Wnterhaltungsblatt des Torwarts Nr. 29. Donnerstag, den 9. Februar. 1899 (Nachdruck verboten.) Dov lekzke Cag eines Veenekhvilken. 2] Von Victor Hugo. Aus dem Französischen von Paul Linsemann. „Herr Vertheidiger, haben Sie noch etwas über das Straf- maß zu sagen?" fragte der Vorsitzende. Ich hätte soviel zu sagen gehabt, aber nichts brachte ich hervor. Die Zunge blieb mir am Gaumen kleben. Der Vertheidiger erhob sich. Ich begriff, daß er den Spruch der Geschworenen abzu- schwächen suchte, um an Stelle der Todesstrafe eine lebens- längliche Freiheitsstrafe durchzusetzen, auf die er von Anfang an gehofft und die mich so aufgebracht hatte. Die Erbitterung in mir mußte wohl sehr groß sein, um sich Bahn durch die tausend Empfindungen zu brechen, die in meinem Inneren tobten. Ick) wollte mit lauter Stimme wiederholen, was ich dem Vertheidiger schon vorhin gesagt hatte: Hundertmal lieber den Tod! Aber der Athem fehlte mir. Ich konnte ihn nur heftig am Aermel fassen und ihm nüt äußerster Kraft- anstrengung zurufen: „Nein!" Der erste Staatsauwalt widerlegte meinen Vertheidiger. und ich hörte mit einem stumpfen Gefühl der Genugthuung zu. Daun gingen die Nichter hinaus, um nach kurzer Frist zurückzukehren, und der Präsident las mein Urtheil vor. „Zum Tode verurtheilt," murmelte die Menge. Als man mich fortführte, strömte die Menge hinter mir her mit einem Getöse, lvie es ein einstürzendes Haus verursacht. Ich ging wie betäubt hinaus. In meinem Innern wurde es Nacht. Bis zrim Todesurtheil hatte ich gefühlt, daß ich athmete und lebte wie andere Menschen. Jetzt war es mir, als sei eine Mauer zlvischcn inir und der Welt errichtet. Alles erschien mir anders als vorher. Die breiten, hellen Fenster, die schöne Sonne, der klare Himmel, die liebliche Blume, alles lvar erbleicht, als sei ein Leichentuch darüber geworfen. Die Männer, die Frauen und die Kinder, die sich um mich drängten, grinsten mich an wie Gespenster. Am Fuße der Treppe erwartete mich ein schwarzer und schmutziger Wagen mit Gitterfenstern. Als ich einstieg, blickte ich noch einmal über den Platz.„Ein Vcrurtheilter 1" schrieen die Vorübergehenden, und liefen auf den Wagen zu. Durch eine Wolke, die, wie mir schien, sich zwischen mich und die übrige Welt gelegt hatte, sah ich zwei junge Mädchen, die mich mit neugierigen Blicken verfolgten. „Schön." rief die Jüngere und klatschte in die Hände, „in sechs Wochen gicbt'L also eine Hinrichtung." III. Zum Tode verurtheilt! Warum nicht?„Die Menschen," erinnere ich mich in irgend einem Buche gelesen zu haben, in dem nur diese eine zutreffende Stelle zu finden war.„die Menschen sind alle zum Tode verurtheilt, freilich mit unbestimmter Frist." Inwiefern hat sich nun hiernach meine Lage eigentlich verändert? Wie viele sind seit der Stunde, in der mein Urtheil mir verkündet worden ist, gestorben, die auf ein langes Leben hofften I Wie viele sind mir vorausgegangen, die jung, frei und gesund, sich vorgenommen hatten, den Tag nicht zu der- säumen, an dem mein Kopf auf dem Greveplatz fallen soll. Wie viele, die heute noch in freier Luft athmcn und sich ihres Daseins freuen, werden bis dahin mir dennoch in den Tod vorangehen I Und dann, was hat denn das Leben noch so Angenehmes für mich? Ein ödes Leben in einer Zelle, schwarzes Ge- fängnißbrot, schmale Portionen Fleischbrühe, aus dem Kübel der Zuchthausstrastinge geschöpft. Ich kann angeschnauzt und miß- handelt Iverden, von Schließern und Auffchern— ich, der ich durch eine gute Erziehung verwöhnt bin! Ich sehe kein menschliches Wesen mehr, das mich noch eines Wortes würdig erachtet und dem ich antworten kann. Unaufhörlich jagt mir meine That Grausen ein und ich zittere: was wird noch mit mir ge- schehen?— Das ist so ziemlich die ganze Herrlichkeit, die mir der Henker noch rauben kann. Ach— und doch ist es schrecklich! IV. Der schwarze Wagen brachte mich hierher, nach dem grau- lichen Bicetre. Von Weitem gesehen, hat dieses Gebäude etwas Majestä- tisches. Es breitet sich am Horizont, auf dem Gipfel eines Hügels aus, und wahrt auf Entfernung noch etwas von seiner alten Pracht. Es sieht wie ein Königsschloß aus. Aber je näher man herankommt, desto mehr wird das Schloß einer Ruine ähnlich. Die verfallenen Giebel beleidigen das Auge. Es ist, als ob eine Schicht von Schande und Aermlichkeit diese königlichen Fassaden beschmutzt hätte; man könnte sagen, die Mauern hätten den Aussatz. Keine Scheiben mehr, keine Fensterrahmen, aber massive Eifenstangeu kreuz und quer, an die sich hier und da das abgezehrte Gesicht eines Zuchthäuslers oder eines Wahnsinnigen schmiegt. So sieht das Leben in der Nähe aus! V. Kaum angekommen, wurde ich von derben Fäusten in Empfang genommen. Mau vermehrte die