Anlerhaltungsblatt des Horwäris Nr. 31. Sonntag, den 12. Februar. 1899 (Nachdruck verboten.) Dov letzte Tsg eines Veeuetheilten. Von Victor Hugo. Aus dem Französischen von Paul Linsemann. Das waren also vor mir die Bewohner dieser Zelle. Ein Fieberschauer überlief mich bei dem Gedanken. Hier auf dem- selben Boden, wo ich stehe, haben sie ihre letzten Gedanken gedacht, diese blutigen Mörder! In diesen! engen Viereck gingen sie hin und her wie wilde Bestien in einein Käfig. Einer kam schnell nach dem anderen. Diese Zelle steht wahr- scheinlich nie leer. Das Lager ist noch warm, auf dem sie gelegen, und ich bin ihr Nachfolger. Nun, ich werde bald ihr Gefährte auf dem Kirchhof von Clamart sein, wo das Gras so üppig wächst. Ich habe weder Visionen, noch bin ich abergläubisch: wahrscheinlich haben all diese Gedanken einen Fieberanfall erzeugt. Denn Ivährend ich so träumte, war es mir plötzlich, als seien die Namen der Verbrecher mit Flammenschrift auf der schwarzen Mauer geschrieben. Ein Brausen, das immer stärker und stärker wurde, erfüllte meine Ohren, und ein röth- liches Licht schimmerte vor meinen Augen. Dann schien sich die Zelle niit Menschen zu füllen, mit seltsamen Menschen, die ihren Kopf in der linken Hand trugen und zwar hielten sie ihn am Munde gepackt, weil er keine Haare mehr hatte. Alle drohten mir mit der Faust, nur der Vatermörder nicht. Schaudernd schloß ich die Augen, und nun sah ich Alles noch deutlicher. Traum, Vision oder Wirklichkeit: ich würde verrückt ge- worden sein, wenn nicht eine Berührung mich gerade zur rechten Zeit aufgeweckt hätte. Ich war nahe daran, umzufallen, als ich über meinen nackten Fuß einen kalten Körper und behaarte Beine hingleiten fühlte. Es war die Spinne, die ich verscheucht hatte, als ich das Netz abriß. Das hat meine Wahnvorstellung verjagt. O die furcht- baren Gespenster l Nein, es war Dunst, eine Einbildung meines leeren, fiebernden Hirnes.... Die Todten sind todt, diese da besonders! Sie sind im Grabe wohl einquartirt. Aus diesem Kerker kann man sicherlich nicht entspringen. Wie kommt es denn nur, daß ich mich so sehr habe fürchten können? XIII. Ich habe dieser Tage ein schreckliches Schauspiel gesehen. Raum war es Tag geworden, als im ganzen Gefängniß Lärm entstand. Ich hörte, wie die schweren Thüren geöffnet und wieder geschlossen wurden, wie die Riegel und die Vor- legeschlösser kreischten, wie die Schlüsselbunde an den Gürteln der Schließer klirrten, wie die Treppen unter den eiligen Schritten erdröhnten. Ich vernahm Stimmen, Aufruf und Antwort auf den langen Fluren. Meine Zellen- Nachbarn, die zum Zuchthaus Nerurtheilten, waren heute fröhlicher als getvöhnlich. Ganz BicStre schien zu lachen, zu singen, zu laufen und zu tanzen. Ich allein blieb bei diesem Tumult ruhig. Da ich nicht wußte, was er zu bedeuten hatte, lauschte ich aufmerksam. Ein Schließer ging vorüber. Ich wagte es, ihn anzurufen und fragte ihn, ob ein Fest im Gefängniß gefeiert würde. „Fest— wie man's nehmen will", antivortete er.„Heute schließt man die Sträflinge in Eisen, die morgen nach Toulon abgehen sollen. Wolleil Sie sie sehen? Das wird Sic unter- halten." Ein Schauspiel, so widerlich es auch sein mag, betrachtet der Gefangene immer als eine Glücksgabe. Ich nahm also die Einladung an. Der Schließer traf die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln. Dann fiihrte er mich in eine kleine leere Zelle mit einem Gitterfenster. Es war ein wirkliches Fenster, das sich in Brusthöhe befand, durch das ich tvirklich den Himmel sehen konnte. „Von hier aus können Sie Alles sehen und höreil," sagte er mir.„Sie sind allein in Ihrer Loge, wie der König." Dann ging er hinaus, schloß hinter mir ab und schob die Jsiegel vor. Das Fenster ging auf einen viereckigen, ziemlich ge- räumigen Hof, den ein großes Gebäude von Quadersteinen von sechs Stockwerken wie eine Mauer von allen vier Seiten umschloß. Das Auge kann nichts Widerwärtigeres und Oederes sehen als diese vier Wände mit den zahlreichen Gitterfenstern, an die sich von unten bis oben abgemagerte und bleiche Gesichter schmiegten, eins über das andere� ge- drängt, wie die Steine einer Mauer, und durch die Kreuzungen der Eisenstangen lvie eingerahmt. Es waren die Gefangenen, die dem Vorgange zuschauten. Die darauf warteten, selbst eines Tages"darin mitzuwirken. Sie gafften schweigend auf den noch leeren Hof. Unter den stumpfen und stummen Gesichtern blitzen hier und da ein paar lebhafte Augen wie Feuerfunken auf. Das Viereck des Gefängnisses, das den Hof umgiebt, schließt nicht ganz zusammen. In der östlichen Ecke sind die beiden Flügel durch ein eisernes Gitterthor getrennt, das auf einen zweiten, kleinen Hof geht, der auch von düstern Mauern und Giebeln umschlossen ist. Rings uln den ersten Hof laufen steinerne Bänke. In der Mitte steht eine eiferile oben gekrümmte Stange für eine Laterne. Es schlug zwölf Uhr. Ein großes Thor in einer Ver- tiefung in der Mauer(bisher Hab ich es nicht