dem ihm der Kantor erzählt hatte. XIX. Fritze hatte ganz aufrichtig gehandelt, als er sich gegen seine Einordnung in die 5tlasse der Philosophen sträubte. Er wußte es besser, wie es um ihn bestellt war. Bei seiner ganzen, Karl gegenüber zur Schau getragenen kühlen Erhabenheit war ein gut Theil Verstellung mit unter- gelaufen. Am selben Abend noch, nachdem Karl sich entfernt hatte. schwand die Maske, und er benahm sich höchst unphilosophisch. Zuerst saß er noch eine Weile auf seinem Bett so, wie ihn Karl verlassen hatte, dann erhob er sich und machte eine längere Promenade durch seine Kammer und zuletzt blieb er vom Lichte abgewandt am Fenster stehen und drückte die Stirn gegen die Scheiben. Was junge Leute von zwanzig Jahren in dieser durch das Herkommen geheiligten Stellung zu empfinden pflegen. wenn sich am selben Tage ein gewisses Mädchen anderweitig verlobt hat, das weiß jeder halbwegS erfahrene Mensch. Nachdem er jedoch diesen gewöhnlichen Anfall überwunden hatte, schwang er sich zu einem ungewöhnlichen Entschluß auf. Karl hatte durchaus recht, wenn er sagte:„Sie ist ein gutes Mädchen." Und deshalb würde er einen Besuch im Zicken- drath'schen Hause machen und ihr seine Glückwünsche selbst überbringen. Aber das war höchstens ein Formfehler. Ein gutes Mädchen war. sie doch. Und er würde hingehen. Gleich am nächsten Tage gegen elf Uhr begann er, sich in seinen schwarzen Staat zu werfen. Seit dem Examen hatte er ihn nicht wieder angehabt. Aber als er bis zum Umlegen der Kravatte gekommen war, besann er sich anders. So um die Mittagszeit zu gehen, schien ihm plötzlich nicht ganz angebracht. So feierlich brauchte er es nicht an- zufassen. Er hatte ihr ja gewissermaßen näher gestanden. Da paßte Wohl die Zeit um vier Uhr Nachmittags besser. Ganz entschieden. Und er puppte sich mit mertticher Erleichterung schleunigst wieder aus. Ueberhaupt— weshalb sollte er gerade in Schwarz kommen? Es war doch kein Kondolenzbesuch. Wahrhastig nicht, so faßte er es nicht auf. Und es würde dem Zusammen- treffen viel von der ihm doch einmal anhaftenden Peinlichkeit nehmen, wenn er so ganz familiär in seinem gewöhnlichen Sonntagsanzug antrat. Auch das wurde endgiltig genehmigt, und um vier Uhr und ein Sstertel stand er vor Zickendrath's neuer Wohnung. Er stieg die eine Treppe hinauf. Das Erste, was ihm auffiel, war der von ihm herrührende Drücker zur elektrischen Klingel. Die Leitung hatten sie also mitgenommen. Wenigstens etwas von ihm, was sie gebrauchen konnten. Aber es wurde keine gehässige Anwandlung in ihm rege. Im Gegen- theil, es rührte ihn so ein ganz klein wenig. Und dann tippte er auf seinen Drucker. Fast gleichzeitig durchfuhr ihn der Ge- danke: Wenn nur der Alte nicht aufmacht l Er hatte ihn noch nicht in seiner vollständigen Schrccklichkcst ausgedacht, da war es auch schon Thatfache. Ein blitzdummes Gesicht machte er übrigens. Herr Zicken- drath, als er seines ehemaligen Zöglings anfichtig wurde. Das gab Fritzen sein Gleichgewicht zurück. Er streckte dem verdutzten Alten ganz unverfroren seine Hand hin und gratulirte ihm. „Außerdem möchte ich auch Fräulein Manni meine Wünsche zu Füßen legen." Dieses„zu Füßen legen" brachte er vollkommen weltmännisch heraus und freute sich im Sttllcn darüber. Es blieb Herrn Zickendrath nichts Anderes übrig, als den unerwarteten Besucher einzulassen. Wer es kam Fritze doch so vor, als ob im letzten Moment, ehe er sich umdrehte, um vorauszugehen, ein schadenfroher Blitz über seine bis dahin ganz in Verlegenheit getauchte Visage gezuckt wäre. Jeden- falls öffnete er die Thüre zum„Speisezimmer" weit genug. Eine direkte- Unhöflichkeit ließ er sich, nicht zu Schulden kommen. Fritze trat näher— und wäre am liebsten sofort wieder umgekehrt. lSchlnß folgt.) SonukÄgspUutdcvei. Die Nerdofität. ein Merkmal«»serer Tage, hat sich mimnchr auf alle drei Präsidenten des Reichstags erstreckt. Den Ton. das Temperament der Redner möchte man ängstlich wäge» und prüfen; cS fehlt nicht viel, und es wird ein Merkbuch für Präsidenten