Vorsichtsmaßregeln: kein Messer, keine Gabel gab's mehr für mein Essen. Die Zwangsjacke, eine Art Sack aus Segeltuch, fesselte meine Arme. Man schien sehr besorgt für mein Leben. Ich hatte die Ne- Vision eingereicht. In sechs oder sieben Wochen konnte diese lästige Angelegenheit erst erledigt sein, und man mußte mich doch gesund und»vohlbehalten auf den Groveplatz bringen. Die ersten Tage behandelte man mich mit einer Milde, die für mich schrecklich war. Die Blicke eines Schließers schmecken nach dem Schaffot. Zum Glück wurde es aber nach wenigen Tagen wieder wie vorher, man behandelte mich wie die anderen Gefangenen, in gleich brutaler Weise und ge- brauchte nicht länger die ungewöhnliche Höflichkeit, bei der ich immer an den Henker denken mußte. Es war nicht die ein- zige Verbesserung meiner Lage. Meine Jugend, meine Füg- samkeit, die Bemühung des Gefängnißgeistlichen und besonders einige Worte Latein, die ich an den Inspektor richtete, der sie nicht verstand, verschafften mir einmal die Woche die Er- laubniß zu einem Spaziergang mit den anderen Sträflingen. Auch die Zwangsjacke verschwand, in der ich an jeder Ve- wcguug behindert war. Nach vielem Bedenken gab man mir auch Tinte, Papier. Federn und eine Nachtlampc. Alle Sonntage nach der Messe läßt man mich in der Er« holungsstunde in den Gefängnißgarten. Dort plaudere ich, wohl oder übel mit den Gefangenen. Es sind gute Kerle, diese elenden Menschen. Sie erzählen mir ihre Streiche. Man könnte damit jemandem Schrecken einjagen, aber ich weiß, daß sie aufschneiden. Sie lehren, mich die Gauner« spräche,„das Rothwälsch", wie sie sagen. Es ist eine Sprache, die auf die gewöhnliche gepfropft ist wie ein häßlicher Aus» wuchs, wie eine Warze. Zwveilen eine seltsame Energie, ein überraschender Bilderrcichthum. Die Sprache macht einen ebenso widerlichen Eindruck wie Kröten und Spinnen; wenn mau sie sprechen hört, ist es einem, als ob ein Haufen schmutziger und staubiger Lumpen ausgeschüttet wird. Aber trotz alledem I Diese Menschen sind doch die einzigen, die Mitleid mit mir haben. Die Gefangenwärter, die Schließer, die Pförtner lachen und schwätzen und sprechen von mir in meiner Gegenwart wie von einem leblosen Gegenstaude. VI. Ich habe mir gesagt: Da ich in der Lage bin. schreiben zu können, ivanim sollte ich es nicht thun? Aber was soll ich schreiben? Ein- geschlossen bin ich zwischen vier nackten und kalten Mauern, die meine Bewegung hemmen, keinen Himmel Hab ich für meine Augen l Meine einzige Zerstreuung besteht darin, den ganzen Tag der langsamen Bewegung des hellen viereckigen Fleckes z» folgen, den der Widerschein des kleinen Gucksensters meiner Thür gegenüber auf die dunkle Wand malt. Und in meiner Einsamkeit ist nur ein Gedanke bei mir. wie ich es schon frühe« gesagt habe, der Gedanke des Verbrechens und der Strafe des Mordes und des Todes. Kann ich denn überhaupt etwas zu sagen haben, da ich nichts mehr auf dieser Welt zu sch«ffen habe? Und was könnte ich in diesem welken Hirn noch finden, was der Mühe Werth wäre, niedergeschrieben zu werden? Aber warum nicht? Wenn auch Alles um mich herum eintönig und farblos ist. wüthet denn nicht in meinem Innern ein Sturm, tobt da nicht ein Kanipf, spielt sich dort nicht eine Tragödie ab? Stellt sich nicht die fixe Idee, die mich be- herrscht, in jeder Stunde, in jedem Augenblick unter einer neuen Gestalt mir dar, immer schrecklicher, immer grausiger, je näher meine letzte Stunde herankommt? Waruni sollte ich nicht versuchen, mir selbst Rechenschaft abzulegen über all die gewaltigen und neuen Empfindungen, die in der verzweifelten Lage, in der ich mich befinde, auf mich eingestürmt sind? Sicherlich: der Stoff ist reich, aber so kurz mein Leben auch nur noch ist, es wird wohl von dieser Stunde bis zur letzten noch Schrecken und Qualen geben, womit ich meine Feder beschäftigen und die Tinte verbrauchen kann. Außerdem ist das einzige Mittel, um unter diesen Angstbeklenmnmgen weniger zu leiden, das, sie zu beobachten. Wenn ich sie schildere, befreie ich mich auch von ihnen. Und dann: was ich so niederschreiben werde, wird nicht ohne Nutzen sein. Das Tagebuch meiner Leiden, von Stunde zu Swnde, von Minute zu Minute, von Qual zu Qual, wenn ich die Kraft habe, es bis zum Augenblick fortzuführen, wo es mir Physisch unmöglich sein wird, weiterzuschreiben— diese Geschichte meiner Empfindungen, die unfehlbar unvollendet bleibt, aber doch so vollständig wie möglich ist, wird sie nicht eine gewalttge und bedeutsame Lehre enthalten? Wird nicht in diesem Protokoll eines menschlichen Geistes im Todeskanipf, in der immer größeren Fülle der Leiden. in dieser Art geistiger Obduktton eines Verurtheilten mehr als eine Lektion sein für