bemerkt) wird rasch aufgestoßen. Ein Karren, von schmutzigen und jämmerlich aussehenden Soldaten in blauen Uniformen mit rothen Epauletten und gelben Wehrgehängen eskortirt, fuhr rasselnd in den Hof. Es klang wie altes Eisenwerk. Es waren die Eisen der Zuchthaussträflinge! Im selben Augenblick, als ob dieser Lärm allen Lärm im Gefängniß weckte, brachen die Zuschauer an den Fenstern, die bis dahin ruhig und stumm sich verhalten hatten, in ein Freudengeheul aus, sangen Gassenhauer, stießen Drohungen und Flüche aus � und lachten, daß einem die Ohren gellten. Man glaubte, Teufelsfratzen zu sehen. Jedes Gesicht schien eine Grimasse, alle Fäuste streckten sich zwischen den Gittern hervor, alle Stimmen heulten, alle Augen sprühten. Ich wunderte mich, noch so viel Funken unter dieser Asche wieder aufleuchten zu sehen. � Inzwischen machten sich die Bagno- Auffehcr ruhig an ihre Arbeit. Einige Neugierige stauben auch da, die aus Paris gekommen waren. Man erkannte sie an ihrer Kleidung und an ihrem Schrecken. Einer der Bagno-Aufseher stieg auf den Karren und warf seinen Kameraden die Ketten zu, die Hals- bänder für die Reise, und ganze Packen von Leinenhosen. Dann thciltcn sie sich in die Arbeit. Die einen bereiteten in einer Ecke des Hofes die langen Ketten aus, die anderen legten auf dem Pflaster die Hemden und Hosen zurecht. Die übrigen untersuchten scharfsichtig unter der Aufsicht ihres Vor- gesetzten, eines kleinen stämnngen Greises, die Halsciscn, die sie zur Prüfung auf das Steinpflaster schlugen, daß die Funken spritzten. Das alles geschah unter den spöttischen Zurufen der Gefangenen, deren Stimmen nur durch das schallende Gelächter der Bagnosträllinge übertönt wurden, für die diese ZuAiskungen gemacht wurden. Man sah sie an den Fenstern des alten Gefängnisses stehen, das auf den kleinen Hof geht. Sobald die Zurüstuugen beendet waren, gab ein Herr, der einen Rock mit Silberstickercicn trug und den man den Herrir Inspektor nannte, dem Gesüngnißdirektor einen Befehl. Einen Augenblick später warfen zwei oder drei niedrige Thüren fast zur selben Zeit, wie von einem Windstoß getrieben, einen Schwärm von schmutzigen, beulenden und zerlumpten Menschen heraus. Es waren die Zuchthans- sträflinge. Bei ihrem Eintritt verdoppelte sich das Frendcngchcul an den Fenstern. Einige unter ihnen, die schon eine gewisse Berühmtheit im Bagno erlangt hatten, wurden mit Zuruf und Händeklatschen empfangen, was sie mit einer stolzen Bescheiden- heit aufnahmen. Die Meisten hatten Hüte auf, die sie selbst aus dem Stroh ihrer Zellen verfertigt hatten. Die Hüte hatten jeder eine andere Form, damit in den Städten, durch die man kam, die Aufmerksamkeit auf den Träger des Hutes gelenkt würde. Jene wurden noch mehr beklatscht. Einer besonders erregte unmäßigen Beifall, ein junger Mensch von siebzehn Jahre», der ein Gesicht wie ein junges Mädchen hatte. Er kam aus dem Gefängniß, Ivo er in Einzelhaft seit acht Tagen saß. Aus seinem Strohbündel hatte er sich eine Kleidung gemacht, die ihn von Kopf bis zu Fuß einhüllte. Als er in den Hof eintrat, schlug er mit katzenartiger Ge- wandtheit ein Rad. Es war ein Gaukler, der wegen Dieb- stahls verurtheilt war. Da wurde wie rasend in die Hände geschlagen und vor Freude geschrien. Die Zuchthäusler ant- warteten darauf. Es war etwas Fürchterliches unr diesen Austausch von Heiterkeitsausbrüchen zwischen den wirklichen Zuchthäuslern und denen, die es werden wollten. Die«Gesellschaft", durch die Schließer und die erschreckten Besucher vertreten, war vergebens da— das Verbrechen lachte ihr ins Gesicht. Aus der schrecklichen Strafe wurde ein Familienfest gemacht! Truppweis stieß man sie durch zwei Reihen von Bagno- Wächtern in den kleinen Hof, wo die Aerzte zur Untersuchung da waren. Dort machten alle eine letzte Anstrengung, um nicht transportirt zu werden, indeni sie irgend ein Leiden an- gaben, kranke Augen, ein lahmes Bein, eine verstümmelte Hand und dergleichen mehr. Aber fast immer hielt man sie für den Bagno kräftig genug und dann fand sich jeder ruhig in sein Schicksal und vergaß in wenigen Minuten seine vor- geschützte„langjährige" Krankheit. Die Gitterthür des kleinen Hofes wurde wieder geöffnet. Ein Wächter rief alphabetisch die Namen auf, und dann ging einpr nach dem anderen hinaus. Jeder Sträfling stellte sich in einer Ecke des großen Hofes aus, neben einem Gefährten, dem er zufällig in der alphabetischen Reihenfolge der Nächste -ist. So sieht sich jeder auf fich selbst beschränkt; jeder trägt feine Kette für sich, Seite an Seite mit einem Unbekannten; und wenn zufällig ein Sträfling einen Freund hat, so trennt ihn die Kette von ihm. Das ist das äußerste Unglück! ! Als ungefähr dreißig von ihnen hinausgeführt waren, schloß man die Gitterthür. Ein Bagnowächter ordnete sie mit einem Stock in Reih und Glied, warf vor jeden ein Hemd, eine Jacke und ein Beinkleid von grober Leinwand, gab dann ein Zeichen und alle fingen an sich auszukleiden. Ein