noth- wendig sein, worin eine ganze Sammlung fester Regel» euthalten ist. Nach diesen Merkregeln wird zu bestimmen seilt, wann ein Redner, wenn er ungehörig oder vielleicht aufgeregt im Ton ein- gesetzt hat, in mildvät'erlichcr Weise auf den reihten Weg zu leiten sei! wann ein energisches Erziehungsmittel angewendet werden müsse; und endlich.' wann der Meister die Parlnmenlsgescllen kategorisch in Ordnung, Sitte und Bescheidenheit zu halten habe. Mgnche meinen, es sei gar nicht Nervosität, wenn die jeweiligen Vorsitzenden wie die Schiesthmide aufpassen, ob nicht da oder dort ein ungehöriges, weil ungcsänftigtcs Wort aufzuschnappen sei. Man wolle vielmehr ernstlich und vorbedacht es verhüten, daß bei uns so kranke parlamentarische Zustände entstehen, wie attderSwo. Wenn man bedenkt, wie der Charakter des deutschen ParlameiNaricrs auSschweifetld ist, wie er maßlos zu Leidenschaft und Gewaltsam- keiten neigt, wie zur Zeit das Leben im Wallothaus an, Königs- Platz alle Gedanken und Empfindungen der deutschen Ration auf- wühlt und erschüttert, so möchte man solcher vorbeugenden Weisheit sckiii Kompliment machen. Nicht jeder Negierende kann e§ so gut haben, wie in Wien drüben der Graf Thun. Dem sagte das nngeberdige Parlament, wir spielen nun einmal nicht mit, mein lieber Graf. Und als die Opposition von ihm wich und verdrossen abseits rückte, da erwiderte er: Gut, meine lieben Mitkinder. So spiele ich mein Regiernngsspiel absolut. Im Käulnißprozeß. den die Wiener Herr- schaft gegnilvärtig durchmacht, ist die parlamentarische Auffassung der Wiener Opposition eine der tollsten Erscheinungen. Man richtet sich fast nach dem Koupletvcrs:.Ich bin beleidigt worden, ich gehe." Ernfte Zeiten bringen ernste Mäimer hcrbor, so sagt man. Spruch- Weisheit, wie bist Du manchmal so billig! Viel würdeboller weiß da die Stadt Berlin, die bürgermeisterlosc. die schreckliche Zeit zu ertragen. Hier lernt man es kennen, wie man sich mit echter Geduld wappnet. Wie hatte man sich in der freudigen Hoffnung gewiegt. Kirschner'S Bestätigung neben Ordenspenden und anderen Gnadenbeweisen verzeichnet zu finden. Aber der beredte .Retchsanzeiger" hatte geschwiegen. Neuer Kummer überschlich die Räthe der Stadt. Man war schmerzlich gerührt. Aber der Schmerz äußerte sich nicht im knabenhaften Grimm oder in üppiger Ungeduld. Man ertrug ihn mit mäimlicher Faffung. ES war sozusagen ein edel stilisirter Schmerz. Wer so mannhast ergeben ausharret, wird endlich gekrönt. Das ist der Trost, an dem man sich aus- richtet. In den Verttöstungsknnsten giebt eS Virtuosen bei uns. Eines so hochmögenden Herrn, dem unser ganzes öffentliches Leben wie eine soimenbeschienene, lachend- grüne Au vorkam, sei hier nicht ge- dacht. Kann Posadowsky aus heiterem Optimismus so urtheilen, so begreift der heftig- cholerische Herr von Podbielski nicht, wie es einem Unterbeamtcn nur einfallen könne, nicht Alles in seinem Beruf vortrefflich zu finden. Was fehlt ihm denn eigentlich? Wer ist un, sein Wohl iimiger besorgt, als der Vorgesetzte? Ist seine Thätigkeit nicht so sorgfältig geregelt, daß er keine Langeweile zu leiden braucht? Wenn er dann noch unzufrieden ist, so ist er ein undmtkbarer Richter. Was soll man mit gries- grämigen Leuten? Hübsch steundlich lächeln, wie beün Photogräphen, das fördert mehr. Wenn heitere, allzeit vergtuigte Mienen sie begleiten, dann fließt die Arbeit mtmtcr fort. Treppauf, treppab, oder über den Büreautisch gebetigt, daS gilt gleich. Nur immer lustig, wie Johann, der muntere Seifensieder. Das macht beliebt bei den Menschen und insbesondere bei drp Vorgesetzten, die zwar streng, aber gerecht sind. Vertröstet werden im Augenblick auch die Verlincr Klageweiber, die vorzeitig um den Stolz Berlins, den Thiergarten, jammern. Da Berlin sonst nicht solche Schätze und Schönhcttcit aufzuweisen hat, wie ältere Knlwrmittelpnnkte, so rühmte man sich gern der grünenden Pracht Verlins, die auf rauhem ntärkischcn Boden entstanden war. Und inmitten dieser Pracht, die im ersten Frühling