die, die verurtheilen? Vielleicht wird die Lektüre dieses Buches ihnen die Hand weniger leicht machen, wenn es sich später darum handelt, wieder den Kopf eines Menschen auf die sogenannte Waage der Justiz zu werfen. Vielleicht haben die Unglücklichen noch niemals an die unendlichen Schmerzen gedacht, die die Ausferttgung eines Todesurtheils nach sich ziehen. Haben sie sich jemals klar gemacht, daß dem Menschen, den sie vernichten, ein Verstand innewohnt, ein Verstand, der auf das Leben gezählt hat, eine Seele, die sich nicht auf den Tod vorbereitet hat? Nein! Sie sehen in alledem nur den senkrechten Fall eines dreieckigen Beiles und denken nicht an des Verurtheilten Leben vor und nach der Verkündigung des Urtheils. Diese Blätter werden ihnen den Jrrthum benehmen. Vielleicht werden sie eines Tages veröffentlicht. Sie werden dann einige Augenblicke ihren Geist auf die Leiden des Geistes aufnierksam machen, denn an solche haben sie nie gedacht. Sie triuniphiren, daß sie tödten können, ohne daß der Körper große Schmerzen erleidet. Als ob es sich darum handelte! Was bedeutet der körperliche Schmerz gegenüber dem geistigen? Eine entsetzliche, eine bemitleidcnswerthe Justtz! Eine bessere Zeit wird kommen, und vielleicht werden diese Memoiren, die letzten Geständnisse eines Unglücklichen ein Uebriges dazu bei- getragen haben... Oder der Wind spielt mit den beschmutzten Blättern nach meinem Tode im Gefängnißhof oder sie verfaulen im Regen, wenn ein Schließer mit ihnen die zerbrochenen Scheiben des Fensters seiner Zelle geflickt hat... VII. Was ich hier schreibe, kann eines Tages dadurch andern nützlich werden, daß es den Richter von der Verurtheilung zum Tode zurückhält, daß es Unglückliche, Unschuldige oder Schuldige, von dem Todeskampfe rettet, zu dem ich vcrurthcilt bin. Warum? Zu wessen Nutzen? Wozu? Wenn mein Kopf ab- geschlagen ist, was kann mir daran liegen, ob nian ihn noch andern nach mir abschlägt? Was habe ich davon, wenn man das Schaffst umstürzt, nachdem ich es besttegen habe I Ist es möglich— die Sonne, der Frühling, die Auen voll Blumen, die Vögel, die den Morgen begrüßen, die Wolken, die Bäume, die ganze Nattir, die Freiheit, das Leben, das alles gehört mir nicht mehr? Ach! Mich selbst müßte ich retten!— Kann ich das wirk- lich nicht, muß ich morgen sterben, vielleicht noch heute? Das ist ein schrecklicher Gedanke! Man möchte sich den Kops an den Wänden seiner Zelle zerschmettern. lFortsetznng folgt.) (Nachdruck verboten.) Vevntt�lnckte In dem Roman„Die Heimkehr" erzählt Ossip Schubin an einer Stelle von der handelnden Person:„Sie hat ein verblühtes Madonnengesicht, trägt Scheitel und macht in Wohlwollen und Senti- Mentalität. Ihr ganzes Wesen dampft förmlich von Idealismus, jenem starken, schwunglosen Idealismus, der, wenn er kann, aus der Ironie den Stachel sainmt dem Witz heraiisreiszt, anderseits der Begeisterung nicht ungern hemmend in die Flügel greift, und der den gesponnenen Zucker seiner süßlichen Weltaiischauung mit ruch- loser Unparteilichkeit gleichennaßcu über Ananaskompott und Schweinebraten hinzieht." Aehnlich nimmt sich der folgende Ver- gleich aus, der in dein Ronran eines Autors, dessen Name mir bedaucrlichcrtveise entschlüpfte, vorkommt. Der Roman selber ist betitelt„Verschrieben", und die sehr„anziehende" Stelle lautet: „Wie die Jchneumoufliege ihre Fanganne ausstreckt und ihr Opfer, die Tarantel, die unvorsichtig genug ist, ihr Nest zu verlassen, in ihre Gewalt zwingt, indem sie durch einen einzigen Giftstich sie lähmt, um sie, machtlos, hierauf in ihren Vau zu schleppen und sie dem furchtbaren Verhängnis, zur Brufftätte ihrer eigenen, der Feindin, Nachkommenschaft zu Iverden, zu überantworten— wie ein unerforschliches Naturgesetz es vorschreibt— so hatte auch Tobias sein unglückliches Opfer in Fesseln geschlagen, die jenen nun auf immerdar wie einen Galcerenfträfling fest an ihn gekettet hielten." Ein Wiener Blatt veröffentlichte einmal einen Roman, in welchem folgender Passus gedruckt war:„lliid als er"— nämlich Eisen» mann—„die Handschrift erkannte, sagte er nur das„einzige" Wort: Das hat Michl geschrieben." Ein Würzburger Blatt leistete sich die folgende Schilderung, in der es sich um die Gränel des Krieges im Sudan handelt:„Bei der letzten Schlacht baten die egyptischen Soldaten kniend um Pardon: die Araber machten alles nieder. Die Schlacht war in acht Minuten begonnen und verloren. Der Jubel der Araber und das Geschrei der Tobten und Verwundeten war zrätzlich." Aehnlich meldete ein Blatt in Eichstätt:„Der Königs- ohil und sechs Minister sind thcils ermordet worden, theils über die Berge geflohen." Eine mitteldeutsche Zeitung feierte Luther einmal in folgenden stilistischen