un- erwartetes Ereigniß änderte in diesem Augenblick diese Er- niedrig nng in Tortur. Bis jetzt war das Wetter leidlich schön gewesen, und wenn auch der Oktober-Nord-Lst für genügende Kälte sorgte, so zerriß er doch von Zeit zu Zeit hie und da die grauen Wolkenschleier des Himmels und ließ einen Sonnenstrahl durch. Aber kaum hatten die Sträflinge sich ihrer Ge- fängnißlumpcn entledigt, als im Augenblick, wo sie sich nackt der peinlichen Untersuchung der Wächter und den neugierigen Blicken der Fremden boten(die sich um sie herumdrängten, um ihre Schultern zu besichtigen), der Himmel schwarz wurde, ein kalter Herbstregen plötzlich fiel und sich in Strömen auf den viereckigen Hof, auf die ent- blößten Köpfe, auf die nackten Glieder der Zuchthäusler, auf ihre elenden Kleider entlud, die auf dem Pflaster ausgebreitet lagen. (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplttltvevei. „Es ist eine Frage, ob wir nicht, wenn wir einen Mörder rädern, gerade in den Fehler des Kindes verfallen, das de» Stuhl schlägt, an dem es sich stößt." Diesen Ausspruch findet man in den politischen Bemerkungen von G. Chr. Lichtenberg. In wenigen Tagen werden gerade hundert Jahre vergangen sei», seit Lichtenberg, menschenscheu, ge- starben ist. Aus Anlaß dieses Gedenltagcs werden rm derltschcn ZcitiingSwald wiederum die üblichen Psalmen erklingen. Auch rechtsradikale Stimmen werden ertönen; und trotz- dem sie jahraus, jahrein die Geister zu knebeln sich bemühen und dem autoritären Tcrrorismus sammt Knoten- peitsche und Stockprügeln huldigen, werden sie das erbauliche Sprüchlein bereit halten: Wer an seinen Lesfing sich erinnere, sollte zugleich auch Lichtcnberg's gedenken, des scharfsinnigen Geistes, des bedeutenden Satirikers, des Schriftstellers, der im verwachsenen Körper einen aufrechten, freien und kühnen Geist besaß. Lichtenberg kränkelte immer und wurde nicht sehr alt. 1742 wurde er in derNähe von Darmstadt geboren. Sein schriftstellerisches Lebenslverk kennt kein weit ausgeführtes, geschlossenes Buch. Ideen, Grundsätze und Einflüsse sind meist in knapper aphoristischer Form abgefaßt. Aber nicht selten verrathen sie den einsamen, durchaus selbständigen Denker. Hütte ein moderner Geist die Eingangs erwähnte politische Be- merkung gethan, eS wäre nicht so wunderlich, denn der wäre schon auf viele Vorarbeit gestoßen. Aber Lichtenberg's Satz ist nahezu 120 Jahre alt, und damals schon tauchte der merktvürdige Gedanke auf, ob man die Gesellschaft nicht für die Sünder, die an ihrem Leibe wachsen, verantwortlich machen müsse, ob nicht die rächende Gesellschaft dem Kinde gleiche, das den Stuhl schlägt, an dem es sich stößt? Und bei Lichtenberg handelt es sich um ein Kapitalverbrechen, um das blutigste, das es giebt. Aber was die Gesellschaft auch um unvergleichlich Geringeres vollbringen kann, das haben wir an dem bürgerlichen Rechtsspruch zu Dresden erfahren. Das war ein Rechtsspruch, der mit jähem Schein eine ganze Weltanschauung beleuchtet. Bom Verantwortlich- keitsgeftühl der Gesellschaft entfernt man sich immer mehr. Wenn irgend ein Kraftmeier über weichmüthige Humanitätsduselei spottet, das möchte noch eher hingehen. Aber daß so allmälig aller ideelle Zusammenhang zwischen der Gesellschaft und den Ausschreitungen innerhalb dieser Gesellschaft verloren geht, daß die bürgerliche Gesellschaft im Majestätsbewußtfein förmlich den niederschlagen möchte, der die Hand wider sie erhebt, und sei's auch nur in begreiflicher Erregung, das sticht als zeitgeschichtliches Dokument aus den Dresdener Ge- schehnisscu hervor. Es hat sich herausgestellt, daß die Löbtaner Prügelei nichts mit irgend welcher Parteiverhetzung zu thun habe. daß der härtest bestrafte Rädelsführer nicht einmal„Gewerkschaftler" war. Also drängt sich der Parteistandpunkt nicht direkt zwischen die Thäter und die Bürger, die über diese That zu Gericht saßen. Unr so bezeichnender für die Jsolirung der Mitglieder einer bürgerlichen Gesellschaft, die Gefühl. lebendige Sprache und Anschauung der arbeitenden Masse nicht recht mehr begreift, die sich so losgelöst, so selbstherrlich zu betrachten gewöhnt ist, daß sie keine gemeinsame Schuld, kein ge- meinsame Verantwortung mehr aiierlennt. Wenn ein Student ein Rohheitsvergchen verübt, so wird auch der Mann, der die bevor- zngie Stellung des akademischen Bürgers nicht anerkennt, auf die Mängel der gesellschaftlichen Erziehung Rücksicht nehmen können. Er wird bedenken, in welcher Sphäre das Bürschchen aufgewachsen sei, wie seine Selbstherrlichkeit gehätschelt und verzärtelt worden war und wie der unerfahrene Jugendmuth überdies leicht zur Ucberhcbung neige. Aber andererseits denkt man an kein gesellschaftliches Verschulden, sowie es sich mit ein Rohheitsvergehen aus proletarischer Menge handelt. Man zieht kaum in Betracht, wie mannigfach der proletarische Mensch gedcmüthigt und gereizt worden sein könne; von Untcrnehmcm, wie von deren Zwischenbeamten. Man erwägt nicht, wie viel