und im Frühsotnrner den erquicklichen Rahmen für Berlin abgegeben hatte, galt unser Thiergarten mit seinen ver- schwiegenen Waldpartien obenan. Aber auch der alte Park, das einstige Jagdgchege vor dein Brandculnirger Thor soll eine Neuänderung erfahren. Sentnncntale Schwärmer für stille Landschaften kömieit das freilich nicht begreifen, und weil bisher ein paar tansend Stämme niedergeschlagen nnd die Scheiter ttt Maltzern anfgrschichtet wurden, wie ani Harz oder sonst irgendwo im-Wald- gebirge, so winseln sie, als sei eine Lebensader Berlins unterbunden. Die Thiergatten-BeNvaltung hat sich der Bcfimuncrtcit erbarmt uird ihnen auftlärenden Trost geschaffen. Da erfährt man dcim erst, welche Tücken dieser wilde Thier- garten besessen habe. Wer hätte das von ihm gedacht. Schon die verschwiegenen Waldpartien find an sich nicht iinvcrdächtig. Wie leicht finden darin allerlei lichtscheue Gesellen Unterschlupf, abgesehen von dem Schaden für die öffentliche Sittlichkeit, den solche Znsammcn- kunfts-Orte für verliebte Paare nach sich ziehen. Aber ntchr als das I Mau muß den Dunkelmännern der Gegenwart, die der lenchtenden Sonne auszuweichen und im heimlichen Waldschattcn sich zu ergehen liebe», die hygienischen Bvrthcile eines sonnigen Thtcrgartcüö Vorhallen. Sonnenbäder, sie sind's, was uns fehlt. Im trüben Schotten schleichen, während draußen die grellste Somtengliith »iedcrprallt, ist eines aufrechten, freien Mamics so weitig würdig, wie es»ach unserem Herrn v. Slumni einen Tapferen verdrieße» muß, bei der Wahl einen heimlich beschriebenen Zettel abzugeben. statt offen vor aller Welt sich zu bekemieu. lind was gedeiht nicht alles in diesem verderblichen Schatten I Böse Miasmen entwickclteu sich in dem Uttvalddickicht. Wir iviißten wirklich nicht, welch tropisch- bösen Rachbar wir au unserem Zchicrgartcu hatten. Die feinen Herr- schafteu, die an seilten Rändern ihre stolzen Villen anfgebaut hatten, nnißten sich nicht selten die verwöhnten Nasen zuhalten, die sonst nur Wohlgerüche und Parfüms zu kosten belomineit. Ja, für Kinder tvär es an ntauchen Stellen nicht einmal rathsant zu spielen. Wegeu der Ficverdüuste, die aus feucht-schwülem Boden aufqualmtcn. Darum ist eS ganz richtig, daß man dem bösen Thiergarten gründlich zu Leibe rückt. Sonne nnd Luft müsscn diesen stickigen Gesellen durchfluthen. Die vordringliche Vegetation miiß ans ein bescheidenes Matz zurückgeführt werden. Wenn man im wirklichen freien Wald sich bewegt, ist es da für ein Auge, das die Gleich- Mäßigkeit vor allem liebt. nicht genierlich, zu sehen, wie sich die Stämme nicht wie ein Regiment Soldaten in Reih und Glied stellen wollen. Hier lädt ein Baum seitwärts mit stimm Geäst aus und beeinträchtigt die gerade Linie. Dort springt ein Knarr, ein gcdningcner Knübben hervor; nnd nntrr sich zu Füßen spürt ninn allerlei Pflanzcngclichter und bricht sich durch Farve« die Bahn. Leuten, die sich gern vcrlicgen und verträumen, mögen, diese kühlenden Waldesschauer willkommen sein. Doch den streng geregelten Geist iiikoinmodiren sie. und am Ende werden noch die Schuhe schnmtzig, wenn«tan ein Weilchen auf feuchtein Waldboden wandert.-, So ist der Kampf gegen den Waldcharakter deS Thiergartens zugleich ei» Kampf für reinliches Gleichmaß und Ordnung. Dessen sollten sich die Berliner stencn, statt zu klagen. Sonne wird den Thiergarten in alle Winkel hin durchleuchten; die_ feuchte Kühle wird dem Boden genommen werden, daß kein unsauberes Pflaitzettgewucher daraus entstehe._ Frei und gradlinig wird der Blick herümschweifen löniien, an keinem Wirrsal und Dickicht tvird ,er fich stoßen. Unförmige, verletzte, nicht fmiber gewachsene Stämme stnb weggeräumt. Man möge sich vertrösten. Mit nützlicher Spar- somkeit wird neu aufgeforstet werden, und wenn einer lange genug leben könnte, er würde schließlich erfahren, wie Alles schöner und herrlicher geworden sei, als zuvor.