Verrenkungen:„An Lnther'S Wiege begann der Herr einen Lichtkreis zu zeichnen, der ein Licht anzündete, ivclches den Weltennmd erleuchtete und den Geist des MärtyretthumS aufweckte, und in Worms rollte der Kreis weiter und weiter, andere Kreise be- ginnend, sich windend, durchlaufend, alle Himmel übertvölbend. O, icki wollte gern Martin Luther in dein Augenblicke sehen, wenn sein Einflnsi zum vollen Kreise wird— sein Einfluß sich umwälzend durch Preußen, durch Deutschland, durch Europa, durch drei Jahrhunderte, durch den Himmel; und zuletzt ivird die Woge des Einflusses einen vollen Kreis gemacht haben und zu seiner eigenen Seele kommen. O. dann möchte ich ihn wohl sehen. Keiner kann den weiten Kreis- bogen seines Einflusses erzählen, außer dem Einen, der sitzt aus dem Kreis der Erde." Zoe von Reuß leistet sich eininal die Stelle:„Mit gefalteten Händen lauschte das Mnttcrohr." Ein viel gelesenes Berliner Blatt sagt von dem Hauptaktcur einer spiritistischen Sitzung: „Er machte dein Publikum die Ohren leckerig, indem er von den wundervollen Glocken- und Triangeltöncn erzählte, die man noch erwarten dürfte." Bei Philipp Galen finden sich Stellen wie die folgenden:„Glücklich hoffend, lächelte seine Lippe"— und „Braut und Bräuttgam sahen schön und glücklich ans, obgleich es schien, daß diese beiden Beiwotte bei dem Bräutigam stärker in die Augen sprangen; nachdem sich die Portiörc geschlossen hatte, schlüpfte mit leisein Tritte ein weiblicher Fuß ins Zinimer und löschte mit eigener Hand die Kerzen." Auch Hackländer hat zuweilen das größte Blech zusammen geschrieben, ivie:„Das Mädchen schlang seinen Kopf um den Hals seines Vaters", und:„Da strömte die heiße, un- hemmbare Thränenfluth aus den Augen, die nie geweint und Thränen als Zeichen der Schwäche verlacht hatten." Ein Glück, daß bei diesen stilistischen Entgleisungen wenigstens der Humor so oft ein Plätzchen erhält! In einem exotischen Roman heißt es:„Kein Pinsel kann die Farbenfluth der Tropen schildern; mein Bemühen war daher vergeblich!" Offener kann man sich jedenfalls nicht selber aburtheilen.... An anderer Stelle las ich: „Die Hände auf den Rücken gelegt, ging der Graf im Garten spazieren und las die Zeitung."...„In der dunklen Thür zeigte sich endlich ein junges Mädchen, dessen Gesicht von einem Talglicht übergössen war."...„Otto lag in ruhigem Schlummer, als plötziich Fußtritte an sein Ohr trafen, wovon er erwachte."... „Lilian, die siebzehnjährige Tochter des Lords, ging an das Klavier und spielte den Walzer mit einer Verve, wie seit Dezennien nicht."... Gleicher Unsinn liegt in der folgenden Schilderung:„Die größten Schwierigkeiten schlang die Siebzehn» jährige spielend als Blumenketten ins Publikum hinein."... Scholastika Schnurks erzählt von sich selber in einem rheinischen Blatt:„Wie ein Blitz schoß mir mein Fläschchen mit Schuhlack durchs Gehirn."... Ein amerikanisches Blatt brachte einen Roman, der die Lebensgeschichte eines Selfmadcmanues be- handelte. Der Autor begann sein Werk mit den folgenden geistreichen Zeilen:„Mr. Kensington wurde geboren, ohne einen einzigen Cent in der Tasche zu haben."... Von der Influenza hieß es in — 11 einem schwäbischen Blatt kürzlich:.Ans vielen Orten wird jetzt ein rapides Abnehmen der Influenza gemeldet. Auch in unserer Stadt scheint die unheimliche Dame ihren Höhepunkt überschritten zu habend... Von emem bekannten Künstler wurde berichtet, daß er.bei seinen Leistungen nicht immer auf eigenen Schultern stehe.*... Ein Verliebter wird folgendermaßen geschildert: .Ein wonniges Gefühl durchschauerte den jungen Mann, als sein Regenschirm auf dem schmalen Pfade den Regen- schirm der Heimlichgcliebten berührte.*... Francisque Sarceh hat die folgende Phrase beigesteuert:„In der Stinune der Sängerin macht sich die Hand ihrer Mutter bemerkbar"... Albert Wolfs sagt von einer Künstlerin, die er schildert:„Ihr Talent ist eine Tintenflasche, an die man das Sezirwasser nicht zu sehr an- legen darf, aus Furcht, auf dem Grunde nur ein Häuflein Asche zu- finden.*.,. Ponson du Tcrrail sagt von dem Helden eines seiner Romane:„Mit der einen Hand faßte er sie brutal an der Sichle, und mit der anderen spie er ihr ins Gesicht."....Die Gräsin ließ sich drei Eier bringen und saß dann eine volle Stunde im stillen Brüten.*... Eine Zeitung in der Lahngegcnd schrieb Wort» lich:„Da war nun schon Alles in der richtigen Stinunung. eine Militärkapelle spielte ihre Weisen auf, und manch fröhlicher Gesell schwang das Bein um die Geliebte seines Herzens."