Mitschuld die Gemeinschaft an geistiger Vernachlässigung, an rauher Sprache, an überheftigem Ausdruck habe, der in verfeinerter Umgangsform vermieden wird; man denkt eben: das ist ein Barbar und man darf sich von ihm der barbarischen Ge- müthsart versehen. Er soll uns fürchten lernen; sonst haben wir nichts gemein mit ihm. Wie auf den Schlag der Gegenschlag folgt, so regt sich darum instinktiv ein anderes Gcmeinsamkeitsgefühl; es ist gewiß wieder nicht eng an eine Partei gebunden; es reicht bis zu den geistigen Arbeitern, die vielleicht vor Stohheitsvergchen ein ganz anderes Un- behagen empfinden, als die Angehörigen bemittelter Bourgeoisie, die aber das Verständniß dafür nicht verloren Habel», wie es zu erklären, wie zu verstehen sei. Wenn es selbst offiziöseil und halboffiziösen Journalisten rnnerlich bange wird, so kann man crmessen, wie iveit die Wirkung des Dresdener Prozesses reicht. Was proletarische Empfindung selber vennag, das wird sich im Ergcbniß der Samm- lungm für die Familien der Verurtheilten ausprägen. Ja, die patriarchalische Geistesrichtung, auf die Herr v. Miquek, der einst so Freie, jüngsthin anspielte, wird sich trotz aller drakonischen Strafen nicht wieder mehr einführen lassen. Wen sollte eS auch reizen, sich in ein patriarchalisches VcrHältniß einzufügen, wenn er immer und immer wieder von Zucht und abennals Zucht hört! Den Großgrundbesitzern Ostelbicns, die im Landtag so hcrzbeweglich über Arbeitermangel klagen,»vird es freilich fatal sein, daß die Landarbeiter ihre Lage nicht mehr so fatalistisch, so sehr ergeben in ihr Schicksal, betrachten. Der Fatalismus, die Ergebenheit, das gehört eben zur patriarchalischen Zucht im Miqucl'schcn Sinne. Was über Dich verhängt»vird, trage; denn niemand meint es so wohl mit Dir, wie Dein Zuchtmeister, Dein Vater. Und Minister Hammerstein-Loxten fügt in geheimer Verdrossenheit über die moderne Schule noch hinzu, daß den Kindern nicht die richtige Liebe zum patriarchalischen Leben auf dem Lande und zum land- wirthschaftlichen Beruf eingeimpft werde. Die Dorflehrer als Er- reger der Begchrlichkcits-Bazillen I Unsere Dorffchulmeister sind im Allgemeinen wirklich keine Trutzhelden. Aber wie kann sich Herr v. Hammcrstein erbosen, wenn er von den Lehrern spricht, die die Geistcsrichtung der bäuerlichen Bevölkerung schädlich be- cinflnsscu. Ja, noch mehr mußten die armen Lehrer ein- stecken! Der Hochmuthstcufel hat sie gepackt und läßt sie nicht los. Der nicdersächsische Bauer lebt mit seiner Kuh und seinen Haus- thieren unter einem Dache. Das hat seiner Ehre nie Eintrag ge- than. Der Lehrer aber schämt sich bereits. Der Begehrliche ivill einen eigenen Stall für sein Vieh haben, und so verdirbt er durch sein Beispiel alte Sittcneinfalt. Es ist ja wahr, der TypnS des niedersächsischcn Bauernhauses weist den einheitlichen Grundriß auf, ivonach Wohn- und Stall- räume unter e i n Dach gebracht sind. Ist aber der Niedersnchse der einzige Träger bäuerlicher Kultur in Deutschland? Das fränkisch- thüringische, wie das schlvödisch-alemaimische Banernhaus in Mittel- deutschland, Süddcutschland, Deutschösterrcich und der Schweiz dnrftcir frühzeitig eine reichere Gliedenuig anfweiseu. Gilt, das geschah unter anderen wirthschaftlichen Bedingungen und sogar bei gesteigerten ästhetischen Bedürfnissen. Soll»irm aller jemanden darum schelten. weil er aus primitiveren Kulturerscheinungen nach höheren drängt? Nicht um Ehre und Schande handelt es sich; sondern um Indolenz und neue Regsamkeit, neues Vedürfnist. Die Hygiene im Bauernhans; das allein wäre ein Kapitel, über daS ein erfahrener Landarzt die seltsamsten Dinge zu erzählen wüßte. Wenn nun ein Dorfschullehrer, der gewiß nicht hoch- herrschaftliche Gelüste hat, für sich und sein Hans ein bischen freiere Luft verlangt, wenn er nicht die kondcnsirtcn Stalldünste direkt ein- athmcn will, giebt er darum ein böses Beispiel? Kann mit dem immerwährenden Verweis auf alte Tugenden. Tugenden, die der Roth und der Beschränkung entsprangen, das Miquel'sche Wort erfüllt werden: Die Landwirthschaft muß das Be- streben haben, sich ihre Leute zu erhalten? Welcher Doppcltanz l Einmal die patriarchalische Sucht, die doch im Sinne der Ostelbier nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, und dann die Ermahnung an dieLand- wirthschaft, milde zu sein und durch Liebe zu binden I Herr v. Hammer- stein spricht wenigstens vom niedersächsischcn Bauer auf seiner Scholle. Der hat doch noch eine Heimath und ist im Allgemeinen ein stolzer Mann. Wie aber im Osten? Woher sollten scheue und verschüchterte Dienstboten»inmitten der patriarchalischen Zucht", mit der sie gelenkt werdcir, das stolze Heimathsgefühl sich bewahren. Lichtenberg, von dem zu Anfang hier erzählt wurde, hat den Großthuern, die unter allen Umständen den nationalistisch einseitigen Glauben fanatisiren wollen, mit einem be- sonderen Mctksprüchlein gedient. Es kommt nicht darauf an, meint er, ob die Sonne in eines Monarchen Staaten nicht unter- geht, wie sich Spanien ehedem rühmte; sondern, was sie während ihres Laufes in diesen Staaten zu sehen bekommt. Wie mit dem großen Vatcrlande, ist's niit der engeren Heimath. Wem sie mir Druck und Verbitterung bedeutet hat, der wird sie nicht mit jener Zärtlichkeit umfassen, als ein Anderer, dem sie sonnigere Tage bereitete.