— Alpha. Kleines Feuilleton. — o— I« der Loge. Durch einen Zufall hatte ich das Logen- blllet bekommen. Der Äassirer mußte sich wohl beim Vcrtheilen der Freikarten geirrt haben. Ich weiß nur, daß ich«rröthete, als mich der Logenschließer darauf aufmerksam machte, daß die Garderobe vorn an der Treppe abgegeben werden müsse. Garderobe I Ich hatte doch nur einen Hut in der Hand und war gewöhnt, den zujauuuen- zuknüllen und ihn unter den Arm zu stecken. So macht man es oben auf der Eallcrie. Auf die Bemerlung des Logenschließers winkte ich nur. Er schloß auf und ließ mich eintreten. Meine Sicherheit verließ mich aber doch, als mich nun das volle Licht des Thcaterraumcs übcrfluthcte. Der Alle sah mich fragend an, weil ich verwirrt hinter den Sesseln stehen blieb. Ich wagte nicht, meine Augen auf einen bestimmten Pluikt zu richte». Wo ich mich hinwendete, begegnete ich fragenden Gesichter». Und diese mir Operngläsern und Lorgnons bewaffneten Augen I Ich glaubte, alle seien aus mich gerichtet, nur ich sei das Ziel der Blicke. Und dieses Räuspern und Schwirren, das den großen Raum erfüllte, gelte niir. Berschüchtcr-t sah ich vor mich hiir. Da fühlte ich durch meine Augenlider ein buntes Durchcinandcrgcwoge von geputzten Menschen und daS Flimmern und blendende Leuchten der vielen Lichter. Endlich erloschen die Lampen, der Vorhang wurde empor- gezogen und das Orchester setzte ein. Und mit einem Ruck erhob ich meinen Kopf. Ich hatte ja ein Recht, hier zu sitzen. Ich hatte ja mein Billet. Doch, um nicht zu stören, blieb ich still stehen. Ich konnte mich ja im nächsten Akt auf meinen Sessel niederlassen. Und die Sicherheit des Siegers erfüllte mich. Der große, große Wunsch Ivar mir endlich erfüllt. Wie einem Wanderer, der nicht die Früchte von den Chausiccbäumcn pflücken darf, manchmal ein reifer Apfel vor die Füße fällt, war mir das Billet zugeschoben worden. Dem Orchester und der Bühne ganz nahe, konnte ich alles genau erkennen, ohne die«»gen anstrengen zu müssen. Oh, hier unten war es doch ganz anders, wie oben, nahe dem Dache, wo man sich in erstickender Hitze ancinaiider drängte und in der Pause die Gespräche der ganzen, vielköpfigen Nachbarschaft mit anhören mußte. Und ivas für Ge- spräche t Selbstverständlich über das Spiel, über die Oper. Aber— die Leute gingen eben zu selten ins Theater. Das war natürlich im ersten Slang, in den Logen alles anders. Mit welcher Aufmcrtsamkcit man hier den Vorgänge» auf der Bühne und im Orchester folgte I Trotzdem es doch nicht»öthig war, hielten alle Danicn ihre Gtä'er und langgestielren Lorgnons vor die Augen. Besonders hingerissen von dem Spiel und der Musik mußten die beiden Damen sein, die vor mir saßen. Tie eine war dunkelhaarig, mit eckigem Körper, den sie bis halb über den Hinterkopf in dunkle Seide gehüllt hatte. Die andere leuchtete blond und hell aus einem schlichten, ausgeschnittenen Wollkleid. Fortwährend nickte» beide ein- ander zu, lächelten und flüsterten. Der Gesang und das Spiel erschütterten alle Zuschauer. Der junge Kapellmeister leistete heute Außerordentliches. Die hagere, kraftvolle Gestalt bebte förmlich vor Leidenschaft.... Der erste Akt tvar beendet. Ich stand»och erstarrt in der Ecke. Da gingen die beiden Danicn an mir vorbei. „OH, wie er immer die Hand Hcbtl" meinte entzückt die Blonde. »Nein, und dieser wundervolle linke kleine Finger!" seufzte die Andere.-- J Theater. Im Schillcrtheatcr habe ich noch niemals lebhaft zischen ge- hört. Man langweilt sich dort mit Respekt, wenn ei» Drama ernster Richtung anfgcsiihrt wird, oder jubelt in herzlichem Behagen mit seinem Schönthan oder Moser. Am Freitag luarc» die geistig Ge- uiigsamcn erbittert, n»d zwar nach dem ersten Akt der Bauern- kömidie„ B ü r g c r m« i st c r w a h l von M. B u r ck h a r d t, dem früheren Direktor des BiirgthcatcrS in Wien. Die Satire Burckhardps ist hier schon einmal als Matinee der Drainntischen Gesellschaft anfgeführt worden. Sie ist in Wien sehr überschätzt worden. Die Satire lebt mehr vom Spaß, als von tiefer Bitterkeit. Die Szenenfühning ist lose; Episodisches drängt sich vor, das Wesentliche wird eingeengt. Aber daran lag