-- Alexius Becker. Kleines Feuilleton. st. Die Sicherheit. Vor einigen Tagen traf ich ihn auf der Straßenbahn. Die Stunden, in denen die Angestellten in ihre Bureaus und Geschäfte eilen, waren vorüber. Trotzdem war der Wagen besetzt. Herren in den besten Jahren bildeten die Mehrzahl der Fahrgäste. Mit größter Sorgfalt gekleidet, saßen sie mit der Würde da, die Geschäftsinhabern zukommt. Denn das ivaren sie alle. Ihre sauber rasirte», gesunden Gesichter verricthen deutlich, daß sie keine Angestellten seien. Und dann, um diese Zeit, da mußten die Angestellten schon ihr Quantum geschafft haben. Nur ein Geschäftsinhaber durfte jetzt noch untcnvcgS sein. Das wäre auch noch schöner, wenn sie sich daS nickt mal hätten erlauben dürfen! Wozu waren sie denn sonst Geschäftsinhaber? An der nächsten Haltestelle sprang noch ein junger Mann auf. Auch mit Sorgfalt gekleidet. Den neuesten Hut auf dem Kopf, die neueste Kravatte um; nur der Mantel ivar nicht nach dem aller- neuesten Schnitt, aber dafür aus dem neuesten Stoff feinster Güte. Er sprach mich ganz vertraulich au— als alter Schulkamerad.„Wie gchts, gut?" fragte ich. „Sehr gut! Sehr gut!" antwortete er vergnügt.„Aber es hat auch Schweiß gekostet! Und weißt Tu, wer mir am meisten ge- Holsen hat? Hier, dieser Ring." Er hielt mir die Hand hin, auf die er trotz der Kälte keine Handschuhe gezogen. Der Ring war ein gclvöhnlichcr Goldreif mit einem weißen Stein. Ob es ein Brillant lvar, kann ich nicht genau sagen. Er hatte zwar den bei Nachahmungen aus Glas und Kiesel übliche» grauen, tobten Punkt. Aber mein ehemaliger Schulkamerad erzählte solche Wnndcrwirknngcn des Ringes, daß'man den Stein schon für einen echten halten muß. „Siehst Du I* sagte er:«ich war Kanfmann geworden. Schließlich machte es sich so, daß ich reiste. Na, man tmrd dessen aber zuletzt überdrüssig. Ueberhanpt, wenn man nie für sich selbst schaffen kann. Das ist ja schließlich dock das Ideal. Also fing ich mal auf eigene Faust an. In Konfektion. Unterröcke. Natürlich cn gros. Das zieht ganz anders, und man braucht sich nicht mit jedem einzelnen Kunde» wegen fünf Pfennige herumzanlen. Nun hatt' ich aber kein Kapital. Ging ich eben zu Fabrikanten. Und sie haben mir alle Waaren geliefert auf mein ehrliches Gesickt; das heißt, weil sie sahen, ich bin ein sicherer Mann. Trug ich doch einen Brillantring und'ne goldene Uhr. Rur init einem haperte es. Schickt der mir die Waare per Nachnahme. Da habe ich sie ihm natürlich wieder zurückgesendet. Das wäre doch wohl eine Beleidigung für ein sicheres Geschäft I Als er mich nn mal bei einem Andern sah... mit dem Ding hier"... er hob die Hand und ließ den Ring in der matte» Wintcr-soune funkeln...„da hatt' ich am nächsten Tag die Sen- dung. ohne Nachnahme und unter vielen Entschuldigungen." Er wendete sich an einen anderen Herrn. AuS ihrem Gespräch hörte ich, daß sie die Hälfte der empfangenen Waaren stets für schlecht gearbeitet erklärten, so daß der Preis herabgesetzt werden müsse. Das gehörte gewiß auch zu einem sicheren Geschäft. Die anderen Herren schienen auch alle solche sichere Geschäfts- inhaber zu sein. Jeder hatte einen solchen„Brillanten" am Finger. Einzelne auch zwei und drei Ringe. Außerdem zogen sie öfters ihre Uhren— Gold I Das erhöhte tvahrschcinlich die Sicherheit. Ich machte meinen ehemaligen Schulkameraden darauf auf- mcrksain, als er gerade erzählt hatte, daß seine Heimarbeiter fast stets Abzüge erleiden müßten, weil die Arbeit fehlerhaft sei. Er könne sie allerdings mit unterschieben, so daß er noch extra daran ver- diene. „Ja!" rief er aus, abermals seine wohlgcpflcgte Hand zärtlich betrachtend und den Ring in der Soime blitzen lassend:„Ja, das bezeugt die Sicherheit des Geschäfts... die So— Ii— di— tät! I"— 5— Theater. Im Bessin g-Theater wurde am Dienstag eine satirische Komödie„Die guten Freundinnen" von I a n v i e r de la Motte zum ersten Male aufgeführt. Das Lustspiel ist mit Zötchcn mancherlei Art gespickt. Vielleicht komnien sie in deutscher Sprache zu eindeutig heraus. In der Haupt- fache handelt es sich um einen hübschen, lustig durchgeführten Einfall. Ein ehrgeiziger Literat und Schöngeist will sich das'Thcütre fran?aiS erobern und später in den Palmenfrack der Akadeiniker, der Unsterb- lichcn schlüpfen. Das Alles, indem er sich an Weiberkittel hält. Wir haben keine Akademie der Unsterblichen, und der Unterrock hat bei uns im öffentlichen Leben gelviß nicht dieselbe Bedeutung wie in Paris. Aber die schnatternden Närrinnen, die irgend einen jungen Autor fördern und bemuttern möchten und mit ihm im Salon glänzen, gedeihen auch bei uns; und Frau v. Worms, die Bankiersfrau. könnte Verwandte gleichen Blutes und gleichen Schlages vielleicht bei mancher feierlichen Berliner Premiere erblicken. Sinnengelüste und Bemnttenmg gehen bei Frau v. Worms Hand in Hand; und der gute Herr V. Worms, der Gatte, segnet das trauliche Bündniß seines Weibes mit dem Schriftsteller Jacques Latour. Auch er, der Nachsichtige, pflegt zu Jacques zu sagen:„Mein liebes Kind I" So weit iväre das Verhältniß zu Dreien ganz richtig, wenn Frau v. Preeigne nicht iväre. Auch die möchte Herrn Latour gern für ihren Salon gewinnen; auch sie hat„Einfluß in der Gesellschaft". So wäre Herr Latour zwischen den guten Freundinnen hin- und hcrgezerrt worden. hätte er nicht die glückliche Idee gehabt, ein frisches Mädchen ans Lyon zu Heirathen. Die hat für Schöngeisterei glücklicherweise nichts übrig und als resolute junge Frau iveiß sie ihre Hansehre zu wahren, sowohl den Zudringlich- ketten der verliebten Frau v. Worms, als den Eitelkeiten der Frau v. Preeigne gegenüber.