— Kleines �enillekon. dg. Ter Nikolai- Kirchhof, der durch den Abbruch der alten Häuser in der Spandanerstraße aus seiner beschaulichen Ruhe etwas herausgerückt wurde, ist die älteste Bcgräbnitzstättc Berlins. Schon im frühen Mittelalter zog er sich um St. Nikolaus, die„Koopmanns- kirche to dem oldcn Berlin". In seinem Grunde haben bereits die Bewohner des„Dorfes Berlin" die letzte Ruhestatt gefunden. Urknndlich wird der Friedhof zlvar erst 1V92 zum ersten Male er- wähnt; die Geschichte aber weiß von mancher bcwcgtcir Szene, die sich auf seinem Boden abgespielt hat. lieber seine Hügel ging der Hochzeitszug Dietrichs von Ouitzow, des gcfürchtetstcn Raubritters der Marken; über seine Gräber drangen die Häscher, die Kohlhaas aus dein KiistcrhäuSchcn von St. Nikolaus in deir Kerker schleppten. Unter seinen Bäumen hielt Tetzcl seine Ablaßzcttcl feil, predigte der»zweite Elias", jener sonderbare Schwärmer, der im letzlcn Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts als wandernder Bußprediger durch die Marken zog. 1(592 war der Friedhof den Berliner Bedürfnissen bereits zu eng geworden und Probst und Prediger von St. Nikolaus brachten den„bisherigen Schützcnplatz" vor dem Königsthor(jetzige Keibelstraße) als passenden Platz in Vorschlag. 1707 wurde derselbe gewährt. Trotzdem fanden anf�dcm alten Kirchhof noch inmicr Beerdigungen statt, so wurde hier 1711 der erste mit einer„christliche» Bestattnug Begnadigte" Schauspieler auf Betreiben des Magistrats„ehrlich begraben". b0 Jahre schweigt die Geschichte des Friedhofes, dann entspinnt sich, ein neuer Beweis, daß„Alles schon dagewesen", ein Kampf— mii's Gitter. Der alte Zaun ist baufällig geworden, thcils gestohlen, theils durch die Schlächter, die ihre„Beile darciuhaucn"(um den Kirchhof zogen sich Schlächterscharrc»), verunziert. Der Kirchhof selbst wurde gleichsam als Abladcstclle benutzt und glich eher einem Düngerhaufen als einem Begräbnißplatz. Die Streitigkeiten um Errichtung des neuen ZaimeS und würdige Instandhaltung dcS Platzes zogen sich in das Endlose, im November 1795 erst wurde die Angelegenheit er- ledigt. 1788, als die Passage in der Poststraßc etwas erweitert werden und die an dieser Stelle befindlichen Schlächter- scharren auf den Kirchhof zurückgelegt werden sollten, ging es an einen Umzug der Tobten. Ein Wächter hatte aufzu- passen, daß die„StraßeiijungcnS" keine Gebeine verschleppten. In den folgenden Jahren ging es auf der Stätte des Friedens recht unfricdlich zu. Zunächst kabbeln sich die Herren Prediger niit dem Kupferschmied Lusche in der Bollcngassc, der sie durch das Getöse seiner Werkstatt stört. Nachdem diese Sache erledigt, streiten Küster und Todtengräber mit dem„Bicrschänker Wolf", welch' letzlcrer daran Anstoß nimmt, daß die Kirchenbeamtcn den alten Kirchhof zum Vcttcnsonncn und Wäschetrocknen benutzten. Erst 1828, als der Todtengräber dem dritten Begräbnißplatz der Nikolaigcmciude aiu Prenzlauer Thor bezog, hörten die Zänkcrcieil auf.— Literarisches. sä. Pank Grätz, Die Volksbewegungen im Altcrthum, Mittelalter und der Neuzeit. Erzählungen fürs Volk. Heft 1:.Spartacns rönnscher Sklnvenkncg 70 vor Christi Geburt." Dresden 19. Verlag von Alfred Riedrich.— In einem„Werthcr Genosse I" ilberschricbenen Zirkular wendet sich Herr Paul Grätz. Schriftsteller tu Dresden, au die Redaktioneu der Partciblätter und bittet sie um eine günstige Besprechung einer Reihe von„kulturgeschichtlichen Darstellungen niit historischem An- hange", die er herauszugeben gedenkt. Das erste Heft liegt unter dem oben angeführten Titel bereits vor. Bevor wir darauf näher eingehen, lassen wir Herrn Grätz selbst seine Absichten darstellen; er schreibt:»Aus diesem und den folgenden Heften iverdcn Sie ersehen, daß jedes einzelne die betreffende Periode wahrheitsgetreu behandelt und dabei eine unterhaltende und durch den historischen Anhang be- lehrende Lektüre bietet. Das Werk soll in dieser Form die jeweilige Lage der niederen Volksschichten schildern und vor allem die Klassen- kämpfe behandeln, beginnend in den ersten Perioden der Kultur- staaten bis zu der Neuzeit, nicht der Reihe nach, sondern abwechselnd in Abrissen aus Alterthurn, Mittelalter und Neuzeit bestehen. Auch die Entstehung der verschiedenen Religionen, Ereignisse aus dem Gebiete der Erfindungen und Entdeckungen, kurz es soll eine Welt- und Sittengeschichte in Erzählungen werden, die dem Arbeiter einen billigen und aufklärenden Lesestoff bietet. Aus alledem werden Sie ersehen, daß ich mir Mühe gebe, scharf zu charakterisiren und historisch getreu den Stoff auszuarbeiten." Ein reichhaltiges Programm, große