cS nicht, daß die Komödie es zu keinem Erfolg brachte. Die Hauptsache ist: So brave, herzliche Menschen, wie sie in Loetvenfeld's Vvlksthcntcr beimisch sind, vertragen einmal satirische Absichten nicht. Das stört sie. Sic wollen ihren Seelenfrieden behaupten. � Aehnlich wie Rnedercr in der.Fahnenweihe', nur mit minder kräftiger Frische, kehrt sich Burckhardt gegen die übliche Schönfärberei im alpinen Bauerndasein. Die»biederen Laiidleute" haben es fanst- dick hinter den Ohren, und die Beamten, von denen sie regiert werden, sind ihrer würdig, der Eine wird ein feucht-fröhlichcr Bier- trottcl, der Andere übt Justiz, Ivie Dr. Eisenbart die ärztliche Kunst übte. Die völlige Korruption wird in der Berührung mit wienerischem Großkapital klar. Ein verachteter Jude mit Namen Prager errichtet eine Holzpapicr- Fabrik im Orte, und die Bauern laufen fich die Hacken ab, um dem verdammten Juden ihre Gründe natürlich gegen Ueberzahlung zu verkaufen. Der Jude hat's dazu, und zum Sckiluß kommt die Ergötzlichkeit zu stände, daß der Jud Prager die erste Person im Ort wird. Jeder der Käuflichen wollte ihm ge- fällig sein und tröstete sich damit, es kommt nicht auf, die Bürger- meistcrwahl ist ja geheim. So hauen sich die Spitzbuben gegenseitig über's Ohr. Nach meiner Empfindimg war die Darstellung auf einen gar zu niedrigem Geschmack gestimmt. Ich habe für den Hanswurst viel übrig; mir soll er den Sinn und Gang der Handlung nicht stören. Es schlingt ein Bauer Kraut und Knödel ganz realistisch hinunter. Schön I Aber dieser Kraut-Mensch hört nicht ans; er niacht kindische Späße und ans den Autor selber horcht kein Mensch mehr. An Tyrolt's saftigen Humor durste man bei dem trocken-korrekten Hern, P a t e g g nicht denken. Im Ucbrigen hat das Publikum, wie icki glaube, den Dialekt nicht verstanden. Die znckrig-Iicbe und gefällige Philistrosität»Unter vier Augen' des Herrn Fulda leuchtete dem Publikum- schon besser ein. Das fromme Eheglück, die stillen Hausgeister und daS Heimchen am Herd werden darin gepriesen. Der Einakter stammt ans Fulda's JünglingSzcit, der stürm- und drangvollen.——ff. Mnfik. »Verlassen, verlassen, Vcrlafie» bin i Wia der©tan af der Straffer, Mei Bua vergißt mi.' Das haben Wohl mrr Wenige von uns noch nicht gehört, und die Meisten wissen auch, daß es ein volksthnmlicher Sang aus Kärnthen ist, der musikalischen Welt übergeben von Thomas K o s ch a t(geb. 1845 nahe dem Wörthcr See), dem künstlerischen Vertreter dieser ganz eigenartigen Volks- oder vielmehr Stammes- mnsik, dem Führer des„Koschat-Ouintettcs'. Die Verlockung der Bühne brachte ihn dazu, eine Äusivahl seiner Veröffentlichungen zu- sanmienzuftcllcn, daraus wurde das»Kärtncrische Licderspiel in einem Akt." betitelt.Am Wörther See"; 1880 ward es in der Wiener Oper zum ersten und seither dort und an anderen Stellen ungezählte Male ausgeführt. Es ist eine so Harm- lose Bühiicnlyrik, daß man nach feiner dramatischen Siechtfcrtigung gar nicht fragen braucht. Hingegen darf eines wohl auffallen. Der lärtnerische VoUsgesang besitzt als Spezialität die Viclftimmigkeit, also eine Seltenheit in jener Gattung; und zwar ist es vor allem das Onintctt, das ihn auszeichnet, aufgebaut als gewöhnliches Mäuncrqnartett mit einem in eigenthümlichcr Weise darüber schwebende» ganz hohen Tenor. Koschat's eigene Quiutettgcscllschast, im Besitz eines solchen Tenors, hat diese Gesaiigsfonn weit und breit bekannt gemacht. Nur hier tritt sie hinter die Einstimmigkeit und die sonstige Vielftnnmigkcit zurück, und auch das goldig schöne Lied, dessen Anfang wir zilirt, erscheint als Solo. Wahrscheinlich wollte der Tichtcr-Kompouist die Auffiihrbarleit nicht von einer so verschärften.Teninsragc" abhängig machen. Vorgestern also hat uns das Theater des Wc st enS an den Wörthcr See versetzt, und schon der Dekorationsmaler gewann unser Aug' und Herz. Auch sonst gelang alles recht gut; für die Tänze lvär eine»süddeutsche Gesellschaft" gewonnen worden, und einige.Salontirolerei" nimmt ma» dabei ja nachsichtig mit in