— Witzig gedacht ist es, daß die beiden korrupten Francnzinmicr stets zugleich bedacht find, alles„An- stößige und Naturalistische" in den Schriften Latonr's auszu- merzen.— Frl. Berkens(Frau v. Worms) ist Spezialität für die nervös überspannten Frauenziinmcr mit dem unheinilichcn Redefluß. Nicht blos der dankbaren Rolle wegen ragte sie darum über das übrige Ensemble so hervor. Mit heiterem, aber nicht allzu lebhaftem Beifall nahm daS Publikum die Komödie auf.——ff. Mnfik. k. Eine Statistik der Wagner- Aufführungen im vergangenen Spieljahre wird in der„Statistischen Beilage zu den Bayrcuther Blättcnr* 18!18/9g gegeben. Darnach wurden m der Zeit vom 1. Juli t897 bis zum 30. Juni 1898 in 77 Städten im ganzen 1231 Aufführungen veranstaltet. Im Vor- jähr waren es 1114 in 82 Städten. Von den 77 Städten kommen auf Deutschland 62(mit 1000 Aufführungen). Oesterreich 9(141), Schweiz 2(40), Rußland 2(34). England 1(13), Holland 1(4). Unter den einzelnen Werken erreichte die höchste Zahl der Aufführungen „Lohengrin" mit 276 gegen 287 im Vorjahr, dann folgen(die cnt- sprechenden Zahlen des Vorjahres sind immer in Klammern bei- gefügt):„Tannhäuser" 250(268),„Meistersinger" 144(104), „Fliegende Holländer" 142(148),„Walküre" 113(107),„Siegfried" 84(59).„Tristan und Isolde" 66(41).„Rhcingold" 61(38).„Götter- dämmcnnig" 53(44),„Rienzi* 38(29). Interessant ist auch die Reihenfolge der Städte nach der Gcsannntzahl der Aufführungen: Berlin steht an der Spitze(73), es scklicßen sich an Wien(59), München(56), Dresden(56), Hamburg(50), Breslau(47), Frank- furt(44), Leipzig und Lübeck(37), Elberfeld und Zürich(30).— Medizinisches. — Haargeschw niste des Magens. Ganz seltsame Fremdkörper haben ans dem menschlichen Magen in den letzten Jahren verschiedene Chirurgen durch Operattonen zu entfernen ge- habt, nämlich bis zu zwei Pfund große Knäuel ans Haaren. In allen Fällen handelte es sich um Angehörige des weiblichen Geschlechts und zwar, wie sich aus den beiden folgenden Krankengeschichten er« sehen läßt, auS einem bestimmten Grunde. Zu Dr. Stelzner in Dresden kam eines Tages ein 17 jähriges Mädchen, das seit seinem 12. Lebensjahre an heftigen Magenbeschwerden litt, die jeder Behandlung unzugänglich blieben. Bei der Untersuchung derMagengcgcnd fühlte der Arzt eine bewegliche Geschwulst, die sich im Magen wie eine Billardkugel hin- und herschieben ließ. Vor Jahren hatte Professor Schönborn- Würzburg einen ähnlichen Fall in der medizinischen Literatur mit» getheilt, wobei er den Magen hatte öffnen müssen; ein großes festes Haarknäucl kam zu Tage. In Erinnerung dieses Falles fragte Dr. Stelzner seine Kranke, ob sie je Haare verschluckt habe. DaS wurde mit Enttüstung verneint, und die Operation unterblieb zu- nächst. Da aber die Beschwerden sich bis zur Unerträglichkeit steigerten, mußte später doch zur Operation geschritten werden, die ein gänseeigroßes, nierenfönnigcS, ziemlich hartes Knäuel zu Tage förderte, das sich bei näherer Untersuchung als ein Klumpen verfitzter Haare erwies. Als die Kranke genesen war, gestand sie schließlich ein, daß sie als Schulmädchen die Ge« wohnheit hatte, sich die Haarenden ihrer Zöpfe abzubeißen und die abgebissenen Haarspitzen zu verschlucken. Da die Haare im Magen nicht verdaut werden, waren sie darin haften geblieben und hatten� allmälig ein 108 Gramm schweres Knäuel gebildet. Einen ähnlichen Fall beobachtete Dr. O. Hara in Melbourne. ES handelte sich um eine 22jähr!ge Kranke, die über heftige Schmerzen in der linken Seitengegend klagte. Es war dort auch eine feste Geschwulst fühlbar. Bei Eröffnung der Bauchhöhle zeigte sich, daß die Geschwulst dem Magen angehörte und frei im Magen lag. Nachdem auch der Magen ge- öffnet war, zog Dr. Hara ein festes Haarknäuel aus ihm heraus, das zwei englische Pfund wog. Es verdankte seine Entstehung gleich- falls abgebissenen Haarenden. Die einzige Hilfe bestehtjin Operation, da Wohl einzelne Haare, nie aber größere Haaransammlungcn auf natürlichem Wege abgehen. Die Unart, sich die Haarspitzen ab- zubeißen und in Gedankenlosigkeit auf den Haarzöpfen zu kaueir, beobachtet man unter Backfischen gar nicht so sehr selten.