Versprcchmigen! Nach dem aber zu schließen, was das erste Heft that sächlich bietet, scheint Herr Grätz in betrübender Weise seine Kräfte zu überschätzen: er hält nicht, Ivas er verspricht. Wir können daher sein Unternehmen nicht empfehlen, sehen uns vielmehr genöthigt, von dem Erwerb der Hefte(deren 30 jährlich zum Preise von je 15 Pf. erscheinen sollen) a b z u r a t h e n. Damit nicht wieder nach berühmten Mustern die Klage über ungerechte Unterdrückung ertöne, wollen wir dieses Urthcil ausführlicher begründen, als die Arbeit an sich verdiente. Die Aufstände der unfreien Arbeiter im römische Staate und der Fechterkricg sind zweifellos wichtige und interessante Borwürfe historischer Forschung und Darstellung. Bücher sagt darüber z. Bf: „Jedenfalls gebührt dem Emanzipationskampfe des unseligsten aller Arbcitcrprolctariatc, der so ganz neue Bahnen quer durch die überkommenen Anschauungen hindurch einschlug, dieselbe Auf- merksamkcit, tvie sie das Bestreben der edlen Gracchcn, den alten Klasscustaat in zeitgemäßer Weise umzubauen, immer gefunden hat. Charakterisirt er doch mehr als alles Andere jene Zeit, in welcher jeder denkende Staatsmann klar empfand, daß die organischen Uebel, an welchen die Gesellschaft krankte, den Staat dem Untergänge ent- gegcnfiihrcn müßten, wenn nicht bald der Arzt käme, der mit Schneiden und Brennen den kranken Leib behandelte. Sie sind lehr- reich, diese Perioden, welchen das Huttcn'fche:„Es muß durch- gebrochen werden", auf der Stirne geschrieben stand..." Von einer Charakterisirung jener Zeit findet sich aber in der Graetz- scheu Schrift kauin eine leichte Spur, die novellistische Einkleidung ist schlecht erfunden und bringt ganz unmögliche Szenen, der Stil ist salopp, unfertig, an vielen Stellen durch grobe Fehler verunziert(auf dem Umschlage: «Jeder Erzählung ist ein historischer Nachtrag ciubcgrifscn und inS- gesamnit 21 Seiten stark"; Seite 6:»Seine Worte, die halb vom Fett erstickt, an seinen Nachbar gerichtet waren, rangen sich nur ividcrwillig und mit sichtbarer Anstrengung von seinen Lippen"; Seite 2:„... zwar perlte ihm der Schweiß aus allen Poren... und nur ein mühsames, heiseres Röcheln entrang sich der ausgetrockneten Kehle. Aber kein Laut kam über seine von Durst und Hitze braun- rothcn, verdorrten Lippen"). Die Datirung der Ereignisse ist ungenau oder falsch: Spartacns kämpfte 73—71, man darf also diese Ereignisse nicht ins Jahr 70 setzen. Die Schreibung der Eigen- namcn schwankt: Katilina, CrassuS, Spartakus, Crixus, Lucullos, Jngnrtha statt Jugurtha u. s. w. Der Verfasser mochte wohl selbst fühlen, daß die von ihm ge- wählte Form ihren Zweck nicht erfüllt, denn er fügt der Novcllette noch einen«historischen" Anhang an: das ist in anderer Art die Wiederanfcrstchung der lächerlichen Fußnoten aus den ge- schichtlichcn Romancii k la Ebers. Wir wiederholen iminer und immer wieder: Für das Volk ist uns das Beste gerade gut genug. Wer das Bcdürfniß hat, schrift- stellcrische Versuche anzustelle», niag das thun— nur darf er nicht mit durchaus unzulänglichen Produkten auf den Geldbeutel des Votrr» spekulire».— Theater. Im Berliner Theater wurde ani Freitag ein neues Schauspiel„V ick y" von OttoFuchs-Talab aufgeführt. In Wiener Gesellschaft spielt das Stück; aber das Wienerische ist mehr äußerlich angeheftet als nothlvendig. Mit ein paar abgeänderten naturalistischen Strichen kann das Stück in ein Berliner Ehebruchs- drania verwandelt iverdcn. Der Wiener Verfasser benutzt die vor- handenen Schablonen: das unbefriedigte, hysterische Weibchen lännt und greint während dreier Akte, und wenn es sich auSgegreint hat, dann ist der Tumult zu Ende und das Weibchen setzt sich fein still in eine Ofenecke. So marschirt der Autor theils in der Nachhut der Naturalisten, thcils macht er im larnwyantcn Lärm; das giebt einen unerquicklichen Mischmasch. Die Frau mit der großen Sehnsucht hat diesmal bereits einen halbwüchsigen Sohn, den jungen Kadetten Victor(Vicky mit dem Kosenamen). Aber sie ist in dem gefährlichen Alter um die Mitte der dreißiger Jahre; und da ihr Gatte ein pedantischer Fünfziger ist, so kann sie natürlich nicht anders und muß mit dein modernen, starken Künstler durch- brennen. Da erfährt sie, daß Vicky um ihretwillen sich geschlagen und schwer verwundet sei. Die Mutterliebe siegt; das verliebte Weib bringt ein Opfer und verspricht, fortab bürgerlich brav zu Heificn.— Solches Versprechen Ijört dns Publikum immer sehr gerne und, wo es vergeben kcmn, wird es bcifallslustig. Die arme Frauendorferl Immer die verweinten Frauen spielen! Ihr und uns imch das auf die Nerven fallen. Aus dem betrogenen, alternden Gatten machte Vassermann eine inter- essante Studie. Wer diesen Schauspieler mit dem entsetzlich klang- losen Organ nur deutlicher verstünde. Ganze Sätze gehen ver- loren.