Kauf. Unter den Mitlvirkcndc» sei zunächst Herr B a t t i o l i als flotter Reservist genannt, ganz besonders aber Frau Schnster-Wirth in der weiblichen Hauptrolle. Sie traf wenigstens das Süddeutsche, wenn auch nicht das spezifisch Käriitncrischc, gut, spielte mit echter Natürlichkeit und sang im Allgemeinen mit vollendeter Kunst. Daß sie am selben Abend fich selber»och übertreffen werde, hätte man schiverlich vorausgesehen. Es wurde nachher der ,P o st i l l o n von L o n j u m e a u" gegeben, mit der Genannten als Madclainc und Herrn Werner A l b c r t i als Postillon. Jen« ist die richtige Darstellerin solcher Doppelrollen,>vie es die Frau Postillon und die Negimeiitstochtcr sind; dieser ist einer der wenigen Trnore, die für ihre Kunst auch eine cnisle, vornehme Persönlichkeit einzusetzen haben. So ließen beide den Wust dieser Spielerei-Oper vergessen und boten eine wirkliche Kunst dar, in der doch auch daS hohe»a b c" immer wieder mit elementarer Schönheit herauskam. Leider war diese»komische Oper" diesmal so.zusammen- oder viel» mehr auseinander gestrichen, als stammte sie nicht von Adolph Adam, sondern von Richard Wagner. Herr Kapellmeister Bernhard Schuster dirigirte beide Stücke mit redlicher Plage und tüchtigem Geschick.— sz. Kulturgeschichtliches. — Das» W e st e l k n ü p f e n'. Vor einigen Tagen wurde eine Frau i» Wien zu vierzehn Tagen Arrest verurthcilt, lveil sie. um fich an ihrer Quartiergeberin zu rächen, eine Zehe des KindeS derselben mit einem Haar umwickelt hatte. DaS Kind hatte große Qualen anSgestanden, bis die Mutter endlich nach Wochen das Haar um die Zehe entdeckte. Die Frage, wie die Vcrurthcllte ans diese raffinrrte Form der Folter kam, wurde nicht erörtert, und es schien, als ob die Bestrafte diese Art der Rache selbst ersonnen hätte' Es ist mm ein Schreiben des Kriminalisten Dr. HauS Groß in Graz, des Verfassers dcS»Handbuches für Untersuchungsrichter', an den Strafrichter augelangt, der die Verhandlung leitete. Dieses Schreiben giebt über das Einbinden von Fingern und Zehen, da-Z sogenannte„Westelknüpfen", interessante Aufschlüsse. Professor Groß bezeichnet die Handlungsweise der Vcmrtheilten als einen Akt bos- haften Aberglaubens, der ans uralter Zeit stammt und schon in der I.LX salica als schweres Verbrechen bezeichnet wurde.— Geographisches. — Ueber eine glücklich verlaufene Forschungsexpedition nach den Salömon-Jnseln bringt der in Sydney ein- getroffene Dampfer„Isabel- folgende Einzelheiten: Die Expedition bestand aus dem Kommifsioner Woodford, dem Kapitän Stcphenson, zwei anderen Weitzen und drei eingeborenen Führern. Es gelang dieser Gesellschaft die Besteigung und Erforschung des M o u n t L a m m a s sGuadacanar), welche vor einigen Jahren die ver- unglückte österreichische, unter Führung deL Barons von Norbeck stehende Expedition vergeblich versucht hatte. Die Besteigung erfolgte von der Südseite aus, mid man erreichte die Höhe von 6000 Fuß über der See-Oberfläche. Die angetroffeneil Eingeborenen waren auffällig friedlich, und die ganze Gesellschaft kehrte unbclästigt mit reichen Schätzen wissenschaftlichen Werths nach ihrer Statten zurück. Beim Aufstieg trafen die Forscher eine große Anzahl seltsamer, senkrechter Gruben, die. Ivie man von den Eingeborenen erfuhr, ein Schwann großer, wilder Hunde dort vor Jahren angelegt hatte. Die Thiere pflegten nach Wolfsart in großen Rudeln umhcrzustreichen-und ungeheueren Schaden unter den Vieh- Heelden anzurichten; auch hunderte von Menschen sollen sie ans- gefressen haben, ehe sich verschiedene Stämme zusammenthaten und dieser Plage ein Ende niachtcn. Die Eingeborenen leben in jener Gegend in den primittvsten Verhältnissen. Drei oder vier Familien wohnen in einer große», niedrigen Hütte und leben fast nur von Vegetabilien, vornehmlich Dam und Faro. Bietet sich ihnen dazu Gelegenheit, so sind sie auch dem Genüsse von Menschenfleisch keines- wegS abgeneigt.