— („Tägl. Nimdsch.') Ans dem Pflanzenleven. — lieber eingewanderte Pflanzen in der Mark Brandenburg hielt in der„Gesellschaft für Heimnthkuude der Provinz Brandenburg" Professor Carl Mülle»hoff einen Vortrag, in dem er nach einem Bericht der„Voss. Ztg." Folgendes ausftihrte: Fünf verschiedene Mittel sind es, welche die Ausbreitimg der Pflanzen bewirken: die mechanische Schleudereinrichtnng, das Wasser, der Wind, die Thiers und der Mensch,- welcher durch die Verkehrsmittel, die er schafft(Eisenbahnen und Kanäle, Transporte der Viehheerden und die Getreide- Aussaaten) vielfach zur Verbreitung beiträgt. Für jede dieser Arten bietet die einheimische Pflanzenwelt ausreichende Beispiele. Ein mechanisches Wegschnellen der Samen beobachtet man ganz besonders bei den verschiedenen Arten des Sprungkrautes. Eine von diesen, die bei uns in Laubwäldern wild aufwächst, hat von Linns den hübschen Namen das „Kräutchen Rühr mich nicht an"(klolimstanAsro) erhalten. Sieben unserer ursprünglich europäischen Art, die beim Berühren der Kapsel den Samen weithin fortschleudert, haben sich noch andere eingebürgert. So stammt das im Thiergarten genreine„Springkraut" aus der Mongolei, nachdem es 1831 von Genf aus verwildert überall hin sich verbreitet hat. Auch die unter dem Namen„Balsamine" bc- kannte schöne Zierpflanze aus Ostindien ist in Gärte» und auf Kirchhöfen nicht selten verwildert. Eine ähnliche Einrichtung des Samenschleuder-Apparatcs findet man beim„Sauerklee", der sich in mehreren Arten bei uns eingebürgert hat aus dem südlichen Europa und, schon mit dem Kartoffelbau, aus Nordamerika. Zahlreiche ähnliche Einrichtungen, wie man sie beim Veilchen und der Lupine zc. beobachten kann, seien hier übergangen. Soll eine Pflanze durch das Wasser verbreitet werden, so müssen ihre Früchte oder Samen leichter sein, um auf der Oberfläche desselben schwimmen zu kömien. Hierher gehören die weiße und gelbe Seerose, deren Samen durch die Strömung, in steheirden Gewässern dagegen durch die auf den Wasserspiegel einfallenden Winde fortgetrieben werden; eine Ber- schleppnng in einzelne isolirte Teiche geschieht durch Vögel, namentlich durch Wafferhühner. Die in den Flüssen Nordanierika's einheimische „Wasserpest" wurde seit 1851 in unserem Botanischen Garten kultivirt, fünf Jahre später aber in einen bei der Wildparkstation befindlicheit kleinen Graben verpflanzt. Bon hier aiiS trat sie alsbald in der Havel auf und verbreitete sich derartig, daß sie 1864 auch den Fluß- lauf der Spree und sämmtliche mit ihm in Berbindmig stehende Gewässer in Besitz nahm und dann, in die Oder gelaugt, 186V die zanze Strecke von Oderberg bis in die Nahe der Ostsee erfüllte. In diesem Falle, wie in einigen analogen, ivar unstreitig der Wind »n wirksameres Vcrbreitungsmittel als das Wasser. Ein Hawptmittel zur Ausbreitung der Pflanzen ist zunächst die Kleinheit der Samen und Sporen. Bei den Moosen sind die Sporen, beim Mohn und vielen Orchideen die Samen so winzig, daß selbst ein schwacher Wind sie weithin tragen kann; bei anderen wiederum bieten die Früchte oder auch die Samen dem Winde eine verhältriißmähig große Oberfläche dar p bald auch ist es, wie beim Kiefernsame» und dem Fruchtstaude der Linde, eine einfache Haut- »ergrößcrung, und schließlich sind es die zierlich verzweigten Feder- fronen, wie bei den Früchten der korbblüthigen Pflanzen. Zu dieser größten aller Pflanzenfainilien gehören der„Bocksbart" mit seinen zierlichen Fallschirmen, und der„Löwenzahn", dessen Fruchtstände mit den Fedcrkronen beim bloßen Anpnsten davonfliegen! daher auch die Bezeichnung„Pustblume". Bei der Leichtigkeit, mit der sich die Korbblüthler ausbreiten, kann es nicht Wunder nehmen, daß mehrere der jetzt bei uns am häufigsten vorkommenden Pflanzen gerade dieser Familie angehören. Das aus Kanada stammende„Berusskrmlt" wurde bereits im siebzehnten Jahrhundert von Nordamerika nach Südeuropa verschleppt, und ist von dort um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Deutschland eingewandert. Jetzt ist sie eine der gemeinsten Pflanzen miserer Mark, die infolge ihrer vor- züglichen Samenflugfähigkeit stets als erste zur Stelle ist, um den leeren Platz selbst auf den flachen Dächeru von neuen Häusern zu oikupiren. Aus dem Osten Europas drang das„Kreuzkraut" zu Anfang der fünfziger Jahre bei uns ein und hatte um 1860 die Westgrenze der Mark erreicht. Als ein lästiges Unkraut auf Feldern und' Wiesen lvurde zwar die Ausrottung dieser„Wucher- blume" behördlicherseits angeordnet, jetzt aber ist sie all- gemein auf Kulturland wie auf Brachen, an