—— ff- Knnsthandwerk. gk. Indische Email malerei. Die Hindns sind von Alters her berühmt durch ihre Emaillirknnst. Auch heute machen sie noch immer Fortschritte in dieser Technik, in Bezug auf Neichthum, Tiefe und Durchsichtigkeit der Töne werden sie von Niemand, auch von den besten Cinai'larbeitern in Limoges nicht, übertroffen. Wie Maurice Maindron in der letzten„Gazette des Beaux-Arts" aus- führt, wird die Kunst des Emaillircns an vielen Orten Indiens geübt, in Benares, Lnknoiv, Lahore, Moultan, im Kaschmirgcbiet, in Delhi und zahlreichen Städten des Pendschab die geschicktesten Künstler aber wohnen in Djcypour und in Radjpoutana. Seit Jahrhunderten werden hier die Erfahrungen in dieser so komplizirten und zarten Kunst vom Vater auf den Sohn überliefert. Die besten Arbeiter ge- hören zu der mohamcdanischcn Sekte der sikhs(in Lahore und Pendschab), sie sind auch allein ün Stande, die Rohstoffe zu bear- beiten. Sie haben zivar ihre Kunst in einigen Gegenden Mittel- Indiens verbreitet, das Geheimnis; der Bearbeitung der Rohstoffe jedoch nicht preisgegeben, sodatz allenthalben die Emaille»« das Rohemail in glasigen, undurchsichtigen Massen von den mohamc- danischen Glasern in Lahore, den rnanikm-s. kommen lassen müssen. Die Schönheit der Ornamcntmuster wie der Farben und eine vollkonnnene Technik zeichnet auch schon die ältesten bekannten Emailarbeiten in Indien aus. An diesen finden sich primitive Ele- mente der Ornamentik, geometrische Motive, Pyramiden, Palmen mit Vögeln, typische Blumen wie das assyrische Gänseblümchen Ivicdcr, die der Kunst der Asfyrcr und Perser entlehnt sind. Heute sind be- sonders zlvei Techniken der Emailnialerci in Indien in Uebung. die sich in ihren Grundzügen nicht tvcscntlich von den unseren unter- scheiden: der G r u b e n s ch m e I z semail champlevö) und der Zelle«schmelz semail cloisonne). Bei der letzteren Art werden auf der zu emaillircnden Mctallflächc kleine Abthcilungcn durch dünne Metallstreifcn gebildet, die als Zunschcnlvände genau auf den Konturen der vorher aufgetragenen Zeichnung laufen und aufgelötet werden. In diese Zellen wird das Email in teigigem Zustande eingetragen und dann das Stück gebrannt. Beim Grnbenschmclz werden die Felder, die mit Einnil gefüllt werden sollen, in den Metallgruud eingegraben; da, wo die Konturen kommen sollen, läfit man Mctallstege stehen. Je nachdem das Einail auf Gold, Silber oder Kupfer gearbeitet wird, verlangt es eine verschiedene Hcrstclluugsweise. Das bei den Arbeitern am wenigsten beliebte Metall ist das Silber; es macht beim Brennen groszc Schwierigkeiten, für die die schönen lachsfarbenen Töne, die das Email nur auf Silber annehme» kann, nicht genügenden Ersatz bieten. Auf Kupfer kann nur schlvarz. weis; und rosa erzielt Iverden. Dasselbe Stück geht bei der Bearbeitung durch mehrere Hände. Die Arbcitstheilnng ist streng durchgeführt, besonders bei den besten Emaillenrcn in Dzehpour, die gleichfalls sikbs sind. Diese arbeite» überhaupt nicht für die Ausfuhr; sie kommen selbst auch nie mit dem Publikum in Berührung. Zu jedem Stück werden zunächst die Muster von cinein Zeichner, dem chitera, entworfen, der auch die Sammlung der Dokumente, die Bücher mit den Vorlageblättcrn, bewahrt und zugleich die Kunden empfängt und ihnen die Muster vorlegt. Der Goldschmied,«unar, bereitet das Stück vor, poliert es. überträgt das Muster darauf und übergicbt es dem Graveur, gbarai. Dieser gräbt mit Stahlspitzcu und Grabsticheln die Gruben aus, in die das Einail hinein- kommen soll, verziert den Grund mit verschlungenen Linien und poliert die stcheilbleibeuden Flächen des Metalls mit einem Agat- polierstein. Alle diese Arbeiten iverden noch von Leuten ausgefiihrt, die nicht zu den sikiwi gehören. Nun erst beginnt die Arbeit des Enrailleurs, des minakar. Der Künstler legt die Eniailmasse mit einem Messer auf; er ordnet sie dabei nach rhrein Schmelzgrnd und beginnt mit den Massen, die am schwersten schmelzen. Jede Email- masse ist sorgfältig in einem Stahlmörser aufbeivahrt, dann in einem kleinen Agatmörser mit einer Gumniilösung vermengt worden. Wenn das in die Gruben des Metalls gebrachte Email seine Feuchtigkeit verloren hat und fest gcivorden ist, so beginnt der Brand. Ein Thonofen wird stark geheizt und eine Stahlplatte direkt auf die weißglühende Kohlcngluth gelegt; auf diese werden dann die zu brennenden Stücke gestellt. Beim Brande muß der Künstler die größte Auf- merksam'kcit aufwenden; die geringste Verzögerung, die kleinste Nach- kässigkeit können Schäden zur Folge haben, die fast nie wieder gut zu machen sind. Je flüchtiger eine Farbe ist, desto kürzere Zeit darf sie nur im Feuer sein. Die indische Emailmalcrci wird zu jeder Art von Dekoration verwandt, von Luxus-Tafelgeschirrcn und zu dem Geschmeide, sogar für Waffenstückc. Freilich ist sie gerade in der letzten Zeit durch das Eindringen schlechter Vorbilder aus Europa in ihrer günstigen EntWickelung bedroht.