— Medizinisches. — In einer Arbeit über daSMa usergewehrundseine Wirkung im spanisch-anlerikanischen Kriege, die in der Wochen- schrift„Mutter Erde" veröffentlicht wird, findet sich eine Schilderung des amerilanischen Kricgskorrespondenten I. Crechmann, der seine Empfindungen bei einer Verlvundnna, die er erlitten, in folgenden Worten wi'edergiebt: Als mich das Mansergeschoß traf, das mir den Ann zerschmetterte und ein Loch in den Rücken bohrte, hatte ich ein Gefühl, als hätte mir jemand mit geballter Faust einen Schlag ver- setzt. Das Gefühl war ungefähr dasselbe, als hätte nur ein übermüthiger Freund von hinten einen etwas zu starken, aufmunternden Puff gegeben. Der Stoß machte mich schwanken, war aber nicht stark genug, mich umzuwerfen. Ich spürte das Geschoß weder am EingangS- puntte, wo es ein ganz kleines Loch hinterließ, noch am Ausgangs- punkte, wo es ein Loch von ll'/s Zoll Durchmesser riß. Mcrlmüibig war, wie wenig Schmerz im ersten Augenblick die Kugel verursachte. Im nächsten Moment indessen schon spürte ich einen stechenden Schmerz in der Hand und sah meinen Ann lose herunterhängen, wie einen leeren Aermel. Der Knochen war gebrochen. E. Marshall, einer von den Rough Riders, ivelcher bei La Quarina ver- wundet wurde, beschreibt seinen Unfall so: Plötzlich fühlte ich einen Stoß im Rücken; derselbe war nicht besonders stark oder schmerzvoll. Es war, als hätte mir zemand einen leichten Hieb versetzt. Ich fiel zu Boden und zu meinem Erstaunen konnte ich mich nicht wieder erheben. Ich hatte eine Mauserkugel erhalten. Dieselbe verursacht ein sonderbar zischendes Geräusch, ganz verschieden von dem der alten Kugeln. Solveit ich den Klang be- schreiben kann, sind es drei„Z"- und dann„E W". Ungefähr: „Z-Z-Z-EW". Man glaubt, man könne den Kugeln anslveichen. Die Leute vom Rothen Kreuz kamen zuerst zu mir»lud verbanden mich. Dann untersuchte mich ein Arzt und sagte mir, daß ich nur noch einige Momente zu leben hätte, denn meine Wunde sei tödtlich. Ich glaubte ihm. Ich fiel in Ohnmacht und als ich erwachte, lag ich mit anderen Verwundeten unter einer Baunigruppe. Ohne Schmerzcmpfindung lag ich in dem langen Gras und fand später viele Verloiindete, welche eine ähnliche Er- fahrung machten. Die Konstatirung des Arztes, daß meine Wunde tödtlich sei, beeinflußte mich moralffch ebensowenig, wie es die Wunde physisch that. Dieser moralische und physische Jn'differentismns kann nur eine Folge der gewaltigen Erschütterung durch die Mauscrkugel gewesen sein. Später, als sich meine Empfindung wieder regte, glaubte ich, rothglühende Nadeln seien in»lein Rückgrat von oben bis unten geschossen worden. Die Ursache dieses Gefühls rührte von den in die Wunde gedrungenen Knochensplittern her.— Aus dem Thierleben. — Die Vogel lvelt des Bismarck-Archipel schilderte Prof. Reichenow in einem längeren Vortrage, den er in der letzten Sitzung der„Deutschen Ornithologischen' Gesellschaft" hielt. Einem Bericht der„Boss. Ztg." über seine Ausführungen entnehmen wir das Folgende: Die Inselgruppe, welche als Bismarck- Archipel dezeichnet wird, erstreckt sich nordöstlich von Neu- Guinea ungefähr vom Aequator nach Süden bis zum achten Grad; man schätzt ihren Flächeninhalt auf 47 000 Quadratkilometer, von welchen Reu- Pommern allein ungefähr Lö 000 Quadratkilometer ein- nimmt. Die Inseln sind zum Theil dicht belvaldet, und thätige Vulkane finden sich an verschiedenen Stellen. Gewöhn- lich ist der Strand sumpfig und von Mangrolvebäumen vcsetzt. Hinsichtlich der Zusammensetzung seiner Vogelwelt ist der Bismarck- Archipel ani nächsten mit Neu-Guinea verwandt, weist aber doch so viele Eigenthümlichkeiten auf, daß nian diese Inselgruppe als ein besonders thiergeographisches Gebiet betrachten mutz. Der aus Deutschland kommende Reisende vermißt dort eine Anzahl von Vogelfornicn, welche in Europa zahlreich vertreten sind. Kein Specht läßt in den Wäldern des Bismarck-Archipels sein Hämmern ertönen und keine einzige Finkenart ist dort zu Hause. Auch die Geier, welche über den größten Theil der Erde verbreitet sind, fehlen dort vollständig. Dagegen sind die Kasuare, die