Wiesen- und Waldesrändern. Nicht minder zahlreich mid mannigfaltig sind bei den Pflanzen die Einrichtungen für die Verbreitung durch Thiere. Es sei hier nur auf die Ebercschenbäimie mit ihren prächtigen iutensivrothen Beeren hingewiesen, an denen die ans der Wanderimg begriffenen Krammetsvvgel nicht vorbeiziehen, ohne eine tüchtige Mahlzeit zu halten. So ist es nicht zu verwundern, wenn gerade an den Ruheplätzen jener nach dem Süden wandernden Vögel eine dichte Aussaat von Ebereschenbäume emporkeimt. Die Krähenberge bei Potsdam sind ein Beispiel dafür, denn in jedem Frühjahr stehen unter den seit einigen Jahren dort angepflanzten Kirschbäumen die Ebereschenkeimlinge so dicht, wie die Kiefem in einer gut gedeihenden Baumschule.— Technisches. — Ein Glashaus. Eine bedeutende feinmechanische Fabrik in Amerika hat sich, um ein möglichst Helles Gebäude zu erhalten, ein solches fast ausschließlich aus Stahl und GlaS aufführen lassen. Das Gebäude ist, wie wir der„Techn. Rundsch." entnehmen, drei Stockwerke hoch und hat bei einer Breite von S,14 Meter eine Länge von 34 Meter, so daß die drei Stockwerke eine Nutzfläche von ins- gcsammt S30 Quadratmeter ergeben. Die Glaswände sind in ein- zelne Abschnitte getheilt; jedes zweite, auf diese Weise entstandene große Fenster kann geöffnet werden, wodurch genügende Luftzirkulation bewirkt und im Sommer die Hitze in den Sälen auch nicht größer ivird als bei Fabrikgebäuden, die nach der gewöhnlichen Art gebaut sind. Das verwendete, enttvedcr rauhe oder wellige Glas hat eine Dicke von 3,1 Millimeter. Die Fußböden werden von Trägern, welche die ganze Breite überspannen, getragen, infolge dessen ist der Raum gänzlich frei von schattenwerfenden Säulen. Die Dachträger sind stark genug, daß man die Transmission daran aufhängen kann. In einem Nebengebäude befindet sich der Dampftessel für die Luft- Heizung. Die wanne Luft wird in den hohlen, aus Blech genieteten Säulen weiter geleitet, und zwar tritt sie am Fuße der Säulen aus. Im Sommer kann durch die Säulen kalte Lust geblasen werden. Ziegelsteine sind bei dem Gebäude nur als schmale Streifen an den Fußböden wie an den Eckpfeilcni der einzelnen Stockwerke zur Ver- weudung gelaugt.— Humoristisches. — Zeitbild. Direktor:„Sie, Ihr neues Kouplet, gestern Abend, hat aber gar nicht gefallen." Komiker:„Ich wurde aber doch nach demselben gerufen.� Direktor:„Wieso?" Komiker:„Run zur Polizei." — Von der Schmier e.„WaS, Sporen wollen Sie I Da Hammer noch immer e paar neue Nägel dorch de Absätze g c t r i e m— vcrstehn Se I"— — Höchstes Stadium. Hausfrau:„Aber, Herr Doktor, wie kommen Sie denn auf de» Schrank?" Student(noch im Dusel):„I... ich Hab' meinen Zwicker gesucht, der mir von der Nase fiel u... und bin darüber eingeschlafen s"—(„Mcggcnd. Hum. Vl."j Notizen. — Die Berliner Theater- Wuth hat schon Iviedcr etwas Neues ausgeheckt: Ein Liebhaber-Theater mit„intimem" Charakter.„Herren und Damen aus der„Gesellschaft" sollen und wollen mitthun. Die nöthigcn Stücke werden brühwarm von Chemikern, Steuerrätheu und ahnlichen Künstlern geliefert.— — Achtzig A u f f ü h r n n ge n einer Posse hat in einem W i e n e r Vorstädttheater ei» Geschäftsmann mit ansehen können, und regelmäßig hat er denselben Sitz bezahlt.— — Richard Wagner's„Walküre" wurde in V e n e d i g unter großem Beifall zum ersten Male aufgeführt. In L o n d o n wurde am Freitag„Tristan und Isolde" zum erste» Mal in. englischer Sprache gegeben.— ar. Die e r st e A u s st e l l II n g derVerlinerSezession wird in München stattfinden. Die Sezession bereitet eine kleine. gewählte Ausstellung für den G l a s p a l a st vor. In München ist ihr anstandslos alles das gewährt worden, was man ihr hier verweigert hat.— — In der letzten Sitzung der Anthropologischen Ge» felis chaft machte Prof. v. L u s ch a n folgende Mittheilung: Nach Berichten, die in Missionsblättcrn abgedruckt sind, hat ein Missionar in K a m e r n n die F e t i s ch e der Eingeborenen, diese für die vergleichende Völkerkunde so überaus wichtigen Gegenstände „in heiligem Uebereiser" h a u f e n w e i s verbrannt und so der Wissenschaft einen nicht gut zu machenden Schaden zugefügt.— — Kürzlich sind die zlvei größten und sehr gut erhaltenen Mastodonzähne auf einem Walfischfahrer' nach San Francisco gebracht worden. Sie sind auf der Außenseite 103 Zoll und auf der Innenseite öl1/« Zoll lang. Ungefähr 2 Zoll von der Basis haben sie einen Umfang von 13 Zoll, 17'/« Zoll in der Mitte und 14l/s Zoll zwei Fuß vom' Ende. Die beiden Mastodon- zähne ivurden unweit Point B a r r o w gefunden. Sie staken 16 Fuß tief im EiS.— Verantwortlicher Redakteur:«iigiist Jacob ey in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiiig in Berlin.