— Völkerkunde. — Die Blattern in Polargegcnden. Naturvölker suchen für alle Erscheinungen nicht Ursachen, sondcni Urheber, und Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey m Bec cS ist interessant, wie sie die Blättern, die ihnen die Russen gebracht. und die furchtbar unter ihnen gcwüthet haben, zu einem Geist personifizirt haben. Um ihn nicht zu reizen, nennen sie die Krank- heit„Miitterblattern", oder einfach„sie", und es ist verboten, auf sie zu schimpfen. Da der aus bevölkerten, wegbaren Gegenden herübergekommene Geist ohne weiteres in jenen unwirthlichen Gegenden sich schlecht zurechtfinden könne, verwandelte er sich in ein schönes, russisches Mädchen in rothein 5Ucide, das die Kinder nach dem Wege zu Ansiedelungen frage; oder in einen Raben, der von der Spitze eines Baumes aus Umschau halte, wo Rauch von Herden aussteigt, oder der mit scharfen Ohren das leiseste Geräusch einer menschlichen Stimme zu erlauschen suche. Darum verbieten bei der Nachricht vom Auftreten der Blattern die Jakute» jeden starkes Geräusch verursachenden Gebrauch der Axt und anderer Instrumente, sowie allzu lautes Sprechen. Die Verbindung zwischen einzelnen Ansiedelungen wird eingestellt, die Wege verwehen, das Land verfällt in Schweigen und Erstarrung. Bei der Blatternepidcmie 188S und 188ö wurden unter anderen Stämmen auch die Tundra-Tiniguscn verschont, und sie erklärten dem Reisenden Jochelson, dessen Schilderung in Heft 19 von Spemann's„Mutter Erde" wir diese Angaben entnehmen, diese Er- scheinung damit, daß zwei ihrer Leute einmal in der Tundra ein Mädchen in rother Kleidung vom Erstnrrnngstode gerettet hätten. Dieses habe sich ihnen als Geist der Blattern zu erkennen gegeben und dankbar versprochen, ihren Stamm zu verschonen, was sie' denn auch gehalten habe.— Ans dein Gebiete der Chemie. ss. Ein neuer E i w e i S st o f f in der Milch ist von A. Wrobleivski entdckt und in der„Zeitschrift für Physiologische Chemie" beschrieben tvorden. Bisher kannte man drei verschiedene Eiwcisstoffe HProtsmo) in der Milch, nämlich Albumin, Globulin und Cascin(Käscstoff). Dazu konimt nun noch ein neuer vierter, der von seinem Entdecker mit dem Namen Opalisin belegt worden ist. Am reichlichsten findet er sich in der menschlichen Milcht ein ähnlicher, wenn nicht gleicher Stoff ist in geringer Menge in der Stutenmilch vorhanden, ein dritter, ebenfalls mindestens sehr naher Verwandter in sehr geringen Mengen in der Kuhmilch. Die Zusammeusctzuug des Opalssin ist folgende: 43,01 pCt. Kohlenstoff, 7,31 pCt. Wasserstoff, 15,07 PCt. Stickstoff, 27,11 pCt. Sauerstoff, 0,80 pCt. Phosphor uud 4,70 pCt. Schwefel. Zur Auflösung von 1 Gramm des Stoffes sind etwas über 121 Kubikzentimeter einer Sodalösnng nothwendig, die 1 Theil Soda auf 100 Thcile Wasser enthält. Entdeckt wurde das Opalisin dadurch, daß der menschlichen Milch, nachdem daS Kasein durch Salzsäure ausgeschieden war. Kochsalz hinzugesetzt wurde.— Humoristisches. — Furchtbare Rache. Bader lder beim Raufen tüchtig geprügelt wurde):„Warks nur, Ihr Lümmel— kommlls mir nur zum Rasiren I"— — AuS einem Brie s c.„... Und ladet nur alle lieben Bekannte» recht freundlich ein, uns zu besuchen— aus- genommen die duminen Stadtraths— die wären im Stande und kämen I"— — Selbstlos. Meteorologe lder von einem Hagel- ivetter furchtbar zugerichtet wird):„ S o i st's recht— stimmt— den Hagel Hab' ich p r o p h e z e i t 1 1"— („Flieg. Bl.") Siotizen. — In London ist Frau Ida Freiligrath in ihrem 82. Lebensjahre g e st o r b c n. Die jetzt Verstorbene hat ihren Gatten, den 1870 verstorbenen Dichter Ferdinand Freiligrath, um fast 23 Jahre überlebt. Sie war ebenfalls literarisch thätig und zeichnete sich als Ucbcrsctzcrin englischer Dichtungen aus.— — Die Lustspiele des A r i st o p h a n e s, die„Vögel" und der„Weibe rstaat", sind in das Repertoir des Neuen Theaters aufgenommen, werden aber erst nach dem 19. Februar zur Aufführung gelangen.— — Das„Thalia-Theater" wird nach Ablauf der Dircktionszeit H a s e in a n n's an Paul Hirschberger ver- pachtet. Direktor Dr. Rauch vom Resideuz-Theater in Wiesbaden wird der artistische Leiter sein. Das Thealer wird einem Umbau unterzogen und soll neue Garderoben, Foyer?c. erhalten.— — A d o l f M e n z e l hat für eine Ansichtskartcn-Gesellschast eine i l l n st r i r t c P o st k a r t e entworfen. Das Motiv gab eine Szene aus einem Berliner Nacht-Kaffechaus.— — In Düsseldorf wird im Jahre 1902 eine allgemeine nationale Kunstausstellung stattfinden, die sich der rheinisch-westfälischcn Jndustric-Ausstellung angliedern soll.— — Ein kulturhistorischer Fcstzug soll im Mai d. I. in St. Gallen zum ersten Male veranstaltet werden. Hauptziige aus Scheffels„Ekkehard" Iverden dabei als historische Bilder vorgeführt werden; im Ganzen sollen 22 Gruppen von mehr als 1500 Personen dargestellt werden.— — Eine i n t e r n a t i o n a l e Zeitschrift f ü r A u s s a tz- fo rsch» ng Ivird biniicu Kurzem iuS Leben treten. Ihre Be- gründüng ist von Forschern vereinbart worden, die auf der inter- nationalen Lepra-Konferenz zu Berlin zugegen waren.—__ in. Druck und Verlag von ivtnx Babing tu Berlin.