Grotzfußhühner und die Pinselzüngler für das Gebiet ebenso charatteristisch, wie die prächtig gefärbten Flanmfußtauben. Merkwürdig ist hier die große Zahl der Arte», welche auf die Inselgruppe beschränkt sind. Kakadus, Zwergpapageien, Edclpapagcien sind in zahlreichen Fonnen vertreten. Auch die Eisvögel sind außerordentlich artenreich, und von Fliegenfängern giebt es dort mannigfalttge Spezies. Unter den Raubvögeln ist ein Wespenbussard mit langem, stufigem Schwanz merkwürdig, und ein Falke mit zwei zahnförnttgen Vorsprüngen am Schnabel. Pirole und Paradiesvögel sind merkwürdigerweise noch nicht nachgewiesen, konnnen aber wahrscheinlich in den noch un- erforschten Gegenden des Gebietes vor. Bon Wandervögeln finden sich dort viele ostsibirische Arten, welche auf ihrem Zuge bis in jene fernen Gegenden gelangen. Man kennt jetzt 174 Arten vom Bismarck-Archipel; das ist eine sehr geringe Zahl, wenn man be- denkt, daß in der Mark Brandenburg allein 275 Arten bekannt sind und in den Tropen doch eine weit größere Menge von Fonnen erwartet werden darf. Von diesen 174 Arten kommen 72 »nr im Archipel vor. Der Vortragende berichtete eingehend über die Lebensweise einiger der iittercssanteste» Fonnen. Die Großfuß- Hühner verscharren ihre Eier in den heißen vulkanischen Sand und überlassen der Bodenwärme das Ausbrüte». Die Eier sind sehr groß und enthalten so viel Nahnmgsdottcr, daß der junge Vogel vor dem Auskriechen fein vollständiges Fedcrklcid entwickeln kann. Diese Vögel unterwühlen manche Gegenden so sehr, daß man bei jedem Schritte in den nnterminirtcn Boden einbricht. Die kleinen Spechtpapngeien laufen wie unser Kleiber an den Baumstämmen herauf, die bunte Pitta baut Nester, welche denjenigen unserer Nachtigall ähnlich sind.— Humoristisches. — Schlechtes Gewissen. 9t.:„Warnm lassen Sie denn Ihre A l p e n m i l ch- Annonce nicht mehr in die Zeitung ein- rücken?" B.:„Weil Sie s' mir's letzte Mal unter„Vermischtes" gedruckt haben I"— — Natürliche Folge. Der Gymnasialdirektor Dr. Mänsle giebt den 9lbituricnten gute Lehre» mit auf ihren ferneren Lebens- iveg.„Meine lieben jungen Freunde," sagte er unter Anderem. „hütet Euch vor dem Laster. Das Laster ergreift den Menschen mit der Zeit ganz und gar und richtet ihn schließlich zu Grunde. Da ist zum Beispiel das Tabakrauchcn ein solches Laster. 9lls ich noch Ordinarius an der Obertertia war. hatte ich einen Schüler, der ranchte. Es war ein gesunder, großer und kräftiger Mensch— ich sehe ihn noch deutlich vor mir. Nach zwei Jahren war er todt. Er ertrank zwar— aber wer weiß, wenn er nicht geraucht hätte... l" — Schätzung. H a u s i r e r(der sich beim Arzte eine kleine Wunde nähen ließ):„Was bin ich schuldig?" Arzt:„Drei Mark!" H a u s i r e r:„Was, drei Mark for de paar Stich? I... Ja was kost denn dann bei Ihne e' ganzer Ueberzieher?"— __(„Flieg. Bl") Notizen. — Ludwig Anzengruber soll in W i e n ein Denkmal bekommen.— Beiträge nimmt die Deutsche Bank in Berlin ent- gegen— — Eine neue umfangreiche Sendung werthvollcr hebräischer Fragmente aus der alten jk a i r i n e r Synagoge ist an das Britische Museum gelangt.— — Hermann S u d e r in a n n muß sich in der Würz- burg er Klinik abermals einer Kur unterziehen.— — Zur Feier von Friedrich Spielhagen's siebzigstem Geburtstag wird am 24. d. M. im Schauspielhause des Dichters Drama„Liebe f ü r L i e b e" in Szene gehen.— — Ein vor einiger Zeit vom Berliner Museum als wichtiges griechisches Original werk erworbener großer Marmorkopf ist als eine moderne Fälschung erkannt worden.— — Zwischen dem Verein Berliner Künstler und der Berliner Sezession sollen E i n i g u n g s v e r s u ch e gemacht werden.— �, — In Leipzig soll ein Denkmal für Johann Sebastian Bach errichtet werden. Von den erforderlichen 30000 M. sind jetzt 11000 M. aufgebracht.- — Der deutsche Physiologe Prof. Karl Schönlein, Ab- theilungsvorsteher an der zoologischen„Station in Neapel, hat sich erschössen.—____ Verantwortlicher Redalteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.